Schwarzer Rauch zog einen Schweif zum Himmel.
„Moblit!" Hanji Zoe steckte ihre Signalpistole in die Satteltasche zurück. „Feuer frei für Gelb. Schick den Sonder-Trupp auf den Weg."
Ihr Adjutant nickte, lud seine eigene Pistole.
Der Rauch und seine Farben. Die Bedeutung dieser Farben wechselte immer wieder, je nach Art der Aufgabe. Rot stand mal für Titan, mal für Fehlschlag. Grün stand mal für die Vorgabe einer Marschrichtung, mal für das Sammeln der Truppen. Nur Schwarz blieb immer gleich.
Abnormaler. Bekämpfen.
Eren tat ihr leid. Hanji war begeistert von ihm gewesen, als er es zu ihr geschafft hatte und ganz versessen darauf gewesen war, Berthold und Reiner nicht einfach als Feinde der Menschheit abzutun. Ausgerechnet er, den viele Kameraden nur als Bündel aus Hass und Geschrei bezeichneten, wollte einen friedlichen Weg?
Natürlich, es würde nicht so leicht werden. Doch allein dass Eren es versuchen wollte, zog Hanji auf seine Seite. Denn mit Hass im Herzen und Rache im Sinn war auch sie selbst in die Kundschafter-Legion eingetreten, zusammen mit Möchtegern-Helden und Abenteuersüchtigen und Weltverbesserern und Selbstmördern. Beides hatte sie eingetauscht gegen Wissbegier und Forschergeist.
Hanji Zoe ging den krummen Weg. Den, den kein anderer nahm. Nur Pfade, die noch nicht ausgetreten waren, führten zu Lösungen, die noch keiner gefunden hatte. So lautete ihr Kredo. Und Eren Jäger folgte ihrer Spur.
„Es steckt eine kleine Hanji in ihm", hatte sie zu Moblit gesagt und breit gegrinst. „Mir gefällt das!"
Moblit schoss nun die gelbe Farbpatrone in die Höhe. Gelb schickte heute den Jean-Trupp los, und nochmaliges Gelb würde den Erfolg beim Gepanzerten Titan verkünden.
Das Donnern von Hufen schwoll an; mehr und mehr Reiter preschten herbei und formierten sich zu einer Keil-Formation, die sich anschickte, in die Seite des Koloss-Titanen zu fahren.
Hanji stellte sich im Sattel auf.
„Männer! Ich habe Stimmen im Kopf!", gellte ihre Stimme über die reitenden Kundschafter hinweg, „Und sie nennen mich wahnsinnig! Wahnsinnig dafür, dass ich versuche, dieses Ding da auf dem platten Lande anzugreifen!"
Sie lachte laut auf, schaute hinter sich. Sie blickte in verzweifelte Gesichter und trotzige Mienen, die Zähne zusammengebissen und die Augen weit aufgerissen.
„Übertönen wir diese Stimmen! Helft mir!"
Moblit stieß die Faust in die Luft. „Scheißt auf Bäume und Mauern! Schaut euch doch nur diesen Berg Hackfleisch an!"
Weitere Stimmen kamen dazu.
„Ja, Hackfleisch!", rief jemand.
„Futter für die Haken!", fügte ein anderer hinzu.
„Holt euch euren Bissen!", schrie eine Dritte.
Dirks Trupp hatte einen Vorsprung; sie würden den Koloss als Erste erreichen.
„Wer zuerst oben ist!", fiel eine Verrückte aus dieser Gruppe mit ein.
Sie waren alle verrückt.
„Umschwärmt den Bastard!" Hanji sprang ab, schoss Haken fast senkrecht in die Höhe. Während ihr Pferd sofort zur Seite ausbrach, schwirrte sie zur unteren Flanke des Koloss-Titanen hinauf. Links und rechts flogen weitere Haken und weitere Menschen, mit gezogenen Schwertern. „Bringt ihn zu Fall!"
Der Koloss-Titan hatte sich bereits auf die Ellenbogen gestützt. Er zog die Beine unter den Körper und war dabei, sich aufzurichten. Die Kundschafter schwirrten in diesem Moment über seine Flanke hinweg, gelangten in einer breiten Front auf seinen Rücken und schlugen die Klingen in den Körper zu ihren Füßen.
Blut und Dampf jagten hoch. Die Soldaten zerrten die Schwerter hinter sich her wie einen Pflug und setzten jeder für sich einen durchgehenden Schnitt von der Flanke bis zum Rückgrat. Drei Dutzend Schlitzer durchtrennten Muskeln und brachten das Aufrichten des Kolosses zu einem ersten Stocken. Er taumelte erst leicht, dann heftiger.
Hanji stieß einen Jubelschrei aus.
„UND JETZT! Alles links von mir, runter zu seinem Arsch! Rechts von mir, aufwärts!"
„Fetzen wir ihm die Beine weg!", rief Dirk.
„Holen wir uns seinen Kopf!", schrie Anna.
„Zeigt euren Mut! Opfert eure Herzen!" Hanji schlug schlug die Schwerter mit einem hellen Klirren über ihrem Kopf zusammen. „SCHNEIDET!"
Es gab den Fall, diesen einen Fall, da standen die Sterne richtig. Da konnten auch gewöhnliche Soldaten über einen Titanenwandler siegen.
Kundschafter schossen abwärts, über den verlängerten Rücken des Kolosses nach unten, und fuhren in die Kniekehlen der massiven, säulenartigen Beine. Die Truppführer schlitzten als erste, und ihre Gefolgsleute schnitten in die gleiche Stelle, tiefer und tiefer und tiefer.
Zuerst brachen die Beine des Koloss-Titanen wieder ein, und er fiel nach vorn, fing sich bebend mit den Armen ab. Dann kesselten Kundschafter-Trupps um diese Arme und schlitzten, hackten und schnitten, bis sie einknickten.
Der Koloss-Titan schlug ungebremst mit dem Kopf zu Boden.
Trupp Jean zog vorsichtige Kreise um die beiden kämpfenden Titanen, als der Angreifer den Gepanzerten in einem Schwitzkasten packte und zu Boden warf. Dabei wurde er selbst gleich mit umgerissen, und mit Müh und Not wichen die Reiter den Leibern aus, die um sich traten und schlugen und Staub aufwirbelten.
„Jean!" Connie krallte sich in die Uniform des Truppleiters. „Stimmt es?! Ist dieses Ding da wirklich Reiner?"
„Ja. Ich zumindest bin überzeugt – denn ich habs mit eigenen Augen gesehen, Mann!"
Connie ließ sich von der harschen Anfuhr nicht aufhalten. „Aber", machte er, „Aber das bedeutet..."
„Ich weiß, was es bedeutet!" Jean warf ihm einen Schulterblick zu. „Doch das soll uns jetzt nicht beschäftigen. Denk jetzt nur daran, dass Reiner und Berthold unsere Kameraden sind. Kapiert?"
Connie starrte Jean aus großen Augen an. Dann salutierte er. Seine Faust erreichte allerdings nicht sein Herz, sondern dotzte seinem Vordermann in die Seite.
„Jawohl!"
„Au... ausgezeichnet."
Die Riesen wälzten sich noch immer über die Erde. Der Gepanzerte kam halb frei, riss den Arm hoch und drosch seinem Gegner einen harten Schwinger in die Seite. Dem Angreifer-Titanen wurden mehrere Knochen gebrochen, doch dann schaffte Eren es, diesen Arm wieder einzufangen. Gleichzeitig drückte er Reiner die Fußsohle ins Gesicht, stieß ihn wieder zurück und auf den Rücken. Irgendwie brachte er es sogar fertig, seine Beine über den Brustkorb des Gepanzerten zu schwingen und ihn zu Boden zu pressen. Den gefangenen Arm zog er straff!
„Hey, Reiner!", rief Jean, als der Staub sich etwas legte und auch für ihn sichtbar wurde, dass der Gepanzerte in einem festen Griff gefangen saß, „Teile den Spaß! Ich verdresche Eren genauso gern wie du. Kommt einfach raus aus euren Fleischsäcken, alle beide! Dann wird es wenigstens fair für mich. - Connie, ich setz über. Nimm die Zügel."
Jean sprang aus dem Sattel, ließ die Haken fliegen und verankerte sie im Körper des Angreifer-Titanen. Sascha folgte ihm, Krista auf ihrem Pferd zurücklassend. Auch Mikasa kam endlich wieder dazu – seit ihrem letzten Sturzflug-Manöver war sie wie vom Erdboden verschwunden gewesen. Sie schaffte es ganz ohne Pferd. Stattdessen hielt sie sich mit Gasdruck allein oben, während sie die Zugleinen direkt im Erdboden versenkte. Um den Schub auf den Boden zu richten, musste sie immer wieder die Beine in die Luft werfen wie beim Schwungholen auf einer Kinderschaukel.
Jean fand, dass einzig Mikasa sich so fortbewegen konnte, ohne lächerlich dabei auszusehen. Ganz zu schweigen davon, wie schwierig diese Technik sein musste. Einmal nicht aufgepasst, und der Schub schleuderte den Flieger direkt in den Erdboden. Als Mikasa zur Landung ansetzte, trat er ihr mit geöffneten Armen entgegen, um sie aufzufangen. Sie schlidderte an ihm vorbei und kam in völliger Perfektion zum Stehen.
„Der Koloss-Titan ist im Griff", rief sie in die Runde, „Alles läuft nach Plan. Es ist an uns, den Sieg perfekt zu machen!"
Perfekt, naja, dachte Jean. Perfekt wäre eine friedliche Lösung gewesen. Er war mit Eren selten einer Meinung, doch in diesem Falle stimmte er dem Kürbiskopf zu, zur eigenen Überraschung.
Apropos Kürbiskopf. Seit sich die drei Kundschafter auf den zwei Leibern eingefunden hatten, gab der Angreifer-Titan unentwegt ein schauerliches Knurren von sich. Es brummte tief unten aus seiner Kehle hervor. Man spürte es noch im eigenen Bauch wummern.
„Mikasa, warum klingt dein Bruder wie der verschnupfte Terrier meiner Ma?"
„Eren versucht, seine Kommandofähigkeit gegen Reiner einzusetzen."
„Ah." Er schüttelte den Kopf. „Na, es klappt ja offensichtlich nicht. Eren, lass das bleiben! Erwachsene wollen hier eine Unterhaltung führen, also Ruhe." Er marschierte über den Brustkorb des Gepanzerten hin zu der Kehle und ging in die Hocke. „Wir schaffen dies hier ohne jeden magischen Mist. Nicht wahr, Reiner?"
Sascha gesellte sich dazu. „Hör zu, Reiner!", rief sie herzlich, „Es sieht gerade wirklich ziemlich, ziemlich finster aus, ja. Doch glaub mir: Bei einem guten Steak lässt sich sicherlich über alles reden!"
„Komm schon, Mann!" Connie lenkte das Pferd so nahe an die riesigen Titanen-Leiber, wie es das nervöse Tier zuließ. „Sind wir nicht Kameraden? Haben wir uns nicht vorgenommen, dies alles hier gemeinsam zu überleben? Du, wir, und auch Berthold?"
„Wir standen bisher auf der gleichen Seite", ließ sich wieder Jean hören. „Und wir waren eine tolle Truppe. Warum sollen wir das jetzt ändern, heh?"
„Lass uns wieder Wildschweine jagen! Ganz Große!"
„Los, hilf uns mit Berthold! Ohne ihn und seine verdrehten Schlaf-Haltungen wissen wir nicht mehr, wie das Wetter wird!"
Krista hatte derweil immer wieder den Mund geöffnet, doch fand keinen Moment, um selbst etwas zu schreien.
„Titanen braten keine Kartoffeln, Reiner! Du willst nicht zu denen!"
„Die Kacke mag dampfen", sprach Jean, „Doch du bist doch kein Feigling, der vor Problemen den Schwanz einzieht." Er wurde lauter, und neben der Freundlichkeit schwang nun auch etwas anderes in seiner Stimme mit. Verzweiflung. Denn was sie auch riefen, schien auf taube Ohren zu stoßen. Unter seinen Füßen spürte er noch immer das Zittern des Titanen, der sich freikämpfen wollte. „Drei Jahre! Seit drei Jahren haben wir nun unter dem gleichen Dach gelebt!"
„Das war doch nicht alles eine Lüge." Connie war nun vom Pferd gesprungen und näherte sich zu Fuß. „Oder?"
Keine Antwort. Ganz unvermittelt hielt das Zittern inne.
„Das hier nützt nichts", murmelte Mikasa. „Schneiden wir ihn eben heraus."
Da ertönte leise ein Zischen, wie das Pfeifen von Wind, der durch einen Türspalt weht. Offenbar hatte sich irgendwo eine Öffnung aufgetan, denn kurz darauf war Reiners Stimme zu hören. Auch wenn sie gar nicht nach ihm klang.
„War es nicht", kam es aus dem Nacken des Titanen hervor, seltsam dünn und heiser. Wer auf dem Gepanzerten stand, musste die Ohren spitzen. „Es war keine Lüge... am Anfang, dann nicht mehr."
Mikasa bemerkte es als erste: Unter einer der Panzerschuppen hervor schlängelte sich eine feine Dampfwolke. Sie suchte Jeans Blick, ihre Lippen formten stumm die Worte Sprich weiter.
Jean nickte. „Wenn es keine Lüge mehr ist", hob er wieder an, „dann bringen wir diese Geschichte hinter uns wie Männer. Wie Soldaten. Schau, Eren schwafelte von allerlei Zeug, davon bekam ich Kopfweh. Liegt an seiner Stimme, und weil er echt kreischt, du weißt ja. Du kannst es mir sicher besser erklären, oder?"
„Ach, stimmt ja", rief Sascha aus. Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Was rede ich dann von Titanen, die keine Kartoffeln braten! Reiner, tut mir leid, ich wollte keinen Blödsinn reden!"
Sie hörten ein Röcheln.
Ein ersticktes Lachen.
„Leute... Ihr..."
„Erzähl noch einen Witz, Kartoffelmädchen", verlangte Jean. „Los!"
Sascha wurde rot vor Anstrengung. „Jean sieht aus wie ein Pferd! Connie ist kurz! Was - was noch!"
„Ah!", machte Krista und hob die Hand wie im Theorie-Unterricht. „Was ist mit Alic-..."
„Wenn Sascha furzt, beben die Dachbalken", rief Connie, ohne sie zu beachten.
„Und Connie geht aufs Klo und vergisst dann, was er dort will!", platzte Sascha hervor.
Dann schreckten sie alle zusammen, denn Krista schrie aus voller, gellender Kehle.
„Ich will auch etwas sagen, ihr Trottel! Reiner! Sie lassen mich nicht zu Wort kommen!"
Der Körper des Gepanzerten, noch immer im Würgegriff steckend, erzitterte wieder. Und diesmal sicher nicht, um freizukommen.
„Scheiße, Leute... Hört auf... Ihr wisst nichts..."
Lachte er? Weinte er? In Reiners Stimme schwang der hohle Unterton der Verzweiflung mit.
„Ihr wisst nicht, wie es ist. Was uns erwartet. Was uns dort erwartet, wo wir herkommen!" Seine Stimme schien gegen Schluchzer ankämpfen zu müssen. „Scheiße... bitte... finde uns jemand. Irgendjemand."
Die Kiefergelenke des Gepanzerten Titanen knackten. Stücke der Schalung sprangen ab, als er den Mund aufriss.
Und dann brüllte er. Ohrenbetäubend, das Zwerchfell erschütternd! Ein dämonisches, dröhnendes, felsensprengendes Heulen, wie es selbst gestandene Veteranen der Kundschafter-Legion noch nicht gehört hatten. Es stürmte übers weite Feld und erreichte die Ohren von allen, von den Zuschauern zwischen den Bäumen bis zu den fliegenden Soldaten, die den dampfenden Leib des Koloss-Titanen am Boden hielten. Aller Bewegungen hielten inne, erschrocken und gebannt.
Und der Koloss antwortete.
Annie hatte schweigend zugesehen. Eine seltsame Ruhe hatte sie ergriffen. Sie fand zu ihrer Linken einen ehemaligen Kameraden und zu ihrer Rechten die Mörderin Marcels. Vor ihren Augen war der Koloss-Titan, Marleys Gott der Zerstörung, zu Boden gegangen. Dabei hatte er ausgesehen, als kämpfe er mit einem unsichtbaren Gegner, der ihn ganz nach Belieben in die Knie zwang. Der Gepanzerte Titan, der Schild, bekam keinen Fuß mehr auf die Erde. Er steckte im Klammergriff eines hoffnungslosen Idioten, der endlich gelernt hatte, wie man kämpft.
Sie hielt dieses Kapitel für abgeschlossen.
„Es ist gekommen, wie ich sagte", sprach sie mit belegter Stimme. Sie konnte nicht recht entscheiden, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht. „Am Ende läuft es immer auf Kampf hinaus. Doch warum auch nicht?" Sie spürte die Blicke Ymirs und Armins. „Kampf erfüllt seinen Zweck."
„Nun... Hauptsache, wir haben sie", erwiderte Armin zögerlich.
Dann kam das Brüllen, das Heulen, aus der Kehle des Gepanzerten. Es schallte und hallte, jagte wie eine Totenklage über das freie Gelände.
„Wahnsinn", hauchte Ymir unvermittelt, und seltsam fasziniert. „So klingt eine gequälte Seele."
„Ruft er...", fragte Armin aufgeschreckt, „Ruft er Titanen?"
Er bekam keine Antwort. Denn der Koloss explodierte. Sein Rücken platzte in einer einzigen, gewaltigen Welle aus Dampf auseinander! Heißer Wind versengte Gras, fegte kleine Steine in die Höhe und prügelte jedem einzelnen Kundschafter wie Hagelschlag ins Gesicht. Ihre Haken fanden keinen Halt mehr in dem Fleisch, das sich auflöste, und der Aufwind wirbelte sie wie Blätter davon. Erschrockene Schreie und Hilferufe erklangen. Wer nicht schrie, beging den Fehler, einzuatmen. Heißer Dampf verbrühte die Kehlen von einem Dutzend Mann. In weitem Umkreis wurden die Kundschafter verstreut; schliddernd und stolpernd kamen sie am Boden auf, manche taub vom Getöse, andere halb blind vom heißen Dampf und wieder andere einfach fassungslos vor Schrecken.
Hanji Zoe landete nur ein Stück entfernt, den Ärmel vor Mund und Nase gepresst und mit beschlagener Schutzbrille.
Soldaten keuchten und spuckten, einige übergaben sich. Andere griffen nach ihren Feldflaschen und kippten sich den Inhalt ins Gesicht.
Nun lachte Ymir auf.
„Hah! Haha!" Ihr Ausruf kam so plötzlich, dass Annie und Armin nochmals zusammenschreckten. „Berthi ist nicht leicht zu haben, das will ich ihm lassen! Er verkauft seinen Pelz teuer!"
„Dampf?", rief Armin aus.
„Ja, Dampf", versetzte Annie. „Keine Sorge. Ihr habt ihn eben in die Enge getrieben, da war es nicht anders zu erwarten. Natürlich zieht er nun alle Register." Sie sah seine entsetzte Miene und winkte ab. „Beherrsch dich wieder. Er hält das nicht lang durch. Sitzt es einfach aus."
„Aussitzen?"
„Er verheizt seine Körpermasse", erklärte sie, „Seine Muskeln verdampfen. Wenn er dies tut, kann er sich nicht bewegen. Also wartet ab, und wenn ihm der Zündstoff ausgeht, dann fischt ihn aus der Asche."
Doch dann wurde sie überrascht.
Der Koloss-Titan hatte nicht vor, still liegen zu bleiben und auszubrennen wie ein gewaltiger, toter Baum. Weitere Explosionen erschütterten seinen Leib, diesmal jedoch von der Brust ausgehend. Die Druckwellen warfen ihn bockend auf die Seite, schubsten ihn sogar über den Boden! Als reiße ein Puppenspieler wutentbrannt an den Fäden seiner Marionette und schleife sie über die Bühne.
Hanji erhob heiser krächzend die Stimme.
„Aus dem Weg bleiben! Stellt ihn nicht! Es nützt sowieso nichts!"
Bertholds Titan, auf der Seite liegend, wurde von Dampf-Eruptionen über den Boden geschoben. In diesem Moment war er schon kaum mehr als ein dampfendes, glühendes Skelett, von einem dicken Fleischklumpen am Nacken abgesehen. Um ihn herum setzte er das Gras in Flammen.
Der Koloss schob sich schnurstracks in Richtung des Gepanzerten Titanen. Und dann, mit einer besonders heftigen Explosion, schleuderte er alles, was noch von ihm übrig war, durch die Luft.
Jean hatte wie jeder andere seiner Kameraden die Hände auf die Ohren gepresst, während Reiner seinen Klageschrei ausgestoßen hatte. Sein Kopf fühlte sich an, als habe man einen unglaublich dicken Wollschal drumherum gewickelt. Nein, als habe man ihn direkt hineingestopft.
Aus dem Augenwinkel sah er Connie auf jenen Ort zeigen, an dem der Koloss sein musste. Er sagte etwas... etwas ziemlich einsilbiges, von den Mundbewegungen ausgehend.
Oi, oi, interpretierte er das Gefasel, Oi, oi, oi!
Jean schaute hin. Der Koloss lag auf der Seite, drehte ihnen den Rücken zu. Und irgendetwas schob ihn auf sie alle zu. Jene Soldaten, die ihn in Schach hatten halten sollen, beeilten sich, aus dem Weg zu kommen.
Jean fand, dass dies eine gute Idee war.
„Weg von hier!", brüllte er. Und weil er sich nichtmals selbst dabei hören konnte, stieß er Mikasa und Sascha noch zusätzlich in die Seiten. Ohne Haken abzuschießen, warf er sich in die Luft und ließ dem Manövergerät freien Lauf zu einem schlenkerischen Flug. Auch die anderen sprangen einfach ab, schossen unter heftigem Schub davon. Es spielte keine Rolle, genau zu lenken, solang nur die grobe Richtung stimmte.
Eren gab den Klammergriff auf, wälzte sich frei. Er packte Connie und Krista samt Pferd und stürmte den anderen hinterher.
Weg, nur weg. Denn der Koloss-Titan ging im nächsten Moment auf den Gepanzerten nieder.
Annie war aufgesprungen. Mit geballten Fäusten und offenem Mund machte sie einige zögerliche Schritte auf das Spekakel zu. Was war nun passiert?
Armin erschien einen Moment später an ihrer Seite. „Annie. Bleib stehen!"
„Das hab ich noch nie gesehen", flüsterte sie. Spürte plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter und fuhr zu Armin herum. „Lass los."
„Mach keine Dummheiten."
„Hatte ich nicht vor", schnappte sie, stieß seine Hand weg und starrte wieder zu dem Koloss, der über dem Gepanzerten zusammengebrochen war. „Maria. Ich dachte nicht, dass er so etwas tun würde." Sie hatte nichtmals gedacht, dass er so etwas tun könnte.
Nun gut, dachte Annie bei sich. Ihr habt es noch einmal spannend gemacht, Jungs. Doch nun lasst es gut sein.
Allmählich verschwand der Wollschal aus dem Kopf. Ersetzt wurde er durch ein widerwärtiges Klingeln, doch zumindest konnten sie einander wieder hören.
Jean blickte auf das brennende Skelett des Kolosses, das auf den Gepanzerten Titan gestürzt war. Eigentlich war es ja nur ein halbes Skelett, aus Wirbelsäule, Schultern, Schädel und ein paar Rippen bestehend.
„Bei allen Mauern", sagte Connie, nachdem Eren ihn neben dem Truppführer abgesetzt hatte, „Was für ein Frühlingsfeuer."
„Was für Dickschädel, meinst du wohl", knurrte Jean. „Nutzloses Gestrampel. Diese Messe ist gelesen, und wenn die beiden gute Verlierer wären, würden sie nun aufgeben."
Hanji kam herbei, zu Fuß. Moblit und eine Handvoll Kundschafter, die dazu in der Lage waren, folgten ihr. „Aufgepasst! Umstellt ihn von allen Seiten! Lasst jetzt nicht locker! Wir warten, bis ihnen der Dampf ausgeht!"
„Hah. Sag ich ja." Jean wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Sie sitzen in der Falle."
Sascha warf ihm einen nervösen Seitenblick zu. „Fa- Falle? Ist das wirklich eine Falle?" Sie starrte unglücklich auf das Knochenfeuer. „Fallen sehen anders aus. Sie sollten nicht brennen. Und der, dem die Falle gehört, sollte seine Beute holen können, wann er will."
„Du bist eine Meckerziege. Ja, es ist keine Schlinge, und es ist auch keine Kiste mit einem Pflock und einer Schnur, zu der eine Süßigkeitenspur führt."
„Was?"
„Doch sie sitzen fest, so oder -"
Er stockte. Mikasa legte ihm eine Hand auf den Arm. Unwillkürlich hielt er den Atem an.
„Du solltest Saschas Meinung nicht einfach abtun", sprach sie, „Mir gefällt dies hier auch nicht. Wir sind diejenigen, die warten müssen. Wenn wir wirklich alles im Griff hätten, müssten wir nicht warten."
Von Eren kam ein zustimmendes Grollen.
„Ja, ja sicher ist es nicht perfekt", erwiderte Jean, etwas aus dem Tritt gebracht, „Doch schau, sie sitzen noch immer fest. Und während wir uns eine Freizeit gönnen, verpulvern sie ihre Kräfte, oder nicht? Ich meine, ich bin kein Fachmann für diese Fleischsack-Magie, doch Eren geht ja schließlich auch ständig der Dampf aus. Und er macht nicht solchen Scheiß wie diese zwei da."
Eren grollte erneut zustimmend.
„Wenn man es so bedenkt, bist du ziemlich langweilig. - Egal. Jedenfalls, wo sollten sie auch hin, selbst wenn sie nun losrennen würden... Hey." Jeans Blick war über das Feuer hinweg auf die Mauer gefallen. Auf Mauer Rose. Selbst auf diese Entfernung konnte er erkennen, dass etwas in der betongrauen Verkleidung des Bauwerks seltsam war.
„Sagt mal. Was ist denn da hinten passiert?"
Krista schaute hin. „Dort? Dort ist... der Affe hochgeklettert."
„Affe?"
Dann platzte Reiner aus dem Frühlingsfeuer. Der Gepanzerte stürmte durch Flammen und Dampf, mit hämmernden Schritten. Sekundenkurz bremste er sich, starrte mit gelb glühenden Augen auf die Reihe von Soldaten, die ihn umstellt hatte.
„Haltet ihn!" Hanji riss das Schwert hoch. „Haltet ihn auf!"
Reiner stürzte vorwärts, geradewegs durch die Linie. Wer ihm direkt gegenüber stand, warf sich zur Seite. Von links und rechts flogen die Haken der Zugleinen, doch die eine Hälfte der Anker prallte bereits wieder ab. Fünf Mann konnten sich festhaken und wurden mitgezerrt.
Mikasa schoss ebenfalls einen Haken ab, allerdings verankerte sie sich an der Schulter von Erens Titan. „Machts mir nach!", rief sie Jean und Sascha zu. „Wir verfolgen ihn mit Eren!"
„Zu Befehl!", rief Sascha, „Aufsitzen, Jean-Trupp!"
„Ja-Jawoll!" Jean stockte kurz, erneut. Ihm war, als gäbe er gerade schon wieder das Kommando ab. Doch immerhin war es Mikasa, die den ersten Befehl gegeben hatte, und nicht das Kartoffelmädchen. Damit konnte er sich anfreunden. So schoss auch er seine Haken in Erens Rücken, während dieser schon in Bewegung kam. Kurz darauf stürmte dem Gepanzerten nach.
Jean schwang sich auf die rechte Schulter, neben Mikasa.
„Wir sind schneller", rief er, „Hah!" Voller Zuversicht verfolgte er das Geschehen direkt voraus: Die fünf Mann, die sich am Gepanzerten festgehakt hatten, ließen bereits die Funken fliegen. Sie umschwirrten den Titan und hackten auf alles ein, was nach einer Schwachstelle aussah. Doch dann warf Reiner sich in eine Hechtrolle, und wer nicht zerquetscht werden wollte, sprang ab.
Kurz darauf stürmte Eren an den Fünfen vorbei, die im Gras lagen oder saßen und herzhaft fluchten.
Kommt es nun eben auf uns an. Jean weigerte sich, die Zuversicht gehen zu lassen.
„Wo ist eigentlich Berthold?", fragte Sascha von der anderen Schulter aus.
„Vermutlich in Reiners Mund", erwiderte Mikasa mit grimmigem Blick, „Auf diese Weise hat Annie Eren im Wald entführt!"
„Oh", machte Sascha, „Wie ein Hamster mit seiner Karotte."
In diesem Moment erreichte Reiner die Mauer. Aus der Nähe konnte Jean die Kerben genau erkennen. Ein Affe ist hier also hochgeklettert? Nun, genau jetzt warf sich jedenfalls Reiner an die Mauer. Er gebrauchte die Kerben als Griffe und Trittstufen, verbreiterte sie dadurch sogar.
Er kraxelt wirklich da hoch.
„Wir folgen ihm", rief Mikasa, „Hopp!"
„Hopp!", kam es von Sascha wie ein Echo.
„Hopp", machte Jean um Mikasas Willen mit. Alle drei schossen Haken in die Mauer und stiegen auf, während Eren ganz direkt Reiners Spuren folgte. Er nutzte die Kerben, um sich hochzuziehen.
Es war das seltsamste Wettrennen, das Jean sich vorstellen konnte. Zusammen mit den Mädchen überholte er Reiner, als dieser gerade auf halber Höhe der Mauer angelangt war.
„Zielt auf seine Finger!" Mikasa war die erste von ihnen, die Funken schlug. Wie der Zahn einer Säge fuhr sie dem Gepanzerten über die Fingerglieder, hin und her, hin und her.
„Fall wieder runter." Sascha bearbeitete die andere Hand. „Fall wieder runter. Fall wieder runter."
Dann packte Eren Reiner am Fuß und zerrte; der Gepanzerte keilte mit dem Fuß aus und traf ihn im Gesicht.
Eren fiel. Hart schlug er unten auf.
Reiner arbeitete, unermüdlich wie eine Dampfmaschine. Die Kante der Mauerkrone kam näher und näher. Jean schwirrte in sein Blickfeld, landete auf der Stirn des Gepanzerten.
„Verflucht, wohin wollt ihr eigentlich!", blaffte er ihn an. „Was soll auf der anderen Seite dieser Mauer sein! Titanen sind da, sonst nichts. Niemand, der euch helfen kann!"
Dann gab es einen Knall über ihm, donnernd wie ein Blitzschlag.
Und Jean spürte einen Blick, von der Mauerkrone her. Als er den Kopf hob, fand er sich Auge in Auge mit einem Affen. Einem riesengroßen Affen, der über die Kante nach unten lugte.
„Hmmm."
Annie glaubte, Armin nicht ganz verstanden zu haben, als er sagte: „Da läuft ein Titan auf der Mauer."
„Was?"
Er zeigte hin, nach Westen. „Wie ist er da hinauf gekommen?"
Es war wirklich ein Titan, ein Vierfüßiger. Er kam über die Mauerkrone gerannt und hielt auf jene Stelle zu, an der Reiner nach oben gelangen musste. Sie hatte ihn nicht bemerkt, da sie sich voll und ganz auf das Geschehen rund um den Gepanzerten konzentriert hatte.
Ymir schaute ebenfalls hin. Sie verengte die Augen, die offenbar besser waren als die von Armin. „Ich frage mich weniger, wie der Titan auf die Mauer kam. Viel mehr will ich wissen, wie der Kerl auf den Titan kam."
Annie spürte, wie sich jedes einzelne ihrer Nackenhärchen aufstellte.
Der Vierfüßige passierte die Stelle direkt über Reiner, und da war wirklich ein Kerl, der nun absprang. Und dann war da kein Mensch mehr, sondern ein Affe.
„Rückzug." Annie packte Armin am Arm. Er gab einen leisen Aufschrei von sich, als sich ihre Fingernägel hineinbohrten. „Rennt weg."
Und Armin fragte nicht nach. Vielleicht lag es daran, dass er Annie noch nie mit solcher Panik in der Stimme erlebt hatte. Er riss eine Signalpistole hervor und richtete sie gen Himmel.
„Bedeckt eure Ohren!"
Er drückte ab, und ein greller Klang erfüllte die Luft.
Abbruch. Denn die Sache ging schief.
Drüben an der Mauer kam der Tier-Titan in Bewegung. Mit dem einen Arm langte er hinter sich und fasste die jenseitige Mauerkante. Mit dem anderen Arm griff er in die Tiefe und reichte Reiner einer helfende Hand. Der Gepanzerte wurde das letzte Stück auf die Mauer gewuchtet, während drei kleine Gestalten nach links und rechts die Flucht ergriffen.
Doch es waren nicht die Kundschafter, um die Annie sich Sorgen machte. Am Fuße der Mauer rappelte sich der Angreifer-Titan hoch. Als er nach oben blickte, erstarrte er, als habe er Wurzeln geschlagen. Anstatt zu fliehen, kletterte er wieder.
„Mistkerl", fauchte Annie und setzte sich in Bewegung. „Er soll da weg!"
Armin folgte ihr. „Bleib stehen! Wer ist das da oben?"
„Dein Pferd!" Sie fuhr zu ihm herum. „Gib mir dein Pferd, ich muss dahin!"
„Auf keinen Fall!"
„Komm halt mit, wenn du mich bewachen musst!"
Ymir hob den Arm und zeigte zur Mauer. „Streitet nicht. Schaut mal!"
Sie blickten wieder hin. Oben auf der Mauer hatte der Tier-Titan eine Hand auf dem Rücken des Gepanzerten abgelegt, als gebe er ihm einen freundlichen Klapps. Doch dann riss er den Arm hoch, und die Finger glänzten im Sonnenlicht, gehärtet. Wie Fleischerhaken schlugen sie in die Panzerung und knackten sie, brachen das goldbraune Material in schuppige Splitter auf.
Der Tier-Titan fasste einen dieser Splitter, so groß wie seine Handfläche, und holte schwungvoll aus. Sein Arm zuckte abwärts, und der Splitter schoss die Mauer hinab. Er traf Eren im Klettern, durchschlug den linken Arm und das linke Bein und ließ ihn wieder abstürzen.
Diesmal rannte er. Diesmal floh er. Eren tat das einzig Richtige, als er sich nun wieder aufrappelte. Auf einem Bein, auf einem Arm und auf zwei Stümpfen hetzte er weg, immer wieder links einbrechend. Über ihm sprang der Tier-Titan von der Mauer, die Klauenhände in die Wand schlagend und den eigenen Fall dabei abbremsend. Schwer landete er, sammelte den im Boden steckenden Splitter wieder ein und nahm die Verfolgung auf.
Annie wandte sich an Ymir. „Komm mit."
„Hah?"
Sie führte die Hand an den Mund.
„Ach so. Ja."
Armin sagte auch noch irgendwas, doch es spielte keine Rolle mehr. Annie ignorierte ihn, versenkte die Zähne im Fleisch zwischen Daumen und Zeigefinger.
Zwei Blitze, dann ging es vorwärts. In Riesenschritten. In Riesensprüngen. Annie sah Ymir an ihrer Seite entlanghetzen, auf allen Vieren wie ein Hund. Das wilde Scharren von Krallen, die Erde aufbrachen und klumpenweise fortschleuderten. Das weckte Erinnerungen. Erinnerungen, in denen sie gern geschwelgt hätte, doch dort hinten holte der Tier-Titan bereits wieder aus! Die Panzerschuppe, die er als Geschoss missbrauchte, flog in einer eleganten Linie und traf das Ziel trotz der unberechenbaren Bewegungen. Sie fuhr horizontal durch den Kopf des Angreifer-Titanen, riss ihm die Schädeldecke weg und ließ ihn an Ort und Stelle zusammenbrechen.
Zeke verlangsamte seinen Lauf, pflückte im Gehen einen großen Stein aus dem Erdboden. Als er den Weiblichen Titan und den Kiefer herankommen sah, runzelte er allerdings die Stirn.
„YMIR. HOL EREN! ICH BIN DER SCHILD."
Annie grätschte an dem dampfenden Körper des Angreifers vorbei, der sich nicht mehr rührte, und kam schliddernd zum Stehen. Sie nahm einen festen Stand ein und kreuzte die Arme vor der Brust, um auf den nächsten Wurf gefasst zu sein.
Doch Zeke warf nicht. Nachdenklich war der Tier-Titan stehen geblieben, sanft vor und zurück schaukelnd. Seine schwarzen Augen schimmerten.
Sie gestand es nicht gern ein, doch Zeke war ein Gegner, gegen den sie nicht antreten wollte. Seine Reichweite war enorm. Die Kraft, die hinter seinen Faustschlägen steckte, pulverisierte Stein. Selbst Titanen-Stein, wenn er seine Faust zusätzlich härtete.
Aus taktischer Sicht muss ich aber auch gar nicht kämpfen. Der Tier-Titan konnte im Wettlauf nicht mithalten. Nicht mit dem Weiblichen und erst recht nicht mit dem Kiefer-Titan. Der einzige, der dazu in der Lage wäre, war der Vierbeinige, und Pieck war noch oben auf der Mauer bei Reiner und Berthold.
Und selbst wenn sie runter kommt. Annie ballte die Fäuste noch ein klein wenig fester. Pieck ist zu schaffen. Was Flucht anging, waren sie besser aufgestellt.
In ihrem Rücken konnte Annie hören, wie sich Ymir auf den Körper des Angreifers stürzte und im Fleisch zu graben begann. Innerlich flehte sie Ymir um Eile an. Es konnte doch nicht lang dauern, Eren da heraus zu fleddern!
„Annie."
Die dunkle, volltönende Stimme des Tier-Titanen brachte ihre Aufmerksamkeit nach vorn.
„Hier stehe ich nach langer Reise, und ich dachte: Wie schön wird es sein, die Kinder wiederzusehen. Gesund und munter. Und ihr seid wirklich groß und stark geworden, zumindest drei von euch. Doch etwas muss wohl schief gegangen sein, nicht wahr?"
Dem konnte sie nicht widersprechen. Ja, etwas war gehörig schief gegangen. Genauer gesagt, alles. Seit jenem frühen Morgen vor fünf Jahren, an dem dieses Ding, das gerade Eren aus dem Kadaver klaubte, Marcel gefressen hatte. Seitdem war es einfach bergab gegangen.
„Was treibt dich, dass du dich einem alten Kameraden in den Weg stellst, Annie?"
Sie verzog das Gesicht zu einem Grinsen, einem Zähneblecken.
„GRISHA JÄGER." Sie hoffte, dass man ihrer gutturalen Stimme das Zittern nicht anhören konnte.
„Ah. Ich befürchtete es." Zekes von Pelz eingerahmtes Gesicht zeigte keinerlei Überraschung. „Das erstaunt dich, was? Ja, über gewisse Dinge bin ich bereits im Bilde. Doch zu Wichtigerem."
Er bog den Wurfarm zurück. Sie spannte sich an.
„Ein weiches Herz hast du für Väter. Wobei du den Deinen gerade im Stich lässt. Was wird er sagen, wenn Marley an seine Tür klopft? Du weißt, was mit ihm geschehen wird, wenn du nicht rasch wieder zur Vernunft kommst."
Sie schwieg einen Moment lang. Das hastige Reißen von Fleisch und das Schnippen von Zähnen waren hinter ihr zu hören. Dann ein grunzender Ausruf.
„HAB IHN!"
„DANN WEG!" Sie fuhr herum und fiel in einen rasenden Spurt. Nur weg, nur weg! Ymir war schon losgeprescht, die wertvolle Fracht sicher im Maul verstaut.
Schwirren. Ein fliegender Stein zerteilte pfeifend die Luft. Annie trat nach hinten aus, mit gehärtetem Fuß! Ihre Ferse schlug gegen den Fels und zersplitterte ihn. Der Aufprall warf sie ein Stück vorwärts, doch sie fing sich und rannte weiter.
Ymir tat weite Sprünge wie ein Hase und überholte bereits Armin, der natürlich nicht längst verschwunden war, sondern gewartet hatte. Immerhin saß er inzwischen im Sattel!
Annie schloss nun ebenfalls zu ihm auf.Sein Pferd wieherte schrill, als sie es unter dem Bauch packte und wie ein Spielzeug hochhob. Sie klemmte es sich unter den Arm, rannte und warf nur einen einzigen Blick über die Schulter.
Zeke verfolgte sie nicht. Tief in Gedanken versunken schien er, wie er so da stand und ihr nachschaute. Etwas Gutes konnte das nicht bedeuten.
Es war Mittag, als Eren wieder zu sich kam. Als sich seine Augenlider flatternd hoben, hörte er zuallererst einen von Ymirs Sprüchlein.
„Schaut, da wacht er auf, der Glückliche. Ich läge jetzt auch gern mit dem Kopf im Schoß einer Blondine."
Eren blinzelte. Armin. Wenn er himmelwärts blickte, sah er Armin über sich, dessen Kniee sein Kopfkissen waren. Er fuhr hoch. Um ihn herum saßen auch Ymir und Annie. Ganz in der Nähe graste friedlich ein einzelnes Pferd.
„Willkommen zurück", kam es trocken von Annie. „Du musst noch viel lernen."
„Was?"
„Na, wie du bei Sinnen bleibst, selbst wenn dein Titan den Kopf verliert."
Er starrte sie an wie eine himmlische Erscheinung. Während die Erinnerungen tröpfchenweise in seinem Geist ankamen, verzog er gequält das Gesicht und ließ sich wieder zu Boden sinken. Mit einer Hand bedeckte er sein Gesicht, als wäre das Sonnenlicht zu grell für ihn.
„Es ist schief gegangen, was?"
„Ist es", bestätigte Annie tonlos. „Reiner und Berthold sind entkommen. Schlimmer, es sind noch mehr Feinde aufgetaucht. Doppelt schlimm, einer von ihnen ist dein Bruder. Dreifach schlimm, er weiß von deinem Vater, woher auch immer."
„Verflucht." Einen Moment lang verdaute Eren das Gehörte. „Mein Bruder... dieses haarige Biest mit den ellenlangen Armen?"
„Der Tier-Titan, ja."
Gequält verzog er das Gesicht. „Was... was machen wir jetzt bloß?"
Annie schüttelte bei dieser Frage den Kopf. Leise erwiderte sie: „Ich hatte gehofft, du würdest es wissen."
Betretenes Schweigen. Armin nickte schließlich Ymir zu.
„Versuchst du es bitte nochmal?"
„Ja." Ymir lud die Signalpistole mit einer Rauchpatrone, die sie aus der neben ihr liegenden Satteltasche fischte. Grüner Rauch schoss in die Luft.
Sammeln.
Nach und nach kamen die Kundschafter zusammen: Sie strömten vor allem aus Südwest und Södost herbei. Das entschlossene Einschreiten des Tier-Titanen hatte sie dazu gezwungen, sich weitläufig zu zerstreuen. Anschließend hatten die Soldaten sich an die mühselige Aufgabe gemacht, ihre Reittiere wieder zu finden und herbei zu pfeifen. Nicht jeder Kundschafter hatte dabei Glück gehabt. Viele Pferde trugen zwei Reiter, einige sogar drei.
Als Mikasa sie erreichte, hatte das Pferd nichtmals Zeit, stehen zu bleiben. Sie war schon aus dem Sattel gehechtet und zu Eren gestürzt, um ihn in eine Umarmung zu reißen. Selbst Armin wurde von ihr beiseite gestoßen. Annie mochte sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn sie selbst in Erens unmittelbarer Nähe gewesen wäre.
Hanji Zoe ritt heran. Sie war ebenso vom Dampf versehrt wie alle anderen, die gegen den Koloss-Titanen gekämpft hatten: Wo das Leder ihrer Schutzbrille sie nicht bedeckt hatte, schimmerte ihre Haut rot wie unter schwerem Sonnenbrand.
„Annie Leonhardt? Auf ein Wort?"
Annie nickte und kam der Kundschafterin entgegen.
„Das Loch in der Mauer, das niemand finden konnte", sagte Hanji. „Was weißt du darüber?"
„Es gibt kein Loch", erwiderte sie nüchtern. Als sie aus dem Augenwinkel zwei Reiter als Jean und Connie erkannte, fügte sie hastig hinzu: „Die Titanen haben nie die Mauer passiert, auf welche Weise auch immer. Sie wurden hier im Inneren von Rose geschaffen, aus den Bewohnern des Dorfes Ragako."
Hanjis Augen weiteten sich.
„Du wirst mir später Näheres erzählen", sagte die Kundschafterin. Ihre Stimme war eisenhart. „Ja?"
„Jawohl."
Der Trupp der Versammelten schwoll weiter an. Inzwischen wurde Eren von all seinen Freunden aus der Kundschafter-Legion umlagert. Es war ihm anzusehen, wie erleichtert er war, sie alle lebend wiederzusehen.
Annie derweil blickte schwermütig umher, in harte Gesichter und grimmige Mienen.
„Es ist passiert, Vater", murmelte sie halblaut zu niemandem im Besonderen. „Ich habe mir die ganze Welt zum Feind gemacht."
Als sich rund dreißig Soldaten versammelt hatten, gab Hanji Kommandos.
„Aufrödeln, Männer! Bereit zum Abmarsch. Trupp Anna bleibt hier und wartet auf Nachzügler. Alle anderen sehen zu, dass jeder auf einem Pferd sitzt!" Sie stieß die Faust in die Höhe. „Zurück nach Stohess!"
