„Es tut mir leid! Es tut mir so, so leid!"

Jean war ehrlich überrascht. Er hatte sie nicht für jemanden gehalten, der sich so hastig und gleich mehrfach entschuldigte. Doch immerhin hatte Mikasa ihm ja auch einen ordentlichen Ellenbogenstoß dorthin gegeben, wo es richtig weh tat. Er fühlte sich, als hätten seine Nüsse soeben Freundschaft mit seinen Mandeln geschlossen.

„Es – es ist in Ordnung", brachte er stöhnend hervor.

„Aufrichten, Junge", sagte Lauda, „Gerade hinstellen, dann geht's schneller weg!"

Zusammen mit Lauda und Rashad war Jean aufgesprungen, als Mikasa und Annie aufeinander losgingen. Die Prügelei hatte sich förmlich angekündigt, wie bei zwei Katzen in einem Hinterhof, die sich erst anfauchten, dann zischten und dann gar keinen Ton mehr von sich gaben, ehe sie mit Zähnen und Krallen übereinander herfielen. Als sie schließlich wieder voneinander getrennt waren, hatte Hanji Richtung Tür gewunken.

„Einfach vor die Tür, da soll sie abkühlen!"

„Ernsthaft?" Rashad war es gewesen, der Annie weggezogen und in den Schwitzkasten genommen hatte. „Ernsthaft?!"

„Wegtreten sagte ich, und Wegtreten meinte ich."

„Mach die Tür auf." Silke hatte reagiert und die Tür aufgerissen, und Rashad hatte Annie hindurch gestoßen. „Und zu."

Als auch nach zehn Sekunden kein Titanen-Gebrüll vom Flur her kam, kehrte eine gewisse Erleichterung ein.

„Tut mir leid, wirklich", sagte Mikasa nochmals.

„Alles in Ordnung... uh." Jean testete das Aufrichten. Es klappte nicht wirklich.

Als die Tür sich wieder öffnete, ging ein allgemeines Zusammenzucken durch die Versammlung. Doch es war bloß Dirk, der mit einigen Flaschen aus Steingut in den Ratsherrensaal kam.

„Ah, der Requirierer", grüßte ihn Hanji aufgeräumt, „Sag, ist Leonhardt dir entgegen gekommen, oder läuft sie noch auf dem Flur herum?"

„Auf dem Weg nach unten, wieso? Soll ich sie zurückrufen?"

„Nein, nein." Hanji wandte sich an Mikasa. „Du kannst dich dann auch losmachen. Die Aufgabe ist ja klar, nicht?"

„Im Auge behalten", erwiderte Mikasa sachlich. „Jawohl." Mit eine letzten Blick in Erens Richtung verschwand sie zur Tür hinaus.

„Soll ich auch gehen?", kam es nun von Eren.

Hanji schüttelte den Kopf, richtete jedoch bereits ihre Aufmerksamkeit auf das Metallkästchen, welches Moblit vor ihr auf den Tisch gestellt hatte. „Du bleibst für diese Nacht hier. Um Leonhardt weiter zu verwirren, ist es nötig, dass du ihr fern bleibst."

„Sie steht inzwischen unten", bemerkte Silke, die aus dem Fenster spähte. „Schaut hier hoch wie ein Welpe, der auf sein Herrchen wartet."

„Unsicherheit und Verwirrung sind bessere Fesseln als Eisen oder Stahl", sprach Hanji getragen, als zitiere sie aus einem Buch. „Je seltsamer wir mit ihr umgehen, umso mehr wird sie denken Ich verstehe die Welt nicht mehr. - Moblit, an diesem Kästchen ist ein Schloss. Reiche mir den Schlüssel der Stadt."

„Ich kann auch den echten Schlüssel suchen?"

„Na."

Der Schlüssel der Stadt war eine halbmeterlange, vergoldete Requisite aus Eisen. Hanji missbrauchte einige Zinken des Schlüsselbartes, indem sie sie in den Bügel des Vorhängeschlosses schob und dann kräftig drückte. Es brauchte mehrere Versuche – schlussendlich wurde das Kästchen auf den Boden gestellt und das ganze Körpergewicht zum Einsatz gebracht.

„Moblit, hast du etwas zum Anfeuern zu sagen?"

„Sie werden sich noch umbringen, Frau Hauptmann."

„Ausgezeichnet."

Das Schloss zerbrach. Jean beugte sich etwas vor, während der Deckel abgenommen wurde. „Dokumente. Leer?"

„Ausweispapiere. Bereit zum Ausfüllen." Hanji raschelte und kramte ein wenig, holte zwei Blätter hervor und legte sie auf den Tisch. „Stempel haben wir ebenfalls. Fein. Moblit, magst du deines Amtes walten?"

„Jawohl." Moblit zog die leeren Ausweispapiere zu sich, hatte bereits Füllfederhalter und Tinte bereit gestellt. Hanji schob ihm ein eigenes Notizblatt hin, auf dem sie die Daten vermerkt hatte, die er nun einzutragen begann.

„Das andere Titanen-Mädchen", meldete Silke vom Fenster her, „steht nun auch bei ihr. Starren beide hier hoch. Die Eine zieht die Andere an den Haaren."

„Darauf einen Schnapps." Dirk verteilte seine Beute. „Ich meine natürlich, das dienstverträgliche Sprudelwasser. Trink, Neuer."

Jean war konzentrierter auf das Tun Moblits. „Ist das nicht illegal, Abteilungsleiterin?"

„Ist es." Hanji nickte, lehnte sich zurück und schwang die Füße auf den Ratstisch. „Doch um durch die Tore von Stohess zu kommen, brauchen Eren und Leonhardt neue Ausweise. Sie als Mitglied der Polizei wird sicherlich gesucht, und dass Eren wieder bei uns ist, sollte vorerst auch keiner wissen."

Jean bekam ein flaues Gefühl im Magen. Vergiss die Fälscherei. Die Wandler in die Stadt zu schmuggeln, ist unter Garantie schlimmer.

Hanji schien seine Gedanken gelesen zu haben. Sie lächelte versonnen. „Nicht schockiert sein, Jean. Es ist der Fall des Falles, in dem ein wahrer Offizier die Regeln ein wenig beugen muss, wenn er das Richtige tun will. Ich glaube, dafür gibt es einen Begriff..."

„Handeln auf eigene Faust, um es harmlos auszudrücken." Moblit hielt nichtmals im Schreiben inne.

„Das klingt trotzdem nicht schön, Moblit, aber danke. Wie auch immer. Sollte je der Fall eintreffen, da wir uns wieder um derlei triviale Dinge den Kopf zerbrechen, werde ich selbstredend die Verantwortung übernehmen."

„Ich frage mich", merkte Lauda stirnrunzelnd an, „ob wir überhaupt noch nach Plan gehen. Wir hatten nun schon eine gefühlte Ewigkeit lang keinen Kontakt mehr zum Kommandeur."

„Wir erweitern Erwins Plan nur um einen größeren Maßstab", sprach Hanji in gemäßigtem Ton. „Wir verwenden Wandler als Köder für andere Wandler. Wir haben nur mehr vom Einen und auch mehr vom Anderen. Es ist ein Schuss ins Blaue, doch nun ja. Eine abgeschossene Kugel fängst du nicht wieder ein. Wir werden sehen, ob sie ihr Ziel findet."

Moblit drückte den Stempel auf das gefälschte Dokument. „Leonhardts Ausweis ist fertig."

„Da wir, von Eren abgesehen, keine Mannschafter haben: Jüngster Offizier. Auftrag erkannt?"

Während Jean die Stufen hinunter schritt, betrachtete er die Papiere näher. Anneliese Taubenweiß. Wohnhaft hier in Silberfurt. Wir verkaufen sie der Torwache in Stohess also als Flüchtling.

Er trat nach draußen auf den Platz und fragte zwei Kundschafter, die sich auf der steinernen Treppe niedergelassen hatten. Offenbar waren Annie und Ymir schlussendlich in Richtung der Ställe verschwunden.

Dort traf Jean auf Mikasa: Sie erspähte ihn schon von weitem, hob die Hand und stieß sie dreimal in rascher Folge in die Höhe: Das Zeichen für Zu mir, und zwar schnell.

Er trat heran. „Was ist?"

Obwohl er bereits die Stimme senkte, zischte Mikasa ihn an. „Leiser. - Sie ist da drin."

Er wagte selbst einen kurzen Blick, zog dann den Kopf wieder zurück. „Damit habe ich nicht gerechnet. Nun gut... Connie und Sascha, zu den beiden passt es irgendwie", brummte er. Wenn er ehrlich war, hatte er sich auch überhaupt nicht den Kopf darüber zerbrochen, wie Annie den Abend verbringen würde. Gerechnet hatte er mit Fesseln, Knebeln und einem Rübenkeller. Er war selbst verunsichert, was Mikasa hören wollte, daher versuchte er es mal vage. „Zwei Eierköpfe vom Lande eben. Ymir? Provoziert gern. Wahrscheinlich hat sie sich Leonhardt nur geschnappt, weil sie genau weiß, wie das für alle aussieht. Und Krista ist einfach zu lieb."

„Von Armin hätte ich das nicht gedacht."

„Na, den haben wir ja zu ihr aufs Pferd gesetzt." Jean grinste schief. „Wer weiß, vielleicht hat sie ihn um den Finger gewickelt."

Der Witz kam nicht weit. Mikasa verzog nur den Mund. „So schnell geht das bei Armin nicht."

„Oh, bei mir auch nicht."

Sie sah ihn schräg an. Ihm wurde heiß im Gesicht. „Warum bist du eigentlich hier?"

Er hob den gefälschten Ausweis. „Nur als Überbringer." Er war ein Überbringer, der sich das zu Überbringende aus der Hand nehmen ließ. „Leonhardts Papiere, um sie durch die Kontrollen zu bekommen."

„Wir schmuggeln sie also heimlich ein." Säuerlich verzog sie das Gesicht, gab den Wisch zurück. „Mir gefällt das nicht."

Mir auch nicht. - Halt dich zurück, Mann! Nicht einfach nur alles nachbellen wie ein Hündchen. Er schob den Ausweis in die Brusttasche, verschränkte die Arme und nickte gedankenschwer. Sagte gar nichts dazu. Gut so. Besser.

„Egal auf welche Weise wir sie einsetzen", führte Mikasa ihre Gedanken weiter aus. „Am Ende wird es nur für alle übel ausgehen, wenn sie sich jetzt wieder mit ihr anfreunden. Letztlich ist sie Teil des Übels. Und wird entsprechend bestraft werden."

Jean dachte an vorhin zurück, ehe Mikasa und Annie aufeinander losgegangen waren. Kein Zweifel, Mikasa wäre es sicherlich nur recht, wenn Annie den Hals auf einem Richtblock ausstrecken durfte. Nicht nur wegen der Entführung oder dem Brechen der Tore. Auch, weil sie Eren in die Welt jenseits der Mauern mitnehmen wollte.

Gut, das wollte sie schon vorher. Nun aber vesucht sie es mit Worten anstelle von Gewalt. Vermutlich hegte Mikasa genau deswegen eine gewisse Panik. Worte konnte man nicht mit Schwertern blocken.

Sie seufzte. „Was denkst du? Tun wir was?"

Wir? Wenn er es recht bedachte: Eigentlich war es doch ganz egal, woher ihre Motivation kam – sie bat ihn um Hilfe, also musste er auch liefern!

„Vielleicht sollte ich die Gelegenheit nutzen", überlegte er laut, „und sie endlich nach Marcos Manövergerät fragen."

Mikasa zeigte zunächst Überraschung, dann gar etwas, was er als Anerkennung deutete. „Es wäre eine gute Erinnerung, ja."

Diese Art von Gesichtsausdruck, er hatte ihn sich schon oft gewünscht. „Also sollen wir?"

Mikasa nickte beherzt. „Ja."

Er ging vor, fühlte sich stark und zuversichtlich dabei. „Guten Abend."

Sechs Köpfe fuhren herum. Sechs Augenpaare richteten die Blicke auf den Eingang des Stalles, während die beiden eintraten.

„Jean", rief Ymir freundlich, „Mikasa. Wie lang steht ihr schon da?"

„Lang genug", erwiderte Mikasa kurz angebunden. Sie gesellte sich zu Armin, der bereits zur Seite rutschte, während Jean sich zwischen Connie und Krista niederließ, Annie gegenüber.

Einen Moment noch stählte er sich innerlich. Wie sie dort hockte, wirkte sie nicht wie ein legitimes Ziel des Verhörs, sondern eher wie ein Opfer. Doch das war ja nur Fassade, oder nicht?

„Wir reden nun weiter", sprach er im ruhigen, sachlichen Ton eines Offiziers, der über jeden Zweifel erhaben war. „Wir decken alles auf. Ja?"

Ihre Antwort kam unerwartet entschlossen: „Ja."

Dann... zum Angriff. Jean tauschte noch einen flüchtigen Blick mit Mikasa. Zumindest hätte er einen Blick getauscht, hätte sie ihn erwidert. Doch sie war bereits auf Annie fokussiert.

„Ich möchte wissen, woher du Marcos Manövergerät hattest."

Nur ein feines Heben der Brauen, ein leichtes Weiten der Nasenflügel. „Gefunden."

Sie widerspricht nicht. Sie fragt nichtmals, wann und wo sie Marcos Ausrüstung gehabt haben soll. Hat Armin sie vorbereitet?

Er legte sorgsam nach. Mit Munition, die er sich in tagelanger Grübelei zurechtgelegt hatte. Marcos Tod hatte ihn getroffen – und es war eine offene Wunde für ihn, dass nichtmals jemand gesehen hatte, wie er gestorben war. Die Vorstellung, dass er in seinem letzten Moment allein und verlassen gewesen sein könnte, schmerzte tief unten. Als dann die Argumente hinsichtlich des Maulwurfs aufgekommen waren und Marcos Manövergerät erwähnt wurde... da war Hoffnung gewachsen. Jemand mochte etwas wissen. Sie mochte etwas wissen.

„Schau, Annie... Es lag nicht einfach auf der Straße, oder?"

Für einen langen Moment musterte sie ihn einfach nur. Dann schien es, als verlöre ihr Gesicht einen Teil seiner Lebendigkeit, erstarrte.

„Lag es nicht, nein." Sie gab ein Geräusch wie ein müdes Knurren von sich und massierte mit Daumen und Zeigefinger ihre Nasenwurzel, als spränge sie ein Migräne-Anfall an. „Es ist keine schöne... Nein..." Sie ließ den Blick zu Connie wandern. „Ich bin nun doch sehr froh, dass wir vorher über Ragako gesprochen haben."

Connie horchte auf. „Hm?"

„Ich sollte hier nicht allein sitzen", murmelte Annie schleppend. „Ich habe es mir anders vorgestellt."

Mikasa schnaubte. „Schinde keine Zeit. Sprich."

Die kühle Anrede schaffte es nicht, Annie aus dem eigentümlichen Zustand zu wecken. „Reiner und Berthold sollten hier auch sitzen", versetzte sie matt. „Heute morgen habe ich es mir noch genau so vorgestellt."

Das gefällt mir nicht. Jean hatte keine Ahnung, in welche Richtung sie mit ihrer Geschichte eigentlich wollte. Doch dass sie so unaufgeräumt herumquasselte, konnte nur bedeuten, dass mehr hinter allem steckte.

„Vielleicht erzählst du einfach nur, was passiert ist?"

„Es war zu dem Zeitpunkt, als Eren den Felsbrocken zur Mauerbresche trug."

Sie legte unvermittelt los. Sprach, als betete sie etwas auswendig Gelerntes herunter. „Ich war mit Marco unterwegs. Er war ein Stück voraus und gab mir Zeichen, ich sollte ihm folgen. Er musste wohl Reiner und Berthold erspäht haben und denken, dass es taktisch wäre, sich mit ihnen zusammen zu tun. Als ich dazu stieß, rangen sie bereits miteinander. Reiner sei verrückt geworden, hat er geschrien, und ich sollte ihm helfen. Reiner muss wohl von seinem Titan gesprochen haben. In jedem Falle... Mit diesem Wissen..."

Sie brach kurz ab. „Reiner hielt ihn fest. Ich nahm sein Manövergerät und warf es durch ein Fenster. Dann ließen wir ihn zurück, als ein Titan auf uns zu kam."

Als sie sich anschließend umblickte, so ruhig und gefasst, als hätte man sie betäubt, begegnete ihr Fassungslosigkeit. Halblaute Flüche und Mauernamen wurden gemurmelt.

Jean schmeckte einen bitteren Kloß in der Kehle. „Das... ist schlimmer, als ich befürchtete."

Annie presste die Lippen zusammen, ehe sie fortfuhr. „Als Marco von dem Titan verschlungen wurde, ist Reiner wirklich verrückt geworden. Er hatte plötzlich eine Gedächtnislücke. Und... keiner von uns Dreien konnte dann noch irgendetwas tun. Ursprünglich sollte auch das zweite Tor von Trost fallen. Doch selbst wenn wir versucht hätten... wir waren wie weggetreten."

Jean kämpfte mit der Wut, die in ihm hochkochte. „Willst du irgendwie darauf hinaus, dass sein Tod sinnvoll war? Dass er als Held starb?"

„Später", fuhr Annie nach einem Moment fort, als habe er nichts gesagt, „bei der Bergung der Leichen, habe ich das Manövergerät geholt und besser versteckt. Reiner sagte, es könnte noch nützlich..."

„Das interessiert keinen."

Sie stockte. „Tut mir leid."

„Tut dir leid? Maria, du hast ihn umgebracht."

„Und Reiner und Berthold waren auch dabei", kam es leise von Connie.

„Du verdienst wirklich den Strick", versetzte Mikasa bitter, ebenfalls schockiert von der Wendung, welche das Gespräch genommen hatte.

Sie zuckte kaum sichtbar zusammen. „Ich war ein Feind in diesem Moment", erwiderte sie leise, „Da ist keine andere Wahl gewesen. Es war... ein Unglück."

„Die verdammte Nummer Sieben war er", murmelte Jean, „Die Glückszahl."

„Was machen wir denn jetzt?", fragte Sascha bang.

„Es macht keinen Unterschied", meldete sich plötzlich Krista zu Wort, mit metallischer Härte in der Stimme. „Wir wußten schon vorher, dass sie getötet haben, alle drei. Dass auch Marco wegen ihnen starb, ändert nichts."

Ändert es wirklich nichts?

„Da auf dem Dach", sagte Mikasa, „hätte nicht Marco sein müssen. Connie hätte da sein können. Oder Sascha. Armin. Jean. Oder Ymir, oder du, oder ich. Es hätte keinen Unterschied für sie gemacht. Macht es nun auch keinen Unterschied?"

Sascha und Connie waren unsicher von ihren Plätzen aufgestanden.

Mikasa legte nach. „Wir wußten, dass sie getötet haben, ja. Doch wir wußten bis gerade nicht, dass sie so weit gehen würden, Kameraden zu töten, die fünf Jahre lang mit ihnen in der gleichen Einheit waren und ihnen vertrauten."

Krista biss sich auf die Unterlippe, wandte sich an Annie. „Sag was."

Annies Blick war leer geworden. „Pflicht", sagte sie leise.

„Ich sage euch, was ihr tun solltet", versetzte Mikasa. „Zuallererst solltet ihr sie nicht mehr in eure Freundschaftskreise holen. Was treibt ihr? Spielt ihr heile Welt? Ihr tut, als wäre überhaupt nichts passiert."

„Sicherlich nicht. Doch wozu die Welt grausamer machen, als sie sowieso schon ist." Krista fühlte sich offenbar zur Verteidigung berufen. Sie stand nun ebenfalls auf und trat mit einem Schritt zwischen Mikasa und Annie. „Pflicht. Das ist etwas, was wir verstehen können, oder nicht? Sie ist eine Feindin gewesen und hat sie erfüllt. Nun ist sie eine Verbündete und erfüllt sie ebenfalls."

Mikasas Augen wurden schmal. „Du stellst es sehr leicht dar, nicht wahr? Es geht hierbei nicht nur um Marco, das ist dir doch bewusst?"

Krista schüttelte energisch den Kopf. „Sie hat bewiesen, auf welcher Seite sie steht, oder nicht?"

„Was, wenn sie die Seite erneut wechselt?"

„Tue ich nicht." Annie erhob sich nun ebenfalls und trat neben Krista. Die eigentümliche Betäubtheit war noch nicht aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie machte den Eindruck, als befände sie sich halb in Trance. „Die Lage hat sich von Grund auf verändert. Nun habe ich eine andere Pflicht. Ich werde auch diese wahrnehmen. Ebenso gründlich wie Jene, die mich überhaupt erst hierher gebracht hat."

Mikasa verzog das Gesicht. „Der Gedanke, dass du von unseren Kommandeuren wie ein echter Verbündeter behandelt wirst, macht mich krank. Der gerechten Strafe entkommst du trotzdem nicht. Und wenn ich den Galgen selbst aufstellen muss."

„Eine Mühe, die du dir sparen kannst. Sie ist ohnehin schon tot."

Ein Gewehrschuss hätte sie nicht heftiger aufschrecken können.

Ymir wiederholte es. „Sie stirbt sowieso, in lausigen sechs Jahren."

Annie wurde schlagartig wach. Sie fuhr herum. „Du weißt es? Seit wann?"

Ymir gab ein hartes Lachen von sich. „Ymir heiße ich." In dramatischer Geste legte sie eine Hand auf die Brust. „Ich bin nach einer Göttin benannt, und auch nach einem Fluch. Auf diese Scherbe bin ich schon lang getreten."

„Fluch?", fragte Jean. „Was?"

„Magie, du Blödian, was denn sonst."

Was kommt jetzt wieder.

Annie verzog das Gesicht. „Unnötig", versetzte sie bitter, „Das ist unnötig. Sie brauchen das nicht zu wissen."

„Ach, sei still, Leonhardt." Ymirs Stimme ließ einen Ernst hören, der selten bei ihr war. „Dass du zu verbohrt bist, um die Mitleidskarte zu ziehen, ist ja klar. Doch ich ziehe sie für dich." Sie hob die Hände, alle Finger der Linken und den Daumen der rechten Hand ausgestreckt. „Sechs Jahre, Jean. Sie besitzt ihren Titan seit sieben Jahren, also bleiben ihr noch sechs. Dann wird ihr Körper aufgeben, und sie krepiert elendig wie ein Fisch auf dem Trockenen. So ist das Los von jedem, der einen Titan in sich hat: Er hat dreizehn Jahre Zeit, dann ist Sense."

Er war noch immer verdattert. Ymir war auch alles andere als geschickt in ihrer Art der Aufklärung.

„Ich verstehe nicht..."

Sie winkte ab, fahrig und ungeduldig. „Dampfen wir es auf das Wesentliche runter. Annie stirbt in sechs Jahren ohnehin. Und sie weiß es."

„Es hat nichts zu tun hiermit", zischte Annie, doch Ymir schnitt ihr erneut das Wort ab.

„Leonhardts Strafe ist", sprach sie dunkel, „zu wissen, wann sie stirbt. Für euch andere hier gilt: Wenn ihr stark seid. Wenn ihr schnell seid. Wenn ihr gesund bleibt. Wenn ihr Glück habt. Dann werdet ihr leben, und zwar noch so lang, bis selbst eure Kinder noch Kinder haben werden.

Doch Leonhardt? Wenn sie sich jetzt ein Kätzchen kauft, dann lebt das Kätzchen länger als sie."

Diese leidenschaftliche Redewut Ymirs war ungewöhnlich, verwirrend.

Sie redet auch von sich selbst, dachte Jean bei sich. Vielleicht vor allem von sich selbst.

„Scheiße, oder?", fügte Ymir nun hinzu, „Das ist scheiße. Ein unausweichlicher Tod. Auch für Reiner, Berthold und Eren übrigens, und offenbar hat sie ganz genau kapiert, wovon ich rede." Sie deutete mit dem Kinn auf Mikasa.

Mikasa war kreidebleich geworden und rang mit der Neuigkeit schlimmer als jeder andere. Sie stand da, als hätte ihr jemand mit einem Knüppel gegen den Kopf geschlagen, und schien zu schwanken zwischen Hinsetzen oder Wegrennen. Armin war es dann, der sie an der Schulter fasste und sanft wieder neben sich zog. Oder eher ziehen wollte, denn sie machte sich los, mit Gift im Blick.

„Lüge", sagte sie, mit vor Verzweiflung hoher Stimme. „Lüge." Sie musste sich offenbar noch entscheiden, wen von beiden – Annie oder Ymir – sie am Kragen packen wollte.

„Keine Lüge", versetzte Annie nüchtern und machte sich damit zum geeigneten Ziel. Schon gruben sich Mikasas Finger in den Stoff. Jean rechnete damit, dass sich die Szene aus dem Ratsherrensaal wiederholen würde. Doch zu seiner Überraschung gab es kein Gerangel und keine Schläge.

„Sag, dass es nicht wahr ist." Mikasa, mit einer Stimme, nah am Brechen.

„Ich bin eine schlechte Lügnerin." Annie tat einfach gar nichts, während der Griff an ihrem Hemdkragen schon wieder schwächer wurde. Dann langte sie hoch, löste überraschend behutsam Mikasas Finger und schob sie zurück neben Armin. Mikasa sackte zusammen wie eine Marionette mit durchschnittenen Schnüren.

Connie drehte sich nach Krista um. „Uh... und du..."

„Ich weiß das alles schon", versetzte Krista und lächelte freudlos. „Seit Utgard haben Ymir und ich keine Geheimnisse mehr voreinander."

„Wir Glücklichen, nicht wahr", fügte Ymir trocken hinzu. Sie klatschte sich selbst auf die Oberschenkel. „Keine Geheimnisse, das ist toll! Alles ist toll, wenn jeder alles weiß. Und nun im Ernst, haben wir nicht andere Probleme?" Sie deutete zu einem der Fenster, in die Nacht hinaus. In diesem Fensterrahmen waren seit geraumer Zeit schon die schwarzen Silhouetten von Kundschaftern erschienen, die schweigend zuhörten. „Dort draußen ist noch immer ein Titan, so haarig wie Jeans Oma. Er bedroht uns alle. Sechs Jahre? Dreizehn Jahre? Wir müssen bereits um weniger Zeit kämpfen. Und nun stehen wir hier und debattieren, ob wir zunächst mal jemanden von uns an einem Strick aufknüpfen sollen."

Jean blinzelte. Sein Kampfgeist war ermattet, während Mikasa den Staffelstab des Redners übernommen hatte, doch nun zwang er sich noch einmal zum Angriff.

„Sag mir nicht, du bringst diesen Fluch als Rechtfertigung ins Spiel. Als Entschuldigung."

Ymir legte den Kopf schief. „Mitleid bringe ich ins Spiel."

„Mitleid." Jean spürte, wie seine Kraft nun wirklich erlahmte. „Für sie."

„Für Reiner, Eren, Berthold... mich?" Sie zuckte mit den Achseln. „Für den Affen, den Esels-Titan, suchs dir aus."

„Alles Kinder", warf Armin plötzlich ein, „die eine Waffe in die Hand gedrückt bekamen und gleichzeitig verurteilt wurden zu einem Tod -"

„- mit Anfang Zwanzig, ja", holte sich Ymir ruppig das Schlusswort. Vermutlich wollte sie es drastisch, und Armin war ihr nicht drastisch genug. „Jeder Wandler aus der Welt jenseits der Mauern erhielt die Todesstrafe als Vorschuss, und die Verbrechen dazu bekam er als Pflicht auferlegt. Das bedenkt. Wer schreit noch nach Blut?"

Mikasa hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben. Armin tätschelte sanft ihren Rücken. Connie kratzte sich wie wild am Kopf und im Nacken, als habe er Sonnenbrand. Krista hockte mit stoisch vor der Brust verschränkten Armen da. Saschas Augen bewegten sich unablässig wie die einer Maus, die versucht, zu viele Katzen zugleich im Blick zu behalten. Annie stand wie versteinert. Ymir starrte um sich, als suche sie den Nächsten, der in den Staub geredet werden konnte. Als sie zu einem der Fenster blickte, zogen einige Kundschafter dort den Kopf ein.

Jean setzte sich müde hin.

„Was verdienst du?", sprach er Annie an, die daraufhin zusammenzuckte. „Was denkst du, was du verdienst?"

„Geht es hier um Gerechtigkeit?", fragte sie behutsam, „Dann schlagt mir den Kopf ab. Und stellt euch der Frage des Überlebens allein." Damit setzte sie sich ebenfalls hin.

Jean spürte seine trockene Kehle. Er wünschte sich, etwas zu Trinken mitgenommen zu haben. Er war kein allzu großer Freund von Alkohol, doch das Zeug oben im Ratsherrensaal schien nun verlockend.

„Schweigen", bemerkte Annie betrübt. „Niemand will mehr etwas sagen, hm? Nun haben sie alle Mitleid und fürchten sich, etwas Taktloses von sich zu geben."

„Besser die Grabestille", versetzte Ymir grimmig, „als das Totschweigen."

Jean gab ein langes Seufzen von sich, schritt einige Momente lang von links nach rechts und wieder zurück. Dann zettelte er an seiner Brusttasche herum. „Ich bereue die Frage nach dem Manövergerät. Eigentlich hätte ich dir nur das hier geben sollen, mehr nicht."

Da sie nicht zugriff, legte er ihr den falschen Ausweis auf das Knie.

Dann erschreckte sie ihn. „Was nun, Jean?", fragte sie seltsam freundlich. „Wie lösen wir dies hier nun auf?"

„Vielleicht", schlug Krista milde vor, „indem wir uns fragen, was Marco täte? Wäre das kein Ansatz?"

Ymir lachte, diesmal klang es sogar fast liebenswert.

„Marco wäre der Erste gewesen, der dir vergeben hätte", wandte sich Jean an Annie, und bei der bloßen Vorstellung daran erwärmte sich seine Stimme. „Wenn es einen Ort wie den Himmel gibt... dann wartet er dort vermutlich schon längst auf dich, um dir zu verzeihen. Nicht, dass ihr euch dort treffen würdet, denn... nun ja."

Annie senkte den Blick auf ihre Hände. Die Finger spreizte sie wie jemand, der Dreck daran kleben hatte und die nächstbeste Möglichkeit suchte, sich zu waschen. „Wenn es einen Ort gibt, an dem Marco nun ist, werde ich wohl nicht dorthin gehen."

„Ich bin nicht Marco, doch... doch ich kann auch niemanden hassen, der sein Leben in Hundejahren zählt." Er hielt ihr die Hand hin.

Ein melancholisches Lächeln erschien auf ihren Lippen, ehe sie einschlug. „Leid und Freude werden bald im Nichts verschwinden. Das ist der Tod. Er hat Gutes und Schlechtes für mich."

Eine leise Stimme meldete sich von der Seite. „Annie?" Mikasa schaute mit tränenfeuchten Augen zu ihr. „Ich schließe mich Jean an." Sie streckte ihr die Hand hin.

Annie zögerte erst, dann griff sie zu.

„Weiß Eren auch von dem Fluch?"

Stirnrunzeln. „Eren? Ja, der Fluch wird in den Notiz-" Plötzlich fuhr sie hoch, als hätte jemand sie mit einer heißen Nadel gestochen. „Das Dritte!"

Im zweiten Stock des Rathauses stand Eren am offenen Fenster und blickte zu den Ställen hinunter. Er hatte zuvor schon beobachtet, wie Mikasa und Jean sich eine kleine Weile dort unterhalten hatten und dann hinein gegangen waren. Nun liefen oder standen einige Kundschafter davor herum und schauten ins Innere, als gäbe es dort etwas zu sehen. Neugierde nagte an ihm.

„Hanji? Ich glaube, Jean kommt nicht wieder", meldete er nach einigem Zögern, „Darf ich ihn holen gehen?"

„Du darfst ihn suchen und ihm sagen, dass ich über seine Auspeitschung nachdenke", erwiderte Hanji, die mit den Truppführern ein Kartenspiel begonnen hatte und natürlich gar nicht erst zu ihm schaute, sondern ihr Blatt sortierte. „Dann wartest du, bis er seinen Unterkiefer vom Boden aufgefischt hat, und sagst ihm, dass ich es bis morgen früh aber wohl wieder vergessen haben werde. Und dann kannst du gleich mit wegbleiben."

„Vermutlich würde er sowieso nur etwas von Offizieren sagen, die im Falle des Falles die Regeln beugen", sagte Moblit, seine Hand studierend.

„Aber... sollte ich Annie nicht fernbleiben? Um sie zu verwirren?"

„Eine innere Stimme sagt mir, dass sie auch verwirrt sein wird, wenn du jetzt doch auftauchst. Und du langweilst dich hier eh nur. - Moblit, ich zeige dir nun mein Blatt, und wenn ich bei dir ziehe, schiebst du mir etwas Passendes zu."

„Schwarzen Peter spielt man nicht zusammen, Frau Hauptmann, sondern gegeneinander."

„Aber man bildet Paare. Ah, du hast ihn."

„Du weißt es?"

Eren blickte in die entsetzten Gesichter seiner Kameraden.

„Du weißt es?", wiederholte Annie, als er nicht antwortete.

Er zuckte mit den Schultern. Seltsam friedlich, melancholisch wirkte er. „Ich sehe, ihr kommt hier gut miteinander aus? Ich mag mich dazusetzen." Im nächsten Moment schloss Mikasa ihn in die Arme. „Tut mir leid, es dir nicht gesagt zu haben", flüsterte er und tätschelte ihr den Rücken.

Annie verschränkte die Arme vor der Brust. „Der Fluch wird erst in dem Notizbuch erwähnt, das du verloren hast. Woher weißt du davon?"

„Naja... du hast darüber geredet, dass du nur noch sechsmal den Herbst sehen würdest oder etwas in dieser Art. Als wir in der Schutzhütte übernachtet haben. Oder wollten."

Sie furchte die Stirn. „Als du mich unter Drogen gesetzt hast, meinst du."

„Klingst irgendwie hart", stellte Connie fest.

„Ich habe darüber gegrübelt, während ich auf der Suche nach den Kundschaftern war. Und dann fiel es mir irgendwie... ein."

„Dieser Kerl." Ymir schüttelte den Kopf. „Selbst ohne göttlichen Namen: Die schlechten Nachrichten finden ihn auch so."

„Es ist in Ordnung." Er lächelte gequält. Vielleicht auch, weil Mikasa ihn zu fest drückte. „Ohne den Titan wäre ich in Trost gestorben. Ich nehme an... ich muss damit leben." Er wandte sich wieder Annie zu. „Sechs Jahre, hm?"

„Es scheint, als hätte ich bereits alles dazu gesagt. Im Delirium." Sie winkte ab.

Connie grinste ein wenig in die Runde. „In Ordnung... Dieser Trupp ist wirklich seltsam. Wer ist der Nächste, der sein dunkles Geheimnis verrät?"

„Ich."

„Schitt! Krista ist auch ein Titan!"

„Schlimmer. Ich bin eine Adlige."

In der hereinbrechenden Stille lachte Ymir, krächzend wie ein Rabe.

Später nahm Annie Eren beiseite. „Ich muss mit dir noch über etwas reden", sagte sie zu ihm, „was in Trost passiert ist."

Trost war ein Blutfleck auf ihrer Seele, mehr noch als Shiganshina. Und auch in dieser Nacht wurde das Blut nicht völlig ausgewaschen. Doch es wurde ein wenig heller.

Anm. des Autors: Dies ist das erste Kapitel, mit dem ich nicht zufrieden bin. Ich gestehe ganz offen: Mit diesem Thema mag ich etwas mehr abgebissen haben, als ich zu kauen in der Lage war XD

In der allerletzten Phase der Überarbeitung (vor ungefähr zwei Stunden) hätte ich fast alles wieder gelöscht und das Ende des letzten Kapitels umgeschrieben, um dieses Gespräch, das sich dort ja bereits ankündigte, zu kippen.

Doch dann redete man mir gut zu, und letztlich... hier kann ich es ja zumindest mal ausprobieren und sehen, wie es ankommt ^^

Ich freue mich auf Feedback.

verbeugt sich

MfG Kunquat