Stohess.
Bis vor wenigen Tagen noch eine der vier schönsten Städte auf Rose-Territorium. Ein Fenster in eine schönere Welt für all jene, die sich einen Sina-Besuch nie leisten könnten. Denn Stohess war Sina in Geist und Körper, in seinen Gepflogenheiten und in seiner Architektur. Es war reich und wohlhabend und schön anzusehen – und in dem Schatten, den sein Licht warf wucherte alles Schlechte, das den Menschen ausmachte, wie Moos.
Stohess.
Von Mauern umgeben, die niemand je hatte verteidigen müssen. Nun aber umschlossen die himmelhohen Wälle eine Stadt, die ebenso zittern musste wie die östliche Rose-Stadt Karanese oder das leidgeprüfte Trost. Über ein Jahrhundert lang war völliger Friede umgegangen, vor fünf Jahren nur blitzschlagartig gestört vom Fall Marias. Man hatte sich die Ohren zugehalten wie kleine Kinder beim Gewitter. Den Beinahe-Fall von Trost hatte man gefeiert als Ersten Sieg der Menschheit. Alles in Ordnung, die Mauern standen noch. Man war noch immer das Innere. Man war es die längste Zeit gewesen.
Angeführt von Moblit, marschierten die Kundschafter durch die Straßen jener Stadt, deren Besuch manchmal gar als Belohnung ausgelobt worden war für besonders einfrige und tüchtige Bürger des Rose-Territoriums. Eine Belobigung vom Bürgermeister, ein Tagesausflug nach Stohess! Ein Blick auf Klein-Sina. Und zumindest jene glücklichen Flüchtlinge, die vor dem Zuschnappen der Obergrenze und dem Schließen der Tore hergekommen waren, durften diese Belohnung nun genießen. Sie zelteten auf den Grünflächen der Parks und standen Schlange, um die Tagesration Brot und Wasser in Empfang zu nehmen. Sie wirkten wie Schafe, verloren und von Militärpolizisten gehütet.
Die Bürger von Stohess betrachteten die Flüchtlinge mit einer Mischung aus Sorge und Mitleid. Es gab keine Vermischung oder Verbrüderung; man hielt Abstand voneinander, begaffte sich teils ganz offen oder verstohlener, durch spaltbreit geöffnete Fensterläden hindurch.
Sasha glotzte sich die Augen aus.
„Stein. So viele Häuser aus Stein. Und so hoch", flüsterte Sasha, „Schau dir das an!" Sie rüttelte an Connies Schulter und zeigte auf die Kirche, einen Dom aus elfenbeinweißem Marmor. „Wohnt darin der Bürgermeister? Muss ne große Familie haben."
Ymir ließ ein Knurren hören. „Würde ich das Wort Landei auf die Vorderseite deines Kürbiskopfes schreiben, wäre dieser Hinweis immer noch unterschwelliger und subtiler als dein Benehmen."
„Ich will ihn doch nur aufheitern!", protestierte Sasha.
Von Connie aber kam ein Schnaufen. „Passt schon."
„Was? Nein, schau da!" Sie deutete auf eine Gaststätte, deren Aushängeschild ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. „Ein Kartoffelhaus. Ein Kartoffelhaus! Da gehen wir später hin, wir müssen! Du weißt, warum! Sag es."
Annie warf einen Schulterblick zurück. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Sasha frenetisch auf ihr eigenes Gesicht zeigte. Ein dämliches Grinsen war darauf gepflastert, so falsch wie Schnee im Hochsommer.
„Ja ja." Connie winkte ab, und Sashas Grimasse fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus im Wirbelsturm. Womöglich erschütterte dieser Anblick nun wiederum Connie, der hastig nachschob: „Ist nicht wegen dir! Ich hab gerade nur elendige Erinnerungen an... egal."
„Oh..." Sasha verfiel in Schweigen.
Eren hatte offenbar ebenfalls Erinnerungen.
„Mir kommt es vor wie vor fünf Jahren im Auffanglager."
„Hoffen wir, dass dies nicht ein zweites Trost wird", sagte Armin mit gesenkter Stimme, als fürchte er, mit diesen Worten bereits böse Geister zu wecken.
„Klopf auf Holz, ja", versetzte Jean. Und schien plötzlich einen Geistesblitz zu haben. Oder einen Anfall. „Wobei! Kriegt euch mal alle wieder ein!" Unvermittelt klatschte er in die Hände und brachte alle ringsum dazu, zusammenzufahren. „Scheiß schlechte Laune, da wird einem ja übel bei. Zuversicht, die will ich haben! Kommt schon!"
Große Augen und schockiertes Schweigen waren der Lohn für seinen Versuch des Aufrüttelns.
Ymir schnaubte. „Das war schlecht. Versuch das nicht nochmal."
„Ein guter Anführer muss die Moral seiner Leute bei der Stange halten", versetzte Jean, „Und ich bin entschlossen, genau das zu tun!"
„Ein zweiter Reiner", sagte Connie trübsinnig, „bist du aber leider noch nicht."
Die Erwähnung Reiners brachte Jean zum Seufzen. „Das macht es nicht leichter, Connie..."
„Naja." Connie zuckte schwach mit den Schultern. „Sieh es mal so: Seit Trost hat sich alles massig verändert. Reiner ist nur ein Teil davon, oder? Oder... er oder sie." Er erinnerte sich noch rechtzeitig an die Schweigepflicht, während er mit verstohlener Handbewegung auf Eren und Annie deutete. „Alles kleine Teile, die anders sind. Und schau uns an, wir sind auch anders." Er zeigte mit dem Daumen auf sich. „Ich definitiv. Und darum töte ich auch den Tier-Titan."
Ringsum wurden die Ohren gespitzt.
„Er gehört mir." In Connies Stimme schwang nie gehörte Kälte mit. „Ich weide ihn aus für das, was er mit Ragako gemacht hat."
Annie überlief ein kalter Schauer. Er kroch ihren Nacken hinab, zwischen den Schulterblättern hindurch und nistete sich in ihrer Magengrube ein.
„Hier hinunter."
Annies Aufmerksamkeit schnellte wieder nach vorn, hin zu der Treppe.
Moblit hatte de Zug zu einem der Abgänge geleitet, die in die ungenutzten Eingeweide von Stohess führten: Einstmals hatte die Stadt geplant, unterirdische Wohnanlagen und dergleichen einzurichten. Doch so weit waren die Bauarbeiten nie vorangeschritten. Man hatte die natürlichen Höhlen zwar grob erschlossen, dann jedoch alle Pläne über den Haufen geworfen.
Doch war dies nicht, was Annie wirklich durch den Kopf ging. Stattdessen war ihr, als wären Bleigewichte in ihre Füße gesackt und hielten sie nun an Ort und Stelle fest.
Unterirdisch. Warum muss es unterirdisch sein?
Eren, Mikasa und Armin stiegen bereits die Treppe hinunter, Moblit hinterher. Nach wenigen Schritten drehte Eren sich nach ihr um und sah sie noch immer oben an der Schwelle stehen.
„Was ist? Du hast doch nicht etwa Angst vor der Dunkelheit?"
Annie verengte die Augen ein wenig, kaute auf der Unterlippe. „Vielleicht", erwiderte sie, „Wäre doch möglich?" Mikasa und Armin wandten ebenfalls die Köpfe.
Der Schauer in ihrer Magengrube war wie ein Marder in seiner Wohnhöhle, der die Ohren aufstellte und die Zähne bleckte.
„Immerhin", fuhr Annie fort, „bin ich nicht wie du, der rücksichtslos in jede nur erdenkliche Gefahr hineinplatzt. Wie solltest du auch verstehen, was einem zart gebauten, schwachen Mädchen Angst macht und was nicht." Sie hatte das Gefühl, in einem Moorloch zu versinken und nach Schilfrohren zu greifen. Worte sprangen ihr von der Zunge, ohne dass sie überhaupt groß darüber nachdachte. Dies hier kam aus dem Blauen heraus – ganz zu schweigen davon, dass sie geglaubt hatte, sich sowieso schon vollständig aufgegeben zu haben. Warum sollte es sie noch kümmern, ob man sie unter Tage brachte, wo sie sich nichtmals mit einer Wandlung würde befreien können? Sie hatte es doch eh nicht vorgehabt, oder?
Ich hatte nicht geglaubt, dass sie noch einen Schritt weiter gehen könnten.
Dabei war dieser Schritt so einfach. Sie hätte ihn vorhersehen müssen.
„Zart gebaut." Eren schnaubte ungeduldig. „Ein zart gebautes Mädchen, das gestandene Kerle mit einem Tritt durch die Luft segeln lässt, ist nicht schwach. Nun komm, genug mit dem Unsinn."
„Ich will nicht unter die Erde", erwiderte sie erneut, mit bebender Stimme. „Wenn ihr meine ehrliche Hilfe wollt, dann gehen wir -"
„Komm schon", fiel er ihr ins Wort. „Wovor hast du wirklich Angst?"
„Vor allem!", fauchte sie zurück. „Ihr treibt es weit mit mir, wisst ihr? Die ganze Zeit über habe ich mich benommen, wie man es von mir verlangte, und nun seid ihr dran!" Sie warf wilde Blicke in die Runde. Soldaten, deren Hände auf Schwertern lagen und deren Mienen angespannt und versteinert waren. Wie ihr allerdings auffiel, war kein einziges Mitglied des Jean-Trupps unter ihnen. Ihre ehemaligen Kameraden aus der Rekrutenzeit verfolgten den Abtausch gespannt, doch scheinbar völlig unbesorgt. Es brachte sie aus dem Tritt.
„Was auch immer wir tun", fuhr sie barsch fort, um diese Unsicherheit zu überspielen, „wir tun es nicht unter der Er-"
Eren nahm mehrere Stufen mit einem Schritt, und er machte drei davon. Unversehens bekam er ihr Handgelenk zu fassen.
„Komm jetzt. Haben wir nicht dringendere Probleme?"
Sie blinzelte ihn an. Hatte der Kerl eine Ahnung von dem, was er sagte oder tat oder verlangte? Eine dumme Frage eigentlich, denn: Nein, wie sollte er? Merkte er überhaupt, dass sie kurz vor dem Platzen stand? Nein. Er blickte sie an, sein dummes Gesicht eine Mischung aus Ungeduld und Unverständnis. Er zog an ihr wie ein Welpe an einem Ärmel. Er war so dämlich, so unfassbar idealistisch und idiotisch. Und naiv war er, so gutgläubig, dass er nichtmals in Betracht zog, sie könnte -...
„Ja", hörte sie sich plötzlich selbst sagen. „Du hast recht. Haben wir."
Er zerrte nochmal, und sie ließ sich mitziehen, die Stufen hinunter. Halb fragte sie sich, ob es an der Kommando-Fähigkeit lag.
Sie folgten Korridoren und steinernen Treppen in die Tiefen unter Stohess. Moblit und Dirk hatten kleine Öllämpchen aus ihren Rucksäcken gefischt und entzündet, und die Flämmchen warfen scharf gezackte Schatten auf die schmucklosen Wände. Da und dort erhaschte Annie einen Blick auf Zeichen, mit weißer Kreide hinterlassen.
Schließlich öffnete sich der Gang zu einer weiten Kaverne, und im spärlichen Licht weiterer Lämpchen erblickten sie ein unterirdisches Kundschafter-Lager, gebaut aus dutzenden Zelten, die in ordentlichen Reihen standen. Man hatte die Zugleinen von Manövergeräten kreuz und quer durch die Höhle gespannt und bunte Planen an ihnen aufgehängt, um die Höhle in diverse Bereiche einzuteilen.
„Wow", machte Jean, als er hinter ihnen in die Höhle gelangte und sich umschaute. „Wie eine provisorische Kaserne, oder?"
„Stark", pflichtete Sasha bei, „Dort ist das Werkzeuglager? Und da die Kantine!"
Eren schaute sich großäugig um. „Sauber", flüsterte er plötzlich, und Annie drehte sich nach ihm um.
„Was?"
„Es ist so sauber." Eren wurde zusehends hektischer und hibbeliger. „Er ist hier!"
„Wer denn?", fragte sie, als ein hölzernes Klacken erklang.
„Ihr Bratzen." Ein Mann auf Krücken schwang sich zwischen den Reihen der Zelte hervor, und Annie erkannte ihn sofort. Er. Und so etwas wie Angst schwoll hoch, schattenkalt in ihrer Brust.
„Hauptgefreiter!" Eren stürmte unvermittelt los. Levi Ackermann war stehen geblieben und ließ die Krücken nun links und rechts zu Boden fallen, um die Hände frei zu haben; im ersten Moment glaubte Annie, er wolle Eren in eine Umarmung schließen.
Doch stattdessen schlug Levi ihm links und rechts auf die Schultern, ehe der Jüngere ihn erreichen konnte, und hielt ihn mit der Kraft eines Schraubstocks auf Armeslänge von sich.
„Wieder da, Jäger?"
„Jawohl, Herr Hauptgefreiter!"
Levi nickte ohne jede freundliche Regung, dann flackerte sein Blick unbarmherzig über die gesamte Gruppe hinweg. „Ihr seht aus, als hätte ein Titan einen Haufen Dung über euch entladen", verkündete er ein hartes, aber wahres Urteil. „Dreck findet hier nicht statt. Auftrag erkannt?"
„JAWOHL!", schrie ein Großteil des Jean-Trupps wie aus einer Kehle.
Nur einen Moment lang sahen der Mann mit dem bandagierten Bein und Annie einander in die Augen. Levi Ackermann verströmte Hass aus jeder Faser seines Körpers. Annie zog die Lippen straff und zwang den Blick fort von ihm.
Und nur wenige Stunden später trafen sie auf Erwin Smith.
Offen gestanden: Annie war enttäuscht von der Einfallslosigkeit des Verhörraumes. Sie hatte sich etwas Abenteuerliches vorgestellt, vielleicht an Manövergerät-Leinen über einer Schlucht hängend oder etwas in dieser Art. Doch nein, das Gespräch fand in einer schlichten Zelle statt, einer kleinen Nische, in die ein Schreibtisch und ein halbes Dutzend Stühle passten. Auf besagtem Tisch stand eine Öllampe, deren Licht für Annies Geschmack ein wenig zu grell leuchtete.
Auf der einen Seite des Tisches saß Eren, mit Annie und Ymir links und rechts von ihm. Ihnen gegenüber saß Erwin Smith, in einem der zwei Grisha-Bücher blätternd, zu seiner Linken flankiert von Hanji Zoe. Und dann war da noch ein leerer Stuhl. Denn Levi Ackermann zog es vor, zu stehen, trotz seiner Krücken. Er stand nahe der Höhlenwand, und jeder normale Mensch hätte sich dort angelehnt, um es bequemer zu haben oder wenigstens lässiger zu erscheinen. Doch nicht er, der Annies Blick spürte und ihn kalt erwiderte.
Während der Fang-Mission, die inzwischen eine halbe Ewigkeit zurückzuliegen schien, erinnerte sich Annie nur an zwei Momente, in denen ihr Puls in die Höhe geschnellt war. Das erste Mal war während des Kampfes mit der Elite-Leibwache gewesen, zwischen den koordinierten Manövern einer eingespielten Truppe und schwirrenden Klingen und dampfendem Blut. Und für den anderen kritischen Moment hatte Levi selbst gesorgt. Nicht Eren als 15 Meter hoher Titan, sondern ein kurz geratener Mann mit einem Gesicht, das so ruhig schien wie ein zugefrorener See und doch gleichzeitig Sturm verheißen konnte.
„Nun haben wir also drei von diesen kleinen Monstern", bemerkte Levi mit nüchterner Kühle in der Stimme. „Was machen wir mit ihnen? Eröffnen wir eine Zucht?" Er sprach mit dem Kommandeur, doch seine Augen blieben unverwandt auf den drei Wandlern hängen. „Nein, vielleicht besser nicht... Dem Bengel würde es wohl schlecht ergehen."
Annie registrierte, wie Eren leicht zusammenzuckte.
Ymir verzog das Gesicht zu einem sardonischen Lächeln. „Es ist gewiss nicht das erste Mal, dass man mich mit einem Tier vergleicht. Ihr seid sogar noch höflich dabei, macht ruhig weiter. Wie siehst du das, Leonhardt?"
„Ähnlich", versetzte Annie trocken.
Levi aber ging nicht darauf ein. Stattdessen ergriff Erwin Smith das Wort. Er verströmte ein Charisma, welches mühelos die Aufmerksamkeit einzufangen verstand. Ein Redner, der sich nur räuspern musste, um in einem lärmenden Hörsaal für Ruhe zu sorgen.
„Beginnen wir", sprach er gemessen, „mit Annie Leonhardt."
„Jawohl." Annie hatte eigentlich schweigen wollen, doch der Impuls des Antwortens war schneller gewesen als die bewusste Entscheidung, sich nicht zu rühren.
„Beginnen wir mit der Zeit, ehe du abtrünnig wurdest." Er betonte abtrünnig, als wäre es etwas Exotisches, und fuhr fort, in dem Tagebuch zu blättern, als suche er eine bestimmte Stelle zum Zitieren. „Sage mir: Wer ist der Feind? Was war deine Aufgabe, während du auf seiner Seite standest? Was ist sein Ziel?"
Annie hatte sich unwillkürlich angespannt.
„Der Feind", erwiderte sie, „ist das Reich Marley. Ich war einer von insgesamt vier Wandlern in Marleys Diensten, die in dieses Land geschickt wurden, um einen weiteren Wandler zu entführen."
„Eren Jäger", sagte Erwin.
„Eren Jäger", bestätigte sie. „Auch wenn wir dies bis zuletzt nicht wußten. Die Besonderheit Eren Jägers ist erst vor kurzem wirklich klar geworden. Es ist so..."
Sie fuhr fort, zu erklären, was es mit den Titanen-Wandlern auf sich hatte, mit den neun Wandlern im Allgemeinen und dem Gründer-Titanen im Besonderen. Sie erläuterte die Kommando-Fähigkeit und das Schicksal der Eldier, sprach von der Göttin Ymir und von Grisha Jäger, dem Dieb des Gründers.
„Grisha Jäger gehörte nicht zu euch", sagte sie, „Er kam von jenseits der Mauern. Er kam aus Marley, um den Gründer-Titanen für eine Gruppe von Widerständlern in Besitz zu bringen. Der Diebstahl ist ihm gelungen, doch seine Zeit lief ab, ehe er nach Marley zurückkehren konnte. Also übergab er seinen Titan an seinen Sohn, Eren, kurz nach dem Fall von Mauer Maria." Damit endete Annie vorerst.
Keine Überraschung spiegelte sich in dem Gesicht des Kommandeurs. „Ich verstehe", sagte er und begann, eigene Notizen niederzuschreiben.
Während die Bleistiftspitze über das Papier kratzte, zog ein schmales Lächeln an Annies Mundwinkeln. Erwin Smith ließ sich nicht in die Karten schauen, und seine Gefasstheit nötigte ihr einen gewissen Respekt ab. Ja, sie konnte verstehen, warum dieser Mann Abenteurer und Verrückte und Idealisten gleichermaßen begeistern konnte. Er hatte das Gesicht dafür; eines, das eine Kraft ausstrahlte, die über bloße Führungsstärke hinaus ging.
Levi rührte sich. „Ich bin dran." Er verlagerte sein Gewicht auf den Krücken nur ein ganz klein wenig nach vorn, und doch schien es, als spanne er sich zu einem Sprung an. „Meine Frage ist Jene, die ich schon im Wald der Riesenbäume stellte. Du erinnerst dich?"
Durch ihren Kopf wehte ein Ja, doch sie sagte nichts.
„Hat es dir gefallen, das Töten? Sag mir, machte es Spaß?"
Levi hatte eine Art an sich, zu erschüttern. Er hob nicht die Stimme, er knurrte nicht, und doch war er in diesem Moment bedrohlicher als jeder schreiende, wütende und messerschwingende Schläger, dem Annie je gegenüber gestanden hatte.
Sie zwang sich, eine Maske aufzusetzen. „Nein, machte es nicht."
„Nicht, nein? Du warst sehr kreativ darin."
„Effektiv", murmelte sie und senkte den Blick auf den Tisch. „Ich hatte eine Mission, und ich musste effektiv sein in dem, was ich tat."
„Du musstest töten?"
„Ja." Sie schaute wieder auf, um dem kalten Blick zu begegnen. Es kostete Kraft, ihm nicht sofort wieder auszuweichen. „Eure Leute waren zu stark, und ich musste schnell sein. Ich hatte keine Zeit."
„Hoh", machte er, „Zu stark, hm?"
„Ja", beharrte sie. Neben ihr gab Eren ein Geräusch von sich, das ein unterdrücktes Schniefen hätte sein können. Sie schaute nicht hin. Sie blendete ihn völlig aus.
Levi nickte, mit verengten Augen ins Leere blickend, und lehnte sich wieder etwas zurück. „Stark also. Hätte Eren sich nicht bis zuletzt zurückgehalten, sondern meinen Leuten beigestanden, wäre die ganze Geschichte wohl anders ausgegangen, nehme ich an?"
„Dann", versetzte sie, „wäre mir etwas anderes eingefallen."
„Wirklich." In seiner dunklen Stimme lauerte etwas, das Annie nicht recht deuten konnte. „Seine Entscheidung hätte keinen Unterschied gemacht? Ist dies deine Meinung?"
„Sie wären gestorben", lautete die Antwort, die ohne Zögern kam. „So oder so."
„Ich verstehe."
Eren war unter den Erinnerungen noch ein wenig mehr in sich zusammengesunken.
Einen Moment lang herrschte Stille.
„Die Kommando-Fähigkeit." Erneut holte sich Erwin die Aufmerksamkeit aller zurück, mit nichts weiter als ein paar nüchternen Worten. Er sprach, als habe es das kurze Gespräch zwischen dem Hauptgefreiten und der Wandlerin nie gegeben. „Wir können sie leider nicht bestätigen, wenn ich den Bericht korrekt verstehe? Hanji?"
Hanji verzog das Gesicht zu einem missmutigen Halbgrinsen. „Bedaure. Es wäre schön, wenn ich aus voller Kehle Ja sagen könnte, doch Eren hat es im letzten Gefecht nicht geschafft, diese Fähigkeit hervorzurufen. Dies ist kein klares Nein, schließlich basieren Titanen-Fähigkeiten wohl auch auf Erfahrung und lassen sich erlernen. Doch..."
„Doch jetzt und hier könnte diese Fähigkeit genauso gut nicht existieren", kam es steinkalt von Levi, „richtig?"
Hanji nickte. „Leider, leider. Die einzigen Zeugen sind Fräulein Leonhardt und Eren selbst."
Annie schnaufte missmutig. „Es ist sicherlich etwas, das man meistern -"
„Still." Levi knipste ihren Einwurf ab.
Eren hob die Hand. „Kommandeur Smith! Ich verspreche, dass ich mir diese Fähigkeit nicht eingebildet -"
„Still."
„Ja- Jawohl, Herr Hauptgefreiter."
Erwin hatte den kleinen Schlagabtausch damit verbracht, in sein eigenes Heftchen zu schreiben, als seie das Drumherum seiner Aufmerksamkeit nicht wert. Sein irritierend milder Blick hob sich erneut, und er richtete sich nun auf Ymir.
„Die Welt jenseits der Mauern. Ymir Stern. Du gibst an, wie Grisha Jäger und Annie Leonhardt aus dem Reich Marley zu stammen."
Ymir nickte aufgeweckt. Offenbar freute sie sich darüber, endlich angesprochen zu werden. „Jawoll!"
„Abteilungsleiterin Hanji möchte gern mit dir darüber sprechen. Hanji, du hast das Wort."
„Jawohl." Hanji klopfte gut gelaunt auf ihre Unterlagen, glättete das oberste Papier und setzte den Bleistift auf. „Ymir, ein paar Fragen zum Warmwerden. Ich möchte gern mit den Fortbewegungsmitteln der Außenwelt anfangen. Mich interessieren vor allem diese sogenannten Zeppeline. Was kannst du mir dazu erzählen?"
Ymir furchte die Stirn. „Zebbelirne?"
„Zeppeline. Luftschiffe."
Ymir blinzelte, lachte dann schnaubend und lehnte sich zurück, als höre sie einer lustigen Geschichte zu. „Schiffe? Durch die Luft fliegend? Was für ein Mumpitz steht in diesen Heftchen, die ihr da habt? Als nächstes sagt ihr mir noch, Hirschgeweihe auf Kirchturmspitzen schützen gar nicht vor Blitzschlag!"
Was zur – Annie brach kalter Schweiß aus. Verflucht, sie ist buchstäblich von gestern! Ihre Hand schoss in die Höhe. „Einspruch! Sie ist -"
„Still."
Hanji ließ sich von den Einwürfen nicht stören. Sie kratzte sich ein wenig hinter dem Ohr, legte ein Blatt beiseite und nahm sich das darunter liegende Papier. „Hmmm... Bedauerlich, schätze ich? Vielleicht zunächst etwas anderes. Automobile, was sagst du dazu?"
„Sind das diese komischen Gestelle, vorn ein riesiges Rad und hinten ein Kleines?" Ymir grinste, nun vor allem in Annies Richtung. „Bist ja ganz blass ums Näschen, mein Näschen."
Annie starrte zurück, eisige Panik in den Augen.
„Ist ja gut, mach dich nicht feucht. Nein, im Ernst: Ich bin keine gute Zeitzeugin." Ymir setzte sich wieder etwas aufrechter hin. „Es ist ewig lang her, dass ich in der wahren, zivilisierten Außenwelt war. Über ein halbes Jahrhundert lang habe ich als Titan auf dieser Insel verbracht, da habe ich wohl ein paar... Dinge verpasst."
Hanji notierte Insel. „Oh! So lang?" Die Augen hinter den Brillengläsern schienen bei dieser Frage von innen heraus zu leuchten. Offenbar hatte die Abteilungsleiterin prompt etwas erfahren, das ihr interessanter war als Luftschiffe oder Autos. „Du bist als Jugendliche verwandelt worden und nicht gealtert, während du ein Titan warst?"
„Ich bin faltenfrei, nicht wahr?"
„Faszinierend. Wirklich!"
Erwin betrachtete die Szene mit nicht enden wollender Geduld. „Es scheint, als kämen wir auch in dieser Richtung nicht wirklich weiter?"
Annie presste die Lippen aufeinander, ehe sie knurrte: „Ihr mögt die Außenwelt anzweifeln, doch die Bedrohung ist real. Das zumindest ist sicher, oder?"
„Durchaus." Die Andeutung eines Lächelns streifte sein Gesicht. „Nun denn." Seine Stimme war noch immer so aufgeräumt wie die eines Kassenprüfers, der die Buchhaltung eines Krämerlädchens durchging. „Annie Leonhardt. Die 57. Expedition."
Annie spannte sich wieder an. Dieses Gespringe ist auch wieder Teil eines Verwirrspiels, dachte sie bei sich.
„Der Schrei des Weiblichen Titanen", fuhr Erwin fort, den Bleistift aufs Papier setzend. „Ist dieser Schrei, wenn ich seinen Zweck recht verstehe, nicht der Kommando-Fähigkeit des Gründer-Titanen sehr ähnlich?"
„Nein", erwiderte Annie prombt. „Der Schrei kann Titanen nur anlocken, nichts weiter."
„Ah", machte Hanji halblaut und schnippste, „Honigtopf."
„Ich habe diese Titanen in keinster Weise unter Kontrolle. Siie attackieren mich ebenso wie jeden anderen auch, ob ich sie nun gerufen habe oder nicht. Das Kommando hingegen..." Annie ruderte ein wenig mit den Händen, nach Worten suchend. „Das Kommando ist ziemlich grenzenlos. Wenn die Legenden stimmen, wurden Titanen durch das Kommando nicht nur zu Kampfmaschinen, sondern auch zu Bauarbeitern und dergleichen. Es ist buchstäblich, was sein Name verspricht."
Erwin schrieb Worte in einer so schwungvollen Schrift, dass Annie sie auf dem Kopf nicht lesen konnte. „Weiter. Was geschieht, wenn ein Krieger stirbt?"
Sie erklärte es ihm. „Die Titanen-Kraft verschwindet in den Pfaden und wählt sich ein eldisches Neugeborenes als Gefäß."
Erwin legte eine Hand ans Kinn. „Lässt sie sich... auf diesen Pfaden nachverfolgen?"
„Nein. Sie ist verloren, bis sie zufällig wieder zutage tritt."
„Der Verlust ist folglich nicht wünschenswert?"
„Ich nehme an, dass es eine elendige Plackerei ist, die Kraft wiederzufinden." Annie zuckte mit den Achseln. „Es ist bislang nur ein paar wenige Male geschehen. Ich weiß nicht, wann das letzte Mal."
„Hm. Das Verschwinden der Kraft wird also nur vermieden, wenn der Wandler von einem Titan gefressen wird?"
Annie nickte.
„Wann haben du und deine ehemaligen Kameraden eure Vorgänger verschlungen?"
„Vor sieben Jahren."
Keine Miene verzog der Kommandeur, während er eine simple Rechnung anstellte. Er wandte sich an Levi. „Ich hatte geglaubt, unsere eigene Praktik, Rekruten mit 12 oder 13 Jahren zu mustern, seie harsch. Jenseits der Mauern jedoch liegt das Alter offenbar noch niedriger, zumindest im Falle der Wandler-Kandidaten."
Levi schnalzte mit der Zunge. „Widerwärtig. Aus kleinen Kindern machen sie willenlose Kampfmaschinen. Es ist so ekelhaft, ich könnte kotzen."
Annie spürte einen Anflug von Ärger. „Ich bin weder willenlos, noch wünsche ich mir Mitleid, danke."
„Du bist armselig", versetzte Levi, ohne auch nur für einen Moment aus dem dunklen Tonfall auszubrechen, den er schon die ganze Zeit über anführte. „Ich kann nicht anders, als dich zu bedauern. Ein kurzes Leben, um andere Leben zu kürzen, mehr hast du nicht. Keine Hoffnung, keine Ziele. Du bist eine Waffe, nichts weiter."
Er provoziert dich, erklang eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf. Gleichzeitig kochte ihr das Blut hoch. „Ich will kein Bedauern, und ich habe ein Ziel!"
„Dann sprich."
Wuchtig deutete sie auf Eren. „Ich sagte es bereits der Abteilungsleiterin: Wenn ihr klug seid, dann werdet ihr Eren Jäger aus euren Diensten entlassen und ihn nach Marley schicken, zusammen mit mir. Er schließt sich dem Widerstand an, wie sein Vater es geplant hatte, und wird den Kampf beginnen, der all eure Probleme lösen wird. So einfach."
Offenbar hatte Hanji dieses Wissen bereits geteilt, denn es gab keine Nachfragen dazu. Erwin Smith knetete sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. „Und was wünscht er selbst zu tun?"
Die Köpfe wandten sich, einer nach dem anderen, Eren zu.
„Sag es ihnen", zischte Annie in seine Richtung, „Du weißt, was du zu tun hast."
Er schaute sie lang an, und ihre Unruhe nahm zu.
„So lang auch nur ein einziger Titan jenseits der Mauern umherstreift", sagte Eren und stand auf, wobei er den Stuhl knarzend rückwärts schob, „werde ich nicht nach Marley gehen. Ich werde hier bleiben und alles tun, was in meiner Macht steht." Er salutierte.
Annies Schultern sackten herab, und sie presste die Lippen aufeinander.
Nun lächelte Erwin Smith wirklich, während Hanji mit den Fingerknöcheln auf dem Tisch Beifall klopfte und Levi kurz und knapp nickte.
„Du bist ein treuer, tapferer Soldat, Eren Jäger", sprach der Kommandeur sanft, „Meinen Dank dafür."
„Er hat einen freien Willen", sagte Levi, „Zum Glück für uns alle."
Erwin drehte sich Ymir zu. „Wie steht es um dich, Ymir Stern?"
Ymir grinste wölfisch. „Oh, habe ich etwa eine Wahl?"
„In Anbetracht dessen, dass wir einen intelligenten Titan wohl kaum zwingen können, mit uns zu arbeiten... Ja, so ist es."
„Hah." Sie erhob sich vom Stuhl und salutierte ebenfalls, mit der Faust auf dem Herzen. „Wohin sollte ich sonst gehen? Ich hab nichts anderes, also bin ich immer noch voll dabei!"
„Welch eine herzerwärmende Bekundung von Loyalität", murmelte Levi.
Annie blickte grimmig drein, während sich aller Augen nun auf sie richteten.
„Was habt ihr nun wohl mit mir vor, frage ich mich", zischte sie halblaut und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ihr werdet mich doch wohl nicht einladen wollen, den Kundschaftern beizutreten?"
Erwin vollführte ein Achselzucken. „Ob abtrünnig oder nicht, an deinen Händen klebt das Blut guter Männer und Frauen", sprach er bedächtig, „Könnte ich dich in Reih und Glied mit deren Kameraden stellen? Unwahrscheinlich. Sollte ich dich vor ein Kriegsgericht stellen und Genugtuung verlangen, indem du vor den Augen trauernder Soldatenfamilien an einem Strick baumelst? Vermutlich."
Er gab diesen Worten ein wenig Raum, ein wenig Luft. Dann fügte er hinzu: „Vorerst möchte ich dir jedoch eine inoffizielle Einstellung als zivile Mitarbeiterin anbieten. Sei Hanji Zoe im Rahmen der Titanenforschung behilflich und unterstütze Eren Jäger im Erlernen der Kommando-Fähigkeit. Klänge dies wie ein Angebot?"
Annie schwieg für einen langen Moment. Dann stand sie auf, salutierte halbherzig und seufzte schwer. „Jawohl."
Auf der anderen Seite des Tisches brach Hanji in Jubel aus. „Ja! Ja!" Mit beiden Fäusten schlug sie auf den Tisch, sodass Bleistifte hüpften, die Lampe zitterte und Heftseiten sich von selbst umblätterten. „Scheiße, ja!"
Nachdem Hanji die drei Wandler aus dem Zimmer gebracht hatte, schloss Erwin sein Notizbuch, faltete die Hände darüber und verscheuchte die Stille, die sich über ihnen ausbreiten wollte, mit einem langen Seufzer.
„Die Qual des Wissens", murmelte Levi, der sich nun doch noch auf seinem Stuhl niederließ und die Krücken an den Tisch lehnte. „. Je mehr wir erfahren, umso weniger verstehen wir. Wir nehmen die Geschichte mit der feindlichen Außenwelt und allem Drum und Dran hin, oder?"
„Tun wir."
Er schloss die Augen. „Ich hatte gehofft, du würdest anders antworten. Menschen also? Die Titanen sind Menschen?"
Erwin nickte. Ein flüchtiges Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln. „Die Titanen sind menschlich. Und der Feind ist es auch."
