„Faszinierend." Hanji blickte auf den dampfenden Spalt, der sich vor ihr aufgespreizt hatte, und fuhr mit der Hand über die stark erhitzten Wände aus Fleisch. „Kein Blut, keine versehrten Adern... Völlige Glattheit. Ich hatte etwas wie eine klaffende Wunde erwartet, doch es ähnelt viel eher einer... nun, einer ganz natürlichen Körperöffnung eben." Sie klatschte einmal in die Hände, wie um sich zu ermutigen. „Was solls! Ich stoße nun vor!"

„Haben Sie gerufen, Frau Abteilungsleiterin?"

„Nichts von Interesse, Moblit! Nichts, was ich laut hätte sagen sollen..."

Um die Titanenforschung voranzutreiben, waren sie noch tiefer in die Erde hinabgestiegen. Weit genug weg von den Ohren der „Nachbarn", die man nicht durch verdächtige Geräusche aufscheuchen wollte.

Die Höhle, in der sie ihre Titanen beschworen, war zwar breit, maßte aber nur sechs Meter von Boden zu Decke. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich mit der beengten Umgebung abzufinden – halb liegend, halb sitzend, ein sicherlich schauriger Anblick im Lichtschein der Laternen, die gegen die unterirdische Düsternis ankämpfen mussten. Und die Forschung hatte beginnen können.

Nun landete Hanji hinter dem wahren Körper Annies, suchte Halt auf dem schlüpfrigen Untergrund und stützte sich dabei an dem Rücken der Wandlerin ab. Annie zuckte ein wenig zusammen, zerrte ihr Bewusstsein aus dem Titanenkörper zurück und öffnete flatternd die Lider.

„Ich dachte, Sie wollten nur einen Blick hineinwerfen, Frau Abteilungsleiterin?" Ihre Stimme klang ein wenig krächzend; um dem Weiblichen Titan ein besseres Formulieren von Worten zu ermöglichen, hatte sie den Kehlkopf zu modellieren versucht. Als Folge hatten mehr Fleischfasern als gewöhnlich Halt an ihrem Hals gefunden, und sie schienen auch fester zuzudrücken als sonst.

„Ich konnte nicht widerstehen, bedaure." Hanji verlagerte ihr Gewicht nach vorn, langte über Annies Schulter hinweg und berührte die straff gespannten Muskelstränge, die sich über einen Großteil des Gesichts der Wandlerin gestülpt hatten. „Faszinierend... glitschig."

„Eklig."

„Das auch, ja. Die Konsistenz einer ungekochten Blutwurst..."

„Nein. Dass Sie hier drin sind."

„Oh, das spürst du so genau? Beschreib mir das näher!"

Annie befreite sich mit schleppenden Bewegungen von einigen Fleischfasern. Beim Abstreifen hinterließen sie feinste Ansammlungen von nadelspitzengroßen Löchern, die sich rasch schlossen. „Wie ein Splitter, der mir unter die Haut -..."

Doch Hanjis Fokus flitzte schon wieder woandershin, wieselgleich. Sie hatte zugefasst und eine der abgestreiften Fleischfasern zu packen bekommen. Nun betrachtete sie das neueste Ziel ihrer Aufmerksamkeit näher. „Oho, ein Nervenstrang. Vergleichbar mit einer Nabelschnur, so ganz spontan gesprochen. Lass mich dein Gesicht sehen... Oho! Ja, da bohrt sich wirklich etwas in deine Haut hinein, oder?" Ihre Stimme überschlug sich vor Begeisterung. „Die Nervenenden des Titanen verbinden sich mit denen unter deiner Haut! So findet der Austausch von Informationen statt, nicht wahr?"

„... Vielleicht?" Annie verzog gequält das Gesicht. „Bitte, könnten Sie -..."

„Was wohl, wenn ich es bei mir anlegen würde?"

„Nein!"

Hanji presste sich den Nervenstrang auf die Wange. Und ein Ruck ging durch den Titanenkörper, während die Abteilungsleiterin vor Schmerz und Entzücken zugleich aufschrie. „Heilige Scheiße! Heiß, zu heiß!" Sie riss sich wieder los, rückwärts stolpernd und sich die Wange reibend.

„Ich sagte Nein!" Annie verdrehte sich fast den Hals, um die Abteilungsleiterin im Blick zu behalten. Hanji lehnte an der Fleischwand, ihre Hand betrachtend. Blutige Flecke waren darauf zu sehen, und ihre Wange wies ein rotes Punktierungsmuster auf.

„Liebe Güte", murmelte Hanji, nun offenbar wieder ernüchtert, und holte ein Taschentuch hervor. Mit einer Abgebrühtheit, die Annie wiederwilligen Respekt einflößte, tupfte sie damit über ihre Wange und betrachtete die Abdrücke. „Das tat ja weh. Als fräßen sich haarfeine Würmchen in die Haut."

„Frau Abteilungsleiterin!", kam es von draußen.

„Alles gut, Moblit", gab Hanji Laut, „Ist etwas Spannendes passiert?"

„Der Weibliche Titan hat Grimassen geschnitten, Frau Abteilungsleiterin!"

„Faszinierend." Hanji blickte zur Öffnung im Nacken hin. „Würdest du diesen Spalt schließen, würde mir natürlich rasch die Luft knapp werden. Du erhältst Sauerstoff durch einen dieser Stränge, oder?" Als Annie nickte, seufzte sie enttäuscht und tastete erneut mit dem Taschentuch über ihre Wange, um prüfen, ob die Blutung noch schlimm war. „Ach, zu schade. Der Vorgang des Verbindens ist offensichtlich zu schädigend für jemanden, der nicht über solch eine abnormale Selbstheilung wie deinesgleichen verfügt."

Hanji kletterte wieder aus dem Titan hervor. Erleichtert schloss Annie den Spalt, und die Nervenstränge legten sich erneut als hautenge Maske über ihr Gesicht. Ihr Bewusstsein tauchte zurück in den riesigen Körper des Weiblichen Titanen, der flüchtig zusammenfuhr und dann aufschaute.

Ihr gegenüber knurrte und grollte noch immer der Angreifer wie eine Katze, die Hähnchenknochen in sich hineinschlang und mit niemandem teilen wollte. Vielleicht war es Übungssache, dass er keine vernünftigen Worte bilden konnte – den Titanenleib zu verändern, war keine Kleinigkeit. Vielleicht war es auch einfach ein Ding der Unmöglichkeit.

Er hat ekelhaft viele Zähne, dachte Annie bei sich. Der Angreifer-Titan verströmte eine Wildheit, die der des Kiefer-Titanen sehr nahe kam. Dem Kiefer-Titan von Marcel, nicht dem von Ymir. Ymir war nur eine Karikatur, ein Zerrbild, so seltsam das auch war. Hätte Annie nicht das Ausschlußverfahren anwenden können, hätte sie in dem koboldartigen Geschöpf mit den wirbelnden Reißkrallen niemals Marcels Nachfolger erblickt. Ob es an dem langen Abstand zwischen erster Titanisierung und Verschlingen lag? Oder war es vielleicht das Blut, die Abstammung? War Ymir nur zum Teil Eldier? Ließ sich der Fluch der Göttin abschwächen, wenn das Blut verdünnt wurde? Eine schwere Frage, wie so viele. Annie verspürte kein Verlangen, ihre Überlegungen mit Hanji zu teilen. Woher sollte die Abteilungsleiterin auch Antworten auf ein derartig abgehobenes Themenfeld haben?

Hanji hatte heute bereits eigene Fragen gestellt, auf der viel fundamentaleren Ebene der Titanen-Biologie.

„Ihr könnt euch also ohne Probleme auch unter Tage verwandeln? Ohne jedes bisschen Tageslicht?"

Es ist das erste Mal, dass ich es in einer Höhle tue, aber ja", hatte sie geantwortet und ihre Stimme dabei so melodisch empfunden wie die einer heiseren Krähe. Immerhin aber hatte sie nicht mehr so unglaublich wütend geklungen. „Es fällt mir so leicht wie draußen auch."

„Ein klarer Unterschied zu gewöhnlichen Titanen... Wie Sonny und Bean." Kurz hatte Hanji gestockt und etwas wie einen Schniefer von sich gegeben, aus für Annie ziemlich unerfindlichen Gründen.

„Alles in Ordnung, Frau Abteilungsleiterin?", hatte Moblit gefragt. Mehr Geschniefe war die Antwort gewesen, und es hatte einige Minuten gebraucht, bis die Fragestunde hatte weitergehen können.

„Also, wo – wo waren wir noch gleich... ach ja." Hanji hatte ihr Klemmbrett durchkämmt und dann wieder den Stift aufgesetzt. „Wie lang könntest du in deiner Titanen-Form bleiben?"

Wenn ich nichts tue, so wie jetzt?" Sie hatte mit den Achseln gezuckt. „Vielleicht einen ganzen Tag. Doch es wäre Energieverschwendung. Und eine Qual für meinen echten Körper."

„Hmhm." Hanji hatte genickt. Und zu Ymir geschaut, die, ganz Mensch, in einer Ecke gesessen und in einem Buch geblättert hatte. Sie war rein wegen der Kommando-Geschichte hier – es konnte ja sein, dass ein ungewandelter Wandler eher auf Erens Geknurre reagierte.

In Shiganshina hat das Kommando auch erst gewirkt, als ich nicht mehr in meinem Titan war, hatte Annie gedacht. Und Hoffnung gehegt. Es hätte erklärt, warum Reiner bei Utgard völlig unbeeinflusst geblieben war. Es würde nur eine Mistkarren-Ladung an neuen Fragen aufwerfen, doch egal. Es wäre immerhin etwas gewesen.

„Ymir", hatte Hanji eingewandt, „hat mehrere Jahrzehnte in ihrer Titanen-Form verbracht. Gewöhnlichen Titanen geht demnach nicht der Dampf aus."

Die Kraftquelle der Geistlosen ist die Sonne."

„Und die der Wandler ist... ach ja." Die Abteilungsleiterin hatte das Gesicht verzogen, als hätte sie überraschend einen bitteren Geschmack im Mund. „Lebenszeit?"

Der Weibliche Titan hatte genickt.

„Eine Kraft, die nach 13 Jahren versiegt. Wie kann das sein, frage ich mich. Kraft sollte man ebenso gut verschwenden wie aufsparen können." Hanji überspielte es gut, wenn sie überhaupt betroffen von dem Schicksal war, das die drei Wandler im Raum gepackt hielt. „Ihr alle drei zum Beispiel wart über Jahre hinweg keine Titanen. Sollte diese... Sparsamkeit nicht eure Leben verlängern?"

So funktioniert es nicht", erwiderte Annie sachlich. „Der Fluch Ymirs holt uns nach 13 Jahren, denn auch die Göttin selbst verstarb nach dieser Zeitspanne. So sagen es jedenfalls die Legenden."

„Legenden. Legenden sind nicht gerade verlässliche Beweise. Haben eure Forscher in dieser Hinsicht nie etwas prüfen wollen?"

Marley lässt seine Wandler niemals bis zur Gänze ausbrennen. Die Gefahr, die Titanen-Kraft zu verlieren, ist zu hoch." Nochmals hatte sie mit den Schultern gezuckt. „Es stört dort auch niemanden."

„Ich verstehe." Die Abteilungsleiterin hatte das Gesicht verzogen und einen Punkt auf ihrem Klemmbrett abgehakt. „Lass mich bitte einen Blick auf deinen echten Körper werfen."

Dann hatte sich Hanji mittels ihres Manövergeräts in den Nacken des Weiblichen Titanen geschwungen und zugeschaut, wie der Spalt sich aufgetan hatte.

Nun, nach der Eskapade im Nacken, tupfte sie noch ein wenig an ihrer blutigen Wange herum. „Es brennt noch immer", bemerkte sie beiläufig, „Nun, jeder große Entdecker muss Opfer bringen."

„Eines Tages werden Sie sich noch umbringen, Frau Abteilungsleiterin."

„Danke, Moblit. Wie geht es bei Eren voran?"

„Haben soeben den Intelligenz-Test hinter uns gebracht", erwiderte ihr Adjutant. „Er kann zwar nicht verbal antworten, sich jedoch mit Gesten begreiflich machen, und ist geistig klar. Jedenfalls beherrscht er ein fehlerfreies Kopfrechnen, und das ist etwas, was wir bei Geistlosen gewöhnlich nicht beobachten."

Annies Blick ging auf Augenhöhe zu dem anderen Titan, der noch immer röchelte und gurgelte in dem Versuch, ihr ein Kommando zu geben. Genauer gesagt: Er sollte sie dazu bringen, den Takt zu dem Kinderlied mit der Wanze auf den Höhlenboden zu klopfen.

Weder habe ich seine Stimme im Kopf, noch habe ich die geringste Lust, irgendwas zu klopfen. Von seinem Schädel abgesehen.

Sie rutschte etwas näher heran, bis auf Armeslänge.

Du Bastard", zischte sie ihn an, und die Menschen im Raum hatten aufgehorcht. „Hattest du bisher nicht eine große Klappe? Hast du nicht gefaselt davon, wer das Kommando hat? Sieh dich nun an, und sieh mich an. Weiter weg von unserem eigentlichen Ziel als je zuvor!" Abrupt ging ihre Hand hoch, und sie bekam eine Faustvoll wirrer, schwarzer Haare zu fassen. Das Grollen aus der Kehle des Angreifers schwoll ruckartig an, ehe es abriss. „Bist du nicht sonst ein schneller Lerner? Fehlt dir hier vielleicht die Gefahr? Fehlt es dir, dass dich ein Titan packt und fast von den Füßen reißt?" Dann rutschte ihre Stimmlage wieder ins Monströse ab. „DAS LÄSST SICH MACHEN!"

Dann rammte sie seinen Kopf scharf nach links gegen die Höhlenwand – oder zumindest fast. Im letzten Moment schoss Hanji eine schrill pfeifende Patrone ab, deren Fiepen in den Ohren klingelte. Der Weibliche Titan hielt in der Bewegung inne.

„Hey!" Hanji schob die Signalpistole wieder in die Umhängetasche zurück. „Keine Gewalt!"

Ihm fehlt der Druck", knurrte Annie zu der Frau hinunter. „Ich gebe ihm nur Druck."

„Lass es bleiben."

Annie ließ nach kurzem Zögern wirklich los. Eren rieb sich den Kopf, wo sie an seinen Haaren gerissen hatte, und gab noch ein paar Brocken mehr unnützes Geknurre von sich. Sie interpretierte es als Ich gebe mein Bestes. Und weil sein Bestes nicht gut genug war, hasste sie ihn in diesem Moment mit eisiger, heißer Wut. Sie verschwendeten hier nur Kraft, sie vergeudeten Zeit, sie verplemperten Lebenszeit.

Hanji verstand offenbar den Frust. Sie versuchte, Mut zu machen. „Vielleicht nützt das Üben bereits etwas. Möglicherweise hat er längst den Grad von Beherrschung erlangt, die er bräuchte, um geistlose Titanen zu kontrollieren. Wenn es so wäre, dann wäre es ein Fortschritt – wenn auch einer, den wir nicht messen könnten."

Es leuchtete ein, und Annie nickte knapp, wenn auch widerwillig. „Dann brauchen wir wohl einen geistlosen Titanen."

Die Abteilungsleiterin lächelte schwach. „Nun, der Nachschub hat sie wohl nicht auf Lager."

Annie ging durch den Kopf, dass sie dann eben die verfluchte Geheimhaltung aufgeben und offen rausgehen sollten, um einen zu packen und her zu zerren. Doch der Kommandeur spielte scheinbar sicher. Was in diesem Kopf vorging, verstand sie nicht. Und musste sich damit möglicherweise abfinden.

Hanji wollte gerade zu einem weiteren Satz anheben, da fiel ihr Moblit ins Wort.

„Frau Abteilungsleiterin? So ungern ich es sage, doch es ist nun Zeit für... den nächsten Punkt."

„Natürlich, was denn so– Oh. Ach so, ja, dieser nächste Punkt."

Die Stirn des Weiblichen Titanen furchte sich, und sie wechselte einen rätselnden Blick mit dem Angreifer, der mit den Achseln zuckte. Vor ihren Augen rieb sich Hanji fröhlich die Hände und schien Moblit sich innerlich auf das Schlimmste gefasst zu machen.

„Ich stelle vor? Zacharias Schrapnell. Moblit, hol ihn rein."

Herein kam ein Mann, dem der Geruch von Schwefel voraus ging. Er war beleibt und füllig; seine aktive Soldatenzeit musste schon ein wenig zurückliegen, obwohl er in Uniform war. Annie konnte ihn sich jedenfalls nicht im Geschirr eines Manövergerätes vorstellen. Eher auf dem Deck eines Seeräuberschiffes. Sein Bart war ordentlich gestutzt, und unter dem bunten Kopftuch schaute eine angegraute Mähne lockigen Haares hervor. Ihm nach folgten Jean und Connie, schwer beladen mit so vielen Flechtkörben, wie sie nur tragen konnten.

„Grüß´ euch, Hanji", rief Zacharias gut gelaunt, „Moblit! Lang nicht gesehen!"

„Eine Schande", murmelte Moblit und verbarg den Sarkasmus nicht. Er senkte nichtmals die Stimme.

Jean und Connie setzten ihre Fracht ab.

„Scheiße, ist das schwer", knurrte Jean.

„Genau so stinkt es auch", fügte Connie hinzu. Er wich von den Körben zurück, als könnten sie spontan in Flammen aufgehen.

„Jammert nicht, Jungs, ihr habts doch geschafft." Zacharias rieb sich die Hände, blickte zu den beiden Titanen im Raum und erstarrte einen Moment lang, ehe er weiter sprach. „Also, welcher von den beiden ist der sogenannte Weibliche – ach so, ja. Du bist der mit dem Titanenstein, ja?"

Das nehme ich an."

„Hoh, er spricht!"

„Zach ist unser Leitender Chemiker", erklärte Hanji. „Ein Meister der Tiegelchen und Töpfchen und Säuren und Laugen."

„Säuren sinds heute", sagte Zacharias und öffnete einen der Flechtkörbe. Buntes Glas und Steingut und Metall kam zum Vorschein. „Meine Fläschchen sind gefüllt mit all meinen flüssigen Schätzen. Zeige mir doch, in was sie heute ihre Zähnchen schlagen dürfen."

Chemische Kriegsführung also. Annie hatte im Vorfeld gewusst, dass Hanji versuchen würde, den Titanenstein anzugehen. Doch auf diese Weise? Etwas Unerwartetes flackerte in ihrem Geist auf: Interesse. Sie legte die Hand auf den Höhlenboden, als bitte sie um eine milde gab es nun etwas Überraschendes zu sehen.

„Der Titanenstein ist ein Kuriosum", sagte Hanji und schob die Brille auf der Nase zurecht. „Ein unbekanntes Element. Indem wir seine Reaktionen mit diversen Mittelchen prüfen und diese wiederum mit denen von bekannten Elementen vergleichen, gewinnen wir vielleicht hilfreiche Einsichten. Wie sagt man, Moblit?"

„Vergleiche sind der Weg der Wissenschaft, Frau Abteilungsleiterin."

Unter den aufmerksamen Augen der Wissenschaftler erhärtete Annie ihre Handfläche: Sie stellte sich eine Wasserfläche vor, die zu Eis erstarrte. Mehr brauchte es nicht, und die Haut ihrer Hand glimmerte wie von innen erhelltes Glas, ehe sie aushärtete.

Der Chemiker fühlte über die Oberfläche. „Das ist er, ja? Der Titanenstein?"

„Das ist er", sagte Hanji und ließ ebenfalls die Finger über das Material fahren. „Dieses Material hält mühelos unseren Schwertern stand. Und der Stein des Gepanzerten Titanen fängt sogar Kanonenschüsse oder die Faustschläge dieses Kerls da ab." Sie deutete mit einem Kopfnicken in Richtung des Angreifer-Titanen. „Die Rüstung wirkt allerdings eher mattgolden. Hier haben wir einen bläulichen Glanz. Erinnert mich an Glas."

Die Rüstung des Gepanzerten Titan ist Haut, die ständig gehärtet ist", sagte Annie. „Er muss sich nicht darum kümmern, nachdem er sich gewandelt hat. Meine Härtung braucht durchgehend Konzentration."

„Passiv gegen aktiv also." Hanji klopfte beiläufig mit der Faust auf den Kristall. „Der Gepanzerte sah nicht völlig eingehüllt aus. Es gab rot klaffende Lücken in seiner Rüstung, oder nicht?"

Ja. Ich weiß nicht, warum." Es hatte sie auch nie gekümmert.

„An die roten Lücken erinnere ich mich", kam es von Connie. „Du auch, Jean? Es waren so dünne Risse."

„Wie Bruchstellen, ja", meinte Jean. „Die Panzerteile waren ein wenig wie Schollen, fand ich." Er hob den linken Arm und kniff mit Daumen und Zeigefinger hinein. „Vielleicht verdickt sich die Haut, strafft sich und platzt an gewissen Stellen auf?"

„Bwargh", machte Connie.

Zacharias fischte eins seiner Fläschchen hervor – eines, das aus Steingut bestand, nicht aus Glas - und entkorkte es. „Wollen wir schauen, was dieser Kristall zu meinen Lieblingen sagt. Bitte die Hand still halten, ich mag das Zeug nicht herumspritzen sehen... Es ist doch in Ordnung, wenn es gleich etwas brennt?"

Ich werde es ertragen."

„Ausgezeichnet. Wir beginnen mit einem kleinen, aber effizienten Helfer, um Leichen spurlos verschwinden zu lassen: Flusssäure!"

Annie fühlte sich sogleich an die Methoden der Gangster-Banden von Stohess erinnert.

„Passend", meinte Hanji. „Fluorwasserstoffsäure frisst sich auch durch Glas, wenn ich mich nicht vertue. Du hoffst wohl, die Ähnlichkeiten sind nicht nur rein ästhetisch?"

„Auch", erwiderte Zacharias, „Aber gleichzeitig... mit irgendwas muss man anfangen, oder?" Er kippte die grobe Füllmenge einer Teetasse auf die kristallisierte Handfläche. Dann sprang er rückwärts, offenbar in der festen Erwartung, die Hand des Titanen würde sich sogleich in spastischen Zuckungen winden.

Es hätte ebenso gut Kernseife sein können.

Die Umstehenden blickten in die kristalline „Schale" wie in die Kugel einer Wahrsagerin, minutenlang. Sie warteten auf zischende Geräusche und blubbernde Bläschen. Vielleicht warteten einige wenige von ihnen auch auf glitzernde Sternchen. Sie alle wurden gleichermaßen enttäuscht, denn es passierte überhaupt nichts.

„Wir lernen täglich", bemerkte Moblit schließlich trocken, „Es sieht aus wie Glas, aber deswegen ist es noch lange kein Glas."

Zacharias schnaubte. „Niemand mag Pessimisten."

„Nein, er hat recht. Wir probieren was anderes", beschloss Hanji. „Es ist in jedem Falle nicht waffenfähig, so viel ist klar."

Der Chemiker gab ein Geräusch von sich, das entfernt an das frustrierte Blöken eines Ziegenbocks erinnerte. „Fein. Gehilfen, Abschöpfen!"

Jean hantierte mit einer hölzernen Kelle und füllte die Säure in ein Fläschchen aus Steingut, welches von Connie mittels einer Zange am Flaschenhals gehalten wurde.

„Vorsichtig, Mann", flüsterte Connie dabei, „Sei bloß vorsichtig!"

„Nächstes. Gehilfen, reicht mir die Salzsäure."

Es wurde schneller langweilig, als Annie gedacht hatte. Ihre Kristallhand reagierte schlicht und ergreifend nicht, weder mit Salz- noch Salpetersäure, und auch nicht mit all den anderen Ingredenzien, die der Chemiker so auffuhr. Er versuchte es gar mit Essig. Letzteren hatte er mehr aus Verzweiflung hervorgekramt, als ihm eingefallen war, dass man damit Eierschalen weich wie Butter machen konnte. Der Kristall aber wurde nicht weich wie Butter. Er widerstand noch immer den wilden Hieben einer Brechstange und eines Vorschlaghammers.

„Scheiße, Verfluchte", grunzte Zacharias Schrapnell mit schweißnasser Stirn, als er den Hammer wieder beiseite stellte. „Dieses Zeug ist verhext."

Er hatte gut reden, fand Annie. Sie hatte nicht gedacht, dass ihr in dieser Gestalt der Arm einschlafen konnte. Zwischenzeitlich war es Eren erlaubt worden, seinen Titan aufzulösen. Nach zwei Stunden in gewandelter Form war er bereits erschöpft. Eine überraschende Sache – spielte es für diesen Kerl keine Rolle, ob er kämpfte und schuftete oder überhaupt nichts tat?

Du teilst deine Kräfte miserabel ein."

„Ich kann noch ein paar Male, wenn ich muss", versetzte Eren daraufhin.

Ymir hatte dreckig losgelacht.

Der Chemiker ließ sich von dem Drumherum weder aus der Ruhe bringen noch aufheitern. „Gäbe es wenigstens irgendeine Reaktion, die man mit der von anderen Stoffen vergleichen könnte... Ist dieser Kristall denn unzerstörbar, oder was?"

Ist er nicht." Annie hob die freie Hand, streckte den Zeigefinger aus und ließ die Spitze ebenfalls bläulich glimmern. Dann stieß sie ihn abwärts. Der Finger brach mit sattem Knirschen durch die kristallisierte Haut, durch den Handrücken und in den Felsboden. Es knackte nass wie ein zugefrorener See, auf den man einen Ziegelstein geworfen hatte.

Dampf wallte in dicken Schwaden, während Annie den Finger wieder zurückzog. Der Chemiker blickte auf die Bescherung und gab ein Pfeifen von sich. „Huh. Das hilft nicht weiter, ist aber gut zu wissen. - Oh, Proben." Er hatte die Splitter und Scherben bemerkt, die durch das entstandene Loch zu Boden gerieselt waren. „Gehilfen, Aufsammeln!"

Jean und Connie gingen knurrend an die Arbeit. Sie lasen die Bröckchen auf und ließen sie in die Körbe fallen.

„Heh", rief Jean aus, während er auf seine leere Handfläche starrte, „Der hier ist gerade verschwunden!"

„Meine bleiben alle", erwiderte Connie und grinste. „Tut mir leid, aber ich kanns halt!"

Plötzlich erklang die Stimme einer Wache vom angrenzenden Korridor her.

„Spinnen in der verdammten Gruft!", fluchte der Soldat, „Es sind verfluchte Spinnen in der verdammten Gruft!"

Sie horchten alle auf, urplötzlich angespannt. Sie warteten sekundenlang und lauschten auf die Worte der Wache, die sich nun wieder entfernte. Hanji seufzte schließlich enttäuscht und ballte die Faust, um mit der anderen Hand darüber zu streichen. Ein Handsignal, das jeder verstand: Hört auf mit allem, was ihr tut.

Eilig räumten sie auf.

Eren und Annie machten sich auf den direkten Weg zu jener Kaverne, die von den jüngeren Mitgliedern der Kundschafter-Legion bewohnt wurden. Zunächst versuchte Eren offenbar, seine Erschöpfung zu vertuschen, und nahm die Laterne. Doch das Zittern des Lichtscheins verriet das Zittern, das ihn schüttelte, nur allzu gut. Annie nahm ihm die Lampe ab.

„Von dem Gerüttel wird einem ja schwindelig."

„Tut mir leid..."

„Hör auf", fauchte sie bitter, und es wurde überdeutlich, dass er sich nicht wegen des zitternden Lichtes entschuldigte und sie ihn nicht deswegen anknurrte. Sondern wegen etwas ganz anderem. „Ich kann es nicht mehr hören. Entschuldigen macht das Versagen nicht besser."

Bei dem Quartier der Jung-Kundschafter handelte es sich um eine abgelegene Seitentasche des natürlichen Höhlensystems. Um wen auch immer es sich bei dem unerwarteten Besuch handelte – er würde sich höchstwahrscheinlich nicht hier blicken lassen. Als sie den Raum betraten, gingen sie sofort getrennte Wege.

„Wohin gehst du?", wollte er noch wissen.

„Wäsche."

Im hinteren Bereich der Höhle lagen die Küche und die Wäscherei: Ein großes Feuer wurde sowohl zum Kochen genutzt als auch zum Trocknen frisch gewaschener Kleidung. Im Augenblick waren hier einzig Mikasa und eine Handvoll weiterer Gefreiter, deren Gesichter Annie nichts sagten, am Werk. Gerade hängte eine Gefreite mit straßenköterblondem Haar eine zusätzliche Wäscheleine auf, während Mikasa nasse Hemden in einem Korb herbeischleppte.

Als Ackermann hörte, wie sich Schritte näherten, blickte sie sich um. Flüchtig verengten sich ihre Augen.

„Fortschritte?", fragte sie grußlos.

„Keine", lautete die ebenso knappe Antwort.

Annie beteiligte sich am Aufhängen der nassen Wäsche, ehe sie prüfte, ob der eigentliche Grund ihres Kommens schon trocken genug war. Sie zog an dem lindgrünen Hemd und der erdbraunen Hose, nickte zufrieden und nahm sie ab. Die Kleider hatten ihr seit Ragako gute Dienste geleistet; inzwischen aber hatte sie wieder ihre Eigenen. Hitch war im Laufe des gestrigen Tages weit in den Untergrund vorgedrungen, bis ein wachhabender Kundschafter sie gestoppt hatte. Man hatte sie nicht weiter durchgelassen und wieder fortgeschickt, doch zumindest hatte Hitch Annies Kleider dem Wächter in die Arme geworfen, ehe sie wieder davongestapft war.

Sie legte Hemd und Hose ordentlich zusammen und trug beides dorthin, wo Connie vor dem Zelt hockte, das er sich mit Jean und Eren teilte. Er nagte an einem Apfel und schaute auf, als sie herantrat. Mit dem halb gegessenen Strunk deutete er hinter sich.

„Eren liegt flach. Soll ich holen?" Er streckte sich bereits, um gegen die Zeltplane zu klopfen, doch sie hielt ihn auf.

„Lass ihn schlafen. Ich wollte zu dir."

Seine Augen wurden groß vor Überraschung, und sie wurden noch größer, als er das Kleiderpäckchen in ihren Händen bemerkte. „Oh? Mir?"

Sie hielt ihm die Kleider hin. „Deine."

„Oh... Meine!", rief er abrupt aus, als der Groschen fiel.

„Nie aufgefallen, nein?"

Röte stieg ihm ins Gesicht. „An dir sehen meine Klamotten anders aus."

„Aha. Hier." Sie drückte ihm das Bündel in die Arme, oder zumindest wollte sie, denn Connie hob wie zur Abwehr die Hände.

„Nein, warte! Du darfst sie behalten, wenn du magst", erwiderte er. „Immerhin hast du mir inzwischen sogar noch öfter das Leben gerettet, und ich habe mich schon für die Sache in Trost nie bedanken können."

Sie schaute auf das Bündel. „Dies hier", machte sie langsam, „ist also dein Leben wert?"

Seine Gesichtsfarbe wechselte von Rot zu Kreideweiß. „Ähm, natürlich nicht! Es ist – Anzahlung – Ich werde dir - In Ordnung, ich nehme sie und bedanke mich demnächst anders." Er griff nach den Kleidern – doch Annie zog sie nun ihrerseits weg.

„Nein. Ich behalte sie einfach", versetzte sie und wandte sich zum Gehen. „ Und entbinde dich damit von aller Schuld. Fertig!"

„Mein Leben ist mehr als ein Bündel Kleider!"

„Nicht mehr für mich."

Hanji Zoe wartete in angemessener Entfernung zu dem Kommando-Zelt, welches von Militär-Polizisten umstellt war. Wie erwartet war Nile Dawk bei Erwin zu Besuch, und offensichtlich wünschte er keine Lauscher. Dies hielt ihn allerdings nicht davon ab, mit gehobener Stimme aus dem Zelt zu marschieren.

„Ressourcen!", rief er in die Öffnung hinein, ehe er die Zeltklappe zuschlug, „Denk daran, Erwin! Erst schwindet das Fressen, dann die Moral!"

Wutschnaubend stapfte er los; seine Garde nahm Haltung an und marschierte ihm nach. Als Nile an Hanji vorbei kam, salutierte die Abteilungsleiterin.

„Guten Abend, Herr Kommandeur!"

Nile grüßte leicht verspätet. „Es ist Mittag", knurrte er.

„Och, echt?" Hanji lachte auf. „Ich komm dieser Tage gar nicht zum Schlafen, das reißt mich völlig raus, Haha!"

Nile ließ eine Augenbraue in die Höhe wandern. Er kam zum Schluss, dass es hier kein Gespräch gab, das er fortsetzen wollte, und ließ die Abteilungsleiterin wortlos stehen. Mit knallenden Stiefelsohlen marschierte er, von seinem kleinen Trupp verfolgt, durch die Kaverne in Richtung des Korridors, der ihn zurück an die Oberfläche führte.

Hanji grinste ihm nach, dann trat sie ans Zelt heran und schnippste gegen die Plane.

„Wer da?", kam es von drinnen.

„Abteilungsleiterin Hanji, Herr Kommandeur!"

„Komm herein."

Hanji schlug die Zeltplane beiseite und trat ein. Erwin Smith saß am Schreibtisch und massierte sich energisch die Schläfen.

„Ein hartes Gespräch, Herr Kommandeur?"

Erwin nickte kurz und lächelte gequält. „Nile hat mir durchaus nachdrücklich zu verstehen gegeben, dass ich nicht länger krank spielen sollte", erwiderte er, „um mich vor der Anhörung des Generalissimo zu drücken."

Nach dem miserablen Ausgang der 57. Expedition war der Kommandant in die Hauptstadt bestellt worden, um Rechenschaft abzulegen – und er hatte sich dieser Pflicht entzogen, indem er eine schwere Verletzung vorgetäuscht hatte, die ihn ans Bett fesselte und jede Reise unmöglich machte. Nile Dawk hatte eingeweiht werden müssen – er hatte die Lüge gedeckt, und Hanji interessierte es brennend, welche Ausgleiche er dafür noch erhalten würde.

„Die Lage wird ungemütlich", sprach Erwin nun, „Die Stadt wird bald auf halbe Ration gesetzt, weil die Lieferungen an Lebensmitteln aus Rose ausbleiben. Vor der Mauer rumort es im Flüchtlingslager. Und die Titanen kommen nicht."

Die letzten Tage waren unheimlich ruhig gewesen. Zunächst hatte der Feind Strohfeuer von geistlosen Titanen geschickt, doch inzwischen schwiegen die Kanonen und blieben Schwerter in den Scheiden. Es erleichterte die Frontsoldaten, doch es schürte Unmut bei der zivilen Bevölkerung, die sich allmählich fragte, warum man die Ausnahmesituation nicht wieder aufhob. Die Gefahr war nicht mehr unmittelbar, und auch wenn niemand bestritt, dass Titanen im Rose-Territorium gewesen waren, erhoben sich nun vereinzelte Stimmen, die sich laut fragten, ob dies noch immer so war. Zumal es inzwischen regen Verkehr über Brieftauben gab, zu den anderen Mauerstädten wie Karanese und Trost, und über das Sina-Territorium kamen Postreiter von Ehrmich und Utopia. Nicht nur um Stohess herrschte derzeit Totenstille. Und die Rose-Städte hatten noch immer keine Löcher in der Mauer gefunden. Natürlich nicht.

„Die Menschen zweifeln an der Gefahr, wenn die Titanen ihnen nicht regelmäßig die Zähne zeigen", sagte Hanji und seufzte. „Ich habe Schlauköpfe reden hören, die behaupteten, die Titanen seien vielleicht durch natürliche Phänomene über die Mauer gelangt, für die es unglaubliche Zufälle bräuchte, damit sie wieder geschehen."

„Hörte ich." Erwin blickte drein, als verschlimmere sich sein Kopfschmerz bei dem Gedanken an diese Theorien. „Wirbelstürme."

Sie schüttelten zusammen die Köpfe.

„Und weiß Nile nun", wechselte Hanji das Thema und senkte die Stimme, „von unseren Wandlern?"

„Diese Trümpfe sind noch in unserer Hand." Erwin erhob sich und trat an einen Korb in der Ecke, in dem aufgerollte Landkarten standen. Er zupfte an einigen Etiketten, bis er die Passende gefunden hatte. „Ich gedenke jedoch, sie in Kürze auszuspielen. Nile hat ganz recht. Wir brauchen Ergebnisse, um zu verhindern, dass die Moral zusammenbricht und unsere Obrigkeiten nervös werden." Seine Stimme nahm einen grimmigen Zug an. „Nervösität führt am Ende noch dazu, dass jemand auf die Idee kommt, die Flüchtlinge einfach wieder nach Rose zu lassen. Oder schlimmer, sie in einem Volkssturm wie vor fünf Jahren zu verheizen." Er rollte die Karte auf, und Hanji beschwerte die Ecken mit einem Tintenfässchen und einem Wasserglas.

„Wie geht es mit dem Kommando voran?", erkundigte er sich dabei.

„Keine Ergebnisse. Nichtmals Anklänge von Erfolg."

Erwin verzog missmutig den Mund. „Ist es möglich, dass Eren sich diese Fähigkeit am Ende nur einbildete, angefeuert von Leonhardt?"

„Das lässt sich nicht ausschließen", gab Hanji nachdenklich zu, „Doch es ist unwahrscheinlich."

„Unterstützt sie die Übung nach Kräften?"

Hanji gab ein trockenes Lachen von sich. „Oh, sie blafft ihn vor allem an... Ihre Hilfe ist nutzlos, gleichzeitig aber auch spürbar verzweifelt. Und dadurch umso ehrlicher, meiner Meinung nach. Wenn Erens Fähigkeit nur ein Trug ist, dann ist auch Leonhardt dem aufgesessen."

Erwin nickte langsam. „Wir brauchen mehr Quellen."

„Mit Pastor Nick gebe ich mir bereits Mühe", wandte Hanji ein. „Doch er ist verstockt, wenn es um mehr geht als Glaubensfragen. Es ist ein wenig, als wolle man Öl aus einem Stein pressen."

Erwin zeigte die feinste Andeutung eines Grinsens. „Erlaubnis erteilt, fester zu pressen."

Das Grinsen flackerte auch über Hanjis Züge. „Jawohl."

Erwin senkte den Blick auf die Karte herab. „Nun. Nile ist in dieser Geschichte zumindest auf unserer Seite. Er möchte ebenfalls nicht, dass irgendwer auf dumme Ideen kommt, und hat mir seine Unterstützung zugesichert, wenn ich innerhalb der nächsten Tage eine Expedition in die Wege leiten sollte. Er wird auch mit der Mauergarnison sprechen."

„Unterstützung zugesichert?", wiederholte Hanji. „In Form von Truppenstärke?"

„In Form von Truppenstärke." Er legte den Finger auf die Karte, wo Stohess eingezeichnet lag, und wanderte langsam nach Osten. „Für ihn ist es mehr eine Geste an die Bevölkerung. Doch es mag eine echte Chance dahinter liegen. Der Moment ist günstig, denke ich, für die 58. Expedition."

Hinter den Brillengläsern schienen die Augen der Abteilungsleiterin aufzuleuchten. „Oh, absolut! Und ich hätte auch schon eine Idee, was die Zielsetzung angeht!"

Nur drei Tage später nahmen die Kundschafter, vereint mit Kontingenten der Militär-Polizei und der Mauergarnison, Aufstellung ein. Annie, mit einem Kopftuch halbwegs getarnt, hatte während des Aufmarsches ihres ehemaligen Militär-Zweigs Ausschau nach bekannten Gesichtern gehalten. Marlo Freudenberg war unter den Reitern mit dem grünen Einhorn zu sehen, was sie kurz besorgte; hatte man die Jüngsten etwa dazu verdonnert, mitzukommen? Doch von Hitch war nicht die geringste Spur zu entdecken gewesen. Entweder hatte sie sich irgendwie der Aufgabe entwunden, oder die Geschichte war freiwillig.

Marlo war zu dumm, Hier zu schreien, als der Schöpfer das Hirn verteilte, dachte Annie bei sich, Aber ich traue ihm zu, dass er gleich aufzeigte, als nach Helden gefragt wurde. Marlo war ein Idealist. Er hatte sich in die Besten Zehn seiner Rekruten-Abteilung gekämpft, um ein aufrechter Mann in der faulen Elite zu werden. Ein Trottel, der glaubte, durch Starrköpfigkeit gegen den Strom zu drängen, in dem alle anderen um ihn herum einfach dahintrieben. Ein Schwachkopf, der sich das Leben schwer machte ohne Hoffnung auf Belohnung und Erfolg.

Annie setzte ihn auf die imaginäre Liste, in der sie auch Connie schon eingetragen hatte, seitdem er den Blödsinn von der Rache an Zeke von sich gegeben hatte. Der Titel dieser Liste lautete nicht umsonst Zu dämlich zum Überleben.

Hitch immerhin, die war nicht so dämlich.

Der Hauptgefreite Levi geisterte zwischen den Reihen der Kundschafter umher. Als sein Pferd an Eren vorüber trottete, sprach dieser ihn an.

„Schmerzt das Bein nicht beim Reiten?"

„Mein Kopf schmerzt beim Klang deiner dummen Fragen", versetzte Levi trocken. „Bein hin oder her. Ich werde mir ansehen, wie du dich auf dieser Expedition schlagen wirst."

Eren schluckte. „Jawohl."

Levis Blick wanderte über den Jean-Trupp. „Diesmal zögerst du nicht. Diesmal entscheidest du. Und ziehst durch. Du nervst niemanden mit deiner Unentschlossenheit. Klar?"

„Jawohl..."

„Sag das richtig."

„Jawohl!", rief er, und mehrere Pferde ringsum legten erschrocken die Ohren an.

Und Erwin Smith sah, dass es gut war, und hob die Hand. Hielt sie dort, sekundenlang. Ließ sie niederschnellen.

„Achtundfünfzigste Expedition! VorWÄRTS!"

Gebrüll erhob sich rundherum, und Fäuste wurden in die Höhe gerissen. Eine Welle, die zuallererst bei den Kundschaftern hochschwappte und dann über die Garnisonssoldaten hinwegspülte bis hin zu den Reiters des Polizei-Trupps, wo sie erheblich zaghafter ausplätscherte.

Und Erwin Smith stieg vom Pferd. In aller Seelenruhe nahm er es am Halfter und führte es nach links, die Mauer entlang, zu einem der zahlreichen Lastenaufzüge. Seine Expeditions-Armee tat es ihm nach.

Denn auch jetzt wollte man die Tore nicht öffnen. Die 58. Expedition nahm den Lift.