Von Hunger umgeben.
Drei Stunden lang quietschten die Drehscheiben und ächzten die Seile, während die Lifte Mensch, Tier und Material über die Mauer hievten. Auf der einen Seite ging es himmelswärts, auf der anderen Seite dem Erdboden entgegen. Wer auf der Rose-Seite ankam, wurde sofort in Formation gescheucht. Ein quälend langsamer Start für die 58. Expedition, die sich sogleich den Blicken einer stetig wachsenden Menschenmenge gegenüber sah. Hunger leuchtete aus den Augen der Flüchtlinge, und ihre Blicke waren auf die Gepäckwagen gerichtet.
„Nie im Leben", knurrte Eren, „sind diese Leute auf halbe Ration gesetzt. Die sehen aus, als bekämen sie seit Tagen überhaupt nichts mehr!"
„Ist wohl nichtmals aus der Luft gegriffen", versetzte ein Gefreiter mit den Rosen der Mauer-Garnison auf der Uniform, „Die Militär-Polizei ist hier für die Versorgung zuständig. Und du willst gar nicht wissen, wie hoch der Preis für Lebensmittel ist. Vor allem unter der Hand."
Eren zischte einen Fluch zwischen aufeinander gepressten Zähnen hervor. „Verstehe. Da hätte ich echt nicht übel Lust, jemandem -..."
„Still." Hauptgegreifer Levi schaltete sich ein, ehe Eren weiter sprechen konnte. „Es spielt keine Rolle, wozu du Lust hast. Dies ist weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort für offene Worte. Oder eingetretene Zähne."
Wahrlich, es wäre ein wundervoller Auftakt geworden, hätte sich der selbstmörderische Bastard mit harschen Worten und geballten Fäusten auf den nächstbesten Polizisten gestürzt. Mikasa zog an Erens Ärmel. „Lass gut sein."
Ruppig machte er sich los. „Eine Scheiße ist das", knurrte er. „Eine fette, braune, dampfende Scheiße."
„Kühl dich ab, Hitzkopf", versetzte Levi erneut. Dem Hauptgefreiten gelang es stets, einen ungewöhnlichen Tonfall anzuschlagen: Kühl wie eine Schwertklinge war seine Stimme, ohne das Zischen und Fauchen von Wut, die er aber doch ohne Zweifel verspüren musste. Er hatte genauso geklungen, als er – ausgerechnet er – Annie Leonhardt darüber informiert hatte, dass sie die 58. Expedition begleiten würde.
„Soviel dazu, dass man mich nicht in die Kundschafter eingliedern will." Sie hatte nicht widerstehen können. „Habt Ihr keine Furcht, dass einer eurer Leute seinen Rachedurst stillen will und mir ein Schwert ins Kreuz jagt?"
Er hatte nicht gezuckt. Nur die blanke Eisklinge seiner Stimme gezeigt. „In Ausübung seiner Pflicht", hatte er gesagt, „steht einem Soldaten so etwas wie Rache nicht zu."
„So? Auge um Auge. So dreht sich die Welt."
„Nein. So wird die Welt nur blind." Er hatte sie angesehen wie ein bemitleidenswertes Kind. „Und dafür sind Sonnenschein und grünes Gras zu schön." Sie hatte nichts weiter gesagt.
Ein Büschel grünen Grases schwirrte scharf an ihrem Kopf vorbei. Ein Zweites mit dickem Wurzelballen platzte an Connies Kopf auseinander. Der Getroffene schrie auf.
„Au! Was denn! Ihr Säcke!"
Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Flüchtlingen gab sich nicht mehr damit zufrieden, nur zu glotzen. Mehr Grasbüschel, Erdklumpen und kleine Steine wurden bereits aufgelesen, und ein schmächtiger, junger Mann mit pockennarbigem Gesicht trat vor.
„Wir verhungern hier!", rief er und bog den Wurfarm zurück. „Und ihr stopft euch voll!" Seine wilden Augen suchten ein Ziel – und fanden es in Levi, der sich mit seinem weißen Kragen von der Masse der Uniformierten abhob. Er warf. Levi zog das Schwert. Und ließ den Stein am Knauf abdotzen, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen.
Connie bekam ein Büschel direkt ins Gesicht. „Au!"
Der pockennarbige Jugendliche nahm einen neuen Stein, als die Militär-Polizisten, die für das Lager zuständig waren, in Aktion traten. Ein Soldat mit Muskete kam von der Seite heran und schlug den Jugendlichen mit dem Kolben nieder. Er stürzte mit einem Schrei, der halb in blutigem Gurgeln unterging. Auch an anderen Stellen gingen Werfer zu Boden.
„Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?!", schnappte er die Menge an, während vereinzelt Hände nach den Verletzten griffen und in die Sicherheit der gesichtslosen Masse zurückzogen. „Ihr seid Gäste hier, ihr Pack! Seid dankbar für das, was man euch gibt!" Als er angeknurrt wurde, lud er die Muskete, indem er demonstrativ den Hahn spannte. Die Geste ließ die erste und zweite Reihe erschrocken zurückweichen, während die dritte Reihe jedoch stehen blieb und es zu hektischem Gedränge kam. Eine Frau stolperte plötzlich vor, auf den Polizisten zu, der abdrückte. Im letzten Moment riss er den Lauf jedoch hoch, und knallend schwirrte die Kugel himmelwärts.
Panik flammte auf wie ein Streichholz. Nun wich alles zurück, schiebend und stolpernd und hier und dort auch fallend. Menschen traten einander auf die Füße und Hände und ins Kreuz, während sich die wütende Menge zerstreute. Es roch scharf nach Schwarzpulver.
„Maria", flüsterte Historia. „Muss er wirklich schießen?"
„Doch nur in die Luft", erwiderte Ymir, als könne sie ihre Kameradin damit beruhigen. „Hier passiert schon nichts."
Annie war sich da nicht so sicher. In den Händen sehe ich noch jede Menge Steine.
Ein korpulenter Mann mit Halbglatze betrat den freien Raum zwischen Flüchtlingen und Soldaten-Formation, der so abupt größer geworden war. Als habe er eine Einladung zum Duell erhalten, lud der Polizist erneut.
„Abstand, Dieter", knurrte er, „Du willst kein drittes Nasenloch, nein?"
„Du schießt nicht auf mich, du Hundesohn." Der Angesprochene tat einen weiteren, entschlossenen Schritt und deutete mit dem Zeigefinger auf sein Gegenüber, als richte er eine Schwertspitze auf ihn. „Wir kriegen seit Tagen immer weniger zu essen, und wenn man höflich fragt, kriegt man nur Grinsen und Schulterzucken! Korrupte Schweine, ihr verscherbelt das Zeug doch oder fresst es selbst!"
„Wenn doch bloß wer den Ziegenfraß wollen würde", versetzte der Polizist, den Lauf seiner Waffe langsam ausrichtend. Er drückte den Kolben in seine Schulter und machte Anstalten, zu zielen. „Gib mir keinen Grund, Dieter. Ich flehe dich an, gib mir keinen."
Dieter sah aus, als wolle er ihm einen geben. Er öffnete den Mund und setzte zu einem weiteren Schritt an, doch er hielt inne, als ein einzelner Reiter sich aus der Formation löste und auf beide Männer zutrottete.
Erwin Smith hatte seinen Platz an der Spitze verlassen und brachte sein Pferd wenige Schritt von dem Mann namens Dieter zum Stehen.
„Ihr habt Beschwerden?", fragte er und wechselte einen Blick mit dem Polizisten. Dieser war offenbar mehr als zufrieden damit, dass ein Höherrangiger die Sache übernahm, ob der Kommandeur der Kundschafter nun zuständig war oder nicht, und ließ die Muskete sinken.
„Ja", knurrte Dieter, „Mehr an die schimmeligen Pferdeärsche von der Polizei. An einen flügellahmen Pfau könnte ich aber auch ein paar Worte richten!"
Irgendwo neben Annie holte jemand scharf Luft.
Erwin blieb unbewegt. „Ich verstehe."
„Ihr versteht?", bellte Dieter, „Ihr versteht einen Dreck! Ihr habt gute junge Leute vor die Mauern geschleift und den Titanen zum Fraß vorgeworfen, als alles noch gut und schön war, doch kaum gibt es mal etwas zu erreichen, etwas Echtes, etwas wie die Rückgewinnung von Rose oder Maria, da werdet ihr zu Feiglingen und Stubenhockern!"
„Wie Ihr seht, Herr... wie war Euer Name?"
„Dieter Vogelheyde, was auch immer es Euch angeht. Ich bin der stellvertretende Bürgermeister von Horbruche, die Leute hier vertrauen mir, und eigentlich seid ihr Aufklärer mir gerade mehr als gleich. Spart Eure Rechtfertigungen, holt uns unser Land zurück, so einfach!"
„Herr Vogelheyde. Nichts Geringeres werden wir tun." Erwin ließ sich in aller Seelenruhe aus dem Sattel gleiten. „Und für die Tode muss ich gerade stehen. Und auch knieen, um um Vergebung zu bitten." Und damit ging er wirklich auf die Kniee.
Erneut ein scharfes Luftholen. Diesmal war sich Annie ganz sicher, es zuordnen zu können. Als sie den Kopf drehte, hatte sich Hauptgefreiter Levi schon wieder völlig in der Gewalt.
Dieter Vogelheyde stand schwankend. „Ihr... Davon haben wir nichts", versetzte er brastig. „Von Eurer Vergebung können wir uns nichts kaufen, und wir können sie nicht essen."
„Das ist wahr. Aber dies." Erwin erhob sich wieder, in aller gemessenen Gemächlichkeit. Er wandte den Kopf, suchte die Reihen seiner Leute ab. „Kirstein."
Jean zuckte zusammen, als seien seinem Sattel plötzlich Nadeln gewachsen. „Jawohl, Herr Kommandeur!"
„Diese vier Gepäckwagen dort", der Kommandeur wies die Formation entlang zum Tross, „sollen den Rose-Flüchtlingen überlassen werden."
Jean blickte großäugig in die angegebene Richtung. „Ah... Ich soll ihnen sagen, dass -"
„Kümmere dich." Erwin stieg wieder in den Sattel.
„Herr Kommandeur, kann ich das bitte schriftlich kriegen?"
„Keine Zeit. Kein Papier. Wer sich beschwert, wende sich direkt an mich. Sag ihnen das, Truppleiter Kirstein." Erwin legte eine gewisse Betonung in den Rang, und Jean salutierte ohne weitere Widerworte. Nervös war er trotzdem noch. Sein Gesicht leuchtete mit einem so aufgeregten Rot, dass er eine mondlose Nacht hätte erhellen können.
Erwin wandte sich noch nicht zum Gehen, auch wenn er sein Pferd bereits dazu brachte, eine Drehung zu vollführen. Er blickte zu dem stellvertretenden Bürgermeister von Horbruche.
„Herr Vogelheyde. Ich authorisiere Sie dazu, die Verteilung der Lebensmittel eigenhändig zu übernehmen. Die Militär-Polizei muss damit nicht belästigt werden."
Der Angesprochene blinzelte. Dann ließ er sich zu der vagen Andeutung eines Grinsens hinreißen. „Ja, ich übernehme das."
Nicken. „Wer sich beschwert", sprach Erwin, als rezitiere er einen Zauberspruch, „wende sich direkt an mich." Damit ritt er ab.
Annie war sich nicht sicher, welchem Possenspiel sie gerade beigewohnt hatte. Es spielte aber wohl auch keine Rolle, ob sie verstand. Fest stand, dass für den Rest der Wartezeit keine Grasbüschel mehr flogen. Nicht nur Connie war dankbar dafür, der sich den Dreck aus den Haarstoppeln juckte.
Sie streckte die Hand nach seinem Ohr aus. „Du hast da noch Erde." Sie schnippte dagegen. „Jetzt weg."
„Au!"
Etwas später galloppierte Dirk Reineke, als Nachfolger des verschollenen Mike Zacharius zum Abteilungsleiter ernannt, an den Reihen der Soldaten entlang.
„Aufrödeln, ihr Tagediebe!", brüllte er, während eine Staubwolke ihm nachfolgte, „Aufrödeln! Zieht eure Köpfe aus euren Ärschen! Es geht los! Los! LOS – LOS - LOS!"
Und es ging los.
Ein seltsames Gefühl war es, plötzlich Teil einer Formation zu sein, die sie vor kurzem noch von außen betrachtet und dann in Fetzen gerissen hatte. Annie Leonhardt hatte all die kleinen Reitergrüppchen gesehen, die Rauchzeichen, und es als chaotisches Gewimmel empfunden. Nun aber steckte sie mitten drin, und weil sie die Flügel der Kundschafter auf eine grünen Umhang trug, glaubten etliche Nicht-Kundschafter, sie mit Fragen bombardieren zu dürfen.
„Ich sehe Grün. Grün! Titan? Titan?" Ein Gefreiter der Mauer-Garnison wurde käsig im Gesicht, zum dritten Mal innerhalb von zwei Richtungswechseln.
Annie hatte keine Lust mehr, zu reagieren. Doch Historia zeigte die Geduld eines Pferdes.
„Nein. In die Richtung sollen wir. In die da. Und wir feuern selbst eine Grüne ab."
Der Gefreite nickte, lud die Pistole. Richtete sie nach oben – und erschrak, weil Annie ihn am Ärmel zog.
„Grün", zischte sie, „Kennst du Grün? Du hast Schwarz geladen."
„Ah!", machte der Gefreite, „Ich hab mich vergriffen! Wofür war Schwarz noch gleich?"
„Für Abnormale", sagte Annie. Sie spürte Historias Blick auf der Wange und erwiderte ihn schulterzuckend.
Die Kundschafter leisteten ihren Dienst an den Frontlinien der Formation. Seit der letzten Expedition war das Regiment jedoch nichtmals mehr truppenstark genug, um sämtliche Linien abzudecken, und so hatte man die Regimenter gemischt.
„Faustregel", hatte Dirk erklärt, „ist, dass wenigstens zwei Kundschafter in einer Gruppe sind. Heißt: Wenigstens zwei, die wissen, wie sie sich in dieser Formation zu verhalten haben!"
Truppenbewegung war nicht so einfach, wie man es sich vorstellen mochte. Die Formation war zum Erkunden, Entdecken und Vermeiden gedacht, was einen gewissen Puffer zwischen Spähern und zu schützendem Tross nötig machte. Ohne einander zu sehen, musste sich ein Soldat auf sein Gefühl verlassen: Wie schnell oder langsam konnte oder sollte er reiten, ohne vorzupreschen oder zurückzubleiben? In welchem Winkel sollte er nach links oder rechts schwenken, um die Formation nicht krumm und schief zu machen? Und wer glaubte, dass die Sache mit der Farbenlehre kein Gefahrenpotenzial haben dürfte, der hatte noch nie mit jungen Soldaten auf dem ersten echten Einsatz gearbeitet.
Zum Glück für Annie hatte Historia das richtige Gefühl. Zum Glück für die Formation gab es im Rose-Territorium nur wenige Titanen. Zu ihrem Pech gab es Pieck.
War der Weibliche Titan das Schreckgespenst der 57. Expedition gewesen, so wurde der Vierbeinige Titan zur Spukerscheinung der 58.. Seine Ausdauer und Geschwindigkeit machte ihn zu einem Falken unter Tauben, und er versetzte Mensch und Tier gleichermaßen in Angst und Schrecken. Aus den grünen Hügeltälern und dichten Forstbeständen schoss er hervor und verschwand wieder. Beim ersten Mal traf es die linke Flanke, wo er einen Reiter vom Pferd biss und zwei weitere niedertrampelte. Beim zweiten Mal platzte er im Zentrum der Formation aus einem Maisfeld hervor, attackierte den Tross und schleuderte drei Wagen samt Zugtieren wie Spielzeug umher, ehe ein entschlossener Angriff der Garnisons-Soldaten ihn vertrieb. Beim dritten Mal traf er auf Mikasa, und traumatisierte Polizei-Gefreite berichteten.
„Sie – sie – sie verschwand in seinem Maul. Und kam zur Kehle wieder raus!"
„Blut", röchelte der andere, „So viel... so viel..." Sie sahen aus, als wollten sie sich am liebsten aneinander festhalten.
„Ich habe einen halben Wirbel zuviel gemacht", sagte Mikasa betrübt, „und kam unten wieder heraus, anstatt oben."
„Schäm dich", kam es von Connie, der nur den Kopf schüttelte. „Da verlässt man sich einmal auf dich, und dann das."
„Beim nächsten Mal wird es besser klappen", sagte Mikasa.
„Das wollen wir hoffen!"
Die beiden Polizei-Gefreiten starrten den Stoppelkopf an.
„Wie er mit ihr redet", flüsterte der Eine.
„Er muss noch stärker sein als sie", wisperte der Andere.
„Die sind alle wahnsinnig."
„Ich will wieder nach Hause."
Der Hauptgefreite Levi war ebenfalls da. „Hast du die Klinge so gehalten, wie ich es dir gezeigt habe?", fragte er, und zur Antwort nahm Mikasa das rechte Schwert im Dolchgriff. „Gut genug. Weitermachen."
„Auf ein Wort, Erwin."
Dicht hinter der Spitze der Formation erhielt Erwin Smith Besuch. Er warf der Befehlshaberin der Militär-Polizei einen Schulterblick zu.
„Schultz."
„Darf ich mich zu dir gesellen und ein wenig plaudern?" Elena Schultz schloss zu ihm auf, ohne eine Antwort abzuwarten. „Du bist ein ausgezeichneter Regisseur, weißt du? Du solltest zum Theater gehen."
„So?" Erwin fuhr fort, den Horizont ringsum methodisch nach Rauchzeichen abzusuchen, auf die es vielleicht zu reagieren galt. Der Weg führte zwischen goldgelben Weizenfeldern hindurch. Hier und da war das Getreide bereits geerntet worden, doch die Bündel und das Arbeitsgerät lagen verstreut auf den Stoppelfeldern, als die Bauern in aller Eile geflohen waren.
„Ich rede von deinem kleinen Stück vor dem Tor. Der milden Gabe an die Flüchtlinge. Eine rührende Geste – und eine ziemliche Dreistigkeit." Sie lachte ein wenig. „Immerhin, wessen Proviant hast du da verschenkt? Aus deiner Vorratskammer ist er nicht, das weiß ich. Nile Dawk ist derjenige, der diese Expedition ausstattete. Euch Kundschafter haben die Unterstützer verlassen, seit der letzten Expedition. Seit deiner letzten, großen Niederlage." Ihre Stimme senkte sich aufs Letzte hin, nahm eine fast knurrende Klangfarbe an. „Du verstehst, Smith?"
Er verstand. Der Groll hatte herzlich wenig mit der Dreistigkeit zu tun, die er sich geleistet hatte.
„Es tut mir leid", erwiderte Erwin einfach, „für den Verlust deines Bruders."
„Das sollte es." Elena nickte harsch. Funkelte auch die Soldaten an, welche im Augenblick die Leibgarde des Kommandeurs bildeten und sie bereits unruhig anschauten. „Ich bin nicht wütend, weil Günther sein Leben ließ, Smith. Ich bin wütend, weil ich glaube, dass er verheizt wurde."
Erwin Smiths Miene war steinern. Er richtete den Blick voraus, nur voraus. „Viele Leute sind auf der letzten Expedition gestorben. In Ausübung ihrer Pflicht."
„Vielleicht. Doch glaube ich, nicht nur seine Pflicht brachte Günther um. Hat nicht auch der Titanenjunge damit zu tun?"
Erwin rührte keinen Muskel. „Niemand, der noch bei uns ist, weiß, wie Günther starb."
„Ich habe Briefe, Smith. Günther schrieb mir, und er empfand den Titanenjungen so stabil wie nasses Schießpulver." Als der Kommandeur darauf nicht reagierte, legte sie nach: „Der Monsterbengel war deine große Gelegenheit, oder so dachtest du zumindest, nicht wahr? Du wurdest gierig und marschiertest los, und dann drehte er vermutlich durch, und ihr musstet ihn erledigen wie jeden anderen Titanen auch. So stelle ich es mir vor."
Erwin lud in gemächlicher Routine seine Signalpistole. Inzwischen hatten sie die Stoppelfelder hinter sich gelassen, und weit voraus kreuzte ein Fluss. „Wenn ich dir sage, dass es nicht so war, wirst du mir nicht glauben, also sage ich stattdessen: Für dieses Gespräch hättest du dich nicht hier hinausbewegen müssen. - Orloff, irgendwelches Rot zu sehen?"
„Kein Rot, kein Schwarz", erwiderte der angesprochene Soldat. „Luft ist rein."
Links schwenken." Erwin jagte eine grüne Rauchfahne in die Höhe, und die ganze Gruppe vollzog den Richtungswechsel, während hinter ihnen mehr grüne Säulen in den Himmel stiegen.
Elena grinste freudlos. „Um keine Antwort verlegen. Ja, für diese aalglatte Art hätte ich mich nicht auf ein Pferd setzen müssen. Tat ich auch nicht, seie beruhigt. Ich habe einen besseren Grund. Du solltest zum Theater gehen, Smith, doch deine Soldaten nimmst du besser nicht mit; sie sind keine guten Schauspieler. Dort hinter uns benimmt sich ein kriechendes Untier abnormaler als jeder Abnormale, von dem ich je hörte, und wenn ich deine Leute frage, dann drucksen ein paar von ihnen gar seltsam herum."
„So?"
„Ich wüßte gern, was hier gespielt wird." Sie brachte ihr Pferd noch ein wenig weiter nach vorn, noch etwas näher an das des Kommandeurs. „Zuerst stellst du dich förmlich tot, um einer Anhörung vor den Herren mit den großen Hüten zu entgehen. Und nun reitest du höchstpersönlich aus. Das Tribunal wird dir bei deiner Rückkehr zu der unerwartet raschen Genesung gratulieren."
Erwin nickte knapp. „Ich werde die Gratulation dankend annehmen. Und für all meine Taten Rede und Antwort stehen." Er warf ihr einen Blick zu. „Für all meine Taten."
„Inklusive dem, was wir hier erreichen, nicht?", hob Elena hervor. „Du hast etwas vor. Alles hier ist seltsam. Mit einbegriffen der Anweisungen, die ihr ausgeteilt habt." Sie zupfte ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Brusttasche. „Das hier zum Beispiel: Es ist strengstens untersagt, aus nicht authorisierten Quellen zu trinken. Was soll das heißen? Gibt es neuerdings Titanen, die Brunnen vergiften, oder was? Ich will wissen, was hier gespielt wird."
„Ich dachte, du wolltest deiner Trauer Ausdruck verleihen?"
„Oh, das tat ich ja gerade. Nun möchte ich produktiv werden." Elena legte demonstrativ die Hand an einen Waffengriff. „Lass mich teilhaben an dem, was du hier wirklich vorhast, Smith."
„Du wirst mir nicht glauben."
Ihre Mundwinkel zuckten belustigt. „Versuch es."
„Was würdest du sagen, wenn ich dir verrate, dass der Feind menschlicher Natur ist?"
Sie hob die Augenbrauen. „Ich würde sagen, erzähl mir mehr."
„Irgendwas ist seltsam." Armin hatte wieder seine Denkermiene aufgesetzt.
„Und es geht wieder los." Jean legte die Hand auf die gefurchte Stirn.
„Was denn?", rief der Blondschopf aus.
„Du hast schon wieder was ausgebrütet, oder? Ist in deinem Köpfchen schon wieder ein Küken geschlüpft?"
Verunsichert starrte Armin zu seinem Kameraden. „Ich... Irgendwie ja, aber warum klingst du, als wär das schlecht!"
„Nur so." Jean grinste schief. „Ich wünschte, dir wäre nichts aufgefallen. Denn dann müsste ich mir ausnahmsweise nur über Probleme Gedanken machen, mit denen ich rechne. Du bringst immer Probleme auf den Tisch, die völlig aus dem Nichts kommen."
Sasha ritt neben den beiden. „Tut er?"
„Tut er." Jean riss dramatisch die Hände in die Höhe. „Jean! Dieser Abnormale ist ein Mensch in Titanenform! Sie will Eren! Was will sie nur mit ihm! Nein, was wollen SIE nur mit ihm! - Ich dachte nur daran, heil von A nach B zu kommen, und er kommt mit sowas."
„Aber es war doch so!", protestierte Armin heftig. „Es war so!"
„Ich weiß ja." Jean verbarg ein Lachen. „Sag halt, was dir aufgefallen ist."
„Die Gepäckwagen."
„Was ist damit?"
„Wir haben zu wenige."
Sasha horchte auf. „Wir haben zu wenig Essen?"
Jean gab ihr mit einer harschen Handbewegung zu verstehen, sie solle sich beruhigen. Da dies nichts nutzte, langte er in die Brusttasche seiner Uniform und holte ein Stück getrockneten Apfel hervor. Er warf es, und Sasha fing es mit dem Mund, aus der Luft. „Zu wenige? Woher weißt du sowas? Hast du mal im Nachschub gedient, ohne dass ich es mitbekam, oder was?"
„Ich habe die Anzahl der Gepäckwagen mit der vom letzten Mal verglichen", erwiderte Armin, und ein emsiges Funkeln trat in seine saphirblauen Äuglein. „Und in Relation mit unserer Truppenstärke gesetzt. Mit eingerechnet habe ich, dass während der 57. Expedition einige Wagen die Artillerie transportierten. Gehen wir davon aus, dass es diesmal nicht so ist, und halten die Zahlen aneinander, dann – dann haben wir nur etwas mehr als beim letzten Mal!"
„Was frag ich auch", murmelte Jean, ehe er ernster wurde. „In Ordnung, etwas mehr als beim letzten Mal? Dann haben wir echt zu wenig. Wir wollen schließlich mehrere Tage unterwegs sein, und auf der letzten Runde waren wir – Oh." Er stockte. Runzelte die Stirn. „Bei der letzten Runde waren wir kaum einen Tag unterwegs."
„Und so war es von Anfang an geplant." Armin nickte aufgeregt.
„Na scheiße." Jean seufzte. „Etwas Schlimmes wird passieren. Ich wußte es. Ich wußte es."
Als die Dämmerung hereinbrach, marschierte die Expedition auf Horbruche.
Horbruche war einst als Holzfäller-Siedlung gegründet worden, in die schattige Senke einer waldigen Hügelkette geschmiegt wie eine Katze in ein riesiges Kissen. Inzwischen hatte sich das Örtchen weitere Möglichkeiten erschlossen und besaß nicht nur eine Sägemühle zum Verarbeiten des Holzes, sondern auch einen Steinbruch. Verarbeitet wurden die gewonnenen Rohstoffe etwa zu Mühl- oder Bausteinen, und dies geschah durch Windkraft: Auf den umgebenden Hügeln saßen zahlreiche Windmühlen, und ihre Flügel trieben Hammerwerke an, welche Stein in Form schlagen konnten. Transportiert wurde das alles per Schiff, in der guten alten Zeit selbst bis nach Maria, denn am Fuße dieser Hügel lag der Fluss, dem die Expedition gefolgt war, in seinem Bett. Und am Ufer dieses Flusses standen riesige Lagerhallen, ebenfalls von einer kleinen Siedlung umgeben.
Diese Lagerhallen erweckten als allererstes die Aufmerksamkeit der 58. Expedition, denn schon von Weitem konnte man sehen, dass sie zu großen Teilen eingerissen waren. Späher wurden hineingeschickt, und sie entdeckten, dass die Hallen nicht nur zerstört waren, sondern sogar leer, wie zerschlagene und geplünderte Schatztruhen.
„Hätten hier nicht Sachen liegen sollen?", fragte Sasha. „Ich meine, hier wurde doch Zeug zum Verkaufen gelagert."
„Ein letzter großer Ausverkauf vielleicht", schlug Jean im Scherz vor, während er durch eine der Hallen marschierte, die noch intakt waren, vom abgedeckten Dach abgesehen, „vor der Evakuierung. Und dann kamen die Titanen und randalierten ein bisschen. Warum nicht?"
Armin, der neben ihm ging, deutete mit dem Daumen über die Schulter, zum offenen Tor hinaus. „Horbruche wurde mit Schiffen geräumt – rund fünfhundert Personen, mit dem Nötigsten bepackt, haben die Ladekapazitäten sicherlich bis zum Äußersten belastet. Zählen wir die Anlegestellen und gehen davon aus, dass es nicht zu jeder ein Schiff gibt, dann haben wir -"
„Armin." Jean unterbrach den Blonden mit erhobener Hand. „Eines Tages, da wirst du eine Familie gründen, und ich sehe es voraus: Deine Frau will dich mit ihrer Schwangerschaft überraschen, doch du wirst es weit im Voraus bemerken." Er räusperte sich, riss die Augen weit auf und verzerrte sein Gesicht zu einer Grimasse. „Schatz! Du hast mehr Gurken als gewöhnlich gekauft! Das muss etwas bedeuten!"
Armin blinzelte verdattert, während Sasha begeistert ansprang.
„Ich will auch. Schatz! Du... du..." Sie kam ins Grübeln. „Du hast mehr Windeln gekauft als – Nein, das passt nicht..."
„Ich sag doch nur, was ich sehe!", rief Armin aus. „Was macht ihr euch lustig?"
„Ist gut. Ist gut." Jean winkte ab. „Gehen wir und machen Meldung."
Sie hatten nach Titanen und deren Spuren suchen sollen. Sie hatten stattdessen ein kleines Rätsel gefunden. Als sie sich anschickten, die Lagerhalle zu verlassen, ertönte eine Stimme vom Eingang her.
„Ein Wurm, ein Wurm", säuselte Ymir, die den Wortwechsel wohl gehört haben musste und sich nun gegen die Kante des Tores lehnte, „Ein Bücherwurm, seine Kartoffel und seine Bohnenstange." Sie grinste schmal. „Tut mir leid, du bist so trist. Für dich fällt mir nie was ein."
Jean knirschte ein wenig mit den Zähnen. Doch dann atmete er tief durch und tat die Frotzelei mit einem Schulterzucken ab. „Gibts was Bestimmtes, Ymir?"
„Was Schönes", erwiderte Ymir dunkel. „Was Spaßiges. Ich soll es euch allen zeigen."
„Ach ja?"
An den Stegen hatte sich bereits eine Gruppe versammelt, fast komplett in kundschaftergünen Umhängen. Jean sah Connie, der vor Historia und Annie stand und mit weit ausholenden Bewegungen etwas beschrieb, das offenbar auf vier Beinen umherstapfte. Er schob sich auch die Zeigefinger in die Mundwinkel und zog sie breit, als wolle er ein Monster mit riesigem Maul darstellen. Annie sagte etwas, was wegen dem allgemeinen Gemurmel nicht bis an Jeans Ohren drang. Connies Antwort aber war lauter.
„Auch ein Mädchen?!"
Wie schön, dachte Jean, dass wir alle noch leben. Er erspähte einen Schopf straßenköterblonden Haares und wollte sich schon zu der Gruppe gesellen, doch Ymir verlangte Aufmerksamkeit und pfiff herrisch, sodass das Gemurmel verstummte und sich alle Köpfe ihr zudrehten.
Ymir winkte und marschierte los, und alles folgte ihr.
„Aufgemerkt und aufgehorcht", sprach Ymir, während sie die Gruppe an den Stegen entlang und um die Ecke der Lagerhaus-Reihe herum führte, „Ich präsentiere: Den Lastenträger-Titan!"
Es war kein Titan. Es war ein Bild. Es war eine Schmiererei an der Hauswand, und sie zog sich hoch vom Boden bis zum Dach. Ein muskelbepackter Titan, in dicken Linien gemalt, schleppte Wackersteine, die auf dem Bild eher wie graue Spielbälle aussahen, und meterlange Holzbalken, die er gebündelt trug wie Reisig. Sein Körper zeigte kräftiges Rot, und mattgolden waren Vierecke darauf gemalt.
Darunter hatte jemand in schwungvoller Schrift hinterlassen: Der Streiter des Wahren Königs! Ehrung und Huldigung!
„Wunderbar", murmelte Jean, „Noch so ein Gekritzel."
„Soll er das sein?" Jemand zog ihm am Ärmel. „Sag mir nicht, dass er das sein soll, Jean..."
„Leider doch, Alica. Leider doch."
Vor ihm warf Annie einen Schulterblick an ihm vorbei zu dem Mädchen, das die Frage gestellt hatte. Sie zog die Stirn kraus, offenbar auf der Suche nach einem Namen. Dann wurde sie fündig.
„Ach", machte sie, „Winter."
Nachwort des Autors:
An dieser Stelle möchte ich mich bei Reginleif dafür bedanken, dass sie mir stets so tüchtig in den Hintern tritt und mich zum Schreiben treibt, selbst wenn ich mal nicht in der Goldenen Stimmung bin (was irgendwie sehr oft ist). Ohne sie wären wir vermutlich noch in Utgard.
Ihr eigener OC Alica Winter steigt nun in die freundliche Runde ein. Ich empfehle einem Jedem, der es noch nicht kennt, ihr eigenes Werk „Memento Mori". Es lohnt sich.
