Noch in derselben Nacht, in der sie die zerstörten Lagerhäuser am Fluss gefunden hatten, nahmen die Soldaten der 58. Expedition Horbruche selbst in Angriff.

Im fahlen Licht von tausenden Sternen und einer Mondsichel hatte der Jean-Trupp eine der Hügelspitzen bestiegen, die Horbruche umgaben. Es gab fünf von ihnen, mit Windmühlen gekrönt. Die Nacht war klar, aber auch kühl, doch bei der Kraxelei am Hang waren sie trotzdem alle ins Schwitzen gekommen. Nun, da sie ihren Posten auf dem schrägen Ziegeldach „ihrer" Windmühle bezogen hatten, haderte Jean damit, ob er seinen Umhang ablegen sollte oder nicht. Es war ihm so widerlich warm, doch wenn er den Stoff anhob, gab er die klammen, nassen Körperstellen der Nachtluft preis, und das war auch nicht angenehm.

Nicht, dass er diese Momente im Leben eines Soldaten nicht längst kannte. Die Ausbildung war voll davon gewesen. Doch da war es vor allem die Langeweile gewesen, die an ihm genagt hatte, und der Wunsch, die Übung ginge endlich vorbei und er könne sich in den Schlafsack mummeln. Oder besser noch, in sein Bett in den Baracken. Heute aber? Die 57. Expedition hatte keine einzige Nacht im Freien verbringen müssen, so schnell war sie abgebrochen worden. Diese Unternehmung brachte den neuen Schrecken, der mit der Dunkelheit im Feindesland kam.

Jean sah auf die Uhr. „Signal."

Direkt neben ihm hielt Armin eine Laterne bereit. Er lupfte das schwarze Seidentuch, welches das Licht bedeckte wie eine Haube. Einmal, zweimal, dreimal.

Gipfel Zwei, wie sie die Hügelspitze direkt gegenüber getauft hatten, gab mit flackernden Lichtern Antwort. Danach aber blickten sie wieder in die schwarze Nacht im Bergkessel und die tiefblaue Nacht über ihnen. Die übrigen Gipfel blieben dunkel und stumm.

Wir waren wohl echt schnell, dachte Jean bei sich. Die anderen Trupps sind noch beim Kraxeln. Er klammerte sich an dieser Möglichkeit fest und hielt andere, weniger schöne Alternativen fern. Der Aufstieg war ihnen so gut geglückt wegen ihrer Pfadfinderin: Sasha hatte sich durch diese Dunkelheit, durch dieses fremde Gelände bewegt wie durch den eigenen Garten zur Mittagszeit.

Hinter ihm zankten die Mädels.

„Ihr müsst ganz atemlos sprechen", hatte Sasha ihnen gesagt. „Als würdet ihr hecheln. Nicht einfach nur flüstern. Nachts tragen die Worte zu weit."

Das Ergebnis war ... fast schon komisch. Die fünf Diskutierenden fauchten einander mehr oder minder an wie Katzen. Selbst Historia, die noch den kühlsten Kopf bewahrte.

Der Streit war schon angefacht worden, da hatten sie noch unten bei den Lagerhäusern gestanden, wo inzwischen der Großteil der Mauergarnison ihre Aufgabe erfüllte: Jeder Soldat machte Lärm für Drei. Sie schlugen ein Lager auf und veranstalteten dabei ein Gerümpel und Geschepper, als befänden sie sich auf einem Vergnügungsritt. Geräuschtarnung durch Krach. Ablenkung des Feindes vor der wahren Bedrohung.

Alica hatte dort unten gefragt, ob die Kritzelei des Gepanzerten Titanen etwas zu bedeuten hätte. Ob Reiner ganz in der Nähe sei. Das Energische in ihrer Stimme hatte dabei Annie auf den Plan gerufen.

„Hoffen wir es", hatte sie grimmig erklärt, „Je schneller wir auf den Feind treffen, umso schneller ist diese Unternehmung beendet."

Nicht nur Alica hatte es gewurmt, Reiner so offen als Feind bezeichnet zu hören. Das Auftauchen von Trupps aus der Militär-Polizei hatte eine Diskussion zumindest verzögert, und nur etwas später waren neue Befehle zur Eroberung von Horbruche ausgeteilt worden.

„Diplomatie scheiterte beim letzten Mal", zischte Annie gerade halsstarrig, „Diplomatie wird wieder scheitern."

„Versuchen kann man es wenigstens", wisperte Alica. „Warum tust du so, als müssten wir ihn so schnell wie möglich umbringen? Jean sagt, dass Eren ihn problemlos auf den Boden nageln konnte – und wenn er das kann, dann du sowieso."

„Und während einer von uns ihn im Schwitzkasten hält, toben sich die übrigen Gegner an der Truppe aus."

„Als wären wir so wehrlos. Wir haben nicht nur Eren und dich, sondern auch sie" - Alica zeigte auf Mikasa - „und sie." Sie deutete auf Ymir, die triumphierend grinste. Im Gegensatz zu Mikasa, welche von dem Lob unberührt blieb. Und sogar so weit ging, leicht in Annies Richtung zu nicken.

„Meiner Meinung nach hat sie recht", sagte die Schwarzhaarige. Rundherum verdrehten sich Connie, Sasha und Eren, welche an den Rändern des Daches die Umgebung nach West, Nord und Süd im Blick behielten, die Hälse wie aufgeschreckte Waldkäuze. „Wir haben bereits mit ihm zu reden versucht, bei Utgard. Hätten wir uns stattdessen darauf konzentriert, ihn aus seinem Nacken zu schneiden, wäre vermutlich alles anders gekommen."

„So aber", fügte Annie trocken hinzu, „ist euch Berthold auf den Kopf gefallen."

Jean schielte immer wieder zu der Runde hin. Er sah Alicas Gesicht im Profil, mit angespanntem Kiefer und gefurchter Stirn.

„Ihr zwei", versetzte sie leise. „Darin seid ihr euch einig. Ihr seid wie Hämmer. Für euch sieht alles wie ein Nagel zum Einschlagen aus."

„Oh, ich wundere mich selbst", säuselte Annie bissig, „dass Ackerman und ich einer Meinung sind. Doch beschweren tue ich mich nicht."

Jean sah mit stillem Seufzer auf die Uhr. Im fahlen Licht der Gestirne ließen sich gerade so die schwarzen Zeiger auf dem weißem Ziffernblatt ausmachen. „Signal."

Armin lupfte gehorsam das schwarze Seidentuch. Einmal, zweimal, nochmal.

Gipfel Eins und Zwei antworteten. Gipfel Drei und Vier blieben dunkel.

Immerhin etwas.

Während Armin die Botschaft aus Licht geschickt hatte, war es auf dem ganzen Dach ruhig geworden. Aller Augen waren zu den Gipfeln gewandert und hatten verfolgt, wer antwortete und wer noch nicht. Als klar wurde, dass die Erstürmung sich noch um mindestens fünf Minuten verzögern würde, begann das gewisperte Streitgespräch von Neuem.

„In aller Ehrlichkeit." Nun hob Historia die Hand, mit der weichen Stimme ihrer besten Rolle, der Schlichterin. „Bei Utgard hatte ich gewiss nicht den Eindruck, dass wir nur Zeit verschwendet hätten. Reiner hat schließlich geantwortet, er hat nicht reagiert wie ein Feind. Wer weiß, was im nächsten Moment passiert wäre, wenn Berthold nicht vom Himmel gefallen wäre."

„Doch er ist vom Himmel gefallen", hielt Annie kühl dagegen. „Und wenn Reiner wirklich dort unten ist, dann ist er auch diesmal nicht allein. Vielleicht fällt nicht gerade der Koloss vom Himmel, aber irgendwas anderes ganz sicher."

Diese Anspielung verstanden inzwischen alle. Jean, der mit halbem Ohr zuhörte, oder vielleicht sogar mit weit mehr als nur halbem Ohr, dachte an die Gespräche im Untergrund von Stohess. Sie hatten über die verschiedenen Titanen geredet, über deren Stärken und Schwächen.

„Ich wollts gerade sagen", kam es nun von Ymir. „Heute nacht wird es garantiert keine Be-Bombe geben. Die Gefahr, Eren umzubringen, ist zu hoch, oder etwa nicht?" Sie deutete mit dem Daumen über die Schulter zu Horbruche hin. „Schau dieses Kaff in seiner Senke an, es ist darin wie in einem Kessel."

Be-Bombe. Jean erschauerte. So hatten sie Bertholds explosives Potenzial getauft, und als Hanji im Vorbeigehen diesen Ausdruck bei ihm aufgeschnappt hatte, hatte sie ihn herbei gepfiffen und gefragt, ob er plötzlich stottere. Mit schamrotem Gesicht hatte er es der Abteilungsleiterin erklären müssen. Das hatte ihr wiederum gefallen. Hanji war sogar beunruhigend begeistert gewesen und verwendete den Ausdruck nun selbst.

Annie wandte sich an Ymir. „Gerade du weißt, dass noch gänzlich andere Probleme auf uns warten."

„Dann überlass Reiner halt einfach mir?"

Die blonde Wandlerin schnaubte. „Nichts gegen dich, Ymir, doch … Nein."

Ymirs Stirn kräuselte sich vor leichtem Ärger. Ihre nächsten Worte klangen verschnupft. „Das Näschen ist ein bisschen sehr abschätzig, oder? Als ich bei Utgard Eren für dich holen sollte wie ein Hund einen Stock, da war ich gut genug, aber nun genüge ich dir nicht mehr." Sie hob die eigene Hand, streckte die Finger klauenartig empor und blickte durch die Lücken hindurch in die Runde. „Mein Titan ist doch ähnlich stolz auf seine Krallen wie dein Titan auf seinen Kristall, oder nicht? Wer weiß, vielleicht können es meine Krallen mit Reiners Panzer aufnehmen?" Sie lächelte herausfordernd. „Vielleicht sogar mit deinem Kristall, wer weiß?"

Über Annies Gesichtszüge wanderte ein flüchtiger Schatten. Vielleicht war sie empört wegen Ymirs dreister Prahlerei. „Wärst du wie Marcel, dann wärst du nützlich, ja."

„Na komm." Ymir beugte sich etwas vor. „Titan ist Titan."

„Du bist wie ein Welpe, der sich mit einem Wolf vergleicht."

„Ah, aber auch ein Welpe ist ein Wolf, wenn auch ein Kleiner."

Währenddessen fuhr sich Alica frustriert durch das straßenköterblonde Haar, das in ihrem Nacken zu einem Zopf zusammenlief. „Das Reißen von Witzen könnt ihr euch doch wohl sparen, oder?"

„Es ist, wie es ist." Annie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du scheinst mir einfach nur wild darauf", erwiderte Alica traurig, „zu kämpfen und zu töten. Weil es alles ist, was du kannst."

Annie tauschte einen langen Blick mit Eren, der sich gerade wieder nach ihnen umgedreht hatte.

„Mag sein", entgegnete sie langsam. „Diese Unterhaltung ist dennoch nutzlos. Ich habe euch allen erklärt, dass die Außenwelt Reiner und Berthold in der Hand hält. Marley hat ihre Herzen, ihre Seelen und ihre Loyalität, denn es hat ihre Familien."

Für einen langen Moment herrschte eine Stille, die in den Ohren klingelte. Dann drehte sich Connie halb zu ihnen um.

„Ich … ich mag ihnen trotzdem noch ein letzte Chance geben", sagte er, und er sprach sogar weiter, selbst als ein scharfer Blick seitens Annie ihn zusammenzucken ließ. „Zumindest, wenn es irgendwie möglich ist. Vor allem auch Berthold. Mit ihm haben wir noch gar nicht wirklich … naja, ihr wisst schon?"

„Ja." Jean erhob sich daraufhin, einem aus tiefster Seele hochflammenden Impuls folgend. „Und darum werden wir auch versuchen, mit ihnen zu reden. Definitiv. So entscheide ich als Leiter dieser Truppe." Er blickte reihum, sah fast überall Nicken und Zustimmung.

Mikasa und Annie verzogen säuerlich die Gesichter. Die Eine zog den Schal bis zur Nasenspitze, die Andere stülpte sich die Kapuze über den Kopf.

„Fein", sagte Annie grimmig, „Wer den Tod sucht, den soll man ja nicht aufhalten."

Jean bemerkte als Einziger, wie Alica daraufhin ein ganz klein wenig zusammenzuckte. Er sah auf die Uhr. „Signal", murmelte er tonlos.

Armin lupfte das schwarze Seidentuch. Einmal, nochmal, nochmal. Und holte scharf Luft.

Jean sah es ebenfalls. „Bereitschaft", sagte er, „herstellen. Los."

Denn alle Gipfel antworteten.

Der Trupp teilte sich in kleinere Mannschaften auf, welche schon zuvor bei den Lagerhallen festgelegt worden waren. Zwei Dreier- und eine Vierer-Gruppe hatten es sein müssen, und Jean hatte besondere Instruktionen erhalten, welche das Einteilen zu einem besonderen Spaß gemacht hatten. Es war ein ziemlicher Akt gewesen.

„Alsdann", hatte er angehoben und dabei versucht, so stoisch und entschlossen zu klingen wie all die dienstälteren Truppleiter, „Wir bilden drei Untergruppen. Mikasa, Annie und ich wählen reihum."

Eren hatte sofort die Hand hochgerissen. „Warum gerade ihr drei?" In seiner Stimme hatte ein Hauch von Neid mitgeschwungen.

„Wir gehen nach Platzierung der Jahrgangsbesten", hatte Jean betont sachlich erwidert, „und ehe du noch was einwirfst: Als Truppleiter habe ich eine Sondererlaubnis."

„Ich", meldete sich Mikasa zu Wort, „darf demnach zuerst?"

Eren wollte noch etwas sagen, doch Jean schnitt ihm das Wort ab. „Ja, fang an."

„Dann wähle ich Eren."

Jean nickte und blickte zu Annie, während Eren sich zu Mikasa gesellte. Die blonde Wandlerin schaute sich mit gerunzelter Stirn um.

„Historia."

Historia setzte sich sofort in Bewegung – unter allgemeiner Verwirrung gefolgt von Ymir. „Das Näschen zieht das Glückslos", erklärte diese, breit grinsend und im Brustton der Überzeugung, „Sie zieht die süße Historia und bekommt eine Ymir obendrein." Ihr Blick wurde eisig, als als Jean den Mund aufmachte. „Was denn, Kirschstein? Diesmal trennt mich nichts von meinem Liebling."

„Ich fürchte, doch", erwiderte Jean, nachdem er tief Luft geholt hatte. Innerlich stählte er sich gegen das Kommende. „Nur ein Wandler pro Mannschaft, Anweisung von Abteilungsleiterin Hanji."

Ymir fiel fast die Kinnlade aus dem Gesicht. „Moment, dann ... bleibst nur du für mich?"

„Offenbar", erwiderte er zähneknirschend und ließ seine Genervtheit stärker durchklingen, als er gewollt hatte.

„Jean, bitte."

„Keine Diskussion. Benimm dich einmal etwas disziplinierter."

Nun verfiel Ymir offenbar in verzweifelte Theatralik. „Du wirst zum Tyrann, Jean. Die Macht deines Ranges ist dir zu Kopf gestiegen, ich wußte es! Sie hat sich in dich hineingebohrt wie einer dieser Flussaale, die sich in deine Harn- ..."

„Ymir!" Er kanzelte ihre Einwände mit schneidender Handbewegung ab.

„Bah. Ist ja gut. Geht auch anders." Ymir wandte sich an Annie. „Näs- … Annielein, magst du einfach wen anders wählen?"

Annie schoss einen Blick in Richtung der anderen Wandlerin ab, der von mehr kündete als bloßer Genervtheit, und Jean wollte schon erneut eingreifen, da zuckte sie mit den Schultern. „Mir egal. Dann eben Connie."

„Sauber. Danke!" Gut gelaunt schleifte Ymir eine rot angelaufene Historia mit sich zu Jean. „Freude und Segen, oh Truppleiter, damit kriegst du nun das Glückslos und den doppelten Gewinn."

„Armin", sagte Mikasa nur einen Lidschlag später. Die Umstehenden waren noch zu abgelenkt von Ymirs Geplänkel und registrierten erst nach einem Moment, was sie meinte.

„Ist Jean nicht erstmal dran?", fragte Annie daraufhin stirnrunzelnd.

„Jean hat zwei mit einem Schlag bekommen", erwiderte Mikasa ruhig.

„Dann also ich wieder?", hakte Annie nach. „In Ordnung! Für mich noch Sasha."

Jean war derweil gewissermaßen die Luft weggeblieben. Er hatte sich das Ganze irgendwie anders vorgestellt. Er wußte nicht genau, wie, aber anders, so viel war sicher. Ach, drauf geschissen.

„Na schön. Es bleibt nur noch Alica, sie kommt zu mir", wollte Jean die Runde damit abschließen, „Damit haben wir -"

„Warte noch."

Jeans Herz setzte einen Schlag aus. Einwände. Von. Ihr?

Ja, es war wirklich Alica. Sie sagte: „Ich will zu ihr." Und zeigte auf Annie, die daraufhin die Augen verengte.

„Begründung?", seufzte Jean matt.

„Ich will dabei sein", erwiderte sie, „falls Annie auf Reiner trifft."

Jean hob die Augenbrauen. Überdachte es. Und nickte dann. „Gewährt. Sasha, tausch mit Alica."

„Na wunderbar", murmelte Annie halblaut. „Da lohnte es sich ja, selbst wählen zu dürfen." Sasha streckte im Vorübergehen Alica die Hand zum Abklatschen hin, als vollzögen sie einen Wechsel beim Ballspiel,

„Ich bin zufrieden", bemerkte Mikasa.

Kurz darauf hatten sie den Aufstieg begonnen.

Und nun kam der Abstieg.

Vorsichtig suchten sich Annie, Connie und Alica einen Weg den Hang hinab, zwischen alten Tannen hindurch und über eine weiche Decke aus Nadeln. Dann und wann trat jemand auf einen Tannenzapfen.

„Sag mal", wisperte Connie, der sich mit traumwandlerischer Leichtigkeit über dieses Gelände bewegte, „Von was für Aalen hat Ymir vorhin gesprochen?"

„Von denen, die sich in dich reingraben", erwiderte Annie trocken. „Hat sie doch gesagt."

„Wo genau graben die sich rein?"

„Am liebsten in deine Blase. Auf direktestem Weg."

Connie überlegte kurz. Man hatte förmlich das Gefühl, zu hören, wie sein Kopf arbeitete. Dann fuhr er zusammen und gab ein Geräusch wie ein Keuchen von sich. „Nein!"

„Doch."

Alica verdrehte die Augen. „Blödsinn. Veräppel ihn nicht", rügte sie Annie, woraufhin diese ihr einen Schulterblick aus verengten Augen zuwarf.

„Du willst mir nicht etwa sagen … dass dies meine letzten Worte oder so sein könnten?"

Alica furchte zunächst die Stirn. „Ich sage nur, dass du ihm kein Zeug einreden sollst, wenn es jeden Moment brenzlig werden kann."

„Es bringt aber Glück, dies zu tun."

„Stimmt", pflichtete Connie bei, nun wieder glücklich, und grinste. „Vor allem mir. Denke an Trost und die Sache in der Waffenkammer. - Es gibt diese Aale also nicht, nein?"

Annie lächelte schmal. „Nicht hier."

Ein kleines Stück legten sie schweigend zurück. Dann ergriff Alica das Wort.

„Ich denke gerade wirklich an Trost. Und daran, dass du Connie gerettet hast."

„Du warst im Aufzug, nicht?"

„Ja." Alica duckte sich unter einem niedrig hängenden Ast hindurch. „Damals warst du auch ein Feind, wie Reiner und Berthold es noch immer sind."

Annie verharrte einen halben Herzschlag lang, zuckte dann mit den Schultern. „Das ist wahr."

„Trotzdem hast du dein Leben für einen von uns riskiert", raunte Alica weiter. „Reiner ist dir sehr ähnlich, weißt du?"

Darauf wandte Annie den Kopf, ein eigentümliches Blitzen in den Augen. „Inwiefern?", fragte sie, schroff und kalt. „Erklär das."

Falls Alica überrascht von dieser Reaktion war, verbarg sie es gut. Sie hob lediglich ein wenig die Augenbrauen, ehe sie fortfuhr: „Während der 57. Expedition hat Reiner mein Leben gerettet."

„Wirklich?" Annies Ton war noch immer stechend wie eine Brennessel. „Reiner Braun hat dich gerettet, ein Kind der Mauerteufel?"

Nicht viele Dinge konnte sie weniger glauben. Annie dachte an jenen Tag, vor allem an das Gespräch mit Reiner, nur wenige Stunden nach dem Fang von Eren Jäger. Es schien schon eine halbe Ewigkeit zurückzuliegen, doch sie hatte noch genug davon im Ohr.

Offen gestanden... glauben wir, dass deine Zeit im verdeckten Dienst ohnehin gezählt ist, Annie. Vergiss die Militär-Polizei, es ist besser für dich. Denk an Trost."

So hatte er gesprochen, der noch am gleichen Tag ebenfalls sein Leben riskiert hatte für einen Mauerteufel. Der Bastard, der sich seit Trost offenbar mehr verändert hatte, als er es zugeben mochte.

Trost. Immer Trost. Annie fragte sich, was gewesen wäre, hätten sie Trost doch einfach in Frieden gelassen. Wäre es besser gelaufen? Oder schlechter?

Alica nickte derweil. „Ich schulde ihm mein Leben."

„Gar nichts schuldest du ihm." Annie ging weiter, mit schnelleren Schritten. „Jemandem wie Reiner, Berthold oder mir kann man nichts schulden. Allein die Vorstellung ist hirnrissig."

„Ich grübelte lang darüber, so viel kann ich dir sagen", erwiderte Alica. „Und ich finde: Doch. Man kann euch etwas schulden."

„Der Meinung bin ich auch", pflichtete Connie grinsend bei.

„Diese Meinung", versetzte Annie bissig, „ist gewiss nicht das Einzige, das ihr beide gemeinsam habt." Wie sie dies meinte, erläuterte sie nicht. Stattdessen sagte sie: „Schauen wir, was passiert."

Denn nun waren sie am Ziel.

Jean und seine Leute erreichten Horbruche und betraten die Ortschaft, wie die anderen Untergruppen auch, durch eine Reihe von Gärten, in denen vor allem Gemüse angebaut wurde. Sie überkletterten Absperrungen, die Kaninchen und dergleichen fernhalten sollten, und schlichen zwischen Beeten hindurch zum ersten Haus, das sie in Angriff zu nehmen hatten.

Jean ging voraus, mit Ymir im Schlepptau, während Sasha und Historia ein wenig zurück blieben und die Fenster im ersten Stock im Auge behielten.

Ganz ruhig jetzt, ging es Jean durch den Kopf. Sobald wir irgendwem begegnen, der sich als Feind herausstellen könnte, wird er vermutlich sofort seinen Titan rufen. Und dann heißt es für uns gemeine Soldaten ohnehin „Rückzug", und zwar hastig! Es gab keinen Grund, auch nur an Kampf zu denken. Im Grunde war diese ganze Taktik mit den zahlreichen Trupps und der Erstürmung von Haus zu Haus nur ein Herumsuchen im Heuhaufen. Irgendwer sollte die Nadel finden, die in diesem Heuhaufen lag, und dann würde das Geschrei groß sein. Und vor allem wird dann höchstwahrscheinlich eh einer unserer Wandler die Sache in die Hand nehmen.

Trotz all dessen legte Jean die Hände an die Klingengriffe, während er behutsam den Fuß auf die hölzerne Veranda setzte. Er nickte Ymir zu, die nun die Führung übernahm. Ganz im Stil eines erfahrenen Diebes bewegte sie sich mit geradezu gleitenden Schritten über die Holzdielen.

Zeke erwachte von den verstohlenen Geräuschen vor der Zimmertür. Jahrelange Erfahrung ließ ihn dabei weder zusammenzucken, noch wälzte er sich schlaftrunken umher. Nur sein Atem wurde schneller, der Herzschlag kräftiger. Er lauschte.

Das Kratzen lederner Schuhsohlen. Füße, die tief über den Boden glitten, um nur ja nicht hart aufzutreten. Die Bodendielen knarrten kaum, während die Schritte wanderten, näher und näher zur Tür.

Zeke lag still wie ein Stein. Eine gefühlte Ewigkeit lang.

Vor der Tür hielten die Schritte inne. Sie gingen nicht weiter. Sie gingen nicht wieder zurück. Sie verharrten. Bis mit kaum wahrnehmbarem Knirschen die Klinke herunter gedrückt wurde. Fein und ölig schwangen die Scharniere.

Schritte, schleifend. Füße, kaum noch vom Boden abhebend. Am Fußende des Bettes entlang.

Und Zeke schlug die flache Hand in die Matratze und setzte sich auf, mit einem Brüllen:

„Krieger!"

Reiner. Reiner fuhr hoch und taumelte weg von dem Rucksack, über den er sich soeben gebeugt hatte. Ein Faustschlag hätte ihn nicht härter treffen können. Mit Entsetzen warf er sich in militärische Haltung und salutierte.

„Kriegsherr! Tut mir leid, mich angeschlichen zu haben!"

„Krieger Braun. Sie hatten nicht vor, sich an dem Gepäck eines Vorgesetzten zu vergreifen, nein?" Zeke setzte sich auf, schwang die Beine über die Kante des Bettes und verschränkte die Arme vor der Brust. In seiner Stimme schwang nun keine übermäßige Lautstärke mehr mit, kein Ärger und kein Groll. Er hätte genausogut in einem gut gelüfteten Büro hinter einem Schreibtisch sitzen können. Sah man davon ab, dass er splitterfasernackt war und die Bettdecke lediglich das Allernötigste verdeckte.

„Nein, Kriegsherr Zeke!", erwiderte Reiner sofort, wenn auch mit einer gewissen Verblüffung. Sein Gesichtsausdruck musste schließlich längst Bände gesprochen haben. „Ich komme lediglich, um Bericht zu erstatten!"

Er versuchte es also mit Scheinheiligkeit.

„Bericht." Zeke sprach das Wort aus, als wolle er dessen Geschmack auf der Zunge prüfen. Er langte zunächst nach seiner Brille, dann nach seiner Taschenuhr, und schaute in gespielter Verwunderung aufs Ziffernblatt. „Um halb drei nachts. Na, dann sorgen Sie mal dafür, dass dieser Bericht es auch wert ist, Krieger."

Reiner schluckte, ehe er weitersprach. „Der Damm ist gebaut, Kriegsherr. Berthold und ich sind soeben damit fertig geworden."

Ihm musste selbst klar sein, wie fadenscheinig diese Lüge war. Zeke hatte den Lärm der Bauarbeiten selbst aus großer Entfernung vernehmen können, und auch das Verstummen dieses Lärms, vor sicherlich mehr als drei Stunden. Abgesehen davon waren die Titanen-Male, welche jeden Wandler für ein kleines Weilchen begleiteten, in Reiners Falle schon fast wieder vollständig abgeklungen.

Zeke entschied, dies alles nicht anzusprechen. Stattdessen erhob er sich, und die Bettdecke rutschte von seiner Leistengegend. „Und nun ist euch beiden langweilig, ja?"

„Wie meinen, Kriegsherr?" Reiner vermied grandios jeden Blick, der als zu tief gehend interpretiert werden konnte.

„Lass den Rang beiseite, der Förmlichkeit ist Genüge getan." Zeke marschierte an ihm vorüber und ging neben seinem Gepäck in die Knie. „Bin gerade ja sowieso außer Uniform, nicht wahr?" Gemächlich schlug er die Lasche, deren Verschluss bereits geöffnet worden war, beiseite und nestelte im Rucksack herum. „Diese langen Jahre hier, sie taten euch nicht gut, finde ich. Ihr seid seltsam geworden, alle miteinander. Leider. Und ihr scheint euch Dinge zu fragen, über die ihr euch nicht den Kopf zerbrechen solltet." Zeke blickte über seine Schulter hinweg zu Reiner. „Wie etwa, was mit dem Gründer-Titan passieren sollte, oder? Die kleine Annie jedenfalls ist auf dumme Gedanken gekommen."

Reiner nickte knapp. „Es ist … für uns alle sehr verwirrend."

„Dem soll Abhilfe geschaffen werden." Zeke holte ein Tagebuch hervor. „Hierin findest du Antworten. Hierin erfährst du, warum mein lieber Bruder den Gründer nicht beherrschen kann, niemals beherrschen können wird. Warum es unsinnig ist, sein Vertrauen in ihn zu setzen. Warum er nutzlos ist, für einen Jeden." Er warf es Reiner zu. Dieser fing es erschrocken mit beiden Händen, als es flatternd durch die Luft segelte.

„Das hast du gesucht, oder?"

„Jawohl", erwiderte Reiner leise.

„Du hast es. Und nun … Es gibt sicher andere Orte, an denen Sie gebraucht werden, Krieger."

„Jawohl, Kriegsherr!"

Reiner verließ das Zimmer. Er floh förmlich, das Tagebuch Grisha Jägers in den Händen.

Ymir trat die Tür ein und nahm den Schwung des Rückstoßes, um ein Stück rückwärts zu springen. Jean eilte somit als erster durch den Türrahmen, mit gezogenen Schwertern, und sah sich leuchtenden Augen gegenüber. Gleich darauf warf er sich fluchend zur Seite, als der Dachs mit keckerndem Fauchen an ihm vorbei rannte, zur Tür hinaus und an seinen Kameraden vorbei.

„Huh", machte Ymir trocken, als sie durch die Tür ins Innere spähte. „Pass auf, Jean, der Tier-Titan."

„Nicht witzig", knurrte Jean, dessen Herz ihm bis zum Halse schlug. Harsch ruckte er mit einer seiner Klingen durch die Luft. „Durchsuchen und Sichern, los."

„Wo Meister Grimbart wohnt, wohnt keiner sonst", erklärte Sasha mit ihren Jagd-Wesheiten, ging aber trotzdem ans Werk. „Er stinkt zu sehr."

Sie durchkämmten das Erdgeschoss und schauten in die Schränke, kontrollierten auch den Kamin und widmeten sich dann dem oberen Stock. Sasha behielt letztlich recht. Das Haus dunstete nach Dachs, und es verbarg sich keine Menschenseele darin.

Schließlich erklärten sie das Haus für leer und gingen zur Vordertür hinaus. Aus den Nachbarhäusern kamen andere Gruppen, gaben durch Winken das Zeichen für Sicherheit.

So ging es überall an den Rändern der Ortschaft zu: Haus um Haus wurde durchkämmt, und die Trupps bewegten sich von innen nach außen.

Plötzlich jagte ein Knall wie Kanonendonner durch den Ort – am anderen Ende der Straße ereignete sich etwas, das für Jean auf den ersten Blick wie eine Explosion aussah. Eines der schmucken Fachwerkhäuschen zerlegte sich in einer Welle aus Trümmern und Staub, und dann platzte ein Titan ins Freie. Mit ihm zusammen jagte eine einzelne Gestalt mittels Manövergerät hervor und versuchte, ein rettendes Hausdach zu erreichen.

Der Titan wand sich auf dem Bauch wie ein Fisch auf dem Trockenen, wild zuckend und mit einem Male unmöglich weit hochschnellend – er fasste den Flüchtenden mitten in der Bewegung und zerbiss ihn in zwei Teile. Den Einen schluckte er, der Andere flog außer Sicht.

„Scheiße!" Jean wirbelte herum. „Auf die Dächer, auf die Dächer!"

Es war also wirklich passiert. Jemand war in den Heuhaufen gesprungen und hatte die Nadel gefunden.

Rundherum schwangen sich Soldaten in die Höhe. Jean schoss Haken ab und ließ sich von einem Gasschub hochtragen, landete schliddernd auf den Dachziegeln. Er drehte sich gerade rechtzeitig wieder dem Schauplatz zu, um zu sehen, wie der Titan noch ein Stück über den Boden robbte und dann die Feststellung zu machen schien, dass er ja Gliedmaßen hatte. Er stemmte sich hoch. Rotes Kraushaar bedeckte einen Kopf, der eine fast schon birnenförmige Gestalt aufwies. Schwankend kam er auf die Füße und überragte dabei die Häuser ringsum, deren Dachspitzen ihm gerade bis zur Brust reichten.

Neben Jean erschien Mikasa, sanft landend wie eine Feder auf einem Seidenkissen.

„Soll ich mich kümmern?"

„Warte noch!" Angespannt suchte Jean die Umgebung ab. „Auf den Echten. Wir warten auf den echten Gegner."

In der entfernteren Nachbarschaft entstand eine Säule aus Staub, als sich ein weiteres Haus förmlich auflöste und einen Titanen ausspie: Ein besonders groteskes Exemplar mit spindeldürren Beinen, aber umso muskulöseren Armen. Es flappte ebenfalls herum wie der erste Titan, kam aber nicht auf die Idee, dann doch lieber aufzustehen. Stattdessen bewegte sich dieser Titan vorwärts, indem er sich mit den Armen über das Pflaster zog. Mit riesigen Glasmurmelaugen glotzte es den Menschen nach, die vor ihm die Flucht ergriffen.

Sie fielen schnell: Nachdem der erste Schock verflogen war, flogen Soldaten vernünftigere Manöver, umkurvten die Monstren und durchschnitten Kniekehlen und Armbeugen, ehe ein entschlossener Schlag in den Nacken den Spuk beendete.

Die darauf folgende Stille schien ohrenbetäubend zu sein.

Holprig landete ein Gefreiter mit Rosen auf der Uniform in Jeans Nähe.

„Schitt!", rief der Garnisons-Soldat aus, „Da war ein Kerl. In dem Haus war ein Kerl, der war total irre!"

„Was meinst du mit irre?", fragte Jean, und der andere fuhr zu ihm herum.

„Na, bekloppt halt! Hat davon gefaselt, dass er schon auf uns gewartet hätte, und dann – und dann ..." Der Gefreite fuchtelte mit den Armen umher. „Und dann hat er sich irgendwas wie eine Spritze oder so in den Arm gehauen und ging Kaboooom!" Er zeigte auf den Birnenkopf-Titan, dessen dampfender Kadaver bereits reglos am Boden lag. Eine Soldatin mit dem Einhorn-Wappen stand zwischen dessen Schulterblättern und wechselte die Klingen aus.

Jean tauschte einen Blick mit Mikasa. „Was für ein Schlamassel."

Die Schwarzhaarige nickte, während sie weiterhin scharfäugig die Umgebung absuchte. „Ja. Doch wo sind Diejenigen, die es umso schlimmer machen könnten?"

Noch fünf Male innerhalb der nächsten Stunde eruptierten Häuser und tobten Titanen durch Horbruche, doch sie alle waren geistlos und mehr oder minder schnell überwältigt. Wer auch immer diese Menschen, die sich freiwillig in Titanen zu verwandeln schienen, auch waren und auf wessen Geheiß sie auch handeln mochten: Offenbar hegten sie keinerlei Strategie. Die Monster tauchten einfach auf, teils mehrere Straßenzüge voneinander entfernt und mit minutenlangen Pausen, je nachdem, wie schnell das Durchkämmen voranging.

Von Reiner, Berthold oder irgendeinem anderem Wandler fehlte jede Spur.

„Ich weiß nicht, was dies ist", sagte Annie später zu Jean, „doch es ist sicherlich nichts Echtes. Es ist kein ernster Versuch, uns anzugreifen."

„Zu wenig Effektivität, meinst du?"

Annie nickte. „Denkst du nicht, dass man diese Verrückten, die sich freiwillig einer Titanisierung unterwerfen, besser hätte einsetzen können?"

„Doch." Jean knackte mit den Zähnen, während er seine Gedanken wenig erbauliche Wege gehen ließ. „Selbst mir fällt mindestens ein halbes Dutzend Möglichkeiten ein, wie man diese Geschichte hier schlimmer hätte machen können." Und jede einzelne dieser Möglichkeiten widerte ihn an. Ihm stellten sich die Nackenhärchen auf. „Seltsam."

Es war vier Uhr in der Früh, als Erwin Smith Horbruche als eingenommen erklärte.

Erwin Smith hatte das Rathaus von Horbruche zum Versammlungsplatz für die kommandierenden Offziere erklärt. Im Büro des Bürgermeisters hatte er sich an dessen Schreibtisch niedergelassen, die Ellenbogen aufgestützt und die Fingerspitzen aneinander gelegt. Aufmerksam musterte er die Befehlshaber der anderen Zweige.

Gildwart Äugler, der die Garnisons-Soldaten kommandierte, saß brütend auf einem hölzernen Klappstuhl, den er sich selbst mitgebracht hatte. Er sah aus wie ein in die Jahre gekommener Schreiberling, mit Hornbrille auf der Hakennase und kurzem, grauem Haar. Die Arme vor der Brust gekreuzt und den Kopf in den Nacken gelegt, starrte er zur Decke, als würde er dort die Antworten auf alle Fragen ablesen können.

Elena Schultz von der Militär-Polizei hingegen war offenbar zu angespannt zum Sitzen. Sie stand so steif im Raume, als wohne sie soeben einer Parade bei. Das tiefbraune Haar hatte sie im Nacken zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden.

„Ich denke", sprach Erwin nun, „Wir haben einiges gelernt."

Gildwart schnaubte tüchtig durch die Nase.. „Zu viel für meinen Geschmack, in aller Ehrlichkeit. Ich wünschte, mich besaufen zu dürfen wie mein ehrenwerter Vorgesetzter, um zu vergessen, was ich heute hören und erleben musste." Der Kommandeur der Garnison war erst später nach Horbruche eingerückt, da er das Ablenkungsmanöver am Fuße der Hügel geleitet hatte. Er war noch früh genug dran gewesen, um einen Titan zu erleben, der Purzelbäume schlagend fast über ihn hinweg gewalzt wäre.

„Wo ich gerade an einen dieser Eindrücke denke." Er hob den Zeigefinger. „Schickt mir beizeiten meine edlen Retterinnen vorbei, ja, Smith? Sie waren vorhin schon zu schnell wieder weg, daher konnte ich ihnen nichtmals die Hände schütteln."

Erwin nickte. „Ich werde Ackermann und Winter darüber in Kenntnis setzen lassen." Er winkte seiner Adjutantin Nifa, die sogleich eine Notiz anfertigte.

„Ihr hattet recht", ergriff nun Elena das Wort, diesmal erheblich höflicher und förmlicher als während der Strecke von Stohess nach Horbruche. „Ich hatte es zunächst für Humbug gehalten. Doch offenbar können sich Menschen wirklich in Titanen verwandeln."

„Auf perfide Weise ist es wohl nur logisch", merkte Gildwart an.

„Die Wahrheit ist harsch", erwiderte Erwin sachlich, „Leider macht ihre Unerträglichkeit sie nicht weniger wirklich."

Elena nickte. „Also gibt es wohl wirklich so etwas wie organisierten Widerstand unter den Titanen. Einen Feind, der in der Lage ist, Fallen zu stellen. Was nun?"

„Theoretisch könnten wir zum Vormittag aufbrechen", legte Erwin dar, „und uns der Spuren bedienen, die meine Kundschafter nahe der Lagerhallen ausmachen konnten. Wir gehen davon aus, dass es sich um die Fährte des Gepanzerten handelt, und wenn wir ihr folgen, stoßen wir wohl auf den Feind."

Elena kräuselte missmutig die Lippen. „Was erwartet uns dann, frage ich mich. Etwas Ähnliches wie hier? Oder etwas Schlimmeres?"

Darauf zuckte Erwin mit den Schultern. „Nun. Zunächst möchte ich einige Karten offen legen."

Gildwart grinste breit. „Ach nein, wie überraschend, dass du uns noch nicht alles erzähltest."

„Nifa." Erwin wandte sich an seine Adjutantin. „Bitte hole ihn herein."

„Was denn nun." Elena drehte sich zur Tür um, durch welche Nifa gerade verschwand. Als sie wiederkam und einen jungen Soldaten mitbrachte, flammte es zornig in ihren Augen auf. „Er! Smith, ich fasse es nicht!"

„Der Feind", sagte Erwin, als er die Hände sinken ließ, nicht aber den Blick, „ist bereits unter uns. Und morgen werden wir ihn fangen. Mit der Hilfe von Eren Jäger."

Am nächsten Tag saß die 58. Expedition wieder im Sattel. Am Fluss entlang ging es, den Spuren des Gepanzerten Titanen nach.

„Einen halben Tagesritt stromaufwärts liegt Uslir", erklärte Dirk beim Aufbruch, „Vielleicht erwartet uns dort der Feind. Falls nicht, dann immerhin eine Mütze voll Schlaf."

Es war Connie, der den Fehler machte, zu jubeln. Nur einen Moment später wurde er angeblafft, dass ein Soldat sich gefälligst ärgern solle, wann immer er sich nicht den Freuden des Marschierens hingeben könne.

„Ganz abgesehen davon, Springer, sitzt du in einem verdammten Sattel. Erfreue dich an der Hornhaut, die sich deine Arschbacken nun zulegen! Wenn du mal so alt bist wie ich, dann blickst du zurück und sagst dir, wie nützlich so eine Hornhaut ist. Verstanden?"

„Jawohl, Herr Abteilungsleiter!"

Dann fächerten die Reiter erneut zur Fernerkundungs-Formation auf. Doch Annie stellte rasch fest, dass sich die Pläne für den heutigen Tag rapide verändern würden. Hanji Zoe war es, die sie aufsuchte und ihr einen neuen Platz in der Formation zuwies, weit vorn in der Spitze.

„Zusammen mit Eren", fügte sie hinzu. „Ich möchte, dass du dich für alle Eventualitäten bereit hältst."

„Eventualitäten?", wiederholte Annie gedehnt. „Werden wir tun, was ich denke?"

„Wir werden", erwiderte Hanji in ungewöhnlichem Ernst, „einen Titanen fangen."

Annie nickte rasch. Sie musste nur an die letzte Versuchs-Reihe denken, und das damalige Gespräch mit Hanji. Ein geistloser Titan wäre womöglich genau das Richtige, um die Kommando-Fähigkeit aus dem Dickschädel des Trottels zu kitzeln.

In Horbruche hatte es zwar auch Titanen gegeben, doch hatten sie keine Fang-Manöver anstellen können, während die Bedrohung durch feindliche Wandler über ihren Köpfen hing wie ein göttliches Richtschwert. Überhaupt hatte niemand seine Titanenkräfte zum Einsatz gebracht. In Horbruche hätte es ein Verspielen des Überraschungsmomentes bedeutet, wenn sie ihre Titanen gerufen hätten, ehe der Feind dies tat. Während des Reisens aber konnten sie sich relativ sicher fühlen, von niemandem belästigt zu werden, vielleicht von Pieck abgesehen. Hier draußen konnten sie einen geistlosen Titan fangen.

Und indem Eren und ich es tun, beweisen wir unsere Nützlichkeit vor versammelter Mannschaft. Ja, nun verstand sie, warum Erwin Smith die Gelegenheit begeistert ergriffen hatte, auf Expedition zu gehen. Und sobald erst die Karten offen liegen, legen wir endlich richtig los. Mit den Titanenkräften in aller Öffentlichkeit.

So stellte sie es sich vor, und etwas Unerwartetes schlich sich in ihre Gedanken: Die Hoffnung darauf, dieses Abenteuer bald überstanden zu haben.

Vielleicht, so dachte sie, gibt es doch einen Silberstreif am Horizont.

Annie Leonhardt hatte nur wenige Male in ihrem Leben so gedacht. Gut ausgegangen war es nie.

Gegen Mittag passierte die Expedition ein Wäldchen von Baumriesen. Es war zu diesem Zeitpunkt, da Hanji sich wieder zu Annie gesellte.

„Hier", sagte sie. „Das Gelände ist vorteilhaft genug."

„Also soll ich es tun?", fragte Annie und zeigte voraus, über den Kopf ihres Pferdes hinweg. „Dort im Wald?"

„Ganz genau. Begib dich hinein und warte auf das Signal einer Schallgranate."

Der besagte Wald war weniger gewaltig als Jener, in dem sie Eren nachgehetzt war. Annie fand, dass auch die Baumriesen selbst etwas schmächtiger waren. Vielleicht gediehen sie nur unter den speziellen Bedingungen, welche ihnen das Maria-Territorium bot, so gut?

Nachdem sie die ersten Bäume passiert hatte, warf Annie einen Blick über die Schulter und sah, dass Eren ihr wie geplant folgte. Selbst auf einer Entfernung von mehreren Pferdelängen konnte sie erkennen, wie nervös er aussah.

Was hat der Trottel wieder?, dachte sie bei sich. Bekommt er Lampenfieber? Annie ertappte sich dabei, Eren am liebsten ganz direkt danach fragen zu wollen, auch wenn es sicherlich zum Himmel schreiender Blödsinn war. Ich bin wirklich viel zu gut gelaunt.

Auch andere Reiter waren im Wald unterwegs: Annie meinte, Wappen aus allen drei Militär-Zweigen auf den Uniformen gesehen zu haben. Die Soldaten verschwanden jedoch rasch aus ihrem Blickfeld, schwangen sich von ihren Pferden und bezogen Stellung in den Baumwipfeln.

Es vergingen lange Momente des Lauschens. Dann aber erklang es, das schrille Peitschen einer Schallgranate von jenseits des Waldes.

Annie stand im Sattel auf, beugte sich vor und klopfte dem Pferd auf den Hals. Dann schoss sie Haken aus und sprang ab, nahm Fahrt auf und flog höher, die Hand zum Mund führend. Zubeißend.

Mit Zischen und Krachen fuhr ein fauchender Blitz aus ihrem Innersten hervor, umhüllte sie. Nur einen Moment später bildete sich der Titanenkörper, mit Nacken und Kopf und Schultern zuerst, dann mit Rumpf und Gliedmaßen.

Der Weibliche Titan kam mit sattem Schlag am Boden an, richtete sich auf. In ihrem Rücken hörte Annie den Donner, den sie selbst soeben ausgelöst hatte, ein weiteres Mal, als auch Eren seinen Titanen rief.

Dann los, dachte sie, sammelte Luft und Kraft und brüllte, stieß einen wilden Schrei aus, der den Klang der Schallgranate zu einem zarten Vogelzwitschern verkommen ließ. Lang anhaltend und gellend hallte der Schrei durch den Wald. Und nun komm, Titan.

Er kam. Unvermittelt platzte Erens Faust gegen ihre linke Schläfe und schleuderte sie zur Seite. Im Sturz streifte sie mit dem Kopf einen Baumstamm, und Holzspäne und ganze Splieten schwirrten umher.

Der Weibliche Titan schlug am Boden auf und rollte sich herum, mit schreckgeweiteten Augen. Was ist nun wieder? Als sie aufblickte, sah sie den Angreifer-Titan schon fast über sich, zu einem knochenbrecherischen Tritt ansetzend. Was ist nun wieder! Hatte er sich etwa nicht im Griff? Schon wieder nicht?

Der Tritt kam tief, schürfte über den Waldboden und jagte Laub und Staub hoch. Der Fuß des Angreifers landete in ihrer Körpermitte und trieb ihr die Luft aus der Lunge, schob sie wuchtig rückwärts. Doch zugleich packte sie zu, zog die Beine an und wickelte sich förmlich um das Bein des Angreifers. Durch puren Schwung wurde sie nicht nur zurückgedrängt, sondern rutschte er selbst auch nach vorn, kam ins Kippeln.

Sie schlug ihm die Faust in die Kniekehle, und er sackte runter. Tief genug runter. Ihr nächster Schlag traf seinen Kopf, und er prellte zurück.

Bastard", zischte sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, „Ich bereue es schon wieder. Ich bereue es aus tiefstem Herzen, dir -"

Ein schneller, grüner Schemen raste vorbei. Annie erhaschte ihn aus dem Augenwinkel und sah ihn noch besser, als er zurückkam. Und dann sah sie auf einem Auge nichts mehr – Mikasas Klingen schnitten diesen Augapfel förmlich entzwei.

Plötzlich schwirrte die Luft vor Haken und Klingen. Annie spürte Schnitte, Schnitte, Schnitte, in den Kniekehlen und den Armbeugen. Eine Frau mit Einhorn-Wappen stieß ihre Klingen in ihr noch verbliebenes Auge, und dann legte sich etwas Massiges auf ihre Stirn.

Eine Hand. Seine Hand.

Mit einer einzigen, heftigen Bewegung riss der Angreifer ihr den Kopf von den Schultern, legte ihren echten Körper dabei gleich mit frei. So plötzlich wieder mit Licht und Luft und Lärm konfrontiert zu werden, kam einer Dusche mit Eiswasser gleich. Von roten Nervensträngen verklebt schnappte sie nach Luft und riss die Augen auf, als Hanji neben ihr landete.

„Warum?", rief sie aus. „Sag mir, warum!" Dann landete die Nadel einer Spritze in ihrem Hals, und die Welt vernebelte sich, entfärbte sich, verflüchtigte sich.

Levi verfolgte zusammen mit dem Kommandeur das Spektakel vom Waldrand aus. Er senkte das Fernglas und gab einen tiefen Seufzer von sich.

„Damit haben wir es wohl wirklich getan", bemerkte er, „Was für eine dreckige Taktik."

Erwin ging darauf nicht ein. Er schaute nichtmals hin zu dem Kampf, der so schnell verebbte, wie er aufgeflammt war. Stattdessen wanderte sein Blick am Wald entlang. Am entgegengesetzten Ende eilte ein großer, vierbeiniger Schemen zwischen den Bäumen hindurch ins Freie und verschwand mit langen Sätzen zwischen den Hügeln.

„Wir haben die Musik bestellt", sprach Erwin. „Nun müssen wir uns anhören, was sie spielt."

„Ja." Levi schürzte die Lippen. „Wir werden sehen, wie teuer sie ihren alten Kameraden ist."

Es ging zurück nach Stohess. Drei Tage später erschien Berthold am östlichen Tor.