~ Drei Tage nach Gefangennahme des Weiblichen Titan ~

Nachdem das Urteil gesprochen worden war, verließen Hanji, Levi und Erwin den Tribunatssaal, in dem soeben Annie Leonhardts weiteres Schicksal besiegelt worden war. Sie strömten zusammen mit der Masse der Zuschauer hinaus, waren jedoch kaum den Korridor hinunter gegangen, als ein Gerichtsdiener sie einholte und zurückhielt.

„Kommandeur Smith!", erklärte dieser, „Generalissimo Zackly wünscht, noch ein Wort mit Ihnen zu wechseln."

„Wirklich?" Erwin war überrascht. Oder vielmehr, er tat überrascht. „Worum mag es gehen?"

„Geheimsache", sagte der Gerichtsdiener.

Erwin nickte knapp, ehe er sich Hanji und Levi zuwandte. „Wartet nicht auf mich." Und damit verschwand er, zusammen mit dem Gerichtsdiener, in einem der Büros.

Hanji grinste Levi zu. „Huuuh, ob da jemand gleich einen Geschenkkorb bekommt, für die unerwartet schnelle Genesung?"

Levi grinste nicht. Er zuckte mit den Schultern und marschierte weiter. Er hatte nur noch eine einzige Krücke, auf die er sich vor allem stützte, wenn er für längere Zeit an einem Fleck zu stehen hatte. „Gehen wir, Vierauge. Die Sache ging lang genug."

„Wohl wahr, wohl wahr."

Das Tribunal hatte früh morgens begonnen. Inzwischen war es später Nachmittag. Grund für die Verzögerung war Leonhardts gesundheitlicher Zustand gewesen.

„Ich komme nicht umhin, zu bemerken", hatte Generalissimo Darius Zackly gesagt, „dass die Angeklagte unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln steht."

Besagte Angeklagte hatte auf dem Boden geknieet, ordnungsgemäß und fachmännisch gesichert. Doch selbst wenn man ihr erlaubt hätte, zu stehen hätten ihre Beine sie wohl kaum tragen können. Als der Polizist, der sie am Boden halten sollte, bis die Ketten saßen, zurückgetreten war, war sie schlaff wie ein Sack nach vorn gekippt, fast mit der Stirn auf den Steinboden stoßend.

„Die Betäubung ist nötig, Herr Generalissimo", hatte ein Gerichtsdiener gesagt, der neben Zackly getreten war, „damit sie sich nicht in einen Titan verwandelt. Sie ist trotz der Beruhigungsmittel vernehmungsfähig."

Zackly hob eine Augenbraue. „Sie ist voll wie ein Eimer. Hoch mit ihr!" Jemand zog Leonhardt am Kragen wieder in eine angemessene Haltung. Ihre Augenlider waren halb geschlossen. Aus dem weit geöffneten Mund kam ein Röcheln. Hanji bemerkte den dünnen Faden von Dampf, der aus ihrem Mund hervorkroch. Hatte sie sich in die Innenseite ihrer Wange gebissen?

Falls sie ihren Titan rufen wollte, damit aber scheiterte, beweist das zumindest die Wirksamkeit des Anti-Titanen-Betäubungsmittels, hatte Hanji gedacht. Die Selbstheilung scheint jedoch nicht blockiert.

Irgendwo hinter ihr sahen noch einige weitere Zuschauer den Dampf und interpretierten ihn als Rauch. Eine Frau stellte leise die bange Frage, ob das Titanenmädchen gleich Feuer speien würde.

Leonhardt wählte diesen Moment, um sich zu übergeben. Ihr Körper erbebte, streckte sich plötzlich, und dann klatschte der Inhalt ihres Magens auf die Fließen.

„Fantastisch", kommentierte Zackly, „Ich halte kein Gericht über jemanden, der nichtmals seine eigenen Körperflüssigkeiten unter Kontrolle halten kann. Hinaus mit ihr, zurück in die Zelle. Der Prozess pausiert für drei Stunden. Mindestens!"

„Aber Generalissimo, was wenn sie - ..."

„Hier stehen mindestens fünfzig Mann unter Waffen", schnarrte Zackly, „Und zu diesem Fischernetz an der Decke sage ich schonmal gar nichts."

Das Fischernetz war eine Konstruktion aus Stahldrähten sowie eisernen Spornen mit Widerhaken gewesen. Das Netz war so schwer, dass ein Dutzend Mann trotz Flaschenzügen schweißtreibende Minuten damit verbracht hatte, es in die Höhe zu ziehen.

„Ich urteile über diese Person, sobald sie einen geraden Satz formulieren kann, ohne uns zu zeigen, wie der Speiseplan des Gefängnisses aussieht." Er schüttelte den Kopf, als könne er die Unprofessionalität um ihn herum nicht fassen. „Bringt sie wieder her, wenn sie halbwegs klar ist. Falls ihr sie wieder anschleppt und sie ist es nicht, dann reiße ich euch den Kopf ab."

Ein vielversprechender Start war das gewesen.

Inzwischen gingen Hanji und Levi nach draußen, die marmorne Treppe des Gerichtsgebäudes hinunter. Am Fuße dieser Treppe erblickte Hanji ein bekanntes Gesicht.

„Abteilungsleiterin Hanji!" Pastor Nick, der ebenfalls dem Tribunal beigewohnt hatte und nun scheinbar auf die Kundschafterin gewartet hatte, hob grüßend die Hand und kam ihnen einige Stufen entgegen.

„Schaue da", raunte Levi, ehe Nick sie beide erreichte, „Der Prediger hat ja wieder gute Laune."

Die hatte er wirklich.

„Das Lächeln der Göttinnen strahlt auf uns hernieder", so Nick. „Ihr Wille geschehe. Nun werden unsere heiligen Mauern wieder allem Böswillen trotzen!"

„Gelobt seien die Mauern", kam es frömmlerisch von Hanji. Inzwischen sah sie sich selbst als eine Expertin darin, auf die weitschweifigen Ausrufe des Pastors zu reagieren.

Levi sagte wieder nichts. Es rettete ihn nicht vor der Aufmerksamkeit Nicks.

„Hauptgefreiter Levi! Gesegnet seie die Wunde, die Ihr Euch im Kampf mit der teuflischen Kreatur zugezogen hattet."

„Geht schon wieder ganz gut."

Der Pastor bemerkte die verbale kalte Schulter nicht, die der Hauptgefreite ihm soeben gezeigt hatte. Er drückte mit einer ruckenden Kopfbewegung seinen Stolz auf den tapferen Soldaten aus. „Besonders ihr Kundschafter hattet schwere Verluste im Kampf mit der Hexe hinzunehmen, wie ich hörte. Angesichts des Urteils, das heute gefällt wurde, könnt ihr nun sicher jubilieren vor Glück, nicht wahr?"

Ein Schnauben Levis ließ die Augenbrauen des Pastors in die Höhe schießen.

„Kein Urteil auf der Welt", versetzte Levi harsch, „gibt meinen Leuten ihre Leben zurück. Da ist nichts mit Jubel."

„Wollt ihr bestreiten, dass das Urteil rechtens - ..."

„Nein", erstickte Levi die Predigt im Keim. „Ich sage nicht, das Urteil seie nicht rechtens. Ich sage nur, das Urteil beschert mir keinen Grund zum Feiern."

Pastor Nick warf Hanji einen entrüsteten Seitenblick zu. „Und Ihr?"

„Voller Erleichterung, dass es nun vorbei ist", erwiderte Hanji friedfertig. „Es war für uns alle recht kräftezehrend."

„In der Tat, in der Tat. Und zum Schluss", grollte der Geistliche, dessen Stimme nun plötzlich gar nicht mehr in Feierlaune zu sein schien, „hat die Teufelin sogar noch einmal versucht, ihr Viperngift zu spucken. Ganz wie zu erwarten war! Wir können nur hoffen, dass der Eiter ihrer Lüge nicht in den Ohren eines bedauernswerten Einfaltspinsels Fuß gefasst hat."

Hanji rückte einen Bügel ihrer Brille ein wenig zurecht. Das, was Pastor Nick als das Speien von Gift bezeichnete, war im Grunde die einzige, längere Stellungsnahme von Leonhardt gewesen. Generalissimo Zackly hatte das Wieso erfragt, und die Angeklagte hatte zu erzählen begonnen. Mit einer beunruhigend monotonen Stimme hatte sie von der Außenwelt gesprochen, den Menschen und dem gehassten Mauervolk und dem Auftrag, den Gründer-Titan zu stehlen.

Und von einem falschen König.

Im Tribunalsaal noch hatte sich Hanji gewundert, warum ausgerechnet an diesem Punkt Pastor Nick sich so schwer ins Zeug gelegt hatte. Er war förmlich an das vordere Geländer der Loge gefahren, als wolle er jeden Moment hinüber springen und Leonhardt den Mund mit der Faust stopfen.

„Blasphemie! Sie entweiht nicht nur die Mauern, sie beschmutzt nicht nur unser Andenken an die tragische Geschichte der Menschheit! Sie beleidigt den König selbst! Jeder hier kann sehen, dass diese Hure des Teufels nicht recht bei Trost ist!"

Leonhardt hatte daraufhin in ihrer Rede gestutzt. Ihr Kopf war so plötzlich zu Nick herumgeschnellt, dass man hätte meinen können, ihr Genick knacken zu hören. Dann hatte sie offenbar einen hysterischen Anfall erlitten. Ohne jede Vorwarnung hatte sie losgelacht, mit schriller, sich überschlagender Stimme.

Hanji war sich sicher, einige verständliche Worte in diesem schreienden Gelächter gehört zu haben.

Ständig! Ich bin ständig in Trost!

Nachdem ihr die Luft ausgegangen war, war Leonhardt in Apathie versunken. Sie gab für den Rest des Tribunals keinen Laut mehr von sich, abgesehen von einem Geräusch, das eine skurrile Mischung aus Kichern und Wimmern gewesen sein mochte. Das Sprechen hatten stattdessen die Zeugen übernommen.

„Angesichts erdrückender Beweislast", hatte Zackly schließlich gesagt, „erkläre ich Annie Leonhardt in allen Anklagepunkten für schuldig. Gibt es Einwände? Gut. Dann zur Form der Bestrafung."

Hier waren Stimmen laut geworden, die einen Scheiterhaufen, das Vierteilen oder auch das Rädern gefordert hatten.

Zackly hatte abgelehnt. „Bloß weil wir im Angesicht eines Monsters stehen, müssen wir nicht ebenso unmenschlich handeln. Ich verurteile keine 16-Jährige zum Scheiterhaufen. Schnell und sauber, so urteile ich. Kommandant Dork, stellen Sie für heute abend ein Erschießungskommando zusammen."

Es war in diesem Moment gewesen, da Erwin Smith die Hand gehoben hatte. „Einspruch, Generalissimo."

„Gewährt", hatte Zackly erwidert und das Kinn auf die Hände gestützt. „Nun bin ich gespannt. Du willst sie nicht etwa in deine Truppe holen wie Eren Jäger?"

„Dann hätte ich mich wohl früher melden müssen", sagte Erwin, „Nein, ich wünsche lediglich eine Verschiebung der Vollstreckung des Urteils. Den trauernden Familien meiner Leute möge die Gelegenheit gegeben werden, dem Tode des Weiblichen Titanen beizuwohnen."

Zackly überdachte dies. „Drei Tage?"

„Besser gefielen mir sieben."

Am Ende hatten sie sich auf vier geeinigt.

Pastor Nick war dieser Moment, in dem Erwin aufgestanden war, offenbar auch noch sehr gut im Gedächtnis.

„Als sich euer Kommandeur erhob, hatte ich schon das Schlimmste erwartet", griff er dieses Thema nun auf. „Die Vorstellung, er hätte versucht, auch diesen Titan seinen Streitkräften einzuverleiben ... Ich sage nichts gegen die Kundschafter-Legion, doch allein Eren Jäger stellt bereits eine Befleckung dar."

„Er hat seine Pflicht erfüllt, ganz wie es von ihm verlangt wurde", stellte Levi nüchtern fest. „Das ist alles, was zählt."

„Ein unheiliges Werkzeug ist ein unheiliges Werkzeug", erwiderte Pastor Nick in strengem Tonfall. „Die Titanen sind eine Waffe des Teufels, und nur die Mauern bewahren uns vor ihnen. Früher oder später wird, das prophezeie ich im Namen aller meiner Glaubensbrüder, auch Eren Jäger seinem teuflischen Erbe nicht widerstehen können und die Mauern angreifen."

Levi verdrehte die Augen. Pastor Nick sah es und runzelte die Stirn.

Hanji konnte deutlich das dünne Eis knacken hören, auf dem sich der Geistliche bewegte. Glaube macht wohl wirklich mutig. Für ihren Geschmack wurde er gerade jedoch etwas zu mutig. Hanji glaubte nicht, dass Levi den Pastor auf offener Straße mit seiner Krücke verprügeln würde. Doch Nick besaß eine Stimme, die es gewohnt war, stundenlang von einer Kanzel aus auf seine Zuhörerschaft herunter zu brüllen. Er war auch jetzt wieder ausgesprochen laut, und rundherum spitzten Passanten die Ohren. Und sofern es Hanji betraf, hatten sie viel zu viel riskiert, um Erens Ansehen in der Bevölkerung zu heben. Pastor Nick gleich hier zu einer aggressiven Predigt gegen Eren zu verleiten, war nicht in ihrem Sinne.

„Nun, beizeiten wird sich auch diese Angelegenheit fügen", mischte sie sich daher ein und lächelte versöhnlich. „Ehrenwerter Pastor, da fällt mir ein: Ich habe vor kurzem eine wundervolle Entdeckung gemacht und würde sie Ihnen gern vorführen!"

Nick verzog missgestimmt den Mund. Ein Themenwechsel behagte ihm offenbar nicht. Er hätte sicherlich gern gepredigt. Doch Hanji hatte inzwischen bei ihm einen Fuß in der Tür. Weit genug drin, um ihn widerwillig zustimmen zu lassen.

„Eine Entdeckung? Nun schön, doch bezüglich Jäger möchte ich noch einmal mit Kommandant Smith sprechen." Er warf Levi einen weiteren, strengen Blick zu. Levi interessierte das nicht.

„Oh, das können wir ja verbinden", rief Hanji eifrig. „Begleiten Sie uns doch einfach in unser Hauptquartier, und während Sie auf den Kommandanten warten, zeige ich Ihnen, was ich Schönes auf meinem Labortisch liegen habe."

Pastor Nick stimmte zu, und gemeinsam begaben sie sich in die Unterstadt von Stohess. Dem Geistlichen schlossen sich, als sie sich vom Gerichtsgebäude entfernten, noch zwei seiner Glaubensbrüder an. Zumindest nannte er sie so. Die beiden Männer waren breitschultrig und trugen keinerlei kirchliche Ordenstracht. Einer von ihnen hatte Handknöchel die aussahen, als hätten sie regelmäßigen Kontakt mit einer Stahlplatte.

Hanji bemerkte den Blick, den Levi ihr zuwarf. Er vollführte eine verstohlene Geste, die im Einsatz soviel wie Noch mehr Probleme bedeutete.

Hanji zuckte mit den Achseln und lächelte. Sie signalisierte Alles im Griff.

Es ging in die Tiefe, in die unterirdischen Eingeweide der Stadt. Hanji ging voraus und führte die ungewöhnliche Gruppe durch die Korridore bis hin zu jenem Raum, in dem Zacharias Schrapnell und Moblit ihrer Arbeit nachgingen: Den Experimenten mit Titanen-Kristallen.

„Ein Chemie-Labor", bemerkte Pastor Nick und rümpfte die Nase.

„Ein Genie", murmelte Levi, was der Geistliche zum Glück nicht hörte.

„Besucher!", rief Zacharias und begrüßte die Zivilisten mit Handschlag. „Willkommen! Wir haben höchst selten Gäste."

„Wie geht es voran, Zach?" Hanji trat an den Tisch heran, auf dem diverse Schalen standen. Mal waren sie aus Glas, dann wieder aus Metall, Steingut oder Holz. In jeder Schale befand sich eine Flüssigkeit, und in jeder Flüssigkeit lag eine Kristallscherbe.

„Ah, eigentlich nicht so gut", erwiderte Zacharias und folgte ihr. „Wir haben inzwischen so ziemlich alles ausprobiert. Abgesehen von Hefe und Weingeist vielleicht. Jeder dieser Splitter war inzwischen sicherlich schon in drei Flüssigkeiten zum Baden, und noch immer stellen wir keinerlei Veränderungen in der Härte fest."

„Verstehe." Hanji fischte eine Scherbe mittels einer Zange aus der Schale, die mit „Salpetersäure" beschriftet war, tunkte die Scherbe gründlich in klares Wasser und nahm sie in die bloße Hand. „Schauen Sie, Pastor."

Pastor Nick streckte die Hand aus und betrachtete die Scherbe, die Hanji ihm reichte. „Glas?"

„Oh nein", entgegnete sie heiter, „Das Fragment der gehärteten Haut eines Titanen."

Das Zusammenzucken des Geistlichen war unübersehbar. Es sprach Bände. „Ihr habt -...", rief er aus, unterbrach sich und flüsterte, als wäre er plötzlich heiser, „Ihr habt gehärtete Titanen-Haut? Und ihr – ihr legt sie in chemische Flüssigkeiten ein?!"

„Natürlich." Aus dem Augenwinkel bemerkte Hanji, wie sich Levi unauffällig zwischen die Gäste und den Ausgang schob. Zacharias und Moblit werkelten weiter, als wäre nichts geschehen. „Und besser noch, Pastor: Die Kristalle allein sind nichtmals die Entdeckung, die ich Ihnen zeigen wollte."

„Sind sie nicht?"

„Sind sie nicht." Hanji winkte ihm, ihr zu folgen, und marschierte zu einem Arbeitstisch, auf dem ein Mikroskop stand. Daneben lagen zwei Unterlegscheiben bereit, betrachtet zu werden. „Schauen Sie hier, die erste Probe."

Pastor Nick starrte sie an, als verlange er von ihr, den Kopf in einen Eimer voll Jauche zu stecken. Als sie auffordernd nickte, blickte er dennoch durch das Vergrößerungsglas.

„Ich sehe die Probe, ja", sagte er, und seine Stimme bebte. „Ein weiteres Fragment des Kristalls, nehme ich an."

„Korrekt. Und nun sehen Sie hier." Hanji legte die zweite Probe ein. „Was sehen Sie?"

Pastor Nick löste sich von dem Mikroskop, starrte eindringlich zu Hanji hin. Die Fingerknöchel der Hand, die nach wie vor die Kristallscherbe hielt, wurden weiß, denn er ballte die Faust. „Nichts", entgegnete er gepresst. „Ich weiß nicht, was Sie meinen."

„Keinen Unterschied", verriet Hanji prombt die Antwort, „Sie sehen keinen Unterschied, das meine ich. Und wissen wie, was die Probe auf der zweiten Unterlegscheibe ist?"

Pastor Nick schüttelte den Kopf. Sein Blick flackerte zu seinen zwei Begleitern, dann wieder zurück zu Hanji. „Sie haben doch nicht - ..."

„Die Probe ist ein Stück von Mauer Rose, aus Trost", sprach Hanji schnell, „Es ist kein Beton, es ist kein Granit. Es hat die gleiche Struktur wie die gehärtete Haut des Weiblichen Titan."

„Unsinn!" Pastor Nick fuhr hoch. „Sakri- ..."

Er brachte das Wort nicht zuende, denn er fuhr erschrocken zusammen und ließ sogar den Splitter fallen, als Levi mit seiner Krücke den ersten Leibwächter des Pastors fällte. Der Hauptgefreite schwang die Krücke in fließendem Bogen in die Höhe, und sie krachte dem Bedauernswerten gegen die Schläfe, wo sie knirschend in Stücke ging. Der Mann stürzte zu Boden wie ein gefällter Baum. Der Andere stieß einen Wutschrei aus und kam in Bewegung, doch der Schrei blieb ihm halb in der Kehle stecken, weil Levi die demolierte Krücke anders griff und das untere Ende im Magen des Angreifers versenkte. Als der Mann vornüber klappte, gab Levi ihm noch einen Schlag mit dem Ellenbogen mit, sodass er sich zu seinem Kollegen gesellte.

„Was tut ihr!", herrschte Pastor Nick Hanji an, „Tätlichkeiten gegen Männer der Kirche sind ein schweres Vergehen! Dafür landet ihr hinter Gittern, ganz gleich, welchen Ruf ihr als Kundschafter genießt!"

„Ach, Ruf oder Gefängnis", machte Hanji und winkte gut gelaunt ab, „Wen schert das heutzutage noch, wo die Titanen direkt an der Türschwelle hocken? Ehrenwerter Pastor, so oft haben wir schon über die edlen Drei Mauern gesprochen. Stets kamen Sie mir philosophisch, theologisch oder wichen mir schlicht aus. Doch ganz offenbar wissen Sie noch ein wenig mehr, was den Ursprung der Mauern angeht. Und darüber hinaus? Haben Sie vielleicht Kenntnisse von noch tiefer gehenden Geheimnissen?" In die Augen der Abteilungsleiterin trat ein furchteinflößendes Funkeln. Sie lächelte, doch hinter diesem Lächeln stand Stahl. „Schluss mit den Spielen. Es geht um alles, und wir hier geben daher auch alles. Wir werden uns nun unterhalten. Sehr sehr lang, wenn es nötig ist."

Pastor Nick schluckte.

„Oh, saure Lauge", bemerkte plötzlich Zacharias und kam herbei gelaufen. „Hanji! Hanji!"

„Was denn?"

„Der Kristall! Der Kristall!"

Die Scherbe, welche der Pastor soeben fallen gelassen hatte, lag zerborsten auf dem Steinboden, als bestünde sie aus nichts anderem als schlichtem Glas.

„Worin hat die gelegen, Moblit?!"

Im Gefängnis von Stohess hatte Annie einen kompletten Zellentrakt für sich allein. Und zum allgemeinen Erstaunen, besonders ihrem Eigenen, hatte sie sogar einen Besucher. Ein älterer Herr mit Schnauzbart und schmutzig-blondem, ordentlich gekämmtem Haar. Er trug einen teuren, gräulichen Anzug.

„Auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren", sagte Elliot Gurnberg Stratmann gerade, „wäre für dich sicherlich noch eine Möglichkeit."

„Nein. Ich möchte nicht." Ihre Kehle brannte fürchterlich beim Sprechen, und das Innere ihres Schädels schien aus Pudding zu bestehen. Sie saß auf der Pritsche, die Hände in den Schoß gelegt. Zwei Ketten schlängelten sich aus der rückwärtigen Wand hervor und endeten an eisernen Manschetten, die sie an den Handgelenken trug.

„Wirklich nicht?" Stratmann gab einen bedauernden Seufzer von sich. „Es könnte dich immerhin vor dem Schicksal bewahren, vor aller Augen an die Wand gestellt zu werden. Nach deinem Auftritt im Tribunal würde niemand bestreiten, dass du unter Drogen standest, die dich alles andere als vernehmungsfähig machten. Und was deine Verbrechen angeht, so weiß man schließlich auch von Eren Jäger, dass er nicht immer der Herr seiner Sinne ist."

Annie lächelte schwach. „Nein. Ich möchte nicht."

„Hm. Dann hilft es wohl nichts", erwiderte Stratmann ohne jede Aufgeregtheit in der Stimme. „Ich werde meinem Bekannten also sagen müssen, dass er sich nicht als dein Anwalt betätigen können wird."

In der Zelle hätte Annie nun fast wirklich gelacht. „Er wäre wohl gern als erster Strafverteidiger eines Titanen in die Geschichte eingegangen."

„Er würde mit Begeisterung Kenny den Schlitzer vor Gericht vertreten, böte sich ihm diese Gelegenheit." Was wortgemäß nach Scherz klang, kam steinkalt hervor. Stratmanns Blick, der von Natur aus streng war wie der eines Richters, erweichte nicht im Mindesten. „Nun. Dann ist es wohl ein kampfloses Aufgeben?"

„Ihr klingt, als glaubtet Ihr an meine Unschuld."

„Nein." Stratmann schüttelte den Kopf, knapp und entschieden. „Ich zweifle nicht daran, dass Blut an deinen Händen klebt. Ich glaube jedoch, dass du einen guten Grund hattest, es zu tun. Du bist keine Verrückte."

Annie wiegte den Kopf ein wenig hin und her. „Nach meinem heutigen Auftritt scheiden sich daran wohl die Geister."

„Ich habe dir vor nicht allzu langer Zeit", erhob Stratmann wieder kühl die Stimme, „erklärt, dass ich meinem Bauchgefühl vertraue, wenn es um Menschen geht. Und dass ich es bedaure, dass jemand wie du vor den Augen des Pöbels abgeknallt werden wird wie ein tollwütiges Tier."

Diese Worte ließ er so stehen. Sie trieben im Raum herum, wie Nebel oder Rauch.

Stratmann seufzte nochmals voller Verdruss, dann setzte er seinen Hut auf und tippte an dessen Krempe. „Ich werde der Exekution nicht beiwohnen. Unsere Wege trennen sich daher nun." Er trat an die Zellentür und streckte seine Hand hindurch.

Annie erhob sich, wollte die dargebotene Hand ergreifen und schütteln. Doch die Ketten, die ihre Handgelenke umfassten und mit der rückwärtigen Wand verbunden waren, ließen nicht genug Raum. Sie klirrten, als sie vollends gespannt wurden. Die Hände trennte noch immer eine Armlänge.

Annie fluchte halblaut, ließ die Hand wieder sinken. Und Stratmann tat, als hätte es diesen etwas peinlichen Moment erst gar nicht gegeben. Er wandte sich zum Gehen. „Lebe wohl."

„Leben Sie wohl."

Annie blieb allein zurück. Von Hitch und Marlo abgesehen.

„Hach", seufzte Hitch, trat an die Zellentür heran und musterte Annie durch die Gitterstäbe hindurch. „Seltsame Menschen kennst du. Wer war dieser alte Knacker? Ich hatte jemand Jüngeren erwartet, deinen Brieffreund etwa, oder deine Verabredung." Sie drückte ihr Gesicht in die Lücke zwischen zwei Eisenstäben, als gelte es, so nahe wie möglich an die Gefangene heran zu kommen. „Wie heißt der nochmal, Lainer?"

„Fast", gab Annie zur Antwort, während sie es sich wieder auf der Pritsche bequem machte, die Augen halb geschlossen auf die Wand gerichtet. „Und Herrn Stratmann hättest du fast mal kennen gelernt."

„Du willst wohl, dass ich scharf drüber nachdenke", säuselte Hitch mit ihrem nasalen Stimmchen. „Ich bin sehr vergesslich, wie du weißt."

„Er war nur ein Auftraggeber", erklärte Annie daraufhin leise.

„Oh, wunderbar", näselte Hitch.

Marlo packte sie am Kragen. „Zieh den Kopf zurück", murmelte er ihr zu. „Was, wenn du abrutschst und stecken bleibst?"

„Solang ich nicht bis über die Ohren gehe, passt das", versetzte sie heiter. Allerdings konnte jeder deutlich hören, wie aufgesetzt diese gute Laune war. Und als Annie darauf nicht einging, verließ sie diese Route.

„Wer bist du jetzt?", raunte sie. „Bist du nun Annie, meine langweilige, unsoziale, aber wenigstens harmlose Stubenkameradin? Oder diese Anneliese, die so tut, als würde sie mich nicht kennen? Oder ein riesiges Monster?"

Annie verzog ein wenig das Gesicht. „Ich bin die, man gerade braucht", erwiderte sie mit einem Anflug von Melancholie. „Nichts weiter."

Hitch lehnte sich noch etwas mehr in die Gitterstäbe und zog eine Flappe. Dann zog sie sich plötzlich wieder daraus hervor, nahm einen Schlüssel vom Gürtel und rammte ihn ins Schloss.

Alarmiert schreckte Annie auf. „Was tust du?"

Marlo stellte dieselbe Frage, nur nicht als Frage, sondern eher als Ausdruck nackter Panik. „Was tust du!"

„Mich langweilen." Hitch schloss nichtmals die Tür hinter sich, als sie die Zelle betrat, um schnurrstracks auf die Insassin zuzukommen und sie rüde anzuschubsen. „Was ich eben immer tue, wenn ich mich mit dir unterhalte. Nun mach Platz, ich will mich setzen." Sie ließ sich neben Annie auf die Pritsche fallen, stieß ihr dabei den Ellenbogen in die Seite und warf sich dann förmlich zurück gegen die Wand, die Arme vor der Brust verschränkt.

Marlo stand einen Moment später in der offenen Tür. „Komm da wieder raus!", zischte er unterdrückt, „Was, wenn das einer sieht!"

„Aber dies ist wichtig", fertigte Hitch ihn schlicht ab und ignorierte ihn von da an. „Wer wird nun aufräumen, Annie? Wer sorgt nun für Ordnung? Die Stube sieht fürchterlich aus. Wenn du sie so sehen würdest, bekämst du einen Schreikrampf. Obwohl, nein, du würdest etwas wie Mäh sagen, oder irgendwas anderes, was ein Schaf sagen würde, und dann würdest du aufräumen."

Annie schwieg dazu, Hitch von der Seite musternd.

„Ich werde eine neue Stubenkameradin bekommen, weißt du?", führte Hitch weiter aus, mit kläglicher Stimme. „Dabei will ich keine Neue."

Als verließe sie bei dem Gedanken an das Kommende alle Kraft, fiel Hitch schlaff zur Seite und gegen Annies Schulter.

Annie brauchte eine ganze Weile, ehe sie antwortete. „Vielleicht solltest du zu den Kundschaftern wechseln. Dort gibt es viele langweilige, aber wenigstens harmlose Kameraden."

Hitch kommentierte diesen Vorschlag mit einem Schniefen. „Ja... Kann ich mir wunderbar vorstellen. Wie auch sonst sollten deine Freunde sein."

~ Sieben Tage nach Gefangennahme des Weiblichen Titan ~

Was ihn vorwärts trieb, war ein fast schon körperlicher Zug. Was er tat, würde ihn ans Ziel bringen. Was er tat, war unausweichlich. Was er tat, was richtig. So dachte Berthold, bis Mauer Sina in Sicht kam. Von da an wurde es schwerer.

Wenn er es nicht tat, würde es ein anderer tun. Wenn er es nicht tat, würde seine Familie darunter leiden, und zwar bitterlich. Wenn ich es tue, wird es ihr gut gehen. Wenn ich es tue, werde ich sie wiedersehen. Und das war doch alles, was er wollte.

Berthold lenkte sein Pferd zwischen Kutschen hindurch, auf denen Soldaten mit Manövergeräten saßen. Er verstand. Die Fahrzeuge waren sowohl hoch als auch beweglich – auf dem flachen Gelände ein deutlicher Vorteil, wenn man gegen Titanen kämpfte. Doch schon seit Tagen hatten diese Garnisonssoldaten nichts mehr zu tun gehabt, denn Zeke hatte längst aufgehört, Rose-Bürger zu titanisieren und nach Sina zu schicken. Er sammelte die Kräfte, die er hatte. Zumindest hatte er dies bis vor kurzem getan.

Berthold stieg vom Pferd, als er die Zelte erreichte, die in dichten Reihen aufgebaut waren. An anderen Städten waren die Flüchtlingslager bereits geräumt, wie er gehört hatte. Im Süden, Westen und Norden wurden Mauer Sina und Rose von keinerlei Titanen mehr behelligt, und so hatte man dort die Krise sogar für gänzlich überstanden erklärt.

Vermutlich wurden ihnen allmählich auch die Vorräte knapp, dachte Berthold bei sich. Er ließ das Pferd einfach laufen, was ihm mehrere verdutzte Blicke einbrachte. Er scherte sich jedoch nicht darum, sondern schritt weiter zwischen den Zelten hindurch, dem Tor entgegen.

Unterwegs sprach ihn ein Stimmchen von der Seite her an. „Warum trägst du Regensachen?"

Berthold blickte sich um. Ein kleines Mädchen in erdbrauner, abgetragener Kleidung kroch aus einem Zelt hervor.

„Damit ich nicht nass werde", erwiderte er heiter.

„Aber das Wetter ist schön!", protestierte das Mädchen sofort, „Du kannst die Sachen jetzt ausziehen."

„Oh, lieber nicht." Er blickte sich in gespielter Sorge am wolkenlosen Himmel um. „Dass es jetzt noch nicht regnet, heißt nicht, dass es in zwei Minuten immer noch nicht regnet." Außerdem verbarg der waldgrüne Regenponcho ausgezeichnet das Manövergerät, welches er sich bereits umgeschnallt hatte.

Das Kind war so offen, wie man es hatte erwarten können. „Du bist komisch", sagte es mit bitterem Ernst. „Wo kommst du her? Was machst du hier?"

So neugierig, dachte Berthold bei sich angesichts seiner plappernden Gesprächspartnerin, Oder ihr ist langweilig. Im Grunde konnte sie ihm natürlich gleich sein. Schließlich hatte er erheblich dringlichere Dinge zu tun, als sich mit einem vorlauten Kind zu unterhalten. Doch zu seiner eigenen Überraschung antwortete er. Ein Teil von ihm wollte dieses Gespräch führen.

„Ich besuche meine Freundin", sagte er. „Ich hole sie ab, damit wir gemeinsam nach Hause gehen können."

Das Mädchen gab ein Geräusch von sich wie ein langgezogenes Quietschen. „Awww, mag-magst du sie und mag-mag sie dich?" Es legte so viel Energie in diese Frage, als wären Berthold und es schon seit Ewigkeiten Freunde.

„Ich sie schon, aber sie weiß es noch nicht."

„Dann musst dus ihr jetzt sagen!"

Berthold lächelte schief bei diesem Befehlston. „Keine Sorge, habe ich vor."

Es zu sagen war etwas anderes, als es nur zu denken. Berthold wußte, dass er dieses Kind nie wiedersehen würde, wenn er sich nun der Mauer widmete, wie der Plan es verlangte. Es spielte keine Rolle, was es hörte. Doch ihm selbst verlieh es sonderbare Kraft. Kraft, die er gut gebrauchen konnte, denn Berthold Fubar wußte nur zu gut, dass er leider ein schwacher Mensch war. Darum suchte er Kraft bei anderen. Er suchte diese Kraft bei Reiner, der für ihn das Tagebuch aus dem Zimmer von Zeke geholt hatte, weil er selbst den Mut dazu nicht hatte aufbringen können. Und er liebte diese Kraft an Annie.

„Und kennst du deine Freundin schon lang!", plärrte das Mädchen und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Klar, seit wir Kinder waren", gab Berthold zur Antwort, nun allerdings nur noch halbherzig. Er musste weiter. Sein Blick glitt an der Mauer entlang, und dann folgte er einer fixen Idee, als er sagte: „Hör mal, magst du Spielzeug?" Er zeigte nach Süden. „Dort hinten, noch hinter der Krümmung der Mauer, verteilt ein reicher Mann ganz viel Spielzeug! Ich würde ganz schnell hingehen, wenn ich du wäre."

Die Augen des Mädchens begannen schlagartig, zu funkeln. Trotzdem rief es fast schon vorwurfsvoll: „Woher weißt du das!"

„Ich weiß es halt." Und das genügte, glücklicherweise. Das Kind stob davon.

Es scheint, als könnte ich gut mit Kindern, dachte Berthold bei sich. Aus übermütiger Laune malte er sich ein Bild aus, das sehr schnell in Scherben zersprang. Vielleicht werde ich irgendwann eigene - ...

Nein, würde er nicht. Und sie auch nicht. Sie hatten beide nur noch sechs Jahre. Und plötzlich wurde die gute Laune hinfort gespült von einer Art hektischer Panik. In ihm kroch das Gefühl empor, wertvolle Zeit verschwendet zu haben. Als müsste es nun ganz, ganz schnell gehen, denn – nur noch sechs Jahre. Fast so viel Zeit hatte er hier auf der Insel zusammen mit ihr verbracht, und wie weit war er gekommen? Keinen Schritt weit, denn sie wußte ja nichtmals etwas von seinen Gefühlen! Dabei hatte er es geplant, oft. In den letzten zwei Jahren immer mehr, vor allem in schlaflosen Nächten. Er hatte es ihr schon so häufig sagen wollen, zuallerletzt bei der Aufteilung der Rekruten in ihre militärischen Zweige. Da hatte er vor dem Podest gestanden und sich gesagt: Wenn sie sich zu mir umdreht, dann sage ich es ihr. Er hatte es sich romantisch vorgestellt. Vielleicht hätte sie ihn gar nicht gehört, aber seine Worte von seinen Lippen abgelesen.

Doch sie hatte sich nicht umgedreht.

Auf dem Weg durch das Lager allerdings sprach er noch einige Leute an. Er erzählte ihnen von einem reichen Mann, der hinter der südlichen Krümmung der Mauer Lebensmittel kostenlos verteilte, zur Feier des Tages. Er selbst hatte keine Ahnung, was an diesem Tag gefeiert werden mochte, und hoffte, die Leute dichteten sich selbst etwas zusammen. Er wollte ihre Vermutungen gar nicht hören, er wollte sie einfach nur nach Süden laufen sehen.

Einer der Männer rief: „Oh! Weil heute das Titanenmädchen hingerichtet wird?"

Berthold riss die Augen auf. Ja, er hatte gewusst, dass die Exekution heute stattfinden würde. Doch es so zu hören, war … Er trat fester auf, schritt weiter aus. Er sprach niemanden mehr an. Doch die Leute sahen ihre Mitbürger ohnehin losmarschieren, und aus Neugierde folgten sie ihnen. Die Ersten fingen an, zu rennen, als sie die Verfolger bemerkten, und dann rannte alles.

Hätte dies Berthold noch geschert, hätte er sich nun gefreut. Doch er hatte nur noch den Plan im Sinn. Seinen Auftrag, und wenn er ihn erfüllt hatte, dann - …

Aus dem Augenwinkel sah Berthold, dass Polizisten auf die Wanderung der Menge aufmerksam geworden waren. Sie hatten sich den Mann gegriffen, der Berthold von der Hinrichtung erzählt hatte. Er konnte nicht hören, was sie zueinander sagten, doch der Mann deutete in Bertholds Richtung.

„Halt!", rief einer der Polizisten und kam stracks auf ihn zu. „Bleib mal stehen, Junge!"

„Keine Zeit." Berthold blieb nicht stehen, sondern ging noch schneller. Der Polizist musste wetzen, um ihm den Weg zu versperren. Immerhin hatte er wesentlich kürzere Beine als Berthold. Doch das hatten ja viele.

„Ich bestimme hier, ob du Zeit hast, Bohnenstange!" Der Polizist schwang sich routiniert die Muskete von der Schulter. Es war nicht so, dass er direkt schießen wollte. Die fließende Bewegung war wohl eher eine Geste, ein Präsentieren der Waffe, des Zeichens von Macht. „Bleib jetzt stehen und verrate mir, warum du hier dummes Zeug erzählst. Ist dir langweilig, dass du Streiche spielen musst, oder was?"

„Heh, Carl", sagte ein zweiter Polizist, „Es ist heiß wie in einem Backofen, und dieser Kerl trägt eine schwere Jacke."

„Ist dir kalt, Langer?"

„Ja", sagte Berthold nach einem Moment des Überlegens, und es schwang Trotz mit. „Ja, mir ist kalt, und ich habe einen Streich gespielt. Kann ich jetzt gehen!" Aufgebracht. Zu aufgebracht.

Carls Augenbrauen zuckten in die Höhe. „Bursche. Bloß weil du knieend aus der Regenrinne saufen kannst, musst du nicht noch frecher werden!" Nun legte der Polizist wirklich mit der Muskete an. „Ich will sehen, was du unter der Jacke hast."

Berthold schätzte die Entfernung ein. Tat einen schnellen Schritt vorwärts, einen unglaublich langen Schritt, und packte den Lauf der Waffe. Über die Muskete hinweg sah er den Ausdruck der Überraschung, der sich im Gesicht des Polizisten breit machte.

Berthold zog kräftig. Carl zog auch. Jeder zog, wenn man ihm etwas wegnehmen wollte. Und Berthold ruckte die Waffe zu sich, dann stieß er sie heftig zurück, sodass der Kolben hart gegen Carls Schlüsselbein schlug. Carl hob zu einem Schrei an, der nur als Gegurgel herauskam. Sein Kamerad riss die eigene Muskete hoch, schockiert über die plötzliche Steigerung der Gewalt.

„Hände hoch oder ich schieße!"

„DANN TU ES!" Berthold wirbelte zu ihm herum, erneut nach einem Musketenlauf greifend.

Der Polizist schoss. Endlich. Die Kugel fuhr Berthold in die rechte Schulter und riss ihn halb herum. Einen kurzen Moment lang flackerte der Schmerz, doch dann zündete der Blitz, und der unglückselige Schütze und sein nicht weniger glückloser Kamerad hauchten ihre Leben aus, während ihre Körper zu Ascheflöckchen vergingen und zerstoben.

Der Kolossale Titan erhob sich in einer siedend heißen Woge, die über das Lager flutete. Die Zelte, die am nächsten waren, gingen sofort in Flammen auf. Die weiter weg wurden von der Welle heißer Luft erfasst und rissen sich los, trudelten in die Höhe wie ein Schwarm bunter Tücher. Blüten, von einem Wirbelwind erfasst. Das ganze Lager wurde verwüstet, und die Reihen von Kutschen waren als nächste dran. Als der Windstoß heranfegte, wurden sie durchgerüttelt und kippten um, während Soldaten von den Fuhrwerken fielen und manchmal auch darunter gerieten.

Berthold war längst woanders. Gedanklich, und auch körperlich. Das Gefühl, zum Himmel aufzusteigen, ohne einen einzigen Muskel zu rühren. Nach den Wolken greifen zu können. Ein vager Moment des Schwindels. Und Hitze. So viel Hitze.

Berthold blickte über Mauer Sina hinweg, über die Mauer, die ihm als Mensch so riesig und uneinnehmbar erschienen war. Mauer Maria, Mauer Rose, sie alle waren ihm so vorgekommen. Doch er war größer, er war höher. Über Sina hinweg blickte er auf Stohess, auf die mächtige Kirche und vornehme Anwesen aus Marmor und Granit, die hoch in den Himmel ragenden Türme. Irgendwo in dieser Stadt war Annie, und er würde sie dort herausholen. Sobald er seinen Auftrag erledigt hatte.

Seine Augen richteten sich auf die Soldaten auf der Mauerkrone, auf die schweren Kanonen. Von unten hatte er sie gar nicht wirklich wahrgenommen. Nun betrachtete er sie von Nahem, wie Spielzeuge. Und er fegte sie von der Mauer herab, mit einem weit ausholenden Schwung des Armes. Er hörte das Krachen und Poltern, das Zischen des Dampfes und die Explosionen des Schießpulvers, die von seiner Körperhitze ausgelöst wurden. Und auch die Schreie, die hörte er. Er blendete sie aus, so gut er konnte.

Wenn ich es nicht täte, täte es jemand anders. Hätte er sich geweigert, wem hätte es genützt? Nicht denen, die soeben gestorben waren, genau jetzt starben und oder noch sterben würden. Die Toten wären tot, so oder so.

Sein Arm schliff über die Mauerkrone. Der Kolossale Titan deckte sie ab, hinterließ schmauchende Spuren und drehte sich dabei leicht nach rechts, um so viele Geschütze wie möglich mit einem einzigen Streich zu erwischen. Dabei blickte er auch über die Schulter, und was er sah, hätte sicherlich jeden Soldaten von Stohess zum Zittern gebracht.

Eine Horde von Titanen walzte über die offene Fläche. Der Tier-Titan und der Gepanzerte Titan eilten im Schnellschritt vorneweg, und über zwei Dutzend geistlose Titanen folgten ihnen auf dem Fuße. Was so schrecklich an diesem Anblick war, so bizarr, war die Größe: Mindestens die Hälfte der geistlosen Titanen maß 30 Meter, war damit doppelt so hoch wie Reiner und halb so hoch wie Berthold.

Marley dachte Berthold nicht zum ersten Mal bei dem Anblick, hat sein Titanen-Serum wirklich verbessert. Offenbar hatten die Zuständigen daheim vor, Kreaturen zu erschaffen, die den Mauer-Titanen von Paradis an Höhe gleich kamen. Und sie waren auf einem guten Wege dahin.

Eine weitere, ungewöhnliche Sache war, dass diese Monster Ausrüstung besaßen: Die 30-Meter-Titanen trugen baumstammdicke Holzstangen, an deren einem Ende ein schwerer Mühlstein befestigt war. Sie glichen vorsintflutlichen Hämmern.

Reiner trug keinen solchen Vorschlaghammer. Stattdessen schleppte er zwei riesige Bündel mit sich herum, als transportiere er Kartoffelsäcke. Eines bestand aus rotem Segeltuch, das Andere aus Blauem. Als Reiner bei dem Kolossalen Titan anlangte, ließ er diese Last fallen, und Berthold bückte sich. Der Koloss-Titan besaß enorme, säulengleiche Beine. Als er noch jünger gewesen war, hatte Zeke Berthold gern Elefantenfuß genannt. Die Arme waren, so stellte Berthold es sich vor, daher wohl eher vergleichbar mit einem Rüssel als mit menschlichen Armen, denn sie waren lang und dürr, und die Hände waren klein, wenn sie im Verhältnis betrachtete. Aber geschickt genug waren sie. Langsam und bedächtig ergriff er die Bündel und nahm sie mit sich in die Höhe. Das rote Bündel ließ er auf die Mauerkrone fallen, mit dem Blauen holte er weit nach hinten aus. Suchte ein geeignetes Ziel.

Unter ihm trat der Gepanzerte Titan mehrere Schritte zurück, nahm Anlauf. Der Kriegsherr hatte erklärt, dass Reiner es sein sollte, der dieses Tor sprengte. Also holte er Schwung, stürmte vorwärts. Mit jedem langen Schritt beugte er sich weiter nach vorn und schob die rechte Schulter vor, bis er auf den letzten Metern förmlich stürzte!

Als Berthold sein Ziel fand – einen Turm, laut dessen riesigem Ziffernblatt es halb Zwei nachmittags war und dessen Glocken wie viele andere in der Stadt laut zu bimmeln begonnen hatten – platzte der Gepanzerte durch das Tor hindurch, Geröll und Trümmer vorwärts schleudernd. Hart schlug er die Fersen in den Erdboden, um wieder zum Halten zu kommen.

Über ihm warf Berthold das Bündel. Er schickte es weit in den hinteren Teil von Stohess, ganz wie es sein Auftrag war. Im Fluge ging der Stoff in Flammen auf, und der Inhalt ergoss sich über Straßen und Dächern: Bläulich schimmernde Geschosse hagelten auf Stohess herab. Farbige Tupfer erschienen, wo Ziegeldächer zu Scherben und Staub wurden. Berthold fragte sich, wie Zeke auf diese seltsame Munition gekommen sein mochte.

Dort, wo vor wenigen Augenblicken noch das Tor von Stohess gewesen war, klaffte nun eine Bresche. Die geistlosen Titanen quollen hindurch. Die Größeren krochen auf allen Vieren, ihre steinbeschwerten Stangen wie langweilig gewordene Spielzeuge hinter sich herschleifend.

Der Gepanzerte Titan warf sich derweil an die Mauer, krallte die geschärften Fingerspitzen hinein und kletterte. Der Tier-Titan tat auf der anderen Seite das Gleiche.

Zeke zog sich über die Kante, kam mit krachendem Schwung auf der Mauerkrone an und stand einen Moment lang einfach nur hoch aufgerichtet da, den Ausblick in sich aufnehmend. Dann knickten die stelzenartigen Beine ein, und er ließ sich in der Hocke nieder. Er erinnerte ein wenig an einen kleinen Jungen, der voll ehrlichem Interesse dem Alltag einer Ameisenstraße zuschaute.

Er war missgelaunt. Der Kriegsherr hatte darauf gehofft, dass die Streitkräfte der Mauerteufel in Horbruche die Spur Reiners aufnehmen und stracks nach Uslir kommen würden. Zeke hatte, wie er es auszudrücken pflegte, der Verteidiger sein wollen.

Doch sie waren nicht gekommen. Stattdessen hatten sie offenbar Annie hintergangen und erklärten deren Gefangennahme nun als großen Sieg, um die Moral ihrer Bevölkerung zu heben. Schlimmer noch, sie hatten offenbar vor, sie zu exekutieren. Diverse Informanten, vor allem aus dem Umfeld der Titanenanbeter kommend, hatten Brieftauben nach Uslir geschickt und die Marley-Wandler somit auf dem Laufenden gehalten.

Zeke roch eine Falle. So wie Erwin Smith vermutlich eine Falle gerochen hatte. Am liebsten hätte Zeke natürlich einfach weiter gewartet und das Rose-Territorium heimgesucht.

Doch konnte er sich nicht sicher sein, dass sie Annie nicht wirklich töten würden. Vielleicht hatte sie ihnen nie erzählt, wie Titanenkräfte vererbt wurden. Vielleicht hatten die Mauerteufel keine Ahnung, wie wertvoll sie lebend war.

Was Zeke in jedem Falle wußte: Er musste verhindern, dass der Weibliche Titan in den Pfaden aufging und sich ein neues Zuhause suchte. Es konnte Jahre dauern, bis er wieder auftauchte. Und diese Jahre hatte Marley nicht.

Erwin Smith. Zu diesem Schlag hast du mich wahrlich getreten." Er langte zu dem zweiten Sack aus Segeltuch, öffnete geschickt den Knoten und schlug den Stoff beiseite. Hervor rollten Steine, glatt geschliffen und rund wie Kanonenkugeln. Genau das Richtige gegen seine schlechte Laune. Zeke nahm sich einen. „Sei eben der Gastgeber, wenn du unbedingt willst. Tisch auf."

Irgendwo weit, weit links von ihm, wo noch der Qualm von Bertholds Angriff hing wie ein Vorhang, krachte plötzlich eine Geschützbatterie. Einen Herzschlag vorher hörte Zeke noch das Kommando zum Feuern, dann schwirrten Kanonenkugeln durch den Rauch und in breit gefächerter Linie in seine Richtung.

Er reagierte schnell, härtete seinen Arm vom Hand- bis zum Schultergelenk und brachte ihn hoch, um seinen Oberkörper und vor allem den Nacken zu schützen. Eine dünne, zarte, bläuliche Schicht erschien. Mit Wucht schlug eine Kugel dagegen – ein Treffer ohne den Härtner hätte den schlaksigen Arm des Tier-Titanen wohl gebrochen wie einen Zweig. Doch so blieb der Treffer wirkungslos, wenn man davon absah, dass Zeke wirklich etwas zurückweichen musste, um sich nicht mit seinem eigenen Arm selbst zu schlagen.

Für einen Schuss ins Blaue war das großes Glück. Für einen gelungenen Schuss aber war das ziemliches Pech. Offenbar gab es noch Geschütze hier oben, hinter dem Punkt, an dem die Krümmung der Stadtmauer überging in die wirkliche Mauer Sina. Dort hatte Berthold sie natürlich nicht erreichen können. Zufall? Vorbereitung? Machen wir uns nichts vor, natürlich ist es Absicht.

Zeke holte kurz und kraftvoll aus, dann schleuderte er seinen Stein als angemessene Antwort. Der Brocken verschwand in dem Pulverdampf, schlug donnernd ein. Schmerzensschreie wurden laut, und eine Kanone trudelte senkrecht in die Höhe wie eine Blechdose, die von einer Gewehrkugel getroffen worden war.

Einen guten Wurfstein an ein lausiges Ziel verschleudert", bemerkte Zeke trocken. „Buchstäblich."

Der Gepanzerte Titan erklimmte nun ebenfalls die Mauerkrone.

Reiner." Zeke gab ihm sofort eine Richtung, in die er sich wenden durfte. Der Tier-Titan wies schwungvoll dorthin, von wo die Kanonenkugeln kamen. „Du weißt, was du zu tun hast? Dort entlang!"

Reiner sammelte sich noch einen Moment lang. Oder zögerte er? Zeke hatte die Mimik dieses Titanen noch nie lesen können. Bei Reiner nicht, und auch nicht bei dessen Vorgängerin, obwohl es deutliche Unterschiede in der Gestaltung gab.

Der Koloss-Titan hingegen sah fast genauso aus wie früher, ehe die Kinder ihre Titanen übernommen hatten und Zeke noch der Jüngste in der Einheit gewesen war. Zeke blickte nach rechts, wo Berthold ihn scheinbar teilnahmslos beobachtete. „Du darfst auch gehen."

Noch während Zeke zusah, verflüchtigte sich der Koloss-Titan. Rasend schnell wurde er zu Dampf, verschwand einfach im Nichts. Gerade so erhaschte Zeke noch einen Blick auf Berthold, der sich mit seinem Manövergerät davon machte.

Reiner stürmte endlich auch los, über die Mauerkrone wie über eine Straße. Und tief unten, wo das Loch klaffte, waren die geistlosen Titanen bereits am Werk.

Zeke rollte mit den Schultern, machte es sich auf seinem Platz hoch droben bequem. Auf seinem Feldherrenhügel, wenn man so wollte. Wenn die Dinge liefen, wie sie sollten, würde er von hier nicht weggehen müssen.

Er legte den Kopf in den Nacken und brüllte, markerschütternd. Sein Schrei rollte wie eine Felslawine über Stohess hinweg.