Zur Mittagszeit hatte der Maria-Platz, gepflastert und von schmucken Steingebäuden umsäumt, wenig von einer Promenade und glich vielmehr einem Backofen. Nur mit Mühe konnte Jean Sasha davon abhalten, in den Göttinnenbrunnen zu springen.
„Nur die Füße! Nur die Füße reinhalten!"
„Nein, sag ich!"
Er hätte sich wie ein Held fühlen sollen. Von den Bürgern umjubelt, von den Mädchen angehimmelt und von den Männern beneidet. Doch ihm war bloß warm. Und er zerrte das Landei weg von der sprudelnden Fontäne. Sasha versuchte vergeblich, Widerstand zu leisten und mit den Hacken Halt zu finden. Davon wurde Jean nicht kühler.
Der Rest des Trupps, geschrumpft und zusammengekürzt, hatte sich bereits ein Gasthaus mit Außenterrasse ausgesucht und einen Tisch besetzt. Sechs Stühle reichten aus. Auf einem siebten Stuhl landeten die Mäntel. Jean fühlte sich herabgesetzt, ausgegrenzt. War das gerechtfertigt, fragte er sich natürlich selbst. Immerhin waren seine Kameraden und er noch immer Neuzugänge bei den Kundschaftern, relativ gesehen. Seit der Rückkehr von der 58. Expedition hatte man ihnen nichts mehr erzählt, sie nirgendwo mehr eingeweiht. Zumindest nicht ihn, Jean.
So schnell kanns gehen, dachte er, Von einer Spezialeinheit herabgestuft zu gemeinen Fußsoldaten. Er hatte vor kurzem noch nicht weniger als drei Wandler in seiner Truppe gehabt, und nun hatte er gar keine mehr. Eigentlich sollte er sich trotzdem freuen. Immerhin leitete er nun einen Trupp, der fast ausnahmslos aus hübschen Mädchen bestand. Neben ihm selbst war Connie der einzige Kerl in der Mannschaft, denn Armin war von Hanji einkassiert worden. Mikasa war noch da, leider fortwährend sauertöpfisch gelaunt, weil ihr Eren fehlte. Alica war da, jedoch noch immer betrübt, weil die Expedition nichts Neues über Reiner hervorgebracht hatte. Historia wurde von der Frage gequält, wohin man eigentlich Ymir geschickt hatte.
Und dann, ja, dann war da noch Sasha.
„Warm", murmelte Sasha träge, ohne jegliche Körperspannung auf ihren Stuhl fallend und den Kopf auf die Tischplatte bettend. „Mir ist so warm. Jean? Du bist gemein. Ich wollte nur die Füße in das Wasser stecken."
„Du weißt nur nicht, wie man sich in zivilisierter Umgebung benimmt", versetzte Jean mit einer gewissen Gereiztheit in der Stimme. „Der Brunnen ist nicht zum Abkühlen, sondern zum Anschauen, du Wolfskind."
„Aber die da" - Sasha zeigte auf den Platz hinaus - „dürfen das auch."
„Die sind höchstens sieben Jahre alt."
Ein Stückchen entfernt tobte eine Kinderbande über den Platz. Mehr als die Hälfte von ihnen hatte sich grüne Tücher umgebunden und schwang hölzerne Schwerter, während die Übrigen ihre Hemden ausgezogen hatten und mit wild schwingenden Armen herumplärrten. Sie jagten einander um den Springbrunnen herum und auch mitten hindurch.
„Guck den da mal an." Connie zeigte ebenfalls hin.
Eines der Titanenkinder hatte seine Wangen bemalt, sodass es aussah, als blecke es dauernd die Zähne. Es hämmerte mit den Fäustchen auf einen seiner Artgenossen ein.
„Bis einer weint", murmelte Alica matt, während sie nun alle dem Spiel zusahen. Nur wenige Momente später fiel eins der Titanenkinder bei vollem Lauf hin. Es bremste mit dem Gesicht und begann kurz darauf, so laut zu heulen, dass es zum Steinerweichen war.
Historia erhob sich und eilte von der Terrasse, hin zu der Kinderbande. Dabei kam sie an einer jungen, schwarzhaarigen Frau vorbei, die ein Tablett voller hölzerner Krüge vor sich her trug.
„Freigetränke!", rief sie, „Exotische Säfte aus den Gärten des Königs! Trinkt auf den Tod der Titanenhexe! Freigetränke – magst du ein Freigetränk?"
„Nein, danke." Historia lehnte im Vorbeigehen ab.
„Später vielleicht", rief die Schwarzhaarige ihr nach, erspähte den Rest des Trupps auf der Terrasse und lächelte. „Noch mehr Helden! Wollt ihr ein Freigetränk!"
Jean spürte, wie sich seine Wangen und Stirn ganz unwohl erwärmten, und ein verlegenes Grinsen schlich sich auf seine Gesichtszüge. Ringsum wandten sich ihnen nun Blicke zu. Irgendwer stimmte einen Trinkspruch an, war jedoch bereits zu beduselt und schlief auf halbem Wege ein. Dessen Kopf sackte nach vorn, er knallte mit der Stirn voran auf den Tisch.
Die junge Frau nahm dies alles als gutes Zeichen und setzte den Fuß auf die Terrasse. Doch als hätte sie dabei einen Alarm ausgelöst, erschien der Wirt des Kaffeehauses plötzlich in der Tür, die zum Gastraum führte.
„Nicht auf meiner Terrasse!", keifte er, „Feiertag hin oder her!" Er verlieh diesen Worten mit einem Besenstiel Nachdruck. „Wenn hier jemand Freigetränke rausgibt, dann ich!"
Die Schwarzhaarige machte sich eilig davon. „Ist ja gut, ist ja gut!" Mehr als ein Gast schaute ihr bei der hastigen Flucht nach. Als sie fort war, drehten sich einige von ihnen zum Wirt um und fragten, ob er denn nun Freigetränke rausgeben würde. Der Wirt sagte „Nein" und stapfte wieder in den Gastraum zurück.
Connie gehörte zu jenen, die der jungen Dame nachschauten. „Glück gehabt. Es hätte sich auch irgendwie falsch angefühlt, auf die Hinrichtung unserer Kameradin zu trinken."
„Sei bloß leise", knurrte Jean zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und warf misstrauisch Blicke um sich. „Wenn der Falsche dich hört, gibt's am Ende noch Ärger."
„Ja, ja, ja", machte Connie und winkte ab. „Bin schon still."
Doch das Thema war angeschnitten. Einen Moment lang warf sich der Jean-Trupp noch aufmerksame Blicke zu, als wartete ein Jeder auf ein Zeichen vom Anderen.
„In aller Ernsthaftigkeit." Mikasa war es, die das Wort schließlich ergriff. Sie sprach ganz wie üblich, gefasst und kühl. „Hätte sie etwas in dieser Sache zu sagen gehabt, dann… würde sie ihre übliche Meinung vertreten, oder nicht? Wie hinsichtlich Reiner und Berthold. Sie würde sagen, dass sie es nicht besser verdient hätte."
„Das würde sie sagen", murmelte Connie widerwillig. „Würde irgendwas knurren von wegen Wir taten schlimme Dinge, nun gibt es die Quittung, Punkt!"
„Vielleicht würde sie es noch etwas gemeiner ausdrücken", murmelte Sasha.
„Doch wir widersprachen ihr, als es um Berthold und Reiner ging", erwiderte Alica leise. „Also … sollten wir ihr nicht jetzt auch widersprechen?"
Ringsum wurden Augenbrauen hochgezogen.
„Wir können sowieso nicht widersprechen", bemerkte Jean trocken. „Wir hatten kein Mitspracherecht in dieser Sache. Die Entscheidung kam von ganz oben."
Alica legte daraufhin den Finger in eine andere Wunde: „Haben wir", fragte sie missmutig, „dann eigentlich auch hinsichtlich Reiner und Berthold kein Mitspracherecht?"
Jean hatte eine Antwort parat, sprach sie jedoch nicht aus. Er starrte grüblerisch ins Leere, auf den Platz hinaus und über den Brunnen hinweg zu einer Turmuhr. Eine Glocke läutete ein einziges Mal, um die Hälfte einer Stunde zu verkünden. Es war Halb Zwei.
Sasha horchte plötzlich auf. „Donner?"
Kaum ausgesprochen, hörten es auch die anderen. Ein dumpfes Grummeln und Rumpeln. Jean dachte im ersten Moment ebenfalls an Gewitter. Mikasa und Alica, beide aus Shiganshina stammend, zuckten dagegen zusammen. Sie schauten nach Osten, sie alle schauten nach Osten.
Wie ein Nachbarsjunge über einen Gartenzaun, so lugte der Koloss-Titan über die Mauer. Aus der Ferne, über einen Großteil von Stohess hinweg, erschien er seltsam harmlos.
Glocken begannen, den Alarm auszurufen. Ihr Bimmeln läutete einen Evakuierungs-Plan ein, der für die Bürger von Stohess nichts weiter gewesen war als eine Kuriosität, eine Maßnahme, die niemals zum Einsatz kommen würde. Bis heute.
Jean stieß sich mitsamt des Stuhls nach hinten weg und sprang auf. „Hoch mit euch!", blaffte er in die Runde, „Hoch die Ärsche!" Er hatte keine Ahnung, was nun passierte, doch zumindest dies wußte er: Seiner Mannschaft würde es im Sitzen schlechter ergehen als im Stehen. Und eine klare Ansage war Gold wert.
Auch andere Gäste sprangen auf. Stühle schlugen nach hinten um, Gläser klirrten. Jean hatte den Koloss-Titan bei alldem nicht aus den Augen gelassen. Keine Panik, sagte er sich, Keine Panik. Du hast ihn schon einmal fallen gesehen. Bei Utgard war der Koloss bereits neutralisiert worden. Er hatte seine Unüberwindlichkeit eingebüßt, er war nicht mehr das Sinnbild für Tod und Zerstörung wie früher. Er war nur noch eine himmelhohe, wandelnde Masse trägen Fleisches. Er hatte keine Macht mehr über - …
Der Koloss-Titan duckte sich weg. Verschwand aus dem Sichtfeld. Tauchte wieder auf, warf etwas.
Jean sah dieses Etwas fliegen, ein unförmiges Ding, das sich in der Luft plötzlich in viele kleine, kugelförmige Dinge aufteilte. Was war dies nun wieder? So war die Sache doch in Trost nicht abgelaufen!
Jean dachte an Trost zurück, ganz von allein rasten seine Gedanken dorthin. Er war nicht auf dem Teil der Mauer gewesen, den der Koloss damals – damals? War das schon so lang her? - heimgesucht hatte. Stattdessen hatte er im Munitions-Depot bei einem alten Soldaten gestanden und sich dessen Geschichte angehört. Ob er wisse, wie eine Kanonenkugel im Fluge aussähe.
„Nein", hatte Jean ein wenig verwirrt gesagt, „Weiß nicht nicht."
Der Alte hatte es ihm gesagt. Du denkst sicher, du siehst sie als Punkt, richtig? Aber nein, du siehst sie nicht als Punkt. Sie ist zu schnell. Du siehst sie eigentlich gar nicht. Es seie denn, sie kommt direkt auf dich zu. Dann sieht sie aus, als zöge sie eine Linie hinter sich her.
Jean sah die Linie. Er sah sogar viele Linien! Die Geschosse rauschten auf den Maria-Platz zu, und während er noch aufschrie, preschte das Erste bereits sauber durch den Turm, dessen Uhr ihm eben noch die Zeit angezeigt hatte. Ein zweites Geschoss schlug höher ein und brachte das Glockenspiel zum Verstummen. Der ganze Turm kam ins Wanken, und dann konnte Jean nicht mehr länger zuschauen, denn hinter ihnen wurde das Gasthaus getroffen. Trümmer wirbelten umher, und Jean duckte sich instinktiv. Neben ihm wurde ein Mann von einem Backstein am Kopf getroffen und sackte leblos zu Boden.
„Scheiße!", rief Connie neben ihm. „Was war das, Mensch?"
„Weiß ich nicht!", versetzte Jean laut und wild, um seiner Mannschaft weiterhin das Gefühl zu geben, er wisse genau, was zu tun sei. Zu einem nicht gerade kleinen Teil versuchte er dies auch für sich selbst. „Es spielt keine Rolle. Dorthin!" Er zeigte auf das Gasthaus, dessen Dach soeben lärmend in sich zusammensackte. „Dort sind Leute drin! Graben wir sie aus!"
Der Jean-Trupp und mehrere andere Gäste eilten auf das zerschossene Gebäude zu und begannen, Trümmer zur Seite zu wälzen.
„Das waren doch keine Steine", war Connie währenddessen zu hören. „Jean, diese Dinger waren blau, oder?"
„Blau? Wovon quasselst du?", erwiderte Jean. „Alica und Sasha, diesen Balken hier!"
„Na, wir haben doch während der Experimente -", hob Connie an, doch genau in diesem Moment kam ein großer Teil des Daches ins Nachrutschen, und das Innere der Gaststube wurde freigelegt. Und mit ihm wurde der Blick frei auf einen Krater, der durch Bodendielen und Stein und blanke Erde getrieben worden war. In diesem Krater glänzte das Geschoss, bläulich schimmernd wie Kristall.
Wie der Kristall des Weiblichen Titanen, dachte Jean. Diese Erkenntnis brachte jedoch eher wenig. Das Auftauchen dieses Kristalls verwirrte ihn eher nur noch mehr. Und dass der Kristall an einigen Stellen Dampf ausstieß, machte die Sache auch nicht einfacher. Knackte da etwas? Was ist das hier?
Dann kam der Schrei, trommelfellzerfetzend.
Mit einem Male war es Jean, als wären Titanen einfach so erschienen, mitten auf dem Platz. Im einen Moment war dort noch keiner gewesen, nun aber stand einer direkt hinter Sasha, die sich gerade noch rechtzeitig umdrehte, als der Schatten des Monsters auf sie fiel. Sie warf sich mit einem Aufschrei der Verzweiflung zu Boden, und die nach ihr schnappende Hand rauschte über sie hinweg. Doch sie kam auch sofort wieder zurück! Mit spitzen Fingern grapschte der Titan nach ihr.
Alica war einen Moment später heran, schlug mit den Doppelklingen erst von links nach rechts, dann von rechts nach links. Drei Fingerkuppen, so groß wie der Kopf der Soldatin, segelten aufs Pflaster, blutig und dampfend. Einen Moment später schoss Mikasa zum Nacken des Titanen empor, verschwand auf der einen Seite und kam auf der anderen wieder in Sicht. Ein großes Stück Fleisch, aus dem Nacken geschnitten, segelte mit ihr. Das Monster brach in die Knie, wie ausgeknipst.
„Weg!", rief Alica Sasha zu, die sich hektisch auf die Füße kämpfte.
„Hoch!", fügte Jean hinzu, „Hoch! Auf die Dächer!"
Sie schwirrten alle nach oben, aus dem Chaos des Maria-Platzes hinaus und auf ein Flachdach. Schlitternd kamen sie auf den Ziegeln zum Stehen. Jean erlaubte sich ein Durchatmen, als er die Mitglieder seiner Mannschaft zählte. Alle da? Alle da. Doch es war ein schwacher Trost.
„Dies ist genau", hörte er Alica neben sich wispern, „wie in Trost. Oder Shiganshina."
Für einen albernen Moment dachte Jean, sie habe seine Gedanken gelesen. Doch wesentlich ernster musste er ihr zustimmen. Ja, es ist genau wie in Trost. Umso überraschter war er, als er jemanden mit fester Stimme sagen hörte:
„Nein. Nein, es ist nicht wie in Trost. Es ist nicht wie in Shiganshina."
Die Stimme gehörte ihm selbst. Die Worte sprangen Jean Kirschstein von ganz allein aus dem Munde, und er wurde lauter. „Denn die Kundschafter-Legion ist hier! Diesmal sind die Kundschafter dabei!"
Seine Kameraden starrten ihn an, während er eins seiner Schwerter in die Höhe reckte. „Wir! Wir sind die Kundschafter-Legion! Und wir sind hier!"
Ein paar Titanen unten auf dem Platz blickten zu ihnen empor. Mit großen, glasigen, unschuldigen Augen. Einer dieser Titanen hatte sich soeben aus der Ruine des Gasthauses geschoben, und er trug eine große Kristallscherbe auf dem Kopf wie ein frisch geschlüpftes Küken eine halbe Eierschale.
Jean Kirschstein verstand die Welt nicht mehr. Doch anmerken lassen würde er sich das nicht.
Mit Hitch war es an diesem Tag besonders schlimm.
„Es ist passiert. Ich habe eine neue Stubenkameradin. Sie heißt Millie. Ich hasse Millie."
„Ah?"
„Sie ist rothaarig. Und hat blaue Augen. Ich hasse Rothaarige mit blauen Augen." Hitch saß erneut neben Annie auf der Pritsche. Nun hob sie die Hand und fuhrwerkte in der Luft herum, als wolle sie der nicht anwesenden Millie die Haare ausreißen und ihr mit den Fingern in die Augen stechen. „Sie haben zuviele schöne Farben, du verstehst? Zuviele schöne Farben sind unfair."
„Aha."
„Bei dir ist das anders. Du bist blond und blau. Aber bleich, das kontert das andere gut aus."
„Ah."
Es war ein klassischer Gesprächsverlauf. Annie schielte über Hitchs Kopf, der auf ihrer Schulter ruhte wie auf einem Kissen, hin zu der weit offen stehenden Zellentür. Die Vorstellung, die Arglosigkeit der Polizei-Gefreiten auszunutzen, kam ihr nicht erst seit heute – Hitch war in den letzten Tagen sehr häufig zum Wachdienst angetreten. Der Plan hatte sich ganz wie von selbst zusammengebaut. Zuerst Hitch ausschalten, einfach Hinterkopf gegen die Wand. Dann aufspringen. Die Handschellen loswerden, einfach mit Gewalt. Sie nahm an, dass mit brutaler Kraft irgendwas möglich sein würde. Sie war eine Wandlerin, sie konnte heilen. Diese Fesseln konnten niemanden halten, der bereit war, sich zur Not die Hände abzureißen, um freizukommen. Dann Marlo ausschalten, dann losrennen. Annie stellte sich vor, dass sie nur das Treppenhaus erreichen musste, und dann würde sich schon genug Platz finden, um ihren Titan zu rufen. Direkt hier zu wandeln wäre Selbstmord. Sie würde sich nur hoffnungslos einkeilen zwischen Tonnen von Geröll, könnte nichtmals einen Finger rühren und wäre dem Feind ausgeliefert. Doch sobald genug Raum da war, würde sie sicherlich graben können. Ausbrechen können. Losrennen und die Mauer erreichen können. Und dann weiter rennen, wohin auch immer.
„Immerhin", sagte Hitch, „ist mein Busen größer."
„Ah."
„Ihrer ist allerdings größer als deiner, um es für dich begreiflich zu machen."
Der Fluchtplan drängte sich etwas stärker an die Oberfläche. Er wollte ausprobiert werden. Nur um zu schauen, ob es klappen könnte. Doch Annie ließ es bleiben. Sie sagte sich, dass Schritt Nummer Eins nicht das Problem wäre. Schritt Nummer Zwei, der würde wehtun, und darum ließ sie es bleiben.
„Ich glaube, sie stopft aus. Und nimmt mal mehr, mal weniger."
Vor der geöffneten Tür stand Marlo, mit der Wachsamkeit eines Kaninchens. Seine Ohren schienen ein wenig größer geworden zu sein, und sie hatten eine rötliche Farbe angenommen. Er starrte konzentriert den Flur hinunter.
„Wahrscheinlich hat sich Millie ihren Platz in den Besten Zehn nicht durch Leistung verdient, wenn du verstehst, was ich meine."
„Ah", machte Annie und verschwieg gewissenhaft, dass man genau dies auch von Hitch dachte. Sie war fast dankbar, als Marlo plötzlich zusammenfuhr und das vereinbarte Alarmsignal gab: Bei verdächtigen Geräuschen sollte er gegen die Gitterstäbe klopfen. Er schlug nun dagegen, als wolle er sie mittendurch brechen.
Hitch wirbelte in die Höhe wie eine Katze, die das Rascheln einer Tüte voller Leckerchen hörte. Sie schoss aus der Zelle heraus. Marlo warf die Tür zu und langte nach dem Schlüssel, der noch im Schloss steckte – als am anderen Ende des Flurs bereits die eiserne Tür zum Zellentrakt knirschte, knarrte und sich öffnete.
Marlo riss den Schlüssel einfach heraus und stopfte ihn in seine Tasche.
„Hinaus." Eine raue, volltönende Männerstimme, bei deren Klang Annie aufhorchte. In ihrem Gedächtnis pochte eine Erinnerung, flüchtig und unheilvoll. Einen Moment später trat der Besitzer dieser Stimme in ihr Sichtfeld. Ein großer Kerl mit schulterlangem, dunklem Haar. Sein Gesicht, kantig und scharf geschnitten, wurde eingerahmt von einem dünnen Bart. „Gehört, ihr Kleinen? Hinaus."
Was ist nun los? Stand die Hinrichtung bereits an? War es nicht erst früher Nachmittag? Hitch und Marlo schienen ebenso verwirrt über den Gast, der demnach wohl unplanmäßig erschienen war. Sie verzogen sich mit knappem „Jawohl" auf den Flur hinaus.
Annie schaute ihnen nach. Behielt im Hinterkopf, dass die Tür nun nicht mehr abgeschlossen war.
Und der Gast, der schaute zu ihr hinein. Grinste. Dieses Grinsen, wie mit einem Messer hineingeschlitzt. Instinktiv wünschte sich Annie, die Tür wäre doch abgeschlossen.
Was diesen Mann umgab, war die Aura von jemandem, der wußte, wie man Blut von einer Messerklinge entfernte. Außerdem war ihr ganz generell, als habe sie ihn schon einmal irgendwo gesehen. An einem wesentlich zwielichtigeren Ort.
„Frau Leonhardt? Auf ein Wort."
Es wurde mehr als ein Wort.
Annie spielte mit einer der Ketten, während sie zuhörte. Sie ließ sie hüpfen wie ein kleines Springseil und klirrend auf das Holz ihrer Pritsche dotzen. Im Augenblick war ihr, als könne sie nicht wie üblich einfach stillsitzen. Gewöhnlich fiel es ihr nicht schwer, zur Salzsäule zu erstarren und ganze Stunden lang einfach auszuharren. Doch genau hier, genau jetzt?
„Sie sagen mir also, dass ich überleben werde?", fasste sie zusammen, als der Polizist geendet hatte. Fragte sich, ob dieser Kerl insgeheim zu den Kundschaftern gehörte.
„Das sage ich in der Tat, ja", lautete die gemächliche Antwort. „Sofern du dich als so zäh erweist, wie man mir sagte. Ein paar Einschusslöcher wirst du dir einfangen, daran führt kein Weg vorbei. Doch das wirst du ertragen, nicht wahr?"
Wer auch immer ihn schickte, wußte jedenfalls genug über Wandler. Wußte, dass eine Serie von Musketenschüssen nicht ausreichte, sie völlig zu erledigen. Wenn es heute abend versucht werden würde, würde das Erschießungskommando eine Überraschung erleben. Und vermutlich mehr als einmal nachladen müssen.
Annie schaffte es, eine gleichmütige Miene aufzusetzen, mit halb geschlossenen Lidern. „Sehe ich danach aus? Ich bin ein zartes Mädchen. Davon ab, man wird mir sicherlich wieder diese Droge verabreichen, oder nicht?"
„Dieses wundersame Beruhigungsmittel, das die ehrenwerte Hanji Zoe entwickelt hat, meinst du sicher?"
„Genau das." Annie hatte bis gerade natürlich nicht gewusst, dass Hanji als Urheberin der Droge galt. „Könnt Ihr erreichen, dass man es beiseite lässt?"
Diese Bitte wurde mit einem belustigten Schnauben quittiert. „Damit du dich verwandeln kannst, sobald der erste Schuss dir ein Löchlein verpasst? Und du sodann durch Stohess tollst wie über eine Blumenwiese, vielleicht den Kundschafter-Titan dicht auf den Fersen?"
„Das täte ich nie. Ich akzeptiere mein Schicksal bereitwillig", erklärte sie fromm und mit reuevoll gesenktem Haupte.
„Du bist gut darin, Menschen wie Käfer zu zerquetschen, aber du bluffst wie ein Hund beim Pokern", versetzte der Polizist mit einem neuerlichen Grinsen, welches Annie an einen Haifisch denken ließ. Sie hatte mal einen Hai gesehen, daheim, am Hafen. Fischer hatten ihren Fang an einem Gerüst aufgehängt, mit dem Kopf und dem weit geöffneten Rachen nach unten zeigend. So viele Zähne hatte Annie niemals wieder in einem Maul gesehen.
Nun hob sie die Brauen. „Hunde spielen keine Karten."
„Doch, und sie wedeln mit dem Schwänzchen, wenn sie ein gutes Blatt haben." Krummbeinig wandte er sich um. „Wie auch immer. Du wirst schon überleben, wenn du dich etwas zusammenreißt. Und du bleibst im Spiel, bedenke das. Also beiß die Zähne zusammen und stell dich schön tot, wenn sie dich später voll Blei pumpen. Versuch keine verzweifelte Flucht und denk nicht dran, dass es ehrenvoll wäre, kämpfend zu sterben oder so. Fall einfach um und bleib liegen. Die Kerle, die dich anschließend einsammeln, sind eingeweiht. Sie werden dich in eine Kiste stopfen, und die Erste Brigade wird dich einkassieren. Um Forschungen an deinem Kadaver vorzunehmen, so wird es gesagt werden. Das kränkt dich hoffentlich nicht."
Ohne eine Antwort abzuwarten, marschierte er den Korridor hinunter, mit klackenden Stiefelschritten.
Die Erste Brigade. Also nicht Kundschafter-Legion. Eine ernüchternde Erkenntnis. Irgendwie auch interessant, aber eben auch enttäuschend. Sollte sie wirklich sterben, wenn es nach Erwin Smith ging? Sie hatte viel Zeit zum Nachdenken gehabt, und es ergab keinen Sinn. Smith wußte um die Spielregeln. Wollte er sie wirklich loswerden, dann sollte er es so machen, dass die Titanenkraft im Besitz der Kundschafter blieb. Sie wußten, wie das ging.
Irgendwas stank hier.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Hitch und Marlo wieder herein kamen. Annie hörte das quietschige Knarren von Rädern und erspähte, als sie sich ein wenig zur Seite lehnte, einen Servierwagen, der zu ihrer Zelle geschoben wurde. Die Henkersmalzeit, dachte sie bei sich.
Hitch und Marlo waren auch nicht allein. Eine Frau folgte ihnen. Annie erkannte sie sofort. Noch ein Gast. Und wieder ist es keiner, den ich sehen wollte.
„Hallo, Titan." Die Polizistin war vor der Zellentür stehen geblieben. Sie hatte eine tiefe, rauchige Stimme. „Weißt du, wer ich bin?"
Annie erwog für einen Moment, einfach zu schweigen. „Wir sind uns nicht vorgestellt worden", erwiderte sie dann aber doch. „Aber ich weiß, dass du Schultz bist, die Befehlshaberin der Militär-Polizei während der Expedition."
Die Polizistin furchte die Stirn, vermutlich ärgerlich wegen der saloppen Anrede. „Korrekt", erwiderte sie knapp. „Wir sind uns auch schon begegnet. Auge in Auge, könnte man sagen."
„Ich weiß." Annie blinzelte nicht, hob nicht die Stimme. Blieb fast schon teilnahmslos, während sie sprach. „Du hast mir das Auge aufgeschlitzt." Ihr Finger wanderte senkrecht über ihre Braue und das rechte Auge, die Wange hinunter.
Nun lächelte Schultz, wenn auch freudlos. Nichtmals ein Hauch von Triumph zeichnete sich auf ihren ebenmäßigen Gesichtszügen ab. „Deine Henkersmahlzeit steht an. Meiner persönlichen Meinung nach ist es ein zutiefst überflüssiges Privileg", sprach sie im höflichen Plauderton. „Auch deine Opfer hatten schließlich keine Gelegenheit für einen letzten Bissen, nicht wahr?" Als Annie daraufhin nur schwieg, wandte sich Schultz an Marlo. Sie streckte die Hand aus. „Gefreiter Freudenberg? Öffnen Sie bitte die Zelle."
„Jawohl." Marlo tat, wie geheißen. Er trat vor und schob den Schlüssel ins Schloss. Dann stutzte er, als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen. Schultz entging das Stocken nicht, und sie blickte schräg zu ihm. Marlo drehte den Schlüssel hastig, als er dies bemerkte. Da war kein Klicken, kein Zurückschnellen des Riegels. Die Tür war schließlich von vornherein unverschlossen gewesen.
Schultz zog den gleichen Schluss. „Hoh", machte sie gedehnt, und es lag etwas Lauerndes in ihrer Stimme. „Freudenberg? Gibt es etwas, das ich wissen müsste?"
„Nein, Frau Hauptmann", antwortete Marlo sogleich. Er war etwas zu fix darin, und sein Gesicht sprach Bände. Er schien förmlich unter dem Blick der Offizierin zu schmelzen.
„Wir reden später darüber", befand Schultz gemächlich. Sie öffnete die Tür und nickte Hitch zu, die den Servierwagen in die Zelle hinein schob. Schultz schritt selbst hinterher, postierte sich gegenüber von Annie und lehnte den Rücken gegen die Wand, die Arme vor der Brust verschränkt.
Annie verfolgte mit mäßigem Interesse, wie Hitch die Abdeckung von dem Teller nahm. Das Essen dampfte, der starke Duft von Bratkartoffeln und Röstfleisch strömte hervor. Ihr Magen reagierte fast augenblick mit einem Grummeln, das – da war sich Annie sicher – selbst noch von Schultz gehört worden war. Doch sie würde das Essen nicht anrühren. In ihrer kurzen Zeit bei der Militärpolizei hatte sie lediglich ein einziges Mal erlebt, wie einem zum Tode Verurteilten die Henkersmahlzeit gemacht worden war. Das Essen war durch ein Spalier von Soldaten geschoben worden, und mindestens ein Dutzend Mal hatte man darauf gespuckt.
Schultz bemerkte die Untätigkeit. „Die Henkersmahlzeit", sprach sie in gemessenem Tonfall, „ist eine uralte Tradition. Sie anzunehmen, bedeutet, seinem Vollstrecker zu vergeben, wenn er in Kürze seine Pflicht zu tun hat. Ist dir dieser tiefere Sinn bewusst?"
„Ja." Annie lag auf der Zunge, dass sie sich ihre Henkersmahlzeit schon vor geraumer Zeit ausgesucht hatte. Und was auf diesem Teller lag, war gewiss nicht das Letzte, das sie genießen würde. Doch dies behielt sie für sich. „Ich hege auch keinen Groll gegen irgendwen. Ich habe einfach keinen Appetit."
„So?" Nun schwang etwas wie Aufregung in Schultz´ Stimme mit. Sie löste sich von der Wand. „Keinen Appetit hat die feine Dame, die zusammen mit ihren Freunden vor fünf Jahren eine Hungersnot ausgelöst hat?" Ihr Blick flatterte für den Bruchteil einer Sekunde zur Seite, zu den beiden Gefreiten, ehe er sich wieder auf die Gefangene fokussierte. „Bist du noch satt von den Menschen, die du verschlungen hast, Titan?"
Annie war sich ziemlich sicher, dass Schultz nur deswegen so sprach, weil sie – ganz richtig – vermutete, dass Marlo oder Hitch allzu nett mit ihr umgingen. Es musste aufgefallen sein, dass die beiden sich in den letzten Tagen derartig oft zum Wachdienst eingetragen hatten.
Sie schwieg, wie üblich.
Schultz schwieg nicht. „Ach nein, du frisst keine Menschen, hörte ich. Da stehst du drüber. Du hast andere Methoden. Meistens zerquetschst du sie, nicht wahr? So jedenfalls tatest du es auf der 57. Expedition, hörte ich. Es gibt viele Augenzeugen dafür." Sie hielt inne und wartete. Wartete auf eine Antwort, doch natürlich kam keine. Also sprach sie weiter, unverdrossen. „Für die Tode der Truppe, die speziell Eren Jäger beschützen sollte, gibt es allerdings keine Augenzeugen. Man fand nur die Leichen, zermalmt. Bis auf zwei. Einer davon wurde der Kopf halb abgetrennt." Sie hob die Hand, fuhr damit über ihren Nacken und zeichnete damit die Wunde nach. „Erinnerst du dich an diese Leiche, an diesen Mann?"
„Ja."
Sie erinnerte sich an diesen Mord. Als dieser erste Leibwächter Erens sie vermutlich mit jemandem verwechselt hatte und die Distanz viel zu knapp hatte werden lassen, da hatte sie kurzentschlossen mit den Doppelschwertern angegriffen. Und sie hatte auf den Nacken gezielt. Ganz von selbst war das passiert, und es hatte sich natürlich angefühlt. Mit den Doppelschwertern zu kämpfen hatte Annie nicht daheim gelernt, wo das Militär auf Klingenwaffen keinen Wert mehr legte. In Marley trugen allerhöchstens noch die Offiziere ihre Degen, der Tradition zuliebe, und übten sich zum Zeitvertreib im Fechten. Nein, sie hatte es hier gelernt. Niemand anders als die Titanenjäger von Paradis lehrten den Kampf mit den Doppelklingen. Und sie zielten auf den Nacken.
Die Augen der Polizistin schienen in Brand zu stehen. Ihre Stimme jedoch war leise, nüchtern, traurig. „Du hast meinen Bruder wie einen verfluchten Titan gemeuchelt."
Annie presste die Lippen aufeinander.
Schultz wartete diesmal länger, viel länger als vorher. „Wahrscheinlich ist es kleinlich von mir, geradezu egoistisch, allein wegen Günther zornig auf dich zu sein. Doch ich bin es, und … ich bin auch zornig auf mich selbst." Die Polizistin atmete tief durch, ehe sie fortfuhr. „Wir sind gleichaltrig gewesen, weißt du? Wir waren in der gleichen Ausbildungseinheit. Und hätte ich meinem Bruder nicht den zehnten Platz unter den Besten abgejagt, wäre er vermutlich zur Militärpolizei gegangen. Dort wäre er sicher vor dir gewesen." Ihr Blick war längst glasig geworden, entrückt. Gedanklich weilte sie anderswo. „Haben wir ihn also beide getötet? Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Haben wir?"
Annie schaute die Frau nicht an, während sie antwortete, sondern senkte den Blick zu Boden. „Ich war es allein."
Schweigen. Drückend. Marlo und Hitch standen betreten und unsicher auf dem Flur vor der Zelle. Sie konnten mit der Offizierin, die sich offensichtlich ziemlich gehen ließ, nicht viel anfangen.
„Hm", machte Schultz nachdenklich, als lausche sie in sich selbst hinein. Sie legte die Hand auf die linke Brust, als tastete sie nach dem Schlag ihres Herzens. „Ich spüre nichts. Keine Erleichterung. Sehr schade." Sie legte den Kopf ein wenig schief, wie lauschend. Sie konnte nichts hören, natürlich nicht, doch sie tat, als höre sie trotz der dicken Wände und der unterirdischen Lage. „Draußen feiern die Menschen, weißt du? Sie freuen sich auf deine Hinrichtung. Sie trinken auf deinen baldigen Tod. Aus der Hauptstadt ist, nur für diesen Anlass, eine Wagenladung Freigetränke geschickt worden. Und … auch ich trinke darauf."
Annies Kopf fuhr hoch. Hatte sie den Becher nicht bemerkt? Sie hatte den Becher nicht bemerkt, den Schultz nun hob. Hatte die Polizistin ihn schon die ganze Zeit über in der anderen Hand gehalten? Annies Nasenflügel bebten. Süß. Über den Geruch von Kartoffeln und Fleisch hinweg fiel ihr der Duft erst jetzt auf. So süß. So unwiderstehlich, unverwechselbar süß. Ihre Nackenhärchen standen schlagartig zu Berge.
In diesem Moment war es menschlich. Es war menschlich, zu erstarren. Annie erstarrte, und ihre Augen weiteten sich.
Schultz missdeutete den Blick des Grauens.
„Ist es dir nun klar geworden", fragte sie, über den Becher hinweg. „Ist dir klar geworden, was für eine Verräterin du bist? Was du angerichtet hast? Dass dir niemand zu Hilfe kommen wird?"
Statt zu antworten, sprang Annie auf und schlug nach dem Becher. Zumindest wollte sie. Doch Schultz war schneller. Vielleicht lag es daran, dass Annie aus dem Sitzen hochkommen musste, oder Schultz war vor genau solch einer Aktion auf der Hut gewesen. Oder sie war einfach besser. Vielleicht war es auch alles zusammen. Schultz´ Ellenbogenstoß traf Annie am linken Jochbein, und ihr Kopf fuhr zur Seite. Blut sprühte aus ihrem Mund. Sie prellte hart auf die Pritsche zurück, knallte mit dem Hinterkopf gegen die Wand.
Schultz fluchte, während sie zurück trat. „Es ist noch Leben in dir, das will ich dir lassen."
Annie schüttelte sich, blinzelte und keuchte, während blutrote Fäden über ihre Unterlippe liefen. „Du verstehst nicht."
„Ich verstehe nicht? Aber ich trinke auf dich!", fuhr Schultz nun hoch. Sie stürzte den Inhalt des Bechers in einem einzigen Zug herunter. So hastig, dass Flüssigkeit links und rechts von ihren Mundwinkeln floss, auf ihre Uniform-Jacke tropfte.
Annies Hand, halb gehoben, fiel schlaff herab. „Du tust mir leid", wisperte sie, „Du tust mir leid. Du bist tot."
Schultz verharrte noch einen Moment lang, von dem bedauernden Tonfall mehr als verwirrt. Doch sie tarnte diese Konfusion, indem sie Empörung vorschützte. Sie warf den leeren Becher in die Ecke, wo er in Scherben ging, und marschierte steifen Schrittes aus der Zelle.
Da war ein Grollen. Dumpf war der Ton geworden, als er durch Erde und Stein gewandert war. Es klang nach dem Donner, der einem fallenden Blitz folgt.
Annie erstarrte. Alles erstarrte. „Sie sind da", flüsterte sie.
„Wer", fragte Schultz ebenso leise, plötzlich atemlos, „ist da? Deine Freunde?"
„Nein." Annies blaue Augen richteten sich fest auf die haselbraunen von Schultz. „Meine Feinde. Dies hier ist immer noch die 58. Expedition."
Und Schultz erbleichte, mit einem flüchtigen Blick auf die Tonscherben in der Ecke. Ihr mussten die seltsamen Anweisungen Erwin Smiths durch den Kopf gehen, welche ein jeder Soldat vor Beginn der Expedition erhalten hatte.
Mit plötzlich fahrigen Bewegungen wischte sie sich mit dem Handrücken über den Mund. Ihr Kopf fuhr herum, als im Treppenhaus Rufe laut wurden. Gedämpfte Befehle wurden gebrüllt.
„Stellung halten." Schultz wandte sich mit gepresster an Hitch und Marlo. „Ihr bleibt hier!" Sie warf die Tür ins Schloss, doch riegelte nicht ab. Stattdessen warf sie Annie einen letzten, gehetzten Blick zu. Dann stürzte sie den Flur hinunter und ins Treppenhaus.
Hitchs Stimme war dünn. „Was … was ist los?"
Dann kam der Schrei des Tier-Titanen, markerschütternd. Annie hörte ihn kaum, doch spürte ihn umso mehr, als ein Flattern in der Magengrube. Bei der bloßen Erinnerung an Ragako wurde ihr übel, speiübel.
Jenseits des Zellentraktes gab es einen heftigen Schlag, als wäre eine Bombe hochgegangen. Eine Erschütterung bebte durch Decke und Wände, schwere Steine stürzten herab. Annies Blick fiel auf die gegenüberliegende Wand ihrer Zelle, die sich verformte, sich neigte. Erst hielt sie es für eine Täuschung des Lichtes, doch dann warf sie sich von der Pritsche und rollte darunter. Die Wand stürzte herab, und als die schweren Steine das Holz trafen, rissen sie die Pritsche von der Wand. Sie stellte sich auf wie die schräge Seite eines Dreiecks und schirmte Annie halbwegs gegen die Trümmer ab.
Ihr war, als kippe man eine Schubkarre voller Schutt über ihr aus, eine Schubkarre der 15-Meter-Klasse. In ihren Ohren hallte das Scheppern noch weiter, ihre Augen und Nase waren voller Staub. Sie schmeckte Stein auf der Zunge, und Eisen. Die Pritsche hielt.
Annie hatte das Gefühl, sehr lang völlig still gelegen zu haben, bis das Dröhnen in ihrem Kopf nachließ. Der Staub brannte widerlich. Sie versuchte, ihn aus ihren Augen zu reiben. Kam mit den Händen nicht bis hoch zum Gesicht.
Die Ketten, dachte sie. Die verdammten Ketten hängen irgendwo fest.Was also jetzt? Konnte sie sich hier herausgraben? Wie wild sah es jenseits dieses Holzbretts aus, das sie abgeschirmt hatte? Schloss es sie vielleicht wie einer Blase ein, und ringsum war nur Stein? Sie versuchte, mit den Beinen zu drücken. Fragte sich, ob es überhaupt die richtige Richtung war. Vielleicht drückte sie die Kniescheiben gerade bloß gegen die Steinwand, die zuvor hinter ihr gewesen war? Hatte sie sich beim Deckungsuchen herumgerollt? Nein, das war Holz. Da war ein Splitter. Mehr als einer. Gab das Ding nach?
Überraschend klar nahm sie eine Stimme wahr. Marlo rief etwas. Sie erfasste es erst, als er es wiederholte. „Hitch!"
Annie rollte sich auf den Bauch, warf sich hoch. Die dummen Ketten hatte sie sich irgendwie um die Beine gewickelt – sie schlug wieder hin, raffte sich erneut auf. Sie kniete erst, stieß mit Kopf und Schultern gegen das Brett. Dann kam sie auf ein Bein hoch und schob. Steine rollten knarzend übereinander. Es waren erstaunlich wenig Steine! Sie kam frei, hedderte mit den Ketten herum und fluchte. Licht? Es gab Licht hier, es kam vom Gang her. Eine Fackel, die von ihrer Wandhalterung herabgeschlagen worden war. Der Schein war seltsam, und sie verstand, warum, als sie genauer hinschaute. Die Zellentür war verbogen worden von der Decke, die sich herabgesenkt hatte.
„Hitch? Lebst du?", fragte Marlo. Halb hoffend, halb panisch werdend.
Annie kam in Bewegung, wurde sofort von den Ketten gebremst. Sie blickte herab auf die Schellen und daran entlang. Die Kettenglieder verschwanden unter dem Haufen von Steinen, der inzwischen ihre Zelle füllte. Sie setzte den Fuß auf den Teil der Kette, der noch zu sehen war. Dann riss sie den Arm hoch. Riss ihn nochmal hoch. Riss nochmal hoch. Riss hoch!
Riss sich den Daumen ab und quälte die Hand durch die Schelle hindurch, dampfend und gefleddert. Schrie dabei auf. Für die zweite Hand biss sie daher vorher in den Ärmel des nun freien Arms. Handknöchelchen knackten. Brachen.
Frei. Annie stürzte zur Zellentür und quetschte sich durch die Gitterstäbe, die dank des Einsturzes nun ein paar klaffende Löcher bildeten. Sie rollte auf den Gang hinaus, kam hoch und fuhr nach rechts herum. Marlo schreckte vor ihr zurück. Ob es war, weil sie eine verurteilte Massenmörderin war, oder weil sie einfach einen buchstäblich abgerissenen Anblick bot, konnte sie nicht sagen. Es war ihr auch egal.
„Wo!", fuhr sie ihn an. Er blinzelte verwirrt. „Wo ist sie!"
Marlo deutete auf einen der größeren Steinhaufen, der den Korridor füllte. „Hier ..."
„Grab", knurrte sie und hastete heran. „Grab, du Trottel!" Wegen ihrer verkrüppelten Hände musste sie es zunächst mit den Füßen beginnen. Sie trat Steine zur Seite, während ihre gequälten Hände sich abmühten, die angerichteten Verletzungen zu richten. Marlo half, nach einem Moment des Zögerns. Sie hielten inne, als ein schwaches Stöhnen zu hören war, und arbeiteten dann umso heftiger. Annie scharrte mit den daumenlosen Händen und kam sich dabei vor wie ein buddelnder Hund.
Schließlich legten sie Hitchs Kopf und Oberkörper frei: Ihr linker Arm stand in bizarrem Winkel ab, und sie blutete heftig aus einer Wunde an der Stirn. Marlo keuchte und befühlte ihren Kopf.
„Glück gehabt", murmelte er, „Ihr Schädel ist nicht gebrochen. Da bin ich sicher." Es klang nicht allzu ermutigend.
Flatternd öffneten sich Hitchs Lider. „Wa", machte sie. „Wa …?"
Sie fassten beide zu, zogen sie unter dem Schutt hervor. Auch ein Bein war gebrochen, am Unterschenkel. Während sie dies taten, schien Hitch nur sekundenkurz zu Bewusstsein zu kommen. Sie schrie auf und dämmerte sofort wieder weg, aus Schock am Schmerz vermutlich.
„Wir müssen hier raus", sagte Marlo. „Wir brauchen einen Arzt. Wir - ..." Er stockte. Blickte auf und den Korridor entlang.
Annie schaute erst verwundert zu ihm, dann folgte ihr Blick dem Seinen, in das Schummerlicht.
Auge. Ein großes, gläsern funkelndes, haselbraunes Auge erwiderte die Blicke. Es blinzelte erst träge, dann lebhafter. Wie geweckt von der Aufmerksamkeit. Schutt hob sich wie eine Flüssigkeit, als der Titan sich zu regen begann und eine Hand von der Seite her in den Korridor schob. Die Finger waren klauenartig verkrampft. Sie arbeiteten sich mit klackenden Fingernägeln heran.
„Marlo", sagte Annie, „Wie tief sind wir unter der Erde?"
„Was?"
„In welchem Untergeschoss sind wir?"
„In … im Zweiten."
„Nur?" Sie hätte fast gelacht. Doch sie sagte nur: „Gut."
Er stürmte über die Mauer, als wäre sie nichts weiter als ein Bürgersteig. Jeder Schritt fiel tonnenschwer, doch der Stein hielt es aus. Unter seinen Füßen wurde eine Kanone zermalmt, in zerdrücktes Altmetall verwandelt. Menschen sprangen ihm aus dem Weg wie Heuschrecken, wurden zu beiden Seiten über die Ränder der Mauer gejagt. Manche fingen sich mit ihren Haken und retteten sich vor dem Absturz, manche nicht. Ein Soldat, der nicht schnell genug fort kam, wurde zertreten. Sein Schrei war schrill, kurz und endete abrupt.
Reiner zielte nicht. Doch er schonte auch nicht. Wer im Weg stand, musste weichen. Wer nicht wich, dem war nicht zu helfen. Große Ausweichschritte konnte sich der Gepanzerte nicht leisten. Wie sollte er, in dieser Höhe, auf diesem engen Pfad. Zudem stand er noch immer unter Beschuss: Mit beeindruckender Geschwindigkeit hatten die Garnisonssoldaten ihre Kanonen neu ausgerichtet. Sie schwenkten die Rohre so, dass die Flugbahnen ihrer Geschosse nun der Mauer folgten. Ihr Ziel war der Gepanzerte, der rasend schnell näher kam.
Kanonenrohre spuckten Feuer und Donner. Rauch quoll aus den Mündungen, und Kugeln schwirrten. Reiner spürte die Treffer wie Hammerschläge. Er hatte die linke Schulter nach vorn gezogen, die Luft angehalten und die Zähne zusammengebissen. Granaten zogen hageldicht über ihn hinweg, schickten Wucht und Schmerz durch den Titanenkörper.
Reiner kannte es nicht anders. Er wollte es auch nicht anders. Dies Alles hatte er verdient. Dann erreichte er die Kanonen, beugte sich leicht vor. Er griff hinunter und packte eine Kanone am Rohr, riss sie aus der Verankerung. Er schlug damit um sich, säuberte die Mauerkrone von Geschützen und Menschen. Bei jedem Schritt tat er einen Schlag, bei jedem Schlag tat er einen Schritt. Nach links und rechts regnete es zerstörte Kanonen und Menschen, lebende wie zerschmetterte.
Wer nicht wich, dem war nicht zu helfen. So wurde der Weg frei. Reiner stürmte weiter.
Dann kam der Schrei. Zekes Brüllen schien Reiner förmlich nachzujagen, und er blickte auf Stohess herab. Nicht langsamer werdend, aber doch hinschauend. Dort unten, da rollte der Schrei förmlich über die Stadt hinweg wie eine Welle, die über einen Strand spülte. Hier und dort brach sich diese Welle in einem Blitzschlag, wamm immer sich ein unglückseliger Bürger, vom Ruf getroffen, in einen Titanen verwandelte und selbst aufbrüllte, ringsum Wände und Dächer einreißend. Das Titanenbrüllen schien sich selbst immer weiter fortzupflanzen, wie ein Brand um sich zu greifen.
Reiner lief, und unter ihm begann Stohess, zu brennen.
Er lief und lief, ungehindert. Ein einzelner Soldat schwirrte ihm nach, musste irgendwann einen Haken im gehärteten Rücken des Gepanzerten versenkt haben. Wie lang zog er diesen Kerl schon mit sich, fragte sich Reiner. Er hörte das Aufprallen von Klingen, das Kreischen von brechendem Stahl. Ein Schlag auf den Nacken. Reiner hörte den Mann fluchen, dicht an seinem linken Ohr. Saß der Kerl auf seiner Schulter?
Reiner ließ ihn sitzen. Ließ ihn mit den Stümpfen seiner Schwerter auf die Schulterpanzerung und die wulstige Halsberge einschlagen und Verwünschungen keuchen. Der Soldat würde abspringen. Sehr bald sogar, denn Reiner plante selbst, abzuspringen.
Tief unten, in der Stadt, erspähte Reiner einen vertrauten Titan. Annie kroch aus dem Dach eines kompakten, festungsartigen Gebäudes hervor. Reiner widerstand dem Bedürfnis, gleich hier und jetzt abzuspringen und auf sie zuzuhalten. Seine Aufgabe lag woanders.
Der ungewollte Begleiter auf seiner Schulter knurrte und hämmerte, japste und kratzte und fluchte. Er warf eine abgebrochene Klinge auf Reiners Gesicht, die harmlos am Nasenrücken abprallte. Und dann schrie er auf, denn Reiner brach scharf nach rechts aus. Der Gepanzerte war weit gerannt, über die gesamte Gerade der Mauer bis hin zu der Stelle, an der die Stohess-Mauer auf die echte Sina traf. Reiner legte Kraft in seine Schritte, steinsplitternde Kraft. Er rannte, rannte, rannte – und sprang, erneut nach rechts. Tat einen Satz in die leere Luft hinein. Ihm drehte sich der Magen um, und der Mann auf seiner Schulter schrie gellend wie ein Mädchen, und er stürzte, und der Soldat ließ los, vielleicht hatte ihn auch der Fallwind weggerissen. Er verschwand nach oben, ein totes Blatt in einer Sturmböe.
Der Gepanzerte schlug auf, hart, direkt vor dem Tor. Dem geschlossenen Tor. Warum war das Ding zu, das fragte sich Reiner, nachdem das grelle Pfeifen in seinen Ohren abgeklungen war. In seinen echten Ohren. Er schmeckte Blut, spürte gebrochene Zähne. Fühlte sich miserabel, durch und durch. Musste sich zusammenreißen.
Der Titan war bei der Landung tief in die Knie gegangen. Nun erhob er sich wieder, taumelnd und strauchelnd. Er stützte sich am Tor ab. Nur ganz kurz, dachte Reiner bei sich. Gleich geht es weiter. Damals in Shiganshina war er schon einmal eine Mauer hinabgestiegen. Doch da hatte er sich zumindest gebremst, und er war leichter gewesen, ein wenig zumindest. Er war jünger gewesen, unwissender gewesen. Trotzdem tue ich noch immer das Gleiche.
Grimmiger Trotz flackerte hoch, wurde jedoch rasch wieder abgelöscht. An die Mission musste er denken, an Zuhause und seine Familie. Er wandte sich dem Tor zu.
Rundherum hatten sich Menschen versammelt. Bürger waren auf der Flucht vor den Titanen, die so plötzlich in ihrer schönen Stadt erschienen waren, und sie waren panisch auseinander gestoben, als der Gepanzerte vom Himmel gefallen war. Nun starrten sie ihn an, großäugig und offenen Mundes.
„Ein Titan!" - „Wo kam der her!" - „Öffnet er das Tor?" - „Gehört der auch zu uns?"
Reiner schnaubte. Der Gepanzerte entließ zischend und fauchend Dampf aus seinem Mund. Sag mir nicht, das verfluchte Tor wird sowieso nicht geöffnet. Er stemmte sich mit dem Rücken dagegen, breitete die Arme aus. Und ließ Titanenstein aus seinem Körper strömen, mit der Konsistenz von Bienenwachs. Es suppte aus seinen Armen und Beinen und dem Rücken, überzog das Tor und die Mauer rundherum mit einer dicken Schicht und wurde zu Kristall.
Mit einer gehörigen Kraftanstrengung wollte Reiner sich losreißen. Er ruckte, spürte den zähen Widerstand und das Ziehen an den Schuppen, die seinen Rücken und die Arme und Beine bedeckten. Er sprengte sie ab, ließ sie zurück wie eine Schlange ihre alte Haut. Weniger Fläche, die festgebacken war in dem frisch geschaffenen Propfen aus Titanenstein. Mehr Spiel, mehr Kraft – und beim dritten Rucken kam er frei. Als der Gepanzerte schließlich vorwärts stolperte, hinterließ er das Tor, welches nach Sina hineinführte, versiegelt. Keine Kette würde es nun mehr hochziehen können.
Reiner warf dem geschaffenen Werk einen Schulterblick zu. Auftrag erfüllt, dachte er bei sich. Innerlich schnaufte er vor Anstrengung. Sein Titan dampfte heftig, und er arbeitete daran, seine Rüstung wieder zu schließen. Die mattgoldene Plattenpanzerung bildete sich bereits wieder, zunächst dünn und zart. Knisternd und knackend härtete sie aus. Und nun, auf zum nächsten Teil, dachte Reiner. In dem gleichen Maße, in dem seine Rüstung sich stählte, stählte er seine Entschlossenheit. Er würde diese Sache durchstehen, durchziehen. Dabei merkte er erst jetzt, dass die zahlreichen Bürger, die eben noch durch das Tor hatten fliehen wollen, inzwischen den Platz geräumt hatten. Hatte sein Anblick und sein Tun sie endlich davon gejagt? Oder ...
Ein Blitz schlug ein, links von ihm. So schnell? Er fuhr herum. Erwartete den Wächter, den Angreifer. Eren.
Doch ihm gegenüber, auf einem Hausdach, hockte nur ein Kobold. Ein hässliches Biest, wie Reiner es schon so oft gesehen hatte, vor allem in seinen Albträumen.
Er war noch mit Starren beschäftigt, als ein Schuss krachte. Ein Pling verriet den Treffer, direkt an seinem rechten Auge, doch harmlos prallte die Bleikugel an dem eisenharten Glaskörper ab. Der Gepanzerte wandte den Kopf nun in jene Richtung, aus der die Kugel gekommen war.
Der Hauptgefreite Levi, ebenfalls auf einem Dach stehend, warf die rauchende Muskete beiseite. „Selbst deine Augen", rief er ihm über die Straße hinweg zu, „sind also gepanzert, ja?" Blitzend zog er die Schwerter. „Ach, was solls."
Als die Glocken zum Groß-Alarm bimmelten, stürmte Erwin Smith bereits die Stufen des Turms empor. Nur Sekunden zuvor war ein Soldat von der Aussichtsplattform aus herab gerannt und hatte in den Raum hinein gebrüllt, der Koloss-Titan seie an der Mauer erschienen. Genau dieser Soldat eilte nun vor Erwin die Treppe hinauf. Er verlor seinen Kopf, als ein felsengroßes Geschoss durch die Wand platzte, von links ins Treppenhaus eindrang und nach rechts wieder verschwand, den Leichnam des Mannes dabei über das Geländer und in die Tiefe schleudernd. Ein weiterer Treffer schlug ganz oben ein, brachte das Glockenspiel mit einem letzten Krachen zum Verstummen. Die zerstörten Bronzeglocken stürzten durch die hölzerne Decke und rissen Teile der Treppe mit sich, während sie dem Fall des Kopflosen folgten. Der Turm erbebte und kränkte, taumelnd wie ein Boxer, der einen unerwarteten Kinnhaken eingesteckt hatte.
Erwin wäre um ein Haar gestürzt, konnte sich gerade noch am Geländer fangen. Hinter ihm fluchten die Mitglieder seines Offiziers-Stabes, die sich ebenfalls an das Geländer hängten oder sich mit dem Rücken gegen die Wand drängten, um nicht den Halt zu verlieren. Hanji wand sich hektisch an Erwin vorbei.
„Mit Verlaub, Kommandant!", faselte sie dabei in vollendeter Höflichkeit. „Wir müssen – Heilige Scheiße!" Sie war an dem soeben geschaffenen Loch stehen geblieben und starrte hinaus. Erwin trat rasch hinzu und schaute hin.
Im Osten, noch ganz am Rande der Stadt, waren Titanen aufmarschiert, riesige Exemplare. Sie ragten so hoch auf, dass sie wohl selbst Mauer Sina überblicken könnten, wenn sich zwei von ihnen aufeinander stellen würden. Sie bildeten eine langgezogene Reihe vor den Häusern, deren Dächer ihnen gerade bis zu den Bäuchen gingen. Und zwischen diesen Häusern wimmelten kleinere Titanen umher, auf der Jagd nach Menschen. Glücklich wie Kinder eilten sie umher, immer weiter stadteinwärts kommend.
Dann kam der Schrei, die Hölle heraufbeschwörend. Das Brüllen des Tier-Titanen hallte über die Stadt. Vor den schreckgeweiteten Augen der Kundschafter erschienen weitere Monster ganz unvermittelt. Sie schienen wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Erwin brauchte einen Moment des Nachdenkens, um zu begreifen, wie sich der Feind so rasch hatte verteilen können.
Was sie in Ragako und Silberfurt taten, dachte er, haben sie also auch hier geschafft.
„Titanen im Osten", murmelte er, während er sich zu dem anderen Loch umdrehte. Auch dort spähte er hinaus. „Titanen im Westen."
Vor uns der Abgrund, hinter uns die Wölfe.
Erwin Smith hatte seit jeher daran gelitten, zu viel Fantasie zu haben. Nein, er hatte sich die Situation nicht genau so ausgemalt, doch es war ähnlich genug. Elena Schultz hatte gesagt, sie wären schon bereit, wenn die Titanen kommen würden, noch von dem Erfolg der Expedition begeistert gewesen. Nile Dowk hatte Erwin nur zum Heben der Moral gratuliert. Selbst Generalissimo Zackly hatte ihn zu beschwichtigen versucht. Mal den Teufel nicht an die Wand, Erwin.
Nun saß der Teufel auf der Wand. Und Erwin musste hoffen, dass seine Vorbereitungen ausreichen würden, diese Lage zu meistern.
Ein unheilvolles Knarren und Grollen war für mehrere Sekunden der einzige Laut, der im Treppenhaus zu hören war.
„Der Turm", sagte Hanji plötzlich. „Der Turm!", rief sie lauter. „Der Turm stürzt ein!"
Erwin wurde aufgerüttelt. „Dann raus hier!" Er trug, wie jeder andere auch, seine Manöverausrüstung. Seine Offiziere, über zwei Dutzend Mann, warfen sich mit ihm durch das Einschlagsloch hinaus. Sie schwirrten durch die Luft, und Erwin wählte ein nahes Flachdach als neuen Sammelpunkt aus. Er schoss Haken ab, und seine Leute taten das Gleiche. Hinter ihnen stürzte der Turm ein, fiel mit donnerndem Krachen in sich zusammen. Staub wallte auf, in einer dichten Wolke, die den Kundschaftern förmlich zu folgen schien. Als wolle sie die Flieger einholen, einfangen, ehe sie sich dann doch wieder zur Erde senkte. Erwin und sein Offiziers-Stab landeten nicht weit von einer weiteren Gruppe von Kundschaftern entfernt, die am anderen Ende des Flachdaches auf den Maria-Platz hinunter starrte.
Erwin fuhr herum, nach Osten blickend. „Abteilungsleiter Dirk!", rief er, nun ganz Kommandant und Befehlshaber, „Rufen Sie ihre Leute zusammen! Diese Riesendinger dort drüben!" Er zeigte auf die Titanen der 30 Meter-Klasse, die noch immer seltsam passiv am Rande der Stadt eine unheilvolle Ehrenwache hielten. „Ich erteile Ihnen die Aufgabe, sich diesen Titanen in den Weg zu stellen! Was immer sie tun, halten Sie sie auf!"
Dirk starrte einen halben Herzschlag lang hin, dann salutierte er. „Jawohl, Kommandant!"
„Tötet sie, selbst wenn es das Letzte ist, was ihr tut!"
„Jawohl!" Der Abteilungsleiter sprang ab, warf die Zugleinen aus und schoss die Straße hinunter, um seine Trupps zu versammeln.
„Der Rest", rief Erwin, während er eine Signalpistole zog, „bekämpft die Kleinen, wo auch immer sie auftauchen! Los!" Er schoss die Rauchgranate in die Luft. Die Kapsel zog eine rote Säule zum blauen Himmel hinauf.
Titanen gesichtet. Bekämpfen.
