Nur, hatte sie gesagt. Gut, hatte sie gesagt. Doch zwei Untergeschosse sagten natürlich gar nichts aus über die Stockwerke, die sich oberirdisch aufstapeln mochten.

Annie half Marlo, Hitch außer Reichweite der Klauenhand zu ziehen, die im Korridor nach ihnen tastete. Fingernägel klackerten und kratzten über den blanken Boden und die von der Decke gefallenen Steine.

„Gib sie mir!", befahl Annie und streckte die Arme aus, „Los!"

„Dir?!", rief Marlo aus. Die Frage war grell vor Panik. „Warum? Was hast du vor?"

Annies rechte Braue wanderte in die Höhe. „Ich hole uns hier heraus. Nun gib sie her!"

Um sie herum knarrte das Gemäuer; jener Mensch, der direkt im Treppenhaus zum Titan geworden war und dort wohl höchst verdreht herumlag, bewegte sich. Er versuchte, sich durch Winden und Verrenken weiter in den Zellentrakt hinein zu schieben.

Marlo zögerte. Starrte auf die Titanenhand und von dort zur Decke, auf Hitch und dann zu Annie. Von dort aus wieder zu der Hand. Als Annie erneut auf ihn zukam, ungeduldig nun, wich er nicht zurück.

„Ist gut … ist ja gut, ich mach ja!"

„Zeit wird's."

Annie nahm Hitchs gesunden Arm und legte ihn um ihre Schultern. „Stell sie aufrecht", knurrte sie, als Marlo ihr Hitchs Beine aufdrängen wollte und verwirrt feststellte, dass sie abwehrte.

„Aber ihr Bein!"

„Es hilft nichts! Sie muss stehen! Winkel das verletzte Bein halt an." Sie drückte Hitch eng an sich und hoffte, dass es so gehen würde. Ihre Stubenkameradin atmete flach und hastig, und Blut floß aus der Kopfwunde, über ihre Stirn und das rechte Auge. Karmesinrot. Glänzend. Sie war schlaff wie eine Lumpenpuppe, die bei Nahkampfübungen als Ziel eingesetzt wurde. Annie suchte Halt an der Hüfte. Als sie glaubte, Hitch fest im Griff zu haben, packte sie Marlo an der Schulter.

„Und jetzt du auch. Los! Halt dich fest!"

Er wurde rot im Gesicht. So rot, dass man es sogar im schwach beleuchteten Korridor sehen konnte. Sie zog ihn so entschlossen heran, dass er ihr eine Kopfnuss gab.

„Au!"

„Trottel. Halt mich jetzt!"

Er tat wie geheißen, fuchtelte irgendwo an ihrem unteren Rücken herum. Sie legte ihm den Arm um den Hals und zog. Um mit den Zähnen ihre Hand zu erreichen.

Es wird klappen. Sie hatte schon einmal gesehen, wie so etwas geklappt hatte. Damals war die Lage ein bisschen anders gewesen, und sie würde auch nicht bloß ein halbes Ding erschaffen, doch wen sollte das schon kümmern. Wen konnte das kümmern! Kratzen, Scharren. Ein Fingernagel, groß wie ein Ritterschild, bohrte sich in ihren Rücken.

Sie biss zu. Raus hier. Der Blitz fauchte grell und gelb aus ihr hervor, und dann wurde es heiß. Ein schriller Schrei gellte dicht an ihrem rechten Ohr. Ein Schrei, der in die Länge ging und plötzlich von innen kam, von innerhalb ihres Kopfes. Das Gemäuer ringsum schien zu schrumpfen, sich eng um sie zu legen wie die Schlinge eines Henkers. Stein war überall, presste sie zusammen, doch sie presste auch, und das Gebäude hielt gegen, doch es war schon geschwächt. Es knarrte protestierend, dann krachte es wie vor Schmerzen schreiend. Der Weibliche Titan stemmte sich aufwärts. Drängte mit angezogenen Armen und Beinen, mit gekrümmtem Rücken. Wollte einfach nur Platz!

Eine hautlose Riesenhand platzte aus dem obersten Stockwerk des Gefängnisses. Sie tastete wild umher, packte die Zinnen am Rand und krallte sich hinein. Dann zog sich der Titan in die Höhe und ans Licht.

Annie blinzelte im Sonnenschein eines frühen Nachmittags. Sie hustete und kraxelte, zwängte sich bis zur Brust aus dem Loch heraus und erschlaffte zunächst. Um sie herum tobte bereits das Chaos. Rauch blähte sich in fetten, grauen Schwaden über Dächern, aus denen bereits Flammen schlugen, oder strebte in pfeilgeraden Säulen zum Himmel, rot wie Zinnober, oder Blut. In den Straßen tollten Titanen herum wie spielende Kinder. Weiter hinten, nahe an der Mauer, stand eine ganze Reihe von noch höher aufragenden Gestalten, diszipliniert und stumm. Und oben auf der Mauer, da hockte ein Affe. Annie bildete sich ein, seinen Blick zu spüren.

Was sie wirklich spürte, waren schwache, zarte Bewegungen in ihrem Nacken. Wirklich, in ihrem Nacken! Rasch langte sie hin, tastete nach der ganz speziellen Stelle und zwang ihren Nacken, sich zu öffnen – wie während der Experimente mit Abteilungsleiterin Hanji. Unter den Fingerspitzen spürte sie, wie sich das Fleisch teilte, und griff hinein. Zuerst bekam sie etwas zu packen, das sich heftig windete und wehrte – Marlo. Er schrie und kreischte wie ein Neugeborenes, und vor Panik übergab er sich, noch während er zwischen ihren Fingern hing.

Verdenken konnte Annie es ihm nicht. Sie ließ ihn zu Boden gleiten, wo er sofort zusammenbrach. Während Marlo noch schluchzend die Steine zu umarmen versuchte, fasste Annie nochmals in ihren Nacken. Diesmal war es Hitch. Sie barg sie in der linken Hand, als bestünde sie aus Glas.

Nach einigen Momenten raffte Marlo sich wieder auf. In sein Gesicht war ein Ausdruck tiefster Verstörtheit gemeißelt. Es war im hoch anzurechnen, dass er nicht an Ort und Stelle zusammenbrach. Als er den fürchterlichen Anblick bemerkte, der sich ihm vom Dach aus bot, wurde er sogar wieder klar genug, um etwas in Annies Richtung zu rufen. Seine Stimme zitterte so sehr, dass sie ihn nicht verstehen konnte. Allerdings konnte sie sich vorstellen, worum es ging.

Die Stadt wird angegriffen", sagte siemit schwerer, grollender Stimme. „Der Feind ist hier."

Seiner Reaktion nach war diese Antwort passend. Er schluckte schwer. „We- wegen dir?"

Auch."

„Und was – Hey! Du verschwindest doch nicht etwa?!"

Mal sehen. Willst du mit?" Sie zog sich vollständig aus dem Loch hervor und rutschte auf den Knieen in Richtung Rand. Unter ihrem Gewicht knarrte und knirschte das Gebäude. Sie fühlte sich viel zu sehr an die Eisfläche eines winterlichen Sees erinnert. Um hier herab zu kommen, würde sie vorsichtig klettern müssen. Andererseits, vielleicht sollte sie einfach den direktesten Weg nach unten nehmen. Mit Hitch in der Hand wäre das Kraxeln ohnehin kompliziert.

„Annie!" Marlo blaffte sie an, und ihr Kopf ruckte scharf zu ihm herum. Er schrak zusammen, als fürchtete er, sie wolle ihn fressen. „Was hast du mit Hitch vor?"

Ich bringe sie dorthin, wo es sicher ist." Sie streckte die andere Hand in seine Richtung aus. „Willst du nun mit ihr mit? Dann komm."

Er zögerte, doch was blieb ihm anderes? Beim Wachdienst gehörten Manövergeräte nicht zur Uniform, erst recht nicht unten im Keller. Ohne Hilfe käme er nichtmals von diesem Gebäude herunter. Also ließ er sich hochnehmen und auf der Handfläche absetzen, auf der auch Hitch lag. Die Finger krümmten sich ein wenig, bildeten ein Dach über den Passagieren.

Festhalten."

„Wa- … Warum?"

Weil ich springen werde."

Plötzlich erweiterte sich das Loch, durch welches Annie soeben ans Tageslicht gekrochen war. Ein weiterer Titan kämpfte sich daraus hervor, mit Fingern wie Eispickel. Er zog sich ebenfalls hinauf aufs oberste Deck.

Annie erkannte ihn sofort. Er ist ihr ähnlich. Beklommenheit legte sich um ihr Herz wie ein Eisenband.

Der Titan, der Elena Schultz gewesen war, ragte rund zehn Meter hoch auf, und er konnte fast schon als schön bezeichnet werden. Er hatte keine überlangen Glieder, seine Gesichtszüge waren nicht zu einem wilden Lächeln entgleist oder durch sonst so übliche Abnormitäten entstellt. Nur seine Hände verkrampften sich zu Klauen, die Finger liefen in spitzen Krallen aus.

Annie bildete sich ein, in den haselbraunen Augen mehr zu sehen als die übliche Stumpfheit. Da war Ärger, glaubte sie, und Verwirrung. Oder?

Seit Ragako war es mit Titanen nicht mehr das Gleiche für sie. Es war nicht mehr simpel und einfach, seitdem Annie selbst im Leib eines geistlosen Titanen gesteckt hatte. Sie selbst war allerdings nicht geistlos gewesen. Weil sie eine Wandlerin war. Oder? Was, wenn nicht? An das Ritual der Vererbung erinnerte sich niemand, sie alle waren nur sehr kurz zu geistlosen Monstern geworden, ehe sie ihre jeweiligen Vorgänger gefressen hatten. Von Ymir abgesehen, natürlich. Und was Ymir zu sagen gehabt hatte, klang ebenfalls ganz und gar nicht danach, als verschwände der Mensch völlig.

Seit Utgard hatte Annie keinen einzigen Titan mehr getötet. In Hohrbruche hatte sie es nicht tun müssen. Nun aber gab es offenbar niemanden, der ihr diese Arbeit abnehmen konnte.

Beruhige dich, dachte sie, Konzentriere dich. Werde zu Jemandem, der dies meistern kann. Sie griff in sich und suchte. Suchte nach der Herzlosigkeit, die sie während der 57. Expedition durch den Wald der Riesenbäume begleitet hatte.

Marlos Schrei rüttelte sie auf – eine riesige Klaue rauschte heran und zog die Krallen durch ihr Gesicht. Sie wich strauchelnd zurück, brach dabei mit einem Bein ein und verlor das Gleichgewicht. Ihr Gegner setzte bereits nach. Zuerst wollte sie sich mit der linken Hand abfangen – und entschied sich gerade noch rechtzeitig anders. Sie nahm den Fall hin, streckte die Linke in die Höhe und bewahrte Hitch und Marlo so davor, zerquetscht zu werden. Krachend schlug sie auf, und das Gebäude gab unter ihr nach. Ein großes Stück der Außenmauer brach ein. Polternd ging es abwärts. Mehrere Stockwerke tief. Sie versuchte gar nicht erst, sich irgendwo festzuhalten, sondern kämpfte einfach nur um ein kontrolliertes Rutschen, welches schließlich auf dem Vorplatz des Gefängnisses endete.

Annies erster Blick galt ihrer linken Hand. Hitch lag nach wie vor in der Gnade der Bewusstlosigkeit. Marlo hatte die Arme fest um sie gelegt und die Augen geschlossen.

Einmal, da hatte Annie von Onkel Erik einen Trick gezeigt bekommen. Einen Trick mit rohen Eiern.

„Das Eine nimmst du in die Hand, so. Und das Andere schlägst du auf, so!" Er hatte das zweite Ei mit der gleichen Faust aufgeschlagen, die das erste Ei umfasst hielt. Als er ihr die Hand anschließend hingehalten hatte, war sie außen voller Eigelb gewesen, doch das Ei in der Hand war heil geblieben. „Gut, was?"

Sie hatte nicht wirklich verstanden, was so gut gewesen war. Bis sie es selbst probiert und dabei beide Eier zerbrochen hatte. Eine ganze Weile nach dieser Vorführung hatte es im Hause Leonhardt sehr viel Rührei gegeben.

Keine Zeit für Tagträume, ermahnte sie sich selbst. Sie hörte Stimmen. Aus dem halb eingestürzten Gebäude retteten sich inzwischen Menschen: Da waren Polizisten mit und ohne Manövergerät, auch Männer und Frauen in Sträflingskleidung. Sie flüchteten auf den Vorplatz und machten einen großen Bogen um den Weiblichen Titan, der sich nun aufraffte.

Ungelenk kam Annie auf die Füße. Immerhin unten. Als sie aufblickte, sah sie den Titan, der Schultz gewesen war. Er stürmte einfach die Trümmer hinunter und auf sie zu. Die Polizisten und Sträflinge zwischen ihnen wichen panisch nach rechts und links aus – sie blieben unbeachtet. Annie glitt einen halben Schritt zurück, brachte die rechte Seite nach vorn und deckte damit die Linke. Die linke Hand, in der etwas lag, das sie wie ein rohes Ei behandeln musste.

Der Titan war kleiner, seine Arme waren kürzer. Er sprang ab, mit Schwung! Und dieser Schwung trieb ihn in den Ellenbogen, den Annie anwinkelte und in sein Gesicht keilte. Mit dem Brechen von Knochen stürzte er zu Boden. Annie setzte den Fuß auf seine Brust und hielt ihn unten.

Obwohl sie es letztlich geschafft hatte, das dumme Ei nicht zu zerbrechen, würde sie mit der linken Hand nicht zuschlagen. Einhändig ging es auch. Die Linke schützte sonst schließlich auch ihren Nacken. Nun schützte sie eben etwas anderes.

Der Titan kämpfte unter ihrem Fuß. Er windete sich, umklammerte ihren Unterschenkel und zischte zu ihr hinauf. War er so fokussiert auf sie wegen des Menschen, der er vorhin noch gewesen war? Annie war sich in diesem Punkt inzwischen sicher. Abnormale Titanen waren keine zufällig entstandenen Kreaturen. Überbleibsel des menschlichen Willens trieben sie an. Manche mehr, manche weniger. Schultz gehörte zu den stärkeren Geistern.

War ich eigentlich abnormal, wanderten ihre Gedanken weiter, während ich geistlos war?

Haken, die in ihre Schultern bissen. Jene Militärpolizisten, die sich noch mit einem Manövergerät ausgerüstet hatten, schwangen sich in die Luft.

„Den Nacken!", hörte sie einen Mann brüllen, dessen Stimme sich dabei fast überschlug, „Zielt auf den Nacken!"

Ein Kundschafter hätte sich für dieses Kommando den Atem gespart. Er hätte etwas Besseres zu schreien gewusst. Annie beschwerte sich jedoch nicht, wenn niemand auf ihre Achseln oder Kniekehlen zielte. Die Polizisten, unerfahren im echten Kampf mit Titanen, wollten die Sache einfach nur schnell zuende bringen. Den Grund ihrer Angst töten, so rasch wie möglich. Also attackierten sie, als hätten sie nichts anderes vor sich als eine Übungspuppe mit einem Ziel aus Stoff. Annie tat ebenfalls nur das Nötigste und härtete ihren Nacken. Kurz darauf hörte sie das Brechen von Klingen und spürte mindestens vier Schnitte an Stellen, die nichtmals in der Nähe der Schwachstelle lagen. Sie kümmerte sich nicht weiter um die vorgebliche Elite-Truppe, sondern ging in die Hocke. Sie holte kraftvoll aus, zum Schlag auf den Titan unter ihrem Fuß.

Ich könnte etwas tun, dachte sie, wie in Shiganshina. Ich könnte das, was noch von Schultz übrig ist, freilegen und in Titanenstein betten, wie ich es mit Dina Fritz tat. Ihre weiche Seite flüsterte ihr diese Möglichkeit zu. Die herzlose Seite aber mahnte, dass es kräftezehrend wäre. Und eine dritte Stimme, eine neue Stimme, sagte: Wenn ich sie vor dem Tod bewahre … sollte ich alle anderen auch so behandeln.

Und das, das ging nicht. Nicht jetzt jedenfalls. Nicht hier, während Menschen sterben, die mehr Chancen auf Überleben haben als jene, die zu Titanen wurden.

Ein Soldat musste Prioritäten setzen. Schultz war ebenfalls Soldatin. Annie hoffte, sie würde ähnlich denken. Und schlug zu.

Nachdem es getan war, richtete Annie sich auf. Die bloße Bewegung reichte aus, um etliche Möchtegern-Titanenschlächter zum Davonfliegen zu bringen. Die Haken schnellten zurück, und die Flieger drifteten ab. Alle? Nein, nicht ganz alle. Ein Einziger blieb dran, umkreiste den Kopf des Weiblichen Titan und schoss vor. Annie riss die Hand hoch und schützte ihre Augen; zwei Klingen schnitten in ihre Handfläche. Die Polizistin flog links vorbei.

„Monster!", blaffte die Rothaarige mit einer Stimme, die an den Nerven sägte, „Lass meine Stubenkameradin zufrieden!"

In Annies Hand regte sich Marlo. Er spähte zwischen ihren Fingern hindurch. „Das ist Millie!"

Was du nicht sagst." Annie setzte sich in Bewegung, ließ den dampfenden Leichnam des getöteten Titanen zurück und fiel in einen leichten Trab. Die allermeisten Polizisten schienen froh zu sein, als sie vom Platz eilte, und verfolgten sie nicht. Millie aber jagte ihr nach. Vielleicht hatte sie sich ihren Platz unter den Besten Zehn doch ehrlich verdient?

„Stell dich mir! Ich kämpfe um sie!"

Es gab ja keine anderen Probleme. Annie bog in eine Hauptstraße ein, spürte den Mückenstich eines Hakens im oberen Rücken und härtete wieder den Nacken. Klirrend prallten zwei Schwerter daran ab. Sie zielte wirklich gut!

Marlo stellte sich mühsam hin, streckte den Kopf zwischen ihren Fingern hervor. „Millie, lass den Mist!"

„Oh hey!", rief Millie, während sie sich vor dem nächsten Manöver neu ausrichtete. Sie kurvte vor dem Weiblichen Titan herum und wollte offenbar erneut auf deren Augen losgehen. „Ich hab dich gar nicht gesehen! Warte, ich rette dich auch!"

„Nein nein! Warte!"

„Worauf?" Millie starrte ihn verwirrt an. „Wenn ich warte, wird sie euch fressen wie Erdnüsse!"

„Wird sie nicht, lass mich erklären!"

„Also, sie wird euch nicht schälen oder so! Denke ich jedenfalls?! Oder wird sie? Ich meine -"

Annies freie Hand schnappte Millie aus der Luft, ehe sie erklären konnte, was sie meinte. Der Aufschrei des Mädchens wurde erstickt, als sich die Finger um sie schlossen und ihr Gesicht in die riesige Handfläche gedrückt wurde.

Annie gab sich Mühe, sachte mit Hitchs neuer Stubenkameradin umzugehen. Sie verzog ein wenig das Gesicht, als ein winziger Schmerz in ihrer Hand aufflammte. „Die Zimtzicke beißt mich", bemerkte sie sachlich. „Ich mag sie mehr, als ich dachte."

Unbeirrt setzte sie ihren Weg fort.

Dies ist nicht der Kampf, den du willst, Ymir. Reiner dachte an den Wirbelwind, der um den Turm von Utgard gestürmt war. Es war wie ein rasend schneller Tanz gewesen, mit Schlachtermessern in beiden Händen. Doch dieses Wirbeln war gegen ihn nutzlos, ob mit Krallen oder Klingen. Wo eine Kanonenkugel keine Delle schlagen konnte, würde sich selbst der Kiefer-Titan die Zähne ausbeißen – oder die Fingernägel abbrechen.

Eigentlich aber sollte er ihr erst gar nicht die Gelegenheit geben, dies aus erster Hand festzustellen. Ymir war nicht sein Geschäft, sie spielte doch sowieso nur die Ablenkung. Er sollte hier nicht stehen und die Faust ballen, er sollte Eren suchen. Er sollte -

Ein Funkeln von Eisen lenkte ihn ab. Haken surrten über den Gepanzerten Titan hinweg, als Levi sie abschoss. Er jagte seine Drahtseile hoch in die Mauer hinauf, sprang ab und schwang vorwärts. Reiner riss den Arm hoch und in die Fluglinie, hörte das Aufzischen eines Gasschubs – und sah Levi nur knapp außer Reichweite in die Höhe steigen. Der Hauptgefreite flog zur Mauer, und Reiner legte den Kopf in den Nacken, um ihm mit den Augen folgen zu kö- Nein! Falle!

Reiners Blick schoss wieder zu dem Kobold. Ymir hatte sich inzwischen wirklich gerührt. Angegriffen hatte sie allerdings nicht. War der Hauptgefreite doch keine Ablenkung gewesen? Ymir hatte vor sich aufs Dach gegriffen und etwas Grünes aufgehoben – eine Art Decke? Nein, es war eine Schärpe. Ymir schlang sich nun den Stoff um den Leib, sodass er schräg von rechter Schulter zu linker Hüfte verlief. Ein Emblem mit weiß-blauen Flügeln saß darauf.

Die Kundschafter geben ihren verbündeten Titanen Uniformen.

Der Kobold grinste sein Grinsen. „Wer will denn schon nackt aus dem Haus gehen", krächzte er, „wie ein wildes Tier?"

Aus einem Grunde, den Reiner selbst nicht ganz verstand, brachten diese Worte das Pulver seiner Wut entgültig zum Explodieren. Er warf sich voran, erreichte die andere Straßenseite mit fünf donnernden Schritten und schlug zu. Dröhnend rauschte die Faust übers Dach hinweg, doch Ymir warf sich katzenschnell nach hinten. Reiner zog die Faust zurück und packte die Dachkante, wühlte mit den Fingern durch die Steinwand darunter. Mit einem Schnaufen riss er das Dach hoch, sodass die Ziegel auf Ymir zuflogen. Er stellte das gesamte Gerüst aufrecht hin, während auf der anderen Seite das Scheppern zu wildem Donnern anschwoll, und warf es vollends um.

Der kleinere Titan wieselte zu seiner Linken wieder ins Blickfeld, den Trümmern ausweichend. Reiner stampfte auf ihn los, watete förmlich in die Häuserreihe hinein. Ymir sollte nur nicht glauben, dass sie sicher war, bloß weil sie auf Abstand zur Dachkante ging.

Ymir glitt auf allen Vieren dahin, und tief geduckt. Sie fauchte und sprang ab. Auf seiner schwächeren Seite attackiert, riss der Gepanzerte erneut den Arm zur Deckung hoch – und wieder war die Bewegung nutzlos. Ymir war gar nicht richtig gesprungen, sondern hatte beim Abdrücken die Hinterläufe ins Dach geschlagen, die Klauen in den Dachbalken darunter verankert und sich dadurch festgehalten. Sie war viel schneller wieder unten. Reiner sah sie unter seinem hochgerissenen Arm hindurch.

Diesmal sprang Ymir richtig. Sie federte hoch und schlug abwärts auf den Arm, landete und huschte an Reiners Seite entlang. Sie zog die Krallen über die gesamte Länge des Arms. Funken flogen – Funken? Reiners Arm hämmerte abwärts, verfehlte Ymir um Haaresbreite und zerpulverte die Überreste eines Kamins. Der Kiefer-Titan turnte fast schon spielerisch über diesen Arm hinweg, segelte auf das Gesicht des Gepanzerten zu.

Reiner wich nicht aus. Sah die Klauen auf sein Gesicht zukommen. Vertraute seinem Panzer. Und stieß voran! Die fliegende Ymir wurde voll getroffen, als die Kopfnuss einschlug. Der kleinere Titan war eben nur ein Fliegengewicht, und nun schleuderte und kullerte der Kobold mit der Eleganz eines geworfenen Mehlsacks über die letzten unversehrten Häuser des Blocks. Er stürzte auf die Straße dahinter.

Unter der Maske des Gepanzerten Titanen zog ein schmales Grinsen an seinen Mundwinkeln. Nichts gegen dich, Ymir. Doch andererseits ist es ganz schön, deinem Großmaul eins drauf zu geben.

Dort hinten, wo der Kiefer-Titan abgestürzt war, erschien bereits wieder eine Klauenhand. Ymir zog sich mühsam aufs Dach zurück, und Dampf und Blut quollen aus mehreren Platzwunden. Doch sie grinste, als sie hochblickte.

Und Reiner spürte Kälte. Nein, bloß Kühle. Kühle Luft auf dem Nasenrücken, nur ganz wenig, und auch auf der rechten Wange, nur ein bisschen. Dort, wo gewöhnlich fugenlose Platten aus Panzerung saßen. Nun waren da Kratzer. Haut lag bloß. Reiners Grinsen gefror.

Daz hatte schon viele haarige Situationen überlebt. Seine Kameraden in der Mauergarnison nannten ihn einen Glückspilz, und als Solcher hatte er sich bis vor einer Minute auf noch gefühlt. Eine bildhübsche, junge Dame mit rabenschwarzem Haar und Sonnenscheinchen-Lächeln war auf ihn zugeschwebt. Und sie hatte das schönste Wort gesagt, das er sich vorstellen konnte.

„Freigetränk!"

Doch dann war irgendwas explodiert, eingestürzt oder sonstwie zu Bruch gegangen. In jedem Falle war irgendetwas Lautes passiert, und Daz war taub geworden in dem Getöse, blind geworden in einer Staubwolke, halb verrückt geworden vor Schreck. Für mehrere Minuten – jedenfalls nahm er das an – verlor er völlig die Kontrolle über seine Beine, sein Kurzzeitgedächtnis und ein bisschen über seine Blase. Er erinnerte sich nicht, wie er an diesen Ort gekommen war, an eine Straßenkreuzung irgendwo westlich des Maria-Platzes, mit der schwarzhaarigen Schönheit direkt vor ihm. War er ihr nachgerannt? Ja, er keuchte ziemlich heftig. Gerannt war er also auf jeden Fall.

Die Schönheit eilte auf einen Karren zu – einen Brauerei-Wagen, wie Daz erkannte, denn die Seitenwände des Fuhrwerks präsentierten das bunte Bild eines schäumenden Bierkruges, und drei goldene Krönchen darüber zeigten an, dass diese Brauerei in Mauer Sina beheimatet war. Ja, Daz wußte solche Dinge.

„Macht auf! Holt mein Zeug raus, los!" Die junge Dame winkte den drei Männern, die offenbar zu dem Wagen gehörten. Es war ein irgendwie verschreckt aussehendes Grüppchen. Sie hoben die Hände zum Zeichen, dass sie gehört hatten, und begannen, die Seitenwände abzureißen. Die Fässer kamen zum Vorschein – standen sie auf einer Art doppeltem Boden? Daz konnte sehen, dass unter den Fässern ein weiterer Lagerraum war, und darin lag etwas, was ihn auf den ersten Blick an Kettengeflecht erinnerte. Es schimmerte metallisch.

Daz fragte sich, was nun los war. Als die Schwarzhaarige plötzlich anhielt, lief er in sie hinein.

„Hoppla!", rief er noch, dann prallte er ihr in den Rücken – und war überrascht, selbst derjenige zu sein, der hart zurückgeworfen wurde. Das Mädchen wandte sich ihm zu, mit gerunzelter Stirn.

„Vorsicht", mahnte sie und lächelte freundlich. „Du rennst am Ende noch ins Maul eines Titanen, wenn du so weiter machst."

Er blinzelte. Fand ihr Lächeln wirklich ganz, ganz toll. Auch, als es breiter wurde, wilder, und irgendwie zähnefleschend.

Das Mädchen hob die Hand, schlug die Zähne mit einem herzhaften Biss hinein.

Daz wurde taub von dem Donnerschlag, blind von dem Blitz, völlig verrückt vor Schreck und gab seiner Blase den Befehl, alle Schleusen zu öffnen. Er fiel um.

Gildwart Äugler, Hauptmann der Mauergarnison, war auf ein Hausdach gestiegen, während die Glocken der Stadt den Alarm-Zustand ausgerufen hatten. An seiner Seite standen mehrere Mitglieder eines Pionier-Trupps aus Trost. Sie waren anlässlich der Hinrichtung des Titanen-Mädchens angereist. Zumindest hatte der Anführer dieses Trupps, Hannes Murner, dies vor der Torwache behauptet. Gildwart aber hatte von Hannes schon gehört. Noch bis vor fünf Jahren hatte er seine Dienstzeit hauptsächlich mit dem Vernichten von Alkohol verbracht. Inzwischen war Hannes ein leuchtendes Beispiel für die Rekruten und ein wertvoller Untergebener von Kommandeur Pixis. Gildwart konnte sich gut vorstellen, dass die Anwesenheit dieses Mannes und seines Trupps auf das Tun und Wirken von Erwin Smith zurückzuführen war.

Na, und wenn. Gildwart beschwerte sich nicht über tüchtige Leute an seiner Seite, wenn die Kacke am Dampfen war. Grimmig spähte er durch sein Fernglas nach Westen.

„Die Saukerle", knurrte er.

„Die Titanen, Herr Hauptmann?", fragte Hannes.

„Die Militärpolizisten am Tor", versetzte Gildwart. „Sie haben das verfluchte Tor gar nicht erst geöffnet. Und nun ist es scheinbar verstopft, oder zugepropft oder versiegelt oder was auch immer!" Wut legte kleine, glühende Brände in seinem Magen. „Unsere Freunde in Sina haben Stohess in dem Augenblick losgelassen, in dem das Eisen heiß wurde."

„Saukerle", bestätigte Hannes daraufhin zackig. „Feuer frei, Herr Hauptmann?"

„Feuer frei, Herr Truppleiter."

Die Pioniere schossen ein dickes Tau über die Straße hinweg, auf der inzwischen etliche verängstigte Bürger unterwegs waren. Kaum einer blickte auch nur hoch, als der Seilwerfer knallte. Der Seilwerfer ähnelte der Vorrichtung am Manövergerät, die für das Abfeuern der Haken und Drähte zuständig war. Er war jedoch größer, wesentlich größer, und er wurde mit Schießpulver angetrieben. Er stand außerdem auf einem Gestell, das mit starken Bolzen tief im Dach verankert war.

Das Tau flog, und auf der anderen Seite eilten Soldaten hinzu, als es auf dem Dach aufschlug. Mit vereinten Kräften zogen sie. Sie zogen nicht nur das Tau, sondern auch ein Netz, das am Tau befestigt war und wie ein Theatervorhang daran herunter hing. Das Netz reichte quer von einer Hauswand zur anderen und vom Dach bis zum Boden – es fiel träge auf die Straße hinunter. Einige Leute wurden fast getroffen und schrien auf. Andere glaubten, der Weg seie nun versperrt, und protestierten wütend. Dann aber stellten sie fest, dass die Maschen des Netzes so groß waren, dass selbst ein erwachsener Mann sich hindurchducken konnte, wenn er sich nur bückte.

Ähnliche Szenen spielten sich auch in der Nachbarschaft ab, und in der Nachbarschaft dieser Nachbarschaft, und auch in deren Nachbarschaft. Die Seilwerfer feuerten, und hätte jemand auf einer Karte eingezeichnet, wie die Seile flogen, hätte sich ein grober Kreis erkennbar gemacht. Ein Kreis, der den Ortskern von Stohess großzügig umspannte.

Hannes riss die Hand hoch. „Und weiter! Laslo, Micha!"

Zwei Garnisons-Soldaten ließen sich mittels Manövergeräten auf die Straße hinab gleiten. Sie eilten zu den Ecken des Netzes und trieben mit schweren Hämmern große Keile in den Boden, welche in die untersten Maschen gefädelt waren. Dabei sprengten sie natürlich auch das schöne Pflaster auseinander.

„Ausgezeichnet." Gildwart lauschte den Hammerschlägen, die auch von weiter weg ertönten. „Vortrefflich, Hannes. Deine Truppe ist vortrefflich."

„Alles Übung, Herr Hauptmann."

Gildwart lächelte frostig. Er hatte gehofft, dieser Tag würde anders ablaufen. Doch es war gekommen, wie Smith orakelt hatte, und nun machten sie das Beste daraus. In diesem Moment flohen Menschen in den Untergrund, doch dort würde es rasch eng werden. Nach Sina konnte niemand, auch ins Rose-Territorium führte kein Weg mehr. Die Bürger von Stohess brauchten eine Festung an der Oberfläche, und die Mauergarnison hatte diese Festung soeben errichtet.

Zähne zusammenbeißen, dachte Gildwart, und durchhalten.

Neben ihm versteifte sich Hannes plötzlich. Seine Augen wurden riesig, und sein Gesicht verlor jeden Ausdruck, während es kalkweiß wurde.

„Da!", stieß er abgehackt hervor, „Da!" Er zeigte hin.

Ein Titan spurtete um eine Häuserecke und bog in jene Straße ein, die direkt auf Gildwarts Netz zuführte. Er schien beim Anblick des Hindernisses für einen Moment inne zu halten. Dann aber hetzte er mit Siebenmeilenschritten weiter darauf zu.

Gildwart spannte den Kiefer an. „Ganz ruhig!", versetzte er, „Das Netz wird halten!"

Hannes aber wurde nicht ruhig. „Es ist er! Es ist das blonde Mistvieh! Das ist Schicksal, verflucht!"

„Was?"

„Ich kenne das Biest! Es – Nein, warte. Was -"

Der Titan sprang. Er federte in die Höhe wie ein Hürdenläufer, segelte durch die Luft und überwindete das Netz mit einem einzigen, gewaltigen Satz. Er scherte sich nicht um die Menschen, die schreiend zu allen Seiten flüchteten, während er auf der anderen Seite landete. Ohne an Schwung zu verlieren oder auch nur einen Blick zurück zu werfen, rannte er weiter.

„Verwechslung", sagte Hannes, während er dem Titan nachsah. Er klang, als hätte ihm jemand mit einer Bratpfanne gegen den Kopf geschlagen. „Verwechslung. Dachte, sie wäre jemand anders gewesen."

Er? Sie? Gildwart machte sich große Sorgen um Hannes. Vielleicht hatte dieser das Trinken doch noch nicht vollständig aufgegeben? Doch er sagte nur:

„Die Kundschafter kümmern sich um alle Titanen innerhalb der Festung. Wir halten hier weiter die Stellung!"

Jean sprang über die Dachkante auf den Maria-Platz hinaus, mit gezogenen Schwertern. Zuvor hatte er noch gerufen: „Mikasa! Du bist der Engel!"

„Was?", hatte die Antwort der Schwarzhaarigen gelautet.

„Schutzengel", hatte er versetzt, „Schutzengel, meine ich! Wir anderen ziehen die Aufmerksamkeit auf uns, während du zuletzt springst und alles niedermähst!" Er war ein bisschen enttäuscht gewesen. Dass Berthold eine B-Bombe zünden konnte, daran erinnerte sich alles. Doch sein Schutzengel setzte sich nicht in diesen Schafsköpfen fest?

„Los!" Er war abgesprungen, und nun segelte er über ein Dutzend großer, runder Augenpaare hinweg. Die Sonne stand hoch, und sein Schatten fiel fast senkrecht auf die verzerrten und bizarren Gesichter der Titanen. Die Schatten der anderen gesellten sich dazu. Erst zwei, dann drei, dann vier – und dann zu viele. Zu viele zum Zählen!

Was?

Vor Überraschung vergaß Jean einen Moment lang, die Haken abzufeuern. Der riesige Trupp von Kundschaftern, der ihm nachgesprungen war, vergaß es nicht. Wie Hagelschlag fuhren Haken in die Tiefe und schlugen in die hässlichen Fratzen, in Augen und Nasen und Münder und Wangen und Hände, die sich ihnen entgegen streckten. Ein Beschuss, der ausreichte, jeden einzelnen Titanen dieser Gruppe zu blenden.

Jean feuerte verspätet. Er hakte sich in die Stirn jenes Titanen, der noch immer ein Stück bläulichen Kristalls auf seinem Kopf trug. Rund herum schossen Soldaten herab, schlitzten durch Hände und Finger und jagten um die Köpfe herum. Klingen schnitten in Nacken, und die Riesen fielen und dampften. Auch Jeans Ziel wurde getötet, ehe er selbst zum Zug kam.

Jean landete in einem Chaos zusammenbrechender Leiber. Er wich einem sterbenden Titan aus und sah durch eine Dampfschwade den Schemen eines Soldaten, der auf dem Kopf des Monsters zu Boden ritt, als fahre er lediglich Aufzug.

„Maria!", rief Jean aus, „Scheiße Maria! Das war heftig, das war geil! Wo kamt -"

Erwin. Erwin Smith war der Schemen, der nun vom Kopf des Titanen sprang.

Jean verhaspelte sich und faselte unnützes Zeug, während der Kommandant an ihm vorbei marschierte.

„Direkt hinter Ihnen gewesen, Kirschstein." Smith schlug ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. „Weiter geht's! Los!"

„Ja- Jawohl!"

Connie und Sasha gesellten sich als Erste zu Jean, dann kamen Historia und Alica. Mikasa segelte zuletzt zu Boden, direkt neben ihm.

„Die anderen waren plötzlich da", sagte sie so aufgeräumt zu ihm, als erstattete sie lediglich einen nüchternen Bericht. „Und dann war kein Titan mehr übrig. Beim nächsten Mal klappt dein Schutzengel-Manöver sicher besser."

Jean lachte. Er lachte und hatte das Gefühl, dabei ein wenig hysterisch zu klingen. „Ah! Scheiß, äh, ja, Scheiß drauf! Was solls. Ich beschwer mich sowas von nicht!"

„Willst du dich setzen?" Mikasa ließ eine feine Braue in die Höhe wandern. „Du bist kreidebleich."

„Gut. Alles gut. Ja!"

Kundschafter eilten zu Fuß an ihnen vorbei oder flogen über sie hinweg, bereits auf der Suche nach den nächsten Titanen. Sein Herz pochte heftig, er fühlte es wie Hammerschläge in der Brust. Ihm war heiß, ihm war schlecht. Mikasa zwickte ihm die Schulter. Er erinnerte sich wieder daran, dass er atmen musste. Das hatte er ganz kurz vergessen.

Er räusperte sich krächzend, schnaufte durch. „In Ordnung … Nun ist es wirklich wieder gut."

„Ich höre gut?", rief plötzlich jemand direkt hinter ihm. Hanji sprang ihm förmlich in den Rücken, oder zumindest fühlte es sich so an. „Ausgezeichnet, Jean! Du warst der Erste in der Luft. Als hättest du uns alle anderen, die wir direkt hinter dir waren, gar nicht bemerkt. Mutiger Bursche, mutig!"

„Ich habe wirklich -"

„Jean-Trupp, wo ich euch hier habe!", schnippelte Hanji ihm das Wort ab. Sie wies mit dem Schwert auf eine Straße, die vom Maria-Platz weg Richtung Stadtzentrum führte. „Dort entlang liegt ein Einstieg zum Untergrund. Ihr wisst schon; es ist der, den wir am ersten Tag in Stohess auch benutzten. Kommt mit mir, wir sammeln uns dort!"

„Jawohl, Frau Abteilungsleiterin!"

Nur Momente später schoss der Jean-Trupp durch die Häuserschluchten, zusammen mit Hanji und ihren Leuten. Sie flogen über den Strömen von Flüchtlingen, schwangen sich über die Köpfe furchtsamer Bürger hinweg.

Jean fiel auf, wie leise es war. Von den Rufen und Schreien der Menschen abgesehen, natürlich. Die Titanen selbst, sie waren so still, geradezu heimlich. Sie brüllten nicht, sie knurrten nicht. Sie wandelten umher, geradezu traumtänzerisch, und erschienen dadurch nur umso plötzlicher, so wie das Exemplar, das ihnen kurz darauf begegnete. Der Sieben-Meter-Titan tauchte aus einer Seitengasse auf, als schlenderte er nur gemütlich zum Markt! Sein Mund war von roten Spritzern umkränzt. Er war offensichtlich ein Abnormaler – als er die Kundschafter herankommen war, duckte er sich nämlich wieder weg, als fürchte er die fliegenden Soldaten.

„Den übernehmen wir!", rief Hanji, „Jean, wir treffen uns an der Treppe!"

Sie teilten sich auf, und der Jean-Trupp flog allein weiter. Er begegnete dem nächsten Titan erst, als er bereits den Einstieg zum Untergrund erreichte: Jean huschte als erster um die Ecke, von den anderen verfolgt. Und da kauerte das Monster direkt an der Treppe, einen Arm in die dunkle Öffnung geschoben wie in einen Futtereimer.

Jean reagierte, und seine Reflexe stellten sich in flüssiger Routine ein: Seine Haken schlugen zwischen den Schulterblättern des Titanen ein, und ein Gasschub schleuderte ihn vorwärts. Er jagte auf den Nacken zu – der von einem Moment zum andern in hellem Blau erschimmerte.

„Scheiße!"

Sein Flug verlor jede Entschlossenheit. Er schwirrte vorbei, und dann wurde sein Draht zwischen Zeige- und Mittelfinger gepackt. Er wurde zurückgerissen, als der Titan ihn hochhob wie einen gefangenen Fisch. Einen Moment lang pendelte er, von blauen Augen betrachtet.

Ich bin enttäuscht, Jean."

„Grüß dich", versetzte er trocken, „Annie."

Der Rest des Jean-Trupps brach den Anflug ebenfalls ab, landete auf den umliegenden Dächern. Connie winkte. „Hey, Annie!"

Und aus dem Loch heraus schwirrte ein rothaariges Mädchen mit dem grünen Einhorn auf der Uniform. Es landete auf der Schulter des Weiblichen Titanen und erhob herrisch die Stimme: „Pfoten weg von ihr, ihr Mistkerle! Das ist unser Titan!"

Jean lachte daraufhin. Er drehte sich träge um sich selbst, mit dem Kopf zu Boden zeigend. „Euer, sagst du?"

„Ja. Unser, du Pferdegesicht!"

Ihm verging das Lachen. Nur mit Mühe konnte sich Jean eine Antwort verbeißen, die man einem Mädchen gegenüber einfach nicht gab. Er wandte sich stattdessen an Annie. Da er ihr nun den Rücken zudrehte, musste er sich den Hals ein wenig verdrehen. „Du bist also ausgebrochen?"

Die Tür war auf."

„Ah ja." Er kaute auf der Unterlippe. Beschloss, einfach offen zu reden. „Ich nehme an, du … nimmst uns die ganze Sache ziemlich übel?"

Er bildete sich ein, ein flüchtiges Lächeln im Gesicht des Titanen gesehen zu haben.

Du lebst noch. Antwort genug?"

Dem konnte er nicht widersprechen.

Ymir fuhr knurrend hoch und bellte. Reiners Verwirrung brachte die angeknackste Gesichtsmaske so sehr unter Spannung, dass sich die Kratzer sogleich noch um ein paar Zentimeter vertieften.

WAU!", blaffte Ymir, „ICH BIN EIN WOLF!"

Damit hatte der Wahnsinn angefangen.

Reiner hatte nur geblinzelt, und schon war das kleine Monster über ihm. Mit Klauen, die durch die Rüstung kamen. Die sich durch die Panzerung hackten! Und darüber hinaus flog nun auch der Hauptgefreite wieder. Levi war von hoch oben herabgestürzt und zischte nun durch die Luft wie eine wütende Hornisse. Er zielte auf jene Körperstellen, die von Ymir attackiert wurden.

„Nicht tief genug!", hörte Reiner ihn rufen, als er über den Arm des Gepanzerten fegte und die Klingen durch die Scharten zog. Nur einen Moment später setzte er sich schon wieder ab, fort von den Titanenfingern, die nach ihm griffen. Ymir aber ging auf die Hand, die sich nach dem Hauptgefreiten ausstreckte. Reiner verlor fast die Finger an ihr Gebiss.

Vor ein paar Jahren, noch vor dem Eintritt ins Militär, war Reiner auf dem Rückweg vom Feld einem tollwütigen Hund begegnet. Mit Hängen und Würgen und einem dicken Ast hatte er sich dem rasenden Biest erwehren müssen. Und dies hier, dies war genau so! Gegen Ymir zu kämpfen war, als hielte man sich ein zähnefletschendes Tier vom Leibe.

Reiner packte einen herumliegenden Dachbalken und schlug damit um sich. Längst hatte er eine Schneise der Zerstörung gezogen. Staub und Trümmer rieselten umher, und in diesem Trubel stampfte der Gepanzerte, schwirrte der Hauptgefreite und tanzte der Kobold.

Levi kurvte von links durch sein Blickfeld und verschwand wirbelnd nach rechts. „Nicht tief genug! - Nicht tief genug!" - Inzwischen kam er von hinten. „Nicht tief genug!"

Reiner warf sich herum und traf doch nur leere Luft, kam sich gegenüber solchen Experten der Geschwindigkeit träge und langsam vor. Frust sammelte sich und verklärte seinen Kopf. Kriegsherr Zeke war zwar am anderen Ende der Stadt, doch das bedeutete nicht, dass Reiners Schlamassel nicht trotzdem zu sehen war.

Ymir turnte über eine halb eingerissene Hauswand, warf einen eisernen Herd wie einen Kiesel. Das Küchenmöbel prallte von der Stirn des Gepanzerten ab. Kurz darauf war Ymir schon wieder in Nah-Distanz. Ihre Krallen zielten als fünf tödliche Dolche auf seine Leistengegend.

Du Miststück gehst selbst dann auf die Eier, dachte Reiner mit einem Hauch von Belustigung, wenn da gerade gar keine sind, was? Schmutzige Tricks. Selbst jetzt hörte sie nicht damit auf. Aber mach nur. Den Stich nehme ich!

Er deckte sich nicht. Da war nichts zu decken! Auch wenn der Reflex groß war. Und als Ymirs Klauen in seinen Schritt stachen, fiel er einfach nach vorn. Er warf sich auf sie, um sie mit seinem Gewicht auf den Boden zu nageln.

Doch Ymir schoss zwischen seinen Beinen hindurch, und noch ehe der Gepanzerte auf dem Boden ankam, spürte er sie im Rücken. Zwischen den Schultern. Am Nacken!

Er warf sich herum, rollte auf den Rücken. Ymir war schon wieder weg, kam zurück und landete auf seiner Brust. Hob die höllisch scharfen Fleischerhaken, die ihre Klauen waren.

Und dann war Pieck da. Der Vierbeinige Titan platzte mit der Wucht eines Streitrosses ins Geschehen, erwischte Ymir auf dem falschen Fuß und donnerte in ihre Seite. Reiner sah den Kobold fliegen. Er drehte sich mehrfach um sich selbst und stürzte in eine Ruine.

Steh auf", hörte er Pieck sagen, „Steh auf, schnell!"

Er wuchtete sich hoch, stützte sich dabei sogar kurz an dem Vierbeinigen ab.

Pieck trug einen schlichten Harnisch, gehärtetes Leder bedeckte ihren Rücken wie eine Reitdecke. Den Nacken schützte ein Kettengeflecht, und von Stirn bis Schnauze trug sie eine Haube aus Leder, mit Metallschuppen besetzt. Es war die leichteste Rüstung, die sie besaß – die wirklich schweren Panzerteile hatte sie nicht auf ihre Mission mitnehmen können.

Ymir beäugte den neuen Gegner mit käferschwarzen, glänzenden Äuglein. Selbst Hauptgefreiter Levi hielt einen Moment lang Abstand.

Warum auch nicht, dachte Reiner trübsinnig. Ihr Ziel ist schließlich, mich auszubremsen. Warum sollten sie es da eilig haben.

Du brauchst lang", bemerkte Pieck nun, sehr sachlich. „Und siehst aus wie ein alter Kratzbaum."

Dem konnte er nicht widersprechen.