Abteilungsleiter Dirk Reineke flog auf der Welle, wie es sein Ausbilder gern ausgedrückt hatte: Es handelte sich um jene Art der Fortbewegung, die genau so nur in Städten möglich war. Keine natürliche Umgebung konnte so gleichförmig sein wie eine Hauptstraße, deren Breite so verlässlich war, dass man beim Manövrieren fast abdriften konnte mit den Gedanken. Das Schwingen war wie die Vorwärtsbewegung einer Schaukel. Am weitesten Punkt sprang man ab.
Wie es ihm befohlen worden war, hatte Dirk seine Trupps gesammelt. Rund 40 Kundschafter hatten sich ihm angeschlossen, und auf dem Weg gen Osten wurden es sogar mehr. Militärpolizisten und Garnisonssoldaten gleichermaßen sahen die Truppenbewegung, und weil sie nicht wußten, was sie sonst tun sollten, folgten sie den Kundschaftern einfach. Immerhin waren dies die Titanenjäger. Zu tun, was sie taten, konnte nicht falsch sein.
Andererseits, ging es Dirk durch den Kopf, Der Tag, an dem es klug ist, wie ein Kundschafter zu handeln, ist ein wahrlich düsterer Tag.
Die Legion bestand schließlich aus nichts anderem als Abenteurern, Verrückten und Lebensmüden. Niemand, der recht bei Verstand war, tat, was die Kundschafter taten. Außer heute.
„Mit Gelassenheit!", rief Dirk, als er einmal besonders hoch schwang und Ausschau hielt nach dem, was der Feind tat. „Spart euer Gas! Der Feind ist noch nicht in Position!"
Dreimal hatte Dirk bereits Teile seiner Truppe losgeschickt, um kleinere Titanen zu fällen, die ihren Weg kreuzten. Nun aber blickte er nur noch auf die Aufstellung von Titanen der 30 Meter-Klasse, die bewegungslos verharrt hatte. Bis genau jetzt, als der Affe oben auf der Mauer seine Stimme erhob. Ein weiteres Mal brüllte der Tier-Titan! Dirk wußte nicht, wieso er bis eben geschwiegen hatte. In jedem Fall stürmte die Stimme des Ungeheuers für einen kurzen, scharfen Moment auf sie ein wie etwas Körperliches. Wie etwas, das wirklich Masse hinter sich hatte.
Dirk stellten sich die Härchen am ganzen Körper auf. Es war einfach falsch. Die Stimmbänder einer sterblichen Kreatur sollten kein Geräusch hervorbringen, das sich anfühlte wie das donnernde Wort eines Gottes.
Ein Flattern im Magen sagte Dirk, dass er sich gedanklich auf Glatteis bewegte. Er verbannte seine lebhafte Fantasie tief in sein Inneres. Er musste Zuversicht ausstrahlen, ein gutes Vorbild abgeben. Er durfte vom Feind nicht anders denken als von jedem anderem Titanen, ob er nun ganz besonders groß oder ganz besonders haarig war. Besonders jetzt, wo sich die 30 Meter-Klassen in Bewegung setzten. Sie traten vor, auf die ersten Häuserreihen zu.
Genau, was Dirk wollte. Genau, was er brauchte! Mit den Titanen auf dem freien Korridor zwischen Mauer und Gebäuden wäre es eine risikoreiche Aktion gewesen, denn seine Leute hätten ihre Ziele stumpf von vorn angreifen müssen. Zwischen den Häusern aber würden die Soldaten durch die Lücken schießen, herumwirbeln und dann die toten Winkel attackieren können.
„Achtung, an alle!" Dirk schwenkte mit den gezogenen Klingen nach links und rechts. „In Linie gehen! In Linie! Klar machen zum Gefecht!"
Seine Leute schwärmten ein wenig aus. Die Formation floß von Soldaten, die in ein paar wenigen Reihen hintereinander durch die Straßen flogen, über in eine breite Linie. Jene, die sich spontan angeschlossen hatten, schwenkten zu den beiden äußersten Enden der Linie ein.
Dann aber kam etwas Neues. Denn die Titanen hoben plötzlich Waffen. Es waren Hämmer – grobe Schlagwerkzeuge mit Schäften, die so lang waren wie Schiffsmasten. Bis eben noch hatten die Monster diese Hämmer wie bloße Anhängsel zu Boden zeigen lassen, wie uninteressante Spielzeuge. Nun aber wurden sie hochgewuchtet. Dirks Blick fuhr hoch zu den Hammerköpfen. Er dachte sofort an Mühlsteine, durch deren Mitte man ein Loch gebohrt und dann die Stange, für die man sicherlich einen ganzen Baumstamm gebraucht hatte, hindurchgesteckt hatte.
Zögern. Erst die Größe, dann die Stimme, nun die Waffen. Moment des Wartens, des Zuschauens. Ein Moment, der sich dehnte.
Dann gingen die Hämmer nieder. Sie fielen herab, tonnenschwer, und krachten mit hellem Klirren durch die Ziegeldächer, ehe sie weiter durch die Hauswände gingen. Die Titanen schwangen die Hämmer wie Arbeiter beim Steineklopfen, holten in weiten Bögen erneut aus und traten dabei genau einen Schritt vor, in vollendeter Disziplin. Auf einer breiten Front zerstörten sie die Gebäude wie Puppenhäuser.
Dirk hing einen Augenblick lang in der Luft, auf das Geschehen starrend. Was für eine Art von Taktik sollte das sein? Diese Häuser standen längst leer, schließlich war die Evakuierung bereits im Gange; welchen Sinn hatte es, sie anzugreifen?
Und dann verstand er mit eiskalter Klarheit. Sie ebnen den Boden. Der Vorteil des Geländes lag im Moment noch bei den Verteidigern, denn sie kämpften in der Stadt. Erwin hatte auf diesen Vorteil gesetzt, und die Titanen mussten erkannt haben, dass er darauf gesetzt hatte.
Denn nun schufen sie Flachland.
Dirk fluchte leise, dann erhob er mit mächtiger Lautstärke die Stimme. „Angriff!" Er gab Gasschub. Flog nicht mehr auf der Welle, sondern in pfeilgerader Linie. „Angriff! Vorwärts! Vorwärts!"
Kein Hindurchschlüpfen. Kein Herumwirbeln. Keine toten Winkel.
Stumpf von vorn.
Hoch oben auf der Mauer sah der Tier-Titan auf die Stadt herab. Er sah die huschenden Bewegungen der Kundschafter, die wie waldgrüne Hornissen auf die Arbeiter-Titanen zuflogen. Er nahm ein paar schöne, runde Steine, rollte sie auf der Handfläche und schloss dann die Finger. Die Steine knackten, nicht anders als Walnüsse. Risse schnellten im Gestein herum wie die silbrigen Fäden von Spinnennetzen.
Kurz darauf erreichten sie Angriffsreichweite.
„Den Moment abpassen! Den richtigen Moment!" Dirk manövrierte so, dass er einen Augenblick lang in der Luft stand wie ein jagender Bussard. Er zielte scharf, und als der Hammer „seines" Titanen im Abwärtsschwung war, schoss er seine Haken in die Höhe. Auf der ganzen Linie links und rechts blitzten weitere Haken auf. Sie bohrten sich in die Gesichter, in die Nasen und Augen und Wangen. Dann gaben die Soldaten Gasschub und kehrten den Druck Richtung Erdboden. An den straff gespannten Seilen stiegen sie aufwärts. Sie flogen dabei nach oben wie ein Ball an einer Schnur. Ein paar Männer gaben zu viel Schub – ihre Haken rissen sich los, und ohne Halt wirbelten sie schreiend und fluchend nach hinten weg. Die allermeisten aber „erkletterten" den höchsten Punkt über den Titanen, standen einen Moment lang dort wie Papierdrachen.
Dirk erreichte gerade diesen höchsten Punkt, mit kalkweißen Fingerknöcheln die Hebel im Griff des Manövergeräts gepackt haltend. Er hätte Stein und Bein schwören können, dass seine Eier ihm bei dieser Spielerei in die Kniekehlen gerutscht waren. Eins links, eins rechts. Und gleich würde es wieder abwärts gehen, und er würde die Länge der Leine kürzen und in den massigen Nacken der 30-Meter-Klasse schwirren.
Doch dann kam das Brummen. Ein tiefes, zorniges Fauchen. Und der Hagel fiel, ein Regen aus Steinsplittern und -Scherben, so schnell wie Musketenkugeln.
Der Weibliche Titan schlenkerte mit der Hand, die Jeans Drahtseil festhielt, und schwenkte ihn auf ein niedriges Dach. Dann ließ er los. Von der Bewegung überrascht, landete Jean unsanft auf dem unteren Rücken.
„Autsch", machte er platt, stand auf und rieb sich die betreffende Stelle.
„Wer sind diese Chaoten?", fragte Millie, die nach wie vor auf Annies Schulter hockte, als wären sie schon seit Ewigkeiten so etwas wie beste Freundinnen.
Annie ließ noch einen Moment lang den Blick umherschweifen. An den Rändern des Platzes scharrten sich Leute. Flüchtlinge, die sich vor ihrer Ankunft am Eingang zur Treppe gedrängt hatten. Als sie um die Ecke gestürmt war, hatten sie alle sehr bereitwillig Platz geschaffen. Sie schaute auch die Treppe hinunter. Ganz unten, auf dem letzten Absatz, stand Marlo und winkte. Hitch lag bereits auf einer Trage, noch immer bewusstlos.
Annie bewegte die Finger in der flüchtigen Andeutung eines eigenen Winkens. Ihr Blick wanderte hoch, zu den Kundschaftern auf den Dächern.
„So etwas wie Kameraden."
Mikasa erhob gleich darauf das Wort. „Bist du wieder auf der Jagd nach Eren?", rief sie, und Wildheit schwang scharf in ihrer Stimme durch. „Wenn ja, dann verschwinde besser jetzt gleich! Du bekommst ihn in diesem Schlamassel sowieso nicht!"
Einen Moment lang herrschte Schweigen. „Nein", kam dann schleppend Antwort. „Bin ich nicht." Sie musste selbst nach Worten suchen. Mühsam, als wäre sie sich ihrer Sache auch noch nicht ganz sicher. „Und andererseits, doch."
Mikasas Augen verengten sich zu Schlitzen. „Ich warne dich: Wenn du -"
„Hör erst zu!" Annies Zeigefinger schoss in die Höhe. „Ich bin nicht auf der Jagd. Aber folgen werde ich ihm denoch! Und du wirst mich nach wie vor nicht davon abhalten." Sie erhob sich mit langsamen Bewegungen aus der Hocke. „Ich will sehen, was der Bastard meinte, auf dem Fluss. Ich will sehen, was er tun wird."
Links von Mikasa, die verwirrt die Stirn runzelte und zumindest für den Augenblick still war, übernahm Alica die Rolle des Sprechers. Sie hob etwas zögerlich die Hand, als müsse sie darum bitten, das Wort erteilt zu bekommen. „Ich verstehe nicht wirklich, was du mit dem Fluss meinst, aber … Also, bist du auf unserer Seite?"
Der Weibliche Titan nickte knapp. „Bin ich. Und ich verlasse mich darauf, dass eine Hand die … andere wäscht."
Die letzten beiden Worte kamen schleppender hervor. Annies Aufmerksamkeit war mitten im Satz abgeschweift, denn noch jemand erreichte soeben den Platz. Ein weiterer Schwung von Kundschaftern segelte heran und gesellte sich zu dem Jean-Trupp ringsum. Die Gruppenführerin landete zwischen Mikasa und Alica, und schon im Anflug klatschte der Neuankömmling in die Hände.
„Annie! Da bist du wieder!" Hanji kam routiniert zum Stehen, ein strahlend freundliches Lächeln im Gesicht. „Na, wie geht's dir? Hast du die Zeit hinter Gittern gut verlebt? Ist dir danach, uns ein wenig unter die Arme zu greifen?"
Annie legte in sichtlicher Gereiztheit die Stirn in Falten. Sie hob die Hand, langsam und methodisch, und streckte sie in Hanjis Richtung. Als sich die Finger näherten, zogen etliche Soldaten aus deren Trupp die Klingen. Die Abteilungsleiterin selbst aber blieb gelassen und rührte sich nicht, selbst als die hautlosen Finger sich um sie schlossen.
„Was, wenn ich jetzt zudrücke?", kroch es grollend aus der Kehle des Titanen. „Vielleicht ist mir ja danach?"
„Frau Abteilungsleiterin!" Moblit sah aus, als wolle er jeden Moment losstürmen und seine Klingen in der Titanenhand zu versenken.
Hanji ignorierte ihn. Sie betrachtete die Finger, die sie einpferchten, mit Heiterkeit.
„Nun … wenn du nun zudrücken würdest, wäre ich sicherlich Matsch." Offenbar saß ihr der Schalk im Nacken. Sie grinste. „Nimmst du mir diesen kleinen Verrat so übel? Diese kleine Scharade?"
„Ihr hättet mich einweihen können!", zischte Annie. „Du hättest etwas sagen können!"
Dass der Anblick Hanjis ihre Wut hochkochen ließ, erstaunte Annie selbst. Vielleicht lag es daran, dass sie diese Exentrikerin für einen der wenigen Menschen gehalten hatte, die absolut ehrlich mit ihr umsprangen.
„Einweihen?", fragte Millie, wurde jedoch ignoriert.
Hanji zuckte lächelnd und gleichmütig mit den Schultern. „Hätte ich? Hättest du mitgemacht?"
Hinter dieser Frage steckte viel. Hätte sie es zugelassen? Hätte sie sich unter Drogen setzen, sich dadurch ihrer Titanenkraft berauben und sich der geifernden Meute im Tribunal vorführen lassen?
Für sich selbst hatte sie beschlossen, nie an diesem dämlichen, ehrlosen Pfahl zu knieen. Ebenso wie sie im Stall in Silberfurt gesagt hatte: Ich bin eine schlechte Lügnerin.
Der Moment, der darauf folgte, zog sich in die Länge. Annie schwieg, und ihre Finger zuckten noch ein wenig. Zitterten. Dann streckte sie die Finger jedoch wieder, und sie zog die Hand zurück.
Moblit und mehrere andere Soldaten atmeten hörbar durch.
„Eine gute Entscheidung." Abteilungsleiterin Hanji stand so entspannt wie eh und je. „Wir haben besseres zu tun, nicht wahr?" Ihre Stimme klang sanft, fast schon mütterlich.
Es war wie auf der Treppe … auf genau dieser Treppe, die in diesem Moment zu Annies Füßen lag.
Komm jetzt. Haben wir nicht dringendere Probleme? So hatte Eren gesprochen und dann ihr Handgelenk gepackt. Und Annie hatte sich mitziehen lassen.
„Ja. Haben wir."
Reiner war zurück in seiner besten Rolle. Der Gepanzerte Titan besaß nicht umsonst den Beinamen „Schild von Marley", und mit Pieck an seiner Seite hatte er endlich wieder jemanden, den er schützen konnte. Jemanden, der ihn ebenfalls schützte!
Zuerst hatte Ymir den Vierbeinigen Titanen unterschätzt. Mit ungehemmter, unveränderter Wildheit war sie losgestürmt. Reiners Abwehrhaltung hatte sie nicht abgeschreckt. Pieck aber war schnell gewesen, rasend schnell, und war dem Kiefer-Titan in den Weg geglitten. Kurzentschlossen hatte Ymir Pieck als Ziel gewählt – doch Reiner hatte in dem kurzen Moment des Zögerns zum Schlag ausgeholt, und mit der Gefahr durch den knochenbrecherischen Hieb hatte Ymir den Sturmangriff abgebrochen.
Pieck aber hatte nicht abgebrochen. Sie stürmte selbst hinterher und schnappte mit dem schauzenartigen Maul nach der anderen Wandlerin. Stampfend folgte Reiner ihr dabei, eine stetige Bedrohung. Sie waren wie Kurzschwert und Turmschild, gegen zwei Dolche. Einer davon mochte magisch geschärft sein und durch den Schild fahren können, und der andere mochte schnell sein wie ein Blitz, doch der Erste wurde gejagt, und der Andere konnte nicht schneiden, solang der Erste nicht den Weg freischnitt!
Die Rüstung des Gepanzerten regenerierte sich langsam, aber stetig. Aus den geschlagenen Wunden suppte wachsartig der Titanenstein und verfestigte sich wieder. Die windschnellen Angriffe des Hauptgefreiten Levi verloren rasch wieder an Bedrohlichkeit. Das merkte er wohl selbst, denn nun zielte er auf Pieck.
Reiner erhaschte nur eine verschwommene Bewegung, ein schemenhaftes Niederschießen von oben nach unten. Er haschte danach – und schon war Levi wieder weg. Denn auch er konnte es sich nicht leisten, von dem Gepanzerten getroffen zu werden. Ohnehin fiel Levi das Manövrieren inzwischen immer schwerer – der Untergrund war übersät von Trümmern, von denen einige scharf gen Himmel stachen wie Dornen. Er konnte nicht mehr umher schwirren, wie er wollte. Konnte nicht einfach so Pieck unter den Leib oder in die Seite fahren, sondern musste von oben zustoßen. Und oben war der Schild, der Panzer, Reiner.
Mit einer gewissen Befriedigung stellte Reiner fest, dass Ymir das Sprücheklopfen eingestellt hatte. Sie verstand offenbar, wie sich das Auf und Ab des Kampfes gegen sie drehte. Natürlich, wie konnte eine Überlebenskünstlerin wie sie das auch übersehen.
Was tust du nun, Ymir? Vielleicht würde sie nun weglaufen. Wenn der Kiefer-Titan zu entkommen versuchte, sollte Reiner ihn laufen lassen und sich wieder auf die Suche nach Eren begeben. Der Kiefer-Titan war weniger wichtig als der Gründer-Titan. Wenn Ymir entkam, bedeutete das im Vergleich nur wenig. Ymir würde irgendwann vom Fluch eingeholt werden, und ihre Kraft würde wieder in den Pfaden aufgehen. Oder sie blieb bei den Aufklärern, wenn diese so pragmatisch sein würden, Ymir von einem Titan fressen zu lassen. Es wäre verschmerzbar, wenn es nur dieser Eine war – und wenn im Ausgleich dazu nur die Kommando-Fähigkeit erlangt wurde!
Reiner aber wollte das nicht. Reiner durfte das nicht! Er musste Ymir genauso fangen wie Eren.
Als Levi und Ymir nach einem erneuten Vorstoß zurückwichen, wechselte er die Taktik. Er hörte auf, nur Piecks Begleitung zu sein, und brach zur Seite aus, jagte dem Hauptgefreiten nach. Mit der linken Hand scharrte er über den Boden, tief geduckt. Er fasste Staub und Schutt und warf beides in die Höhe, in Levis Richtung. Reiner konnte nicht erkennen, ob sein Gegner völlig eingehüllt wurde oder noch nach hinten ausgewichen war. Es spielte auch keine Rolle, solang ihm nur die Sicht fehlte.
Einer raus. Reiner fuhr wieder herum, noch immer gebückt. Diesmal packte er einen langen Balken, wuchtete ihn hoch und suchte nach Ymir.
Der Kiefer-Titan hatte die Lücke genutzt und war auf Pieck losgesprungen: Ihre Krallen versenkten sich in dem Schnauzenschutz, den Pieck trug, und schlugen eine tiefe Wunde. Reiner preschte heran, und Ymir sprang wieder rückwärts – wie erwartet. Reiner warf den Balken, den er quer vor seiner Brust hielt, genau dorthin, wo Ymir im nächsten Moment sein würde.
Und sie war auch genau da. Der Balken traf sie, und sie fing ihn sogar, doch der Schwung des Wurfs ließ sie rückwärts stolpern. Reiner hechtete vor und packte die Enden des Balkens, stieß ihn gegen Ymir und riss sie zu Boden.
Tut mir leid, Ymir. Tut mir leid! Entschlossen presste er Ymir mithilfe des Balkens zu Boden. Der Kiefer-Titan spuckte und zischte, als sich das massive Gewicht auf ihn senkte, mit einem Anflug von Furcht in den biestigen Augen. Ich werde meine Scharten auswetzen. So viele verfluchte Fehler habe ich gemacht … und einer davon bist du!
Reiner ließ mit der linken Hand den Balken los und umfasste stattdessen den Kopf des Gegners. Er spürt einen Biss, der durch die Panzerung ging. Doch das war egal, denn entschlossen drückte er zu. Mit einem heftigen Ruck riss er den Kopf des Kiefer-Titanen nach hinten weg. Ein Großteil des Halses ging mit.
Ymir wurde bis zu den Hüften freigelegt. Fetzen von Fleisch klebten in ihrem Gesicht und an ihrem Oberkörper, und flatternd öffneten sich ihre Augen. Ehe sie sich völlig berappeln konnte, umschloss Reiner ihren Körper schon mit der Faust und riss sie aus dem Titanenleib hervor.
Hab dich! Ein Schuss von Jubel!
Und dann erschien der Wächter.
Um eine Häuserecke herum stapfte Eren wie damals in Trost, eine unförmige Last auf die Schultern gewuchtet. Zuerst glaubte Reiner, es wäre wieder ein Fels. Doch das Ding bewegte sich. Es beulte sich wabbelnd und veränderte seine Form wie ein mit Wasser gefüllter Beutel.
Dann erfasste Reiner: Es war wirklich ein Beutel, ein Riesiger. Aus Häuten oder etwas Ähnlichem zusammen genäht. Die Nähte glänzten metallisch – hatten die Hersteller die Drähte von Manövergeräten als Bindfäden verwendet?
Eren warf diesen Beutel, mit einem wilden Brüllen! Der Sack traf Reiner schwer auf Kopf und Brust, und eine stinkende Flüssigkeit explodierte daraus hervor, als die Nähte unter dem Druck aufplatzten. Die Häute zerrissen und setzten den Inhalt frei, der definitiv kein Wasser war.
Nördlich des Stadtkerns, bereits recht nahe der Mauer, schrie sich der Weibliche Titan die Lunge aus dem Leibe.
Annie hatte, zusammen mit dem Hanji- und Jean-Trupp, dem temporär auch Millie zugeschlagen worden war, den von Netzen eingezäunten Bereich von Stohess verlassen und war nach Norden gerannt. Sie hatte den Kanal, der für die Schifffahrt gedacht war, überquert und dann lang und tief Atem geholt.
Und nun schrie sie. Mit einer Stimme, die kreischend hochpeitschte und sich sich grell und gellend überschlug. Ringsum hockten Soldaten auf den Dächern wie Schwärme von Tauben. Die allermeisten pressten die Hände auf ihre Ohren, die Gesichter in purer Qual und Abscheu verzogen. Über viele Sekunden lang hielt der Schrei an, und als der Weibliche Titan verstummte, brauchte es noch fast eine halbe Minute, bis die Menschen es bemerkten.
Hanji massierte energisch ihre Ohrmuscheln. „Uffza", rief sie aus, viel zu laut, „Alles klar! Der Honigtopf – Moblit, spreche ich zu leise? MOBLIT, KANNST DU MICH HÖREN!"
„Nein, Frau Abteilungsleiterin!"
Annie spürte, wie feine Dampfwölkchen aus ihrem halb geöffneten Mund hervor krochen, wie warmer Atem in kalter Luft. Wann immer sie so schrie, wurde ihre Kehle rau. Auch hatte sie das Gefühl, dass mehr aus ihr herauskam als ein bloßes Brüllen. Was das sein sollte, das wußte sie selbst auch nicht. Hatte sich dafür eigentlich auch nie interessiert. Der Schrei tat, was er eben tat. Warum er tat, was er tat, hatte nie eine Rolle gespielt.
Er lockte Titanen an. Es verwandelte Gewöhnliche kurzzeitig in Abnormale.
In ganz Stohess würden nun geistlose Titanen die Köpfe wenden, die Ohren spitzen und sich in Bewegung setzen. Sie würden die Menschen ignorieren, selbst wenn diese Beute ihnen direkt über die Zehen lief bei ihrer Flucht.
Mit ihrer Körperhöhe von 14 Metern konnte Annie gerade über eine Reihe von Häusern hinweg sehen. Doch das war eigentlich nicht nötig. Sie erblickte die Staubwolken, wenn die Titanen in ihrer Direktheit einfach durch die Gebäude hindurch platzten. Jene Titanen, die von Süden nach Norden strebten und dabei unweigerlich den befestigten Stadtkern passieren mussten, verfingen sich vermutlich in den Netzen der Mauer-Garnison. Die Größeren von ihnen rissen diese improvisierten Barrieren sicherlich einfach mit sich.
„Bereit halten!" Hanji hatte gerade offenbar ihr Gehör wiedergefunden. „Der Honigtopf ist geöffnet! Und hier kommen die Bienchen!"
Das erste Bienchen war zehn Meter hoch und massiv wie ein geziegeltes Scheißhaus. Der Titan walzte durch eine Häuserreihe wie durch einen Wandschirm aus Papier. Er schien den Fluss gar nicht zu sehen, denn er stürzte einfach von der Anlegestelle und mit dem Gesicht voran auf die Wasseroberfläche.
Der Zweite war ein Schneller. Die 5-Meter-Klasse war spindeldürr und kam exakt zehn Meter weiter als sein Vorgänger, denn er stürmte über dessen Rücken. Dann sprang er sogar ab und überschlug sich in der Luft.
Annie trat zu, als er landete. Sie stampfte ihn einfach nieder, ihr Fuß reichte für seinen kompletten Oberkörper. Der 10-Meter war derweil am Rand angekommen und zog sich hoch. Ein Tritt von der Seite riss ihm den Kopf weg. Annie nahm sich vor, so mindestens fünfzehn zu schaffen, ehe sie sich zwischen die Lagerhäuser zurückzog.
Sie schaffte nur fünf. Dann wimmelte der Kanal bereits vor Titanen, die eifrig übereinander kletterten, um die andere Seite zu erreichen. Einige erklommen bereits wieder trockenen Boden und würden jeden Moment von den Seiten heran kommen.
„Annie!" Ein scharfer Befehl von hinten. „Komm jetzt her!"
Sie warf Jean einen Schulterblick zu, zuckte mit den Achseln und tat wie geheißen.
Wäre sie auf seiten von Zeke und den anderen gewesen, hätte sie ihren eigenen Titanenkörper nun zurückgelassen und die Flucht ergriffen. Diese Titanen, die auf sie losgingen, würden erst dann, wenn der Weibliche Titan nicht mehr da war, an etwas anderem Interesse zeigen. Nun aber musste sie daraus so viel Vorteil schlagen wie möglich.
Angesichts der Masse von Monstern, die durch den Kanal wimmelte, wünschte sie sich aber doch, einfach abhauen zu dürfen.
Zuerst schmerzte es gar nicht so sehr.
Dirk spürte Stiche wie die von Messerklingen. Drei im Rücken, drei in der Brust. Sah auch die drei Splitter, die vorn aus ihm herausgekommen waren. In blutigen Spritzern. Wie waren sie rein gekommen, fragte er sich. Ach so.
Dann kam der Schmerz, heiß und sengend. Er schrie auf, und er krampfte und kam ins Schleudern. Unbeabsichtigt klinkte er seine Haken aus und trudelte abwärts. Rechts und links fielen auch andere, Männer und Frauen in grünen Umhängen. Manche mit Durchschüssen und lebend, manche tot. Manchmal waren es Arme und Beine, allein unterwegs.
Dirk fiel kopfüber. Sah dabei aufwärts. In einem einzigen Nacken war ein Soldat gelandet. Er glaubte, zu sehen, dass dieser Mann ein Einhorn auf der Uniform trüge. Zwei Schwerter blitzten auf, um die Schwachstelle auszuweiden. Dann war der Mann außer Sicht.
Fallen. Dirk sah den Arsch des Titanen vor sich. Beschissenes letztes Bild. Beschissener letzter Gedanke.
Fang dich! Wo kam das her? Fangen sollst du dich, Reineke! Ach. Sein Ausbilder. Schon vor Jahren vom Pferd gestürzt. Hatte sich dabei das Genick gebrochen. Dirk meinte, er kenne bessere Geister, die für Ratschläge taugten.
„Abteilungsleiter!" Ein Schuss aus Grün. Orloff war plötzlich von links gekommen, von irgendwo her. Er knallte in Dirk hinein und schlang die Arme um ihn. Schlingernd ging es abwärts; Orloff schaffte eine unsanfte Bruchlandung. Der Aufprall am Boden schlug ihm den Körper des Abteilungsleiters aus den Armen, und Dirk knallte auf den Boden.
Der Schmerz, der nun durch ihn hindurch ging wie ein Blitz, trieb Dirk die Tränen in die Augen. Größer aber als der Schmerz war das Erstaunen darüber, diesen Schmerz überhaupt noch spüren zu können.
„Abteilungsleiter? Dirk? Lebst du? - Scheiße." Orloff hatte das Blut bemerkt, das seine Handflächen rot färbte. Es war nicht seins.
Auf dem Rücken liegend, sah Dirk zur Mauer empor. Dort oben lehnte sich der monströse Schattenriss des Tier-Titanen über den Rand und spähte zu ihnen hinab. Das Monster hob den Arm zu einem erneuten Wurf. Und dann hielt es inne. Sein Kopf ruckte. Als würde es lauschen.
Durch die weite Entfernung gedämpft, kroch ein schrilles Kreischen in Dirks Gehörgang. Er erkannte dieses Kreischen, erkannte es aus dem Wald der Riesenbäume.
Die 30-Meter-Titanen horchten ebenfalls auf. Sie hielten inne und ließen ihre Werkzeuge auspendeln. Dann trotteten sie los. Kamen jedoch nur drei Schritt weit.
„IHR DA MIT DEN HÄMMERN!", platzte das Brüllen des Tier-Titanen von oben herab. „WER HAT EUCH ERLAUBT, EURE ARBEIT NIEDERZULEGEN! MARSCH, ZURÜCK ANS WERK!"
Die Arbeiter-Titanen erstarrten wieder. Nahmen scheinbar nur widerwillig das Steineklopfen wieder auf.
Dirk presste einen Fluch zwischen den Zähnen hervor, als Orloff ihn sich auf die Schultern lud. „Wir gehen besser in Deckung." Orloff flüsterte, als fürchte er, der Tier-Titan könne ihn hören. „Solang das Monstrum dort oben abgelenkt ist."
Abgelenkt?, fragte sich Dirk. Von wem? Leben hier unten noch mehr?
„UND IHR DORT HINTEN! FORT VON DER GÖRE!"
Berthold hatte gerade das in Trümmern liegende Gefängnis von Stohess erreicht. Unentschlossen betrachtete er das Ausmaß der Zerstörung. Wohin nun? Als er einen Titanenschrei vernahm, der unzweifelhaft nicht von Kriegsherr Zeke kam, verflog diese Unentschlossenheit jedoch rasch, war wie weggeblasen.
Dieser Schrei hatte eine ganz ähnliche Wirkung auf ihn wie auf die geistlosen Titanen. Er würde zur Quelle dieses Rufes gehen, komme was da wolle. Er feuerte die Haken ab und schwirrte los.
