Reiner Braun war nicht besonders gläubig. Und doch fragte er sich in diesem Moment, ob da nicht doch ein höheres Wesen seine Hände im Spiel hatte. Der Kiefer- und der Gründer-Titan, beide Ziele mit ihm an einem Ort versammelt. Der Eine, bereits in seiner Hand. Der Andere, nur wenige Riesenschritte entfernt.

Reiner fragte sich, ob es diesem höheren Wesen einfach nur gefiel, ihn zu verhöhnen.

Beide zugleich, dachte er bitter, sind einer zuviel. Der Auftrag verlangte Eren – um Eren zu schlagen, wären zwei freien Hände besser als eine. Doch ließ er Ymir nun frei, verschwand sie vermutlich auf Nimmerwiedersehen!

Gott, wenn es dich gibt: Verspottest du mich?

Eine Flüssigkeit, die nach Essig roch plätscherte noch an ihm herab; mit einer wilden Armbewegung schleuderte er die Lederhaut beiseite, die bis eben noch prall gefüllt auf den Schultern des Wächter-Titanen gesessen hatte. Der Geruch biss ihm in die Nase, während wütende Gedanken an Götter und Schicksalsstreiche ihm die Galle hochtrieben. Egal. Diese nach Pisse stinkende Flüssigkeit war ihm egal. Sollte es eine Art chemischer Angriff sein? Wollten sie ihn vergiften? Egal. Nutzlos. Daheim war er durch Senfgas gewatet, und es hatte ihm nicht geschadet. Gestochen hatte es wie eine Hornisse, und es hatte ihm Tränen in die Augen getrieben, doch am Ende war alles geheilt, was zerfressen worden war. Er war ein Titan, ein biologisches Mysterium. Mit solchen Mitteln bekam man ihn nicht klein. Es war egal. Und auch egal konnte ihm sein, dass er nur einhändig war! Er würde sie eben beide fangen. Den Einen würde er festhalten, den Anderen würde er packen! Er würde es nicht wieder vermasseln, so sagte er sich, während er dem wilden Blick des Wächter-Titanen begegnete, diesem hitzköpfigen Bastard mit dem Totenkopfgrinsen und dem grünen Feuer in den Augen, der gerade zum Sturmangriff ansetzte.

Zumal er nicht allein war.

Eren Jäger."

Pieck. Selbst als Titan konnte ihre Stimme sanft klingen. Fast ehrfürchtig sprach sie diesen Namen aus, während sie sich bedachtsam über einen Schutthaufen bewegte. Eine Katze, die sich mit täuschend leichter Gespanntheit in Position zum Sprung brachte.

Der Sohn eines Diebes, der den Raubzug des Jahrhunderts führte. Du armer, armer Junge. Dein Vater biss mehr ab, als er schlucken konnte. Und die Bürde ließ er dir."

Geradezu mitfühlend schienen ihre Worte zu dem muskelbepackten Riesen herüber zu schwingen, der – zu Reiners Überraschung – auch wirklich inne gehalten hatte, als die dunkle, tiefe, weiche Alt-Stimme seinen Namen ausgesprochen hatte.

Piecks Augen funkelten hinter den Sehschlitzen ihrer ledernen Schutzhaube. Ein Hauch von Tücke, Hoffnung. Hoffnung auf ein Ende. „Gib auf, Eren Jäger. Komm einfach mit uns. Beende das hier."

Reiner horchte auf, als er das Brüllen vernahm. Ein wildes, schrilles Heulen, das direkt aus der weit geöffneten Pforte der Hölle zu kommen schien.

Im nächsten Moment warf sich Eren vorwärts. Er stürzte auf Pieck zu, doch Reiner war schneller. Er geriet zwischen den Vierbeinigen und den Wächter, die freie Hand zum Zupacken erhoben. Eren wich mit einem Gleitschritt zur Seite aus, sich dabei neu ausrichtend. Wieder losstürmend.

Komm. Reiner zog die rechte Hand, in der Ymir steckte, ein wenig zurück. Mit dem linken Arm holte er aus. Lass sehen, ob du mich diesmal wieder fangen kannst!

Ein weiter, wuchtiger Schwinger, der auf den Kopf des Wächters zielte. Ein Schlag, den Eren kommen sah – natürlich, wie konnte er nicht? Er tauchte ab, unterlief den Schlag. Er wollte keinen Schlagabtausch auf lange Distanz, er wollte ins Ringen gehen. Er wollte Griffe und Hebel, und dafür musste er nah dran,

Dies alles wußte Reiner. Mitten im Schwung knickte er den Arm ein. Aus dem weiten Schwinger wurde ein kurzer, linker Haken. Ein wilder, schädelplatzender Schlag, der Erens Kopf zum Fliegen gebracht hätte. Wenn er denn getroffen hätte.

Der Schlag fuhr rauschend ins Leere. Eren hatte abrupt angehalten und sich zurückgeduckt. Die gepanzerte Faust fuhr dröhend vor seiner zähnebleckenden Fratze vorbei. Reiner stieß wütend die Luft aus, nahm den Schwung und wandelte den Schlag in einen Ellenbogenstoß um. Er traf, er hämmerte in seine Zahnreihen.

Gleichzeitig war da ein Schlag in seinem Magen. Eren versenkte die Faust in der Bauchgegend des Gepanzerten, und die Rüstung splitterte wie Glas. Er platzte hindurch, hob den anderen Titan dabei sogar mehrere Meter in die Höhe, ehe er wieder nach unten sackte. Durch die Nervenstränge hindurch raste Schmerz, und Reiner keuchte, als Mensch und Titan gleichermaßen. Maria! Der ist stark.

Ein Schlag, der nutzlos hätte sein müssen. Ein Schmerz, der nicht hätte da sein dürfen. Eine Faust, die da nicht hätte sein sollen. Eren öffnete die Hand und bohrte sie hinein. Wühlte. Grub. Dampf und Blut sprühten aus der Wunde hervor.

Der Gepanzerte brüllte auf, den Arm packend. Als Eren mit dem anderen Arm ebenfalls zuschlagen wollte, drängte Reiner nach rechts und zerrte ihn mit. Brachte den Angreifer damit aus dem Gleichgewicht und schob sich zugleich aus der Reichweite des anderen Arms.

Na schön! Dann hast du eben deinen Treffer! Reiner verstand nicht, wie seine Rüstung gebrochen worden war. Doch es war egal, denn nun hatte er seinen Gegner gepackt, auf welch demütigende Weise auch immer dies passiert war. Er würde nicht mehr loslassen. Und Pieck kam bereits heran.

Der Vierbeinige Titan stürmte hinter dem Wächter herbei wie ein Hund, der sich auf die Hinterbeine stellte und seinem Herrchen die Vorderpfoten auf die Schultern setzte. Piecks Hände fielen schwer auf die breiten Schultern des Wächters. Sie musste sich strecken, sie musste fast ein wenig klettern, doch dann kam sie endlich an seinen Nacken. Kein Wort sagte sie mehr, keinen Moment lang redete sie noch vom Ergeben oder Aufgeben. Sie biss einfach zu!

Reiner vernahm das Zischen von Gas. Das Schnurren eines Drahtseils und das Klappern von Haken. Sein Kopf fuhr herum – und durch sein Blickfeld hindurch schwirrte der Hauptgefreite Levi. Der Kundschafter raste am Gepanzerten vorüber, schoss Haken in die Schulter des Wächters und fuhr an dessen Kopf vorbei. Klingen blitzten silbrig-weiß, und er hackte sie in die Kiefermuskeln des Vierbeinigen. Pieck fehlten die messerscharfen Zähne, wie der Kiefer-Titan sie besessen hätte. Sie hatte sich mit schierer Kraft durch das Nackenfleisch nagen wollen, doch dies scheiterte nun, und ihr frustrierter Wutschrei erklang.

Levi schnellte wieder in Reiners Sichtfeld. „Kein Biss mehr!" Wild nahm der Kundschafter Ziel. „Eren! Den rechten Arm! Fixier seinen rechten Arm!"

Reiner spürte, wie der Wächter sich wild freimachte. Dabei zerrte er den Gepanzerten wieder ein Stück nach links, und obwohl sich Reiner hastig dagegen wehrte und die Fersen in den Erdboden stemmte, kam die Hand mit Ymir plötzlich doch in Reichweite. Eren stürzte sich so rücksichtslos auf diese Gelegenheit, dass Reiner ihm sogar einen linken Haken in die ungedeckte Flanke jagen konnte. Ein heftiger Hieb, der den Wächter weit hätte fortstoßen müssen – selbst mit Pieck, die noch immer an ihm hing. Doch Eren hatte Reiners rechten Arm bereits gepackt, und so schleuderte der Hieb sie nur alle drei herum wie Betrunkene, die nach einem durchzechten Kneipenbesuch durch die Straßen torkelten. Sie zerstörten, was noch übrig war auf diesem Schlachtfeld, Arm in Arm. Eren hatte Reiners Arm, und er ließ einfach nicht los! Halsstarrig rammte der Wächter seine Fersen in den Boden und zwang sie alle drei, stehen zu bleiben.

Levi zirkelte derweil um dieses Chaos riesenhafter Körperteile, die Haken in der Schulter des Wächters versenkt. Als die Masse von Leibern langsamer wurde, zielte er scharf und schnitt plötzlich in die Tiefe. Reiner sah, wohin der Hauptgefreite flog, und erbleichte.

Levi bremste erst im letzten Moment ab, riss die Schwerter bereits in die Höhe. Er landete auf der geballten Faust des Gepanzerten und senste abwärts. „Keine Rüstung!"

Die Schwerter gingen kreischend durch die Finger. „Keine Geisel!" Er durchschnitt sie alle bis ins erste Fingerglied, und abgeschlagen segelten sie zu Boden. Zusammen mit Ymir, die dabei aufschrie.

Der Wächter grunzte, klang fast erstaunt. Hatte er gar nicht gewußt, wo Ymir gewesen war? Er streckte den Fuß aus wie jemand, der zwar alle Hände voll hatte, aber trotzdem eine fallende teure Vase vor dem harten Aufprall retten wollte. Sein Schienbein erwischte Ymir leicht, die sich zwar nicht daran festhalten konnte, aber immerhin schräg darauf herunter rutschte. Fluchend glitt sie über den Fuß des Titanen und suchte nach Gleichgewicht, mit den Armen rudernd. Sie machte, dass sie davon kam.

Reiner sah ihre Flucht mit Schrecken. Und mit Entsetzen erblickte er den Hauptgefreiten, der sich schon wieder in die Höhe schwang. Der Einzige, der in diesem Gewühl noch beweglich war. Abgesehen von … Ihm wurde schlecht.

Auf mich, dachte er. Geh auf mich!

Doch Levi ging nicht auf ihn, der sowieso schon feststeckte. Der Kundschafter fuhr erneut neben Erens Kopf in die Höhe, erreichte den höchstmöglichen Punkt und wirbelte herum. Die Klingen hochreißend. „Keine Hilfe!" Dann warf er die Schwerter. Er klinkte sie aus, und sie schossen herab, mit einem leichten Bogen in der Flugbahn, wie zwei silbrige Mondsicheln. Reiner sah nicht, wo sie einschlugen, doch er hörte das Rasseln des Kettengeflechts, das Piecks Nacken schützte. Er hörte das Brüllen, und er hörte einen Moment später auch ihren Schrei.

Als das Getöse der Titanenschreie losbrach, stand Jean mit seinem Trupp auf dem Dach eines Lagerhauses. Er hielt sich – wie alle anderen auch - die Ohren zu in dem verzweifelten Versuch, das dämonische Heulen und Kreischen auszusperren, das seine Eingeweide dazu brachte, sich zu schütteln wie ein nasser Hund. Ein Stück vor ihnen stand der Weibliche Titan, aus Leibeskräften schreiend. Und er hörte nur damit auf, um sich den geistlosen Monstern zu stellen, die kurz darauf durch den Fluss platschten.

Obwohl Annie dabei verstummt war, hörte Jean ihr Kreischen noch immer als schrecklich schrilles Echo. Als Connie versuchte, ihm etwas zu sagen, musste er auf seine Lippenleser-Fähigkeiten einsetzen. Sie waren nur bescheiden, darum verstand er nur Unsinn. Vielleicht war es ja von vornherein Unsinn gewesen. Jean winkte ab und nichte. „Ja! Ich weiß!"

Connie verzog verwirrt das Gesicht, deutete auf seine Ohren. Er faselte etwas, und plötzlich quälten sich doch wirklich Worte durch die Wand aus Watte, die sich in Jeans Gehörgang eingenistet hatte, wie ein Eichhörnchen in einer Baumhöhle. „... -icht hören!"

„Ja!", versetzte Jean barsch, „Ich auch nicht! - Doch, jetzt!"

Vor ihnen tobte das Wasser. Die Titanen wälzten sich durch den Fluss, und Annie war bis zum Rand des Kanals gestapft. Sie ergriff die Gelegenheit beim Schopfe. Während die Geistlosen schwerfällig aus dem Kanal krochen, trat sie ihnen gegen Köpfe und Nacken.

Jean fühlte sich noch immer, als bestünden seine Innereien aus Marmelade. Er war sehr zufrieden damit, dem Weiblichen Titan die Arbeit überlassen zu können. Auch wenn es grausig knackte bei jedem Male, wenn ihr Fuß herumschnellte und einen weiteren Schädel fliegen ließ. Die Geköpften sackten ins Wasser zurück, und ihr Dampf vermengte sich mit dem Sprühnebel ringsum. Sehr rasch türmte sich ein Vorhang aus Schwaden auf, der die gegenüberliegende Seite der Stadt verschwinden ließ. Massige Schemen aber waren darin zu sehen, und sie platzten unablässig aus diesem Vorhang hervor.

„Das sind ziemlich viele, oder?" Connie starrte den Kanal hinauf und hinunter. „Und es kommen noch mehr!"

„Klar", versetzte Jean trocken, „Es kommen alle." Er gab sich härter, als er sich fühlte. Musste ein gutes Beispiel abgeben. Ein besseres Beispiel als bisher in dieser Krise, so zumindest sah er es.

„Drei an Land", ließ sich Mikasa vernehmen, die nach links deutete. Dann fuhr ihre zeigende Hand nach rechts. „Und dort vier!"

Das war früh. Ja, sie waren sich bewusst gewesen, dass sie die geistlosen Titan niemals wie im Gänsemarsch anlocken können würden. Doch sie hatten gehofft, dass sie – wenn sie sich bis hierhin, dicht an die Nordmauer, zurückzogen – den Aufmarsch der Titanen so sehr beeinflussen konnten, dass sie nicht sofort auf breiter Front heranschwemmten. Jean hatte es sich so vorgestellt wie ein Dreieck: Sie selbst waren eine Spitze, und alles strömte zu ihnen. Und zumindest fürs Erste hätte der Feind allein von vorn kommen sollen. Doch das Dreieck war viel zu breit, die Spitze war nicht spitz genug.

„Unser eigener Titan wird gleich umzingelt", merkte die Polizei-Gefreite an, die sie zusammen mit Annie aufgegabelt hatten. „Oder nicht?"

„Doch. Sehe ich auch so. - Annie!" Jean wandte sich nach vorn und blaffte sie an. Er kam sich plötzlich dabei vor wie ein Hundehalter, der seine Töle ausschimpte, doch was sollte es. „Komm jetzt her!"

Als Annie sich daraufhin nach ihm umsah, fürchtete er einen Moment lang, sie würde es genauso interpretieren. Und es hassen. Doch sie zuckte nur mit den Achseln und ging rückwärts, ließ sich in die Gasse zwischen den beiden Lagerhäusern zurückfallen.

Ich kommandiere nun Titanen, dachte Jean bei sich. Zugegeben, das hat schon was.

Während sein Blick Annie folgte, blickte er hinüber zu dem benachbarten Lagerhaus, wo sich Hanji und ihr Trupp positioniert hatten. Grinste sie etwa? Verkniff sich die Abteilungsleiterin ein Lachen?

Was ist bitte so lustig?

„Jetzt kommen sie her! Aufpassen!" Hanji hob die Schwerter in die Höhe, was das Signal für den Rest war: Klarmachen zum Gefecht. Die Titaten würden sich nach wie vor auf Annie stürzen, und nun würden sie dazu an den Kundschaftern vorbei müssen. Sollten sie. Die Soldaten würden ihnen sodann in den Nacken springen.

So war es geplant, doch so kam es nicht. Denn von Osten her kam die Antwort auf das Geschrei des Weiblichen Titanen. Ein Brüllen, so verflucht oft gehört, und nie war etwas Gutes dabei herausgekommen!

„Tier-Titan", sprach Mikasa das Offensichtliche aus. Immerhin war das haarige Monstrum so weit weg, dass sein Geheule nicht so ohrenbetäubend war wie das von Annie.

Die Titanen reagierten prompt: Anstatt in die aufgestellte Falle zu rennen, machten sie auf dem Absatz kehrt und sprangen wieder in den Kanal zurück, mit Anlauf. Jean sah einige wenige, die hechteten. Ein Einzelner machte eine Arschbombe.

„Ey! Da geblieben!" Connie sah aus, als wolle er den Titanen nachlaufen und sie eigenhändig zurückzerren. „Was glaubt ihr, wo ihr hingeht!"

„Die gehen nirgendwo hin!", rief Hanji aus, „Annie, tus nochmal!"

Jean zuckte zusammen. Was? Nochma-

Der Weibliche Titan schrie. Das Geheule erhob sich so unvermittelt und kraftvoll, dass er meinte, seine Ohren müssten zu bluten anfangen. Sein Kopf, er platzte sicher, jeden Moment! Jean presste die Hände gegen die Schläfen, als könne er so das Kreischen aussperren, seinen Kopf in einem Stück halten. Er musste sich zwingen, die Augen zu öffnen.

Annie stand dort in der Gasse, vornüber gebeugt und die Hände auf die Oberschenkel gestemmt. Beim Schreien schienen ihre Augen aus den Sockeln zu quellen. Ihr Gesicht war derartig verzerrt, dass es ihn noch bis in seine Albträume verfolgen würde, soviel stand fest.

Dann hörte sie wieder auf, und ihr Kopf sackte ein wenig nach vorn.

Die Titanen hatten wieder umgedreht. Sie kraxelten zurück auf die Anlegestelle.

Der Tier-Titan pfiff sie wieder zurück.

Hanji befahl: „Nochmal!"

Nein, bitte, ein anderer Pla-

Annie schrie!

Jean wurde schlecht.

Die Titanen kamen zurück.

Der Tier-Titan kläffte wie ein liebestoller Hund. Die Titanen drehten um. Hanji brüllte. „Nochmal!" Gnade … Annie jaulte wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten hatte. Die Titanen drehten sich um, ein paar blieben einfach stehen. Der Tier-Titan schimpfte. Hanji war nicht mehr zu hören. Annie keifte ganz von selbst. Wie Wölfe, die den Mond anheulten. Titanen blickten hin und her. Einer setzte sich hin, mitten im Fluss. Sekundenlang ging es. Minutenlang? Tage? Für immer? Jean wußte es nicht, und es wurde ihm auch egal. Wenn dies nun mein Leben sein soll, von mir aus. Ihm tat alles weh.

Und dann, ganz plötzlich, brach einer der Geistlosen zusammen. Er landete mit dem Gesicht voran im Wasser, und über ihm schwebte, wie eine Libelle, ein Soldat. Und er war nicht allein. Es schnitten Schwerter durch Nacken. Monster fielen, dampften und vergingen.

Jean starrte auf das Geschehen, betäubt und taub. Die Soldaten. Woher? Sie kamen von Süden her?

Während ihre Männer der Verstärkung zujubelten, setzte Hanji zum Jean-Trupp hinüber. Ihr Grinsen schien ein wenig entgleist, noch exzentrischer und schiefer als sonst. Sie sagte etwas zu Jean, zumindest bewegte sich ihr Mund, doch es kam nichts an.

„-ith ist da!"

„Was?"

Hanji holte tief Luft. „Kommandeur Smith ist da, sag ich!" Sie gellte ihm in die Ohren, und ihre Freude war schmerzlich spürbar für Jean. „Sie müssen den Titanen gefolgt sein, als wir sie anlockten!"

Das ergab sicherlich Sinn, irgendwo, in einem fernen Lande, wo alles paradiesisch leise sein musste. Jean nahm sich vor, dieses Land zu suchen und zu finden, sobald er Zeit dazu hatte.

Auf dem Kanal stapelten sich die riesigen Leichen. Titanenleiber bildeten geradezu eine Insel, gar eine Brücke von einer Seite des Flusses zur anderen. Und Kommandeur Erwin Smith marschierte über diese Brücke, als wäre sie für nichts anderes entworfen worden. Mit dampfiger Klinge grüßte er zu den Dächern hinauf.

„Neue Befehle!", rief er, grußlos und ohne jedes Wort des Lobes, „Hanji! Du und deine Leute, ihr geht nach Westen!" Er wies mit schneidiger Bewegung dorthin. „Unterstützt Levi, Eren und Ymir im Kampf gegen den Gepanzerten Titan!"

Hanji salutierte. Gleichzeitig fuhren mehrere Mitglieder des Jean-Trupps heftig zusammen. Mikasa, Historia und Alica drehten die Köpfe westwärts, und im Chor riefen sie etwas, das nach „ERYMREIENMINER!" klang, zumindest für Jean und seine klingelnden Ohren.

Derweil fuhr der Kommandeur fort: „Meine Männer und ich gehen nach Osten." Er sprach es sachlich aus. Er salutierte mit der Faust auf dem Herzen und wandte sich zum Gehen.

„Viel Glück, Kommandeur", rief Hanji ihm nach. Dann wandte sie sich an Jean. „Nun, da wir nicht mehr einzig und allein ums Überleben kämpfen, kümmern wir uns endlich um die wichtigen Figuren in diesem Spiel! Hah!"

Sie hörten beide das Pfeifen von fliegenden Haken und das Zischen von Gas. Als sie sich umdrehten, flogen bereits zwei Soldaten in die Richtung, in die man sie befohlen hatte.

„Mikasa!", rief Jean, „Historia!"

„Die habens eilig." Hanji blieb gelassen. „Passt schon."

Und dann pfiffen nochmals Haken, denn nun fegte auch Alica vom Dach und den beiden anderen hinterher. Hatte sie sich zunächst mäßigen können, dann aber das Passt schon von Hanji als Erlaubnis gewertet? Nun war sie jedenfalls ebenfalls unterwegs.

„Na schön! Keine Zeit zu verlieren", räumte Hanji ein. „Doch ehe es zu knapp dafür wird!" Sie langte in einen Beutel, den sie nahe einem der Holster am Gurtzeug getragen hatte, und löste ihn ab. Dann reichte sie ihn Jean. „Hier, für Reiner. - Annie, alles gut? Bist du noch bei uns?"

Der Weibliche Titan nickte, irgendwie schwerfällig wirkend, und die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

„Ausgezeichnet! Und jetzt: Vorwärts! Lasst die drei nicht zu weit vorauseilen! Zum westlichen Tor!" Hanji sprang ab, flog los. Ihre Leute stürzten ihr sogleich nach.

Auf in den nächsten Schlamassel, dachte Jean, den Beutel noch in der Hand. Er hörte etwas wie ein Klackern darin. Da ließ ein schweres Krachen ihn erschrocken herumfahren. Hinter ihm war der Weibliche Titan zusammengebrochen, mit dem Rücken gegen die Wand des Lagerhauses geschlagen und lehnte nun dort, mit halb geöffnetem Mund, aus dem träge Dampfschlieren suppten. Jean sah gerade noch, wie sich die Augen nach hinten verdrehten und dann schlossen. Der Kopf fiel nach vorn, mit dem Kinn auf die Brust.

„Huh?", machte Jean und blinzelte verdutzt. „Wa- Wa- HANJI!"

Doch die Titanen-Wissenschaftlerin war schon weg. Einzig Connie, Sasha und die Polizei-Gefreite waren noch da. Sie glotzten zuerst Annie an, dann ihn.

Schitt, was jetzt?, fragte sich Jean. Hat sie ihre Kraft verbraucht? Sie hat doch bloß herumgeschrieen! Und hat damals in der Höhle, bei den Experimenten, damit angegeben, wie lang sie ein Titan bleiben könnte! Zog das Herumschreien etwa derartig an ihr? Warum hatte sie sich gerade nicht bemerkbar gemacht? Es seie denn, sie hat gar nicht geantwortet… Sie war schon da am Wegnicken!

„Schitt!", rief Connie.

„Was jetzt?", fragte Sasha.

Die Antwort kam von anderswo.

„Nun werdet ihr gehen. Und überlasst sie mir." Auf dem nachbarlichen Lagerhaus war Berthold erschienen, wie vom Himmel gefallen. Er schritt gemessen über das Dach, auf den Titanen zu und dabei ernste Blicke zu den vier Soldaten schickend. Er trug ein Manövergerät, und die Schwerter hatte er gezogen. „Klar? Geht einfach!"

Wie Mäuse auf der Flucht vor der Katze, so krochen sie durch sie Trümmer.

Pieck hing auf Reiners breitem Rücken wie ein Sack Getreide, und sie hatte keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen war. Im einen Moment noch hatte sie sich an das breite Kreuz des Gründer-Titanen geklammert, und sengend heißer Schmerz war ihr von hinten durch die Brust geflammt. Sie war besinnungslos geworden, und erst, als Reiner längst die Schwertklinge aus ihr herausgezogen hatte, erwachte sie wieder. Das verdammte Ding, es hatte nicht nur das Kettengeflecht durchdrungen, sondern war durch das Titanenfleisch gekommen und durch ihr Schulterblatt. Und dann hatte die Spitze ihr Herz berührt. Durchstochen.

Ich war tot. Bis gerade eben war ich tot. Ganz kurz nur.

Gar nicht weit weg hörte sie, wie Schutt rasselte: Etwas Großes war gar nicht weit entfernt am Werke. Der Gründer-Titan durchwühlte offenbar die Ruinen, auf der Suche nach ihnen.

Soeben fand Reiner eine halb verschüttete Treppe. „Keller", murmelte er, „Wir steigen eine Etage tiefer, in Ordnung?" Seine Stimme war rau, sie klang abgekämpft.

„Tue dir keinen Zwang an", erwiderte Pieck leise, „Ich komme sicherlich mit. Stoß mir nur nicht den Kopf, du bist zu groß geworden ..."

Reiner grunzte missgelaunt. „Witzig." Er rückte sich seine Last zurecht, dann hastete er geduckt die Stufen hinunter. Es ging in die Dunkelheit, doch nach einer Biegung stellten sie fest, dass der Korridor von vielen kleinen Inseln aus Licht durchzogen war: Der Titanen-Kampf, der kreuz und quer durch mehrere Häuserviertel getobt war, hatte die Decke natürlich nicht unangetastet gelassen. Sonnenschein fiel herein.

„Was ist passiert?" Pieck fragte sich für einen Moment, ob Flüstern angebracht wäre. Sie entschied sich dagegen. Flüstern wäre unnütz. „Nachdem ich getroffen wurde, meine ich."

„Nichts Spannendes", erwiderte Reiner sachlich, ohne inne zu halten. „Du bist plötzlich umgekippt. Hast mich damit erschreckt. Habe dann meine Rüstung abgesprengt. Vor allem am Arm, den dieser Bastard gepackt gehalten hat. Da hat er ihn plötzlich nicht mehr ganz so fest im Griff gehabt. Also hab ich ihm eine gescheuert. Er flog weg, landete leider auf den Füßen."

Er gab ein Geräusch von sich, das man fast für ein kehliges Lachen hätte halten können.

„Wir haben ihn eindeutig schon zu oft geworfen. Hat Übung im Fliegen, diese Ratte. Egal. Levi wollte derweil dich aus dem Nacken deines Titanen schneiden. Ich hab mich aber draufgestürzt, und er musste ausweichen."

„Du hast dich also über mich geworfen, hm?", präzisierte Pieck heiter. „Ganz, wie es sich für einen treuen Schild gehört?"

„Jawoll", erwiderte Reiner in ähnlich heiterem Tonfall. „Soldatenpflicht, nicht wahr?"

„Durchaus." Pieck schwieg kurz. „Und dann?"

„Bin aus meinem Titan gestiegen. Vorn, zum Brustbein hinaus anstatt zum Nacken. Bin auf deinem Titan gelandet und hab dich aus dem Nacken geholt, während der Feind noch am Rätseln war, was sie anstellen sollten. Glaub ich jedenfalls. Unsere Titanen lösten sich bereits auf, also gab es viel Dampf. Ich hab dich geschultert und bin erstmal in Deckung gegangen."

„Mit dem Rausziehen des Schwertes hast du lang gewartet", stellte Pieck in gespielter Beleidigung fest. „Naja. Immerhin hast du es überhaupt herausgezogen. Gewöhnlich sagt man bei Durchbohrungen ja immer Lass es drin! Lass es drin! Sie verblutet sonst!"

Reiner lachte. „Bei Schwertern, die durchs Herz gehen, sagt man das auch?"

„Sicherlich."

Sie erreichten das Ende des Korridors und betrachteten die Wand vor sich. Im Halblicht war deutlich zu sehen, dass die Mauer lädiert war. Reiner trat kurzerhand dagegen, und ein Loch bröckelte frei. Er stieg hindurch und betrat den Keller des Nachbargebäudes.

Noch eine Niederlage. Reiner tat ihr leid. Pieck brachte es nicht übers Herz, ihn darauf anzusprechen. Die Stärke des Gepanzerten, seine Aufgabe, lag darin verwurzelt, wie leidenschaftlich er war. Wie aufopfernd er sich für Kameraden in die Schusslinie warf. Wie stark ist dein Herz, Reiner, nachdem du schon wieder gescheitert bist?

Weiter ging es, durch dunkle Räume, von Lichtschranken erleuchtet.

„Was tun wir nun, Reiner?"

„Abstand gewinnen. Die Lage prüfen. Und schauen, wie die Würfel anderswo gefallen sind." Reiner blieb konzentriert. Nichts deutete darauf hin, dass er die Nerven verlor. Das war gut.

„Meine Rüstung", sagte er, „Der Titan hat sie brechen können. So einfach hätte er das nicht schaffen dürfen."

„Ich könnte mir denken, warum."

„Ah?"

„Es lag gewissermaßen in der Luft, ja." Pieck nickte, auch wenn Reiner es gerade nicht sehen konnte. „Die Säure, mit der sie dich bewarfen … Königswasser. Eine Mischung aus Salz- und Salzpetersäure."

„Königswasser", wiederholte Reiner nachdenklich. „Ich wußte nicht, dass meine Rüstung so eine Schwachstelle hat."

„Oh, ich auch nicht", erwiderte sie mit einer gewissen Belustigung. „Marley hat an derlei Dingen nie geforscht. Wir sind die Einzigen mit Titanen. Warum sollten wir solche Dinge erforschen und riskieren, dass die Ergebnisse dem Feind in die Hände fallen? - Du verstehst, was ich meine."

„Vermutlich, ja."

Sie erreichten eine Treppe. Reiner bog vom Korridor ab und ging die Stufen hinauf. Das Erdgeschoss war verwüstet, und in einiger Entfernung war der Wächter-Titan zu sehen, wie er durch die Trümmerlandschaft stakste wie ein Müllsammler auf seiner Halde. Er schritt gemächlich dahin, den Blick aufmerksam zu Boden gerichtet. Und von ihnen weg. Was noch besser war: Reiner und Pieck waren in nächster Nähe zu inakten Gebäuden an die Oberfläche gekommen.

„Wir nehmen das Manövergerät", erklärte Reiner. Er schob Pieck erneut anders. „Halt dich fest!"

Nur wenige Augenblicke später schwirrten sie durch die verlassenen Straßen von Stohess. Keine Menschen, auch keine Titanen.

„Die Kämpfe sind offenbar anderswo", vermutete Pieck, die sich etwas verkrampft an ihrem Kameraden festhielt. „Suchen wir uns einen Aussichtspunkt, verschnaufen kurz und dann werde ich mich wieder -"

Klacken. Das Klappern von Haken, nur eine Abzweigung voraus!

Reiner fluchte unterdrückt. „Festhalten!", zischte er, und dann schoss er einen Haken direkt neben ein Fenster, deren Läden offen standen wie Torflügel. Er fuhr gegen die Wand, presste sich daran und gebrauchte den einen Fensterladen als Sichtschirm.

Pieck gefiel der Plan nicht wirklich. Sie versuchte, sich so flach wie möglich zu machen, und hielt den Atem an.

Zwei rasend schnelle Schemen huschten vorbei. Zwei junge Frauen, eine schwarzhaarig und die andere strohblond. Zu fokussiert, um nach links und rechts zu schauen.

Reiner entspannte sich ein wenig. „Glück gehabt." Er drehte sich, gab dem Fensterladen einen Tritt, weil er im Weg war, und zielte mit dem nächsten Haken auf die gegenüberliegende Hauswand, um wieder in den Flug zu kommen. Er schoss, und sie warfen sich erneut in die Straße. „Weiter geht's!"

Doch um die Ecke schwirrte noch jemand. Eine Soldatin mit straßenköterblondem Haar, die gellend aufschrie, als sie sich unversehens auf Kollisionskurs wiederfand.

„Reiner!"

„Oh Nein!"

Pieck spürte es. Reiner war in diesem Moment, so kurz nach dem Start und mit doppelter Last, so träge wie eine Qualle. Sie konnten einander nicht ausweichen.