Jean verfluchte sein Pech. Der Kampf gegen die geistlosen Titanen war ihm erspart worden, doch nun wurde ihm der Koloss-Titan vorgesetzt?

„Nun werdet ihr gehen. Und überlasst sie mir. Klar? Geht einfach!" So hatte Berthold gesprochen, und die gezogenen Schwerter unterstrichen seine Ansage mit dem stummen Versprechen auf Blut. Sein ganzer Auftritt war kalt, seine Miene steinern. Als stünden ihm nur Unbekannte gegenüber. Nicht Menschen, mit denen er in den letzten drei Jahren Dach und Brot geteilt hatte.

Herrje. Wie sehr hast du dich all die Jahre verstellen müssen, als Wolf im Schafspelz? Dieser Kerl, sonst stumm und rückgratlos wie ein Fisch, konnte also wirklich so etwas wie Furcht heraufbeschwören.

Jean wünschte sich, Abteilungsleiterin Hanji hätte es nicht so eilig gehabt. Sie hätte warten sollen, verflucht! Stattdessen war sie auf und davon geflogen, nachdem sie ihm den blöden Beutel - Ach ja. Der Beutel. Das kleine Lederpäckchen hatte er sekundenkurz vergessen. Er hielt es noch in der Hand, am Saum gepackt. Nun wurde er sich des Beutels wieder bewusst. Es war eine Gabe von Hanji, folglich musste es auch etwas Nützliches sein! Etwas Rettendes. Jean erfühlte das Gewicht. Es war nicht schwer wie ein Stein, aber auch nicht leicht wie eine Feder. Indem Jean den kleinen Finger ausstreckte, konnte er den Inhalt ein wenig erfühlen. Hart, kantig, länglich. Glatte Oberfläche. Er hatte keinen Dunst, was darin sein sollte. Andererseits hatte er generell keine Ahnung, was ihnen in dieser Situation überhaupt helfen mochte. Von daher: Etwas, was für ihn unvorstellbar war, mochte wirklich die Rettung sein!

Ein Silberstreif am Horizont. Er gab ihm Hoffnung. Außerdem, sein Gegenüber war doch nur Berthold. Ein Gedanke, aus Trotz geboren. Es ist bloß Berthi. Berthi das Wetterorakel. Mit dem wirst du fertig, Kirschstein! Es ist bloß Berthi der Bernhardiner, ein großes Hündchen ohne Biss! Eine Vorstellung, die auf fruchtbaren Boden fiel. Vor großen Hündchen musste man sich nicht fürchten, das hatte Jean schon früh gelernt. Große Hunde taten einem nichts. Kleine Dackel waren viel gefährlicher. Dackel konnten Bernhardiner vom Hof jagen, wenn sie wollten! Denn sie waren laut, nervtötend, bissig und übergeschnappt.

Sei wie Großmütterchens Dackel, Jean. Zeig Zähne. Sei furchtlos!

„Wer", fragte Millie gerade, „ist das? Und warum macht er uns so an?"

„Es ist unwichtig, wer er ist", erwiderte Jean kühl. Er hob die Stimme, um auch Connie und Sasha zu erreichen, die sichtlich schockiert waren, so unversehens auf Berthold zu treffen. „Er ist ein Feind, das reicht aus!" Trete hart auf. Trete fest auf.

Berthold musste es ebenfalls gehört haben. Er nickte kaum merklich.

Ach, sind wir uns darin etwa einig? Jean hätte fast gelacht. Natürlich. Du willst nicht, dass wir uns auf dein Gewissen stürzen, was?

Die Initiative zu haben, tat gut. Verstohlen trat er einen Schritt näher an Connie heran. Er ließ den Beutel dabei sachte gegen dessen Klingenkasten stoßen, was ein leises Klackern ergab. Irgendwie hölzern. „Also schön", zischte er. „Wir müssen -"

„Ja", knurrte Connie plötzlich mit einer ganz beachtlichen Inbrunst. Er presste die Worte zwischen

zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Ja, ich weiß!"

Was? Nein, du weißt nicht! Schau auf den Beutel. Greif in den Beutel! Hast du das Klackern nicht gehört!

Connie schaute nicht auf den Beutel. Connie griff auch nicht in den Beutel. Er hatte das Klackern wohl wirklich nicht gehört. Stattdessen schoss er Haken ab, in die Wand des gegenüberliegenden Gebäudes, und sprang mit Gasdruck über die Gasse hinweg. Berthold trat einige Schritte beiseite, als er ihn kommen sah, und hob die Schwerter wie zum Angriff.

„Ich sagte, geht!", blaffte er Connie an, der jedoch ohnehin keine Anstalten machte, anzugreifen. Nach seiner Landung schob er die Klingen in die Kästen zurück und klinkte sie aus.

„Es ist an der Zeit, zu reden!", verkündete Connie, „Oder nicht, Berthold? Bei Utgard, da hatten wir schließlich keine Gelegenheit dazu. Jetzt aber, genau jetzt, können wir mit dir genauso reden wie damals mit Reiner!"

Jean knirschte mit den Zähnen. Ihm gefiel zwar ganz generell, wie treuherzig Connie war und dass er an den Kameraden in Berthold appellierte, doch wollte er ihn am liebsten zurückpfeifen. Was er natürlich nicht machen konnte, denn dann würde vermutlich Berthold endgültig die Geduld verlieren und handeln!

Dass Connie seine eigene Vorstellung von einem Plan durchzog, konnte Jean also nicht verhindern. Was er dagegen tun konnte, war immerhin, Sasha von dem Absprung abzuhalten. Als sie ihre Haken ausrichtete, um Connie zu folgen, ergriff er ihren Arm.

„Huh?"

„Nein", zischte er ihr zu, „Komm mit mir. Du auch!" Er wandte sich an Millie, die das Geschehen mit hochgezogener Braue verfolgte. Sie nickte knapp.

Berthold zeigte derweil, wie wenig ihm Connies Vorschlag gefiel. Eine steile Zornesfalte hatte sich über seiner Nasenwurzel gebildet. „Am Reden liegt mir nichts, Connie. Bedaure. Geht einfach. Geht! Ich bin nur hier" - Er schwenkte eine Klinge in Richtung des Weiblichen Titanen - „wegen ihr!"

Und dann entgleisten seine Gesichtszüge, denn im selben Moment schoss Jean seine Haken ab. Er jagte sie nicht in Richtung des Gegners, sondern dahin, wohin Berthold zeigte. Die Haken fuhren in die Stirn des Titanen, und mit einem heftigen Schub katapultierte sich Jean erst auf den Kopf zu, segelte dann daran vorbei und zog in eine enge Kurve, das Drahtseil verkürzend und den ersten Haken schon wieder ausklinkend. Hart landete er im Nacken, wo er sich verankerte, und wild riss er die Klingen zu einem Doppelschnitt in die Höhe.

Berthold schrie auf, als sähe er schon vor seinem inneren Auge, wie das Blut in die Höhe spritzte.

„Nein!"

„Doch!", blaffte Jean, „Wenn du dich rührst! Rühr dich, und ich weide sie aus!"

„Das wagst du nicht!"

Wild bleckte Jean die Zähne. „Also bitte! Natürlich wage ich es, wenn nötig! Diese Furie hier hat immerhin Marco auf dem Gewissen, das hat sie uns selbst gebeichtet. Wieso sollte es mir schwerfallen, sie aufzuschneiden, hm?" Bei dem Gedanken an Marco war ihm einen Augenblick lang, als wäre dies die Wahrheit. Doch Marco hätte dies nicht gewollt, und Jean wollte es selbst auch nicht mehr. Nicht mehr seit der Runde im Stall. Gleichwohl, wenn es als Bluff taugte, konnte man es doch antäuschen? Er ruckte mit den Klingen, und Berthold zuckte sichtlich zusammen. Jean nahm dies als sicheres Zeichen, dass seine Drohung wirkte. „Wir werden nun erstmal reden, klar? Connie will loswerden, was er auf dem Herzen hat, also geben wir ihm Gelegenheit!"

Berthold hielt die Griffe seiner Schwerter so fest gepackt, dass seine Hände an den Knöcheln weiß wurden. Er schien sich nur mühsam wieder zu Connie umdrehen zu können, als stecke er bis zur Hüfte in einem Moorloch.

„Na schön", knurrte er, „Sag, was du zu sagen hast."

Jean ließ die Klingen ein wenig sinken. Wenn er allzu lang hier stand wie ein Scharfrichter, würden ihm am Ende noch die Arme taub werden. Als Sasha neben ihm landete, war die Gelegenheit außerdem günstig für den wahren Plan. Sie kam auf seiner linken Seite zum Halten, während Millie auf dem Kopf Annies landete und zu ihm herabschaute. „Sasha, bleib mal so stehen. Ja, genau."

„Warum?", fragte sie in dem üblichen Tonfall des Landeis, das sie war. „Du bist mein Sichtschutz. Außerdem kannst du mir was abnehmen." Ehe Jean sich in Annies Nacken geschwungen hatte, hatte er sich den Beutel Hanjis in die Armbeuge geklemmt. Nun deutete er mit ausdrucksstarkem Kopfnicken darauf. „Da. Schau. Nimm es!", wisperte er. Gleichsam spähte er zu Berthold herüber, in rasender Sorge davor, er könne etwas spitzkriegen. Wenn Berthold erkannte, dass Connies absolut ernst gemeintes Gespräch eigentlich nur eine Ablenkung war, dann ...

Sasha machte große, runde Augen. „Was denn?"

„Der beschissene Beutel da!", presste Jean hervor. Er stand kurz davor, Schaum zu spucken. Schließlich verstand Sasha, nahm ihm den Beutel ab und öffnete die Schlaufe. Mit leichter Sorge spähte Jean zusammen mit ihr hinein. Kleine, hölzerne Kästen? Behälter für … Spritzen! Hoffnung. Silberstreif.

„Berthold, hör zu!" Connie hatte derweil das Wort ergriffen und die Arme ausgebreitet. So inbrünstig und ehrlich war seine Stimme. Wenn sie all dies mit heiler Haut überstehen sollten, so beschloss Jean, dann würde er Connie nicht erzählen, wie er dessen Friedensverhandlungen als bloße Ablenkung missbraucht hatte. „Wir wissen es! Wir wissen inzwischen, woher ihr kommt! Und warum ihr tut, was ihr tut! Und wir … wir verstehen es auch, ja! So seltsam das auch klingen mag ..."

Bertholds Antwort dagegen war hitzig, zornig. „Verstehen! Ihr versteht? Gut! Dann versteht ihr auch, dass es keinen Weg gibt, mich mit ein paar Worten umzustimmen, oder?"

Connie blickte gequält drein. „Ja … Das versteht wohl selbst ein Idiot." Er zwang ein schiefes Lächeln auf sein Gesicht. „Ich möchte nur gern wissen, wie du darüber fühlst. Das ist alles."

„Du willst nicht mit ein paar netten Worten erreichen, dass ich die Seiten wechsele?"

„Ich möchte nur wissen, wie es dir dabei geht. War alles eine Lüge, Berthold?" Connies Stimme zitterte kaum merklich. „Ich meine, klar, das mit dem Wenn wir alte Knacker sind, dann heben wir einen und all das, ja, das war natürlich gelogen. Das wissen wir nun ja." Er schluckte schwer. „Doch der Rest? Unsere Kameradschaft? Unsere Freundschaft? Hast du uns alle wirklich nur getäuscht?"

Berthold stand einen Moment lang stocksteif da. „Ihr wisst also von … unserem kurzen Leben?", flüchtete er sich in eine Gegenfrage.

„Wissen wir, ja. Und es ist scheiße. Aber Mensch, drei Jahre lang haben wir aufeinander gehockt wie die Hühner auf der Stange! Wir sind Seite an Seite durch den Matsch gekrochen und haben darüber abgestimmt, ob dieser Matsch besser schmeckte als das Mittagessen. Und am Morgen, da waren wir alle gespannt auf deine Kunstwerke. Auf deine Turnübungen, die du im Tiefschlaf gemacht hast. Herrje, wir haben sogar das Wetter von deinen Figuren abgeleitet!" Er riss die Hände in die Höhe. „Wir hatten Spaß, Scheiße! Bevor der ganze Scheiß anfing, da hatten wir Spaß! Hattest du auch welchen, das will ich einfach wissen!"

Jean lauschte diesen Worten und seufzte leise. Damals auf den Hügelspitzen über Horbruche hatten sie sich alle darauf geeinigt, ihren Kameraden noch eine Chance geben zu wollen. Jean hatte sich ebenfalls dazu entschlossen, doch war an diesem Tag nicht optimistisch genug, dass sie irgendetwas damit erreichen würden. Um sie herum lag eine halbe Stadt in Trümmern, und die Zahl der Toten wollte er sich erst gar nicht vergegenwärtigen. Die Gegebenheiten für diese Gespräche mit Reiner und Berthold, er hatte sie sich anders vorgestellt. „Sasha", sagte er. „Nimm drei raus."

„War es Lüge?", rief Connie wieder.

Berthold schien unter jedem Wort, das über die Lippen seines ehemaligen Stubenkameraden kam, zu schrumpfen. Sich zusammen zu ziehen. Kleiner zu werden. Als wolle er verschwinden. Doch er konnte nicht unsichtbar werden, und er straffte den Rücken, als Connie schließlich endete. „Nein. Eine Lüge war es nicht." Er sprach laut und vernehmlich, fest und unverrückbar. Er sprach wie jemand, der sich diese Worte in vielen schlaflosen Nächten zusammengelegt hatte. „Die Zeit mit euch, sie war die Schönste für Reiner und mich. Die schönste Zeit unseres Lebens. Wir haben uns nie wohler gefühlt. Und wir haben euch als unsere Kameraden betrachtet, ja ... solang es uns möglich war!" Plötzlich flammte seine Stimme wieder hoch. Etwas Schrilles schwang darin mit. „Doch diese Zeit ist nun vorbei, zu unser aller Unglück! Denn jemand muss es tun! Jemand muss seine Hände mit Blut beflecken, und wenn nicht wir es täten, täte es jemand anders, und nichts würde sich für euch ändern, überhaupt nichts!" Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Sie leuchtete förmlich aus seinen Augen hervor. Er wandte sich nun auch an Jean und Sasha. „Um der alten Zeiten willen, hört auf mich und geht! Zwingt mich nicht, euch etwas antun zu müssen. Vielleicht überlebt ihr irgendwie, wenn ihr nun flieht und die Köpfe einzieht, wer weiß das schon! Gebt dem Schicksal eine Chance, bitte!"

Etwas Ähnliches hatte Jean bereits gehört. Im Rathaus von Silberfurt, im Sitzungssaal. Da waren es Annies Worte gewesen. „Duckt euch, zieht den Kopf ein. Entlasst Eren aus eurem nutzlosen Militär, und wir gehen beide dorthin, wo er wirklich etwas ausrichten kann. Sitzt solang den Sturm aus und hofft, dass ihr noch lebt, wenn er sich wieder verzieht."

Er, das war der Tier-Titan, dessen zottige Gestalt noch immer wie ein Wasserspeier hoch oben auf der östlichen Mauerkrone hockte. Allein der Blick dorthin ließ Jean erschauern. Er kam sich vor wie eine Maus unter den Augen eines Habichts. Ja, am liebsten würde er sich ein Loch suchen und darin diesen Sturm aussitzen, doch leider wußte Jean Kirschstein ziemlich genau, was für Leute er als seine Kameraden und Freunde betrachtete. Die allermeisten von ihnen würden sich nicht verkriechen, also konnte er das auch nicht.

„Wir scheißen auf die Chance." Jean legte Schärfe in die Stimme, und Berthold fuhr zu ihm herum. „Wenn du Annie hier für dich allein willst, dann wirst du uns nervtötende Zuschauer wohl entweder verscheuchen oder ertragen müssen! Denn: Ey. Ich würde gern erleben, wie du Annie überzeugst, mit dir zu kommen. Mit Sicherheit wirst du dich genauso an ihr die Zähne ausbeißen wie wir uns an dir!" Er ließ es fast klingen wie eine Wette, eine Herausforderung.

Berthold furchte die Stirn, und kurz schimmerte Unsicherheit durch. Rasch verbarg er sie jedoch wieder. „Im Gegensatz zu euch habe ich Argumente, die wirklich etwas bewirken."

„Sollen wir sie also wecken, hm? Sollen wir sie aufwecken und schauen, was passiert?"

Bertholds Stimme war felsenfest. „Mein Schaden wird es nicht sein."

„Fein." Jean blickte in perfekt geschauspielerter Entschlossenheit auf den Nacken, auf dem er stand wie ein Bergsteiger auf einem steilen Hang. Während der Experimente in der Tiefenstadt unter Stohess, da hatte er Hanji mehr als einmal dabei zugesehen, wie sie Eren aus dem Titanenleib geschnitten hatte. Eren war mehr als einmal vor Entkräftung zusammengebrochen, und seltsamerweise hatte sich sein Titanenkörper dabei nicht in heiße Luft aufgelöst. Nun war es mit Annie dasselbe, also würde dieselbe „Behandlungsmethode" wohl auch anschlagen.

Millie spähte vom blonden Haarschopf des Titanen herunter, als Jean einen Probestreich mit der Klinge ausführte. „Was hast du vor?"

„Leise", versetzte er ruppig, „Konzentration. Hossa!" Er schnitt zweimal, von links nach rechts, und zwar in breitem Abstand zueinander. Dann zischte sein Schwert ein drittes Mal, von oben nach unten. Es verband die beiden ersten Schnitte genau mittig. Jean war erleichtert, dass dabei nur relativ wenig Blut floss. Es kam auch so gut wie kein Dampf. Das war wiederum merkwürdig.

Jean pfiff nach einem Helfer. „Connie! Ich brauch dich mal."

Connie hatte behauptet, dass das Befreien der Wandler stets so ähnlich aussah wie die Geburt eines Fohlens. Als er gefragt worden war, ob er so etwas schon gesehen habe, hatte er stolz mit dem Kopf genickt und erklärt, er habe sogar mal dabei geholfen. Nun, das würde er nun beweisen dürfen.

Connie landete nach einigem Zögern neben Jean am Nacken. Er betrachtete den Schlitz, der im Fleisch verlief. „Ich nehme an, ich soll ...?"

„Ja. Los."

Connie nickte schmallippig. Er streifte die Ärmel hoch, dann packte er das aufgeschnittene Fleisch des Titanen und zwängte es auseinander. Die Wärme eines voll beheizten Backofens quoll ihnen allen entgegen, und der Anblick war auch nicht der Schönste.

„Sasha? Jean? Haltet die Ränder fest."

Es gab ein nasses, irgendwie quatschiges Geräusch, als Connie seine Hände in den Spalt schob. Er tastete hektisch, und dabei plapperte er. „So warm ... Mann, das ist so ... Da ist Stoff ... Der Rücken, da ist ein Arm ... Die Achsel ..." Er lehnte sich noch etwas weiter vor. „Jetzt hab ich ihre B- Ich hab sie jetzt fest! Ich ziehe!" Er stemmte die Füße rechts und links auf das Titanenfleisch, und dann zerrte er. Er zog und ruckte aus Leibeskräften, und dann, mit einem unglaublich widerlichen Platschen kam die Gesuchte zum Vorschein, von schleimigem Gewebe und dicken Nervensträngen bedeckt. Sie quoll förmlich aus dem Schlitz hervor, wie die Käsefüllung einer Fleischtasche.

Connie hatte seine Hände vor Annies Brust verschränkt, um einen guten Halt zu finden. Nun löste er sie und zappelte, um sich wieder ordentlich hinstellen zu können. Sasha fasste derweil Annies Rücken und zog sie aufrecht, indem sie sie gegen ihre Knie lehnte.

„Heilige Mauern!", platzte Millie hervor, „In ihrem Nacken ist ein Mädchen!"

Jean lachte kurz auf. „Da hat jemand das Konzept noch nicht kennen gelernt, was?" Er beugte sich vor. Annies Gesicht lag fast vollständig unter einer Maske von rosaroten Stricken aus Fleisch, die lediglich ihre fest geschlossenen Augen frei ließ. Zögerlich rupfte er einige Stränge weg und legte dabei tiefe Furchen frei, die er für frische Wunden hielt. Steckten diese Würmer wirklich in ihrer Haut? Er wollte es eigentlich gar nicht wissen!

„Konzept?", fragte Millie. „Was für ein Konzept? Dass ein Mensch im Nacken eines Titanen hockt, ist - Oh." Ihre Stimme wurde panisch. „Nein!"

„Leider doch." Jean blieb kurz angebunden. Er lehnte sich dicht an das Ohr der Wandlerin. „Annie? Bist du in Ordnung?" Als keine Reaktion kam, tätschelte er ihre Wange. Auch das brachte nichts. Also gab er ihr eine Backpfeife, die laut schallte.

„Jean!" Berthold protestierte lautstark vom Dach aus.

„Ruhe! Spart euch Kommentare von der Seitenlinie!" Jean holte nochmals aus. „Gerade haben ihre Augenlider geflackert. Es bringt also was. Auch wenn ich es hasse, Mädchen zu schlagen, muss dies hier -"

Ein Schlag landete in seinem Magen, und er keuchte schmerzerfüllt. Annies Hand, zur Faust geballt, presste ihm die Luft aus der Lunge, praktisch durch das Zwerchfell hindurch. „Sie ist wach", röchelte er. Connie hielt ihn an den Schultern fest, während er zusammensank, die Arme um den Bauch geschlungen.

Annie regte sich, nach wie vor an Sashas Beine gelehnt, und starrte mit fiebrigem Blick um sich. Das Haar hing ihr in verschwitzten Strähnen im Gesicht. „Wo bin ich? Was ist passiert?" Sie klang ebenso röchelnd wie Jean, der nur mühsam wieder zu Atem kam.

„Du hast Titanen angelockt, indem du geschrien hast wie ein angestochenes Schwein", erklärte Connie hilfreich. „Und dann bist du zusammengebrochen, einfach so."

Sie blinzelte trübe. „Ah ... Ach ja."

„Dein Titan löste sich nicht auf, also schnitten wir dich raus. Warum bist du zusammengeklappt? Ist dir die Kraft ausgegangen?"

„Nein. Es war, weil ... Ach ... Stell dir vor, du willst mehr auf einmal schlucken, als du in deinen Mund kriegst. Es ist immer noch Wasser in der Flasche aber ... trotzdem fällst du um."

„Ich habe noch nie versucht, mehr zu schlucken, als in meinen Mund passt."

„Ich schon", sagte Sasha verständig.

„Es ist kompliziert! Solche Dinge sind nicht gemacht, damit Menschen sie anderen erklären!"

„Mädels." Jean meldete sich zu Wort. „Ich störe ungern. Doch wir haben hier noch jemanden, der mitreden will." Er nickte Richtung Dach.

Annie schaute hin. Ihre Augen wurden weit.

Furcht. Freude. Ihm war heiß, und seine Handflächen schwitzten. Gleichsam kroch ein kalter Schauer sein Rückgrat entlang. Berthold sah dem einen Moment entgegen, der für ihn zählte, an diesem Tag voller Kämpfe und Katastrophen.

Quälend lang dauerte es, bis seine ehemaligen Kameraden Annie endlich aus dem Nacken gezerrt hatten. Um ein Haar wäre er zu ihnen herüber gekommen, um ihnen zu helfen! Doch er durfte nicht zu verzweifelt aussehen. Sich ihnen nicht ausliefern. Er musste stark bleiben.

Als Annie schließlich auf grobe Weise geweckt wurde, war er nahe dran gewesen, diesen Vorsatz zu vergessen! Doch er hatte sich beherrscht, und als Jean sich plötzlich zusammengekrümmt hatte, da hatte Berthold einem leichten Lächeln erlaubt, an seinen Mundwinkeln zu zupfen. Ja, so kannte er sie!

Doch so, wie sie sich danach gab, kannte er sie wiederum nicht. Denn sie redete. Sie redete unglaublich viel! Für ihre Verhältnisse jedenfalls. Berthold sah sie dort, an Sashas Beine gelehnt und redend!Er wünschte, er wäre doch zu ihnen herüber gegangen, um Annie aus dem Nacken zu befreien. Er wäre gern in diesem Kreis gewesen.

Nun schaute sie zu ihm herüber. Erschrocken? Zumindest überrascht. Immerhin das hatte er hingekriegt. Sie einmal zu überraschen!

Er straffte sich. Drückte den Rücken durch. „Hallo, Annie."

„Was willst du hier."

Prombt wurde er sich bewusst, wie verschwitzt seine Hände eigentlich waren. Sie trieften förmlich! Er zwang sich, nicht den Blick zu Boden zu senken. Er würde ihr nicht ausweichen.

„Ich bin gekommen, um dich heim zu bringen." War das zu gestelzt? Er hob die Hand, streckte sie ihr hin. Obwohl sie sowieso nicht danach greifen würde. Es lag schließlich fast eine komplette Gassenbreite zwischen ihnen. Es war eine Geste. Eine Geste, die er sich stark vorgestellt hatte und die ihm nun albern vorkam. „Komm. Wir verlassen diesen Ort. Wir gehen dahin, wo du hingehörst."

Jean, Connie, Sasha und die rothaarige Polizistin waren nun verstummt. Sie verfolgten das Geschehen mit gespitzten Ohren und großen Augen, zwischen Sorge und Wachsamkeit pendelnd.

Annie musterte ihn von oben herab. Obwohl sie halb saß und halb lag, mit zerzausten Haaren und zerfurchtem Gesicht. Sie sah abgekämpft aus.

„Warum sollte ich?"

„Weil es nutzlos ist, sich zur Wehr zu setzen." Es war ein Duell. Es war ein Kampf. Und noch verlief dieser Kampf in vorhersehbaren Bahnen. Berthold deutete mit raumgreifender Geste Richtung Stadt, über den Fluss hinweg. „Schau, was Widerstand euch bisher brachte. Und es ist noch nicht vorbei!"

Annie schaute hin, kurz. Dann kehrte ihr Blick zu ihm zurück. „Ich sehe tote Titanen."

Damit hatte sie recht. Es trieben noch immer riesige Kadaver im Wasser oder hingen halb am Rande des Kanals, in verschiedenen Stadien des Zerfalls.

„Weil du kurzsichtig bist?", versetzte er barsch. „Schau darüber hinweg!"

Diesmal schaute sie nicht hin. Ihr Blick blieb bei ihm, und er sah den Anflug von Erstaunen darin. Erstaunen über Stärke? Erstaunen darüber, dass er widersprechen konnte? Dass er auch mal an einer Sache dranbleiben und für etwas einstehen konnte? In jedem Falle sah sie ihn, wie sie ihn nie gesehen hatte. Dabei hätte sie ihn schon viel früher so sehen können, wäre doch bloß alles anders gekommen.

Hättest du dich nicht abgeschottet.

Es war ihre Idee gewesen, einander nicht zu kennen. Sie hatte gesagt, so würde es leichter für sie sein. Obwohl Reiner und er ihr gesagt hatten, dass kein Risiko darin bestünde, sich wie Kameraden zu benehmen. Doch nein, sie hatte das nicht gewollt. Sie hatte allein sein wollen.

Hättest du nicht darauf beharrt, allein zu bleiben.

Als sie nach Trost beschlossen hatten, sich aufzuteilen und Eren im Auge zu behalten, da hatte sie dafür gestimmt, dass Reiner und er zu den Kundschaftern gingen. Obwohl er, Berthold, angeboten hatte, mit ihr zu gehen und Reiner zu den Kundschaftern zu schicken. Nur sie würde zur Polizei gehen. Sie hatte sich nie Mühe gegeben, bei ihm zu sein.

Hättest du dich nicht entschieden, dich mit Eren zu verbünden.

Als sie Eren zum Hafen hatte bringen sollen und ihn stattdessen wieder zurück in die Mauern gebracht hatte. Hätte sie es doch bloß nicht getan. Doch Eren war sowieso schon ihre weiche Stelle gewesen. Berthold hatte es gesehen. Er hatte sie lächeln sehen, einmal nur, kurz, ehe sie ihn mit einem Tritt in den Staub befördert hatte. Nicht ihnnatürlich, sondern Eren. Für ihn hatte sie gelächelt.

Dabei hast du doch allein bleiben wollen.

Er wollte schreien. Sie schwieg, und er wollte schreien.

Dann hörte sie auf, zu schweigen. „Am Ende zählen nicht die Toten", sagte sie. Es lag bleierne Schwere in ihrer Stimme. „Am Ende zählt, wer noch steht. Und auf unserer Seite steht der Gründer-Titan. Eren wird -"

„EREN!" Berthold schrie. „Eren ist nutzlos, wenn du über seine Fäuste hinweg siehst! Eren mag den Gründer in sich haben, ja, doch was ist das wert? Nichts, Annie, nichts!"

Kurz erschreckte er sie mit diesem Ausbruch. Doch er wußte, es war ein Schritt in die falsche Richtung. Die harte, ruhige Art war besser gewesen. Nun verengten sich ihre Augen.

„Hältst du mich für bekloppt, Berthold?"

Er kämpfte um Ruhe, er drosselte seine Wut. „Nein, tue ich nicht", erwiderte er, „Du bist einfach unwissend, das ist alles. Die Kommando-Fähigkeit, er kann sie nicht einsetzen. Eren hat es nie gekonnt!"

Annie war weit davon entfernt, sich zu drosseln. „Du vergisst wohl, was ich miterlebt habe? Ich habe es bei Utgard erzählt, und was ich gesehen habe, habe ich gesehen!"

„Unmöglich." Berthold hob beide Hände, um sie zu beschwichtigen. „Ich will nicht behaupten, dass du lügst. Doch zugleich kannst du nicht genau wissen, was du gesehen oder nicht gesehen hast. Kein lebender Mensch hat die Kommando-Fähigkeit miterlebt, auch du nicht!"

„Und wer behauptet das?" Annie nickte harsch Richtung Osten. „Zeke, ja?"

„Ja. Und zwar deswegen." Berthold zog seinen Trumpf. Das Notizbuch. Jenes Notizbuch, das Reiner von Zeke ausgeliehen und nie zurückgebracht hatte. Berthold holte es aus seiner Gürteltasche hervor, und er sah die Wirkung, die es entfaltete.

„Das Dritte." Annie sprach diese Worte so leise, als fürchtete sie, das Buch würde bei zu großer Lautstärke zu Staub zerfallen. „Es ist bei euch … warum?"

„Es spielt keine Rolle, wie es zu uns kam." Berthold spürte, wie er wieder Oberhand gewann. Er sprach gefasst. „Du erkennst es. Du erkennst es als ehrliche Quelle an, und das ist auch gut so. Hierin steht, warum Eren die Kommando-Fähigkeit niemals hat einsetz– Nein." Annie hatte fordernd die Hand ausgestreckt, und er schüttelte den Kopf. „Ich werde es dir nicht geben. Nicht hier, nicht jetzt!"

„Dann sag mir, warum", versetzte sie.

„Es muss niemand hier wissen! Willst du es wissen, dann komm mit! Fürs Erste muss dir reichen, dass es ist, wie ich sage!"

Sie kämpfte mit sich. So viel war deutlich zu sehen. Ihre Augen klebten förmlich an dem Notizbuch.

Berthold hatte nicht zu hoffen gewagt, dass dieses Büchlein ihr wirklich so wertvoll sein würde. Noch ein bisschen.

„Du darfst es lesen, so oft du willst", fuhr Berthold nun fort. Seine Stimme wurde weich. „Komm nur mit mir. Bitte."

Um sie herum wurden die anderen unruhig.

„Hey, hey, hey", murmelte Connie. „Du denkst nicht wirklich darüber -"

„Scht", unterbrach Annie ihn, ohne sich nach ihm umzudrehen. „Sei still. Ich muss mich konzentrieren."

Berthold fühlte etwas in sich aufsteigen. Etwas Wohliges, Flattriges. Und er gab sich diesem Gefühl hin, ganz kurz nur. Bis der Arm hochschnellte.

Der Arm des Weiblichen Titan fuhr in die Höhe, und die Hand schnellte vor! Sie rauschte aufs Dach hinauf wie sich brechende Welle, und Berthold brauchte wertvolle Sekunden, um zu reagieren.

Er schaffte es dennoch, er schaffte es! Er wich aus, warf sich zur Seite und hechtete über das Dach. Daumen und Zeigefinger des Titanen hatten nach dem Buch gegriffen, doch er hatte es immer noch, presste es an seine Brust! Er rollte ein Stück, kam auf den Knieen zum Stehen.

„Annie!"

„Was denn." Ihre Stimme brachte sein Innerstes zum Gefrieren. Ihr Titan raffte sich nun auf, krallte sich mit der ausgestreckten Hand ins Dach hinein und zog sich hoch. Sein Blick auf sie war verdeckt, er konnte sie nicht mehr sehen. „Hast du mich damit brechen wollen? Mit einem Eren ist nutzlos? Dann lass dir gesagt sein: Das weiß ich längst. Das wissen wir alle."

Jean, Connie, Sasha und die Rothaarige setzten sich in diesem Moment von dem Titanennacken ab; sie stiegen links und rechts in die Höhe und ließen sich auf dem gegenüber liegenden Dach wieder niedersinken.

„Leider wahr", rief Jean, noch ehe er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, „leider nur zu wahr!"

„Und wir vertrauen ihm trotzdem!", rief Annie wieder. „Seit Shiganshina habe ich das. Jedes Mal, wenn ich mich entscheiden musste. Ich habe jedes Mal entschieden, zu vertrauen, und wenn ich mich nun anders entscheiden würde, wäre all dies für nichts gewesen."

Das Notizbuch in der einen Hand und ein Schwert in der anderen, glitt Berthold in eine Kampfhaltung. Die Spitze seiner Klinge wies drohend in Richtung der Kundschafter. „Was spielt Vertrauen für eine Rolle?", erwiderte er. Vor Frustration wurde seine Stimme laut, ohne dass es ihn noch kümmerte. „Eren kann das Kommando nicht einsetzen, das ist ein Fakt!"

Mag sein."Nun sprach der Weibliche Titan wieder. Berthold blickte auf, in das Gesicht der Riesin, in dem nun wieder Leben war. Grimmig wurde sein Blick erwidert. „Doch ich weiß, was ich gesehen habe. War es eine Unmöglichkeit? Dann seie es so. Doch ich glaube daran, dieses Wunder noch einmal zu erleben!"

Sie fasste erneut nach ihm. Berthold fuhr herum und schoss einen Haken hinauf in den Dachgiebel. Mit Gasschub raste er hinauf und entkam der Riesenhand ein weiteres Mal. Hinter sich hörte er Jean ein Kommando brüllen:

„Connie, Sasha! Holt das Buch!"

Um ihn herum schlugen Haken ein. Er fluchte – und dann traf ein Schlag seine Hand. Nein, ein Geschoss! Scharfer Schmerz flammte auf, als er Zeige- und Mittelfinger davonsegeln sah, und das Buch flog auch, von einem Manöverhaken durchbohrt!

Sasha holte die Leine wieder ein, bis sie nur noch eine Armlänge weit aus der Vorrichtung ragte. Das Notizbuch hing an ihrer Hüfte herab wie ein Fisch an einer Angel. Sie grinste triumphierend – bis Berthold ihr einen wütenden Blick zuwarf und das Grinsen zu Entsetzen gefror. Sie duckte sich, mit unverhohlener Angst vor ihrem eigenen Todesmut.

Berthold hielt seine blutende, dampfende Hand an die Brust gepresst. „Nimm niemals die Augen von der Beute, was?"

Das war immerhin ihr Wahlspruch. Sasha war ein Raubtier. Ein kleiner Fuchs in einem Wald voller riesiger Wölfe vielleicht, aber dennoch. Sie zitterte, aber nickte. Und zitterte weiter.

„An diese Worte werde ich mich nun halten." Berthold wandte sich wieder an den Weiblichen Titanen. „Warum immer kämpfen, Annie? Warum bloß läuft es immer darauf hinaus?"

Ein schmales, freudloses Lächeln flatterte über ihre Gesichtszüge. „Das sagen sie mir hier alle. Doch wofür sonst sind wir denn hier? Für was sonst sind wir auf der Welt?"

Melancholie. Er verspürte sie selbst. „Eine gute Frage, ja", erklärte er. „Eine Antwort muss jeder für sich selbst finden, leider. Aber … ich kann dir sagen, auf welche Antwort ich gekommen bin."

Ihm war, als verfestigten sich seine Eingeweide zu einem zähen Klumpen.

„Annie. Ich bin hier, für dich."

Ihre Augen weiteten sich. Wie zuvor, als sie ihn zuerst erblickt hatte. Überraschung lag darin. Erkennen. Fassungslosigkeit.

„Ich liebe dich." Es kam sanft über seine Lippen. Zugleich verließ ihn der zähe Klumpen, schien sich aufzulösen in einem Schwarm weicher, flaumiger Federn. Wärme stieg in ihm auf wie flüssiger Sonnenschein. Er hatte es gesagt. Wie Reiner es ihm geraten hatte. Wie er dem Mädchen vor dem Tor versprochen hatte. Nun würde alles gut werden. Oder?

Annie war auf der Stelle zur Salzsäule erstarrt, hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Langsam ließ sie die Hand sinken, die in seine Richtung ausgestreckt war. Und antwortete nicht. Sie starrte ihn nur an. Ihr Gesicht verlor jeden Ausdruck.

Es vergingen Sekunden, die so schwer wogen wie Stunden. Berthold fühlte, wie die Federn zurückkehrten. Sie krochen durch seine Kehle zurück in seinen Brustkorb, so schien es ihm. Sie schnürten ihm die Luft ab. Und wurden wieder zu dem zähen Klumpen, der sich festsetzte wie ein Propfen. Sein Mund wurde trocken.

„Annie. Sag was. - Sag etwas. - Ich weiß, dass du in dieser Gestalt sprechen kannst." Zitterte das Dach? Oder zitterten seine Knie? „Du hast es eben noch getan! Also sag was!"

Sie wich seinem Blick aus. Starrte an ihm vorbei ins Leere, während sie den Mund aufmachte.

Was … was willst du hören?"

Das verblüffte ihn. Mit vielem hatte er gerechnet, jedoch nicht damit. „Du willst … wissen, was ich hören will?"

Sie zuckte geradezu zaghaft mit den Achseln, noch immer nach anderswo schauend. Als wäre dort irgendwo ein Spickzettel verborgen, der ihr eine passende Antwort verraten würde. „Wenn du", sagte sie dann endlich doch, „dir Hoffnungen mit mir machst, dann musst du wohl oder übel die Seiten wechseln, Berthold."

Er blinzelte. Der flüssige Sonnenschein sickerte aus ihm heraus wie kalter Schweiß. Mit einem Nein hatte er leben können. Hiermit aber?

„Das ist deine Antwort?"

Sie sagte nichts. Schaute ihn nur an.

„Wirklich? Und du fühlst dich kein bisschen schäbig dabei?" Dies bewirkte, dass zumindest ein Schatten von Schmerz über ihr Gesicht huschte. Er legte nach. „Du weißt ganz genau, dass ich das nicht tun kann."

Wieso nicht?"Sie wußte die Antwort. Warum fragte sie? Nur aus der Heuchelei von Mitgefühl heraus. Als würde er ihr etwas bedeuten. Sie log, und sie war eine schlechte Lügnerin.

„Stell dich nicht dumm. Du und ich und Reiner, wir kamen aus den gleichen Gründen her. Oder nicht? Kamen wir nicht alle für unsere Familien?" Er sprach es aus, auch wenn er schon seit geraumer Zeit Zweifel an den Interessen seiner Kameraden hegte. Bei Reiner hatte es dabei noch viel früher begonnen. Der Tod Marcels hatte ihn in eine Sinnkrise gestürzt, und er schien sich neu orientiert zu haben. Auch wenn Berthold nie hatte sagen können, was nur Schauspielerei gewesen war und was nicht. Und Annie? Ihr Fall lag auf der Hand.

Der Weibliche Titan erschauerte. Er ließ sich auf die Knie sinken, schien sich vor ihm zu verbeugen. Er senkte den Kopf so tief, dass der Nacken bloß lag.

„Berthold", sagte Annie, aus einem Spalt im Nacken hervorspähend. „Sei mit mir. Oder sei gegen mich."

In diesem Moment glaubte Berthold, dass er sie nicht nur lieben konnte. Vielleicht konnte er sie auch hassen. Er wußte, er wollte es. Dann würde es ihm besser gehen.

„Nicht um uns geht es hier." Zurückgewiesen und fortgeworfen, hatte Berthold in sich etwas gefunden, das eisenhart war und nun stark und schwer in seiner Stimme mitschwang. „Es ging noch nie um uns. Wir sind nur aufrecht stehende Tote. Doch unsere Familien, sie leben. Wie sollte ich mich gegen sie entscheiden?"

Er streckte die Arme aus, wies auf die Umstehenden. „Diese Menschen hier, Annie. Sind sie dir lieber als dein eigener Vater? Sie haben dich verraten. So wie du - so wie wir - sie verrieten. Sie werden es wieder tun, sobald du nicht mehr nützlich bist. Und was dann? Dann hast du dir die ganze Welt zum Feind gemacht."

Er schaute auf zu ihr mit dem festen Vorsatz, sie zu hassen. Wie so vieles, so bekam er auch das nicht hin. Er schluckte, als sie darauf nur wieder mit Schweigen antwortete, und die Kehle schnürte sich ihm zu.

„Deine ehrliche Meinung zu mir", rief er dann, und er war im Grunde überrascht von sich selbst.

„Sag mir: Was hältst du von mir?"

Sie legte ein wenig den Kopf schief. Strich sich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Was ich schon immer an dir mochte, ist, dass du stets erkanntest, wann ich meine Ruhe haben wollte."

Berthold ließ diese Worte wirken. Presste die Lippen aufeinander und zwang sich, hart und stark zu sein, wie er es heute so ungewöhnlich oft schon gewesen war.

„Dann … dann werde ich nun eben meinen Auftrag fortsetzen", erklärte er fest. „Ich kann dich nun nicht in Ruhe lassen."

Annie fuhr bei diesen Worten zusammen. Als hätte das Schwert, das Berthold sich nun ins Bein stieß, sie selbst durchbohrt. Er riss die Hand hoch, und eine Blitzfackel gleißte auf, als er wandelte wie bei Utgard.

Der Arm des Koloss-Titanen fegte auf den Weiblichen Titan zu, durch sterbendes Licht und heißen Wind. Annie jedoch drückte sich aus der Hocke empor und ihm entgegen, riss im letzten Moment die Arme in die Höhe. Ihre Fäuste glänzten kristallin-kalt. Bertholds Hand verlor seinen Zeige- und Mittelfinger, als beide von diesen Fäusten getroffen wurden, nach hinten überstreckt und gebrochen.

Seine Handfläche aber schlug gegen Annies Unterbauch. Der pure Ansturm schob sie rückwärts, gegen die Wand des Lagerhauses und krachend hindurch. Sie wurde aus dem Gebäude heraus in die nächste Gasse und auch noch ins nächste Gebäude gestoßen, während sie mit dem Rücken das Dach hinter ihr auseinander riss. Und ins Übernächste, und weiter! Der Arm des Kolosses hinterließ eine Schneise der Zerstörung, während er sich zu voller Länge streckte. Doch selbst diese Länge hatte Grenzen, und schließlich konnte er sich nicht mehr strecken. Der wilde Stoß quer durch etliche Häuser nahm ein Ende. Die drei Finger, die ihm geblieben waren, schlossen sich um die Seiten des Weiblichen Titanen.

Blendend helles Licht, aus der ein Schlangenmonster platzte. So zumindest war es Jean erschienen: Der Blitz, der einschlug, hatte ihnen ein Monster entgegen geschleudert.

"Aufsteigen!", hatte er geschrieen und sich vom Dach abgestoßen, das unter seinen Füßen zu Schutt zerbröselt war.

Annie hatte sich in die Handfläche gestemmt und den Boden unter den Füßen behalten. Als der Druck nachließ, handelte sie. Das kristallische Leuchten verschwand aus ihren Fäusten und schoss in die Ellenbogen. Sie schlug auch damit zu, und diesmal brachen Ringfinger und Daumen.

Jean ließ ein kurzes, triumphierendes „Ja!" hören. „Ausgezeichnet!"

Millie starrte ihn an, als seie er verrückt. „Was ist da gerade passiert?!"

„Nichts Überraschendes! Alles wie erwartet!"

Der Weibliche Titan blieb stoisch und verbissen. Er wich noch mehrere Schritte zurück, während der kolossale Arm erschlaffte.

Jean sank auf einem Hausdach nieder. Er blickte diesen Arm entlang, der aus einer dicken Dampfwolke gekommen war. Links und rechts dieser Nebelbank huschten Connie und Sasha über die Dächer, auf Anweisungen wartend.

„Auf Abstand bleiben! Und Augen auf!", rief er ihnen zu. „Er wird rauskommen!"

Auf die eine oder andere Weise würde dies wohl geschehen müssen. Falls sich der gewaltige Schemen von Bertholds Titan im Dampf abzeichnen sollte, würden sie notgedrungen fliehen.

Gegen den Koloss zu kämpfen, wie bei Utgard, war ihnen schließlich gerade nicht möglich. Sie würden nur auf Distanz gehen und seine Ausdauer auf die Probe stellen können.

Doch das war unwahrscheinlich. Anders als bei Utgard, dachte Jean, ist Berthold hier allein. Und wir sind in einem Gelände, das einem Soldaten mit Manövergerät viele Vorteile bringt. Wenn ich er wäre, dann würde ich -...

Da zerplatzte der Arm des Kolosses in Dampf. Er löste sich auf, und noch mehr Waschküchennebel suppte durch das Hafenviertel.

Genau das. Genau das würde ich.Jean nickte knapp. Anstatt zum Titan zu werden, würde ich mich im Dampf verstecken und mich auf mein Manövergerät verlassen.Erleichterung. Wenn er nicht zum Koloss wurde, würden sie gleichsam nicht machtlos werden. Doch stellte sie dies natürlich vor eine Herausforderung anderer Art. Anstatt sich einem Monster zu stellen, das unübersehbar war, mussten sie nun mit einem Gegner klarkommen, der sich ausgezeichnet im Dampf verbergen konnte.

Als er schwere Schritte hörte, drehte Jean den Kopf. „Alles gut?"

Annie war durch die Bresche marschiert, die Berthold mit ihr geschlagen hatte, und trat nun neben ihm an den Rand der Nebelbank. Sie schüttelte den Kopf.

„Verstehe." Das tat er wirklich, irgendwie. Er winkte fordernd. „Hier, nimm mich mal auf die Hand!"

Sie runzelte zwar die Stirn, aber tat, wie geheißen. Als sie ihm die Hand hinstreckte, hüpfte er auf die Innenfläche. „Und jetzt hoch! Heb mich in die Höhe!"

Als es aufwärts ging, befiel Jean nur ganz kurz Schwindel: Es war das Eine, wenn man mittels Manövergerät aufstieg. Etwas völlig Anderes war es, wenn man von Kräften in die Höhe gehoben wurde, die man nicht direkt kontrollieren konnte! Er kauerte sich hin, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Als der Arm dann voll ausgestreckt war, spähte er zwischen den Fingern hindurch.

Wir müssen ihn kriegen", hörte er ihre Stimme, dumpf und rauchig. „Andernfalls war all dies für nichts."

Jean konnte nur zustimmen. Dass sie bislang noch rein gar nichts gewonnen hatten, war brutale Wirklichkeit. Sie standen da mit hunderten von Toten, doch der Feind hatte bislang nur Geistlose Titanen verloren. Und diese Titanen waren ersetzbar. Sie wurden aus den Mauer-Bürgern selbst rekrutiert! Es drehte ihm den Magen um.

„Entweder fangen wir ihn, oder wir töten ihn. Es muss eins von beidem sein."

Auch dazu konnte er bloß nicken. Gleichsam war ihm, als zittere die Hand, auf der er seinen Posten bezogen hatte. Nach kurzem Zögern tätschelte er eine der Fingerspitzen. „Das Töten", entgegnete er, „wollen wir wohl alle vermeiden. Einschließlich dir selbst, oder? Wir haben Mittel und Wege."

Sie sagte nichts, doch das Zittern hörte auf.

Jean tastete nach dem hölzernen Behälter, der seinen Weg in seine Tasche gefunden hatte. Er holte ihn hervor, öffnete das längliche Schächtelchen und betrachtete die Spritze, die mit einer blassblauen Flüssigkeit aufgezogen war.

Ein Mittel gegen Wandler. Es kann nur die Wunderdroge sein, die wir aus diesen seltsamen Pilzen gewonnen haben …Eren hatte die Pilze angeschleppt. Und standfest erklärt, dass sie ein solch starkes Beruhigungsmittel waren, dass selbst Wandler davon umkippten. Er habe entsprechende Tests durchgeführt, hatte er gesagt. Ob er sich selbst damit zugedröhnt hat?

Abrupt wurde Jean aus diesen Gedanken gerissen, von Connie.

"Er ist hier!"

Berthold war aus der Wolke herausgekommen, auf der linken Seite, wo Connie Posten bezogen hatte. Der Glatzkopf segelte ihm entgegen, ging auf Kollisionskurs, prallte mit ihm zusammen. Funken sprühten mit dem Knall von Eisenklingen, die sich in blitzenden Bögen trafen.

Lass es klappen.Jean dachte an Connies Idee, das Mittel einfach in die Schlitze der Schwertscheiden zu spritzen. Er hatte diese Idee in die Tat umgesetzt, während Berthold mit Annie im Gespräch vertieft war. Connie meinte, er hätte mal ein Abenteuerbuch gelesen, und die Bösewichter darin hätten mit vergifteten Pfeilen gekämpft. Sasha hatte daraufhin jedoch eingewandt, dass Gift leider nicht einfach so an Pfeilen haften würde. Sie zweifelte an, dass das Mittel an den Eisenklingen kleben würde. Connie hatte dies allerdings nicht mehr ganz so genau mitbekommen. Er war viel zu sehr davon abgelenkt gewesen, zu verarbeiten, dass Sasha solche Dinge wußte.

In diesem Moment war Connie ein wild entschlossener Wirbelwind. So treuherzig und freundlich er zuvor gewesen war, umso heftiger griff er nun an.

Annie kam bereits wieder in Bewegung, stürmte zwischen den Häusern hindurch. "Jean, spring ab!"

Ihre Hand verschwand einfach unter seinen Füßen. Für einen Moment hing er völlig frei in der leeren Luft. Er stieß einen spitzen Schrei aus, doch dann stürmte Annie schon an ihm vorbei, und er schoss seine Haken in ihre Schulter. Er wurde mitgerissen und stemmte sich zähneknirschend in die Gurte, zog sich auf ihre Schulter und spähte darüber hinweg. Nur zwei Dächer weiter duellierten sich Connie und Berthold.

Connie schaffte es, er schaffte es wirklich! Er duckte sich tief, täuschte auf die Kniekehlen an und schnitt stattdessen aufwärts. Die eine Klinge wurde abgelenkt, doch die Zweite fraß sich in Bertholds Schulter.

Dann aber explodierte Berthold. Nur ein wenig. Dampf schien Connie zu treffen, als handele es sich dabei um etwas Körperliches, und schleuderte ihn weg. Berthold selbst flog ebenfalls, in die andere Richtung. Es gelang dem Wandler sogar, sich halbwegs zu kontrollieren, während er durch die Luft segelte. Auf die Mauer zu.

Connie kontrollierte sich überhaupt nicht, während er direkt auf Jean zuflog. Er trudelte mit wild schlackernden Gliedern, und er schrie dabei aus voller Kehle. Annie wich hastig zurück, um zu verhindern, dass er frontal gegen sie prallte. Dann pflückte sie ihn aus der Luft wie ein Kind einen Schmetterling.

Jean starrte von der Schulter aus auf die verschränkten Hände. "Connie! Lebst du?!"

Annie selbst schien zu zögern, die Hände zu öffnen und nachzusehen. Dann aber kam ein jammervolles "Nein", und beide atmeten erleichtert durch.

Als Jean den Blick hob, erspähte er Berthold, der die Mauer erklimmte. Wenn ihm die Flucht gelingt, legt er sich vermutlich nur erneut auf die Lauer. Das durfte nicht geschehen. Er durfte nicht entkommen. Doch wie sollte er die Entfernung schnell genug überbrücken? Sie hatten schließlich keinen Titanen auf ihrer Seite, der mit Dampf Aufwinde erzeugen konnte. Sie hatten bloß ...

"Werfen!", rief Jean plötzlich aus und glitt wieder auf Annies geöffnete Hand herunter. "Du musst mich werfen!"

"Werfen?"

Jean hielt inne. Er stutzte. Gute Frage, ja. War er denn bekloppt? Gut, dass Annie so vernünftig war und zuerst noch einmal nachfragte, denn bei genauem Nachdenken war dieser Vorschlag bescheuert und selbstmörderisch. Sicherlich, sie konnte ihn bestimmt so weit werfen, doch dann würde er direkt auf die Mauer zufliegen und -

"In Ordnung."Sie holte aus.

Und Jean schrie, denn im nächsten Moment wurde er geworfen. Oder zumindest hätte er geschrieen, wenn der Zugwind es ihm erlaubt hätte, einen Ton von sich zu geben. Es war kein harter Wurf in pfeilgerader Linie, mehr ein Lupfen, in hohem Bogen. Dieses Lupfen trieb ihm dennoch die Eingeweide in die Kniekehlen. Er krampfte sich zu einem Ball zusammen, während er den Höhepunkt seines Fluges erreichte, fast auf Höhe der Mauerkrone. Dann ging es abwärts, und ihm schwindelte. Die Mauer ragte vor ihm auf, unverrückbar und wie gemacht, um daran zu zerschellen. Er würde zu einem Fleck werden, einem roten Fleck auf grauem Mörtel.

Du bist echt großartig mit dem Manövergerät, Jean, flüsterte ihm plötzlich eine Stimme zu. Die Stimme von Marco? Sprach Marcos Geist zu ihm? Oder war es bloß der Wind? Es konnte eigentlich nur der Wind sein. Der Wind heulte in seinen Ohren.

Dann geschah etwas Wunderliches. Das Bild vom roten Fleck auf der Wand verblasste, und stattdessen erschien das sommersproßige Gesicht Marcos vor Jeans innerem Auge.

Wirklich, du bist der beste Flieger, den ich kenne!

Da war etwas Wahres dran. Ja, es wäre unwürdig für einen Soldaten aus den Besten Zehn, als Fleck zu enden.

Die Wand kam heran, ein graues Monster. Jean schoss einen Haken in scharfem Winkel steil nach oben, und er gab Schub, wobei er die Füße Richtung Mauer schwang. Das Gas riss ihn nach links, und der Haken hatte sich festgebissen, und der Draht saß straff, und Jean streifte mit den Sohlen seiner Stiefel über die Mauer, während er in einer Kreisbahn an ihr entlang schlidderte. Er war wie der Zeiger einer Uhr, wie das Ende des Zeigers, das über die Ziffern eilte. Bei vier Uhr war er eingestiegen, und nun schwang er erst abwärts auf Sechs und dann hoch, bis Zwölf! Dort oben war es, wo er all den Schwung verbraucht hatte, den er vom Flug mitgebracht hatte, und von dort oben aus sah er auf Berthold herab, der unter ihm an der Wand hing und ihn verdutzt anstarrte.

Jean warf einen seiner Schwertgriffe fort, während es abwärts ging, und riss die Spritze hervor. Er stürzte Berthold entgegen, der sich noch immer nicht bewegt hatte, und dann prallte er auf ihn, mit den Kniescheiben voraus, und jagte ihm die Spritze in die Brust.

Berthold gab ein Japsen von sich, als ihm die Luft aus den Lungen getrieben wurde, und einen flüchtigen Moment lang glaubte Jean, die Haken würden halten. Dann aber ging es noch weiter abwärts, und im Stürzen trennten sie sich wieder voneinander.

Jean gelang es nach wenigen Metern, wieder einen Haken in der Mauer zu versenken. Berthold gelang dies nicht; er stürzte an Jean vorbei, der zupackte und das Hosenbein Bertholds erwischte. Doch es ging ihm durch die Finger.

Berthold stürzte, und er lächelte Jean dabei zu. Er stürzte, bis er aufgefangen wurde.

Annie hatte den Fuß der Mauer erreicht, und sie erwartete den Fallenden in einer Haltung, als wolle sie mit den Händen Regenwasser auffangen. Sie spürte, wie er landete, und senkte die Hände, um hinein zu spähen.

Die Spritze noch in der Brust steckend, schaute Berthold zu ihr auf. Sein Blick brach bereits, und die Worte, die über seine Lippen kamen, waren zu tonlos, um sie zu verstehen.

"In einem anderen Leben", sagte sie einfach. Schloss die Hände. Und konzentrierte sich. Blaues Licht strömte zwischen ihren Fingern hervor.

Jean, der sich auf Augenhöhe zu ihr herabgelassen hatte, verfolgte das Geschehen verwirrt.

"Was - ..."

"Still."Sie brauchte Konzentration für das, was sie tat. Langsam öffnete sie die Hände wieder. Berthold war nun in Kristall gebettet. Wie in einen Sarg aus bläulichem Glas. Er schien nicht allzu unglücklich darüber. Auf seinem Gesicht lag ein friedlicher Zug.

Vorsichtig nahm Annie den Kristall zwischen Daumen und Zeigefinger. Hob den Blick in Richtung östlicher Mauer, wo noch immer der Tier-Titan thronte wie auf einem Feldherrenhügel. Sie schaute ihn an, und ein unangenehmes Prickeln im Nacken ließ in ihr den Verdacht reifen, dass er auch sie anschaute. Gut. Sollte er. Sie öffnete den Mund, legte den Kristall auf ihrer Zunge ab. Dann schloss sie den Mund und schluckte. Ihr Kehlkopf ruckte herauf und herab.

Jean holte hörbar Luft. "Sag nicht, du hast ..."

"Habe ich? Habe ich nicht?", versetzte sie, und ein leichtes Zittern machte sich in ihrer Stimme bemerkbar. Aus Wut. Ja, nur aus Wut. Denn Annie Leonhardt hatte nie etwas anderes gefühlt als Wut, darum konnte es auch jetzt gar nichts anderes sein. "Habe ich etwa gekaut? Du kannst dich beruhigen."

Sie hob langsam die Hand, streckte sie ihm als Plattform entgegen. Er zögerte. Starrte sie an, als habe er sich gerade wieder daran erinnert, was für ein Monster sie vor gar nicht so langer Zeit für ihn gewesen war. Sie lächelte ein wenig.

"Ich bin ein zartes, verletzliches Mädchen. Ich darf Dinge tun, die keinen Sinn ergeben. Erst recht, wenn ich aufgewühlt bin. Und glaub mir, das bin ich."