Von den Dreien, die in den nicht mehr zu verhindernden Zusammenprall verwickelt waren, war Pieck eindeutig die Unerfahrenste. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie sie sich nun verhalten sollte. Der reine Instinkt des Überlebens befahl ihr, sich festzukrallen, also tat sie genau das: Sie klammerte sich ins Gurtzeug ihres Kameraden, der derweil auf jene Reflexe zurückgriff, die er sich während seiner Ausbildung an diesem verfluchten Ort angeeignet hatte. Sie fühlte, wie er sich versteifte und verrenkte, die Körperhaltung wechselte. Dann krachten sie zusammen. Reiners und Piecks Seite gewann bei diesem Aufeinandertreffen deutlich, denn die andere war ein Fliegengewicht. Sie wurde mitgerissen, und zu dritt wirbelten sie auf die Hauswand zu, platzten durch die Scheibe eines großen Panorama-Fensters.

Pieck drückte ihr Gesicht in Reiners Nacken, als das Fenster in Scherben ging. Sie stürzten in den Raum hinein, als ein Knäuel aus Leibern, und sie landeten auf etwas Hartem, das zugleich weich war. Und nachfederte! Es gab ein scharfes Reißen und Poltern, dann ein Platschen wie von Wasser. Pieck verlor den Halt und segelte weiter, überschlug sich und knallte, auf dem Kopf stehend und mit dem Rücken voran, gegen eine Wand. Der Schmerz schoss ihr durch die Knochen, und sie keuchte auf, als sie auf dem Fußboden aufschlug. Helle Lichter tanzten vor ihren Augen, und für einen Moment war sie fest davon überzeugt, in Stücke zersprungen zu sein wie eine zerbrechliche Glasfigur. Doch nein, dann würde sie sich schließlich nicht so fühlen, als stünde ihr ganzer Körper, vom Scheitel bis zur Sohle, in Flammen. Sie schmeckte Eisen im Mund.

Das Gewitter aus Schmerz legte sich schließlich, und Pieck öffnete mühsam die Augen.

Rot. Der Raum, in den sie gestürzt waren, war rot. Purpurrot und königsrot, rubinrot und beerenrot. Schwere Vorhänge flankierten das Panorama-Fenster, das nun in Scherben gegangen war. In rote Scherben. In der Luft hingen üppige Düfte nach Sandelholz und Kirschblüten. Und an den Wänden hingen Gemälde, die äußerst eindeutige Szenen zeigten, zumeist mit wenigen Männern und vielen Frauen. Frauen mit weiten Kurven und wenig Stoff am Leibe.

Pieck erahnte, wo sie gelandet waren. Dies ist ein Bordell. Der Hinweis, der diese Ahnung besiegelte, stand vor ihr. Denn was den Raum beherrschte, war ein Bett. Es stand an keiner Wand, sondern mitten im Zimmer, und es war riesig. Ganz offenbar waren sie darauf gelandet, doch was für eine seltsame Matratze war das gewesen? Und warum war da überall Wasser?

Platschend wuchtete Reiner sich in die Höhe. Er schnaufte wie ein Walross und spuckte Wasser, dann bückte er sich wieder und half der Soldatin, mit der sie zusammengeprallt waren, auf die Füße.

„Gehts … geht's dir gut? Bist du verletzt?", murmelte er.

Pieck wollte etwas Ironisches sagen, doch als sie den Mund öffnete, floss zunächst einmal Blut in einem satten Schwall zwischen ihren Lippen hervor. Ein dicker Lappen rosafarbenes Fleisch schwamm in der Lache. Sie musste sich ihre Zunge durchgebissen haben. Ein nüchterner Gedanke, gefolgt von einem Blitz aus Schmerz, der nun ganz gezielt in ihrem Mund einschlug. Sie gab klägliche Laute von sich, während bereits Dampf aus ihrer Mundhöhle stieg.

Reiner bekam trotzdem Antwort. Denn die Frage war nicht an Pieck gegangen. Die Soldatin, triefend nass und wohl unter leichtem Schock stehend, zog scharf die Luft ein, während sie sich hochkämpfte.

„Nicht sicher", stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während sie Bauch und Rücken abtastete. „Gerade schmerzt alles. Blaue Flecken habe ich sicher in Massen."

Das Mädchen sah nicht aus, als wäre Reiner auf ihr gelandet. Wie hatte sie das geschafft? Sie hätte sich mindestens die Rippen brechen müssen, doch dann würde sie sich anders benehmen. Erst recht würde sie nicht stehen. Sie hatte nichtmals eine Wunde am Hinterkopf, obwohl sie doch als Erste durch das Glas gekracht sein musste! Pieck konnte sich nur vorstellen, dass Reiner sie geschützt hatte. Sie derartig umfasst hatte, dass seine Arme zuerst durch die Scheibe platzten.

Reiner lachte nochmals, unerschütterlich. „Blaue Flecke? Na. Ist ja nichts Neues für uns Tiefflieger, oder? Ein schönes, buntes Kunstwerk zum Vorzeigen! - Und wie hast du dahinten die Bruchlandung überlebt ... Oh, verflucht!"

Pieck grinste säuerlich, mit blutigen Zähnen. „Danke, dass du dich meiner erinnerst." Und so früh. Ihre Aussprache geriet etwas schleppend, da ihre Zunge zwar fleißig nachwuchs, aber noch längst nicht damit fertig war. Pieck musste sich darauf konzentrieren, verständlich zu bleiben.

Reiner nickte, etwas peinlich berührt. Rasch wandte er sich dem seltsamen Bett zu und musterte es. „Was haben wir hier? Wir stehen bis zu den Knöcheln im Wasser … Was für eine komische Matratze. Sie muss geplatzt sein, als wir darauf landeten."

Ein Wasserbett. Wir sind nicht nur in einem Bordell, sondern auch noch in einem teuren Bordell, dachte Pieck. Aufmerksam verfolgte sie die Bewegungen ihres Kameraden, der sich nun auf dem Rand des Bettkastens niederließ. Er stöhnte, während er die Einschnitte in seinen Armen und die angefetzten Ärmel begutachtete. Missmutig entdeckte er ein paar Scherben, die noch im Fleisch saßen.

Die Soldatin stand, wenn auch auf wackligen Beinen. Sie stützte sich an einem der Bettpfosten ab, während sie auf die beiden Krieger schaute. Ihr Blick haftete allerdings nur kurz auf Pieck, umso länger auf Reiner.

„Du bist wohl heil geblieben?", wandte sich Pieck an die andere Frau. „Ein Glückskind bist du. Du hast nicht nur überlebt, sondern sogar alle Knochen in einem Stück behalten."

Die Soldatin verengte die Augen und presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Eine Antwort verkniff sie sich. Stattdessen wandte sie sich wieder an Reiner. „Schon wieder", murmelte sie, und Pieck musste die Ohren spitzen, um mithören zu können, „hast du mein Leben gerettet." Sie klang seltsam verdrossen.

„Soldatenpflicht."

Die Soldatin schnaubte, dann streckte sie die Hand in Reiners Richtung aus. Mit spitzen Fingern zupfte sie Scherben aus seinem Arm. Es hatte etwas von der Fabel, in der die Maus dem Löwen einen Dorn aus den Pranken zog.

Pieck legte den Kopf ein wenig schief, verwirrt und misstrauisch. „Magst du uns nicht vorstellen, Reiner?"

Beim Klang ihrer dunklen Stimme drehte der Patient den Kopf. Heiter sah er aus, während er so verarztet wurde. Wie ein Kind, das sich bei einem harmlosen Abenteuer ein paar Splitter eingefangen hatte. Die Soldatin hielt in ihrem Tun inne und spähte wachsam zu Pieck herüber.

Du weißt definitiv, wen du vor dir hast, was?

„Pieck? Alica", stellte Reiner derweil vor. „Eine Kameradin bei den Kundschaftern. Alica? Dies ist Pieck. Sie kommt auch aus meinem Dorf."

Dorf?Eine steile Falte furchte Piecks Stirn. Sie nickte Alica zum Gruße zu. So gehörte sich das schließlich, wenn man aus guter Kinderstube kam. Gleichsam prüfte sie, ob sie sich bereits wieder voll bewegen konnte. Ein heftiges Beißen in ihrem Innersten beantwortete diese Prüfung, als sie versuchte, aufzustehen. Sie kniff die Augen zusammen und lehnte sich wieder gegen die Wand, die Hand auf den Bauch gepresst.

Reiner erhob gerade wieder das Wort. „Das war eine knappe Nummer, Alica. Zuerst entkommen wir haarscharf einem Pärchen abnormaler Titanen, und dann legen wir auch noch eine erstklassige Bruchlandung hin. Kaum zu glauben."

„Ein Pärchen Abnormaler?", hakte Alica nach. Damit nahm sie Pieck im Grunde die Worte aus dem Munde. Sie waren beide gleichermaßen verwirrt.

„Einer war ein ziemlich Muskelbepackter", fuhr Reiner fort, ohne die rätselnden Mienen der anderen wahrzunehmen, „und der andere führte sich auf wie ein tollwütiger Iltis. Sei froh, dass sie dir nicht über den Weg liefen."

Pieck räusperte sich. „Oh, Alica hat auch ein Pärchen Abnormaler getroffen, nicht wahr?"

Alica runzelte die Stirn, sagte aber nichts dazu. Stoisch befreite sie auch den anderen Arm Reiners von Splittern. Die Wunden, die dabei geöffnet wurden, bluteten leicht. Kein noch so winziger Faden aus Dampf schlängelte sich daraus hervor.

Pieck verwunderte dies. Unterdrückt Reiner seine Selbstheilung?Er spielte offenbar wirklich noch den einfachen Soldaten. Was schlicht nutzlos war. Denn hier saßen zwei von drei Leuten mit den typischen Wandler-Malen im Gesicht. Naiv war er doch nie gewesen. Kam dieses Verhalten also von dem Zustand, den Berthold hinter vorgehaltener Hand erwähnt hatte?

Wie sagte Berthold? Sobald er seltsam wird, reiß ihn raus.

Doch plötzlich gab es ein Zischen von Gas, das rasch zu einem vielstimmigen Chor anschwoll: Eine große Gruppe von Soldaten schwirrte über die Straße, am Fenster vorbei. Sie waren lediglich dahinschießende Schemen, und sie ignorierten das zerstörte Fenster völlig. Natürlich, beschädigte Gebäude waren an diesem Tag wahrlich keine Seltenheit.

Alica reagierte schnell; sie fuhr auf und eilte Richtung Fenster, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch Pieck war ebenfalls schnell, und sie stieß sich von der Wand ab! Sie hechtete durch den Raum und warf sich der Soldatin von hinten in die Beine. Beide stürzten zu Boden, zwischen den Glasscherben, und Pieck packte eine besonders Große. Rasch wälzte sie sich über ihre Gegnerin, die auf dem Bauch lag, und drückte sie mit ihrem Gewicht herunter. Die Scherbe richtete sie auf Alicas Hals.

„Still, Kleine. Keinen Ton!"

Alica blieb still. Reiner dagegen wurde laut.

„Nicht!" Er war aufgesprungen, und echte Wut flammte in seinem Gesicht auf. „Lass es! Wage es ja nicht!"

„Hältst du mich für ein Monster?", versetzte Pieck bitter. Die Glasscherbe entfernte sich wieder von Alicas Hals. „Natürlich lasse ich es. Sie zu töten, wäre mehr als unnötig. Solang sie sich benimmt, heißt das. - Benimmst du dich?"

Alica nickte.

„Gut." Pieck wandte sich Reiner zu. „Mein Freund. Sag mir, auf wessen Seite du stehst! Auf ihrer? Oder unserer?"

Sie sah die Verwirrung, die ihn überfiel. Und sich dann klärte. Er blinzelte, und damit schien er einen Vorhang wieder aufzuziehen. Er schluckte, als er erkannte, was passiert war. Wirklich überzeugt war Pieck allerdings erst, als seine Schnittwunden sanft zu dampfen begannen.

„Ich stehe auf deiner Seite", erklärte er sachlich und steifbeinig. Ob es ihm peinlich war?

„Zeit, dass wir uns um unsere Aufgabe kümmern", befand Pieck. Auf dem Thema herumreiten wollte sie nicht. Zumindest nicht genau jetzt. Später aber, durchaus. Sie stand langsam wieder auf, behielt ihre improvisierte Waffe jedoch weiter auf Alica gerichtet. „Dein Manövergerät, Kleine. Leg es ab, ehe du aufstehst. Deine Klingenkästen auch."

Alica tat, wie es ihr befohlen worden war. Pieck nahm das Gurtzeug mitsamt aller daran hängenden Gerätschaften. Nach kurzer Überlegung warf sie es einfach aus dem Fenster. Sie ignorierte den leisen Laut des Entsetzens, der daraufhin von der Soldatin kam.

„Was nun also, Reiner?", fragte sie, die Hände nach getaner Arbeit aneinander abwischend. „Du hattest vorhin, in den Kellern, einen guten Vorschlag, glaube ich."

Ein Blick auf Reiners noch immer leicht zornesrotes Gesicht, und ihr wurde einmal mehr verdeutlicht, was Berthold gemeint hatte. Er hat sich verändert.War er überhaupt noch vertrauenswürdig?

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er antwortete. Seine Kiefer mahlten noch, während er allmählich wieder abkühlte. Schwer ließ er sich auf den Rand des Bettkastens zurückfallen. Als wäre ihm plötzlich schwindelig. Er fasste sich an den Kopf, wie um zu verhindern, dass er sich löste und ihm von den Schultern kullerte.

„Wie vorhin gesagt", kam es schleppend, „Wir müssen sehen, wie die Würfel an anderer Stelle fallen. Dafür brauchen wir zunächst mal einen Überblick." Mit gefestigterer Stimme fuhr er fort: "Bist du so nett, Pieck, und schaust einmal nach, ob du nicht aufs Dach klettern kannst?"

Sie furchte die Stirn. „Ich allein?"

„Mir ist schwummrig. Lass mir ein paar Augenblicke, um mich zu sammeln."

Das Stirnrunzeln vertiefte sich. „Schön", sprach sie kühl. „Aber dann gib mir auch dein Manövergerät."

Diese Forderung brachte ihr einen Blick aus verengten Augen ein. „Traust du mir nicht?"

„Ich fürchte mich vor dem Moment, in dem ich es nicht mehr tue." Pieck machte einen resoluten Schritt auf Reiner zu. „Ich sorge mich um dich, Reiner. Sehr."

Darauf nickte er matt. In seinem Kopf ging etwas vor sich, doch Pieck konnte keine Gedanken lesen. Sie konnte nur hoffen, dass diese Geschichte gut ausging.

Wiederwillig löste er sein Manövergerät vom Gurtzeug und reichte es ihr. „Hier. Wenn es dich beruhigt."

„Und nun fesseln wir noch das Mädchen."

„Das erledige ich selbst", erklärte er, und Pieck hörte die knirschende Spannung in seiner Stimme. Falls sie ihm nun widersprach, mochte dieses Knirschen zu einem Reißen werden. Sie konnte nur glauben und hoffen. Also nickte sie.

Reiner setzte sich bedächtig in Bewegung, kramte im Kasten des zerstörten Bettkastens und zerrte ein durchgeweichtes Laken hervor. „Hiermit. Wird dies deinen Ansprüchen genügen?"

Darauf reagierte sie nicht. Schließlich schulterte sie das Manövergerät. „Warte hier. Ich prüfe die Luft." Dann ging sie zur Tür hinaus. Auch wenn es ihr schwer fiel.

Nachdem die Tür hinter Pieck ins Schloss gefallen war, wollte Alica etwas sagen, doch Reiners erhobener Zeigefinger mahnte zum Schweigen. Er lauschte, also tat sie es auch. Auf der anderen Seite der Tür herrschte Stille. Erst nach mehreren Momenten ertönten leise, knarzende Schritte, die verrieten, dass Pieck sich entfernte.

„Jetzt können wir reden", befand er schließlich. Rasch stand er auf, warf das Bettlaken wieder fort und verriegelte die Tür mit einer kurzen Kette, die auf Kopfhöhe in der Wand verankert war.

Alica setzte sich derweil vorsichtig auf, klopfte ihre Vorderseite ab. Nachdem sie von Pieck niedergerissen worden war, war sie schließlich in den Scherben gelandet. Doch offenbar waren keine Splitter durch das zähe Leder der Uniformjacke gedrungen.

„Ich bin also keine Gefangene?"

Er winkte ab. „Unsinn."

Sie runzelte die Stirn. „Aber diese Pieck hat gesagt, dass -"

„Spielt keine Rolle." Er sprach hastig, mit verschwörerischem Unterton. Rasch drehte er sich nochmals zur Tür um, wie um sich zu versichern, dass er sie auch wirklich verschlossen hatte.

„Pieck ist in Ordnung, doch dies hier ist nicht ihr Projekt."

„Projekt?"

Er nickte energisch, während er sich wieder umdrehte. „Ein echter Glücksfall, dass wir beide uns trafen. Schicksal, könnte man sogar sagen! Ja, ja, von heute an werde ich an das Schicksal glauben!"

Er war aufgeregt. Doch genau diese Aufregung machte Alica auch nervös. Denn sie verstand nicht, was nun passieren sollte. Sie selbst hatte sich das Ganze anders ausgemalt. Als es geheißen hatte, dass sie Eren und Konsorten gegen den Gepanzerten Titan unterstützen sollten, hatte Alica erwartet, dass Reiner in Kürze gefangen genommen worden wäre. Vielleicht von Erens Titan am Boden festgenagelt, so wie es wohl in Utgard gewesen war. Jean, Connie und Sasha hatten besonders lebhaft darüber debattiert, ob sie damals nicht etwas Besseres hätten sagen können. So eine Chance wäre ziemlich perfekt für sie – Alica glaubte nicht wirklich, dass sie etwas Besseres auf der Pfanne hatte, doch ein Versuch hätte ja nicht geschadet. Ungesagte Dinge wogen so schwer auf der Seele. Doch nun? Sie hatte das Heft nicht in der Hand, war stattdessen in der Gewalt des Feindes. Oder auch nicht, das hing wohl ganz von der Perspektive ab.

„Na schön", sagte sie leise und zögerlich, „Was für ein Projekt hast du denn?"

„Ein Leben zu retten."

Alica horchte auf. Es lag Kraft in diesen Worten. Aber auch etwas ganz und gar Verzweifeltes.

„Ich werde ein Leben retten", sagte Reiner. „Dein Leben, Alica. Das Schicksal gab mir die Chance, dich aus all diesem Schlamassel herauszuholen!"

„Herauszuholen?", wiederholte sie, und ihr zweifelnder Tonfall musste nur allzu deutlich zu Reiner vorgedrungen sein.

„Ja", erwiderte er lebhaft und kam auf sie zu. „Du hast eine Gelegenheit, diesem Albtraum zu entkommen, wie sie nur die wenigsten anderen hier haben."

„Das verwirrt mich nur noch mehr."

„Verzeihung … Lass mich erklären: Du, Alica Winter aus Shiganshina, hast die Chance, mit mir zu kommen. In meine Heimat!"

Wie er das sagte. Wie er ihren Namen betonte. Als wäre es ein Ehrentitel oder etwas in dieser Art. Dabei schaute er sie geradezu triumphierend an, als wäre es besonders schwer, aus Shiganshina zu stammen. Und sie sollte was?

„In – in deine Heimat?", fuhr sie auf. „Reiner, erklär bitte! In mehr als einem Satz, der mir nur das nächste Rätsel aufgibt! Was habe ich, ausgerechnet ich, was nur die wenigsten anderen hier haben? Warum willst du mich retten, aber keinen sonst?"

Es war schon irgendwie seltsam. Mit Reiner Braun schien es immer darauf zurückzulaufen, dass er ihr Leben rettete.

Reiner zögerte, wie ausgebremst. Er streckte ihr die leere Handfläche hin, als bitte er um eine Pause, und massierte sich energisch die Nasenwurzel. Nun war auch seine Aufregung in Nervösität umgeschlagen. Er versuchte offenbar, seine Hibbeligkeit niederzukämpfen.

„Ich kann niemanden sonst retten", sprach er schließlich, und es klang wie ein Schuldeingeständnis. „Niemanden. Von Anfang an. Zu viert kamen wir hierher, und ich habe zwei Leute bereits verloren. Einen an einen stinknormalen Titanen, und den anderen an … an den Feind. Wenn kein Wunder geschieht, wird sie auch verloren bleiben, also … Verzeihung, ich wollte nicht faseln.

Es ist so, Alica. Du hast es sicher von den anderen gehört? Jenseits dieser Mauern gibt es nicht nur Wälder, Ruinen und Titanen. Nein, es gibt -"

„Menschen", vervollständigte sie rasch und tonlos. „Ja, ich weiß. Auch wenn ich es mir nicht wirklich vorstellen kann. Und weiter?"

„Du gehörst zu einer Familie, deren Wurzeln nicht … Nein, anders: Du und deine Familie haben wesentlich mehr mit den Menschen meiner Heimat gemeinsam, als so gut wie alle anderen Menschen innerhalb dieser Mauern. Und zwar, allem voran: Du könntest niemals zu einem Titanen werden!"

Sie zögerte. Blinzelte. „Ah ... Aha?"

„Ich sage die Wahrheit. Vertraue mir in dieser Hinsicht."

„Vertrauen!", rief sie aus, schlug dann die Hände vor den Mund und starrte erschrocken zur Tür. Lauschte. Doch nein, da war nichts. Mit gesenkter Stimme fuhr sie fort: „Ich bin nicht sicher, ob Vertrauen das richtige Wort ist, aber in Ordnung, ich nehme diesen … Unterschied als gegeben hin. Auch wenn ich nicht sehen kann, wie es einen Unterschied macht!"

Bis vor kurzem hatte sie nichtmals gewußt, dass Menschen sich in Titanen verwandeln konnten. Daher war die Information, dass sie dank ihrer familiären Herkunft es nicht konnte, irgendwie ... Ja, was überhaupt?

„In meiner Heimat macht es einen Unterschied", erklärte Reiner gewichtig. „Glaub mir, das tut es."

„Du selbst aber, was ist mit dir?"

„Meine Familie ist mehr wie die Menschen in diesen Mauern. Es … es ist eine andere Geschichte."

„Es scheint viele Geschichten zu geben", klagte sie leise.

„Wohl wahr." Reiner verfiel in melancholisches Schweigen, und auch Alica blieb einige Momente lang sprachlos. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, trat ans Fenster. Falls sie fliehen wollte, so ging es ihr durch den Kopf, könnte sie vielleicht von hier aus zu Boden springen? Sie blickte auf die Straße. Stellte mit leichtem Unbehagen fest, dass sie im zweiten Stock waren. Außerdem: Dort unten lag ihr Manövergerät. Es hatte sich in mehrere Teile zerlegt.

Wenn ich springe, wird es meinen Knochen nicht anders ergehen, dachte sie bei sich. Schaute wieder zu Reiner.

„Du willst mir also erneut das Leben retten? Indem du mich heim bringst?"

„Das ist der Kern, ja."

Alicas Blick wanderte von der Straße aus empor, zu den Rauchfahnen, die über den Dächern von Stohess aufstiegen. Graue Schlieren schlängelten sich zum Blau des Nachmittagshimmels hervor. Wie spät war es? Wieviel Zeit war vergangen, seitdem der Titanen-Angriff begonnen hatte?

„Anders gesagt, würdest du mir helfen, zu fliehen", versetzte sie und der Anklang von Trotz und Ärger ließ Reiner die Stirn runzeln. „Ein Feigling wollte ich aber niemals sein, weißt du?"

„So würde ich es auch nicht sehen ..."

„Ich aber", hielt sie resolut dagegen. „Mein Leben, es hat für mich bis vor kurzem nur wenig Bedeutung gehabt. Ich war bereit, es fortzuwerfen, und bin nur deswegen in die Kundschafter-Legion eingetreten. Ich wollte sterben, aber ich wollte dabei noch jemandem nützlich sein."

„Worauf willst du hinaus?" Reiner klang missgelaunt. Er ahnte wohl längst, worauf sie abzielte.

„Warum ans Fliehen denken", antwortete sie ernst, „wenn die Schlacht noch nicht geschlagen ist? Dieser Kampf ist noch nicht vorbei, oder etwa doch?"

„Doch", entgegnete Reiner platt. „Doch, ist er. Die Mauerleute haben keine Chance mehr. Der Tag ist verloren, ganz ohne Zweifel."

„Wir haben Eren", hob Alica hervor. „Er hat die eine Fähigkeit, die ihr unbedingt haben wollt, oder nicht?"

Nicken. „Das ist wahr. Ihr hofft, dass diese Fähigkeit zum Vorschein kommen wird, wenn die Lage nur ernst genug ist?"

Das klingt ganz wie ein Plan, wie ihn sich die Kundschafter ausgedacht haben könnten.Alica hatte eigentlich keine Ahnung, welche Strategie ihre Seite hier verfolgte. Wie ihre Kameraden auch, war sie bislang einfach nur mit der Strömung geschwommen. Sie war dahin gegangen, wo man sie hinbefohlen hatte, und sie hatte gekämpft, wenn man es ihr gesagt hatte.

Reiner nahm ihr Schweigen wohl als Zustimmung. Er seufzte schwer. „Eren kann die Kommando-Fähigkeit nicht einsetzen. Bedauerlicherweise."

Sie horchte auf. „Bedauerlich? Wieso bedauerlich?"

„Weil ihr dann wirklich eine Chance hättet." Reiner lächelte schmal, während er die Stimme senkte, als fürchte er Lauscher an der Wand. „Ganz ehrlich? Wenn Eren wirklich die Kommando-Fähigkeit einsetzen könnte, dann … ach, egal."

„Du redest schon wieder in Rätseln! Was meinst du damit?"

Doch Reiner schien plötzlich von Furcht erfasst zu sein, vor seinen eigenen Worten. „Warte. Ich sage dir, warum es nicht geht." Er nestelte in seiner Hosentasche und holte mehrere sorgsam gefaltete Zettel hervor. Sie waren dicht und säuberlich beschrieben, außerdem wiesen sie mehrere angefetzte Stellen auf. Hatte er diese Papiere aus einem Buch gerissen?

„Hier. Hier sind ein paar Auszüge aus einem Tagebuch, die beweisen, was ich dir gerade erzählte." Er reichte ihr die Zettelei fast schon andächtig, feierlich.

Alica nahm die Zettel zögernd an sich, auch wenn sie das Warum weniger interessierte. Was hätte Reiner getan, wenn Eren die Gründerfähigkeit einsetzen könnte? Auf dieses Thema wollte er offenbar nicht zurück.

„Ich kann mit all diesen Enthüllungen vermutlich eh nichts anfangen", murmelte sie verzagt. Rasch überflog sie das Geschriebene. Schwere Geburt ... Sie erkannte meine Medikamente ... Streng gehütetes Familiengeheimnis ... Durchbruch ...

Sie grübelte. "Wer hat das geschrieben?"

"Erens Vater." Er beugte sich vor, führte ihren Finger zu einer Textstelle. "Ließ dies."

Gründer im Besitz der königlichen Familie.

Sie zuckte mit den Schultern. "Der Gründer ist gar nicht wirklich bei Eren?"

"Doch", erläuterte Reiner, "Höchstwahrscheinlich jedenfalls. Die Aufzeichnungen enden vor dem Diebstahl, doch ich bin mir inzwischen sicher, dass Erens Vater den Gründer-Titan in seinen Besitz brachte. Und an Eren übergab. Doch nützt dies nichts. Denn nur königliches Blut kann diese Fähigkeit erwecken."

"Das Problem ist also, dass Eren kein Prinz ist", fasste Alica trocken zusammen.

Jedoch nicht Fritz, sondern Reiss.

Sie stutzte. „Reiss", murmelte sie. „Historia Reiss."

„Du kannst wohl doch etwas damit anfangen", ließ Reiner hören, mit leichtem Triumph in der Stimme. "Historia Reiss, wer ist das?"

Da erklangen Schritte auf dem Flur.

Reiner fuhr herum, mit einem unterdrückten Fluch auf den Lippen. „Dreck! Es ist sicher Pieck! Du musst nun zunächst entkommen, Alica."

Mühsam riss Alica sich von den Zetteln los. Sie stopfte die Papiere hastig in ihre Hosentasche.

„Entkommen? Aber wie?"

Ein Knacken und leichtes Pochen, als jemand versuchte, die Tür zu öffnen, und daran scheiterte.

„Reiner? das musst du sehen", kam es von draußen. „Reiner? Reiner!"

„Du wirst einfallsreich sein müssen." Reiner wisperte. War mit zwei großen Schritten am verwüsteten Bett, trat kräftig gegen einen Pfosten und machte ihn los. „Flieh von hier, finde irgendwo ein Manövergerät. Erklimme die Mauer und setze dich dann nach Horbruche ab. Dort warte ich auf dich, und wir gehen gemeinsam heim!"

„Horbruche!", wiederholte sie, während sich ein Gewicht gegen die Tür warf und die kurze Kette strapaziert klimperte. „Das ist weit ... In Ordnung, ja. - Was soll ich damit?"

Reiner hatte ihr den Bettpfosten gereicht. Er tat, als schwinge er einen Knüppel und deutete dann auf seinen Hinterkopf. Er grinste, irgendwie gut gelaunt.

„Wirklich?"

„Muss." Er verbeugte sich sogar vor ihr, was das Zielen erleichterte.

Alica nickte daraufhin. Und tat es. "Tut mir leid."

Er ging schwer zu Boden, wie ein gefällter Baum.

Einen Moment später flog die Tür auf, weil die Vorrichtung der Kette zersprang; Pieck taumelte in den Raum hinein. Im Reflex schwang Alica den behelfsmäßigen Knüppel und traf sie in der Seite. Mit einem Aufschrei stürzte die Wandlerin zu Boden, und die Kundschafterin sprang über sie hinweg, zum Ausgang. „Tut mir leid!"

Sie schoss in den Korridor und stürmte nach links, wo sie ein Treppenhaus erkannte. In ihrem Kopf drehte sich alles. Ein irres Schneegestöber an Dingen, über die sie sich den Schädel zerbrechen musste. Doch zuallererst musste sie zu jemandem, der wichtig war. Der kundig war. Der wußte, was er mit den Infos über Fritz und Reiss anfangen konnte!

Was Reiner im letzten Moment noch gestammelt hatte, das Treffen in Horbruche, war sicherlich eine nette Geste gewesen. Doch Alica hatte eigentlich nicht vor, zu fliehen. Sich schon wieder das Leben retten zu lassen. Nein, eigentlich nicht.

Die Wendeltreppe lag im Halbdunkel. Das Geländer war aus poliertem Holz. Als Alica die oberste Stufe erreichte, sah sie über die Schulter, wie Pieck aus dem Zimmer kam und zur Verfolgung ansetzte. Sie packte das Geländer mit beiden Händen, sprang ab und schlidderte, flog einen ganzen Absatz in einem einzigen Schritt hinunter. Erster Stock!Sie ließ los, gelangte auf einen weiteren Korridor - und hörte die schnellen Schritte ihrer Verfolgerin. Hastig wandte sich Alica nach rechts.

Sie ist ein Titan, sprudelte es ihr durch den Kopf, Sie heißt Pieck, also ist sie das vierbeinige Monster von der Expedition. Sie wird mich kriegen, wenn sie nur will! Es blieb also nur, sich zu verstecken. Darum floh sie erst gar nicht bis ins Erdgeschoss, in der Hoffnung, damit für Verunsicherung zu sorgen. Doch wohin nun?

Da erspähte Alica eine Tür, deren Aufschrift ihr Interesse weckte. Die Flügel der Freiheit.Was für seltsame Themenräume gab es hier bloß. Doch es klang irgendwie nach einem Wink des Schicksals, und wie hatte Reiner vorhin gesagt? Von heute an werde ich an das Schicksal glauben. Alica warf sich förmlich auf die Klinke, und mit jubelndem Herzen erkannte sie, dass nicht abgeschlossen war.

Kurz darauf fand sie sich in einem Raum wieder, der sich am Besten mit dem Inneren eines sehr geräumigen Zeltes vergleichen ließ. Der Raum war tapeziert mit feldgrünen Zeltplanen, wie das Militär sie benutzte, und wurde durch schlichte Petroleumlampen erhellt. Und er war hoch, höher sogar, als er breit war. Offenbar hatte man die Zwischendecke zum zweiten Stock entfernt. Alica erkannte rasch, warum. Wer diesen Raum benutzte, hatte eine besondere Art von zwischenmenschlicher Unterhaltung im Sinn. Für diese besondere Art brauchte es Platz, und es brauchte Manövergeräte. Alica lächelte, als sie eines an einer Wand hängend erspähte. Ein besonders künstlerisch gestaltetes Manövergerät, deren Schwertscheiden mit silbernen Federn verziehrt waren. Als wolle man den Eindruck von Schwingen erzeugen. In das Metall war das Bild eines geflügelten Pferdes eingraviert worden.

Schicksal.

Pieck fragte sich halb, ob es sich überhaupt lohnte, der Soldatin nachzujagen, während sie die Treppe hinunter hastete. Nur aus Reflex und gerechtem Ärger war sie ihr nachgestürzt. Sicherlich, das Mädchen mochte ihren Aufenthaltsort verraten, doch die beiden Wandler würden sowieso jederzeit wieder weiterziehen müssen. Außerdem hatte Pieck eigentlich andere Sorgen als diese Alica. Pieck mochte nicht ganz glauben, dass sie Reiner wirklich überwältigt und mit einem Bettpfosten niedergeschlagen hatte. Sie würden sich darüber unterhalten müssen.

So hätte Pieck die Jagd fast wieder aufgegeben, obwohl sie nur bis in den ersten Stock gelaufen war.

Doch ein leises Geräusch, das Schließen einer Tür, hatte sie stutzen lassen.

Was denn? Sie ist noch hier?

Die Gelegenheit beim Schopfe greifend, schlich Pieck in den Korridor hinein. Mehrere Türen standen zur Auswahl. Die Flügel der Freiheit, las sie. Vielversprechend. Sie zögerte noch einen Moment, während sich ihre Hand auf die Klinke legte. Dann drückte sie sie herunter, warf die Tür auf - aber sprang nicht hinein. Beim letzten Mal war ihr ein dickes Stück Holz in die Flanke gedroschen worden, und das konnte sie sich wahrlich ersparen.

„Alica!", rief sie, als sie auf den ersten Blick den Raum leer vorfand, „Komm raus, sofort!"

Das Zischen von Gas. Hell, scharf, und von oben kommend.

Eine Gestalt fiel von der Decke herab, an einem einzelnen Kabel hängend. Sie schwang auf der Seite liegend heran, feuerte den zweiten Haken direkt durch die Tür, haarscharf an Piecks Kopf vorbei.

„Tut mir leid!"

Pieck sprang rückwärts. Sie warf sich zu Boden, und Alica schoss über sie hinweg. War mit angelegten Beinen und zurückgebogenem Oberkörper durch die Tür geflogen, und zwar quer! Sie dotzte hart gegen die gegenüberliegende Wand. Der erste Haken wurde zurückgeholt und gleich wieder abgefeuert, blitzte in aufwärts gehendem Winkel durch den Korridor und in die Decke. Dann tat das Manövergerät seine Arbeit, und mit Schub schoss die Kundschafterin den Gang entlang. Die Hacken ihrer Stiefel hinterließen Schrammen auf den polierten Dielen.

Dort hinten, am Ende dieses Flurs, war ein Fenster. Es war nicht rot, aber es war so groß wie das in dem Roten Raum. Und Alica gebrauchte den zweiten Haken, um das Glas zu zerschmettern, ehe sie mit einem Sprung ins Freie segelte.

Pieck sah die junge Frau aus ihrem Blickfeld verschwinden. Erwog kurz, sich zu wandeln und ihr nachzujagen. Doch sie ließ es bleiben. Sie atmete tief durch, rappelte sich wieder auf und machte sich auf den Weg, um Reiner zu wecken.

Denn es gab Wichtigeres. Kriegsherr Zeke war von der Mauer gestiegen.