Das war brenzliger geworden, als es hätte werden dürfen.
Unermesslich erleichtert, dass es vorbei war, hätte Annie sich fast gegen die Mauer gelehnt. Doch sie durfte sich das nicht anmerken lassen. Sie musste unerschüttert bleiben, wenigstens nach außen hin. Innerlich fluchte sie.
Dass er diese Karte hat ziehen müssen.
Dass Berthold den Mut dafür hatte aufbringen können, das hatte sie überrascht. Dass er überhaupt so etwas wie eine starke Stimme in sich gefunden hatte, war schon eine Sache für sich, doch dass er ihr auch noch ein Geständnis gemacht hatte, war ein Schlag aus dem Toten Winkel gewesen. Für die Dauer zweier Herzschläge hatte sie sich doch wirklich schwach gefühlt, wie gelähmt, ein Kaninchen vor der Schlange.
Jean starrte sie an wie eine Ziege mit drei Köpfen. Annie hob die Hand, die sie Jean schon vorhin als Plattform hingestreckt hatte, etwas höher. Er hing noch immer von der Wand wie ein Fischköder.
„Was ist?"
Jean zögerte. „Er … er war bereits unter Drogen", kam es dann verstockt aus ihm heraus, „Wir hätten Berthold auch einfach gefangen nehmen können."
Darum schaute er also so. Annie schüttelte den Kopf. „So ist es besser."
„Es ist besser, ihn zu fressen?"
Ich habe ihn nicht gefressen!" Sie herrschte ihn mit solchem Nachdruck an, dass Jeans Haare flatterten. „Er ist sicher, in Titanenstein eingeschlossen! Er lebt, verstehst du?"
Er verstand nicht, das sah sie ihm an seinem käsigen Gesicht an. Zumindest nicht sofort. Wahrscheinlich, weil es unvorstellbar klang. Wie konnte auch jemand rundum von Stein eingeschlossen und trotzdem sicher sein? Doch es war eben so mit den Wandlern. Sie starben nicht. Sie waren zäh wie Küchenschaben. Sie waren eben wie Titanen, nicht zu ersticken und nicht zu ertränken. Für Annie lag dies auf der Hand.
Für Jean nicht. Selbst nach den Ereignissen der letzten Wochen konnte man ihn offenbar noch schockieren. Schließlich aber nickte er. „Na schön. Ich verstehe."
Barsch deutete Annie ein Nicken an. Fordernd hob sie die Hand noch ein Stück höher, bis kaum einen Meter unter seine Fußsohlen. An diesem Punkt hätte sie ihn auch von der Wand pflücken können, doch das hätte die Geste natürlich gründlich ruiniert. Er ließ sich auf die ausgestreckten Finger fallen.
Und nun Reiner. Annie wollte sich Richtung Westen wenden, doch sie hatte sich noch nichtmals halb umgedreht, da schrie Jean auf. „Scheiße! Dort!"
Er zeigte, und sie schaute hin. Erfasste erst jetzt die zwei Titanen, die auf sie zustürmten.
Es waren zwei Große. Ein Paar hammerschwingender Riesen. Einer nahm den leichten Weg und lief wasserspritzend durch den Kanal. Der Andere kam ganz direkt auf sie zu, rannte auf Annies Seite des Kanals entlang und brach durch die im Weg stehenden Gebäude wie ein Holzhacker durch totes Gestrüpp.
Bisher waren die Kolosse mit den Hämmern nichts weiter gewesen als eine Mauer aus Fleisch. Ein unendlich langsam dahinwandernder Gletscher, um den Annie sich nicht hatte kümmern müssen. Sie waren eine Bedrohung für später gewesen, nichts als ein Gedanke im Hinterkopf. Doch nun drängte sich dieser Gedanke in Form zweier turmhoher Monster nach vorn.
Über die Dächer einer halben Stadt hinweg waren sie Annie nicht bedrohlicher erschienen als die üblichen Titanen, denen sie im Maria-Territorium begegnet war. Auf eine Entfernung von einem Dutzend Schritten jedoch? Diese Dinger waren riesig! Annie war es ja durchaus gewohnt, gegen Feinde anzutreten, die sie überragten, doch nicht in Titanenform. Sie fühlte sich wieder wie eine Achtjährige, die mitten in der Nacht einem Einbrecher über den Weg lief.
Der Titan, der durch die Häuser stürmte und mit seinen Schienbeinen Dächer einriss, erreichte sie zuerst, mit dem Hammer ausholend. Rechts war die Mauer, daher holte er zu einem Überkopfhieb aus. Als wolle er einen Pfosten einschlagen, mit Anlauf.
Annie warf Jean zur Seite weg, mit einem schnellen Zucken aus dem Handgelenk. Während er fluchend auf das nächste Dach driftete, täuschte sie ein Ausweichen an. Mit einem Gleitschritt rutschte sie zur Seite, weg von der Mauer, und der Hammerschlag folgte ihr, doch dann fuhr sie wieder zurück! Hin zur Mauer, rückwärts.
Der Hammer fuhr steinesplitternd nieder, nur knapp an ihr vorbei. Um die Wucht des Schlags auszugleichen, lehnte sich der Titan weit vor.
Annie stieß mit dem Rücken gegen die Mauer, stemmte den Fuß dagegen und drückte sich mit aller Kraft in die Höhe. Sie sprang dem gebeugt dastehenden Titanen von der Seite her gegen den Kopf, schlug ihre Ellenbogen gegen seine Schläfe. Sie streckte die Arme und hielt sich fest, im Nacken und der Schulter. Dann zog sie sich hoch, und im Hochziehen trat sie zu. So wie sie es mit acht Jahren getan hatte, mit dem Einbrecher. Sie trat gegen einen Arm und hörte ihn brechen, versenkte die Kniescheibe im Brustkorb und spürte ihn nachgeben. Sie härtete die Finger und verkrallte sich in den Rücken. Der Hammer fiel mit dumpfem Aufschlag zu Boden.
Der Titan schwankte, torkelte und ächzte. Doch er fiel nicht. Und er hatte noch einen gesunden Arm, eine heile Hand.
Annie spürte diese Hand, die sie an der Seite packte. Zudrückte. So hart, dass ihre Rippen knirschten. Sie knurrte und klammerte sich fest. Der Titan wollte sie von sich fortschleudern. Ihre gehärteten Finger zogen Krallenspuren in seinen Rücken. Sie zog ihm die Haut ab, und er zerrte trotzdem weiter. Der Einbrecher damals, der hatte dazu keine Lust mehr gehabt.
Mit einem Ruck riss er sie ab. Doch wie von selbst hatten sich ihre Finger wie Fleischerhaken im Nacken des Titanen festgesetzt. Und mit dem mächtigen Ruck schleuderte der Titan nicht nur seine Angreiferin von sich, sondern riss sich auch selbst den Nacken heraus.
Annie fiel aus einer Höhe von zwanzig Metern, genau auf den Hammer. Sie traf mit dem Kreuz auf den Hammerkopf. Ihr wurde schwarz vor Schmerz. Schwarz mit grellen, weißen Sternen.
Donnernde Schritte, ganz dicht.
Sie rollte zur Seite weg. Der Hammer fuhr nieder, sausend. Schmetterte erst dort auf den Boden, wo sich vor einem Moment noch ihr Kopf befunden hatte. Dann schabte der Stein plötzlich übers Pflaster, knallte ihr in den Rücken! Der Titan hatte seine Waffe besser unter Kontrolle, als Annie vermutet hatte.
Der Hieb war ohne großes Ausholen, kurz angesetzt, doch er war heftig genug, und überraschend dazu. Er half ihr förmlich beim Aufstehen. Sie stolperte, mit den Armen rudernd, und fing sich wieder. Als sie herumfuhr, jagte der Hammer bereits wieder nach ihrer Hüfte. Sie drehte sich aus der Gefahrenzone, doch der Titan schwang den Hammer nicht nur, sondern stieß ihn auch nach vorn! Der Stoß traf sie an der Hüfte, und es knirschte!
Annie wurde herumgerissen, einmal ganz herum. Sie fing sich stolpernd und holpernd, auf einem Bein stehend. Ihre rechte Hüfte fühlte sich an, als stecke ein brodelnder, knisternder Blitz darin.
War dieses Biest geschickter als das Erste? Annie starrte zu dem Titan hin, der seinen Hammer mit einer Hand weit unten am Stiel gegriffen, die andere Hand jedoch weit oben angesetzt hatte, fast unter dem Hammerkopf. Nun wanderte diese Hand wieder in die Mitte zurück.
Titanen gab man keine Waffen. Titanen wußten nicht, wie man richtig kämpfte. Annie hatte es in Marley nie erlebt. Auch nicht bei den Bedauernswerten, die von Zeke gewandelt worden waren. Hatte er, der Tier-Titan, inzwischen vielleicht dazugelernt? Oder war das Mauervolk so anders? Ja, war es. Zumindest ein wenig. Annie dachte an die Titanenform von Elena Schultz auf dem Dach des Gefängnisses. Es gab Kämpfer hier. Mehr als daheim.
Einmal hatte Annie ihren Vater gefragt, ob auch andere Kinder in der ersten Frühe des Tages aufstanden, aus dem Haus gingen und gegen Pfosten traten, bis ihnen die Beine bluteten. Ihr Vater hatte verneint.
„Andere Kinder", hatte er gesagt, „sind faul und dumm. Sie sind nichtsnutzig und hören nicht auf ihre Eltern. Sie sind es nicht wert, zu tun, was du tust. Sie sind es nicht wert, zu tun, was du tun wirst."
Der Titan kam. Der Hammer senste herum. Annie stählte die Arme, riss sie hoch. Sprang vorwärts, auf dem einen gesunden Bein. Was sie traf, war der Stiel, nicht der Hammerkopf! Holz ächzte und krachte, ehe es in einer Wolke aus Splittern zerbrach. Der Hammerkopf schwirrte in Schlagrichtung weiter, verfehlte Annies Nacken um wenige Handbreit und polterte zur Erde, eine Häuserecke abreißend.
Beide stolperten. Dem einen fehlte plötzlich die Hälfte seiner Waffe, und die andere wollte sich mit links fangen, doch das Bein gab nach. Genauer, die Hüfte. Annie stürzte auf ein Knie, sah den Titan über sich aufragen. Er rammte unabsichtlich, während er um sein Gleichgewicht kämpfte, und stieß sie dabei zu Boden.
Sie versuchte gar nicht erst, wieder auf die Füße zu kommen. Auf dem Rücken liegend, zog Annie das gesunde Bein an. Wenn er kam, dann würde sie eben von hier aus treten.
Und dann kam er. Von Westen her kam er, und ein wildes Brüllen lief ihm voraus. Dieses Brüllen war wie eine Welle, die heranschwappte, lauter und lauter werdend. Annie drehte den Kopf, um hinzusehen.
Eren stürmte am Kanal entlang, mit springenden Schritten. Rasend schnell kam er näher. Als er an dem abgebrochenen Hammerkopf vorbei kam, duckte er sich leicht, klaubte ihn vom Boden auf und warf ihn. Wie einen Schneeball. Das Geschoss schwirrte über Annie hinweg, und der Titan parierte. Er parierte, als wäre seine Waffe noch vollständig, doch das war sie nicht. Der Hammerkopf traf sein Gesicht, das sich förmlich darum wickelte, wie Kuchenteig um eine geballte Faust.
Erens Brüllen wurde zu einem schrillen Heulen. Vielleicht war es Jubeln. Er stampfte über Annie hinweg und warf sich mit der Schulter gegen das Knie des Titanen, das dadurch in eine Richtung drehte, in die es nicht gehörte. Mit ekligem Reißen schappte es aus dem Gelenk.
Der Titan fiel, mit einem Hammer im Gesicht, und Eren schlug von unten herauf zu. Seine Faust traf das Kinn, das ihm fünfzehn Meter tief entgegen kam. Das Genick brach, der Kopf riss ab. Erens Handgelenk brach auch, knickte einfach weg. Er jubelte trotzdem, oder schrie vor Schmerz. Es war schwer zu sagen.
Annie wälzte sich herum, während der 30-Meter-Titan kopflos sein Leben aushauchte. Sie rappelte sich auf und atmete tief durch, während sich ihr Becken langsam wieder richtete und all die zahlreichen, minderwertigen Schürfungen und Quetschungen ausheilten.
Eren wandte sich ihr zu und nickte zum Gruß. Sie erwiderte das Nicken. Ein Anflug von Ärger kam in ihr auf, weil er nichtmals versuchte, verständliche Worte von sich zu geben. Wollte er nichtmals so tun, als entschuldigte er sich wegen des Dramas der Gefangennahme? Nein, wohl nicht. Mit einem Nicken musste sie sich zufrieden geben.
Auf einem Dach zu ihrer Linken landete Jean, den sie während des Kampfes völlig aus den Augen verloren hatte. Connie, Sasha und Millie waren ebenfalls da.
„Wo ist Berthold?"
Es waren weder Jean noch Connie, die diese Frage stellten. Auch Sasha und Millie waren stumm geblieben. Die Vier drehten die Köpfe in Erens Richtung. Auch Eren hatte nicht plötzlich das Sprechen gelernt. Nein, die Frage war von Mikasa gekommen. Mikasa, die sich aus dem dichten Haarschopf des Wächter-Titanen kämpfte. War sie die ganze Zeit dort gewesen? Sie stellte sich auf den Kopf ihres Bruders und blickte auf die Umstehenden herab.
„Nun?"
Zunächst erwog Annie, wieder die Stumme zu spielen. Nur so aus Trotz. Doch sie verwarf diese Idee. „Wir haben uns um ihn gekümmert", entgegnete sie einfach.
Mikasa hob skeptisch eine Augenbraue. Einzig Annie konnte dieses Zeichen wachsender Ungeduld sehen. Jean aber musste von weiter unten verstanden haben, was diese ungenaue Antwort bei Mikasa auslöste.
„Wir haben ihn erfolgreich gefangen nehmen können", rief er zu ihr empor. „Haben nur einen Leichtverletzten!" Dabei zeigte er auf Connie, der während der Begegnung mit Berthold in eine der dampfheißen Explosionen geraten war. Seine Haut glänzte stellenweise krebsrot, als litte er unter schwerem Sonnenbrand. Tapfer winkte er ab und bekam ein mitfühlendes Schulterklopfen von Sasha, woraufhin er sich schmerzerfüllt zusammenkrümmte und leise zu jammern anfing.
Mikasas ernstes Gesicht zeigte den schwachen Hauch von Entspannung. Offenbar glaubte sie Jean mehr. „Sehr gut", rief sie ihm zur Antwort zu. „Wo ist er?"
Zur Antwort tippte Annie gegen ihren Bauch.
Oh, wie sie schauten.
Doch Jean verdarb ihr den Spaß, indem er auch dies rasch aufklärte. „Sie hat ihn in Titanenstein versiegelt und dann herunter geschluckt! Sie hat ihn nicht gefressen!"
Mikasa funkelte Annie trotzdem an. „Warum hast du ihn geschluckt? Willst du dich wohl mit ihm aus dem Staub machen, wenn das ganze Chaos hier vorbei ist?"
Annie kniff die Augen zusammen. Nichtmals ein schlechter Plan, zugegeben. Diese Idee war allerdings nicht der Grund, aus dem Berthold in ihrem Bauch gelandet war. Es lag an dem Militär-Polizisten von der Zentralen Brigade, dem Kerl mit dem breitkrempigen Hut. Er hatte Annie im Gefängnis besucht – wie lang war das her? Zwei, drei Stunden? Es fühlte sich eher an wie Tage oder Wochen – und hatte durchblicken lassen, dass er mehr über Titanenwandler wußte als der Durchschnittsbürger. Annie hatte ihn seit dem Ausbruch der Kampfhandlungen nicht mehr gesehen. Doch sie wurde das Gefühl nicht los, dass er nicht einfach verschwunden war. Und dass er ebenso sehr an Berthold interessiert sein mochte wie an ihr selbst.
Nein, sie würde Berthold gewiss nicht einfach herumliegen lassen, während sie anderswo kämpfen musste. Der Hut-Kerl mochte ihn am Ende noch einkassieren.
Doch darüber würde sie nun nicht sprechen. Es warf Fragen auf, die gerade nicht wichtig waren. Vielleicht unterhöhlte die Geschichte des Hut-Kerls sogar die Moral der Kundschafter, und das konnte im Augenblick niemand gebrauchen.
„Ich habe nicht vor, meine Pläne zu ändern", erwiderte sie mit ausgesuchter Höflichkeit. Sie versuchte gar, ihre rauchige Titanenstimme etwas weicher klingen zu lassen. „Ich bleibe so lang, wie dein Bruder will, dass ich bleibe. Und noch will er das, oder?" Sie senkte den Blick einige Meter tiefer auf Eren.
Der Wächter-Titan deutete ein Nicken an.
„Wenn der Koloss-Titan also vom Tisch ist", schnarrte nun eine Stimme, die Annie ein Frösteln über den Nacken jagte, „sollten wir uns wohl dem nächsten Problem zuwenden."
Der Hauptgefreite Levi erschien auf der Schulter Erens; er musste sich ebenfalls im zottigen Haar festgehalten haben und hatte sich nun auf die Schulter herunter gelassen. Grimmig blickte er in die Runde.
Jean erspähte den Elite-Kundschafter und formte die Hände zum Trichter. „Herr Hauptgefreiter! Was ist mit Reiner?"
„Der Gepanzerte ist von der Bildfläche verschwunden", bekundete Levi, ohne eine Miene zu verziehen. „Er ist abgetaucht, und wir haben es aufgegeben, nach ihm zu buddeln. Stattdessen kümmern wir uns um einen Affen, der aus seinem Baum gefallen ist."
Da steckte etwas wie Leidenschaft hinter diesen Worten. Levi deutete nach Osten. Dorthin, wo hinter der lückenhaften Schlachtreihe der 30-Meter-Titanen Zeke tobte, wie ein wildes Tier hinter Gitterstäben.
Annies Augen weiteten sich. Er war auf dem Boden. In Reichweite!
Jean gab einen Laut der Überraschung von sich. „Wahnsinn. Das haben wir gar nicht gemerkt!"
„Packen wir ihn uns", rief Connie aus, „Nehmen wir Rache für mein Dorf!"
„Nein", versetzte Annie sofort. „Eren und ich, wir schon. Aber ihr nicht." Sie zeigte auf Jean und seine Kameraden. „Bringt das Tagebuch von hier fort, zu Hanji. Gegen den Tier-Titan kämpft nur, wer einen Schlag von ihm einstecken kann, ohne zu sterben."
Connie war es, der daraufhin am lautesten protestierte. Annie aber ignorierte ihn, zumal Jean ihren Einwand bereits zu akzeptieren schien und sich um ihn kümmerte. Mikasa konnte sie nicht ignorieren.
„Ich werde auch kämpfen", erklärte die Schwarzhaarige standfest. Ihre Augen funkelten herausfordernd.
„Wenn du draufgehst", erwiderte Annie barsch, „verliert Eren bloß die Kontrolle über sich und wird zum tobenden Irren. Das kann niemand gebrauchen!"
„Blödsinn. Wir riskieren alle unsere Leben, das ist nunmal so!"
„Das ist wahr", sagte Levi. Annie hielt in einer energischen Antwort inne. „Kürzen wir es ab. Sie kommt mit, ebenso wie ich."
Annie presste die Lippen aufeinander. „Ihr seid beide -..."
„Wir sind beide fähig genug." Levis Stimme war so eisenhart wie sein Blick. „Du solltest dies am besten wissen, Weiblicher Titan."
„Außerdem", fügte Mikasa hinzu, „hast du stets betont, wie unterlegen wir gegenüber dem Tier-Titanen wären. Bei Utgard hast du schon nicht gegen ihn kämpfen wollen. Also tue nicht so, als hättest du gerade alles im Griff!"
Da hatten sie recht. Mit beidem. Annie wußte es. Sie wußte, wozu diese beiden Kundschafter in der Lage waren. Und sie wußte auch, wozu der Kriegsherr in der Lage war. Also gab sie sich geschlagen, nickte und machte Anstalten, loszumarschieren.
Eren hatte während des Gespräches still gehalten. Nun setzte er sich wieder in Bewegung. Doch anstatt Annie zu folgen, marschierte er zu der Stelle, an der einer der beiden 30-Meter-Titanen gefallen war. Annie sah zu, was er vorhatte, und gab ein Grollen von sich, als er sich nach dem riesigen Hammer bückte. Er hob das Ding hoch und wog es in den Händen. Dabei machte er einen ausgesprochen zufriedenen Eindruck.
„Lass den liegen", sagte Annie zu ihm. „Der macht dich nur langsam."
Eren knurrte wie ein Hund, der etwas Dreckiges im Wald gefunden hatte und nun darauf bestand, es mit nach Hause zu nehmen.
Annie schüttelte den Kopf, warf die Hände in die Höhe. Bitte sehr, dachte sie bei sich, Dann mach eben einen Höhlenmenschen aus dir. Auf einseitige Diskussionen konnte sie verzichten.
Während Jean, Connie, Sasha und Millie aufbrachen, um Hanji zu finden – Levi gab ihnen als Richtung eine grüne Rauchsäule über der Waffenkammer von Stohess – marschierten der Weibliche und der Wächter-Titan den 30-Meter-Titanen entgegen.
„Ich habe einen Plan", sagte Levi währenddessen von Erens Schulter aus. „Du spielst eine Rolle darin, Titanengöre."
Annie hörte zu. Schließlich nickte sie. „Tun wir es."
Nur wenig später stürzten sie sich ins Getümmel. Sie rannten die Hauptstraße hinunter und einigten sich auf einen einzelnen Titanen, der im Augenblick noch damit beschäftigt war, sich gegen vereinzelte Soldaten zu wehren, die wie Fliegen seinen Kopf umschwirrten. Eren holte mit dem Hammer aus und warf – die massive Waffe wirbelte durch die Luft und traf den überraschten Titanen auf der Brust. Er kam ins Straucheln, und einen Moment später war Annie heran. Sie härtete ihr Schienbein vom Fußgelenk bis zur Kniescheibe und trat zu – der Unterschenkel des Titanen brach, und als er mit diesem Bein aufzutreten versuchte, stürzte er in sich zusammen.
Über den Leib des gefallenen Titanen hinweg wurde der Blick frei auf Kriegsherr Zeke: Der Tier-Titan hockte mit wild funkelnden Augen neben einem reglosen Titanen-Körper, der sein Zwillingsbruder hätte sein können.
Annie verstand. „Er steckt bereits in seinem zweiten Leib. Die Gelegenheit ist hier. Töten wir ihn!"
Eren fand seinen Hammer wieder.
Alica Winter kämpfte.
Nachdem sie aus dem Bordell entkommen war, hatte sie zunächst einen chaotischen Kurs eingeschlagen. Sie war tief geflogen, nie über die Höhe der Dachkante hinaus, und war bei jeder Gelegenheit abgebogen. Nach links, nach rechts, wieder nach rechts, dann nochmal links. In ständiger Furcht, ein Titan könnte hinter ihr aus einer Wand platzen und nach ihr greifen. In ihrer Vorstellung malte sie sich Pieck als albtraumhafte Kreatur aus, eine Mischung aus dem Weiblichen und dem Gepanzerten Titan vielleicht. Mit einem riesigen Maul und Sensen an den Händen. Pieck war eine furchteinflößende Frau gewesen. Ihr Titan war sicherlich ebenso beeindruckend! So hatte sie sich durch die Straßen geschlängelt, wie ein Kaninchen von Deckung zu Deckung huschend, bis sie schließlich entschieden hatte, dass es wohl reichte. Zeit, wieder auf Kurs zu kommen. Zeit, wieder auf das Ziel einzuschwenken. Das Ziel war ein kluger Kopf, der mit gewonnenen Infos umgehen konnte. Ergo, Hanji. Und Hanji war im Westen.
Alica war auf einer breiten Straße gen Westen geschwenkt – und hatte sich prompt einem Titan gegenüber gesehen. Zuerst hatte sie nur gebleckte Zähne und grün flackernde Augen vor sich gehabt, und vor Schreck war sie aufs nächste Dach geflüchtet. Dann hatte sie erkannt, was sie sah. Eren war im Eilschritt an ihr vorüber gestürmt, ohne sie zu beachten. In seinem Kielwasser waren Kundschafter geflogen – und Hanji war in der ersten Reihe gewesen!
Vor unverhofftem Glück hatte Alica die Hand hochgerissen. „Abteilungsleiterin!"
Hanji hatte zu ihr hingeschaut, war aber vorbei geschossen, mit einem verdutzten Ausdruck im Gesicht. Gleich darauf wurde sie von den nachfolgenden Soldaten verdeckt.
Alica hatte keine Zeit mehr verloren, sondern hatte sich an die Verfolgung gemacht. In die Straße hinein konnte sie nicht starten. Sie wäre mitten in den Rhythmus der Truppe gesprungen und hätte dabei im leichtesten Falle für Chaos, im schlechtesten Fall für einen Zusammenprall gesorgt. Also lief sie über die Dachspitze und warf sich in jene Straße, die parallel verlief. Hier gab sie Gas. Natürlich, sie konnte nicht hoffen, Hanji auf diese Weise nennenswert einzu- Sie überholte sie sogar!
An einer Kreuzung konnte Alica einen Blick in die Parallelstraße werfen. Zu ihrer größten Überraschung hatte sie bereits zu Eren aufgeschlossen. Hanji folgte dichtauf.
Ihr Manövergerät. Das Manövergerät aus dem Bordell. Es war schneller. Viel schneller! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie den Unterschied nicht bemerkt, dafür hatte ihr Herz zu sehr gehämmert vor Angst, Pieck könnte ihr doch noch in den Nacken springen. Doch nun erkannte sie, wie gut dieses Gerät wirklich war. Die Haken schienen unter viel höherem Druck abgeschossen zu werden und erreichten ihr Ziel früher, die Drähte wurden viel rascher wieder eingeholt und zogen sie wiederum viel kräftiger in die gewünschte Richtung. Was hatte ein so tolles Manövergerät bloß in einem … Irgendwas zu suchen gehabt?
Zunächst war Alica noch parallel geblieben. Bei der nächsten Kreuzung aber nutzte sie ihre Chance, schwirrte quer in die Nachbarstraße und witschte zwischen Eren und die nachfolgenden Kundschafter. Es gab ein paar verdutzte Ausrufe, auf die sie jedoch nicht reagierte.
„Frau Abteilungsleiterin!"
Hanji hatte ihr ein breites Lächeln zugeworfen. „Hallo! Kennen wir uns?"
„Ich bin Alica Winter, Frau Abteil-"
„Oh, warte! Du warst doch gerade noch da hinten, auf dem Dach!"
„Ich muss ihnen etwas zeigen!"
„Wirklich? Wunderbar! Zeig es mir gleich!" Hanji hatte nach vorn gewiesen. „Wir halten auf diese Rauchsäule zu!"
Rauchsäule? In der Tat, da war eine Grüne. Alica war sie erst jetzt aufgefallen. Bis zu diesem Moment hatte sie geglaubt, der Trupp flöge einfach nur Erens Titan hinterher. Doch nein, offenbar hatten sie nur zufällig den gleichen Weg zur Front genommen. Einen Weg, den Eren alsbald verlassen hatte, indem er sich nach Norden wandte. Hanji hatte ihre Soldaten weiter direkt nach Osten geführt, auf die grüne Rauchsäule zu.
Alica hatte bald erkannt, von wo aus dieser Rauch aufstieg. Es ist die Waffenkammer. Wie in Trost war dieses Gebäude eine Festung, mit schweren Steinmauern. Die Kundschafter hatten diese diese Mauern erklommen, hatten sich hinauf bis zur obersten Etage geschwungen und waren bei ihrer Landung von ernsten Mienen empfangen worden.
Es waren hauptsächlich Soldaten der Garnison, wie Alica festgestellt hatte. Da und dort gab es Einhorn-Embleme, doch im Großen und Ganzen waren sie in einem Rosenbeet gelandet. In diesem Rosenbeet hatte Alica auch ein bekanntes Gesicht erspäht.
„Armin!"
Armin war mit einem älteren Garnisons-Soldaten mit kurzem, blondem Haar ins Gespräch vertieft gewesen. Er zuckte zusammen, als er seinen Namen hörte. „Alica!"
Während Hanji direkt auf einen grauhaarigen Garnisons-Soldaten zugegangen war, der eine Signalpistole in den Händen gehalten hatte, war Alica in Armins Nähe zum Stehen gekommen. „Wir haben uns schon gefragt, wo du abgeblieben warst!"
Der Blondschopf hatte entschuldigend gelächelt. „Oh, ich habe Wachdienst im Kerker geschoben. Keine besonders spannende Geschichte. Aber nun muss ich schnell mit Hanji sprechen – und mit dir!"
Letzteres war an Historia gerichtet gewesen, die nun ebenfalls wieder festen Boden unter den Füßen
hatte und eher arglos auf die beiden zugegangen war. Die Blonde hatte gestutzt. „Mit mir?"
„Ja, genau!" Armin war herumgefahren. „Aber erst Hanji."
„Warte!", hatte Alica eingeworfen, „Lass mich zuerst, bitte! Ich habe etwas, das Hanji dringend lesen muss!"
Armin war ein netter Kerl. Er hatte sich nicht darüber empört, dass Alica sich hatte vordrängeln wollen. Stattdessen hatte er sie in eine Sinnkrise gestürzt. „Wirklich? Woher?"
Alicas Entschlossenheit hatte geklirrt wie ein Fenster, durch das ein Stein flog.
„Wo- … Woher ..."
Und nun kämpfte Alica Winter.
Sie kämpfte mit der Frage: Was tun? Die Informationen waren wichtig. Vielleicht gaben sie den entscheidenden Tick in die richtige Richtung. Doch wenn Hanji fragte, woher diese Informationen kamen, konnte Alica schlecht antworten, sie wären ihr in den Schoß gefallen. Und dass Hanji fragen würde, lag auf der Hand.
Ich werde ihr sagen müssen, dass ich auf Reiner getroffen bin. Doch wie würde das dann aussehen? Sie war auf den Feind gestoßen, und anstatt es direkt zu melden, hatte sie zugelassen, dass sich die Kundschafter einfach weiter von dem Versteck der beiden Wandler entfernten. War das richtig gewesen? Nein, ganz gewiss nicht!
Ihr wurde schlecht. Ihr wurde heiß und kalt und ihre Handflächen schwitzten. Dann knallten plötzlich wieder Stiefelsohlen auf den Steinboden, und sie fuhr erschrocken zusammen. Denn direkt neben ihr fiel Jean vom Himmel, gefolgt von Connie, Sasha und einer rothaarigen Polizistin!
„Platz da! Nachricht für Hanji! Abteilungsleiterin! - Hallo, Leute."
„Jean", grüßte Armin erfreut, „Und ihr anderen. Ihr wollt auch zu Hanji?"
Jean hielt ein kleines Büchlein mit abgewetztem Einband hoch. „Absolut!"
„Alica würde gern vor."
Doch Alica starrte auf das Buch. Sie zeigte darauf. „Tagebuch?"
„Was?", machte Jean, „Weiß nicht, Notizbuch oder Tagebuch. Wir haben es von Berthold erbeutet."
In einiger Entfernung drehte sich Hanji zu den jungen Soldaten um. „Nun bin ich frei für jeden, der mir etwas zu sagen hat!"
„Alica würde gern", zirpte Armin. Alica erschreckte ihn, indem sie ihn bei der Schulter packte und auf Hanji zustieß.
„Nein, geh du doch vor!"
„Aber ..."
„Bitte!"
Er tats, und Alica fuhr wieder zu Jean herum. „Das Buch. Bitte, ganz schnell."
Jean runzelte die Stirn, hielt es ihr aber dennoch hin. „Aber mach es nicht kaputt."
„Ich repariere es", erwiderte sie hastig, nahm das Büchlein und durchblätterte es. Sie ließ die Seiten durch die Finger gleiten und suchte nach einer Stelle, an der mehrere Blätter herausgerissen worden waren. Sie fand keine, doch als sie ihre eigenen Zettel hervorholte, erkannte sie auf den ersten Blick, dass Zettel und Buch zusammen gehörten. Es war die gleiche, enge Schrift.
Ihre Kameraden beäugten die Zettel neugierig.
„Woher hast du das?", fragte Sasha. „Hatte etwa Reiner das bei sich?"
„Wir haben Reiner gar nicht angetroffen", entgegnete Historia rasch. Ihr ging im nächsten Moment ein Licht auf. „Moment!"
„Nein! Nein nein nein!", raunte Alica, „Sagt nichts, bitte sagt nichts ..."
Hanjis Stimme schnitt dazwischen. „Der Nächste!"
Alica drehte sich rasch so, dass ihr Körper den Blick auf das Buch verdeckte. Sie stopfte ihre abgerissenen Blätter einfach in das Buch hinein und gab es Jean zurück. „Hier. Bitte gib es einfach ab."
Verdutzt starrte Jean sie an. Schaute von ihr zu dem Buch und wieder zurück. Bis schließlich Hanji zu ihnen herüber stapfte.
„Nun, Alica?", fragte die Abteilungsleiterin. „Hurtig, was willst du mir so dringend zeigen?"
Alica hatte von jetzt auf gleich einen trockenen Mund. „Es … es hat sich erledigt ..."
Da sprang Jean ihr zur Seite. Er streckte Hanji das Tagebuch hin. „Hier, Frau Abteilungsleiterin! Der Jean-Trupp hat dieses Buch soeben vom Feind erobert!"
Hanji nahm das Buch, warf Alica noch einen nachdenklichen Blick zu und ließ sich dann in aller Kürze zusammenfassen, was sich zugetragen hatte. Schließlich nickte sie, schlug das Buch auf – und die Blätter, die Alica hastig hineingestopft hatte, flatterten heraus. Hanji fing sie geschickt auf.
„Oh, Hoppla? Es fällt bereits auseinander." Ihre Augen überflogen das Geschriebene. Weiteten sich. Ihr Blick schnellte wieder herum.
„Alica?"
Alica krümmte sich innerlich. „Jawohl?"
„Alica … Winter, richtig?
„Ja, wieso?"
„Hast du dies hier komplett durchgelesen?"
Sie schaute hilflos und verwirrt drein, zuckte mit den Schultern. Hanjis Blick war von seltener Eindringlichkeit. Dann aber hob auch die Abteilungsleiterin die Schultern. „Darüber reden wir später", erklärte sie heiter, „Vorerst gibt es Dringenderes."
Annie und Eren eilten zwischen den mit Hämmern bewaffneten Titanen hindurch, direkt auf Zeke zu. Der Tier-Titan jedoch blaffte einen Befehl, kurz und hart.
„Aufgepasst, an alle! Packt euch den Bengel!"
Links und rechts fuhren die Muskelberge zu ihnen. Annie sah aus dem Augenwinkel, wie Eren herumwirbelte. Der Trottel nahm sicher heldenhaft die Aufmerksamkeit dieser Übermacht auf sich, um Annie den weiteren Angriff auf den Tier-Titan zu ermöglichen.
Nun, wie er will.
Mikasa war damit sicherlich nicht einverstanden. Doch sie hatte keine Stimme bei dieser Entscheidung, und so stürmte Annie weiter vor, während Eren bereits wieder seinen Hammer warf, einem Titan fast den Kopf abriss und einen Zweiten mit einem knochenbrechenden Faustschlag das Bein aus dem Hüftgelenk sprengte.
Die Kraft, einen tonnenschweren Felsen zu stemmen und durch eine halbe Stadt zu tragen. Der Wächter-Titan besaß von dieser Kraft mehr als jeder andere, darin war sich Annie inzwischen sicher. Im Wald der Riesenbäume hatte er sie mit einem Faustschlag sicherlich dreißig Meter in die Höhe geschleudert. Sein eigener Körper konnte dieser Kraft nicht standhalten – ständig brach er sich die Handgelenke, wenn er kämpfte.
Leider konnte Annie dieser Kraft nicht mehr weiter dabei zusehen, wie sie ihre zerstörerische Wirkung entfaltete. Sie hatte eigene Probleme, denn der Tier-Titan ragte vor ihr auf. Er lächelte matt, fast väterlich.
„Eine letzte Chance, dich zu ergeben, lasse ich dir noch."
Sie hielt nichtmals inne, sprang vor und wirbelte herum, jagte mit einem tiefen Tritt nach seinen Fußknöcheln. Doch er wich zurück und schlug zu, mit einem weit ausholenden Schwinger. Der Arm, der da heran peitschte, glänzte kristallisch.
Annie blockte und fing den Schlag, gleichfalls mit gehärteten Armen. Seine langen Gliedmaßen waren ein echtes Problem! Sie konnte ihn mit dem Fuß nicht erreichen, er sie aber mit den Armen.
Glücklicherweise hatten sie alle einen Plan. Annie hielt den Schlag aus, packte zu und fing den Arm des Tier-Titanen, ehe sie ihn in ihrer Achsel festklemmte.
Ein Arm gefesselt. Der andere aber war noch frei, und er hämmerte in ihre ungeschützte Seite! Annie wand sich unter dem Treffer, fischte auch diesen Arm und klemmte ihn ein.
Diesen Moment nutzten der Hauptgefreite Levi und Mikasa, die sich unter ihren Haarsträhnen verborgen gehalten hatten. Sie schossen ihre Haken ab, und während der Tier-Titan einen Laut der Überraschung ausstieß, schnitten ihre Schwerter bereits durch Pelz und Haut und Fleisch und Muskeln.
Zwei schwerterglänzende Wirbelwinde jagten Dampf und Blut in die Höhe, arbeiteten sich die Affenarme empor und teilten sich auf, einer flog nach oben und der andere nach unten. Mikasa war abwärts geschossen und schnitt in seine Oberschenkel, während der Hauptgefreite sein übliches Muster webte: Er verunstaltete das Gesicht des Tier-Titanen, durchstieß die Augen und flog in enger Kreisbahn um den Schädel, den Nacken anvisierend.
Doch der Nacken war gehärtet. Levis Klingen zerschellten beim Aufprall, und der Tier-Titan überlebte. Sein Körper brach zusammen, denn Mikasa hatte an seinen Beinen bereits ganze Arbeit geleistet. Er fiel, während Annie seine Arme weiter festhielt und mitgerissen wurde. Die beiden Kundschafter trudelten in kontrolliertem Sinkflug, auf die nächste Gelegenheit wartend.
Im nächsten Moment schien es, als würde der Kopf des Tier-Titanen explodieren. Zeke wandelte ein weiteres Mal, und er platzte förmlich aus seinem Körper hervor wie ein Schmetterling aus seinem Kokon. Brüllend schlug er um sich, packte seinen alten Körper und gebrauchte ihn als Schild gegen die beiden Soldaten. Levi und Mikasa schossen daran empor, dann aber warf Zeke ihn fast auf sie, und sie setzten sich mit heftigen Gasschüben in die Luft ab um nicht zerquetscht zu werden.
Annie witterte die Chance. Sein dritter Leib. Sein letzter Leib. Ganz sicher! Sie setzte nach. Noch einmal. Ein letztes Mal! Ganz sicher. Doch dann kam der Vierbeinige.
Piecks Titan huschte dicht an der Mauer entlang, wo ihm niemand im Wege stand, und hetzte dann auf das Schlachtfeld hinaus. Seinen Kriegsherren in Not sehend, wurde Pieck sogar noch schneller. In weiten Sprüngen schoss sie heran, und als sie dicht genug war, bremste sie scharf und warf ihr Hinterteil in die Höhe! Es sah komisch aus, wie ein herumtollendes Zicklein. Doch mit dieser Bewegung warf sie ihren Reiter.
Blitz. Donner. Der Gepanzerte Titan erschien in vollem Lauf, pflügte über das Feld und zwang Annie zum Zurückweichen. Zwischen ihr und dem Tier-Titan kam Reiner zum Stehen.
Schweigend nahm er Aufstellung. Stoisch, sein Gesicht eine eiserne Maske ohne jede Regung.
Zeke gab ein Geräusch von sich, das dem Keuchen eines riesigen Blasebalgs ähnelte. „Glück gehabt", sprach er. „Da hast du mich noch einmal gerettet, Reiner. Ich dachte schon, es seie um mich geschehen." Der Kriegsherr vermochte es, selbst Lob geringschätzig klingen zu lassen. Er nahm eine hockende Haltung ein, die Arme auf den Oberschenkeln ruhend, und beäugte die beiden Kundschafter, die beim Erscheinen des Gepanzerten hurtig außer Schusslinie gegangen waren. Mikasa und Levi erklimmten soeben die Mauer.
Zeke wandte sich wieder an den Gepanzerten. „Reiner. Sei so nett und beschäftige deine ehemalige Kameradin. Und halte dich nicht zurück. Sie verdient keine Nettigkeiten. Wisse, dass du nach Berthold nicht mehr Ausschau halten musst."
Ein Zucken durchlief den massiven Körper Reiners. Er horchte auf.
„Denn sie hat ihn verschlungen."
Annie hatte Reiner nie gefürchtet. Er war ein schwaches Kind gewesen, naiv und mit einem Hang zum Quengeln. Er war pathetisch gewesen in seinem verzweifelten Bemühen, ein Krieger zu werden. Aus seltsamen Gründen, aus erbärmlichen Gründen. Sie hatte vergessen, was für Gründe das überhaupt gewesen waren. Er war eines dieser Kinder gewesen, von denen ihr Vater stets gesprochen hatte. Sie sind nichtsnutzig und hören nicht auf ihre Eltern. Sie sind es nicht wert, zu tun, was du tust. Sie sind es nicht wert, zu tun, was du tun wirst.
Nein, sie hatte Reiner nie gefürchtet. Bis jetzt. Sie musste nicht unter seine Maske blicken können, um zu erahnen, wie es nun darunter aussah.
Er griff an, polterte ihr entgegen. Sie duckte sich unter einem Schlag, stemmte die Füße in den Boden und klappte den rechten Arm vor. Machte daraus einen Keil, mit dem Ellenbogen als Spitze. Eine, die glänzte wie Eis. Ihr Plan war der Gleiche wie der eines Speerkämpfers, der seine Waffe in den Boden pflanzte und die Spitze auf den heranstürmenden Panzerreiter richtete.
Aufprall. Sie warf ihr ganzes Gewicht nach vorn, doch das war es nicht, was die mattgoldene Rüstung des Gepanzerten brechen ließ. Es war seine eigene Kraft, die das Loch aufplatzen ließ, direkt über dem Brustbein. Ein Bär, der sich selbst auf einen Spieß trieb.
Annie blieb die Luft weg. Sie hatte sich weit vorgelehnt, sich schon im Vorfeld in die Welle gestemmt, die auf sie zuraste. Der Zusammenstoß riss sie trotzdem nach hinten. Dranbleiben. Sie musste jetzt dranbleiben. Klappte den Arm wieder auf, fasste an Reiners Kopf vorbei und hakte die Hand um seinen Nacken. Ihre Reflexe arbeiteten, während sich ihr Bewusstsein noch davon erholen musste, von einem lebenden Berg gerammt worden zu sein.
Gepanzerte Arme legten sich um sie. Wollte er sie zerdrücken? In jedem Falle presste er sie vor seine Brust und fing sie damit. Kein Ausweichen mehr. Doch ihre Finger lagen schon an seinem Nacken, wie ein Messer an seiner Kehle. Sie härtete die Fingerspitzen und schärfte sie, fuhr mit diesen Krallen über den Nackenschild.
Fand einen Riss. Warum war da ein Riss? Flüchtig spürte sie etwas über ihre Hand laufen.
Scheiße!
Gas flüsterte unheilvoll an ihrem Ohr. Dann gleißte der Blitz und brach der Donner, und wie ein Unwetter stürzte ein zweiter Gepanzerter von der Seite in die hinein.
Annie wurde umgerissen, noch in der Umklammerung der leeren Hülle steckend. Sie stürzte zur Seite, sah ihn herankommen und keilte mit dem Fuß aus. Er fing ihn, ballte die Faust und schlug zu. Das Bein brach, mit gellendem Krachen. Dann warf er sich einfach nach vorn, hämmerte ihr seinen Ellenbogen in die Stirn. In die gehärtete Stirn, darum zerplatzte ihr Schädel nicht. Doch der Arm des Gepanzerten fixierte nun ihren Kopf.
Annie zappelte, doch kam nicht frei. Der Leib, der von Reiner zurückgelassen worden war, wollte sich einfach nicht auflösen. Er dampfte schwach, das Fleisch verschwand, doch die Rüstungsplatten brauchten so unglaublich lang! Dazu kam das Gewicht des zweiten Leibes, der nun auf ihr lag.
Reiner zwang ihren Kopf zur Seite, verrenkte ihren Hals. Er robbte höher, lehnte sich vor. Öffnete seine Kiefer und biss zu.
Zeke verschaffte sich einen Überblick.
Die zwei rasend schnellen Soldaten befanden sich auf halber Höhe an der Mauer. Wie ein Pärchen kreisender Falken, doch hier und jetzt gab es keine Beute mehr für sie zu schlagen. Vielleicht würde er sie später mit Steinen vom Himmel holen, wenn sie dann noch nicht verschwunden waren. Der Gründer-Titan, Eren, kämpfte unterdessen mit Pieck und den Arbeiter-Titanen. Und der Gepanzerte Titan versenkte die Zähne im Nacken des Weiblichen.
Es kehrte also endlich wieder Ordnung ein.
Zeke trat an die gebeugte Gestalt des Gepanzerten heran, der sich nun wieder aufrichtete und sich zu dem Tier-Titan umwandte, mit blutbespritzter Eisenmaske. Fetzen von dampfendem Fleisch hingen zwischen seinen Zähnen, zusammen mit einem leichenblassen Arm, und seine Kiefer schienen zu mahlen. Er arbeitete wie jemand, der ein zähes Stück Steak zu kauen versuchte und es unentwegt mit der Zunge im Mund herumschob.
„Du verschlingst sie nicht etwa?", fragte Zeke ohne große Besorgnis. Es wäre eine belustigende Vorstellung, einen mordlustigen Reiner vor sich zu haben.
Der Gepanzerte schnaubte und schüttelte den Kopf. Er öffnete seinen Mund, griff mit Daumen und Zeigefinger hinein und holte etwas hervor, das wie heller Quarz glänzte. Er reichte es Zeke, der das frisch kristallisierte Stück annahm. Es war nicht so gläsern wie Zekes eigener Härtner, sondern undurchsichtig. Eher wie Metall anstatt Kristall.
„Gut. Und nun, reiche mir etwas von deiner Schulter."
Zeke kristallisierte die Finger seiner rechten Hand. Seine Wurfsteine lagen noch oben auf der Mauer, und mit den bröckeligen Trümmern wollte er sich auch nicht mehr abgeben. Damals bei der Burgruine, bei seiner ersten Begegnung mit seinen Kriegern, hatte er eine bessere Alternative gefunden. Er bohrte die Finger in die Panzerung seines Untergebenen, und sie platzte in scharfkantige Schollen auf. Eine dieser Scherben riss er frei, nahm Ziel und warf.
Der Gründer-Titan war sich des heranfliegenden Geschosses erst bewusst, als es in seinen Hinterkopf eindrang und durch seinen Schädel hackte. Der obere Teil glitt herunter.
Der Gründer brach zusammen. Wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt worden waren.
Hinter Zeke, an der Mauer, schrie einer der Soldaten auf. Es war ein heller Schrei, ohne Zweifel das Mädchen. Oh, wie er sich seine Steine wünschte.
