Es wiederholte sich alles.

Wie in Shiganshina. Erneut wurde Annie besiegt, aus ihrem Nacken gebissen, und fand sich im Rachen ihres Feindes wieder.

Und wieder verstehe ich nicht, warum er es nicht einfach zuende bringt. Was Reiner getan hatte, begriff sie nicht: Anstatt sie mitsamt dem Stück Fleisch, in dem sie gesteckt hatte, in Titanenstein zu packen, hatte er sie mit der Zunge hervorgepuhlt, wie den Kern einer Kirsche. Dann hatte er sie unter der Zunge verborgen, während er das Fleisch mit Kristall überzogen hatte.

Zeke bekam nur ein taubes Ei in die Hand, und Annie blieb in seinem Mund zurück, unter der Zunge liegend und mit dem Kopf gegen die Innenseiten seiner Eckzähne stoßend. Dabei lag sie auf der Seite, wo ihr der Arm fehlte. Dumpfer Schmerz pochte im Stumpf. Sie wollte sich drehen, doch das Gewicht lastete schwer auf ihr, wie eine rohe Rinderhälfte.

Nun klappte der Mund wieder zu. Die Zahnreihen schlossen sich, und es wurde dunkel bis auf ein paar wenige Risse Tageslicht. Die Zunge spatelte sie auf, drückte sie gegen die Unterseite des Gaumens.

Tief unten aus dem Rachen heraus kletterte ein Geräusch. Es war das saugende Verrutschen von Fleisch und Muskeln, die sich teilten. Kurz darauf war Reiners Stimme zu hören. Er musste etwas wie einen Tunnel zum Hals geöffnet haben.

„Hast du Berthold wirklich gefressen?" Durch die Akustik der Kehle und des Rachens warf seine Stimme ein schwaches Echo.

Annie gab ein Knurren von sich. Das schon wieder. Musste sie sich erneut erklären, wie vor Jean? Glaubte jeder ihrer Kameraden, ob ehemalig oder nicht – so genau konnte sie gerade gar nicht mehr sagen, wer wie zu benennen war -, dass sie Berthold wirklich verschlungen hätte, zerkaut und alles? Dass sie kalt genug war, dies zu tun?

Möglicherweise, dachte sie bei sich. Möglicherweise habe ich selbst dafür gesorgt, dass sie so von mir denken.

„Sag es mir direkt."

„Ich habe ihn nicht", sie betonte das nicht, „gefressen. Ich habe ihn in Titanenstein eingeschlossen und im Ganzen verschluckt. Er liegt noch immer in meinem ... – im Bauch meines Titanen."

Ein herzhaftes Aufatmen. „Den Mauern sei Dank."

Sie schnaubte. „Bist du erleichtert? Wie schön. Und nun?"

Der Gepanzerte setzte sich in Bewegung. Er tat mehrere Schritte, schien sich dann zu bücken. Fledderte er gerade ihre Leiche?

Piecks Titanenstimme gesellte sich dazu. „Guter Einfall."

Offenbar war er fündig geworden.„Wie seltsam friedlich. Er sieht aus wie jemand, der sich seiner größten Angst gestellt hat."

„Was?"

„Sein Gesichtsausdruck. Er hat sie dir gestanden, nicht wahr? Seine Gefühle?"

Dein Ernst? Er schwafelte. Hatte vielleicht wieder einen Anfall. Schlug den Ton eines Mannes an, dem angesichts heldenhafter Tapferkeit das Herz aufging.

„Du sagtest Nein?"

Wollte er sie ärgern? Oder wollte er dies wirklich wissen, genau hier und jetzt? Annie schwieg dazu. Verweigerte sich diesem Gespräch. Stattdessen atmete sie tief durch und lauschte auf ihr Innerstes. Konnte sie noch ein weiteres Mal wandeln? Wenn sie es schaffte, würde sie aus dem Schädel des Gepanzerten platzen wie aus dem Inneren einer Nuss. Doch sie fand wenig, zu wenig. Der Tag war lang gewesen, und die Tage davor schlecht. Mit dem abgebissenen Arm fand sie nicht mehr genug Kraft, ein weiteres Mal ihren Titan zu rufen.

Draußen war es ruhig. Annie glaubte, vorhin Mikasa schreien gehört zu haben. Wahrscheinlich war auch Eren inzwischen besiegt. Sie presste einen Fluch zwischen den Zähnen hervor.

Reiner sprach nach einigen Augenblicken von selbst weiter. Seine Stimme hatte etwas Freies, Heiteres an sich. „Wir sind alle nur Massenmörder mit kurzen Leben. Die füreinander da sein sollten, anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen." Es schwang nur Bedauern in diesen Worten durch. Annie wartete auf Vorwürfe und offenen Hass. Beides kam nicht. Es wurde ihr unheimlich.

„Ihr beide … ihr hättet euch wunderbar ergänzen können, weißt du? Das Schicksal des jeweils anderen verstehen."

Oh, halt dein Maul. Wollte er sie nun foltern? Er hatte die passenden Hebel dazu durchaus gefunden.

„Manche von uns", versetzte sie widerwillig, „haben wichtigere Dinge im Kopf als die Frage, mit wem sie an ihrem Lebensabend auf einer Parkbank sitzen, Reiner. Ich habe eine Aufgabe, Reiner, die ich für meinen Vater erfüllen muss. Oder eher musste. Denn nun scheint das wohl Geschichte." Sie wurde ein wenig lauter. „Und stell dir vor, auch Berthold hat klar gemacht, dass er sich nicht gegen seine Familie stellen kann! Das mag für dich nicht verständlich sein, du Romantiker, doch bei anderen ist es eben so!"

Darauf kehrte Ruhe ein. Wenn auch nur kurz. Doch zumindest wechselte Reiner nun das Thema. Er redete wie ein alter Mann auf seinem Totenbett.

„Ich habe mich lang gefragt, ob sich all dies auch so entwickelt hätte, wenn Marcel noch hier wäre. Und ich kam zu dem Schluss: Nein. Wohl nicht. Er hätte gewusst, wie er unsere Gruppe zusammenhalten musste.

Ich dagegen? Ich wußte es nicht. Obwohl ich es wollte. Ich habe ein guter Anführer sein wollen. Doch es gelang mir nicht. Fehler passierten. Gleich zu Beginn, als ich ein Feigling war und rannte, während Marcel verschlungen wurde."

„Du hast mich vor Zeke verborgen, um mir das zu sagen?", fragte Annie kalt.

„Nein. Um dich zu retten."

Ungläubig starrte sie ins Dunkel. „Was?"

„Später, wenn wir unbeobachtet sind, werde ich dich irgendwo absetzen. Dann kannst du gehen, wohin du magst. Du könntest das Meer überqueren und nach Marley gelangen, oder du bleibst hier. Du könntest der neue Wächter-Titan von Paradis werden." Diese Idee belustigte ihn offenbar.

Annie ignorierte seinen Vorschlag. Sie konnte nicht fassen, was sie da hörte. „Du wirst dafür gerade stehen müssen, Zeke getäuscht zu haben."

Reiner lachte leise. „Ja. Das werde ich aushalten müssen."

Er war verrückt. Da war sie sich hundertprozentig sicher. Sie hatte auch keine Ahnung, wie sie über diese Entwicklung denken sollte.

Plötzlich war da ein Knall, dann ein Licht. Stärkeres Licht, schlagartig. Sekundenkurz fiel es in scharfem Strahl zwischen den Zähnen des Gepanzerten hervor, der mit dem Kopf ruckte. Unwillkürlich presste er die Kiefer zusammen, wodurch er auch Annie stärker gegen die Gaumendecke drückte. Sie keuchte, als ihr die Luft wegblieb.

„Was – was passiert draußen?"

„Ymir."

Es wiederholte sich alles.

Wie im Wald der Riesenbäume. Erneut musste Mikasa mitansehen, wie Eren besiegt am Boden lag und ein Feind sich daran machte, ihn aus dem Fleisch seines Titanen zu holen. Gerade stapfte der Tier-Titan schwerfällig auf den zusammengebrochenen Leib des Angreifer-Titanen zu. Wenn er ihn gleich in seinem Maul verschwinden lassen würde wie Annie damals … Nein, das ertrug sie nicht! Sie würde es verhindern, zur Not dabei sterben. Auch wenn die Entfernung so unglaublich weit war und auf dem Weg dahin kaum noch ein Holzbalken aufrecht stand, an dem man sich hätte einhaken können. Mikasa war dennoch drauf und dran, sich von der Mauer abzustoßen und loszuschießen.

Der Hauptgefreite kam ihr in die Quere. Levis Schwert schwenkte vor ihr in die Höhe, wie eine Schranke. „Lass es! Du bist ihm unterlegen wie ein Kind."

Mikasa musste sich beherrschen, das Schwert nicht beiseite zu fegen. An dem Tag, an dem ihre Eltern ermordet worden waren, waren Eren und sie auch nichts anderes als Kinder gewesen. Das Wissen, unterlegen zu sein, sollte sie nun nicht aufhalten.

Levi war von geradezu ekelhafter Ruhe. Direkt nachdem der Gepanzerte ins Geschehen geplatzt war und die beiden Kundschafter sich aus dem Gerangel der Titanen lösen mussten, hatte er sich in völligem Gleichmut an die Mauer gesetzt. „Dieses Affentier ist wohl doch noch zu früh für mich", hatte er bemerkt. Das Bein, welches im Wald der Baumriesen verletzt worden war, hatte leicht gezittert.

Mikasa hatte bereits versucht, ihm gegenüber offener und toleranter zu sein. Nachdem Eren mit Annie zurückgekehrt war und sie ihr Quartier in Stohess bezogen hatten, hatte sie sich sogar von ihm unterrichten lassen. Seine Kampftechnik hatte sie gern und gut übernommen, doch was die Persönlichkeit anging, kamen sie einfach nicht auf den gleichen Nenner.

„Wir müssen aber doch weitermachen!" Sie flehte ihn förmlich an. Sein Gesicht blieb eine Maske.

„Wir machen ja auch weiter", sagte er, „Aber nicht jetzt."

„Wann dann?"

„Rauf auf die Mauerkrone." Levi zeigte nach oben. „Wir schlagen zu, sobald sie wieder verschwinden wollen."

Mikasa wurde schlecht. Das klang nach einem Angriff im letzten Moment. Der Feind musste die Mauer nicht erklimmen, es gab schließlich ein geräumiges Loch. Die letzte Chance, auf die der Hauptgefreite setzen wollte, wäre rasend schnell vorbei.

„Soll ich nicht besser jetzt und Ihr wartet eben -"

„Allein macht es keinen Sinn", unterbrach Levi sie kühl. „Nur zu zweit gäbe es überhaupt eine Chance. Vorwärts." Er zog die Klinge wieder weg, richtete sich behände neu aus und begann, die Mauer zu erklimmen.

Mikasa starrte ihm nach, mit Angst im Bauch. Dann folgte sie ihm. Bis plötzlich ein Knall ertönte, gefolgt von einem Aufbrüllen. Mikasa bremste scharf, mitten im Aufwärtsklettern, und schlug die Fersen gegen die Mauer. Sie verdrehte sich fast den Hals, so abrupt blickte sie sich um. Ein Blitz war direkt vor dem Tier-Titan aufgeflammt, und vor Überraschung musste der Affe aufgeschrien haben. Im ersten Moment glaubte, nein, hoffte Mikasa, dass Eren zur Besinnung gekommen wäre und eine weitere Wandlung geschafft hätte. Doch als der Tier-Titan seinen Arm zur Seite riss, als hätte er einen heißen Ofen berührt, sah sie den wahren Auslöser.

„Ymir!"

Es wiederholte sich alles.

Wie bei Utgard. Eren Jäger, glorreicher Kämpfer der Menschheit, brauchte Hilfe. Und es oblag Ymir, der weit weniger glorreichen Überlebenskünstlerin, ihn zu retten. Erneut direkt unter den Augen des mörderischen Monsteraffen.

Schon auf die Aussicht, zusammen mit Annie und Eren gegen ihn zu kämpfen, hatte Ymir nicht in Jubel ausbrechen lassen. Doch Abteilungsleiterin Hanji war eisern und bestimmt gewesen in ihren Befehlen. Hanji hatte von der Waffenkammer aus mit einem Ferngals beobachtet, wie der Weibliche Titan und der Angreifer sich dem Kampf stellten, und Ymir sofort hinterher gesendet.

„Ymir! Du bist die Trumpfkarte!"

„Schon wieder?"

„Immer noch!"

Ymir hatte gehofft, ihre Schuldigkeit getan zu haben, indem sie gegen Reiner gekämpft hatte. Doch offenbar war dem nicht so gewesen.

„Mein Manövergerät ist beschädigt", hatte sie eingewandt. Vom Tor bis zur Waffenkammer war sie bereits mit einem anderen Soldaten geflogen.

„Jemand gibt dir seins. Jetzt schnell!"

„Ich höre schnell?" Alica war angerannt gekommen. Hatte schon im Laufen ihr Manövergerät losgeschnallt. „Nimm meins!"

Ymir hatte sich also gefügt. Das Schicksal wollte es offenbar. Sie bekam das Manövergerät, das so eigentümlich aussah mit seinen Gravierungen und Schnörkeln und Federn. Während man ihr in aller Eile geholfen hatte, es anzulegen, hatte Hanji ihr rasch noch Anweisungen mit auf den Weg gegeben.

„Höre: Wenn sie alle noch kämpfen, wenn du sie erreichst, dann unterstütze sie! Sollte aber Eren zu Boden gehen, dann hole seinen wahren Körper und bring ihn hierhin!"

„Klar", hatte Ymir erwidert. „Und bezüglich Annie?"

„Eren ist der Wichtige."

Irgendetwas hatte die Brillenschlange aufgescheucht. Hanji war seltsam energisch gewesen. Ymir hatte sie schon immer für jemanden mit Sprung in der Schüssel gehalten, doch auf dem Dach der Waffenkammer war es besonders heftig gewesen. Lag es an dem Büchlein, das Jean und Genossen ihr angeschleppt hatten? Oder an dem, was Armin gesagt hatte?

Das gefiederte Manövergerät war wirklich schnell! Ymir war überrascht. Sie flog wie mit Rückenwind, fühlte sich so viel wendiger und sicherer! Wo hatte Winter es bloß her? Und wo bekam sie, Ymir, auch so eins? Sie flog zielstrebig wie ein abgeschossener Pfeil die Straße entlang. Und während sie noch flog, wechselte die Strömung des Titanen-Kampfes auf brachiale Weise. Zuerst ging Annie zu Boden, dann wurde Eren aus dem Kampf genommen. Erneut mit einem Wurfgeschoss aus Plattenpanzerung! Die improvisierte Waffe durchschlug den Schädel des Angreifer-Titanen und schwirrte danach noch weiter, auf Ymir zu. Diese wich gerade rechtzeitig aus, indem sie hochzog und sich seitlich über ein Dach warf, hinein in die nächste Straße. Scheppernd hörte sie die Platte auf dem Kopfsteinpflaster aufschlagen.

Scheiße! Ymir wußte, ihre Aufgabe war nun klar. Es war die Schwerer von beiden. Sie schoss weiter die Straße entlang, mit dem wachsenden Gefühl von Unmut im Bauch.

Der nächste Sprung war weit. Von den letzten Häusern vor der großen Zerstörung bis hin zum gestürzten Leib des Angreifer-Titanen. Der Affe hatte sich Eren bereits genähert, mit schwerfälligen Schritten, und ragte nun über ihm auf. Ymir fürchtete, er könnte sie sehen, doch er war zu fixiert auf sein Opfer. Er fasste den Kopf des Gefallenen, zog ihn nach vorn und legte den Nacken frei. Mit der freien Pranke und den Fingern, die kalt und metallisch zu glimmen schienen, schlitzte er durch die Haut und das Fleisch darunter. Tastete. Suchte, Wühlte. Packte fest zu und zog. Mit spitzen Fingern holte er Eren aus dem Nacken hervor.

Ymir, mit einem besonders starken Gasschub durch die Luft segelnd, biss in ihre Hand. Ein gleißender Blitz umgab sie und kochend heißes Fleisch, und als klauenbewehrtes Monster landete sie auf dem Rücken des Angreifer-Titanen. Sie klimmte daran empor wie ein Eichhörnchen, schoss dem vom Blitz überraschten Affen entgegen und schlug die Zähne in den Körperteil, der ihr als Erster in die Quere kam.

Ymir schloss die Kiefer um die Finger, die Eren umfasst hielten. Um alle Finger, bis hoch zur Hand, und als der Tier-Titan den Arm zur Seite riss, biss sie zu!

Knochen brach. Die Zähne fuhren wie Keile durch die Knochen, durchtrennten sie. Ymir wurde zur Seite geschleudert, den Mund voller Affenfleisch. Sie landete in den Trümmern, auf allen Vieren, und starrte um sich. Alles starrte zurück. Der Gepanzerte mit leerem Maskenblick, die beiden anderen erheblich erschrockener. Ymir fühlte sich wie die Katze, die auf den Küchentisch gesprungen war, um ein Hühnerbein zu stehlen.

Als der Tier-Titan aufbrüllte und der Vierbeinige vorwärts hechtete, fuhr sie herum und rannte. Wie ein Hund hetzte sie durch das kurze Stück des Trümmerfelds, das sie von den Häusern trennte, und zwischen den Beinen eines 30-Meter-Titanen hindurch.

Schwere Schritte folgten. Sie schaute nur ein einziges Mal über die Schulter. Der Vierbeinige Titan platzte von der Seite her in die Straße und riss eine Hausecke weg, während er vorwärts preschte.

Ymir floh, wobei sie einzelne Stücke der Affenhand ausspuckte. Sie wählte die Hasentaktik und huschte im Zickzack umher, bog in jede Abzweigung ein und hörte die Verfolger dennoch näher kommend. Sie sah die hoch über die Dächer aufragenden Geistlosen, die ihr nun ebenfalls nachsetzten, und auch den Gepanzerten. Doch am Hartnäckigsten war der Vierbeinige! Ymir gelang es nicht, ihn abzuschütteln, und spürte den hechelnden Atem in ihrem Rücken.

Bei der nächsten Wendung erkannte sie, dass sie wohl im Kutscher-Viertel gelandet sein musste. Vor ihr öffnete sich das Gelände zu einem weiten, offenen Rund, welches vollgestellt war mit Kutschen und Wagen. Sie turnte darüber hinweg, schleuderte einige Fuhrwerke auch nach hinten und in den Weg der Verfolger. Dann huschte sie durch ein offenes Doppeltor, welches in die Ställe führte.

Keine Pferde waren mehr darin. Ymir schlug im Vorüberrennen die Klauen in die Balken, welche das zweistöckige Gebäude trugen. Als der Vierbeinige Titan ihr nachstürmte, brach der Stall über ihr zusammen wie ein morscher Schuppen im Sturm.

Ymir glaubte nicht, dass Holz ausreichen würde, dieses monströse Rennpferd für längere Zeit aufzuhalten. Sie kam dennoch zum Stehen. Und spie aus, was sie mit sich schleppte. Dampfende Finger plädderten zu Boden, und mittendrin lag Eren, der sich schwach regte.

Ymir löste sich von ihrem Titan. Sie kletterte aus dem Nacken hervor und ließ sich zu Boden gleiten. „Eren!", zischte sie dabei mit unterdrückter Lautstärke. „Eren! Steh auf!"

Der andere Wandler hob den Kopf und starrte sie an wie eine himmlische Erscheinung. „Was … ist passiert? Haben wir Reiner -"

Sie zog ihn ruppig auf die Beine. „Reiner? wieso Reiner?" War er gedanklich noch beim Gefecht am Westtor? Es musste ihr egal sein. Ymir warf dem zusammengebrochenen Stall einen raschen Blick zu. Die Trümmer regten sich, der Vierbeinige Titan würde rasch wieder zum Vorschein kommen. „Aufsteigen, los! Auf meinen Rücken!"

Eren tat, wie geheißen. Er war in seiner Verwirrung folgsam wie ein Schaf, und Ymir schoss die Haken ab und erhob sich mit ihm in die Lüfte. Gerade rechtzeitig, ehe der Vierbeinige aus dem Stall hervorbrach und sich auf die leere Hülle des Kiefer-Titanen stürzte. Er drückte sein vermeintliches Opfer mit den starken Vorderarmen zu Boden, ehe er feststellte, dass er eine leere Hülle gefangen nahm.

Ymir und Eren schwirrten längst an anderer Stelle durch die Straßen, der Waffenkammer entgegen.

Hoffentlich würden sie nun einfach fliehen.

Es durfte sich nicht wiederholen.

Bei Utgard hatten sie Reiner Braun und Berthold Fubar gefangen nehmen wollen, und der Tier-Titan war ihnen im letzten Moment in die Quere gekommen. Nun verfolgte Hanji durch ihr Fernglas, wie der Affe selbst erst in der Klemme steckte und dann seinerseits gerettet wurde – vom Gepanzerten. Bei der Burgruine waren sie geflohen, überrascht und unvorbereitet. Nun durften sie nicht noch einmal fliehen.

Leider war Flucht genau das, was beredet wurde. Auf dem Dach der Waffenkammer, die wie eine steinerne Schatztruhe im Herzen von Stohess saß, kreiste der Wunsch nach Rückzug. Zunächst hinter vorgehaltener Hand, dann immer lauter.

Die Umstehenden konnten auch ohne Ferngläser erkennen, was vor sich ging. Ein erschrockenes Raunen ging um, das sich zu erschrockenen Schreien steigerte, als zunächst der Weibliche und dann Erens Titan niedergestreckt wurde.

„Fehlschlag." Hanjis Stimme klang ihr selbst fremd, monoton und metallisch.

„Scheiße!" Jean Kirstein wurde laut. „Verfluchte Scheiße! Das kann jetzt nicht!" Er hämmerte mit der Faust auf die Brüstung, welche das Dach der Waffenkammer umfasste, und stöhnte im nächsten Moment schmerzverzerrt auf.

„Angreifen hätten wir sollen", sagte Hannes Murner, „Alle zusammen!"

„Massenangriffe sind nutzlos auf dem Trümmerfeld", hielt Gildwart Äugler aus der gleichen Einheit missmutig dagegen. „Erwin Smith hat das auf die bittere Art lernen müssen."

Da hatte er recht. Hanji wünschte, der Kommandant wäre nun hier. Doch es war fraglich, ob er überhaupt noch lebte. Vorhin hatte sie kurz Hoffnung gehabt, als eine rothaarige Soldatin, die mit Jean gekommen war, jemanden mit „Grüße Sie, Kommandant" angesprochen hatte. Doch als sie sich umgedreht hatte, war es bloß Nile Dawk gewesen.

„Was dann?", fragte jemand anders. „Ziehen wir uns zurück?"

Stimmen wurden laut, die forderten, dass man sich nun zur Westmauer begeben, sie erklimmen und sich ins Sina-Territorium retten sollte. Einige beklagten, dass den Bürgern von Stohess diese Möglichkeit verwehrt bliebe. Andere erwiderten, dass Stohess immerhin eine Mauerstadt war – war es nicht stets mit Risiko verbunden gewesen, hier zu leben? An der Mauer Sina war dieses Risiko natürlich nur Formsache gewesen, bis vor fast zwei Monaten.

Hanji drehte sich nach einem der Sprecher um, um ihm ins Gesicht zu raunzen. Doch in diesem Moment schrien die Leute auf, welche die Front beobachtet hatten.

„Da ist was!"

„Noch ein Titan! Der kleine Hässliche!"

„Ymir hat ihn!", krähte Sasha.

Hanji fuhr herum und sah den Kiefer-Titan, der sich gerade vom Arm des Tier-Titanen losriss. Er landete leichtfüßig wie eine Katze und begann eine wilde Flucht vom Trümmerfeld herunter, hinein in die Straßen. Offenbar schlug sie einen wilden Zickzack-Kurs ein, um den Verfolger auf Abstand zu halten, doch sie kam sicherlich hierher.

Gut. Es war der wackligste Moment gewesen. Hanji hatte plötzlich das Gefühl, gerade ein Drahtseil überwunden zu haben, welches über einer Schlucht hing.

„Was ist passiert?", rief eine Frau von der Mauergarnison. „Haben wir unseren Titan wieder?" Als die Leute um sie herum nickten, war ihre Stimme hell vor Erleichterung. „Dann können wir doch jetzt verschwinden!"

„Nein." Hanji schrie nicht, aber sprach energisch genug, sodass sich die Soldaten in nächster Umgebung zu ihr umwandten. „Wenn wir jetzt verschwinden, kehren wir nie wieder. Wenn wir jetzt fliehen, war alles heute umsonst."

„Aber das Wissen!", begehrte einer der Soldaten mit schriller, banger Stimme auf. „Wir wissen nun, wie sie vorgehen! Beim nächsten Mal werden wir -"

„Nur Wissen ist bedeutungslos!" Dies zu sagen, schmerzte Hanji. Es kratzte in der Kehle. „Wir haben jahrelang Wissen gehortet. Wir sind auf einen Schatz an Wissen gestoßen und haben ihn geplündert! Wir wissen genau hier, genau jetzt, alles, was wir wissen können! Entweder halten wir uns nun mit beiden Händen an unserer Soldatenpflicht fest, oder wir sind wandelnde Tote."

„Festhalten!", begehrte ein Militärpolizist auf. „Ist das alles?"

„Wir sind auf der vermaledeiten Waffenkammer!", herrschte Hanji ihn an. „Macht Kanonen klar! Eren wird zu uns kommen, und somit auch der Feind!"

Gildwart kam ihr nun zu Hilfe. „Sie hat recht. Bald konzentriert sich dieses haarige Biest auf uns. Also los, die Kanonen aufs Dach!" Er fing an, wahllos auf Gruppen durcheinandergewürfelter Soldaten zu zeigen. „Ihr, an die Flaschenzüge! Ihr, ins Pulverlager! Ihr, aus dem Weg da!"

Hanji nickte dem Hauptmann zu, ehe sie sich nach den Leuten umdrehte, die sie nun brauchte.

„Jean-Trupp, zu mir."

Sie schaute in die Gesichter der jungen Leute, die nun zu ihr kamen. „Ich habe nicht gedacht, wie praktisch es werden sollte, euch alle unter einem Trupp zu versammeln. Verzeichnen wir es als eine meiner wenigen, guten Entscheidungen." Ihr Lächeln war spröde und flüchtig, die Fröhlichkeit nur allzu deutlich aufgesetzt. Hanji hatte sich jahrelang an den Vorsatz gehalten, auf andere Art an die Dinge zu gehen. Einen anderen Blickwinkel zu suchen, in welcher Situation auch immer. Hier und jetzt aber fiel das schwer. „Hört gut zu. Armin! Wiederhole, was du vom Pfarrer erfahren hast."

Armin spulte es herunter. „Pastor Nick sagte, dass die Informationen, die wir suchen, bei einer ganz bestimmten Person zu finden seien." Er wandte sich an Historia. „Christa Lenz."

Auf dem falschen Fuß erwischt, riss Historia die Augen auf. „Bei mir?"

Armin zuckte mit den Schultern. „So sagte er."

„Aber ich habe doch keine Ahnung. Wirklich! Ich hätte etwas gesagt."

Hanji nahm das Wort wieder an sich, ehe Historia erneut sprechen konnte. Sie fühlte sich offenbar angeklagt. „Präziser, er meint deine wahre Familie. Reiss." Sie hielt das Tagebuch hervor, zerschlissen und durchlöchert, welches Jean und seine Kameraden erbeutet hatten. Auch die Papiere, die Alica gebracht hatte, hielt sie hoch. „Was er sagt, deckt sich mit dem, was auf diesen Papieren steht. Die Handschrift darauf wiederum passt zu den Tagebüchern, die uns bisher nützliche Informationen gaben."

„Und was steht dort?", fragte Historia.

„Erens Vater hat offensichtlich Ahnenforschung betrieben", fuhr Hanji fort, „und hat herausgefunden, dass ein falscher König auf dem Thron sitzt. Die wahre Königsfamilie ist Reiss – und nur ein Mitglied dieser Familie kann die Kommando-Fähigkeit wirklich einsetzen. Ihnen, der Familie Reiss, gehörte der Gründer-Titan, der durch Grisha Jäger gestohlen wurde."

Historia brauchte einen Moment, bis sie begriff. Sie wurde bleich. Unter den restlichen Mitgliedern des Jean-Trupps machte sich Unruhe bereit.

„Also", fragte Connie, „hat Eren diese Kommando-Zauberei nie anwenden können?"

„So sieht es aus", antwortete Hanji. Sie blickte wieder auf Historia. „Du aber könntest es. Wenn du ..."

„Ja." Historia nickte langsam. „Wenn ich zum Titan werde und Eren fresse."

Eisige Stille machte sich breit, inmitten der hektischen Betriebsamkeit der anderen Soldaten.

Hanji schob das Buch und die Papiere in ihre Tasche zurück. Stattdessen holte sie eine längliche, hölzerne Schachtel hervor.

„Drogen?", fragte Jean.

„Rückenmarksflüssigkeit." Hanji öffnete den Behälter und holte die Spritze hervor. „Abgezapft während einem unserer Experimente. Es stammt von Eren."

Bereits das erste Wort hatte den Umstehenden Schauer über den Rücken gejagt.

Historia starrte die Spitze an, als wäre sie mit Gift gefüllt. „Es ist also wirklich so? Es ist der einzige Weg? Zum Titanen werden, Eren fressen?"

Hanji war in diesem Moment froh, dass Mikasa nicht anwesend war. Auch dass sie Ymir fortgeschickt hatte, mochte sich gerade als Vorteil erwiesen haben. „Ich fürchte, ja."

Jean räusperte sich. „Darf ich etwas sagen?"

„Sprich. Innerhalb dieser Mauern sind wir vermutlich diejenigen, welche die meiste Zeit mit Titanenwandlern verbracht haben. Wenn jemand also von Gleich zu Gleich diskutieren kann, dann sind das wir."

„Ganz rational überlegt", erklärte Jean daraufhin, „Eren selbst hatte sich bei seinen allerersten Wandlungen nicht unter Kontrolle. Was, wenn es bei Historia genauso ist?"

„Darauf können wir keine Rücksicht nehmen", erwiderte Hanji sachlich. „Es ist eine Frage des Jetzt oder Nie. Wir haben nur diese eine Gelegenheit."

Plötzlich gab Armin ein hektisches Gestotter von sich, aus dem sich erst nach mehreren Momenten verständliche Sätze formten. „Warte-Warte-Warte! Es gibt noch einen anderen Weg!" Alle Köpfe fuhren zu ihm herum. „Annie behauptete steif und fest, dass Eren das Kommando in Shiganshina eingesetzt hätte! Und dort war auch ein Titan, der früher eine Fritz gewesen ist. Dina Fritz, die erste Frau von Grisha Jäger! Fritz wie in König Fritz! Dina hatte königliches Blut!"

Hanji erinnerte sich daran, wie vehement Annie stets gewesen war, wenn es um das Kommando ging. Sie war starrköpfig überzeugt gewesen, dass Eren es benutzen konnte, und hatte ihn während der Experimente regelmäßig halb totschlagen wollen, wenn es ihm nicht gelang. „Du denkst, dass es reicht, nahe dran zu sein?"

„Vielleicht haben sie sich berührt, ja!"

Historia hatte für einen kurzen Moment hoffnungsvoll dreingeschaut. Nun fiel dieser Gesichtsausdruck wieder in sich zusammen und machte Beklommenheit Platz. „Es führt also kein Weg daran vorbei, ein Titan zu werden?" Es mischte sich unterdrückter Zorn in ihre Stimme. „Verflucht ..."

„Du wirst wieder zum Menschen", erklärte Hanji rasch, „Keine Sorge! Wir werden dich nicht so bleiben lassen. Wir werden einen gefangen genommenen Wandler benutzen."

„Das macht es nicht besser!", fauchte Historia unerwartet heftig. „Kein Stück! Wir wissen alle, was es bedeutet, ein Wandler zu sein." Sie starrte um sich. „Es geht um eine Kraft, für die niemand den Preis zahlen will. Oder nicht?"

Niemand antwortete.

„Würdet ihr es tun, wenn ihr an meiner Stelle wärt?", fragte Historia bitter. „Sagt! Und seid ehrlich."

Langsam schüttelten sie alle die Köpfe, einer nach dem anderen.

„Die Frage", sagte Hanji da, „ist nicht, ob sie es täten. Tust du es?"

Historia verengte die Augen. „Die liebe Christa", erwiderte sie, und der Zynismus triefte förmlich aus ihrer Stimme hervor, „Was sollte sie sonst tun." Sie nahm die Spritze.

In diesem Moment erhob sich einmal mehr Geschrei. „Er kommt! Das krabbelnde Ding kommt!"

Hanji schaute über die Brüstung. Gut sichtbar stürmte der Vierbeinige Titan nun direkt auf die Waffenkammer zu. Griff er sie direkt an? Nein, er jagte noch immer Ymir. Und die Gejagte schoss nur Momente später bereits die Außenmauer empor, mit Eren auf dem Rücken.

„Er kommt!", schrie auch sie, „Vorsicht!"

Der Vierbeinige Titan sprang einfach an dem Gebäude hinauf. Er stieß sich kräftig ab, hämmerte die Vorderbeine über die Brüstung und auf das Dach. Ein unglückseliger Soldat wurde sofort zerquetscht, einem Zweiten wurden die Beine gebrochen, als er aus dem Weg hechtete.

„Hoch!", rief Hanji, „Hoch! Und Angriff!"

Der Titan schien überrascht, als sich die Soldaten in die Luft erhoben wie ein Schwarm wütender Wespen. Hatte er sie am Ende erst bemerkt, als er schon halb auf dem Dach war? Er wollte sich gänzlich hochziehen und tastete wild nach einem Haltepunkt, doch dann hackten bereits Schwertklingen auf seine Arme ein.

„Das ist der Bastard von der Expedition!", rief ein Mann aus der Mauergarnison. „Rache für Alfred! Rache für alles!"

Rasch wurde es dem Vierbeinigen zuviel. Er trat mit den in der Luft hängenden Beinen gegen die Mauer und stieß sich dadurch wieder nach hinten ab. Dabei erschütterte er die Wand, sodass sie mit schwerem Krachen einstürzte. Ein kleiner Teil des Daches ging mit.

„Ein Glück, dass er nicht mehr gepanzert ist wie vorhin", rief Ymir, während sie landete. „So wie er jetzt ist, steckt er nichts weg. Nutzen wir die Chance und verschwinden!"

In einiger Entfernung zur Waffenkammer gab der Vierbeinige einen fast menschlich klingenden Schrei von sich. Der Tier-Titan, der ebenso wie die 30-Meter-Titanen zwischen den Häusern entlang stapfte, wurde zielstrebiger. Durch ein lautes Knurren gab er auch den Geistlosen zu verstehen, wohin sie gehen sollten. Sie hielten alle auf die Waffenkammer zu.

Hanji sah Ymir entgegen. „Wir werden nicht fortlaufen."

„Was?", platzte Ymir hervor. „Was tun wir dann?" Sie ließ Eren zu Boden gleiten. Und verkrampfte völlig, als ihr Blick auf Historia fiel. „Was tust du?"

„Wir sehen uns wieder, Ymir. Keine Sorge."

Wollte er noch einmal kämpfen?

Zeke sah die Wandlung, den Blitz auf diesem massiven, burgähnlichen Gebäude, und hielt inne. Der Angreifer-Titan zeigte ein weiteres Mal sein Haupt. Er rutschte an der Stelle herab, an der die Mauer eingestürzt war, und landete auf festem Boden.

Das war gut, denn der Kriegsherr war des Versteckspiels leid. Generell mochte er diese Schachpartie nun beenden. Er hatte kaum noch Figuren, die er einsetzen konnte. Stattdessen musste er selbst, schlicht und ergreifend unschlagbar, übers Feld ziehen und all die netten Figuren schlagen, die man ihm entgegen warf. Das langweilte ihn. Von der Mauer aus war das alles vergnüglicher gewesen. Keinen Finger rühren müssend, und zusehen dürfend, wie der eigene Plan mit dem des Feindes kollidierte. Zu sehen, wer die besseren Eldier hatte.

Er war auch erleichtert. Erens Retter hätte mit ihm auch die Mauer erklimmen und verschwinden können. Dann wäre die Sache von vorn losgegangen und mehr Mauerstädte hätten das Schicksal dieser einen hier erdulden müssen. Vielleicht steckte in Eren selbst ja eine Heldenseele, die so etwas kein weiteres Mal geschehen lassen würde. Nach all dem, was er von ihm gehört hatte, mochte das passen.

Den zweiten Titan bemerkte Zeke erst spät. Der Angreifer hatte diesen zweiten Titan, der wenigstens drei Köpfe kleiner war als er, mit einem einarmigen Schwitzkasten an seine Seite gepresst. Was sollte dies werden? Von wo kam der Zweite? Hatten die Soldaten einen der Ihren verwandelt?

Was nun? Zeke kam ein belustigender Gedanke. Glauben sie, wie ich Titanen schaffen zu können, die ihnen gehorchen? Wenn ja, war dies zum Scheitern verurteilt, und ohnehin ein nutzloses Unterfangen. Selbst wenn sie nun eigene Geistlose hätten, wären sie dennoch hoffnungslos unterlegen.

Der kleinere Titan mit langem, blondem Haar und schmaler Statur gehorchte Eren offenkundig nicht. Er wehrte sich gegen den Arm, der ihn festhielt, und biss sogar hinein. Eren beachtete diese Versuche, freizukommen, jedoch nicht. Er suchte Zekes Blick. Hob den Kopf in den Nacken. Und brüllte.

Ein Schrei wie eine Welle. Zeke starrte verblüfft. Er hatte wirklich verstanden, was Eren da von sich gegeben hatte. Nicht mit den Ohren, sondern mit dem Geist. Anders ließ es sich nicht formulieren. Es war ein Befehl, der nicht bloß mit den phyischen Sinnen aufgenommen wurde, sondern auch mit etwas dem Menschen völlig Unbekannten. Unbeschreiblich, unmöglich. Das Kommando.

Zekes Mitstreiter waren ebenso erstarrt wie er. Auch sie hatten den Schrei vernommen. Doch ganz offenbar hatte das Kommando keine Macht über sie. Nicht, wenn sie sich dem Befehl widersetzten. Um Wandler in die Knie zu zwingen, brauchte es vermutlich Übung.

Die 30-Meter-Titanen dagegen waren nicht immun. Sie fuhren zu Zeke herum. Ganz wie befohlen: Tötet den Tier-Titan.

Zeke sah sie kommen. Widerwillig empfand er Respekt gegenüber diesen Menschen, die irgendwie das Unmögliche geschafft hatten. Bis vor einigen Monaten noch hatten sie nichtmals gewusst, dass es Titanenwandler gab. Und nun hatten sie entschlüsselt, wie ein hundsgewöhnlicher Wandler die königliche Fähigkeit gebrauchte. Sie waren gut, das würde er ihnen lassen. Doch dann ließ er selbst die Stimme sprechen.

HÖRT NICHT AUF IHN! FRESST IHN, LOS!"

Es war wie mit dem Schrei des Weiblichen Titanen. Seine eigenen Kreaturen ließen sich einfach nicht gegen ihn drehen. Nichtmals vom Kommando. Zumindest nicht jetzt! Zeke hob die Hand in Richtung seines Halbbruders, während die Geistlosen wieder artig kehrt machten. „Bruder! Gut gespielt! Doch nun sieh ein, wenn du verloren hast."

Eren starrte grimmig, seine grünen Augen schienen wie Irrlichter zu flackern. Er brüllte nochmals.

Zeke ließ die Hand auf die Schulter des Gepanzerten niedersausen, mit gehärteten Fingern.

Wiederholung, Wiederholung", grollte er, „Nun gut, dann tun wir eben immer wieder das Gleiche. Doch was ich tue, KLAPPT IMMERHIN!" Er schleuderte die Panzerscherbe.

Und Eren duckte sich weg. Er zog den Kopf zur Seite und hob die Schulter, riss dabei seinen kleineren Titan nach unten, als wolle er ihn aus der Schusslinie bringen. Das Wurfgeschoss schnurrte über ihn hinweg.

Hoh." Zeke lachte leise. „Sag bloß, du lernst." Dann wurde ihm bewusst, dass Eren beim zweiten Schrei nicht das Gleiche gebrüllt hatte.

Da ist es wieder.

Eigentlich hatte Annie schlafen wollen. Dem dumpfen Rumoren des nachwachsenden Arms entkommen. Nicht miterleben müssen, wie dies alles letztlich ausging. Sie war auch weggedämmert, in den Halbschlaf hinein. Das Brüllen aber ließ sie die Augen aufschlagen.

Ein Schauern durchlief den Gepanzerten Titanen. Reiner spürte es ebenso.

„Da ist es wieder. Wie ein doppelter Herzschlag."

„Was … was hat er gesagt?"

„Hast du es nicht gehört?"

Die Mauer brach auf.