Knacken. Knirschen. Brechen.
Es begann in Nord und Süd, an den Längsseiten. Breitete sich aus, unaufhaltsam und rasant. Die Mauer, welche die Stadt umgab, erzitterte, splitterte und zersprang. In schweren Stücken krachte das Gestein zur Erde, platzte ab wie eine Schale. Titanen traten aus der Zerstörung hervor, kolossal und hautlos. Titanenstein mit der Farbe von Mörtel rieselte von ihnen ab, in feinen Körnchen und dicken Brocken.
Zeke Jäger verstand nicht. Er weigerte sich, zu verstehen. Er hatte diesen Kampf aufs Genaueste geplant, und es hätte nicht passieren dürfen, was nun passierte.
Die Mauer-Titanen bewegten sich so sicher, als hätten sie die ganze Zeit über auf genau diesen Moment gewartet. Ihre Schritte brachten den Boden zum Beben. Als sie vorwärts marschierten, vollendeten sie die Verwüstung, die Zeke und seine Armee hammerschwingender Riesen begonnen hatten. Die Mauer-Titanen aber waren noch gründlicher darin. Ihre massiven Füße hoben sich bei jedem Schritt über die Dächer, ehe sie dröhnend auf die Gebäude nieder gingen. Hütten und Prachtbauten wurden gleichermaßen niedergewalzt und platt getreten.
Zekes eigene Geistlose waren erneut unter dem Befehl Erens. Sie griffen sich gegenseitig an, doch diese Gerangel währten immer nur kurz. Die Mauer-Titanen kamen mit großen Schritten heran und beugten die Oberkörper. Arme wie Tentakel griffen herab. Sie fassten ihre Opfer an den Schultern und rissen sie in die Höhe, um ihnen mit bedächtiger Endgültigkeit in die Köpfe oder Nacken zu beißen.
Der Tier-Titan starrte in die Höhe. Erst im letzten Moment befreite er sich aus dem Gefühl der Versteinerung. Er duckte sich unter einer Hand, die mit suchenden Fingern nach ihm tastete. Sein Kopf arbeitete, seine Gedanken rasten. Er war der Kriegsherr, der Taktiker! Ihm musste doch etwas einfallen.
Zunächst dachte er daran, seine Geistlosen wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch Nein, sie waren ohnehin zu nichts nütze! Seine wunderbaren 30-Meter-Monster waren bis gerade eben noch ungeschlagen gewesen in allem, was Größe und Kraft anging. Es war dieser Vorteil gewesen, der Zeke so ruhig und siegessicher hatte handeln lassen. Er hatte sich hier austoben können, auf einer Spielwiese mit Feinden, die gerade gefährlich genug gewesen waren, um Spannung aufkommen zu lassen.
Doch was war nun daraus geworden? Jeder einzelne Mauer-Titan war stärker, und sie waren viele, viele mehr. Eren, Zekes werter Halbbruder, hatte plötzlich die besseren Spielzeuge.
Eren. Er wäre meine letzte Chance. Wenn Zeke ihn zu fassen bekam. Wenn er ihn nur verschlingen könnte! Dies würde das Blatt noch einmal wenden. Eigentlich hatte Zeke nicht vorgehabt, den Gründer zu fressen. Marley wäre dankbarer, wenn sie die Titanenkräfte auf mehr Wandler verteilen konnten. Insbesondere brauchte Zeke keine doppelte Kommando-Fähigkeit, mochte die des Gründers auch etwas nützlicher sein. Vielleicht sollten Pieck oder Reiner es tun. Marley wäre dann möglicherweise weniger verstimmt?
Seine innere Stimme knurrte, dass nun nicht die Zeit war, über ungelegte Eier nachzudenken. Schon wieder griff ein Mauer-Titan nach ihm! Zeke wich zurück, packte das Ende eines dicken Balken und drückte ihn in die Hand, die nach ihm griff. Die hautlosen Finger legten sich darum, wie aus Reflex. Zeke stieß sie kräftig beiseite, brachte sich außer Reichweite. Gleichzeitig starrte er suchend um sich.
Ich brauche meine Leute. Der Gepanzerte war noch immer ganz in seiner Nähe. Reiner versuchte in diesem Moment, wieder an seine Seite zu kommen. Ein treuer Schild, auch im dicksten Gefecht. Doch er war von zwei 30-Meter-Geistlosen umstellt, die ihn packen wollten. Sie kamen nicht dazu, weil die Mauer-Titanen sie vorher wegzerrten. Kurz war Reiner frei! Dann wurde er jedoch selbst gepackt. Unpassend klein wirkende Hände grapschten ihn und hoben ihn in die Höhe. Der Gepanzerte wehrte sich, doch die Hände ruckten und zogen an seinen Armen, seinem Körper, ganz geduldig und sorglos. Der Arm des Gepanzerten wurde verdreht, bis es knirschte, und dann abgerissen. Als würden einer Fliege die Flügel abgezupft.
Zeke gab den flüchtigen Plan, Eren zu fassen zu bekommen, auf. Wenn ich jetzt nicht renne, werde auch ich sterben. Er wandte sich stattdessen zur Flucht. Doch das Geschehen hatte ihn zu sehr abgelenkt, und eine weitere Hand fischte auch ihn in die Höhe, mit einem Griff, der stark war wie ein Schraubstock. Hochgezerrt wurde er, als seie er ein ungezogenes Kleinkind!
Erneut kam Hilfe. Pieck eilte auf ihn zu, den Leib dicht am Boden haltend. Sie duckte sich unter den schnappenden Fingern weg. „Kriegsherr!"
Schweren Herzens löste sich Zeke von seinem Titanenleib. Es war der Dritte gewesen, den er heute beschworen hatte. Für einen Vierten würde er keine Kraft mehr aufbringen. Doch immerhin auf Pieck war Verlass. Der Wandler riss sich die Muskel- und Nervenstränge vom Gesicht und dem Oberkörper, drängte zum Nacken hinaus und ließ sich fallen, während sein Titan noch in die Höhe gerissen wurde.
Wie ein gewöhnlicher Mensch, einem monströsen Maul entgegen.
Annie konnte sich nicht erinnern, je einen solchen Lärm gehört zu haben. Es war ein rollendes Krachen, als stünde sie in einem Tal, und von jedem Berg ringsum wälzten sich Felslawinen heran. Bedrohung von allen Seiten.
„Reiner! Was ist passiert? Ich will sehen, was passiert!"
Er antwortete nicht. War vielleicht zu sehr damit beschäftigt, zu überleben. Sie spürte die hektischen Bewegungen des Gepanzerten. Zwischen Zunge und Gaumen fühlte sie sich in diesem Moment gar nicht mehr gefangen oder eingezwängt, sondern eigentlich recht gut aufgehoben. Alles war besser, als wild im Mund des Titanen herumzuwirbeln und sich den Kopf an den Mahlzähnen einzuschlagen.
Ein Schlag traf den Gepanzerten. Erst ging es zur Seite, dann nach oben. Annies Magen machte einen Satz. Das Brechen von Panzerplatten und Knochen war zu hören, dann ein widerliches Reißen. Dann erschlaffte auch noch die Zunge. Annie hing noch einen Moment am Gaumen, dann fiel sie herab und landete dabei auf der Seite mit dem Armstumpf. Schmerzerfüllt stieß sie die Luft aus.
Plötzlich waren da ein Zischen von Gas, das Schnappen eines Ankers und der nasse Laut, mit dem sich die Widerhaken in Fleisch bohrten. Ein Manövergerät, ausgerechnet hier? Surrend wurden zwei Kabel eingeholt. Jemand stieg den Schlund des Titanen empor, von innen. Dann waren da Schritte auf dem schmatzenden Untergrund des Mundraums. Reiners Stimme erklang, kraftvoll und schallend. „Auf die Beine! Hoch, hoch, hoch!"
Hatte Reiner sich in seinen eigenen Titan hineingewühlt, anstatt ihn zum Nacken hin zu verlassen? Er musste einen Spalt zur Speiseröhre geöffnet haben und war dann mit dem Manövergerät aufwärts geklettert.
Das reißende Geräusch von Schwertern, die Fleisch zerteilten, war zu hören. Der Unterkiefer des Gepanzerten klaffte seitlich auf, und Licht strömte herein. Dieses Licht fing sich in den Klingen, mit denen Reiner auch auf der anderen Seite die Kiefermuskeln durchtrennte.
„Festhalten! Komm hoch und halt dich an mir fest!"
Halluzinierte sie? Ihr kam dies alles vor wie schon einmal erlebt. Sie war geblendet und sah Reiner nur als grobe Gestalt. Als sie sich aufrappelte, kam sie sich schwerfällig vor. Schlingernd stolperte sie Reiner entgegen, Einhändig griff sie in sein Gurtzeug. Mit den Beinen umklammerte sie seinen Unterbauch, verpasste ihm im Aufspringen unabsichtlich einen Tritt.
Reiner japste. „Ah! Wie eine Eisenstange in die Leber!"
Dann sprang er einfach ab, sich von den Schneidezähnen des Gepanzerten abstoßend.
Langsam nur beruhigte sich alles.
Irgendwann war in all diesem Chaos ein ordnender Befehl erklungen. Ein langgezogenes Brüllen, welches jedem Titan gebot, inne zu halten. Die Mauer-Titanen hatten in ihrem gemächlichen Tun gestoppt, hatten sich aufgerichtet. Und nun standen sie alle, wie sie seit über einem Jahrhundert gestanden hatten. Nicht mehr von Mauerstein umgeben zwar, aber still und starr.
Ein turmhoher Wald aus Denkmälern. Und jeder Einzelne blickte in Richtung der Stadtmitte.
Annie und Reiner hatten sich nach dem Sprung aus dem Mund des Gepanzerten dorthin gerettet, wo es am sichersten schien: Auf die Schulter eines Mauer-Titanen. Hier hatten sie den letzten Akt in diesem Kampf verfolgt, stumm wie die Geschöpfe, die dem ganzen Wahn ein Ende setzten.
Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es, bis sich die Staubwolken halbwegs lichteten. Es war inzwischen später Nachmittag, und die Sonnenstrahlen fielen in gänzlich neuen Bahnen. Besonders im Westen hätte längst der Schatten der Mauer Teile der Stadt bedecken müssen. Doch es gab dort keine Mauer mehr. Stohess war wie eine Lücke in der Mauer namens Sina.
Die beiden Wandler starrten auf das Ergebnis eines langen Tages.
„Was denkst du?", fragte Reiner schließlich. „Wie ist es zu diesem Wunder gekommen, das wir gerade bestaunen durften?"
Annie erwiderte nichts. Sie hatte keine Ahnung, warum Eren plötzlich doch das Kommando gemeistert hatte. Ja, es war wie in Shiganshina gewesen, darum hätte sie eigentlich gar nicht daran zweifeln dürfen, dass er es konnte. Doch er hatte es einfach kein weiteres Mal geschafft, bis heute nicht. Warum also genau jetzt? Nachdenklich presste sie ihren Armstumpf gegen die Brust. Der Heilschmerz hatte eingesetzt, mit einem ekligen Pochen. Sie spürte, wie der Unterarmknochen wuchs und sich dabei durch das Fleisch arbeitete.
Da sie schwieg, machte Reiner einen Vorschlag. „Vielleicht ist irgendwas mit Mikasa oder Armin geschehen … Irgendetwas, was ihn noch einmal motivierte?"
„Irgendwie glaube ich nicht, dass der selbstmörderische Bastard noch einen Motivationsschub brauchte."
In Shiganshina war er auch allein gewesen, ohne seine Freunde. Niemand war vor seinen Augen gestorben. Zumindest nicht direkt in jenem Moment. Der Tod des Levi-Trupps war da vielleicht noch frisch gewesen, doch selbst unmittelbar danach hatte er das Kommando nicht eingesetzt. Nein, Annie glaubte nicht, dass etwas Emotionales für diesen Durchbruch verantwortlich war.
Reiner stimmte zu. „Wohl wahr." Seufzend kratzte er sich am Hinterkopf. „Nun gut, wir werden das Rätsel nicht lösen, wenn wir bloß hier sitzen. Wollen wir uns an den Abstieg machen?"
„Von mir aus", erwiderte sie sachlich. Nachdenklich legte sie die Stirn in Fältchen. „Wohin wirst du nun gehen?"
„Mit dir natürlich. Ich ergebe mich. Bring mich zu deinem Anführer."
Sie riss die Augen auf. „Was? Du könntest verschwinden! Stattdessen willst du dich gefangen nehmen lassen?"
„Ja. Dir ging es doch auch nicht schlecht bei den Kundschaftern, oder?" Er wagte es, zu grinsen. Reiner sprach mit der gewohnten Unerschütterlichkeit, die Annie schon immer aufgeregt hatte. So selbstsicher benahm sich dieser Kerl, dass es – zumindest in ihren Augen – schon wieder unglaubwürdig wurde. Die Fassade vom starken Anführer war einfach zu perfekt. Natürlich hatten ihn die dämlicheren Rekruten, wie Eren und Connie, trotzdem angehimmelt.
„Bei mir ist das etwas anderes", versetzte sie. „Ich habe die Seiten gewechselt, da hatte noch nicht festgestanden, wer der große Sieger hier sein würde."
Nun lachte er. Wollte er sie aufstacheln? „Oh, war das so? Ich erinnere mich an Utgard, als du noch erklärtest, dass Eren den Tisch umschmeißen würde, auf dem dieses ganze, beschissene Spiel gespielt wird. War da nicht so etwas?"
Die kleinen Fältchen auf ihrer Stirn wichen einer tiefen Zornesfalte über ihrer Nasenwurzel. Eine böse Antwort flehte darum, Reiner ins Gesicht gespuckt zu werden. Doch Annie riss sich am Riemen. Irgendwie stimmte es ja.
Reiner schien recht zufrieden mit sich. Freundlicher fuhr er fort: „Du hattest recht. Der Tisch ist umgeworfen. Und ich sehe einen neuen Sinn in meinem Leben."
„Und der wäre?"
„Ein Held habe ich sein wollen." Reiner ließ diese Worte für einen Moment in der Luft hängen. „Seitdem wir Marcel verloren hatten … Ich habe der Held sein wollen, der die Menschheit vor dem Zorn eines irren Königs bewahrt. Vor den Titanen, welche die Welt selbst zugrunde richten könnten. Ich wollte den Gründer-Titan stehlen, um die Welt zu retten und gleichzeitig zu zeigen, dass das eldische Volk nicht die Dämonenbrut ist, für die man uns hält. Und nun … möchte ich etwas tun, das so ähnlich ist. Ich möchte mich Eren anschließen und sehen, was er mit der Macht des Gründers anfangen wird."
Annie war sich nicht sicher. Sie war sich nicht sicher, was sie da hörte. Sie war sich nicht sicher, ob sie glauben konnte, was sie hörte. Reiner würde sich Eren als Gefolgsmann anbieten?
„Du scherzt."
Reiner lächelte sie an, erneut mit dieser selbstgerechten Fassade. „Warum schauen wir nicht, wie witzig die anderen diesen Scherz finden werden?"
Wenn Annie zu sich selbst ehrlich war: Irgendwie konnte sie sich sogar vorstellen, dass dies klappte. Sie wußte nicht recht, ob es sie erheitern oder wütend machen sollte. Langsam schüttelte sie den Kopf. „Vielleicht werden sie dich auch einfach einem Titan zum Fraße vorwerfen."
„Vielleicht." Er zeigte nichtmals den Schatten von Furcht oder Zweifel an seiner Entscheidung. Seine Selbstverblendung musste wahrlich mächtig sein. Nun breitete er die Arme aus und bedeutete ihr, wieder in die Gurte zu steigen. „Darf ich bitten? - Aber tritt mich diesmal nicht."
Sie gingen gemächlich an den Abstieg. Reiner warf dem Gesicht des Mauer-Titanen dabei noch einen letzten Blick zu. „Was ich mir schon die ganze Zeit denke: Dieser Kerl sieht aus wie er, findest du nicht?"
Wollte er sie nun aufheitern? Annie schaute kritisch drein, nichtmals mit dem Anflug eines Lächelns. „Nicht im Geringsten", erwiderte sie trocken. „Bei Berthold konnte man stets sehen, wie wenig ihm all dies gefiel. Dieses Ding da aber? Dem ist das alles egal."
„Hoh", machte Reiner, „Du kannst diese Gesichtsausdrücke deuten?"
„Jeder, der nicht blind ist, kann das."
„Soso." Reiner nickte bedächtig. „Berthold ist wohl bei Zeke und Pieck. Pieck hat seinen Kristall verschluckt, musst du wissen, und ich sah, wie sie durch dieses Chaos stürmte wie ein wildgewordener Terrier. Kann mir nicht vorstellen, dass ein Mauer-Titan sie hätte packen können. Schade, also das mit Berthold. Wenn er auch dein Gefangener wäre, hättet ihr vielleicht noch einmal miteinander reden können."
Dieses Thema schon wieder. Annie schnaubte verdrießlich.„Nein. Berthold machte seinen Standpunkt klar. Er würde sich niemals auf meine Seite stellen. Das hat er gesagt, und er hat es ehrlich gemeint."
„Hm. Du hast nie wirklich Nein gesagt, nicht wahr?"
Sie blinzelte verwirrt. Dann verstand sie, was er meinte. Von schräg unten warf sie ihm einen bösen Blick zu. „Du kommst dir gerade sehr clever vor, ja?"
Er lachte schon wieder.
Den Wald aus Beinen durchstreifend, hatte Levi einen Überlebenden gefunden.
Es war ganz zufällig passiert. Nachdem die Mauer zugrunde gegangen war und die Koloss-Titanen ausgespien hatte, waren Levi und Mikasa einzig damit beschäftigt gewesen, zu überleben. Da der Boden unter ihren Füßen zerbröselte, waren sie geflogen – ziellos von einem flüchtigen Ankerplatz zum nächsten, den Trümmern ausweichend. Die Mauer, lebenslang eine unverrückbare Landmarke, brach auseinander.
Schließlich hatten sich die beiden Kundschafter am staubverkrusteten Rücken eines Mauer-Titanen festgesetzt. Dort hatten sie ausgeharrt, bis der Vorhang fiel zu dieser letzten, ausufernden Zerstörungsorgie. Es schien eine Ewigkeit angedauert zu haben. Wie lang war es wirklich gewesen? Nur wenige Minuten, höchstens. Der Titan, an dem sie gehangen hatten, war noch immer weit weg vom Zentrum der Stadt gewesen, als ihn das Kommando zum Innehalten erreicht hatte.
Mikasa hatte Levi bald allein gelassen. Ihr Ziel war klar gewesen. Der Hauptgefreite hatte es weniger eilig gehabt. Er war ohne jede Zielstrebigkeit umher geflogen, auf Kniescheibenhöhe der Mauer-Titanen, die nun das Stadtbild prägten. Er hatte gesucht, ohne große Hoffnung. Doch verlassen wollte er den Platz, wo die zweite Welle der Kundschafter auf den Tier-Titan getroffen sein musste, auch nicht. Nicht einfach so.
Dann und wann hatte er Flecken überflogen, an denen sattes Grün aus dem Braun und Schuttgrau stach. Doch da hatte sich nie etwas geregt. Bis er den Abteilungsleiter gefunden hatte.
Nun stand Levi neben Dirk Reineke, der in sich zusammengesunken auf einem zerbrochenen Dachbalken saß. Gemeinsam schauten sie auf den reglosen Körper von Erwin Smith.
„Er war noch am Leben, als ich ihn fand", murmelte Dirk. „Er sagte noch etwas. Konnte ihn aber nicht verstehen. All der Lärm, das Durcheinander, die Mauer ..."
„Verstehe." Tonlos kroch ihm das Wort über die Lippen. Levi war sich nicht bewusst, dass er antwortete. Er konnte den Blick kaum von dem zerschlagenen Körper losreißen. Was war ihm zugestoßen? Wahrscheinlich gab es keinen lebenden Menschen, der es mitangesehen hatte.
Er war tot? Einfach so? Scheinbar ging das.
Die Erkenntnis vertrieb jeden Gedanken aus seinem Kopf. Eine kalte Hand berührte das Innere seines Brustkorbs. Für einen langen Moment fühlte Levi sich, als wolle er entschweben. Doch der Moment verging. Auch einfach so. Klarheit kehrte zurück.
Levi wandte sich an Dirk. Er musterte den dreckigen Verband aus grasgrünen Stoffstreifen, der sich um den Brustkorb und Unterbauch des Abteilungsleiters windete.
„Wer hat dich verbunden? Warst du es selbst?"
„Orloff." Dirk blickte trübsinnig drein. „Er hat sich dem Angriff angeschlossen, nachdem der Affe vom Himmel gefallen war. Ist noch nicht wieder aufgetaucht."
Levi verstand. Er streckte die Hand aus.
„Du brauchst Hilfe. Wir suchen einen Arzt für dich."
Annie klammerte sich in Reiners Gurtzeug, während sie zwischen den säulenartigen Beinen hindurch flogen wie durch einen Wald von Baumriesen. Unter ihren Füßen zog das Trümmerfeld vorüber. Reiner platzierte seine Haken dabei sehr sorgfältig. Die wenigen Gebäude, die noch standen, waren von den Titanenschritten erschüttert worden wie durch ein Erdbeben, und eben erst war ihnen das Dach, an dem Reiner sich verankert hatte, scheppernd entgegen gekommen. Mit Müh und Not und viel Glück waren sie davon gekommen. Daher schoss Reiner die Haken nur noch in die Waden und Unterschenkel der Mauer-Titanen.
Ob die Bürger ihre Stadt wieder aufbauen würden, die heute zu Asche und Geröll geworden war? Annie bezweifelte es. Wer sollte die Kraft finden, um hier aufzuräumen?
Zunächst waren sie allein, während sie dem Stadtzentrum entgegen strebten. Doch bald änderte sich das. Annie bemerkte eine schattenhafte Bewegung am Rande ihres Blickfeldes. Das Zischen eines Manövergerätes. Nein, mehrerer.
„Reiner? Geh runter."
Sie landeten auf dem flachsten und ebenmäßigsten Punkt, den sie finden konnten: Mitten in einem gewaltigen Fußabdruck, fast kreisrund. Annie ließ sich hier von Reiners Rücken herabfallen. Sie lauschte in die Richtung, aus der das Zischen gekommen war, und hörte es wieder. Es wurde lauter.
Auch Reiner horchte. „Wer ist es wohl? Die Militärpolizei?"
Wie gelassen er fragte. Als freute er sich auf die nächste Begegnung, erwartungsvoll auf das, was das Schicksal für ihn bereit hielt. Annie war sich nicht sicher, wie sie darüber denken sollte. Sollte sie neidisch sein?
Stellenweise lag der Staub noch immer sehr dicht, wie eine Nebelbank. Links von ihnen bewegte sich ein dunkler Schemen durch diese Bank. Er durchstieß den Staub, und zum Vorschein kam – Connie, von Mikasa begleitet.
Die beiden landeten am Rande des Fußabdrucks. Mikasa kam dabei sanft am Boden auf, mit der angeborenen Eleganz eines Kranichs. Sie ließ Connies Landung aussehen wie die eines unbeholfenen Gänsegeiers.
Reiner atmete ein klein wenig schärfer ein. „Das ist ja fast wie in Utgard", flüsterte er Annie zu. Er schlug weiterhin seinen heiteren Tonfall an, doch diesmal nahm Annie das Zittern wahr, welches sich unter dieser Fassade verbarg.
Ja, auch sie erinnerte sich an Utgard, als die Kundschafter sie langsam umkreist hatten. Als beide Parteien sich beäugt hatten, bis Berthold die angespannte Lage zum Explodieren gebracht hatte. Auch damals hatte Mikasa auf sie nieder gestarrt wie ein Raubvogel.
„Du solltest wissen", erwiderte sie leise mit einem Blick auf Connie, „dass sie inzwischen alles wissen."
„Sicherlich, was sonst?"
„Auch von Marco wissen sie."
Dies brachte Reiner zum Stutzen. Er spannte sich an. Er murmelte auch etwas, was jedoch zu leise war, um verstanden zu werden.
Annie ging voraus. Mikasa kam ihr entgegen.
„Du hast also überlebt", sprach die Schwarzhaarige, ohne erkennen zu lassen, ob sie darüber erfreut war oder enttäuscht. „Wir hatten gedacht, du wärest von Reiner gefressen worden." Ihre dunklen Augen wanderten zu Reiner hin, der sich nun ebenfalls langsam näherte.
„Hat er nicht." Annie breitete die Arme aus, wie um zu verdeutlichen, dass sie noch lebte. Dabei betonte sie aus Versehen ihren Armstumpf, der von Mikasa beäugt wurde.
„Aber versucht hat er ers?"
Diesmal antwortete Reiner. „Ich war nur etwas ungeschickt bei dem Versuch, sie an einen Ort zu bringen, an dem ich mit ihr in aller Ruhe reden konnte."
Mikasa furchte die Stirn, während Connie sich nun traute, auf Reiner zuzugehen. Er nickte Annie kurz zu, und sie klopften einander auf die Schulter, doch dann schritt er an ihr vorbei. In seinem Gesicht kämpften widerstreitende Gefühle miteinander, Erleichterung und Wut. Sie konnte ihn murmeln hören.
„Reiner. Alter."
Reiner machte einen halben Schritt auf Connie zu, die leeren Hände erhoben. Die Griffe des Manövergeräts hatte er weggesteckt. „Was immer du vorhast", erklärte er feierlich, „ich habe es verdient. Schlag ruhig zu, ich werde mich nicht wehren!"
Connie zog eine Klinge und wog sie in der Hand. Dann schlug er wirklich zu – mit der Breitseite, die auf Reiners Bauch traf. Auf seinen Waschbrettbauch, und es gab ein klatschendes Knallen. Reiner keuchte und ging zu Boden wie ein Sack voller Wäsche. Dort blieb er liegen und stöhnte schmerzerfüllt.
Connie gab ein Schnauben von sich. „Dramatiker", versetzte er trocken, „Du musst nicht so tun, als würde es wirklich weh tun."
„Oh, es tut aber weh." Reiner presste die Hände auf den Bauch und das Gesicht in den Staub. „Sehr."
„Arsch."
Annie erhob die Stimme. „Geht es dir jetzt besser? Er ist mein Gefangener, nur für den Fall, dass du noch mehr mit ihm vorhast."
„Gefangener?", kam es mit triefender Ironie von Mikasa. „Dein Gefangener, der das Manövergerät für dich trägt?"
„Ein dummer Esel wie er kann auch Dinge für mich tragen, oder nicht?"
Connie schob die Klinge in den Behälter zurück, ging neben Reiner in die Hocke. „Keine Sorge, mir geht's nun besser", erklärte er. Dann wandte er sich Reiner zu. „Was nun, hm? Was machen wir nun mit dir?"
Nach einem Moment wälzte sich Reiner wieder hoch. Er blieb jedoch am Boden sitzen, mit seinem ehemaligen Stubenkameraden auf Augenhöhe. „Keine Ahnung, echt."
„Alter", sagte Connie wieder und seufzte schwer. „Alter."
Annie nahm an, dass man ein Kerl sein musste, um aus diesem Austausch von Worten schlau zu werden. Mikasa sah auch nicht aus, als verstünde sie, was dort vor sich ging. Andererseits, Mikasa gehörte ja nichtmals der gleichen Spezies an.
Die Schwarzhaarige blickte säuerlich drein, als hätte sie Annies Gedanken gelesen. „Reiner ist der einzige Gefangene, den du hast, ja?"
„Ja."
„Hm." Mikasa holte eine Signalpistole hervor, setzte eine Patrone ein und richtete den Lauf in die Höhe, das rechte Ohr mit der linken Hand bedeckend. „Aufgepasst. Es wird laut."
Rasch hielt sich auch jeder andere die Ohren zu. Kurz darauf donnerte ein Knall aus der Pistole, der ihnen allen durch Mark und Bein ging.
„Rauchsignale sind gerade nicht effektiv", erklärte Mikasa nüchtern, während sie die Pistole wieder wegsteckte und in die verkniffenen Gesichter blickte. Sie selbst hatte natürlich keine Miene verzogen. „Machen wir uns auf den Weg zu den anderen."
Reiner hob die Hand. „Soll ich das Manövergerät abgeben?"
Mikasa furchte die Stirn. „Wer sollte dich Esel wohl tragen, hm?" Sie selbst öffnete die Schnallen ihres Gurtzeugs und reichte das Manövergerät an Annie weiter. „Leg das an. Ich fliege mit Reiner." Rasch nahm sie sich noch eine blanke Klinge aus dem Behälter. „Und die hab ich dabei, für alle Fälle."
Reiner sah aus, als wäre ihm unwohl.
Kurz darauf flogen sie wieder.
Annie hielt sich diesmal an Connie. „Du siehst nicht zufrieden aus", bemerkte sie. „Weil wir Zeke nicht töten konnten?"
Die Antwort fiel zerknirscht aus. „An den dummen Affen denke ich gerade am wenigsten."
„Woran dann?"
„Siehst du gleich."
Und wirklich, sie sah es.
Auf dem Platz, den sie ansteuerten, befanden sich zwei Titanen. Einer war der Angreifer, der andere ein Geistloser. Erens Titan hielt den erheblich Kleineren am Boden fest, indem er auf dessen Rücken kniete. Gleichzeitig hielt er dessen Arme in verdrehter Weise fest, um zu verhindern, dass er um sich griff und womöglich einen Soldaten zu fassen bekam. Der Geistlose gab fauchende Laute von sich.
Annie starrte den Zweiten an. Sie glaubte, ihn zu erkennen, und hoffte, dass sie falsch lag. Sie ließ den Blick über die menschlichen Anwesenden wandern, erspähte Ymir allein.
Oh nein. Sie wollte sich irren.
Die Vierer-Gruppe landete am Rande des Platzes, und zahlreiche Köpfe drehten sich in ihre Richtung. Die beiden Titanen wurden von Soldaten sämtlicher Militär-Zweige umlagert. Hanji, die mit einem Militär-Polizisten gesprochen hatte, der eine Amtskette trug, kam ihnen sofort entgegen.
Mikasa glitt von Reiners Rücken. Mit geübten Bewegungen löste sie die Schnallen seines Gurtzeugs und nahm ihm das Manövergerät ab.
„Hinknieen", befahl sie kühl, und Reiner tat, wie geheißen.
Hanji erreichte sie nun. „Willkommen zurück", begrüßte sie die vier Neuankömmlinge, ehe sie direkt zum Punkt kam. „Ihr habt nur ihn?"
Mikasa nickte knapp. Sie senkte den Kopf, als hätte sie auf irgendeine Weise in ihrer heiligen Pflicht versagt. „Wir haben den Tier-Titan nicht finden können."
„Wie erfolgreich waren die anderen?", fragte Connie.
Der Rest des Jean-Trupps kam nun ebenfalls hinzu. „Wir haben auch niemanden sonst gefunden", erklärte Jean betrübt. Er sah zu Reiner, mit einem kaum merklichen Nicken. „Lang nicht gesehen, Reiner."
„Es ist viel passiert", erwiderte Reiner sachlich. Selbst auf den Knieen hockend, strahlte er etwas Aufrechtes und Diszipliniertes aus. „Ich habe mich ergeben, in aller Form, und werde mich jeder Bestrafung stellen, die ihr über mich verhängt."
Der perfekte Soldat, dachte Annie bei sich, selbst in Gefangenschaft. Wahrlich, Reiner hatte seine Fassade gemeistert. So sehr, dass er die Maske zu seinem wahren Gesicht gemacht hatte.
Bei den Umstehenden herrschten steinerne Gesichter vor. Einige flüsterten miteinander, und den fremden Soldaten wurde nach und nach erklärt, wen sie da vor sich hatten. Den Militär-Polizisten musste Annies Sträflingskleidung schon seltsam vorgekommen sein. Wobei, mein Gesicht kennt man ja nun eh, seit dem Tribunal.
Reiner ertrug die Aufmerksamkeit, die zunehmend feindseliger wurde, stoisch. Er war sogar so mutig, weiter zu sprechen. „Abteilungsleiterin Hanji? Darf ich fragen, was hier passiert ist?"
Hanji hob eine Augenbraue. „Nun, Gefreiter Braun … Was glaubst du, was hier passiert ist?"
„Ihr habt offenbar einen Titan geschaffen", sprach Reiner weiter. „Und nun habt ihr vor, einen Wandler an ihn zu verfüttern, richtig?" Er nickte zu dem Geistlosen, der mit scharfen Zähnen in die leere Luft schnappte. Seine wasserblauen Augen hatte er weit aufgerissen. Er fixierte Reiner, als habe er verstanden, dass über ihn gesprochen wurde.
„Das ist wahr." Hanji sprach mit bedächtigem Ernst. „Wir haben Suchtrupps ausgesendet, um einen feindlichen Wandler aufzuspüren. Leider war niemand erfolgreich, von Mikasas Truppe abgesehen."
„Ihr?", platzte Annie dazwischen. „Ihr habt … Ihr selbst habt jemanden verwandelt?!"
Über Hanjis Gesicht huschte ein Schatten von Bedauern. „Ja, wir waren es." Ihre Hand ging hoch und gebot Schweigen, ehe Annie weiterfragen konnte. „Über das Wieso sprechen wir ein anderes Mal."
Was hier wohl passiert sein mochte? Offenbar hatten die Übrigen nicht einfach nur den Kopf eingezogen, sondern hatten gehandelt. Hatte dieser Titan etwa mit Erens Kommando-Fähigkeit zu tun?
Oh. Die Erkenntnis schlich sich langsam an. Damals in Shiganshina war … Oh. Aus den einzelnen Puzzle-Teilen setzte sich ein Bild zusammen.
Reiner ergriff wieder das Wort. „Das Wieso. Stammt das Wissen um das Wieso aus einem Tagebuch?" Er blickte die Reihe der Umstehenden entlang und nickte jemandem zu. Als Annie hinschaute, fing sie Alicas Blick auf. Alica, die sich gerade hinter Jean in Deckung brachte, als Hanji ebenfalls hinschaute. Das gab noch mehr Rätsel auf.
„Was magst du wohl darüber wissen?", entgegnete Hanji mit schmalem Lächeln.
„Es spielt wohl keine Rolle", erwiderte Reiner. „Ihr habt keinen anderen Wandler als mich, um das arme Schwein zurückzuholen, das ihr zum Titan gemacht habt. Ich ahne also, was mein Schicksal sein wird."
Hanji musterte den Gefangenen, der so unerschütterlich vor ihr kniete. Sie setzte dazu an, etwas zu sagen, doch ein Ruf aus den Reihen der Militär-Polizisten schnitt ihr das Wort ab.
„Frau Abteilungsleiterin!"
Eine Stimme, volltönend und rauh, erklang. Annies Kopf ruckte hart herum. Da war er wieder! Dieser Kerl mit dem dünnen Kinnbart, dem scharf geschnittenen Gesicht und dem Schlapphut. Der Militär-Polizist von der Ersten Brigade, der sie im Gefängnis besucht hatte.
„Welch Überraschung. Den Kundschaftern ist also einmal mehr das Undenkbare gelungen. Ich hätte gutes Geld darauf gesetzt, dass Sie keinen feindlichen Wandler in diesem Chaos auftreiben können."
Breitbeinig marschierte er auf sie zu. Inzwischen hatte er, wie die meisten Soldaten, ein Manövergerät angelegt. Es war allerdings ein recht seltsam anmutendes Modell. Saßen die Gaskanister auf seinem Rücken? Außerdem hatte er sich eine eiserne Brustplatte vor die Brust geschnallt. „Er ist doch einer dieser Wandler, oder?"
Reiner richtete sich ein klein wenig mehr auf. „Ich bin einer dieser Wandler, ja."
Ansatzlos trat der Polizist zu. Seine Stiefelspitze landete in Reiners Magen, und Reiner klappte in sich zusammen, nach Luft schnappend und schmerzerfüllt aufkeuchend.
„Ruhe, Rattenschiss. Mit dir redet niemand." Der Polizist knurrte und betrachtete seinen Schuh, als befände sich plötzlich Dreck daran. Dann wanderte sein Blick zu Mikasa und Connie. „Brave Kinder seid ihr. Hätte es noch etwas länger gedauert, hätten wir diese kleine Peinlichkeit" - er deutete hinter sich auf den Geistlosen Titanen - „bereinigt, indem wir euren Kameraden Jäger zum Fressen auserkoren hätten. Sowas tut man nur ungern, wisst ihr? Einen Volkshelden ins Maul eines Monsters schieben."
Dann schaute er zu Annie. „Oh, du bist ja auch hier", rief er lachend. Man musste kein guter Menschenkenner sein, um zu bemerken, wie gekünstelt seine Überraschung war. Er musste sie von Anfang an bemerkt haben. „Also haben wir sogar zwei feindliche Wandler zur Auswahl. Du wärest sogar passender, finde ich."
„Dagegen", meldete sich nun Hanji, „muss ich Einspruch erheben."
„So? Ist sie etwa kein Feind? Sie trägt ja noch ihre Häftlingsklamotte. Na, was soll es. Unsere ehrenwerte Majestät, der König, erwartet uns sicherlich bereits zu einer Audienz." Er lachte leise und dreckig. „ Besprechen wir doch dort, wer Freund und wer Feind ist."
Dieser Kerl benahm sich selbst wie ein König. Warum hatte er hier eine solche Autorität? Der Polizist, mit dem Hanji gesprochen hatte, trug immerhin eine Amtskette – auf den zweiten Blick erkannte Annie ihn als Nile Dawk. Der ranghöchste Polizist in Stohess stand jedoch nur stumm am Rande. War er zu betäubt von all der Zerstörung und ließ dem Mann von der Ersten Brigade deswegen so viel Spielraum?
Hanji nickte steif. „Natürlich. Wir wollen niemanden warten lassen."
Die Abteilungsleiterin winkte Connie und Mikasa, und die beiden fassten Reiner an den Armen. Sie zogen ihn auf die Füße und führten ihn vorwärts, auf den Geistlosen Titan zu.
Die Menschheit hatte im Grunde einen Sieg errungen, und doch herrschte eine zutiefst niedergedrückte Stimmung. Annie schritt langsam hinter den anderen her, und nicht nur bei ihr hatte sich offenbar Beklemmung breit gemacht. Die Gesichter des übrigen Jean-Trupps zeigten nur zu deutlich, dass sie mit dem Ablauf des Ganzen nicht zufrieden waren. Sie alle kannten das Schicksal von Wandlern seit der Nacht in der Scheune. Annie war sich sicher: Hätten die Kundschafter, zumindest die Rekruten-Kameraden und Hanji, die Chance gehabt, wäre Reiner vielleicht misstrauisch beobachtet, aber am Leben gelassen worden.
Es hätte nur anders kommen müssen.
Reiner ließ sich führen, bis er fast in Reichweite des Geistlosen war, der noch immer von Eren niedergedrückt wurde und den Arm in Richtung der Menschenmenge ausstreckte. Dann sagte er leise etwas zu Connie, was Annie nicht verstehen konnte. Connie hielt inne, nickte und ließ los. Auch Mikasa löste ihren Griff, einige Momente darauf.
Reiner setzte seine letzten Schritte allein.
Und dann kam es anders.
Annie begriff mit schmerzender Gewissheit, wer der Geistlose Titan war, in dem Moment, in dem Ymir aus einer einsamen Ecke hervor trat.
Ymirs Gesicht war trocken, doch ihre Augen waren gerötet. Sie sah zum Fürchten aus, und zum Erbarmen. Was an diesem Ort passiert war, hatte Ymir, deren Seele so abgehärtet war wie Schwerterstahl, im tiefsten Inneren gebrochen.
„Keinen Schritt weiter." Wut schwelte in ihrer Stimme. Sie trat zwischen Reiner und den Geistlosen, stieß ihn harsch zurück und starrte grimmig an ihm vorbei, in die bestürzten Gesichter ihrer Kameraden. „Ihn also habt ihr auserwählt? Fein. Gut zu wissen!"
Hanji marschierte an Annie vorbei. „Ymir? Was tust du?"
„Mein Veto einlegen. Komm mir jetzt nicht in die Quere, Hanji." Ymir warf in diesem Moment jegliche militärische Korrektheit über Bord. „Ja! Veto."
Auf dem falschen Fuß erwischt, brauchte es einen Moment, bis jemand seine Stimme wieder fand.
„Ey, Schafskopf!" Dieser Jemand war Jean. Er trat vor. „Was soll der Scheiß? Hast du den Verstand verloren?"
„Nein, im Gegensatz zu euch allen anderen", versetzte Ymir. „Ich habe sehen wollen, wen ihr wählen würdet. Mit wem ihr letztlich ankommen würdet. Und ich bin nicht einverstanden!"
„Von welchem Blödsinn sprichst du? Nicht einverstanden? Warum kommt es für dich plötzlich darauf an, wen wir für Historia opfern?" Er vermied es hartnäckig, dabei Reiner anzusehen. „Schlimm genug, dass wir es überhaupt tun müssen", fügte er dann etwas weniger brachial hinzu.
Ymir wurde deswegen nicht ruhiger. „Für mich spielt es eine Rolle", bekräftigte sie. „Und dieser Kerl ist es nicht, der sich für Historia hingeben wird."
Reiner erhob das Wort. Ruhig und gefasst war er dabei. „Ymir, du musst für mich keine Lanze brechen. Ja, als ich mich ergeben habe, habe ich auf etwas anderes gehofft, doch letztlich verdiene ich -"
„Fresse." Ymir spuckte das Wort förmlich ihm vor die Füße. „Lanze brechen, von wegen. Ich stelle mich hier nicht hin, weil es mir um dein Leben geht. Nein, mir geht es um etwas völlig anderes. Um etwas, was ihr anderen wohl vergessen habt." Sie hatte während dieser Worte begonnen, die Schnallen ihres Manövergerätes zu lösen. Bedächtig stieg sie aus den Gurten.
„Na, na, na." Der Polizist mit dem breitkrempigen Hut war es, der sich nun einmischte. Er stellte sich neben Hanji und musterte Ymir eingehend. „Was steckt denn nun quer, heh? Wäre es dir lieber, wenn wir das Gör dort hinten" - er deutete in Annies Richtung - „oder den Jäger-Jungen fressen lassen, oder was soll der Aufstand?"
Ymir blickte halsstarrig zu dem hochgewachsenen Mann auf. Ihre Lippen bebten, als hielte sie mühselig einen Schwall herber Schimpfworte im Zaum. Dann aber schüttelte sie den Kopf und wandte sich ab. „Du hast mit all dem hier am wenigsten zu tun, alter Knacker", knurrte sie noch, ehe sie an Alica herantrat und ihr das Manövergerät in die Hände drückte. „Hier. Deins."
Dann trat sie plötzlich rückwärts. Ein Schritt, zwei Schritte, auf die halb geöffnete Hand des Titans zu, der Historia war.
Ymir streckte die Hände vor, als Reiner hastig in Bewegung kam. „Nein! Du opferst dich nicht. Niemand von euch opfert sich! Niemand von euch beendet seine Zeit als lebender Toter vorzeitig. Das habt ihr schließlich verdient, erinnert ihr euch?" Ihr Blick raste einen kurzen Moment lang zu Annie hin, die sich nicht gerührt hatte. „Ich dagegen, ich darf gehen."
Hanji fuhr wieder auf. „Du kannst dich doch nicht selbst opfern!"
„Doch! Ich kann, und ich darf. Von allen Wandlern hier bin ich sogar die einzige, die es darf. Von Eren ausgenommen!" Ymir warf einen raschen Blick über die Schulter – zu Historias tastenden Fingern, die sie bereits zart an der Uniformjacke streiften. Dann wirbelte sie wieder zu den Soldaten herum. „Hättet ihr den Tier-Titan oder das vierbeinige Vieh hergeschleift, wäre es mir egal. Die haben nicht jahrelang getäuscht und gelogen, denen gönn ich den Abschied! Euch aber, euch Verrätern, gönne ich es nicht."
„Aber was wird mit Historia?", hielt Hanji leidenschaftlich dagegen. „Wir brauchen dich, Ymir. Nicht nur, weil du kämpfen kannst, sondern auch für sie!"
Ymirs Wut war eine heiß brennende Flamme, die auf magische Weise jeden auf Abstand hielt, geblendet und seltsam fasziniert. Nachdem sie sich eben noch aufbrausend die Seele aus dem Leib geschrieen hatte, wurde sie nun eigenartig ruhig.
„Mir egal. Ich bin enttäuscht. Bin enttäuscht von der Welt, die meine Historia zu einem Tode verurteilt, an den sie 13 Jahre lang denken kann. Das ist der Punkt, wisst ihr? Ich hasse euch alle, denn ihr tatet wohl das Richtige."
Damit drehte sie sich um, wandte jedem den Rücken zu. Eren starrte auf sie herunter, mit schreckensweiten Augen, als sie den letzten Schritt tat.
„Vielleicht will ich ja, dass sie euch ebenso hasst wie ich."
Die Finger legten sich eng um sie.
Was weniger als zwei Minuten waren, erschienen Annie wie quälende Stunden. Sie sah zu, wie Ymir verschlungen wurde, und ihre Worte hallten nach. Die letzten Worte eines Mädchens, von der Welt ungeliebt. Vor der Scheune in Silberfurt noch hatte Ymir anders gesprochen. „Ich will einfach nur leben. Nichts weiter."
Der Körper des Geistlosen Titanen begann, sich in Krämpfen zu winden. Dampf ringelte sich in dichter werdenden, weißen Schwaden aus seinem Nacken.
Hanji war die Erste, die sich zu einem Befehl durchringen konnte. Ihre Stimme war noch belegt vor Schreck. „Sasha! Alica! Hinauf mit euch, helft Historia dort heraus!"
Als dann ein einzelnes Paar Hände zu klatschen anfing, zuckte Annie zusammen. Der Polizist wieder. Er applaudierte gemächlich.
„Na, das war doch ausgezeichnet. Zuerst dachte ich, hier kommt einfach nur ein kleines Drama ums Eck, das mir die Zeit stiehlt. Doch – Hui – das war doch ganz amüsant!"
Hanji antwortete langsam, schleppend. Als erwachte sie aus einem Schlaf, dessen Träume sie nur noch mehr ermüdet hatten. „Amüsant?"
Der Polizist lachte knurrend. „Oh, man sagte mir bereits, dass ich einen scheußlichen Sinn für Humor hatte." Er blickte zu den Titanen. Gerade wurde Historia aus dem Nacken des sich allmählich auflösenden Körpers gezogen. Sie war überraschenderweise bei Bewusstsein, hustete und keuchte. Mit glasigen Augen blickte sie zwischen Alica und Sasha hin und her.
„Da schau an." Der Polizist gab einen belustigten Pfiff ab. „Noch eine kleine Bekannte von mir. Unsere Audienz ist gerade noch ein Stückchen unterhaltsamer geworden."
„Vielleicht verschieben wir sie aber erst noch einmal."
Hanji hielt eine Signalpistole in der Hand. Sie zielte nicht, sondern schoss aus der Hüfte! Eine Rauchgranate flog kaum zwei Meter weit und dotzte mit schrillem Klang von der Metallpanzerung des Polizisten ab. Dann füllte karmesinroter Rauch die Luft.
Hanji bellte einen Befehl, der den wüsten Kraftausdruck übertönte, der aus der Rauchwolke kam. „Kundschafter! JETZT!"
Und Eren sprang auf. Der Angreifer-Titan kam behende auf die Füße, während ein ganzes Dutzend Signalpstolen bunte Wolken aufblühen ließen. In Windeseile schwamm der Platz förmlich in farbigem Nebel. Eren stampfte mitten hindurch, fuhr mit den Händen durch den Rauch und schaufelte ihn in die Menge überrumpelter Militär-Polizisten.
„Aufspringen!", rief Hanji aus. „Auf den Titan! Hoch, hoch, hoch!" Die ersten Kundschafter schossen Haken ab und stiegen bei Eren auf.
„Beschissene Schlampe!" Hinter Hanji platzte der Polizist aus dem Rauch hervor, über und über mit krebsrotem Pulver bedeckt. Er riss eine Handpistole hoch und legte auf sie an, doch ein schwerer Körper prallte seitlich gegen ihn. Reiner war vorwärts gestürmt, mit eingezogenem Kopf. Er war wie ein Rammbock auf sein Ziel geprallt.
Der Polizist zischte einen Fluch, stolperte und feuerte trotzdem. Er jagte die Ladung direkt in Reiners Bauch. Es gab einen heftigen Knall, und dann spritzte Blut. Reiner keuchte auf, während die Gewalt des Schusses ihn rückwärts warf.
„Scheiße!" Connie stürmte los, mit gezogener Klinge, als Reiner zusammenbrach. Der Polizist schlug mit seiner Pistole, die wie ein Manövergriff mit einem Kabel ausgestattet zu sein schien, gegen Connies Schwert und zerbrach es. Dann versetzte er Connie einen Schlag mit dem Lauf, der ihn von den Füßen riss.
Annie war heran, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was sie tat. Sie riss den Fuß hoch, zielte mit einem heftigen Tritt aufs Kinn, doch der Polizist blockte ab. Hart traf ihre Ferse auf den Arm, doch konnte nicht weiter durchbrechen. Stattdessen packte ihr Gegner sie am Fußknöchel und zog sie in die Höhe.
Den Bodenkontakt sowieso verlierend, trat sie nochmals zu. Mit dem freien Fuß, und diesmal gegen die Brustplatte. Hart stieß sie sich nach hinten ab, riss sich dadurch los.
Das hässliche Lachen des Polizisten folgte ihr nach. „Hah! Jetzt erkenne ich dich auch, Töchterchen!" Er legte auf sie an, drückte ab. Der Haken eines Manövergeräts schnappte aus dem Pistolengriff hervor.
Annie spürte den brennenden Schmerz, als der Haken sich durch ihre Bauchdecke bohrte, und schrie auf, als die Widerhaken aufklappten.
Die Leine, die zu dem Haken gehörte, wurde sirrend eingeholt.
Mikasa, ein Wirbel aus Grün und Schwarz, schlug zu. Der Schwerthieb mit der grifflosen Klinge schwirrte von oben nach unten und traf die Leine, prallte jedoch wieder ab, ohne sie zu durchtrennen.
Annie packte das Seil, welches aus ihrem Körper ragte, und machte sich auf den Ruck gefasst, der unvermeidbar kommen musste. Doch Mikasa schlug nochmals zu und windete die Klinge so, dass sich die Leine darum wickelte. Zwischen Schwert und Pistole wurde die Leine straff gespannt, doch auf Annies Seite blieb sie locker.
„Her damit!" Jean war plötzlich auch da, schlug auf das straffe Teil und durchtrennte es mit einem einzigen Schnitt. „So!"
Der Polizist stolperte, fing sich wieder und fluchte. Er zog eine zweite Pistole hervor und zielte auf Jean. Doch Hanji hatte in der Zwischenzeit ein Schwert gezogen und schlug von oben nach unten zu. Funken flogen, als die Waffe abwärts gerissen wurde und losging. Eine Fontäne aus Erde wurde hochgeschleudert.
Dann stampfte Eren dicht neben ihnen auf, brachte den Boden zum Beben.
Noch einmal fluchte der Polizist, dann gab er Schub – einfach so, ohne jeden Haken – und katapultierte sich aus der bedrängten Lage. Er verschwand im Nebel.
Reiner lag am Boden, tastete stöhnend über seine Bauchwunde. Hanji war einen Augenblick später neben ihm. „Gehts, Braun?!"
Reiner gab eine Antwort, die Annie nicht verstand. Es war sicherlich etwas Hartes und Heldenhaftes. Sie selbst wurde von Mikasa hochgerissen, noch immer mit dem Haken im Bauch sitzend. Als Connie heranschwankte, mit blutiger Nase, stieß er einen leichten Schrei aus.
„Scheiße, dich hats auch erwischt!"
Annie wollte auch etwas Heldenhaftes und Hartes sagen. Mikasa kam ihr zuvor.
„Sie wird es überleben."
Das stimmte wohl. Weh tat es trotzdem.
Hanjis Kommando-Stimme erhob sich wieder über allem. „Eren! Die Verletzten tragen! - Der Rest, ich sagte Aufspringen!"
Der Angreifer-Titan nickte, während sich weitere Haken in seinen Körper bohrten und Kundschafter auf ihn kletterten. Er sammelte die beiden verwundeten Wandler mit spitzen Fingern auf und legte sie in seiner Hand ab. Annie rollte dabei gegen Reiner, und sein Ellenbogen stieß gegen den Haken. Sie schrie gepresst auf. „Verflucht!"
„Tut mir leid."
Schaukelnd und schwankend ging es zu, als der Angreifer-Titan sich aufrichtete. Mit großen Schritten begann er, zu rennen. Unter seinen Füßen rumpelte das Geröll. Ab und an war auch der erschrockene Schrei von Menschen zu hören. Bürger, die noch immer durch die Trümmer irrten und vom flüchtenden Angreifer-Titan erneut in Panik versetzt wurden?
Flucht. Nur langsam wurde Annie klar, was da eben passiert war. Und was genau jetzt passierte. Wir haben gegen die Militär-Polizei gekämpft. Wir fliehen vor ihnen. Wir … sind Abtrünnige.
Der Gedanke sorgte für Kopfschmerzen. Was bedeutete dies? Dass sie nun noch ein weiteres Problem vor der Brust hatten, das es zu lösen galt. Ganz sicherlich. Eren würde sich erneut weigern, diese Insel zu verlassen.
Zu dem körperlichen Schmerz gesellte sich nun auch noch ein Seelischer. Annie hätte am liebsten aufgeschrien. Hätten sie nicht einfach die anderen Marley-Wandler unschädlich machen können, ohne ein weiteres Fass voller Ärger aufzumachen?
Jemand landete neben ihr. Sie hörte das dumpfe Aufsetzen von Stiefelsohlen. Es folgte das scharfe Einatmen eines wohlbekannten, mädchenhaften Stimmchens.
„Hallo, Armin." Annie lächelte schwach, als sie das kreidebleiche Gesicht zu sehen bekam. „Lang nicht gesehen."
„Wohl … wohl wahr, ja." Armin deutete auf ihren Bauch. „Soll ich das rausziehen?"
Sie presste die Lippen aufeinander, nickte dann aber. „Ja. Mach!"
Er tat es ruppiger und entschlossener, als sie erwartet hatte. Nur einen Moment lang untersuchte er, wie der Haken im Fleisch steckte. Dann ruckte er auch schon, und mit einem ekelerregenden Reißen zerrte er den blutigen Haken frei.
„Er ist draußen!" Sein Gesicht war etwas rotbespritzter als vor einem Moment noch. „Alles gut?"
„Gut nicht, aber besser", brachte sie heraus. „Danke."
„Das ist gut!" Armin legte den grünen Kundschafter-Umhang ab und presste den Stoff auf die Wunde. Annie hielt verkrampft die Luft an, als neuer Schmerz durch ihren Bauch flammte.
„Hör – Hör auf, es heilt allein!"
Armins Hände flogen in die Höhe, als hätte er sich verbrannt. „Tut mir leid!"
Derweil stürmte Eren noch immer zwischen den Beinen der Mauer-Titanen hindurch. Hanji war einmal mehr nicht zu überhören. Sie musste irgendwo auf Erens Kopf sitzen. „Eren, wir haben Verfolger!"
Verfolger? Militär-Polizisten?
Eren brüllte, ohne inne zu halten. Die Mauer-Titanen gehorchten: Hinter ihnen traten sie plötzlich mehrere Schritte zurück, und vor ihnen rückten sie nach vorn. Rundherum gingen sie auf Abstand, und plötzlich gab es keine Ankerpunkte mehr für die Verfolger, bloß noch die Trümmerlandschaft.
Die Mauer-Titanen machten nur wenige Schritte, dann standen sie wieder still. Eren lief erneut zwischen ihnen hindurch. Bald überquerte er die Stadtgrenze und eilte aufs freie Feld hinaus.
Hinter ihnen blieb Stohess zurück.
Während Eren in Dauerlauf verfiel, spähte Annie zwischen seinen Fingern hindurch. Sie konnte zu der anderen Hand hinüber blicken. Historia war dort, zusammen mit Alica und Sasha. Hanji ließ sich kurz darauf zu ihnen herab. Welches Gespräch sie nun führen würden, konnte Annie sich nur zu gut vorstellen.
Ein wenig später gesellten sich Jean und Connie zu ihnen.
„Abteilungsleiterin Hanji lässt fragen", begann Jean nach einem Moment, „ob ihr Kommandant Erwin gesehen habt. Vorhin, ehe ihr aufgegabelt wurdet. Oder den Hauptgefreiten Levi?"
Annie schüttelte den Kopf. „Nein. Keinen von beiden. Mikasa war zuletzt bei dem Hauptgefreiten, soweit ich weiß."
„Die beiden haben sich getrennt, sagt Mikasa." Jean gab ein langes Aufseufzen von sich. „Nun gut … immerhin wissen wir von ihm, dass er die Schlacht an sich überlebt haben muss."
„Vermutlich", erwiderte Annie, „stößt er bald wieder zu uns."
„Nun ja. Abwarten." Jean vollführte eine vage Handbewegung, während er westwärts blickte. „Die Abteilungsleiterin hat jedenfalls das Kommando, und sie hat bereits einen Marschbefehl erteilt."
„Mit welchem Ziel?"
„Das Territorium von Mauer Maria."
Annie verzog das Gesicht ein wenig. „Ich verstehe." Sie würden also dort Zuflucht suchen, wohin sich gewöhnliche Menschen niemals wagten. Sie zogen ins Herrschaftsgebiet der Titanen. „Was wird dann passieren?"
Jean schnaubte deprimiert. „Das weiß keiner." Sein Blick wanderte zu Reiner. „Wir haben ziemlich viele unbekannte Faktoren, mit denen wir arbeiten müssen."
Annie stimmte dem zu. Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück. Ließ zu, dass sich die lang verdrängte Müdigkeit in ihrem Geist breit machte. Sie hatte nicht erwartet, wie bitterlich sie Ruhe brauchte. „Ymir", murmelte sie, „wüßte, was nun zu sagen wäre."
„Ah ja?", fragte Jean.
„Einfach leben", sagte sie, mit matter werdender Stimme. „Das Leben einfach auf sich zukommen lassen." Langsam dämmerte sie in den Schlaf hinüber.
„Ich will einfach nur leben. Nichts weiter."
„Verstehe. Ich werde das wohl auch einmal versuchen."
„Näschen. Willst du sagen, dass du nun meinen Lehren folgst? Ich muss dich warnen, mit Kulten habe ich keine guten Erfahrungen gemacht."
~ ~ ~ Ende des ersten Teils ~ ~ ~
