3. Der erste Tag
Und dann war es endlich soweit!
Eine der längsten Nächte, an die Snape sich erinnern konnte, lag hinter ihm. Die Erleichterung, die ihn durchflutete, als er den Muggel-Wecker klingeln hörte, war kaum in Worte zu fassen und glücklicherweise verlangte das auch niemand von ihm. Seine Laune allerdings war unterirdisch.
„POTTER! Der Wecker macht nicht umsonst einen solchen Höllenlärm. Stehen Sie auf und machen Sie ihn aus."
Wäre die Situation nicht so ernst, wäre Snape bei dem Anblick Harrys wahrscheinlich sogar amüsiert gewesen. Harry schreckte bei der harschen Ansprache hoch und hatte den wohl ungläubigsten Blick, den man sich nur vorstellen konnte. Er ächzte entsetzt auf und es war ihm deutlich anzumerken, dass er wohl gedacht hatte, dies alles wäre nur ein grässlicher Traum gewesen. Aber nein! Es war wahr. Er hatte Snape als eine Art Geist von den Toten heraufbeschworen und es schien ihm ganz und gar nicht zu gefallen.
Mit einem zweiten Aufstöhnen erhob sich Harry vom Sofa und eilte in das Schlafzimmer, um dem Wecker den Rest zu geben und kurz seine Gedanken zu klären. Er kleidete sich schnell an und dann kam er zurück und erklärte kühl, denn er wusste beim besten Willen nicht, wie er die Situation anders bewältigen könnte:
„Ich pflege nicht zu frühstücken, bevor ich zur Arbeit gehe, sondern ich hole mir einen Kaffee und ein Sandwich bei einer ‚togo'-Bar auf dem Weg. Ich gehe immer zu Fuß zur Arbeit, das ist billiger – ich habe nicht viel Geld. Ich erhalte jeden Monat eine geringe Ausbildungsvergütung, sie reicht gerade für Miete und Essen, aber ich brauche auch sonst nicht viel. Da ich aber meine Arbeit auf keinen Fall verlieren darf, muss ich Sie bitten, mit mir zu kommen und alles andere auf später zu verschieben. Ist das in Ordnung so?"
Snape nickte kurz mit zusammengepressten Lippen und erhob sich dann, um Harry zu folgen, allerdings nicht, ohne mit ätzendem Sarkasmus zu bemerken:
„Selbstverständlich haben alle Belange, die meine unwichtige Existenz angehen, Zeit. Schließlich bin ich es wahrscheinlich ja auch selbst schuld, dass Sie meine Person aus dem Jenseits gezerrt haben, nicht wahr Potter?"
Harry zuckte nur hilflos mit den Schultern und griff sich dann hastig seine Tasche, aus der zwei Bücher über Chemie hervorlugten, und seinen Haustürschlüssel. Dann ließ er Snape an sich vorbei und verschloss die Wohnungstür. Während er kurz darauf die Straße entlangeilte, versicherte er sich ein ums andere Mal, dass ihn niemand seltsam anschaute, ob des durchscheinenden Mannes in wehenden Roben, der mit hinter dem Rücken verschränkten Händen neben ihm die Straße teilte. Doch Snape schien niemandem aufzufallen.
Aber etwas anderes fiel Harry auf. Als er einen kurzen Seitenblick auf Snapes Gesicht warf, hatte er den Eindruck, dass er eigentlich ein atemloses Stöhnen hören müsste, was aber wohl nur durch den Geist-Zustand unterdrückt war. Abrupt blieb er stehen und fragte unauffällig, wie zu sich selbst:
„Was haben Sie, Sir?"
„Schmerzen …" kam die gepresste Antwort und Snape bemühte sich offensichtlich, seinem Gesicht die übliche leere Maske zu verleihen, obwohl ihn außer Harry niemand sehen konnte. „Gehen Sie weiter, vielleicht kann ich mich ja an Ihrem Ziel erholen."
Harry nahm seinen Weg wieder auf, doch nun hatte sein Gesicht einen besorgten Ausdruck. Irgendetwas stimmte hier nicht. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Sie kamen bei Harrys Arbeitsstelle an und Harry schob ganz in die Routine eingetaucht seine Erkennungskarte durch den Schlitz des Lesegeräts. Vor ihm bewegte sich das Drehkreuz und ließ ihn auf die andere Seite der Barriere. Snape stand unschlüssig davor, nachdem er festgestellt hatte, dass er zu solide war, um das Drehkreuz zu durchqueren.
Hastig flüsterte Harry: „Worauf warten Sie noch. Klettern Sie drüber, es sieht Sie ja keiner! Soll ich Ihnen irgendwie helfen?"
Snape sandte ihm einen giftigen Blick zu, bemerkte kanpp: „Unterstehen Sie sich, Potter!" und dann konnte Harry beobachten, wie sich Snape verzweifelt bemühte, sich nichts anmerken zu lassen, als er mit scheinbarer Leichtigkeit über die Barriere setzte. Doch sein verkniffenes Gesicht strafte ihn Lügen und Harrys Sorgen wuchsen. Jetzt mussten sie aber erst einmal diesen Arbeitstag hinter sich bringen.
Dies ließ sich glücklicherweise leichter bewerkstelligen, als Harry befürchtet hatte. Im direkt an das Labor angrenzenden Sozialraum gab es eine Erste-Hilfe-Liege, die weder benutzt wurde, noch wurde auf ihr etwas abgestellt, so dass sie Snape zur freien Verfügung stand. Snape lies sich fast dankbar darauf nieder und verbrachte den Tag damit, sich auf die Gespräche und Tätigkeiten im benachbarten Labor zu konzentrieren. Er war überrascht, dass Harry für seine ordentliche Arbeit mehrfach gelobt und hervorgehoben wurde. Außerdem fiel ihm auf, dass Harry offenbar mit dem Herzen bei der Arbeit war und ihm die Tätigkeit in dem Forschungslabor, in dem neue Medikamentenrezepturen ausprobiert wurden, scheinbar wirklich Spaß machte. Er diskutierte mit seinen Arbeitskollegen die richtigen Potenzen von Kräuterauszügen und ihre wahrscheinlichen Wechselwirkungen und wäre es nicht Harry gewesen, wäre Snape wahrscheinlich sogar stolz auf seinen Schüler gewesen. Denn klar war, dass er in seinem Unterricht die Grundlage für diese professionelle Herangehensweise gelegt hatte.
Ansonsten versuchte Snape sich durch Hinsetzten und Hinlegen immer wieder einmal in eine andere Position zu bringen und hatte für sich über den Tag verschiedene Entdeckungen gemacht. Er besaß zwar noch seinen Zauberstab, aber es ließ sich nicht damit zaubern. Er konnte sich bewegen und wenn er an reale Dinge stieß, konnten diese umgestoßen werden und ihn verraten. Seine eigene Kleidung aber raschelte zum Beispiel nicht. Auch konnte ihn außer Harry auch scheinbar niemand hören, wenn er sprach. Er unterließ es aber dennoch, um Harry nicht abzulenken oder zu auffälligem Verhalten zu verleiten. Auf diese Art und Weise verging der Tag für Snape kurzweiliger als er befürchtet hatte, dennoch konnte er vor sich selbst nicht leugnen, dass die Schmerzen, die er verspürte, mittlerweile ein Ausmaß angenommen hatten, das ihm im Normalfall eine Ohnmacht beschert hätte. Doch dieses Glück schien seiner geisterhaften Erscheinung nicht vergönnt zu sein.
Für Harry verging dieser Arbeitstag im Prinzip wie viele andere. Dennoch konnte Harry nicht ganz so unbeschwert sein wie gewöhnlich, obwohl er manchmal sogar den geisterhaften Tränkemeister im Nachbarraum vergaß. Er selbst war zwar auch sonst eher der stillere Typ, aber heute war er nervös und etwas fahrig, was normalerweise so gar nicht seine Art war. Glücklicherweise schien seinen Arbeitskollegen aber nichts Ungewöhnliches aufzufallen. Nachdem der Arbeitstag endlich ein Ende fand, blieb Harry noch extra lange im Labor, scheinbar um aufzuräumen, damit alle Kolleginnen und Kollegen vor ihm gehen konnten. Kaum waren alle verschwunden, eilte er in den Nachbarraum zu Snape. Er war angespannt, und wie er nun sehen konnte, zu Recht! Nur schwer erhob sich Snape von seiner Liegestätte und wäre er nicht Snape, so hätte er jämmerlich gestöhnt. Leise und abgehackt wandte er sich an Harry:
„Mr. Potter, wir müssen gehen … jetzt sofort, sonst schaffe ich es nicht zu Ihrer Wohnung. Ich glaube, ich sterbe …"
Zum ersten Mal näherte sich Harry Snape und griff nach ihm, um ihm aufzuhelfen. Zu seiner eigenen Überraschung und auch zu seinem Erschrecken konnte er ihn tatsächlich packen. Trotz der durchscheinenden grauen Farbe seiner ganzen Gestalt war er solide, viel zu solide! Harry fröstelte. Was verdammt hatte er da erschaffen? Wen in Merlins Namen hatte er gerufen? Sie brauchten Hilfe! Er konnte auf keinen Fall mehr abwarten, was passieren würde. Noch gestern Abend hatte er geglaubt, dass sich der Zauber vielleicht einfach zeitverzögert verflüchtigen würde. Aber davon war er jetzt nicht mehr überzeugt. Im Gegenteil, eine durchdringende Angst ließ ihn frösteln. Er hatte den Eindruck Snape nachhaltig zu schädigen. Auf diese Weise zu leben oder auch zu sterben, dies schien so nicht vorgesehen zu sein.
Verzweiflung brandete in Harry auf und er antwortete etwas laut und heftig:
„Wie soll das möglich sein? Sie sind ein Geist. Sie sollten nichts spüren können. Außerdem sind sie schon tot, wie kann man da sterben?"
Snape ließ sich zunächst widerwillig von Harry aufhelfen. Als er endlich stand, übermannte ihn seine über den Tag angesammelte Verzweiflung und machte sich in typisch Snape'scher Manier Luft. Er griff nach Harrys Kragen und drohte ihn fast zu erwürgen. Dabei spie er ihm die Worte förmlich ins Gesicht:
„Potter, Sie arrogantes Miststück. Maßen Sie sich nie wieder Urteile an über Dinge, von denen Sie nichts wissen und über die Sie absolut nicht zu urteilen haben. Was wissen Sie schon, wie ich mich fühle? Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie ich mich gefühlt habe, in den ganzen Jahren? Da saßen Sie, selbstgefällig im Kreise Ihrer Freunde. Ewig hatten Sie neuen Blödsinn im Sinn, der meistens auf Kosten anderer ging – wie Ihr Vater. Und wer durfte die Scherben unerkannt hinter Ihnen aufsammeln – ich! Ja, der große, gütige Dumbledore hatte mich dazu auserkoren, als Wiedergutmachung sozusagen. Und ich habe mich in all das gefügt. Ich sage ja auch gar nicht, dass Albus nicht seine Gründe gehabt hätte und ich sie nicht verstanden hätte – doch wer geht schon egal für welchen Herrn gern in den Tod? Aber siehe da, als es endlich alles hinter mir lag, da hatte ich doch eine Art von Frieden finden können – gut, es war nicht das Paradies, aber es war auch nicht die Hölle. Es war ein erträgliches Dasein. Und dann kamen Sie!"
Snapes Griff verlor an Kraft und seine Stimme an Stärke.
„Dann kamen Sie und mussten mich erneut in dieses Leben holen – in diese Folter, aus der ich gerade entkommen war. Was bilden Sie sich eigentlich ein? Wollen Sie nun mein neuer ‚Meister' werden, dass Sie es wagen, mich herumzukommandieren?"
Mit aller Kraft stieß Snape Harry von sich und Harry taumelte nach hinten, wobei er einen Stuhl umwarf und schmerzhaft gegen den Tisch stieß. Wut brandete in ihm auf, wie immer, wenn er sich von Snape zu Unrecht beschuldigt fühlte. Er fühlte sich erschreckend an alte Zeiten erinnert und spürte, wie er drohte, in alte Muster zurückzufallen, wie in ihm der übermächtige Wunsch wach wurde, seinen Zauberstab zu zücken und Snape einen Fluch auf den Hals zu hetzen. Doch Harry war in den vergangenen Jahren durch eine harte Schule gegangen, die sich jetzt bewährte. Er drehte sich von Snape weg und zum Tisch um, und stützte sich mit beiden Händen darauf ab. Seinen Schmerz schluckte er herunter, biss einmal die Zähne zusammen und sammelte sich. Dann erwiderte er in gezwungen ruhigem Ton:
„Sir, ich entschuldige mich in aller Form, wenn ich Ihnen zu nahegetreten bin. Bitte, lassen Sie uns jetzt gehen. Bitte, Sir."
Snape nickte stumm und die Wut loderte nicht mehr in seinen Augen. Im Gegenteil, er war ohne es zu wollen, beeindruckt von der inneren Stärke, die Harry gerade demonstriert hatte. Eine Stärke, die er noch nicht besessen hatte, als Snape ihn gekannt hatte.
Gemeinsam traten sie den Rückweg zu Harrys Wohnung an und dieser verlief, wenn auch langsam und schleppend, ohne besondere Vorkommnisse. Zwar sprachen Sie kein Wort miteinander, aber Snape stützte sich sogar manchmal an Harrys Schulter ab und sie bewältigten auch die Treppen bis hinauf in Harrys Wohnung. Nachdem sich Snape mit schweren, abgehackten Bewegungen in den Sessel niedergelassen hatte, in dem er auch die vergangene Nacht verbracht hatte, fiel Harry auf dem Sofa förmlich in sich zusammen.
„Professor Snape," er gebrauchte mit Absicht den Titel, um ihm seinen Respekt zu zeigen, „ich weiß nicht, was geschehen ist, als ich den Stein gebrauchte. Beim letzten Mal, kurz bevor ich Voldemort gegenübertrat, waren meine Eltern und …" er zögerte kurz, denn er wollte Snape nicht verärgern „Sirius erschienen. Und sie waren auch wieder verschwunden, als ich den Stein an besagter Stelle fallen ließ. Ich weiß wirklich nicht, was diesmal geschehen ist, aber die Auswirkungen sind fatal … soviel ist sicher. Ich weiß keinen Rat und …" dabei schaute er Snape in die Augen, „wenn Sie auch keinen wissen, dann müssen wir Hilfe hinzuziehen. Oder wissen Sie eine Alternative, Sir?"
Snape lehnte seinen Kopf zurück und antwortete knapp: „So sehr ich es bedauere … nein." Dann richtete er sich unter Schmerzen auf und sagte: „Mr. Potter, vielleicht sollten wir mit einer kleinen Recherche beginnen. Was haben Sie für Zauberkunst-Bücher hier? Wir könnten eine Eule zu dem Buchladen in der Winkelgasse schicken. Außerdem könnten wir einen Trank brauen, der als schmerzlindernde Paste aufgetragen werden kann. Ich bin zwar nicht in der Lage zu atmen und zu schlucken, aber habe ja eine leidlich solide Gestalt. Etwas aufzutragen müsste möglich sein. Wo sind Ihre Vorräte zum Tränkebrauen? Außerdem müssen wir noch einmal den Stein genauer untersuchen, vielleicht haben wir etwas übersehen … Warum, verdammt, schütteln Sie ständig den Kopf, Potter?
„Sir, ich denke, das wird so nicht funktionieren. Ich habe keinerlei Zauberei-Bücher hier, sie sind alle in dem Lager am Ende der Winkelgasse eingelagert. Ebenso mein Kessel, samt allem, was dazugehört. Eine Eule besitze ich auch nicht, wenn ich Kontakt aufnehmen möchte, gehe ich in die Eulerei in der Winkelgasse. Ich lebe hier unter Muggeln, mich besuchen Muggel, ich will nicht auffallen. Das einzige, ja wirklich das einzige, was ich behalten habe, ist mein Zauberstab. Sonst habe ich nichts. Und was den Stein angeht, den hatte ich im Wald fallengelassen und nicht daran gedacht, ihn mitzunehmen. Und bevor Sie mich jetzt beschuldigen - Sie haben auch nicht daran gedacht."
Ernüchtert ließ sich Snape zurücksinken. Und wenn einem Geist Schweißperlen auf der Stirn stehen könnten, so wäre das bei Snape jetzt der Fall gewesen.
Ehrlich besorgt fragte Harry:
„Wie geht es Ihnen? Sind die Schmerzen schlimmer geworden? Es tut mir leid, dass ich den Ernst der Lage nicht früh genug erkannt habe."
Snape winkte ab. Die ehrliche Besorgnis in Harrys Frage brachte ihn aber dazu, nicht zu harsch zu antworten: „Es ist schon gut. Die Schmerzen sind gerade noch zu ertragen und sie sind in den letzten Stunden zumindest nicht mehr schlimmer geworden. Wenn Sie jemand kontaktieren wollen, an wen haben Sie denn gedacht?"
Harry druckste ein wenig herum, ganz offensichtlich fand er es überhaupt nicht angenehm, mit irgendjemandem aus der Zauberergemeinschaft Kontakt aufnehmen zu müssen, dann sagte er leise:
„Wir könnten Professor McGonagall fragen. Vielleicht weiß sie Rat. Immerhin lehrt sie Verwandlungen und ist ein Animagus, sie sollte etwas über seltene und seltsame Transformationen wissen. Außerdem könnten wir über sie Zugang zum Portrait von Professor Dumbledore bekommen.
Eine weitere Möglichkeit wäre Hermine Granger. Sie ist die Beste in Sachen Recherche und ich könnte sie wohl leicht dazu bewegen, hierher zu kommen. Ich sage es Ihnen nur gleich, ich denke, dann wäre Ron Weasley mit von der Partie.
Tja und die letzte Möglichkeit, die mir einfällt, wären Ordensmitglieder, z.B. Arthur Weasley, aber wenn wir so breit streuen, dann ist Ihr Zustand bald öffentliches Gut."
Harry war im Raum auf und ab gewandert und drehte sich nun zu Snape herum.
„Was ist Ihre Meinung dazu, Professor?"
„Warum fürchten Sie sich so davor, in die Zaubererwelt zurückzukehren? Warum genau sind Sie eigentlich aus ihr geflohen?" fragte Snape leise, als wenn ihm selbst der laute Klang der eigenen Stimme Schmerzen zu bereiten schien.
Harry versteifte sich und sah Snape undurchdringlich an. „Das ist meine Sache. – Sagen Sie lieber etwas zu meinen Vorschlägen!"
Snape lehnte sich erschöpft im Sessel zurück. „Mr Potter, wenn ich in der Lage wäre, an irgendetwas anderes zu denken, als an meinen momentanen Zustand, hätte ich vielleicht schon eine Lösung. Im Moment sehe ich mich leider nicht als entscheidungsfähig an."
Weniger Snapes Erschöpfungszustand als vielmehr dieses Eingeständnis war für Harry ein echter Schock. Mit der Entschlossenheit eines Verzweifelten wandte er sich an ihn: „Okay, dann werde ich die Entscheidungen für uns beide treffen. Ich werde Ihnen jetzt eine Substanz verabreichen, die sie inhalieren werden. Sie sagten, dass Sie Gerüche wahrnehmen, also sollte das funktionieren. Und dann sollte der Schmerz vergehen. Aber ich warne Sie, es ist ein starkes Suchtmittel. Wir dürfen das nicht zu oft machen."
Snape lachte höhnisch auf: „Und was soll passieren, wenn ich süchtig werde? Werde ich dann etwa sterben? Was ist das überhaupt für eine Substanz?"
„Machen Sie keine Witze darüber!" entgegnete Harry aufgebracht und entnervt. Hätten Sie nicht diese geisterhafte Erscheinung, würden Sie verdammt lebendig auf mich wirken. Aber zurück zu Ihrer eigentlichen Frage:"
Harry wandte sich schon ab und suchte nach einigen Schächtelchen in der Küche. Scheinbar bewahrte er dort einiges an chemischen Substanzen auf, die nun hoffentlich hilfreich sein würden. Dann fuhr er fort:
„Es handelt sich um Alpha-Methyl-Fentanyl. Der Stoff ist in Muggelkreisen auch unter dem Namen China-White bekannt."
Ehe es Harry bewusst wurde, referierte er genauso, wie es sonst Hermine oder auch Snape als Lehrer getan hätten.
„Die Substanz wird gewonnen, indem man … … ungünstig beeinflusst durch die Zugabe von … … die gleiche Substanz, die auch in schmerzstillenden Zaubertränken … … nicht zu verwechseln mit … … reagiert auffällig mit … … und kann unter gleichzeitiger Einnahme von … … zu ungewöhnlichen Reaktionen führen."
Als er fertig war, hatte er auch den Inhalator präpariert und befüllt und drehte sich selbstbewusst und schwungvoll zu Snape um, während dieser ihn geradezu verblüfft anstarrte.
Dann räusperte sich Snape vernehmlich: „Gut ... oder auch nicht. Versuchen Sie es halt."
Harry wies Snape einen Platz am Esstisch in der Küche an und hielt ihm die Inhalationsmaske hin. Das Aerosol strömte aus dem Inhalator und obwohl Snape nicht in der Lage war zu atmen, strömte es in seine Erscheinung ein. Nach ein paar Momenten stoppte Snape das Gerät durch einen energischen Druck auf den Ausschalter.
Ehrlich erstaunt starrte er Harry an. Dann sagte er nach einem weiteren Augenblick: „Es wirkt. Ich will nicht zuviel nehmen, sie haben völlig Recht, die Wirkung ist sehr, sehr stark."
Dann musterte er Harry so lange und eindringlich, dass dieser anfing sich unter Snapes Blick zu winden. Ganz langsam fing Snape an zu sprechen, so dass man hätte meinen können, er stünde unter dem Einfluss der starken Droge. Doch schnell wurde klar, dass er nur seinen Punkt überdeutlich machen wollte:
„Mr. Potter. Ich bin durchaus beeindruckt von Ihrem Fachwissen und von der Art und Weise, wie Sie diesen Stoff hier für mich aufbereitet haben. Und ich bin weit davon entfernt für den Effekt undankbar zu sein. Aber warum, in Merlins Namen, haben Sie ein derartiges Präparat in dieser Menge einfach so in Ihrem Arzneischrank stehen? Sind Sie selbst süchtig? Erklären Sie es mir. Ich denke, ich habe hier auch ein Recht auf ein paar Antworten."
Harry ließ sich auf den nächstgelegenen Sessel sinken und lehnte den Kopf in den Nacken. Er starrte die Decke an, als ob sie ihm etwas wirklich Wichtiges zu sagen hätte. Er versuchte Zeit zu schinden und war sich doch gleichzeitig bewusst, dass das gar keinen Sinn machte. Wenn irgendjemand Zeit hatte, dann war es Snape. Die Ewigkeit sozusagen.
Mit einem tiefen Seufzen richtete er sich wieder auf und schaute Snape mit einer Ernsthaftigkeit an, die diesen fast erschreckte.
„Sie wollen meine Geschichte hören, Professor? Sind Sie sicher? Ich meine, warum? Was an dem idiotischen und arroganten Jungen, der unbedacht Risiken eingeht und sich und andere ständig in Gefahr bringt, könnte Sie, ja Sie, interessieren?"
Snape lehnte sich nun, wo seine Schmerzen unter einem dämpfenden Mantel verschwunden waren, fast entspannt zurück und hob leicht eine Augenbraue an. „Fangen Sie einfach an und überraschen Sie mich! Aber ergehen Sie sich nicht in Selbstmitleid, Potter!"
„Ich will Sie sicher nicht langweilen, also komme ich direkt zu den wichtigen Punkten. Sie fragten, warum ich Alpha-Methyl-Fentanyl im Haus habe? Ich habe versucht mich zu betäuben. Aber nicht irgendwelche Schmerzen, nein, ich wollte nur die Wirklichkeit ausschalten. Ja, verziehen Sie nur das Gesicht. Ich weiß, dass ich nur Verachtung dafür erwarten kann. Glauben Sie mir, ich weiß genau, was Sie denken. Da sitzt ein Junge, der alles hat. Gehätschelt von seinen Lehrern, ein ums andere Mal gerettet, von der Zaubererwelt verehrt für den eher zufälligen Sieg über Voldemort – und bemitleidet sich selbst so sehr, dass er Drogen nimmt. Kurz gesagt: Ein Schwächling. Und vielleicht haben Sie sogar Recht. Denn genauso habe ich mich lange Zeit gefühlt. Als Versager, als Schwächling, als Feigling."
Harry machte eine Pause, aber als Snape keine Reaktion zeigte, fuhr er fort.
„Voldemort war besiegt. Die einen betrauerten ihre Angehörigen, die anderen waren im Siegestaumel. Eine dunkle Zeit hatte ihr Ende gefunden. Alles hätte gut werden können, wenn es nicht einen winzigen Haken gegeben hätte. Mein ganzes Leben war auf diesen Augenblick hin ausgerichtet gewesen. Danach wollte ich mit Ginny einen echten Anfang machen, ich wollte Auror werden. Ich wollte frei sein und dabei durchaus auch genießen, was der zum Teil sicher auch unverdiente Ruhm mir für Möglichkeiten bot, auch wenn ich dem Rummel um meine Person nicht wirklich etwas abgewinnen konnte. Doch alles kam anders."
Harry stützte kurz seinen Kopf in die Hände und rieb sich die Schläfen, wie um einen Anflug von Kopfschmerz zu vertreiben, während ihn Snape mit völlig ausdrucksloser Miene beobachtete.
„Ich lebte mit Ginny zusammen in dieser Zeit und hatte schon Familie. Wissen Sie, ich habe 3 Kinder, die beiden Ältesten sind sogar schon in Hogwarts. Aber als es anfing, da waren sie alle noch klein. Ich spürte Veränderungen. Ich konnte nicht mehr mit solcher Leichtigkeit zaubern, das Apparieren fiel mir schwer und auch das Fliegen eines Besens wurde schwieriger. Irgendwie verlor ich immer mehr meine magischen Fähigkeiten. Sie können sich nicht vorstellen, was das für mich bedeutete. Meine Zukunft rann mir durch die Finger. Ginny hätte nie freiwillig mit einem Squib zusammengelebt. Mein Berufswunsch „Auror" war Geschichte, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Und dann wurde ich ja immer noch Schritt und Tritt von diesen widerlichen Reportern verfolgt. Das wäre eine schöne Story gewesen: Der Junge, der nicht nur überlebte, sondern auch noch seine Magie opferte! Und was wäre dann aus mir geworden in der Zaubererwelt? Man hätte mich bemitleidet und durchgefüttert. So wollte ich nicht leben."
Wieder machte Harry eine Pause, um sich zu sammeln. Er sah Snape an, der ihn noch immer völlig neutral anblickte, also setzte er fort.
„Das Ganze war zunächst ein schleichender Prozess, am Anfang begriff ich nicht einmal, was vor sich ging. Aber dann änderte der Verlust an Magie immer mehr mein Leben. Ich zog mich von meinen Freunden zurück, ich apparierte nicht mehr, um meine begrenzte Magie nicht zu verschwenden. Ich spielte kein Quidditch mehr, da ich mich kaum noch auf einem Besen halten konnte. Ich gaukelte meinen Freunden vor, ich würde mich gern auf Muggelart bewegen und auf Magie verzichten, weil es meine Herkunft sei und erntete verständlicherweise nur Unverständnis. Daraufhin wurde der Kontakt zu meinen Freunden und Ginny immer oberflächlicher bis er schließlich zum Erliegen kam. Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich entschloss in die Muggelwelt zu gehen. Doch es war nicht einfach. Ich hatte keine Zeugnisse, keine Wohnung, kein Konto, niemanden, den ich kannte, keine Arbeit. Und das letzte war das Schlimmste. Alles hätte ich regeln können, wenn ich Arbeit bekommen hätte. Aber es gab einige Begleiterscheinungen bei dem Magieverlust – extreme Stimmungsschwankungen, Nervenreizungen, übertriebene Nervosität, die fast an Hysterie grenzte, Beklemmungsgefühle.
Ich geriet in falsche Kreise, in Kreise, in denen solche Symptome nichts Unbekanntes waren, wenn auch nicht durch Magieverlust hervorgerufen. So nahm ich zum ersten Mal „China White". Einige Zeit lebte ich am Abgrund, von Tag zu Tag, von Dosis zu Dosis. Bis ich einen Mann traf, der professionell in dieser Szene arbeitete. Ihm fiel auf, dass ich nicht wirklich dort hineinpasste, in das übliche Schema. Und ich war zum Glück noch nicht so tief verstrickt, dass ein Ausweg aussichtslos gewesen wäre. Irgendwie habe ich mit Hilfe eines Klinikaufenthaltes den Rückweg geschafft. Ohne diesen Freund hätte ich es allerdings nicht hinbekommen. Ich habe mich ihm anvertraut und obwohl er nie mit einem Zauberer zu tun gehabt hatte, hat er mich nicht als Spinner abgetan. Wahrscheinlich hatte er immer mit so vielen Spinnern zu tun, dass das ohnehin die Normalität für ihn war. Auf jeden Fall half er mir, auf „gesünderen" Wegen die Zeit des immer größeren Verlusts meiner Magie und seiner Nebenwirkungen zu meistern. Natürlich spielten dabei unterschiedlichste Medikamente eine Rolle und er war erstaunt, wie viel ich über die Inhaltsstoffe und Zusammensetzungen wusste. Das war dann der Auslöser dafür, eine Ausbildung im Bereich Chemie zu suchen. Was meine Magie betrifft, sie ist so gut wie verschwunden.
Stille lastete auf dem Raum. Inzwischen war es so dunkel geworden, dass Harry und Snape sich kaum mehr erkennen konnten. Doch das gemeinsame Schweigen war nach der langen Erzählung nicht unangenehm.
Snapes Antwort dafür umso mehr. Mit triefendem Sarkasmus in der Stimme sagte er: „Was für eine anrührende Geschichte, Potter."
Harry erstarrte förmlich und hörte fast auf zu atmen. Aus irgendeinem Grund hatte er diese Reaktion nun doch nicht erwartet. Snape dagegen betätigte den Lichtschalter der kleinen Tischleuchte in der Küche und sein Gesicht wurde sichtbar. Er lächelte. Nun gut, vielleicht nicht ganz. Aber seine Mundwinkel zeigten eindeutig die Andeutung eines Lächelns und es war kein unangenehmes. Harry schüttelte nur leicht den Kopf, als Snape bemerkte: „Ich wollte nur sehen, ob ich es noch kann."
Nach einer Weile brach Snape erneut das Schweigen: „Ich hatte mich schon gewundert, warum Sie nicht zur Arbeit apparieren oder in Ihrer Wohnung Magie verwenden, das erklärt aber ja nun vieles. Eines ist mir aber nicht klar. Sie hatten uns doch aus dem verbotenen Wald appariert, wie war das möglich?"
Harry nickte. „Meine Magie ist nicht komplett verschwunden. Wenn ich sie nur äußerst selten anwende, dann kann ich durchaus noch Magie bewirken. Es ist wie ein winziges Rinnsal, das in eine Schüssel fließt. Wenn genug da ist, kann ich es verbrauchen, dann dauert es aber lange, bis die nötige Menge wieder aufgefüllt ist."
Snape rieb sich bedächtig mit dem Finger über die Stirn. „So sieht es also nun aus: Eine bald drogenabhängige Geisterscheinung und ein ex-drogenabhängiger Ex-Magier versuchen … ja, was versuchen wir eigentlich? … Das Rätsel eines der Heiligtümer des Todes zu lüften? Den Tod zu besiegen oder ihn zu hintergehen?"
Schweigend brüteten beide noch eine Weile beim Schein der kleinen Tischleuchte vor sich hin, bis Snape sich Harry zuwandte und leise bemerkte: „Wenn wir morgen früh den Hogwarts-Express nehmen wollen, dann müssen Sie jetzt schlafen. Mir geht es soweit gut, Sie brauchen sich nicht zu sorgen."
Harry schaute einen Moment zweifelnd, dann nickte er bedächtig und wandte sich zum Gehen. Er wusste, dass er sich erholen musste. Wer wusste schon, wann er in den nächsten Tagen auf seine Reste der Magie würde zurückgreifen müssen. Dann wollte er wenigstens so erholt wie möglich sein. Als Harry verschwunden war, lehnte sich Snape erschöpft zurück. Sicher, er hätte mehr von dem Schmerzmittel – nein, von der Droge, verbesserte er sich – in sich hineinströmen lassen können. Aber er hatte sehr wohl gemerkt, dass sie nicht nur die Schmerzen dämpfte, sondern auch das Bewusstsein trübte. Und Snape war immer sehr darauf bedacht, in jedem Fall einen klaren Kopf zu bewahren, dafür war er durchaus bereit auch Unangenehmes in Kauf zu nehmen.
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Der nächste Morgen war gekommen. Harry erschrak diesmal nicht, als er erwachte. Erstaunlicherweise hatte er sich an seinen „Mitbewohner" nun schon fast gewöhnt.
(4469) TBC
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