Kapitel 14: Severus VII

Meine ursprüngliche Akzeptanz der Tatsache, dass die Hermione, die aus der Zukunft gekommen war, mit mir in dieser Zukunft verheiratet war, war nicht von langer Dauer, auch wenn ich kein einziges Mal dachte, dass sie log. Nachdem wir jeder seiner Wege gegangen waren (kurz, nachdem Weasley weg war), weil keiner von uns Lust auf Recherchen hatte, und ich etwas Zeit für mich allein brauchte, zog ich mich in mein Büro zurück, wo ich mich hinsetzte und die Gemälde ehemaliger Schulleiter anstarrte. Dumbledore versuchte jedoch wieder herauszufinden, was immer mich beschäftigte, und ich war nicht sicher, ob ich seine diebische Freude würde ertragen können, wenn er erfuhr, dass ich schließlich heiraten würde (egal wen), daher ging ich hinaus und überlegte, wohin ich gehen konnte, wo ich nicht Gefahr lief, Hermione über den Weg zu laufen, und letztlich entschied ich mich für meine eigenen Räumlichkeiten. Zumindest hoffte ich, dass ich dort nicht auf sie treffen würde. Zweifellos wusste sie, wie sie hineinkommen konnte …

Ich saß in meinem Sessel vor dem Kamin, beobachtete die Flammen, die um die Scheite tanzten, und dachte nach. Hermione Granger. Während der letzten paar Wochen hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mit ihr zu flirten – das heißt, mit dieser neuen, älteren Version von ihr, aber meine Gedanken waren tatsächlich nie weiter gegangen, weil ich nicht wirklich glaubte, dass sie je mehr als flirten wollte. Sie würde in fünf Monaten also wieder weg sein, egal, was ich tat oder wollte. Und weil ich nicht glaubte, dass sie mehr wollte, ließ ich mich weder von der Tatsache beunruhigen, dass sie in Wirklichkeit zwanzig Jahre jünger als ich war, obgleich diese Version nur zehn Jahre jünger war, noch ließ ich mich von der Tatsache belasten, dass sie eine ehemalige Schülerin von mir war und auch noch eine, zu der ich nicht besonders nett gewesen war. Natürlich war sie eine Gryffindor. Und mit Potter befreundet. Und eine Besserwisserin. Aber nichts davon spielte mehr eine Rolle.

Ich runzelte die Stirn und stütze mein Kinn auf eine Hand. Wollte ich eigentlich verheiratet sein …, Kinder haben? Jeden Tag meines Lebens mit jemand anderem verbringen? Ich ging davon aus, dass das erst in einiger Zeit passieren würe, aber … nachdem ich Lily verloren hatte, war mir nie der Gedanke gekommen, jemals wieder jemanden zu lieben, und daher erwog ich auch nie den Gedanken zu heiraten. Ich seufzte … Lily. In meinem Herzen hielt ich immer noch liebevoll an ihr fest, aber sie war jetzt seit langem tot, und Fakt war, dass Hermione das nicht war. Sie war hier und lebendig, und es war unwahrscheinlich, dass sie in naher Zukunft starb. Zumindest nicht in den nächsten zehn Jahren.

Meine Logik rebellierte gegen mich. Sie konnte einfach nicht erkennen, inwiefern Hermione zu lieben und zu heiraten Sinn ergab. Sie war zu jung für mich, sie war eine meiner Schülerinnen … Aber Menschen heirateten tatsächlich auch mit einem Altersunterschied von zwanzig Jahren. Das war schon passiert. Und sie war nicht mehr meine Schülerin, besonders nicht diese Hermione. Und sie war schön, sie war begehrenswert. Obgleich ich das erst bemerkt hatte, nachdem sie plötzlich um zehn Jahre gealtert war.

Dann waren da Kinder. Mein Magen verkrampfte sich. Adeline, das zwei Jahre alte kleine Mädchen, von dem sie sprach? Laut Hermione war sie auch meine Tochter. Genau wie das Beby, das in ihr wuchs. Ein Schauer rann mir den Rücken hinunter. Kinder.

Mit einem leichten Grollen zwang ich mich selbst dazu aufzuhören, darüber nachzudenken. Noch viele Jahre würde nichts davon geschehen, nicht, wenn Hermione die Wahrheit sagte. Jedoch … ich seufzte. Da war die Frage von Liebe. In meinem ganzen Leben hatte ich nur einen Menschen geliebt, und der war Lily. Eine Liebesgeschichte, die nun in der ganzen Zaubererwelt bekannt war … Verdammter Potter. Ich war nicht sicher, ob ich wieder lieben könnte, oder ob ich auch nur wusste wie. Hermione schien diesbezüglich jedoch sehr zuversichtlich zu sein, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie jemanden heiratete, von dem sie nicht sicher war, dass er sie liebte. Sie war niemand, die man betrog.

Wie zum Teufel kam sie überhaupt dazu, mich zu lieben? Ihr jüngeres Ich war anscheinend jetzt in der Zukunft und interagierte mit meinem zukünftigen Ich. Demjenigen, der mit dieser Hermione verheiratet war. Bereits in sie verliebt war. Vielleicht war es doch nicht so schwer vorstellbar. Meine Augen bohrten Löcher in den Kamin. Schließlich stand ich auf und ging im Raum auf und ab.

Einige Stunden später klopfte jemand an die Tür. Ich erstarrte, dann ging ich sie öffnen und fand diejenige vor, von der ich wusste, dass sie da sein würde. Hermione. Ich trat zu Seite, um sie eintreten zu lassen, ohne Fragen zu stellen, da ich ohnehin mit ihr reden wollte. Ich hatte einige Fragen an sie.

„Du siehst gar nicht gestresst aus", sagte sie leichthin (und sarkastisch), als sie eintrat und dann auf dem Sofa beim Feuer Platz nahm. Sie sah aus, als sei sie draußen gewesen. Ihre Wangen waren gerötet, und in ihrem Haar befanden sich Schneeflocken. Schneeflocken? Ich ging hinüber, um aus dem Fenster zu sehen, und tatsächlich segelten Hunderte kleiner weißer Flocken sanft über die Ländereien. Erster Schnee des Jahres. Weihnachten stand vor der Tür.

„Bin ich nicht", teilte ich ihr mit, nahm meinen vorherigen Sitzplatz wieder ein und vermied es, ihr in die Augen zu sehen. „Ich denke lediglich über die Tatsache nach, dass anscheinend eine meiner ehemaligen Schülerinnen mich letztlich heiratet."

„Es ist nicht so schlimm", sagte sie mit einem Lächeln, weil sie wusste, dass ich nicht dachte, dass es so schlimm war. Seltsam, verstörend und verwirrend. Aber schlimm? Wenn ich darüber nachdachte … nicht wirklich.

„Wie …", setzte ich an, dann überlegte ich, ob die Frage angemessen war, ehe ich beschloss, dass es egal war. „Wieso liebst du mich?" Überraschenderweise war es schwieriger zu sagen, als ich dachte. Ich war es nicht gewohnt, über meine Gefühle zu sprechen. Und schon gar nicht über Liebe.

„Jetzt komm, Severus", sagte sie, und ihre Stimme strahlte Wärme aus. „Sei nicht albern. Wenn Lily dich mögen konnte, kann ich das auch."

„Ich bin nicht derselbe Mensch, wie als ich jünger war", gab ich zurück. „Und du heiratest mich. Lily nicht."

„Vielleicht hätte sie es", verwies Hermione, dann schüttelte sie den Kopf und sagte: „Aber das geht am Thema vorbei, denn sie hat es nicht getan, aber ich. Ich tue es. Ich weiß, dass du ein egotistischer, anspruchsvoller und gelegentlich rücksichtsloser Mensch bist. Glaub nicht, dass ich Illusionen hege. Ich werde auch nicht versuchen, dich zu ändern. Ich liebe dich trotzdem. Ich liebe die Tatsache, dass du lieben kannst, ungeachtet dessen, was du getan hast."

Ich wertschätzte es, dass sie sagte „was du getan hast" statt „was du durchgemacht hast". Ich war nicht sicher, ob es funktioniert hätte, wenn sie mich aus Mitleid oder wegen meines inneren Heroismus oder so etwas liebte. Ich wies nicht auf die Tatsache hin, dass ich sie nicht liebte, noch nicht. Sie hatte sich gleichzeitig mit mir verliebt, daher war es egal.

„Dann will ich dich nicht weiter ausfragen", sagte ich und fügte dann hinzu: „Nach deine Gefühlen, meine ich."

„Aber über deine eigenen?", lächelte sie, dann rutschte sie näher ans Feuer und sagte: „Setz dich neben mich."

Ich zögerte, dann gehorchte ich. Aber ich sorgte dafür, dass zumindest ein kleiner Abstand zwischen uns war. Sie lächelte mich an, dann streckte sie die Hand aus und nahm meine. Ich ließ sie und umfasste ihre warmen Finger mit meinen. Es war ein gutes Gefühl. Überraschend gut.

Zusammen starrten wir einige Minuten lang ins Feuer, bis Hermione sich wieder mir zuwandte und sagte: „Hab keine Angst."

„Habe ich nicht", antwortete ich und fragte mich, ob sie mehr über mich wusste als ich selbst, und ich hatte tatsächlich Angst. Aber ich spürte sie nicht. Nicht genau jetzt. Was ich jetzt fühlte, war … natürlich. Es fühlte sich richtig an. Mein Hirn sagte, es sei falsch, aber mein Herz sagte, es sei richtig.

„Ich vermisse dich", sagte sie. „Ich habe dich vermisst. Es war so schwierig … bei dir zu sein, aber nicht mit dir zusammen sein zu können. Dir sagen zu wollen, dass ich dich liebe …, aber zu wissen, dass du nicht bereit bist, es zu hören."

„Ich bezweifle, dass ich jetzt dazu bereit bin", antwortete ich trocken und staunte über die Tatsache, dass Hermione mich vermisste. Ich wandte meine Augen vom Feuer ab und sah sie an, sah sie wirklich an.

Ich sah in ihre Augen, und als ich die Liebe darin sah, wollte ein Teil von mir sie verschmähen. Ich wollte ihr sagen, dass sie ein törichtes, albernes Mädchen war, weil sie sich in mich verliebt hatte, und dass sie zu Weasley zurückgehen solle. Ich wollte ihr sagen, dass ich sie niemals lieben würde, und ich wollte ihr sagen … Ich wollte ihr sagen, dass ich niemand war, den sie lieben wollte.

Aber ich konnte es nicht. Weil sie wissen würde, dass ich log, weil sie meine Zukunft gesehen hatte. Und in der Zukunft … liebte ich sie. Ich musste es ihr auch gesagt haben, und ich musste es ernst gemeint haben. So sehr ernst, dass ich sie heiratete und Kinder mit ihr hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemanden genügend zu lieben, um Kinder haben zu wollen. Ich schaute auf ihren Bauch, der rund war mit dem Kind, das in ihr wuchs. Mit meinem, wenn sie die Wahrheit sagte. Daran hatte ich keinen Zweifel, teilweise aufgrund meiner guten Fähigkeit, Menschen zu lesen, nachdem ich Legilimentik gelernt hatte (nicht, dass ich ihre Gedanken las, man lernte einfach nach einer Weile, welche äußeren Signale mit welchen inneren Gedanken einhergingen), und teilweise aufgrund der Tatsache, dass ich nicht glaubte, dass diese Hermione mich anlügen würde.

Ich hoffte, dass Hermione meine Gedanken nicht von meinem Gesicht ablesen konnte. Ich dachte gerne, dass ich ein emotional zurückhaltender Mensch war, aber ich wusste, dass ich das meistens nicht war. Wenn ich zornig war, war ich zornig, wenn ich glücklich war, war ich … hämisch. Wenn ich unglücklich war, ließ ich es an anderen aus. Die einzige Art von Gefühlen, bei denen ich reserviert war, mussten wahre Freundschaft, wahres Gernhaben sein … und Liebe. Ich sah von Hermione weg. Wahrscheinlich hatte sie recht, dass ich mich fürchtete. Wahrscheinlich fürchtete ich mich. Aber ich wusste es nicht genau, weil ich nicht zuließ, dass ich mich so fühlte.

Ein anderer Teil von mir wollte die Tatsache ausnutzen, dass sie meine Hand hielt und mir ihre Liebe gestand. Dieser Teil wollte sich hinüberbeugen und sie küssen, sie halten …, nehmen, was sie anbot, indem sie mir die Zukunft mitteilte. Sie ausnutzen und sie grausam behandeln, indem ich ihr bewies, dass sie Unrecht hatte bezüglich der Zukunft, derer sie so sicher war.

Der letzte Teil von mir, möglicherweise der kleinste, sagte jedoch nein. Sag ihr nicht, dass sie gehen soll. Verletze sie nicht. Ich wusste nicht, ob es daran hing, dass ich wusste, dass ich es nicht tat … basierend darauf, was sie mir erzählte. Wenn ich sie verletzt hätte oder grausam zu ihr gewesen wäre, hätte sie mich niemals geheiratet. Aber das war es nicht, nicht alles. Ich wollte es nicht, weil … ein winziger Teil von mir wollte, dass die Zukunft sich so entwickelte, wie sie sagte. Ich wollte Liebe und eine Ehe und Glück und Kinder. Ich fragte mich, wie mein Ich der Zukunft war. Dann wusste ich plötzlich mit fester Überzeugung, dass die Zukunft, wie sie sie behauptete, dass sie geschah, ohne den mysteriösen Zeitreiseunfall nicht passiert wäre. Ich wusste, wenn sich die neunzehnjährige Hermione bei irgendeiner Art von Zusammenarbeit irgendwie in mich verliebt und es mir erzählt hätte, hätte ich sie ausgelacht. Ich würde sie auslachen und abweisen und nie wieder daran denken, selbst wenn ich angefangen hätte, emotionale oder physische Gefühle für sie zu entwickeln. Diese Erkenntnis veränderte mich, denn jetzt wusste ich, dass ich im Unrecht war. Wenn es geschehen war, und das war es, was ich tat, hätte ich Unrecht gehabt.

Ich sah wieder ins Feuer und fragte mich, welches Schicksal diese Zukunft für uns beide beschlossen hatte, weil ich genau wusste, dass es von alleine nicht passiert wäre.