Das einzige, was er spürte, als er aufwachte, war Schmerz.
Durchdringender, purer Schmerz.
Er versuchte kategorisch durchzugehen, welche Körperteile genau schmerzten, gab es jedoch bald auf.
"Wach auf, wach auf, Schniefelus."
Scheiße.
Bellatrix Lestrange.
Da es keinen Sinn machte, der Hexe Ohnmacht vorzuspielen, schlug er die Augen auf.
Es dauerte einige Sekunden, bevor sein Blick scharf wurde. Alles schien sich um ihn zu drehen. Sein Kopf lag schwer auf kaltem Marmor, der sich vor ihm wie ein Meer aus schwarzer Tinte ausbreitete. Die Kühle des Steines an seiner Wange war fast schon eine Wohltat.
Ein paar Meter entfernt sah er Kingsley liegen. Der Boden vor ihm war gesprenkelt mit Blut.
Snape spürte, wie seine Eingeweide zu Eis gefroren.
Er wollte aufstehen, doch hinderten ihn einerseits Fesseln daran, die in seine Hand- und Fußgelenke schnitten und andererseits die Pein, die nicht aufhörte, durch seine Nervenbahnen zu ziehen und ihn kraftlos zurückließ.
"Severusssss. Es freut mich, dass wir nach so langer Zeit wieder deine Anwesenheit bei uns genießen dürfen."
Ein Zauber ließ ihn nach oben schweben und unsanft auf die Knie fallen. Ein Keuchen entwich ihm, als sein Körper auf dem unnachgiebigen Stein aufprallte. Hätte der Zauber ihn nicht einigermaßen aufrecht gehalten, er wäre sofort wieder umgefallen. Mit einer unglaublichen Kraftanstrengung, gelang es ihm, den Kopf zu heben und hasserfüllt dem Blick seines ehemaligen Meisters zu begegnen.
Das einst so gut aussehende Antlitz von Lord Voldemort war schon längst verfallen zu einem blassen, leichenartigen Gesicht. Nur ein schmaler Hügel erinnerte noch an die Nase, die einst in seinem Gesicht saß und die schon bald gänzlich verschwunden sein würde. Snape erinnerte sich an seine Anfangszeit bei den Todessern. Als er mit Lucius und Emilia und Walden und Bellatrix und all den anderen in der Bibliothek von Malfoy Manor gesessen hatte, mit einem Glas feinsten Elfenweins in der Hand und einem prasselnden Feuer vor sich, umgeben von den dunkelsten Schmökern und Lektüren, die die Zauberwelt zu bieten hatte, und als sie alle mit leuchtenden Augen und tanzenden Visionen einer glorreichen Zukunft vor sich den Monologen ihres Lords gelauscht hatten. Er hatte sich verstanden gefühlt. Er hatte sich als Teil von etwas Großem und Wichtigem gefühlt. Er hatte sich wertgeschätzt gefühlt.
Ihm wurde mit einem Mal klar, wie blass und schal diese Erinnerungen waren, im Vergleich zu den vielen Abenden, die er mit Kingsley verbracht hatte.
Die Todesser hatten ihn für seine Fähigkeiten geschätzt. Und für das, was er zur Sache beitragen konnte. Sie hatten stets genommen - alles, was er ihnen geben konnte und noch mehr. Kingsley schätzte ihn um seiner selbst willen. Er verlangte nichts und war zufrieden damit, einfach bei ihm zu sein.
Es war so unfair, dass ihm erst klar wurde, was Liebe und Akzeptanz wirklich bedeutete, als sein Leben schon fast verwirkt war.
Er machte sich keine Illusionen: er würde das Anwesen der Lestranges - diesen Saal würde er überall wiedererkennen - niemals lebend verlassen. Der Gedanke war nicht so entsetzlich, wie er eigentlich erwartet hatte. Viel entsetzlicher war, dass Kingsley sehr wahrscheinlich das gleiche Schicksal teilen würde und es nichts gab, was er tun konnte.
"Dein Kopf arbeitet, doch einen Blick erlaubst du mir nicht. Wie kommt es, dass ich deine Okklumentik-Fähigkeiten zuvor nie wahrgenommen habe? Aber natürlich mussten sie da sein. Sonst hätte ich schon viel eher versucht, dieses erbärmliche Schlammblut auszulöschen, dass dich daran gehindert hat, mir deine volle Loyalität zu geben." Voldemort trat näher. Seine Roben schleiften leblos über den Boden. Er beugte sich nach unten und ließ einen skelettartigen Finger über Snapes Schläfe gleiten. Zog eine feurige, schmerzende Spur über seine Haut.
"Eine Schande. Du hattest so viel Potenzial. Als Bellatrix mir erzählte, was du getan hast…ich war untröstlich." Voldemort ließ von ihm ab und richtete sich auf.
Hinter Voldemort ertönte ein gehässiges Kichern. Bellatrix hatte es sich auf der Armlehne des eleganten Stuhls - nein, Throns - bequem gemacht, auf dem Voldemort sonst saß, und bedachte Snape mit einem schadenfreudigen, irren Blick. Sie hatte ihn noch nie gemocht.
"Zum Glück haben mir ein paar Freunde dabei geholfen, dich zurückzuholen. Nicholas?"
Ein Mann trat in Snapes Sichtfeld. Er kam ihm vage bekannt vor. Seine dunklen Haare waren sorgsam zurückgegelt. Er hatte schmale Lippen, stechende Augen, die Snape verächtlich musterten und in seinem Ohr funkelte ein einzelner, silberner Ohrring.
Verdammt, wo hatte er diesen Mann zuvor gesehen?
Der Fremde lächelte süffisant. "Erkennst du mich nicht, Snape? Nun, du hast mich ja immerhin nur einmal gesehen. Ich sollte mir wohl besser meine Kleidung ausziehen, dann erkennst du mich vielleicht wieder. Ich glaube nicht, dass es mein Gesicht war, auf das du dich konzentriert hast."
Snape konnte seine Abscheu vor dem Mann nicht aus seinem Gesicht halten. "Du verdammter Bastard", brachte er keuchend hervor.
Nick?! Nick war die Person, die ihn und Kingsley verraten hatte?!
Nick lachte kalt. "Wie interessant es war, mir von Kingsley anzuhören, welche Auroren er verdächtigte nach Potters Entführung. Allen misstraute er. Nur seine kleinen Ordensmitglieder waren sicher, vom Rest entfernte er sich langsam. Ich hatte mich schon gefreut, dass ich stetig in seinem Vertrauten-Kreis aufstieg. In sein Bett bin ich leicht gekommen, doch in seinen Kopf…" Er verzog das Gesicht. "Eine Schande, dass solch gutes Blut verschwendet ist. Ein Mitglied der Unantastbaren. Ein brillanter, intelligenter Slytherin. Und dann verbringt er seine Zeit damit, dem Narren Dumbledore hinterher zu rennen. Ich sagte mir, mit ein bisschen Zeit und etwas Überzeugungsarbeit meinerseits würde er schon zu Vernunft kommen. Doch dann-" Er trat zu Snape. Legte eine Hand unter sein Kinn und zwang ihn, seinem zornigen Blick zu begegnen. "Doch dann kommst du plötzlich, der kleine, jämmerliche Verräter, und ruinierst mir alles." Er ließ seine Augen abfällig über Snapes Gesicht schweifen. "Seit Wochen versuche ich, herauszufinden, was er in dir sieht. Eine Augenweide bist du nicht gerade. Und ich wette im Bett winselst und jammerst du und weißt nicht, was du mit seinem Schwanz anstellen sollst. Aber vielleicht steht er auf erbärmliche kleine Schoßhündchen. Vielleicht gibt es ihm einen Kick, ungeliebte Streuner von der Straße aufzusammeln."
Hinter ihm lachte Bellatrix erneut hoch und schrill. Das Lachen hallte in Snapes Kopf wieder und verschlimmerte seine Kopfschmerzen. Dieses wahnsinnige Geräusch ließ die ganze Szene vor ihm surreal wirken. Der Marmor war so blank poliert, er konnte alle Personen noch einmal als wabernde Formen in dessen dunklen Tiefen sehen. Voldemort hatte sich auf seinen Stuhl gesetzt, die Hände verschränkt und beobachtete Nick mit funkelndem Blick. Nagini lag ruhig über der Rückenlehne und ließ sich geduldig von ihm über die smaragdfarbenen Schuppen streicheln.
Nick beugte sich zu ihm runter, legte seinen Stab an Snapes Kehle und wisperte: "Jaule für mich, Snape. Crucio!"
Er wäre gerne eine dieser starken Personen gewesen, die Nick niemals diesen Gefallen gegeben hätten. Die stolz waren. Und stark. Und die stoisch alles hinnehmen, was auf sie zukam.
Doch leider war er nicht so. Und er schrie aus voller Kehle, als der Zauber durch ihn züngelte und jede seiner Zellen in heiße Lava verwandelte.
Und während er sich in seinen magischen und nicht-magischen Fesseln wand unter Nicks abfälligem Blick, während sich ein schwerer Eisengeschmack auf seine Zunge legte und während das Atmen immer schwerer wurde und seine Stimme abbrach und heiser wurde und er trotzdem nicht aufhören konnte, weiter zu schreien, da verabscheute er sich genauso sehr, wie die anderen drei Personen in diesem Raum. Sich und seine Schwäche.
Er spürte, wie Voldemorts Magie in ihn eindrang. Seinen Verstand umwaberte und versuchte, Snapes Schutzschwilde zu durchstoßen. All das, während der Schmerz weiterhin endlose Kreise durch seinen Körper zog, in einem endlos währenden Limbus der Qualen. Voldemort wollte die Situation ausnutzen und sich all das nehmen, was Snape ihm so stur verweigerte.
Nein.
Er wusste nicht, woher dieser Gedanke kam. Irgendwo in seinem Bewusstsein war noch ein kleiner, kläglicher Rest von Widerstand, der sich unnachgiebig an die Oberfläche kämpfte.
Ich habe dir alles gegeben. All meine Zeit, meinen Schweiß, meine Aufopferung, meine Magie, doch meine Erinnerungen bekommst du nicht. Kingsley bekommst du nicht.
Er wusste nicht, wie lange sich der telepathische Kampf mit Voldemort zog. Wie ein heißes Eisen klammerte sich sein einstiger Meister um seinen Verstand und fügte der physischen Pain noch psychische hinzu. Doch so irrsinnig es auch klang, er knickte nicht ein. Hielt stattdessen unerschütterlich dem Ansturm stand, während sein Körper langsam verfiel.
Zu Asche und Staub wurde und sich anfühlte, als würde er in alle Himmelsrichtungen verstreut werden.
Irgendwann - nach Jahren, Jahrzehnten, als seine ganze Existenz heruntergebrochen war auf den kleinen flackernden und flüsternden Gedanken Nein - da hörte es auf. Er konnte sich nicht bewegen, konnte die Augen nicht öffnen, spürte, wie der Speichel ihm den Mundwinkel hinunter lief.
Wie aus weiter Ferne hörte er vereinzelte Worte. "...runter in…später noch einmal…genug Zeit mit Severus…" Und dann fiel er in wohltuende, schmerzlose Bewusstlosigkeit.
—
"Severus bitte, oh bitte wach auf. Komm schon, Severus. Du hast jetzt lange genug geschlafen."
Snape würde Kingsley jeden Wunsch erfüllen, doch diesem speziellen nachzugehen war wirklich schwer. Seine Lider wogen Tonnen. Er fühlte sich wie Atlas, der seine Last nicht mehr hatte halten können und nun vom Gewicht des gesamten Himmelsgewölbes niedergedrückt wurde.
"Severus", flüsterte Kingsley verzweifelt. Seine Stimme hörte sich leise an. Rau und trocken. Auch er war wohl in den Genuss des Cruciatus-Fluches gekommen.
Den Auror zu hören, wie er ihn in dem inständigen Tonfall anflehte, den Voldemort niemals aus ihm herausbekommen hätte, entfachte etwas in Snape. Ein kleines Flämmchen Kraft, das ihn bemächtigte, mit übermenschlicher Anstrengung die Augen aufzumachen und in das abgehärmte Gesicht von Kingsley zu schauen.
"kin- kin…ley" Ok. Sprechen funktionierte definitiv nicht.
Kingsley atmete erleichtert aus, als er sah, dass Snape …nun ja, nicht tot war. Der Auror schien nur dank der Wand an seinem Rücken einigermaßen aufrecht zu sitzen.
Zittrig hob er seine gefesselten Hände und fuhr mit ihnen über Snapes Wange. Die Berührung tat weh, doch niemals hätte Snape sie missen wollen.
Instinktiv ließ er den Blick über Kingsley schweifen, nahm die dunklen Flecken auf seiner Robe, die Schnitte und Prellungen wahr, die er abbekommen hatte. Er wünschte sich, er hätte die Chance, Nick und Voldemort eigenhändig zu erwürgen.
"N-Nick", brachte er langsam heraus.
Kingsleys Gesichtsausdruck verdüsterte sich. "Ich weiß. Ich habe ihn gesehen. Ich kann es nicht fassen, dass es ausgerechnet Nick ist, der uns verraten hat. Merlin, ich fühle mich so dumm. Ich hätte ihm niemals so viel von dir erzählen sollen. Es tut mir so unendlich leid, Severus."
Snape hoffte, dass sein Gesicht zur Genüge ausdrückte, wie wenig Schuld er Kingsley für ihre Situation gab.
"Er wollte mich tatsächlich auf Voldemorts Seite locken." Kingsley gab einen ungläubigen Gluckser von sich, der sich jedoch in einen kurzen, heftigen Hustenanfall wandelte. "Ich weiß nicht, welchen Illusionen Nick sich da hingegeben hat", fuhr er ächzend fort,"aber das hätte er niemals geschafft. Allein, dass er dachte, dass seine Chance bei mir erst vorbei war, als ich mit dir zusammen gekommen bin. Ich hätte ihm von Anfang an sagen können, dass etwas Ernsthaftes zwischen uns niemals funktioniert."
Snape konnte sich nicht ganz auf die Worte konzentrieren, die Kingsley nach zusammen gekommen, sagte. Sie hatten bis jetzt ihren Beziehungsstatus nicht so ganz definiert. Aber wenn Kingsley dachte, dass sie zusammen waren, nun, wer war er, um da zu diskutieren?
"Ihr habt es also endlich geschafft? Meine Güte, diese ganze sexuelle Spannung zwischen euch - ich hätte am liebsten schon vor Wochen etwas dazu gesagt, aber ich konnte mich gerade so noch zurückhalten."
Überrascht zuckte Snape zusammen, versuchte, sich der Stimme zuzuwenden, doch seine Gliedmaßen gehorchten nicht.
"Mor-", fing er an, bevor seine Stimme abbrach.
"Ja, ich bin es", sagte Madame Morgana. "Du glaubst doch nicht wirklich, dass dieser dreifach verfluchte Malfoy es geschafft hätte, euch in meinem Laden zu erwischen, wenn sie nicht vorher mich ausgeschaltet hätten? Drei gegen eins, wie ich anmerken möchte. Ich habe Walden aber noch einen schönen Fluch auf den Hals jagen können, bevor sie mich gekriegt haben. Hoffentlich hat er von den Pusteln noch eine ganze Weile was."
"Es tut mir so leid", wiederholte Kingsley und starrte mit resigniertem, gebrochenen Blick auf den Boden. Kingsley so zu sehen, tat Snape beinahe mehr weh, als der Cruciatus-Fluch von Nick. "Ich habe einfach dem falschen Mann vertraut und jetzt sind wir hier und versauern solange, bis Voldemort beschließt uns wieder zum Spielen herauszuholen." Er fuhr mit der Hand übers Gesicht. Verschmierte sich dabei das Blut aus einer offenen Wunde an seiner Augenbraue. "Meine Okklumentik-Fähigkeiten sind furchtbar, ich habe es vorhin nur geschafft die wichtigsten Sachen zu verdecken, weil ich ihm ein paar interessante aber belanglose Erinnerungen zur Ablenkung vorgelegt habe. Die Taktik wird nicht lange funktionieren. Beim nächsten Mal hat er mich. Salazar, ich will nicht schuld daran sein, dass Ordensmitglieder sterben. Ich hasse diesen scheiß Dreckskerl, Nick." Er ließ seinen Kopf nach hinten gegen die Mauer sinken. Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln.
Snape fühlte sich so verdammt hilflos.
"Niemand wird hier sterben, Shacklebolt. Nicht solange ich noch…" Ein Rascheln ertönte. Es klang nach…dem Rascheln von Stoff? "Aha, hier ist er doch."
Ein weiteres Geräusch ertönte.
"Et voilà!"
Plötzlich trat Morgana in sein Sichtfeld. Die Seile, mit denen sie gefesselt gewesen war, hingen lose von ihren Handgelenken. Und war das ein Dolch in ihrer Hand?
"Diese Purblut-Elitisten sind alle gleich", meinte sie und ließ den Dolch in einer Geste um ihre Finger wirbeln, die sehr geübt und auch sehr beeindruckend aussah. "Sie nehmen einer Lady den Zauberstab weg und denken, sie ist völlig hilflos. Ich habe Sven schon so häufig gesagt, dass seine Axt zwar schön anzusehen, aber absolut nutzlos ist. Das ist doch das erste, was dir ein Angreifer versuchen würde wegzunehmen und dann stehst du stab- und axtlos da und hast auch nichts gekonnt. Ein guter alter Dolch enttäuscht dagegen nie. Vor allem, wenn man gerne Kleider trägt, die ihn sehr gut verdecken."
Sie trat zu Kingsley und half ihm aus den Fesseln, bevor sie dasselbe bei Snape tat. Vorsichtig strich sie durch seine schwarzen, von Schweiß durchnässten Strähnen und schaute ihn mit einem Blick an, der nicht ganz ihre Sorge verbergen konnte. "Was haben sie nur mit dir gemacht, Severus." Sie seufzte. "Wir müssen dich dringend hier raus und zu einem Heiler schaffen. Diese Bastarde haben dich wirklich übel zugerichtet."
Sie richtete sich auf und stellte sich an die Tür. "Ok, passt auf ihr beiden. Wir sind schon eine Weile hier unten-" Snape fragte sich instinktiv wie lange er bewusstlos gewesen war und vor allem, wie lange Kingsley versucht hatte, ihn zu wecken "- das heißt bald werden sie jemanden schicken, um nach uns zu schauen und uns vielleicht einen Happen trocken Brot hinzuwerfen. Man kann immerhin niemanden verhören, wenn derjenige vorher schon verhungert ist. Also: Sobald die Tür aufgeht, versuchst du, Kingsley, Voldemorts kleinen Minion zum Straucheln zu bringen. Ringe ihn nieder, halte dich an seinem Bein fest: mir egal. Es muss nicht schön aussehen, es muss nur funktionieren. Ich versuche der Person den Zauberstab abzunehmen. Ohne einen Stab kommen wir hier definitiv nicht raus. Und Severus, ähm, ja versuch einfach nicht zu sterben. Du schaffst das schon."
Morgana sah aus, als ob sie tatsächlich wusste, was sie da tat.
Snape spürte, wie ein kleines Stück Hoffnung in ihm aufkeimte.
Irgendein Gott musste auf ihrer Seite sein, denn es dauerte tatsächlich nicht lange, bis man Schritte im Gang vernehmen konnte. Kingsley und Morgana warfen sich einen verheißungsvollen Blick zu.
Die Tür ging auf. Snape schlug das Herz bis zum Hals, alles fühlte sich an wie in Zeitlupe. Das zottelige Gesicht von Fenrir Greyback war kurz zu sehen, doch bevor dieser irgendetwas tun konnte, hatte Kingsley sich auf ihn gestürzt. Er boxte ihm in die Kniekehle, sodass der Werwolf einknickte und mit einem überraschten, kehligen Aufschrei zu Boden ging.
Womit sie nicht gerechnet hatten, war Ignatius Crabbe, der Greyback offenbar begleitet hatte. Bevor dieser allerdings ein Problem werden konnte, stolperte er unelegant über den zu Boden gegangenen Greyback und Morgana nahm ihn rasch in den Schwitzkasten. Was darauf folgte, war ein Gerangel, das sich innerhalb von Sekunden abgespielt haben musste, sich für Snape in seiner Panik jedoch erheblich länger anfühlte.
Crabbe versuchte, sich aus Morganas Griff zu befreien, fiel jedoch letztendlich ihrem Dolch zum Opfer, dessen Griff sie ihm kraftvoll gegen die Schläfen schlug. Kingsley hinderte währenddessen Greyback mit aller Macht daran, seinen Zauberstab zu ziehen. Er trat und schlug um sich und letztendlich wusste er sich nicht besser zu helfen, als dem Werwolf in die Wade zu beißen - das einzige Körperteil, an das er in diesem Moment herankam. Ohne eine ordentliche Portion Verzweiflung hätte er dies womöglich niemals gemacht, doch immerhin überraschte das Greyback so sehr, dass er kurz innehielt, um schrill aufzuschreien. Dieser Moment reichte Morgana aus und sie packte sofort den Kopf des Todessers und stieß ihn brutal gegen die Wand. Greybacks Augen verschwanden in ihren Höhlen und auch er ging zu Boden.
Schwer atmend schaute Morgana und Kingsley auf die beiden Todesser.
"Ich kann nicht fassen, dass es funktioniert hat", keuchte Morgana. "Dass so etwas bei dahergelaufenen Straßenahlunken klappt: Ja, keine Sache. Aber bei Voldis preisgekrönten Todessern? Die sind ja dumm wie Stroh."
"Man muss nichts können im Leben, wenn man Geld und Status hat. Und einen wahnsinnigen Meister, der gerne die Konkurrenz mit einem Avada begrüßt", sagte Kingsley schulterzuckend und machte sich daran, die beiden nach ihren Stäben abzusuchen. Er reichte Morgana den von Greyback, Crabbes Stab nahm er selbst. Schnell eilte er zu Snape und sprach hastig ein paar Heilzauber.
Snape spürte, wie Kingsleys Magie ihn durchströmte und langsam zumindest die oberflächlichen Verletzungen wieder zusammen flickte. Der Schmerz wurde schwächer. Er verschwand nicht. Er wütete immer noch durch ihn, wie ein beißender Wind. Doch immerhin fiel ihm das Atmen leichter und das Gefühl, von einer Lawine begraben worden zu sein, verschwand.
Morgana hielt angespannt den Zauberstab erhoben und schaute in den Flur.
"Es scheint keiner etwas mitbekommen zu haben", sagte sie, "aber wir sollten uns beeilen. Es wird bald auffallen, dass Dideldum und Dideldei nicht wiederkommen."
Sie half Kingsley dabei, Snape aufzurichten. Stöhnend hing er zwischen den beiden, während sich der Raum um ihn drehte.
"Morgana? Schaffst du es, Severus alleine zu stützen?"
Skeptisch sah Morgana Kingsley an. "Mhm, schwer, aber nicht unmöglich. Der Junge ist zwar groß, aber quasi nur Haut und Knochen. Dafür, dass die Hauselfen in Hogwarts für ihre Kochkünste bekannt sind, scheint er nicht wirklich viel davon zu essen. Aber wieso? Was hast du vor?"
Ein merkwürdiger Ausdruck trat ins Kingsleys Gesicht. Einer, den Snape noch nie an ihm gesehen hatte und der unnatürlich auf seinen sonst so warmherzigen Zügen wirkte.
"Nick ist immer noch hier. Wenn ich es richtig anstelle, schaffe ich es, mich zu verstecken und ihn alleine abzufangen. Ich werde mich an dem Stück Scheiße rächen, dafür, dass er mein Vertrauen missbraucht und den Mann, den ich liebe, gefoltert hat."
"Kingsley, ich habe nie gedacht, dass ich das einmal ernsthaft zu dir sage, aber du bist ein Idiot." Morgana sah ihn abschätzig an, gänzlich unbeeindruckt von seiner heroischen Deklaration. "Dieses Haus wimmelt von Todessern - und dunklen Flüchen, immerhin gehört das dieser irren Lestrange. Du denkst doch nicht ernsthaft, dass du hier als Ein-Mann-Kommando durchwüten kannst. Vor allem, wenn Voldemort noch da ist."
Kingsley presste die Lippen zusammen. "Ich muss das machen", stieß er hervor. "Das ist meine einzige Chance. Ich kenne Nick: Er ist nicht dumm. Sobald er mitkriegt, dass ich geflüchtet bin, wird er sich vor mir hüten und mir keine Chance mehr geben, ihn zu fassen.
Ich muss es tun. Für…für uns." Er schaute Snape an, mit einem Blick, bei dem ihm die Knie weich geworden wären, ähnelte sein Körper nicht sowieso gerade einem Stück Wellpappe. Morgana hatte ordentlich zu kämpfen, ihn aufrecht zu halten.
"Kingsley", flüsterte Snape.
"Severus, versuch deine Kräfte zu schonen." Kingsley drehte sich um und lief zur Tür.
"Kingsley, wenn du es wagst, durch diese Tür zu gehen, dann hört das zwischen uns auf, bevor es richtig angefangen hat." Merlin, zu sprechen war, als würde er seine Kehle mit Schmirgelpapier malträtieren, doch das hielt ihn nicht davon ab, weiterzumachen. Kingsley hatte innegehalten und sich ihm wieder zugewandt. Sein Blick war unergründlich.
"Morgana hat recht: Das ist Wahnsinn. Und ich weigere mich, mein Herz einem Wahnsinnigen zu geben, der seines und meines aufs Spiel setzt, nur um sinnlose Rachegelüste zu befriedigen. Komm mit uns. Flieh' und ich werde mit dir zusammen alles daran setzen, dass Nick seine gerechte Strafe bekommt."
Salazar, er hoffte, dass das auf seiner Wange Blut und keine Tränen waren. Doch irgendwie war es ihm auch egal. Ihm war nichts wichtig, außer Kingsley, der drauf und dran war, sein Leben hinzuwerfen. Weil er das Gefühl hatte, Snape etwas schuldig zu sein. Weil er das Gefühl hatte, seinen Fehler wieder gutzumachen. Obwohl Snape niemals so etwas von ihm verlangen würde.
"Flieh' und ich werde mich deiner Sache anschließen und kämpfen, damit wir, dem Dunkl-Voldemort ein Ende setzen. Damit ich frei sein kann. Damit wir frei sein können." Seine Stimme brach, doch ein Wort brauchte er noch. Ein Wort rang er seiner müden Kehle noch ab: "Bitte."
Ihre Augen hielten einander in ihren Blicken gefangen. Snape wagte es nicht, zu blinzeln. Schaute stoisch auf den Auror, der seine ganze Welt geworden war. Er fasste es nicht, dass er tatsächlich ein Ultimatum stellte, doch wusste er, dass es die einzig richtige Entscheidung war. Er vertraute darauf, dass Kingsley ihn tatsächlich liebte, genügend liebte, um sie beide nicht aufzugeben, und war das nicht eine absolut wahnwitzige Situation?!
Langsam, ganz langsam, atmete Kingsley aus.
Snape schluckte schwer.
Kingsley trat zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
…
"Okay."
