Asche

Hermine wusste nicht, ob sie wütend oder verzweifelt war oder vielleicht ein bisschen von beidem. Was auch immer es war, sie stand vor dem steinernen Wasserspeier am Fuße des Büros der Schulleiterin, rang nervös ihre Hände und fragte sich, ob es nicht besser wäre, wenn sie ausnahmsweise einmal zuhören und sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen würde.

Aber ganz so einfach war es nicht. Manchmal, wenn er las und sie sich sicher war, dass er es nicht bemerken würde, beobachtete Hermine Draco Malfoy. Das bedeutete, dass sie seine kleinen Ticks bemerkte, das Zucken in seiner Hand, das sporadische Zusammenpressen seiner Lippen, wenn er auf ihnen herumkaute, das rhythmische und sich wiederholende Klopfen seines Fußes auf dem Boden, das Tippen, als ob er die Zeit bis zu seinem Prozess herunterzählte.

Eingesperrt in diesem Schloss wurde er wahnsinnig. Er brauchte die Freiheit. Zumindest einen Vorgeschmack darauf. Nur damit er nicht aufgab.

Sie blähte die Backen auf und spielte mit ihren Händen. Die Schulleiterin von Hogwarts war die einzige Person, der Hermine vertraute, die sie um Hilfe bitten konnte, die einzige, von der sie glaubte, dass sie sich darum kümmern würde.

Sie stahl sich einen weiteren Moment, atmete tief ein und sagte, bevor sie noch eine Sekunde länger zögern konnte: „Zitronenbonbon!"

Obwohl das Passwort wie ein hektischer Luftzug herauskam, sprang der steinerne Wasserspeier gehorsam zur Seite und gab die versteckte Treppe frei. Hermine schluckte, ballte und löste die Fäuste an ihrer Seite und ging die Treppe hinauf. Oben angekommen, klopfte sie an, denn sie wusste, dass sie den Mut verlieren würde, wenn sie noch einmal zögerte.

„Herein."

Hermine zog die Tür auf und schlüpfte in den Raum. Das Büro hatte sich seit der Vorkriegszeit kaum verändert. An den Wänden stapelten sich immer noch Regale mit allerlei seltsamer Dinge, Geräte mit ausfahrbaren Armen und Wählscheiben und Knöpfen, Pflanzen, die man anketten musste, um sie in Schach zu halten, die sich aber trotzdem bis in andere Regale ausbreiteten und um Bilderrahmen mit Urkunden schlängelten, Fläschchen und Flaschen mit Zaubertränken aller Farben, Kerzen, die nie aufhörten zu brennen, alte Bücher, in zerfledderndes Leder gebunden, Tausende von Seiten lang, alte Globen von Ländern, von denen Hermine noch nie gehört hatte, historische Artefakte, Dolche, Juwelen und Traumfänger. Es gab immer noch alle Porträts der früheren Schulleiter, und an seinem Platz über dem Schreibtisch hing das freundliche Gesicht von Albus Dumbledore, dessen blaue Augen über die halbmondförmige Brille funkelten. Hermines Lächeln war atemlos und tränenreich. Er verschränkte seine Finger, beugte sich leicht vor und zwinkerte ihr zu.

„Miss Granger."

Sie wirbelte herum und wischte sich übers Gesicht.

„Was für eine angenehme Überraschung."

Professor McGonagall stand auf dem Podium, ein uraltes Buch im Arm, die grünen Roben so glatt und makellos wie immer, den Hut gerade auf ihrem Kopf. Sie sah älter aus als die Frau, die sie vor all den Jahren vor der Großen Halle begrüßt hatte, viel älter und auch müder. Sie hatte dunkle Ränder unter den Augen und noch mehr Falten um die Lippen, als hätte sie sie einmal zu oft zusammengekniffen. Aber sie war immer noch ihre Hauslehrerin, und Hermine empfand einen Anflug von Zuneigung für die ältere Hexe.

„Professor.", sagte sie. Ihren ehemaligen Lehrer zu sehen, hatte etwas an sich, dass eine zarte Erinnerung an Normalität mit sich brachte, eine Erinnerung daran, dass sie in Sicherheit und zu Hause war. Hermine schluckte. „Wie geht es Ihnen?"

Verwirrt kam McGonagall zu ihr herunter. Sie umrundete den Schreibtisch, lief um Fawkes' leeren Platz herum und setzte sich auf den Stuhl, wobei sie Hermine ein Zeichen gab, es ihr gleich zu tun. Sie hielt inne und setzte sich dann auf den Stuhl gegenüber ihrer Schulleiterin.

„So gut wie immer, Miss Granger." Die ältere Frau schaute über ihre Brille hinweg, und es hatte nicht ganz die gleiche Wirkung wie bei dem Zauberer, der in seinem goldenen Rahmen hinter ihr saß. Ihre Augen waren zu wachsam, neugierig und scharf, aber nicht weniger warm. „Ich habe mich gefreut, Ihren Namen unter den zurückkehrenden Achtklässlern zu sehen."

Hermine lächelte. Sie schob eine Locke hinter ihr Ohr. „Es ist schön, wieder hier zu sein. Ich habe vergessen, wie sehr ich es vermisst habe."

McGonagall brummte. Ihre Augen wurden weicher, als sie durch das Büro wanderten, die hohen Nischen absuchten und dann auf dem leeren Sitzplatz neben ihr verweilten. „Ich hatte gehofft, es würde sich nicht so heimgesucht anfühlen. Wir wollten, dass es sich so anfühlt wie früher, wie die sicherste Festung der Welt." In ihrer Stimme lag ein wehmütiges Seufzen.

Hermine zuckte ein wenig zusammen. „Das ist ein schwieriges Unterfangen, wenn man weiß, dass die Festung erobert wurde."

„Aber aus den Trümmern wieder aufgebaut.", die Augen der Professorin schimmerten, und Hermine war sich sicher, dass es Tränen waren.

„Ich bin wirklich dankbar, wieder hier zu sein, Professor.", sagte sie leise. „Ich weiß nicht, was ich sonst getan hätte."

McGonagalls Lippen verzogen sich zu einem geheimnisvollen Lächeln. Als sie sprach, war es so sachlich, dass ihr dicker schottischer Akzent jedes ihrer Worte überlagerte. „Ich bezweifle nicht, dass du dem Ministerium beigebracht hättest, wie man mit den Folgen eines Krieges umgeht. Kingsley Shacklebolt mag ein guter Minister sein, aber er scheint nicht in der Lage zu sein, alles und jeden davon abzuhalten, ihre Sicht durchzusetzen. Die neue Welt wird auf Ungereimtheiten und falsch abgelegtem Papierkram aufgebaut sein."

Hermine hörte, wie die Gereiztheit in ihre Stimme drang, und sie erinnerte sich an eine Schlagzeile, die sie vor ein paar Tagen beim Frühstück gelesen hatte:

Chaos im Ministerium: Reformen oder Revolten?

„Auf einen Krieg folgen immer konservative Reaktionen. Die Angst geht nie ganz weg.", sagte Hermine. „Wenn überhaupt, dann verstärkt sie sich noch. Denken Sie nur an Grindelwald. Kaum war er besiegt, hat das Ministerium restriktive Gesetze erlassen und Razzien organisiert, die sich über Jahre hingezogen haben. Die Welt der Zauberer war am Ende mehr kaputt als repariert."

„Und im Gegensatz zum Konservatismus gibt es die Liberalen, die für den Frieden in der Zeit danach eintreten.", erwiderte McGonagall. Sie schürzte ihre Lippen.

Hermine lachte ein wenig. „Ich glaube, wir könnten jetzt alle etwas Frieden gebrauchen."

„Miss Granger, ich bin geneigt, ihnen zuzustimmen."

Sie lächelte.

Bevor sie noch etwas sagen konnte, ertönte ein Schrei, und durch das Fenster flog ein Vogel in leuchtendem Orange, feuergetränktem Rot und Gold wie das der untergehenden Sonne. Hermine war sich nicht sicher, ob sie es wirklich glauben konnte. Etwas Leichtes legte sich auf ihre Seele, und sie dachte, dass der letzte Hoffnungsschimmer genauso gut einfach durch den Himmel gefegt und auf dem Fensterbrett hätte landen können.

Fawkes saß stolz auf der Fensterbank.

„Ich dachte –" Hermine stolperte über ihre Worte, als sie versuchte, es zu verstehen. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm losreißen. „Ich dachte, er wäre für immer fort."

McGonagalls Miene wurde weicher, sie erhob sich von ihrem Stuhl und winkte ihn auf seine Sitzstange. Er setzte sich, beugte sich vor und bot der älteren Frau seinen Kopf zum Streicheln an.

Hermine blinzelte und erinnerte sich an das letzte Mal, als sie ihn gesehen und sein letztes Lied in ihrem Kopf gehört hatte. Sie stand vom Stuhl auf und ging langsam auf ihn zu, vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken.

„Nicht fort.", sagte McGonagall und strich mit dem Finger über die Federn des Phönixkopfes. „Er kommt von Zeit zu Zeit zu Besuch. Normalerweise kommt er hierher, um zu sterben."

Hermine sah sie mit offenem Mund an. Ihr Blick wanderte zurück zu dem Vogel, und sie streckte ihre Hand aus, damit er seine Stirn gegen ihren Knöchel drücken konnte.

„Er kommt nach Hause.", sagte eine tiefe Stimme, und Hermine zuckte zusammen. Der Phönix krächzte leise. Dumbledore lächelte von seinem Porträt über dem Schreibtisch. „Man sagt in meiner Familie, Miss Granger, dass ein Phönix erscheint, wenn ein Dumbledore in Not ist. Fawkes kam zu mir, als ich verzweifelt war, als ich nicht wusste, wie ich mich retten sollte, geschweige denn irgendjemand anderen. Außergewöhnliche Dinge, Phönixe. Außergewöhnlich nuanciert und auf die menschlichen Gefühle abgestimmt."

Hermine beobachtete ihn. In seinen Augen lag etwas fast Schmerzhaftes, seine Finger waren fester zusammengepresst, als wolle er sich selbst daran hindern, die Hand auszustrecken, denn er wusste, dass er die Kluft niemals überwinden konnte, um seinen alten Freund zu begrüßen. Fawkes schrie und plusterte seine Federn auf. Ein paar von ihnen fielen auf das Tablett unter ihm und sprühten Funken.

„Was brauchen Sie, Professor?", fragte Hermine. Eine Träne rann ihr über die Wange. „Vielleicht kann ich helfen –"

Dumbledore neigte den Kopf nach vorne, seine Augen waren wissend und funkelten. In diesen Augen lag so viel Beruhigung, dass Hermine verstand, warum Harry ihm so blind vertraut hatte, warum er ihm erlaubt hatte, sein ganzes Leben in seiner verhutzelten, verkohlten Hand zu halten.

„Miss Granger, Sie sind nicht hergekommen, um Kekse zu essen und über Reformen im Ministerium zu diskutieren.", war alles, was er sagte. Seine Lippen verschlossen sich.

McGonagall runzelte tief die Stirn. Sie tadelte ihn. „Albus, was zum Teufel –?"

Doch bevor sie den ehemaligen Schulleiter zurechtweisen konnte, sang Fawkes eine kleine Melodie, schmiegte sich an ihre Hand und drückte seinen Kopf in Hermines Handfläche. Sie spürte, wie etwas Nasses auf ihre Haut tropfte.

Fawkes hob den Kopf und streckte den Schnabel zur Decke. Die Flammen verschlangen ihn von den Flügelspitzen an, breiteten sich über seinen Rücken nach oben aus und verschlangen seinen schmalen Kopf. Orange, dann rot, stiegen sie in die Höhe, dann klangen sie ab, bis nur noch Asche und Federn übrig waren.

Sie starrten auf das Tablett.

Hermine nahm einen zittrigen Atemzug, aber er blieb ihr im Hals stecken, als sich die Asche zu bewegen begann.

Das Küken reckte langsam den Hals und zwitscherte, und Hermine wischte sich über die Augen und lachte. Fawkes piepste wieder.

Dumbledore machte ein leises Geräusch.

„Aus der Asche geboren.", murmelte Hermine. Fawkes gurrte leise, legte den Kopf schief und sah sie mit einem überraschend scharfsinnigen Blick an. Er blinzelte. Es war, als ob der Vogel ihr in die Seele starrte, und doch – war da ein Funkeln in diesen dunklen Augen, das Hermine an den Mann auf dem Bild erinnerte. Sie fühlte sich gezwungen zu sagen: „Professor, was wissen Sie über Draco Malfoy?"

McGonagall schaute sie überrascht an. „Miss Granger?"

„Er wartet auf seinen Prozess, Professor. Er wird der Beihilfe zum Mord und des Terrorismus beschuldigt. Das Ministerium hält ihn für einen Kriminellen, aber er ist – er ist ein achtzehn Jahre alter Junge. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich Ihre Hilfe brauche. Ich brauche Ihre Hilfe, um zu beweisen, dass er unschuldig ist."

McGonagall schüttelte den Kopf. „Miss Granger, verzeihen Sie mir meine Unverblümtheit, aber warum interessiert Sie das?

Hermine atmete scharf ein. Sie schnitt eine Grimasse.

„Draco und ich, nun ja.", sie brach ab. Sie wusste nicht, warum sich ihr Gesicht so heiß anfühlte. „Wir haben – ich nehme an, wir haben so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. Nicht wirklich eine Freundschaft, eher ein ziviles Abkommen. Ich habe ihn wirklich sehr gut kennengelernt, Professor, und, na ja, ich würde ihn gerne nach Hogsmeade mitnehmen. Ich glaube, das würde ihm gut tun." Eine kurze Pause entstand.

„Sie könnten mich für verrückt halten, Professor.", sagte Hermine schnell, bevor die Schulleiterin zu Wort kommen konnte. „Ehrlich gesagt, wundere ich mich auch ein wenig... Aber ich habe Draco Malfoys Seele gesehen, und sie ist nicht schwarz und schon gar nicht böse. Er ist verängstigt. Und er braucht Hilfe."

McGonagall, die Frau, die Hermine bewundert hatte, sobald sie sie im ersten Jahr gesehen hatte, schürzte die Lippen und sah sie eindringlich an. Schließlich sagte sie mit ihrer schroffen Stimme: „Was soll ich Ihrer Meinung nach tun, Miss Granger? Ich bin nicht so mächtig wie Albus Dumbledore. Ich kann das Ministerium nicht beeinflussen."

Hermine sagte hastig: „Das verlange ich auch gar nicht von Ihnen! Ich hatte nur gehofft, die könnten ihnen schreiben und fragen, ob Malfoy die Erlaubnis des Gerichts bekommen kann, für ein paar Stunden nach Hogsmeade zu gehen. Ich werde die ganze Zeit bei ihm bleiben und wenn es für alle angenehmer ist, kann er unter Harrys Umhang bleiben. Damit sie nicht wissen, dass er da ist. Er kann so oder so nicht entkommen, er hat einen Ortungssender an seinem Knöchel. Nur, um kein Aufsehen zu erregen." Hermine hielt inne. Dann fuhr sie mit zittrigerer Stimme fort: „Ich glaube, er braucht das, Professor. Ich glaube, sein Leben könnte davon abhängen."

McGonagalls Lippen waren zu schrumpeligen Pflaumen zusammengekniffen und ihre Stirn in tiefe Falten gelegt, bevor sie sagte: „Ich werde sehen, was sich machen lässt, Miss Granger, aber ich kann Ihnen nichts versprechen."

Ein Feuerwerk, oder vielleicht eine Rakete, ging in Hermines Magen los und sie nickte nur. „Natürlich, Professor. Ich danke Ihnen."

Sie wandte sich zum Gehen.

„Miss Granger."

Hermine blieb stehen und schaute zurück.

McGonagall streichelte immer noch den Vogel, und Fawkes streckte seine verkohlten, kleinen Flügel aus, reckte den Hals und schüttelte sich. Seine abgeworfenen Federn leuchteten orangefarben um ihn herum, wie die Explosion der Sonne, wenn sie am Abend unterging, oder das Herbstlaub, wenn die Welt sich auf den nahenden Winter vorbereitete.

„Ja, Professor?"

„Seien sie vorsichtig.", sagte sie. Ihre Augen waren klar und durchdringend.

Hermine schluckte. „Harry hat mir vor langer Zeit gesagt, dass es nicht darauf ankommt, wie jemand geboren wird, sondern was aus ihm wird. Diese Freiheit wurde mir gegeben. Ich muss dafür sorgen, dass Malfoy die Gleiche bekommt."

McGonagall antwortete nicht, aber ihr Blick senkte sich auf den Schreibtisch und ihre Lippen schürzten sich leicht. Hermine nickte und ging, aber sie hörte, das Seufzen der Schulleiterin durch die Tür.

„Es ist das Richtige, Minerva.", hörte sie Dumbledores Porträt sagen.

McGonagall grummelte. „Das heißt nicht, dass es einfach sein wird, Albus. Du vergisst oft, dass nicht alles machbar ist."

„Vielleicht." Hermine hörte die Belustigung in seiner Stimme. „Aber Miss Granger ist vielleicht die Einzige, die ihn retten kann –"


Jeden Mittwoch gibt es ein neues Kapitel, das nächste kommt am 25.01.2023

Vielen Dank fürs Lesen! *.*