3. Water

*one month, three weeks and six days ago*

Wasser. Sie musste… Wasser finden. Der Abstieg hatte ihr halbes Leben gedauert, so kam es ihr vor. Wieso kam niemand? Wieso? Die Erschöpfung ließ sie wanken. Sie hatte die Nacht in einer tiefer gelegenen Spalte verbracht, die ihren Körper ganz hatte verbergen können. Sie hatte auf verdorrtem Laub gelegen, auf hartem Fels, und ihr Rücken schmerzte. Durch den Krieg war sie es gewöhnt, mit wenig Schlaf und wenig Nahrung auszukommen, aber… sie brauchte Wasser. Abwesend kratzten ihre Fingernägel über den Ausschlag an ihrem Hals, den sie durch die unzähligen Ameisenbisse bekommen hatte. Halb humpelte sie, denn der spitze Stein, auf den sie gefallen, hatte zumindest ihre Hose aufgeschlitzt und sich in die Haut über ihrem Knie gebohrt.

Die Sonne stand hoch, und sie war endlich unten angekommen. Halbherzig lauschte sie in die Dichte des Dschungels, aber selbst wenn sie jetzt auf Malfoy traf, dann sollte er sie töten, denn sie konnte nicht mehr.

Sie schleppte sich vorwärts, ihr Atem ging rasselnd, und sie wusste nicht, ob es irgendwelche Wasserquellen hier gab. Allerdings funktionierte ihr Verstand noch einigermaßen, und die hohe Luftfeuchtigkeit garantierte eigentlich regelmäßige Unwetter, regelmäßige Regenschauer, aber im Moment wirkte der Himmel nicht sonderlich regengeneigt. Er war strahlend blau.

Vielleicht zogen die Bäume die nötige Energie aus dem Boden? Dann gab es Süßwasserquellen, schloss sie träge. Sie musste sie nur finden. Sie glaubte, jeder Urwald der Welt verfügte über Wasserlöcher, über Quellen, über irgendeine Art der Versorgung der Tiere. Auch der große blaue Affe hatte bestimmt Wasser trinken müssen, dachte sie träge.

Ob Malfoy ihn getötet hatte? Sie nahm es dumpf an, glaubte nicht, dass sich magische blaue Riesengorillas auf einen Waffenstillstand einließen. Sie würde töten für einen Zauberstab. Für seinen Zauberstab.

Zauberstab…. Ihre Gedanken schlangen sich um dieses Wort, als wäre es ein heiliger Gral, eine Droge, nach der sie süchtig war. Ohne Magie war es… unerträglich. Sie war keine Muggel mehr, hatte sie festgestellt. Sie war kaum den Felsen alleine runtergekommen. Sie verfügte über keinen außermagischen Lebensinstinkt.

Sie blieb stehen. Wind rauschte in den Baumwipfeln. Die Grillen waren tagsüber nicht ganz so laut, aber die Vögel und die übrigen Geräusche übertönten wahrscheinlich jedes Geräusch an Wasser, was…

Sie erinnerte sich. Sie hatte Wasser gehört! Aber… sie nahm an, sie war nun einen ganzen Tagesmarsch entfernt von den Quellen, die sie vielleicht gehört hatte. Aber sie war tief genug, glaubte sie. Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihre Haut kribbelte, und sie nahm an, das Klima setzte ihr zu. Die Hitze, die Sonne, die ab und an durch das Laub der Bäume brach.

Höher. Sie musste einen Baum hoch. Am besten den höchsten den sie finden konnte. Wenn sie etwas weiter ging, vielleicht konnte sie dann ein Wasserloch erspähen, einen Wasserfall – egal, was. Ihre Kleidung klebte an ihr. Es war widerlich, aber sie konnte sie nicht ausziehen, konnte sie nicht zurücklassen, also ging sie weiter. Solange sie noch konnte, bis sie einen Baum erreichte, der beinahe normale Ausmaße besaß.

Sie blieb davor stehen. Wie kletterte man auf einen Baum mit glatter Rinde? Ihre Jacke! Wie nach einem elektrischen Schlag zerrte sie sich die dünne Jeansjacke von den Armen, trat nahe an den Baum und legte sie um den Stamm. Sie hielt beide Ärmel in je einer Hand. Ihr Blick hob sich. Zwanzig Meter, wenn nicht mehr, ging es steil in die Höhe. Erschöpft stellte sie ihr Bein auf die Rinde. Der Stiefel rutschte ab.

Sie kaute auf ihrer Unterlippe, bevor sie die Jackenärmel losließ, sich bückte und die Stiefel auszog. Sie band sie an den Schnürsenkeln zusammen, nachdem sie ihre durchgeschwitzten Socken in die Schuhe gestopft hatte, und legte sie um ihren Nacken. Hier unten würde sie nichts zurücklassen. Dann griff sie nach den Jackenärmeln, und es tat gut, barfuß zu sein.

Ihr bloßer Fuß hatte besseren Halt. In der Theorie war es einfach. Sie würde beide Füße gegen den Stamm stemmen, und die Jacke immer ein Stück höher ziehen, damit sie weiterlaufen konnte. In der Praxis sah es anders aus. Es kostete sie Kraft und Ausdauer, die sie nicht mehr hatte. Ganz zu schweigen, von dem zweiten Schritt dieses Plans – wieder runterzukommen.

Und nach mehr als einer halben Stunde hatte sie erst die Hälfte des Stamms erklommen, musste sich ständig ausruhen, musste ihr Gewicht halten, und ihre Jacke riss immer weiter ein. Sie zitterte an Armen und Beinen, ihre Muskeln protestierten, und letztendlich war es eine Scheißidee gewesen. Am weiten Nachmittag, so schätzte sie, hatte sie die Baumkrone erreicht. Sie stürzte praktisch auf einen breiten Ast, weit oben, und weinte erschöpfte Tränen. So lag sie bestimmt zwanzig Minuten, ehe sie sich unter zitternden Armen aufrichtete.

Sie stellte sich hin und überblickte den Dschungel. Kein Wasser. Nirgendwo.

„Au!", rief sie plötzlich, denn etwas hatte sie gestochen, in den Fuß. Sie senkte den Blick, und ihre Augen weiteten sich. „Großer Gott!", wisperte sie und bückte sich, während ihr Mund aufklappte.

„Werin'g chan cha'r mar'eh!" Sie starrte das winzige Wesen an, das halb unter ihrem Jackenärmel verborgen lag.

„Was?", entkam es ihr, und sie nahm an, mittlerweile wahnsinnig geworden zu sein. „Ist das real?" Sie fragte sich selbst. Das kleine Wesen stemmte sich heftig gegen den Jeansstoff. Es trug einen winzigen Speer in der Hand, den es ihr wohl in den Fuß gerammt hatte.

„Chan cha'r!", rief es wieder, scheinbar so laut es konnte, aber Hermine verstand ihn gerade eben so. Er war vielleicht halb so groß wie ihre Hand, trug nagerartiges Fell am kleinen Menschenkörper, hatte filzige, dunkle Haare, und sie erinnerte sich vielleicht nur dunkel an die magischen Kreaturen aus „Die Geschichte der Zeit", was bei Professor Binns seit achtzig Jahren Standardlektüre gewesen war.

„Baumvolk", flüsterte sie verstört. Dann erst reagierte sie und half dem Wesen, nahm die Jacke von seinem Körper, und es rappelte sich auf. Es war wohl männlich, nahm sie an. So zornig, wie es sich vor ihr aufbaute. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit krabbelte es den Stamm weiter empor, bis es auf einen Zweig sprang, der nahe vor ihrem Gesicht war.

„Sol'utar chan cha'r homa sang bare'e!" Zornig funkelte es sie an, stieß mit dem kleinen Speer in die Luft, und sie öffnete den Mund.

„Ah…?" Noch war sie sich nicht völlig sicher, ob sie träumte. „Gibt es hier Wasser?", fragte sie ihn schwach, denn sie verstand sowieso nicht, was er sagte.

„Kan'alo?" Er sah sie verständnislos an. Die Züge, wie die eines Menschen. Sein Gesicht war braun und schmutzig. Winzig helle Augen in all dem Dreck.

„Wasser", wiederholte sie, zeigte ihm ihre hohlen Hände und tat so, als tränke sie. „Wasser!", erklärte sie.

„Mo'a", sagte er dann. Die Augen weit, als hätte er vielleicht verstanden.

Sie wiederholte die Geste, und sagte das Wort ebenfalls. „Moa, ja." Sie hoffte, dass war das Wort für Wasser. Er sah sich knapp um. Schien nicht recht zu wissen, was er tun sollte, war scheinbar bereit gewesen, mit seinem Leben zu kämpfen, aber dann sank der Speer in seiner Hand.

„Chen cha'r sa'la mo'a", sagte er ruhiger und reckte den Speer gen Himmel. Sie folgte der Geste. Der Himmel hatte sich zugezogen, stellte sie fest.

„Was?", Verständnislos sah sie ihn an.

„Chen cha'r", wiederholte er langsamer, „sa'la mo'a!", schloss er deutlich.

„Aha", machte sie. Sie schien ihn aufzuregen. Er hatte wenig Geduld. Er machte ein gereiztes Geräusch. Dann hob er seine winzige Hand und bewegte die einzelnen Finger, während er die Hand senkte. Sie musste ihn so gänzlich verstört ansehen, dass er fluchte, denn ihm entkam ein unverständliches Wort. Er wiederholte seine Geste, und ihre Augen weiteten sich.

„Regen!", flüsterte sie, ahmte seine Geste nach. Er nickte unschlüssig und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Er verstand sie ja nicht.

„Sa'la mo'a", sagte er dann. Hermine ging auf, sie hatte zwei Worte gelernt. Moa war Wasser, Sala Moa war Regenwasser. Fantastisch. Jetzt müsste sie nur noch wissen, wann-

Der Donner über ihr war so erschütternd laut, dass sie fast vom Baum gestürzt wäre. Der kleine Mann des Baumvolks duckte sich und machte sich daran, zu verschwinden.

„Warte!", rief Hermine ihm nach, und er hielt knapp inne, wandte sich halb um. Sie wollte sich bedanken. Zwar hätte es wohl sowieso geregnet, aber… immerhin gab es hier noch… etwas anderes, außer blauen Gorillas. Er sah sie nervös an.

Sie legte in Ermangelung einer besseren Referenz, als die von Tarzan und Jane ihre Hand auf ihre Brust. „Hermine", sagte sie deutlich. Dann zeigte sie auf ihn. Er starrte sie an. Sie wiederholte die Geste. „Hermine", sagte sie.

Langsam deutete sie auf ihn.

Dann legte er die winzige Hand auf seine Brust. „Ra'vi", sagte er ruhig.

„Ravi", wiederholte sie.

Sie wollte ihn fragen, wo sie war und wie sie wieder nach Hause kam, aber schon fielen die ersten schweren Tropfen auf ihr Gesicht. Sie blickte gen Himmel und war noch nie dankbarer für Regenwasser in ihrem gesamten Leben gewesen. Als sie den Blick senkte, war Ravi verschwunden.

Sie öffnete den Mund weit, während die ersten Tropfen fielen, griff dann aber nach ihrer Jacke, wartete, bis sie klatschnass war, und wrang sie in ihrem Mund aus. Es schmeckte herrlich! Das Beste, was sie jemals getrunken hatte, glaubte ihr Verstand. Wasser war herrlich…!

Der Regen währte allerdings nur fünf Minuten. Zu dumm, dass sie kein Gefäß für Wasser hatte. Es war etwas, das sie lernte. Wenn der Regen kam, dann nur für sehr kurze Zeit. Dann kehrte die Sonne zurück.

Sie hatte Hunger, wurde ihr klar. Sie legte die nasse Jacke um ihren Hals, und es tat so gut, das kühle Nass an der Haut zu spüren. Sie blickte durch die nassen Baumkronen. Jetzt hingen die Blätter ein wenig, nach dem Schauer, und sie fixierte einen seltsamen Punkt, zwischen zwei Wipfeln. Es war… weiß?

Blendend hell zwischen all dem Grün. Was war weiß? Es war nicht weit entfernt. Vielleicht einen Kilometer östlich von ihr. Vielleicht waren es Menschen?

Sie begann ihren mühsamen Abstieg, und ab und zu glaubte sie, dass winzige Augen sie aus den Wipfeln beobachteten. Das Baumvolk galt als Legende. Winzige Krieger, längst zwischen den Zeiten verloren gegangen. Mehr wusste sie nicht über sie. Und sie beschloss, die Blicke nicht zu erwidern. Vielleicht würden sie sie beobachten und feststellen, dass sie nicht böse war. Was auch immer ihr das brachte. Aber sie nahm an, es wäre ratsamer nicht ausschließlich Feinde in diesem Dschungel zu haben.

Seine Haut juckte. Alles stach und brannte. Die Sonne hatte ihn erbarmungslos gekennzeichnet. Es war eine schlimme Nacht gewesen. Kurz und schlimm. Er würde töten für ein Bett, ein heißes Bad und eine Handvoll Elfen, die ihn tragen würden. Zwar hatte er Schutzzauber um sich legen können, jedoch war es ein bitterer Trost gewesen, als er festgestellt hatte, dass es keinen magischen Weg gegeben hatte, zurückzukommen. Der Portschlüssel war wertlos gewesen. Er funktionierte hier nicht mehr. Genauso wenig wie er hatte apparieren können oder seinen Patronus nach Hause schicken konnte.

Er hatte Dutzende Leuchtsignale in die Luft geschossen, aber er glaubte nicht daran, dass er sich irgendwo befand, wo auch nur der Hauch an Zivilisation existierte. Er hatte den Nachmittag über den Dschungel durchkämmt, nach dem Schlammblut Ausschau gehalten sowie nach dem monströsen Affen, den er gestern nicht hatte töten können, weil er unsauber gezielt hatte. Er hatte ihn lediglich verscheucht. Aber weder das Schlammblut, noch der Affe hatten seinen Weg noch einmal gekreuzt. Sein karges Mal gestern hatte aus Schlangenfleisch bestanden, welche er mehr schlecht als recht getötet und zubereitet hatte. Er war es nicht gewöhnt, seine Mahlzeiten selbst zuzubereiten – geschweige denn, sie zu fangen und zu töten und sich blind zu entscheiden, was von einem Schlangenkörper giftig sein könnte und was nicht. Und er konnte auf diese Erfahrung auch getrost verzichten. Kein anderes Tier hatte sich in die Nähe seines Feuerscheins gewagt. Er wusste nicht, ob Hasen hier existierten, aber irgendetwas würde er fangen und töten müssen, wenn er nicht verhungern wollte. Die Tatsache, dass er nicht einmal wusste, wie man einen Hasen häutete, ignorierte er vorerst.

Auch war ihm aufgefallen, dass der Avada den Schlangenkörper komplett durchgeschockt hatte. Schlange schmeckte ohnehin widerlich, aber der Avada war nicht geeignet für einen anschließenden Verzehr seines Opfers.

Aber ein Messer besaß er nicht. Und er wusste damit ebenfalls nicht umzugehen. Wut durchflutete ihn. Neben vielen anderen Gefühlen.

Vielleicht tauchte der Affe noch mal auf. Seine Beine schmerzten, solange wanderte er schon ziellos durch die riesigen Bäume. Nicht wirklich ziellos, denn sein Zauberstab zeigte ihm deutlich die Richtung, in der er Wasser finden würde, nur folgte er diesem Hinweis seit vier geschlagenen Stunden, ohne Wasser gefunden zu haben, sah man von dem kurzen Regenschauer ab. Zwar hatte er ein paar Blätter zusammen gezaubert, so dass sie ihm ein Becher gewesen waren, aber Durst hatte er noch immer.

Der Aguamenti-Zauber funktionierte nicht. Wo kein Wasser war, konnte man auch keins herzaubern. Ganz einfach. Sein Zauberstab war ihm von weniger Nutzen, als er gehofft hatte, dachte er bitter. Er würde nur die Tiere für ihn töten – sollte sich endlich mal eins zeigen, was tatsächlich ein paar Knochen mehr aufwies, als eine miese Schlange. Und dann würden sie scheußlich schmecken, weil er komplett unfähig war, in der Wildnis zu überleben.

Er hatte sich schon ein paar Vögel ausgeguckt, aber sie flogen hoch und wirkten nicht dumm genug, in seine Nähe zu kommen. Auch diese würde er häuten oder rupfen müssen, nahm er dumpf an. Wo war ein Hauself, wenn man ihn benötigte?!

Er war sich auch nicht sicher, wo er war. Er traute sich, so weit zu apparieren, wie er es überschauen konnte. Nicht viel weiter. Zu häufig endeten die Wege in Schluchten. Allerdings war ihm bei seinem Streifzug heute ein ganzer Wald an Aesturia-Bäumen aufgefallen. Sie hatten einen rötlichen Stamm, lange fließende Zweige und dicke feuchte Blätter von giftig blauer Farbe. Lagunen-Bäume wuchsen ausschließlich auf magischen Inseln. Er erkannte sie leidglich von den Urlaubsreisen mit seinen Eltern, als er noch ein Junge gewesen war. Er nahm also an, wo immer er war, das Meer dürfte nicht sonderlich weit entfernt liegen. Nur wusste er nicht, was für ein Meer es war.

Salazar, er wusste kaum, was für eine Insel einen ganzen Dschungel beherbergte. Nicht in seiner Welt, nicht in verborgenen magischen Welten.

Es wäre keine Alternative, dachte er abwesend. Er hatte darüber nachgedacht, in den tiefen Stunden der letzten Nacht, als er mit seinem Leben fast schon abgeschlossen hatte. Er hatte ihre Worte nicht völlig abschütteln können. Er hatte gelernt, ein Schlammblut sprach weder Wahrheit noch Wissen aus, aber im Moment fiel es ihm schwer, mit seinen Vorurteilen im Einklang zu bleiben. Denn wenn er abwog, dann nahm er an, dass eine gute Chance bestand, dass der Dunkle Lord gestürzt worden war. Es wäre gut möglich, dass seine Eltern, seine Freunde, bereits im Ministerium saßen und das restliche Volk nur darauf wartete, sie abzutransportieren zu lassen.

Und mit diesem Zugeständnis, was er sich unweigerlich machen musste, kam eine ganz entscheidende Problematik auf – wer auch immer kommen würde, wer auch immer den Weg hierher fand, der würde mit großer Wahrscheinlichkeit nicht für ihn hierher kommen. Sollte der Bastard Potter überlebt haben, sollte er tatsächlich gesiegt haben, gegen den letzten harten Kern an Reinblütern seines Regimes, dann… sah es erschreckend finster für seine Zukunft aus.

Er war nicht gerne allein mit seinen Gedanken, aber das war jetzt gerade die einzige Option, die er hatte. Wenn Potters Seite gesiegt hatte, käme niemand für ihn hierher.

Es war sehr einfach. Und es gab zwei Möglichkeiten. Sie würden ihn hier zurücklassen, oder sie würden ihn finden, mitnehmen und einsperren. Und wahrscheinlich würden sie mehr Spaß bei letzterem Szenario empfinden. Und deshalb hatte er schon überlegt, ein Versteck zu suchen, vielleicht… direkt zu bleiben. Hier. In dieser tropischen Falle.

Aber… es wäre keine Alternative. Es wäre einfach nur ein anderer Tod. Einer, bei dem er alleine mit sich selbst sein würde. Und er war nicht gerne allein. Denn er konnte sich nicht versorgen. Schon gar nicht hier! Für ihn war dieser Krieg zu einem so abrupten Ende gekommen, dass er es gar nicht fassen konnte. Er war heute Morgen aufgewacht, gänzlich desorientiert, völlig verloren, und er hasste es, dass er sich an niemanden wenden konnte. Dass es keinen Befehl gab, den er ausführen konnte. Wo war sein Vater?

Wäre er jünger, würde er weinen und nach seinem Vater rufen, aber… er war kein Kind mehr. Er war der einzige Mensch auf dieser Insel, mit einem verdammten Zauberstab. Und er hatte es nicht einmal geschafft, das Schlammblut zu töten, als sie direkt vor seiner Nase gestanden hatte.

Aber es war eine Ausnahmesituation gewesen, sagte er sich. So viele Aspekte hatten zusammengespielt. Sie war mit Glück entkommen. Und mit noch mehr Glück, wäre sie bereits tot.

In den letzten Jahren hatte er eine Doktrin für ein ganzes Leben eingeflößt bekommen, weshalb das gemeine Schlammblut vernichtet werden musste. Weshalb alle Muggel gefangen und getötet werden sollten. Er verstand nicht alle Logik dahinter. Er glaubte nicht jedes Märchen, was die Alten erzählten. Aber er hatte seine eigene Wahrheit. Und der blieb er treu. Und es war inakzeptabel, mit einem Schlammblut auf einer Insel gefangen zu sein. Sie sind nicht viel mehr als Tiere, hatte Lucius gesagt. Nicht viel mehr als Parasiten.

Draco verzog den Mund. Er nahm an, viele dieser Sagen rührten daher, dass die meisten Reinblüter Muggel nicht kannten. Es lag alles ein wenig anders, wenn man seit dem zehnten Lebensjahr mit einem Schlammblut zur Schule gegangen war, was in ausnahmslos jeder Disziplin besser abschnitt als der verdammt Rest. Denn sie sah aus wie ein Mensch. Sie bewegte sich wie ein Mensch, sprach wie ein Mensch, flehte um ihr Leben wie ein Mensch. Sie hatte sogar einen Namen, wie ein Mensch. Draco würde ihn nicht benutzen, denn ein Schlammblut brauchte keinen Namen.

Wenn der Krieg jetzt vorbei wäre, hätte sich wenig geändert. Es war eine der Sachen, die ihn immer gestört hatten. Es gab immer mehr Muggel als Zauberer. Es würde immer mehr Muggel geben. Und selbst wenn…- selbst wenn sie diesen Kampf gewonnen hätten – auszuziehen, alle Muggel zu töten, erschien so… absurd? So lächerlich? So… trivial.

Die Muggel hatten die Zauberer vor siebenhundert Jahren nahezu ausgerottet. Warum sollte es jetzt großartig anders sein? Das war sein Problem mit dem Krieg. Denn selbst wenn…! Sie waren in der Unterzahl. Er war nur dafür, Muggelgeborene nicht in die magische Gemeinschaft aufzunehmen, ihnen keine Einladung nach Hogwarts zu schicken, um ihren winzigen Funken Magie zu kultivieren, denn sie stellten die Gefahr dar, überhaupt die Muggel wieder auf die Fährte zu locken, Zauberer umzubringen, nicht wahr? Das war doch die einzige Sorge, die einzige Bedrohung, die von Muggelgeborenen ausging, oder nicht? Nüchtern betrachtet, mit dem geringen Menschenverstand, den er in dieser Angelegenheit zuließ.

Und deshalb war er nicht gerne allein. War er allein, dann hinterfragte er die Dinge, die seine Familie als gepriesene Tatsachen hinnahm. Und es war seine Familie. Natürlich wich er nicht von ihrer Seite. Egal, was sie taten. Egal, wem sie huldigten.

Gut, natürlich gingen von diesem Schlammblut auf dieser Insel ganz andere, sehr konkrete, Gefahren aus, aber insgeheim war er wirklich sehr froh, dass er derjenige mit dem Zauberstab war, denn, auch wenn er es niemals laut zugeben würde, auch wenn sie vielleicht nur ein Parasit in Menschengestalt war – war sie einfach zu gefährlich mit einem Zauberstab. Es wäre töricht, zu glauben, sie könne nicht zaubern, weil sie ein Schlammblut war. Denn sie war wahrscheinlich die Ausnahme aller Schlammblüter.

Grimmig atmete er aus. Nein. Er war nicht gern allein. Er würde sie töten. Dann musste er nicht so viel nachdenken. Vor allem nicht über sie. Denn töten war alles, was er letztendlich konnte. Er war wirklich nicht geschaffen für diese Umgebung. Seine Haut in seinem Gesicht pellte sich bereits nach einem Tag. Er war sonnenverbrannt und hatte lediglich den Schmerz mit dem Zauberstab betäuben können.

Er hatte stechenden Muskelkater in den Oberschenkeln, den Waden, selbst seinen Füßen, denn noch niemals hatte er irgendwohin laufen müssen. Alles tat ihm weh, denn als Todesser war er davon verschont geblieben, seinen Körper trainieren zu müssen für Auseinandersetzungen. Todesser benutzten ihren Verstand und nicht ihre Fäuste. Sie waren Reinblüter und kämpften mit dem Zauberstab.

Seine Gedanken verflüchtigten sich und der Zauberstab sank in seiner Hand, als er sich durch das nächste Gestrüpp geschlagen hatte und auf eine freie Lichtung traf. Völlig entgeistert wanderten seine Augen empor an dem riesigen Schiff, was gestrandet mitten im Dschungel lag. Nicht gänzlich nur im Dschungel, stellte er schließlich fest. Das riesige Schiffswrack lag schief in einem Tümpel, der bei weitem nicht genug Wasser für ein Schiff fasste, aber genügend Wasser, dass er nicht verdursten würde!

Langsam trat er näher. Lianen, Efeu und Plankton überwucherten den Rumpf des Schiffes. Die Gallionsfigur war überwachsen mit Algen. Er glaubte, es war eine Meerjungfrau. Hoch oben bewegten sich die letzten Fetzen der hellen Segel im Wind, und er konnte es schlecht schätzen, aber er nahm an, dieses Schiff befand sich seit einiger Zeit hier. Seit bestimmt einigen Jahrhunderten. Und er nahm nicht an, dass es hier auf Grund gelaufen war. Er nahm an, es war hier gelandet, wie er es auch war. Aus Zufall. Aus Strafe. Aus was für Gründen auch immer, denn der Tümpel war kein Zufluss zum Meer.

Wahrscheinlich war dieses Schiff hier her appariert, irgendwann. Und hier war es geblieben. Es gab verschollene Punkte im Meer. Bermuda Dreieck nannten die Muggel den letzten bekannten, gefährlichen Portschlüssel der Meere. Aber Draco wusste, es gab noch den ein oder anderen Punkt im Meer, der einen ebenfalls genau zu einer solchen verfluchten Insel bringen würde, auf der er und das Schlammblut gelandet waren.

Arme Idioten, dachte Draco jedoch mitleidslos. Er näherte sich dem Wrack. Aber vielleicht hatten die armen Idioten Alkohol an Bord gehabt…?