5. The Falls
*one month, three weeks and five days ago*
Sie war nahezu verhungert, als die Sonne aufging. Müde, aber unermüdlich, hatte sie sich durch das Dickicht geschleppt, hatte sich mit einem starken Ast bewaffnet, dessen Spitze sie mit einem Stein geschliffen hatte, aber kein Tier hatte noch mal gewagt, sie anzugreifen. Sie stank bestialisch nach Rauch und verbranntem Fleisch, und sie wusste nicht, ob er sie hatte laufen lassen, oder…?
Sie wusste es nicht, und es war ihr egal. Ihm wollte sie ihr Leben garantiert nicht verdanken.
Und fast war es unwirklich. Fast glaubte sie, sie befände sich bereits in einem schlimmen Delirium, was unweigerlich nach Schlafentzug und einem zwölf Stunden Marsch durch den Dschungel, ohne Wasser oder Nahrung einsetzen musste.
Das Rauschen der Wasserfälle vor ihr war ein Geräusch des Himmels. Vor ihr erstreckte sich eine Wasserlandschaft, zwanzigmal so groß wie der Tümpel, in dem gestern das Schiff gelegen hatte. Sie hatte nicht einmal bewusst registriert, dass sich das Dickicht gelichtet hatte, dass der Boden steiniger geworden war, dass plötzlich das Geräusch von Wasser übermächtig in ihren Ohren geklungen hatte.
Sie schleppte sich zum Ufer, blickte hinab in das klare Wasser, und sie blinzelte ungläubig, als sie Schwärme von stehenden Fischen erkannte. Direkt vor ihr im klaren Wasser. Und mehr instinktiv hob sie ihren behelfsmäßigen Speer lautlos über die linke Schulter, denn die rechte konnte sie kaum noch bewegen, und in einer einzigen Bewegung sauste der Sperr hinab ins Wasser.
Und zu ihrer großen Überraschung… hatte sie einen der armen Fische tatsächlich durchbohrt! Der Speer schwankte im Wasser, aber eilig zog sie ihn heraus. Sie kannte sich mit Fischen genauso wenig aus wie mit Dschungelpflanzen, aber er zuckte noch schwach. Sie setze sich, zog ihren Stiefel aus, und mit geschlossenen Augen schlug sie hart auf den Kopf des Fisches.
Das Zucken hörte auf. Ihre Hand zitterte.
„Es tut mir… so leid", flüsterte sie rau. Der Fisch schimmerte grün, und war größer als eine Forelle. Sie nahm nicht an, dass es sich um einen Fisch handelte, den sie in einem Muggel-Restaurant bestellen konnte. Ausnehmen, dachte sie dumpf. Auch das hatte sie noch nie getan. Zumindest nicht selber. Aber sie hatte Ron zugesehen.
Ron…. Kurz wanderten ihre Gedanken, und Tränen füllten ihre Augen. Auf der Flucht hatten sie häufiger Fische gefangen. Ron hatte es ihr erklärt, aber Hermine hatte sich immer davor geekelt, den Fisch selber auszunehmen. Sie schüttelte den Gedanken an ihn ab. Sie durfte jetzt nicht sentimental werden. Und viel wichtiger, sie musste ein Feuer legen.
Sie sah sich um. Viele Steine lagen um sie herum. Sie wusste, Feuersteine waren dunkel, ein wenig durchsichtig. Aber das wichtigste war, dass sie aus Siliziumdioxid bestanden. Denn das war durch genügend Kraft und Reibung entflammbar. Aber sie erkannte keinen Feuerstein in ihrer Umgebung.
Sie griff sich willkürlich einen anderen Stein, der ebenfalls stark quarzhaltig aussah, aber sie wusste, Steine brachen schnell, und sie bräuchte den richtigen Funkenflug, um überhaupt ein Feuer entfachen zu können.
Sie dachte an Malfoy und seinen verdammten Zauberstab. Sie hatte gestern keine Gelegenheit gehabt, ihn abzunehmen.
Geistesgegenwärtig griff sie an ihren Körper. Ihr Gürtel besaß eine Eisenschnalle! Hastig öffnete sie die Schnalle, zog den Gürtel aus der Hose, stöhnte unterdrückt, weil ihre Schulter wieder stach und schmerzte, und griff sich den Stein, den sie gefunden hatte. Sie achtete darauf, ihn am Rand zu fassen, ehe sie beherzt mit der Gürtelschnalle gegen ihn schlug. Er brach nahezu sofort, aber sie fasste ihn enger und schlug schließlich gegen die frische Kante.
„Ja!", rief sie aus, als einige helle Funken stoben. Fast hätte sie geweint vor Glück, aber Harry hatte es ihr damals erklärt. Sein Cousin und er hatten früher im Garten gezündelt, mit verschiedenen Steinen und letztendlich das Blumenbeet seiner Tante angesteckt, wofür ihm sein Cousin die gesamte Schuld in die Schuhe geschoben hatte. Deswegen wusste Hermine, Eisen erzeugte Funken.
Mit ihrem Speer, der neben dem toten Fisch lag, stach sie achtlos in ihre Hose, bis sie einen Fetzen abreißen konnte. Sie sammelte ein paar letzte trockene Zweige und Blätter, häufte sie mit dem Stück Stoff neben dem Fisch, während sie weiterhin nur einen Schuh trug. Alles egal!
Sie wiederholte ihre Bemühungen, dicht über dem Hosenfetzen und den Blättern, aber es vergingen bestimmt hundert Versuche, bis ein Funken, der groß genug war, ihren Hosenfetzen zum Kokeln brachte. Achtlos warf sie den Sten beiseite, bückte sich tief über das rauchende Stückchen Stoff und pustete vorsichtig, bis sie von der Rauchentwicklung husten musste.
Sie fächelte dem Feuer Luft zu, bis endlich – endlich – die Blätter Feuer fingen. Hastig häufte sie noch einige trockene Laubfetzen auf die niedrigen Flammen, begrenzte das kleine Feuer mit größeren Steine und griff sich dann erneut ihren Speer.
Sie griff sich den toten Fisch. Er war kalt und glitschig, aber sie drehte ihn um. Direkt oberhalb der Schwanzflosse setzte sie umständlich den Speer an, und bereute, Malfoy nicht wenigstens das Messer abgenommen zu haben, stach einen Zentimeter tief in das kalte Fleisch und schnitt mühsam mit dem Speer den Fischleib auf. Sie presste angewidert die Lippen zusammen, schob Daumen und Zeigefinger in den Fischkörper, umfasste die Eingeweide und zog sie in einer einzigen Bewegung aus dem Körper raus.
So wie Ron es ihr gezeigt hatte. Es machte es nicht besser, dass es funktionierte. Sie warf die Gedärme in die züngelnden Flammen, und kurz zischte es. Dann spießte sie den Fisch auf ihren Speer und hielt ihn äußerst angewidert über die Flammen. Hunger hatte sie fast schon keinen mehr. Sie wusch sich nicht einmal die Hände, starrte wie gebannt auf den Fischkörper, der sie aus leeren Augen anstarrte, und sie fühlte wilde Schuldgefühle. Aber wenn der Fisch nicht starb, dann würde sie verhungern. Diese Gedanken brachten sie durch die nächsten zehn Minuten, in denen sie den Fisch über den offenen Flammen drehte, wartete, bis jede Seite knusprig war.
Dann erst, zog sie ihren Speer aus seinem Körper, legte den Fisch auf einen flachen Stein und wusch sich die Hände. Ihr Herz schlug schnell, als sie zurückkrabbelte, nicht einmal die Haut abzog, sondern einfach ein Stück Fleisch aus seinem Körper riss und es gierig zwischen die Lippen nahm. Es schmeckte salzig, erfrischend, und wahrscheinlich lag es am Hunger, dass sie glaubte, noch nie etwas Besseres gegessen zu haben.
Und zu schnell hatte sie alles, bis auf Kopf und Flossen verschlungen. Ihr Blick glitt wieder zum Wasser.
Der nächste Fisch, den sie nach einer Endlosigkeit aufspießte, tat ihr nicht halb so Leid wie der erste….
Um ihr kleines Feuer hatten sich vier Fischkörper gesammelt. Sie musste sogar zugeben, sie war nach dem zweiten Fisch besser im Ausnehmen geworden. Den Ekel hatte sie abgelegt.
Sie war beinahe satt. Auch war der See ein Süßwassergewässer. Sie hatte sich vergewissert, dass kein Tier in der Nähe war. Und auch kein Todesser. Aber sie war die Nacht über quer durch den Dschungel gewandert, um so weit wie möglich von Malfoy wegzukommen, dass sie nicht glaubte, ihn heute anzutreffen.
Sie schälte sich aus den verschwitzten Klamotten, tauchte sie ins Wasser, ehe sie auch den Rest der Unterwäsche loswurde.
Sie stellte einen Fuß in das relativ warme Nass, und die Fischschwärme stoben auseinander. Sie war nackt, aber es war ihr völlig egal. Niemand sah ihr zu. Der See fiel zur Mitte hin steil ab, und sie konnte nicht mehr stehen. Sie schwamm einige befreiende Züge, musste lächeln, weil das Wasser so gut tat, und durch die Bewegung entspannte sich selbst ihre verkrampfte Schulter.
Zwar verzog sie den Mund bei jedem Zug, aber nach einer ganzen Weile beruhigte sich der Schmerz.
Dann tauchte sie unter, bis ihre Haare komplett nass waren und kam wieder an die Oberfläche. Noch nie hatte sie nackt irgendwo gebadet, und es erstaunte sie, wie wenig Skrupel ein Mensch noch besaß, wenn er in die Abgeschiedenheit eines Urwalds katapultiert wurde.
Aber sie gönnte sich kaum mehr Zeit, denn hier war sie ungeschützt. Sie wusste nicht, wo die Fuchs-Wölfe wohnten, oder ob es tatsächlich mehr Gorillas gab, die sie verfolgten. Deshalb schwamm sie zurück, kletterte an Land zurück und stand nackt am Ufer.
Sie ließ den Blick wandern. Es war unberührte Natur. Niemand beobachtete sie. Sie bückte sich, um ihre nassen Sachen aufzuheben und schritt zu den Felsen, um sie dort abzulegen. Ihre Haut war in der Sonne schnell getrocknet.
Irgendwann hatte sie ihre Sachen über ein paar niedrige Büsche gehangen, damit der Wind sie noch schneller trocknete, während sie selber auf einem warmen Stein nahe am Wasser hockte, wie eine Figur.
Sie war noch immer nackt, aber der Wind auf ihrem Körper fühlte sich wunderbar an. Hier könnte sie bleiben, überlegte sie. Aber nach einem Moment begriff sie, was sie da dachte. Natürlich nicht für lange. Sie würde gerne gefunden werden. Und sie wusste nicht, ob sie das richtige dafür tat, um gefunden zu werden.
Sie wusste, jetzt gerade erlebte sie wahrscheinlich nur eine Pause.
Und sie hatte sich noch nicht mit diesem Ort auseinander gesetzt. Ob Malfoy wusste, wo sie waren? Ob es überhaupt ein echter Ort war? Es war zumindest ein magischer Ort. Und für eine Sekunde hatte sie überlegt, ob es nicht vielleicht eine Falle war. War es nicht sehr praktisch, dass sie diese Wasserfälle gefunden hatte, kurz bevor sie verdurstet und verhungert war? War es nicht seltsam, dass sie hier niemand störte, dass es kein wildes Tier gab, was sie fressen wollte? Dass sie… diese Pause bekam?
Denn sie war sich sehr sicher, die Wasserfälle nicht gehört zu haben, dabei… hätte sie sie in Kilometerentfernung bereits hören müssen.
Sie sah sich um, aber alles war friedlich. Vielleicht nur tagsüber. Vielleicht diente dieses Wasserloch vielen Tieren.
Aber sie wusste, dagegen sprach, dass hier so viele Fische schwammen. In Wasserlöchern gab es kein Fischvorkommen, denn sie könnten nicht überleben.
Was ihr jetzt auffiel, war, dass sie kaum Vögel hörte. Natürlich war das Rauschen des Wassers sehr laut, aber… dennoch hörte man die Vögelschreie von überall.
Es war alles… ein wenig zu perfekt, oder nicht?
Sie hatte das Bedürfnis, sich anzuziehen. Sie ging zurück zum Waldrand, um ihre Sachen zu holen. Sie waren noch etwas klamm, aber Hermine wollte nicht länger warten. Sie würden an ihrem Körper trocknen müssen. Sie achtete auf Spuren, aber konnte keine spezifischen Tierspuren ausmachen, die ihr klar zeigten, dass hier womöglich ein monströser Bär lebte oder dass hier die Höhle der Fuchs-Wölfe war.
Sie umwanderte den Wasserfall, kletterte höher auf die Steine, und glaubte, sie würde wahrscheinlich weit oben sogar ausruhen können. Einige Stunden schlafen, ohne dass ein Tier sie belästigen würde, aber ihr Instinkt hielt sie davon ab. Sie kletterte weiter und entdeckte etwas tiefer gelegen sogar eine Art Höhle. Man könnte sich hier sogar häuslich einrichten, dachte sie dumpf.
Aber dann verharrte sie. Vielleicht war diese Höhle bereits bewohnt? Vielleicht schlief dort drin ein Monster, wartete, dass es Nacht wurde? Ihr Speer lag am Rand des Ufers bei ihrem kleinen Feuer, dachte sie zornig.
Aber… irgendetwas zog sie fast manisch zum Eingang dieser Höhle. Ihre größte Angst war, dass tatsächlich ein Tier dort drin schlief, dass sich Knochenreste am Eingang häuften, aber sie konnte nicht anders. Sie kletterte weiter, vorsichtig, sehr leise, bis sie über dem Eingang angekommen war. Mehr als ein paar Meter waren von hier oben nicht einzusehen, die Höhle machte eine Biegung. Sie war größer als sie angenommen hatte.
Sie überwand sich, ließ sich tiefer fallen, und stand vor dem Eingang. Ein kühler Wind kam ihr entgegen. Und es lagen keine Knochen vor dem Eingang. Sie schluckte schwer und machte ein paar Schritte in die Höhle.
Sie hätte Feuer mitnehmen sollen. Und ihren Speer.
Aber vollkommen ungeschützt ging sie um die Kurve.
Und dann blieb sie stehen. Kein Ton verließ ihre Kehle, als sie in der Bewegung gefror.
Dort saß ein Mann! Er hatte ihr den Rücken zugewandt. Er saß auf einem Stuhl, glaubte sie zu sehen. Die Umgebung um ihn nahm schärfere Umrisse an. Sie erkannte ein Fenster, einen… Schreibtisch? Unbewusst trat sie näher.
Dann hob der Mann den Kopf, den er zuvor tief über etwas gebeugt hatte und schien resignierend zur Seite zu blicken. Ihr Mund öffnete sich.
„Harry?", flüsterte sie ungläubig, und tatsächlich! Es war Harry. Noch bevor sie sich in Bewegung setzte und gegen eine Barriere dick wie Glas stieß, hatte sie gewusst, dass es nicht echt sein konnte. „Harry!", rief sie jetzt so laut, dass ihre Stimme verzerrt in der Höhle widerhallte. „Harry!", schrie sie erneut, aber Harry hob lediglich die Arme, verschränkte die Hände hinter seinem Hinterkopf, und sie erkannte nun deutlich die Umrisse eines Arbeitszimmers.
Was war es? Der Fuchsbau? Grimmauld Place? Dann erhob er sich, schritt planlos durch den Raum, und ihre Fäuste schlugen gegen das unsichtbare Glas, was sie von ihm trennte. „Harry!", brüllte sie praktisch, während sie nicht bemerkte, dass sie weinte. Harry schritt erschöpft durch das Zimmer, und alleine seine Gestalt zu sehen, war so unsagbar tröstlich, und gleichzeitig hatte sie solche Verlustgefühle, dass sie stärker weinte. „Ich bin hier!", flehte sie fast. Aber er hörte sie nicht. Er sah sie nicht.
Aber sie wusste plötzlich – er suchte sie! Vergeblich schlug sie wieder gegen die Barriere, aber sie war sich sicher, es war nur eine Art Vision.
Dann verschwand das Bild, als hätte jemand einen Fernseher ausgeschaltet. Vor ihr lag nur noch blanker Fels. Die Höhle war leer. Frustriert suchte sie die Wände ab, aber da war nichts. Gar nichts.
Sie lief zum Eingang, wollte sehen, ob irgendetwas anders war, aber der See war noch da, die Idylle, der Wasserfall.
Wurde sie wahnsinnig? Waren die Fische giftig gewesen? Und plötzlich wurde das Gefühl, dass sie beobachtete wurde, allgegenwärtig. Und weit hinten, hinter den Grenzen des Ufers zwischen den hohen Bäumen, glaubte sie, etwas zu erkennen.
Sie verengte die Augen. Ein Tier?
Wenn, dann hatte es weißes Fell, glaubte sie. Aber als sie blinzelte, war das Tier verschwunden.
Sie sah sich um, und sie hatte noch immer keine Ahnung, wo sie war, aber sie wusste, hier konnte sie nicht bleiben. Aber bevor sie ging, würde sie noch ein paar Fische fangen.
Wurde sie gesucht? Würde Harry einen Weg finden? Zeigte ihr die Insel die Wahrheit? Oder zeigte sie ihr nur, was sie sehen wollte?
Hermine wollte nach Hause. So dringend. Sie fürchtete, ihren Verstand zu verlieren.
