6. Skills

*one month ago*

Der Zauberstab steckte vergessen in seinem Hosenbund. Seine Augen fixierten das Tier, während er bewegungslos im Gebüsch verharrte. Der Messergriff lag in seiner geschlossenen Faust, und er wusste, das kleine Wildschwein war schnell.

Er zögerte nicht viel länger, wartete, bis das Schwein zum Grasen seinem Versteck gefährlich nahe kam, ehe mit einem Hechtsprung nach vorne stürzte, und das Messer ohne Zögern im Rücken des Schweinekörpers versenkte.

Kurz grunzte es panisch, aber er hatte die Lungen getroffen, und wenige Sekunden später verstarben alle Geräusche. Es war schmal und er schulterte es eilig, ehe die Mordeos der Umgebung aufmerksam wurden.

Sein Versteck lag eine gute Stunde von hier, und wenn er sich beeilte, erreichte er die Berge noch vor der Dunkelheit.

Er sprach kein Wort, beobachtete seine Umgebung wachsam und brauchte nicht mal mehr seinen Zauberstab, der ihm den Weg nach Norden zeigte. Er kannte den Weg mittlerweile.

Ein Geruch stieg ihm in die Nase. Er war süßlich. Verwesung, dachte er unbewusst. Und jedes Mal, wenn er den süßlichen Geruch der Verwesung roch, nahm er an, dass er das Schlammblut entdecken würde, was entweder zu Tode gestürzt war oder von wilden Tieren gerissen. Aber jedes Mal war es nur ein weiteres Opfer der Mordeos, was sie achtlos liegen gelassen hatten.

Sobald er die Verwesung riechen konnte, war es auch zu spät, das Tier mitzunehmen. Dann war das Fleisch bereits ungenießbar. Er hatte es schon erfahren. Und hätte er seinen Zauberstab nicht gehabt, wäre er wahrscheinlich an der Vergiftung gestorben.

Er lauschte in die Geräusche des Dschungels, aber er hörte nichts. Er beschloss, dem Geruch zu folgen, denn wäre es das Schlammblut, wäre es ein besonders feierlicher Abend, nahm er an. Er würde dann den letzten Schluck Rum des Piratenschiffes trinken, darauf, das Schlammblut überlebt zu haben.

Fast ein Monat war vergangen, seitdem er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er hatte Markierungen an einer der Felswände gemacht, damit er die Zeit nicht gänzlich aus den Augen verlor. Der Duft wurde stärker, und schließlich brauchte er sich nicht mehr auf seine Nase zu verlassen, sondern musste lediglich den Fliegen folgen.

Sie surrten um seinen Kopf, liebten die Verwesung, und er scheuchte sie mit der freien Hand zur Seite. Sein Blick fiel auf kleine Tierknochen in der nächsten Umgebung. Hatte er eine weitere Höhle gefunden? Ein Nest? Leise sah er sich um. Er war allein. Der Geruch wurde stärker, je weiter er ging, und er nahm an, es handelte sich bedauerlicherweise nicht um das Schlammblut.

Etwas raschelte im Laub, und er hob das blutige Messer. Kaum dachte er noch an seinen Zauberstab. Wenn er jagen ging, dann war das Messer einfach schneller. Sein Zauberstab erregte zu viel Aufmerksamkeit. Er verzog die Nase. Der Gestank war so stark, dass er die Luft anhalten musste.

Er ging um den nächsten Baum und entdeckte den Ursprung des Gestanks.

„Merlin!", entfuhr es ihm angewidert, als er den Haufen verfaultes Fleisch ausmachen konnte. Ihm wurde klar, der blaue Gorilla war ein Weibchen gewesen. Und er hatte ihr Nest gefunden. Das Gorillajunge lag auf der Seite, die sechs Beine ragten halb verwest in die Luft. Wieder raschelte es in nächster Nähe, und etwas bewegte sich aus den seinen Augenwinkeln auf ihn zu.

Zu schnell wandte er sich um, strauchelte und stürzte auf den Waldboden. Es knackte laut, aber er hatte vorsintflutlich das Messer in die Höhe gerissen. Er erstarrte, als der kleine Gorilla mit panischen Augen vor ihm niederkauerte.

Das Junge war bis auf die Knochen abgemagert. Das hellblaue Fell schimmerte nur noch dumpf. Dracos Atem beruhigte sich wieder.

Doch plötzlich durchfuhr es Draco. Das Knacken! Er ließ den Schweinekörper fallen und griff blind nach seinem Zauberstab, aber er spürte bereits, dass etwas nicht stimmte. Fluchend zog er ihn hervor.

„Scheiße!", rief er zornig und begutachtete mit Vorsicht seinen Zauberstab. Er war angeknackst. Als er gefallen war, musste er auf den Zauberstab gefallen sein. Die Feder im Kern war nicht gerissen, aber das Holz schon. Er würde keine guten Dienste mehr leisten. Draco griff sich panisch ein verdorrtes Blatt und wickelte es provisorisch um das Stück Holz. „Das ist deine schuld!", fuhr er schließlich den Affen, der schwach vor ihm kauerte, so zornig an, dass dieser zitternd zurückwich, blanke Angst in den runden Purpur-Augen. „Elendes Scheißvieh!", rief Draco lauter, und sanfte Panik raubte ihm kurz die Luft zum Atmen. Sein Zauberstab! Sein verdammter Zauberstab war alles, was ihn von den wilden Tieren hier unterschied! Und dieses dämliche Mistvieh war schuld, dass er nun keinen Weg mehr hatte, um nach Hause zu kommen!

Zornig kam er auf die Beine, überwand die wenigen Schritte, riss das Messer hoch und –

Zitternd sah ihn der winzige Affe an. Auch Dracos Hand, die das Messer hielt, zitterte unwillkürlich.

Der Moment wirkte endlos.

Sein Körper entspannte sich langsam, und resignierend atmete er aus.

Das Messer sank in seiner Hand. „Deine Mutter kommt nicht wieder", sagte er zu dem kleinen zitternden Affen, der ihn weder verstand, noch begreifen konnte. Wahrscheinlich waren die Mordeos noch nicht hier gewesen, weil der Geruch der Verwesung sie abschreckte, überlegte er dumpf.

Wahrscheinlich kamen alle Dinge mit einem Preis. Er hatte die Mutter des Affen getötet, und das war die ironische Konsequenz. Er wusste nicht, woher dieser Gedanke kam. Ob er auf dieser Insel hier solche Gedanken brauchte. Ob es die Natur der Menschen war, dass eine ausgleichende Gerechtigkeit herrschen musste, egal, wo man sich befand. Er traf die nächste Entscheidung instinktiv und nahm an, es wäre nicht das Schlimmste, einen Riesengorilla zu seinem Schutz zu haben. Und er tötete keine wehrlosen Tiere. Von dem Schwein, was er wieder schulterte, wie immer abgesehen. Denn er musste essen. Und das Schlammblut…- er zwang sich, nicht an sie zu denken. Irgendwann käme er schon dazu, sie zu töten.

Vorsichtig verstaute er seinen Zauberstab, aber… wenn er wirklich ehrlich war, schmerzte es ihn nicht einmal sonderlich, dass er angeknackst war. Denn er wusste, sein Zauberstab würde ihm hier nicht helfen zu überleben. Das hatte er bereits festgestellt. Und er wusste, fortbringen konnte sein Zauberstab ihn auch nicht. Wütend zu werden hatte also keinen tieferen Sinn. Alleine Fähig- und Fertigkeiten sicherten sein Leben. Und der kleine Gorilla musste anscheinend auch eine seltsame Fähigkeit besitzen, dass er noch nicht elendig verhungert war, wie sein Bruder.

Mit der freien Hand näherte er sich dem zitternden Geschöpf, nachdem er auch das Messer in den Bund seiner Hose zurückgesteckt hatte. Er legte seine Hand auf den haarigen Kopf des Tieres. Es zuckte vor Angst zusammen.

Und Draco wusste, das Tier konnte nicht dafür. Er hatte seine Mutter getötet. Und das erste Mal empfand er etwas, was er vielleicht als Gewissen einstufen würde.

„An dir ist kein Fleisch dran. Es lohnt sich nicht, das Messer zu benutzen", sagte Draco barsch, obwohl der Affe ihn nicht verstand. „Komm", sagte er dann lediglich, griff um den schlanken Körper des winzigen Affen und hob ihn hoch. Er wog fast nichts, passte gut in seinen Arm, und das zitternde Tier wehrte sich nicht einmal, hielt sich sogar an seinem selbstgeschneiderten Leinenshirt fest, während es weiterhin zitterte. „Wir gehen nach Hause", murmelte er abwesend, begriff nicht einmal, was er sagte, aber es vermittelte ein lächerlich warmes Gefühl, mit einem anderen Lebewesen zu sprechen.

Er wüsste, was sein Vater sagen würde. Er wüsste es ziemlich genau. Aber er biss die Zähne zusammen, während er sich mit dem toten Schwein über der Schulter und dem halbtoten Affenbaby auf dem Arm seinen Weg zurück zu seinem Versteck bahnte. Sein Vater war nicht hier. Niemand war hier. Er machte seine Regeln selbst. Er befolgte keine Befehle mehr.

Sie trug das selbstgeflochtene Netz über der Schulter, während sie sich stoisch mit dem Speer ihren Weg durch das Gestrüpp bahnte. Der Fang heute war spärlich, aber es würde reichen. Sie hatte einen Umweg durch den Dschungel genommen, während sie Ausschau nach den roten Bäumen hielt. Die Bäume in der nächsten Nähe ihres Verstecks hatte sie fast komplett abgeerntet. Allerdings wusste sie, dass davon noch wesentlich mehr im Dschungel wuchsen, wenn man nur tiefer wanderte.

Die Bäume besaßen eine rötliche Rinde und trugen dicke rote Beerenstauden. Hermine hatte sie auf gut Glück probiert, nachdem sie gesehen hatte, dass die Schweine sie aßen. Und tatsächlich waren sie nicht giftig für Menschen.

Sie fand, wonach sie suchte. Oben hing der rötliche Baum voll mit Beeren. Von ihrer Hüfte band sie die geflochtenen Palmenblätter, und mittlerweile war sie verdammt gut darin, die Bäume zu erklimmen. Sie schwang die gewundenen Blätter um den Baum, schüttelte die mitgenommenen Schuhe von ihren Füßen und begann zu klettern.

Es ging jedes Mal schneller, und nach fünf Minuten war sie dort angelangt, wo sie problemlos einige Stauden von den Ästen schlagen konnte.

Sie hatte sich auf eine Fischdiät und auf rohe Früchte beschränkt. Ihr Körper hatte sich Gott sei Dank gewöhnt. Zunächst hatte ihre Verdauung nicht mitgespielt, aber mittlerweile funktionierte auch das. Denn sie hatte es nicht über sich gebracht, mit dem Speer ein Schwein zu jagen, oder es auch nur ansatzweise mit einem Fuchs-Wolf auf sich zu nehmen.

Sie respektierte die Tiere, die stärker waren als sie. Und mit den Schweinen hatte sie Mitleid. Mit den Fischen hatte sich ihr Gewissen arrangiert. Sie war sogar richtig gut geworden. Manchmal überlegte sie, sich ein Schwein zu halten, mit dem sie Pilze suchen ging. Es waren absurde Gedanken, aber sie lenkten sie ab von diesem beschissenen Schicksal.

Sie sprang behände den letzten Meter hinab, sammelte die Stauden ein, verstaute sie bei den Fischen im Netz, griff sich den Speer und bahnte ihren Weg zurück. Manchmal glaubte sie, das weiße Tier zwischen den Bäumen zu sehen, was sie an den Wasserfällen gesehen hatte. Sollte es dort sein, griff es aber niemals an.

Dann wiederum war sie sich nicht mal sicher, ob es wirklich da war.

Sie hatte Malfoy seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Sie hatte fast einen Zusammenbruch erlitten, als sie nach so vielen Tagen wieder am Tümpel mit dem Schiff gelandet war. Sie war im Kries gelaufen! Im Kreis!

Doch dann hatte sie sich immer in Richtung Sonne gehalten, war einfach durch das tiefste Dickicht marschiert, war überzeugt gewesen, aus dem Dschungel rauszukommen, bis sie eines Tages das Ende erreicht hatte. Und ihre Überraschung war immens gewesen.

Und dann hatte sie einen Tag lang geweint.

Denn sie hatte den Strand erreicht. Und sie hatte geglaubt, sie hätte solange wandern können, bis sie auf Menschen stieß, aber… es war eine Insel gewesen. Sie war auf einer verdammten Insel gefangen. Sie war die nächsten Tage am Strand entlang gewandert. Zwanzig, dreißig Kilometer. Aber sie hatte nichts gefunden, außer Strand. Und sie glaubte, man könnte die Insel umrunden. Wenn man die nötige Zeit und die Lust dazu hatte. Aber sie glaubte nicht, dass man etwas anderes als die Insel finden würde. Es gab keine Zivilisation hier. Natürlich nicht.

Es gab keine Nachbarinseln. Es gab nur den weiten, endlosen Ozean. Und sie wusste nicht einmal, was für ein Ozean es war. Es herrschten keine Gezeiten. Die raue See war immer gleich bewegt, und sie glaubte, es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, aus der schweren Strömung hinauszuschwimmen.

In einem verzweifelten Moment hatte sie überlegt, ob man das alte Schiff nicht flott machen könnte, aber… sie hatte keinen Zauberstab und nicht die geringste Idee, wie sie das Schiff zum Strand befördern sollte, geschweige denn, es seetüchtig ins Wasser zu bekommen.

Dass es eine Insel war, beruhigte sie überhaupt nicht. Es gab zu viele Inseln. Wer wusste schon, wie groß diese war. Sie war nicht winzig, aber niemand würde sie auf den unzähligen Inseln finden. Und dies war auch noch eine magische Insel! Sie wusste nicht, ob Harry das in seine Kalkulation einbezog. Sie wusste nicht, ob sie nicht schon längst aufgegeben hatten, zu suchen.

Sie wollte gerne zu den Wasserfällen zurückkehren, um zu sehen, ob sie eine weitere Halluzination oder Vorsehung haben würde. Sie würde gerne ein Bad im klaren Wasser nehmen, aber sie hatte gesucht und sie nicht mehr gefunden.

Sie würde die nächsten Tage noch einmal auf die Suche nach den Wasserfällen gehen.

Es war zu gefährlich, sich bei Nacht durch den Dschungel zu begeben. Bei all den Tieren und… dem Todesser. Sie musste zurück zum Strand. Sie hatte stets Sorge, wenn sie zu lange wegblieb. Sie konnte nur beherrschen, was sie stets im Blick hatte. Und nach einem Monat hatte sie endlich das Gefühl, dass wenigstens der Strand nicht ausschließlich voller Gefahren lauerte.

Es war der Rand. Dort, wo der Dschungel endete. Der Dschungel, in dem die Gefahren regelrecht wohnten. Und das unterschied sie auch von ihm, dachte sie abwesend, während sie mit zügigen Schritten die ihr vertrauten Pfade beschritt. Warum bevorzugte er den undurchdringbaren Dschungel? Selbst wenn sie ihren Zauberstab hätte – sie würde niemals im Dschungel leben. Nicht, wenn sie wüsste, dass der Strand in der Nähe war.

Der Strand bot mehr Sicherheit. Wie konnte er die Gefahr der Sicherheit vorziehen?

Zwar war es unerträglich heiß am Strand – wahrscheinlich gab es deshalb auch keine Tiere hier, aber sie nahm die Hitze in Kauf für diese Sicherheit. Das Rauschen des Meeres half ihr beim Einschlafen. Immerhin etwas.

Und sie wusste nicht, ob es Hoffnung gab. Sie hatte noch nicht aufgegeben. Wäre sie Malfoy, dann würde sie alles versuchen, hier fortzukommen. Alles. Manchmal glaubte sie, es wäre nötig, dass sie ihn ausfindig machte, um ihm zu erklären, was er alles zu tun hatte. Aber… wahrscheinlich würde er bereits alles getan haben. Ansonsten wäre er nicht mehr hier.

Manchmal hatte sie Angst, dass er es geschafft hatte. Dass er fort war. Sie hatte ihn Wochen nicht gesehen. Vielleicht war er Zuhause? Vielleicht hatte er erzählt, sie wäre in den Tod gestürzt? Er war derjenige mit dem Zauberstab. Es bestand die Chance, dass er es geschafft hatte.

Aber sie war arrogant genug zu glauben, dass Harry niemals aufgeben würde, bis er nicht ihren Körper mit beiden Augen gesehen hätte. Und deshalb glaubte sie, würde es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie sie fanden. Irgendjemand musste sie finden.

Sie würde noch etwas länger warten. Etwas länger überleben. Das hatte sie im Krieg auch nicht anders gemacht. Dies war ein anderer Krieg, aber es war dasselbe Prinzip. Es würde immer irgendwo einen Todesser geben, der sie töten wollte.

Und sie musste einfach überleben.

Sie besaß die Fähigkeit dazu. Offensichtlich. Merlin, sie machte mit Steinen Feuer. Sie überlebte, ohne den verdammten Zauberstab. Malfoy war ein verwöhnter Versager.

Ohne jede Fähigkeit.