7. Close Calls

*two weeks and three days ago*

Er schüttelte den Kopf über das Tier. Was hatte er erwartet?

„Shht", ermahnte er es, aber es starrte ihn verständnislos an. „Du verscheuchst das Futter", erläuterte er gepresst, während das dritte Schwein vor seinen Augen Reißaus nahm. „Ich kann dich nicht im Käfig lassen, weil du schreist wie ein Affe. Und ich kann dich nicht mitnehmen, weil du zu laut bist, selbst wenn du nicht schreist", informierte er das Tier, als könne es ihn tatsächlich verstehen.

Leise keckerte es, drehte sich um sich selbst und jagte seine sechs Beine.

„Skills", zischte er böse, und immerhin hörte der Affe auf seinen Namen. „Shht", machte er wieder, deutete in einer harschen Geste neben sich, und der Gorilla gehorchte. Er hatte keine Ahnung von Affen. Aber diese Sorte aß Fleisch. Nicht nur Beeren und Gras. Er hatte es angenommen, bei der Größe, die die Biester erreichten.

Und es war eine knappe Entscheidung der Natur gewesen, ob Skills überlebte oder starb. Er hatte ihn gefüttert, hatte das gebratene Fleisch mit dem Zauberstab gemörsert und dem Affen Händeweise eingeflößt. Bananen und Schweinefleisch waren eine seltsame Diät gewesen, aber sein kleiner Affe war mittlerweile stark genug, aufzustehen und zu laufen. Er reichte ihm bis zum Knie und er war der lauteste Affe dieses Dschungels.

Aber er nahm an, er besaß einen Heimvorteil. Denn die anderen Tiere schienen zu riechen, dass er eine Bestie werden würde, denn sie ließen ihn in Ruhe. Kein einziger Mordeo kreuzte seinen Weg. Für gewöhnlich lauerten sie hinter jeder Ecke. Draco konnte sie nur noch mit schwachen Stupors in die Flucht schlagen. Zu mehr war sein Zauberstab nicht gut. Natürlich noch zum Feuer machen, Merlin sei Dank.

Mit Skills, der ihm auf Schritt und Tritt folgte, hatte er kein Problem mehr mit ihnen. Aber er fing auch kein Schwein mehr.

Als der Affe vor Freude wieder anfing zu keckern und um seine Waden herumzutollen, zog Draco den Zauberstab. „Muffliato!", sagte er streng, und der Affenlärm verstummte. Skills hielt verblüfft inne, und schien noch mehr Spaß an der Stille zu haben, denn wie toll sprang er durch die Blätter, nun ohne ein Geräusch zu machen. Praktischer Zauber, dachte Draco, der noch nie getestet hatte, ob er auf Lebewesen anzuwenden war.

Endlich konnte er in Ruhe jagen. Es sie denn natürlich, Skills würde die Schweine nun hinterrücks anspringen und verscheuchen. Jagen konnte er noch nicht. Draco wusste nicht, wie alt der Affe war, aber er glaubte, er wuchs relativ schnell. Er war jetzt schon ein Stück größer als vor zwei Wochen, als er ihn gefunden hatte.

Ungern gab er es zu, aber Skills half gegen die Einsamkeit.

Der Affe beschnupperte schließlich abgelenkt einen niedrigen Strauch am Boden, und Draco erkannte das nächste Ferkel hinter dem nächsten Baum. Es hatte sie noch nicht gehört, und er nutzte die Gunst des Moments, während Skills ihn nicht störte.

Er schlich näher, und mit einem lautlosen Sprung warf er sich nach vorne. Das Schwein quietschte zu spät, und schon durchbohrte das blitzende Messer den schmalen Schweinekörper. Es war nur eine kleine Ausbeute, aber immerhin etwas. Für heute und morgen würde es reichen, hoffte er. Er hockte auf den Knien, als er das Messer aus dem Körper zog.

Wie immer legte er seine Hand auf die Seite des Körpers des Tieres, als es seine letzten rasselnden Atemzüge tat. Seine Stirn legte sich in sanfte Falten. Er hatte schnell festgestellt, dass es etwas anderes war, Tiere zu töten. Tiere taten ihm tatsächlich leid.

„Danke", murmelte er, wie jedes Mal. Das Schwein brachte ein großes Opfer. Skills störte den erheblichen Moment, in dem er schnuppernd näher stürmte. Der Muffliato hatte seine Wirkung bereits verloren, und keckernd sprang der kleine Affe um ihn und das mittlerweile tote Schwein.

Draco wusste, wie stark der Gorilla schon war, denn der Zauber wirkte tatsächlich nur wenige Minuten. Er erinnerte sich an die Mutter des kleinen Affens. Der Petrificus hatte kaum seine volle Wirkung gezeigt. „Irgendwann jagst du für mich", murmelte er, während er sich jedoch sicher war, dass der kleine Affe ihn irgendwann nicht selbst zur Beute erklären würde. Er seufzte schwer. „Komm", murmelte er. Der Gorilla stolperte fast über seine vielen Beine, während er Draco hörig folgte.

Er genoss diese Momente fast. Soweit man sie genießen konnte. Der Dschungel lag ruhig, vollkommen verlassen. Bisher wusste er von der Existenz der Mordeos, der Schweine und der Schlangen. Und der nervtötenden Vögel natürlich! Er hasste sie allesamt. Es gab kleinere Affen in den Bäumen. Diese waren aber vierbeinig, und fast glaubte er, Skills wäre der letzte seiner Art. Draco kannte die Insel nicht auswendig. Er kannte sich nur innerhalb seines Radius' aus. Wusste Merlin, wie weit der Dschungel war. Er war bei einer Wanderung letzte Woche auf den Strand gestoßen, allerdings hatte er schnell erkannt, dass die Strömung viel zu stark war, um dagegen anzuschwimmen – wäre man dumm genug, sich überhaupt ungeschützt in die Fluten zu wagen.

Draco spürte, wie er alleine weiterging. Hatte der Gorilla wieder innegehalten? Gereizt wandte er den Blick. „Was-?" Aber tatsächlich war der Affe nicht abgelenkt. Sein Blick ging starr geradeaus, und Draco zog den Zauberstab geistesgegenwärtig. Tierische Instinkte waren ausgeprägter als menschliche. Skills witterte etwas. Den purpurnen Affenblick leer fokussiert ins Dickicht geheftet.

Draco ging automatisch in die Hocke. Es war nicht immer ratsam, sich den Gefahren aufrecht zu stellen. Traf er tatsächlich auf einen Mordeo? Hatte er sich geirrt, und der Geruch des Affen bot ihm tatsächlich keinen Schutz? Waren ihm die Mordeos gefolgt und hatten gesehen, dass es sich nur um die Sparversion des Gorillas handelte?

Und dann erkannte er, was Skills gewittert hatte. Schneeweiß kauerte es im Gebüsch, keine zwanzig Meter vor ihm. Fest umfasste er den Zauberstab. War es das Mordeo-Weibchen? Sie waren riesig und hell. Und es vergingen qualvolle Sekunden. Nichts geschah. Das weiße Tier rührte sich nicht. Und je mehr Draco sich konzentrierte, umso mehr verlor es an tierischen Formen. Es wirkte fast –

„Hallo?", sagte Draco plötzlich, denn… - war es ein Mensch? Eine eigenartige Gänsehaut erfasste ihn, und Skills wich näher an seine Seite. Er hatte mit einem Mal das Gefühl, als wispere der Urwald um ihn herum. Als wäre es nicht nur das Rascheln der Blätter! Als wären es… Worte….

Das weiße Tier richtete sich plötzlich auf. Es ragte hoch, war schlank, besaß nicht die kompakten Ausmaße eines Tieres, die schlanke Eleganz eines Mordeos.

Draco vernahm geflüsterte Worte, konnte sie jedoch nicht zuordnen. Er schluckte schwer. Seine Kehle war trocken geworden, und seine Zauberstabhand zitterte unwillkürlich.

„Zeig dich!", rief seine Stimme rau. Das weiße Fell oder… die weiße Haut des Wesens schien stärker zu leuchten, je mehr er sich konzentrierte. Das Wispern um ihn herum wurde lauter. Angst befiel nicht nur ihn. Der Affe keckerte nervös. Und Draco machte einen Schritt auf das Wesen zu, dann noch einen, bevor markerschütternder Donner den Urwald erschütterte. Er zuckte zusammen, der Affe sprang fast seine Beine empor, stieß einen tierischen Schrei der Angst aus, und ein hohler Wind sauste durch die dichten Blätter über ihm.

Und als Draco glaubte, tatsächlich seinen eigenen Namen aus dem fremden Stimmengewisper zu hören, verzichtete er auf die Konfrontation, packte sich den Affen und das Schwein fester und rannte. Er rannte in die entgegengesetzte Richtung, weg von dem weißen Wesen, was sich nicht rührte, und sein Herz schlug ihm bis zum Hals, während der Affe noch immer angstvoll schrie.

Irgendwann wurde er langsamer, als er nicht mehr konnte, als der Wind endlich abklang, das Geflüster in den Blättern aufhörte. Skills klammerte sich noch immer an seine Schulter, zitterte noch immer, und Draco atmete keuchend mit geöffnetem Mund.

„Fuck", murmelte er nassgeschwitzt, blickte sich zu allen Seiten um, und tatsächlich hatte er keine Ahnung mehr, wo er war. „Was bei Merlin war das?!", entfuhr es ihm keuchend. War er nicht alleine hier? Was für ein kranker Zauber lag auf dieser Insel? Orientierungslos sah er sich um. Er wusste nicht, wo Norden war. Er würde sich neu sammeln müssen, aber seine Nerven lagen blank. Sein Gehirn wollte ihm keine Lösung ausspucken. Er kannte sich mit geographischen Zaubern nicht aus. Er wusste nicht, wie viele magische Wesen es tatsächlich gab.

Und wie gefährlich sie ihm werden konnten.

Aber fast kam es ihm so vor, als hätte er diesen Fleck der Insel noch nie zuvor gesehen. Und das war fast noch eigenartiger, denn weit war er nicht gerannt. Nur allmählich sagte ihm sein Verstand, dass die Insel sich veränderte, dass sich vielleicht in gewissen Situationen neue Wege auftaten, aber bedauerlicherweise ergründete er diese Theorie nicht tiefer, denn…

-plötzlich hörte er das Wasser. Wasser? Er wusste, neben seiner Höhle befanden sich einige Quellen, aber kein so lautes Wasser. Und er war meilenweit entfernt von seinem Lager. Er setzte den Affen ab, der mit der Zeit wirklich schwer wurde und warf das Schwein zu Boden. Stumm stoppte er den Verwesungsprozess mit einem Kühlzauber, der nach seinem Zauberstabunglück nicht mehr sonderlich lange anhielt, aber es wäre ausreichend, bis er die Höhle erreicht hätte.

Mit gezogenem Zauberstab näherte er sich dem sanften Rauschen. Nur unbewusst hatte er wahrgenommen, dass das Rufen der Vögel aufgehört hatte. Aber bewusst merkte er es nicht. Nur deshalb behielt er den Zauberstab in der Hand.

Er durchbrach das Dickicht, um plötzlich vor einem riesigen See zu stehen. Den hatte er bisher noch nicht gefunden. Ein mittelgroßer Wasserfall plätscherte in den See, und alles wirkte so friedlich hier. Immer ein schlechtes Zeichen, nahm er unbewusst an. Bei dem Wasserfall konnte er eine Verdunklung im Fels ausmachen.

Eine Höhle? Gab es Bären hier? Der Gedanke erfüllte ihn so ruckartig, dass er schlucken musste. Bisher hatte er noch nichts Größeres als den blauen Gorilla entdeckt. Ganz abgesehen von dem weißen Monster, vor dem er Reißaus genommen hatte. Skills hatte begonnen, die Umgebung zu erkunden, schien keine Furcht vor Bären zu haben, schien nichts zu wittern, außer sich selbst. Angst schien er hier tatsächlich nicht zu haben. Beim nächsten Geräusch wich Draco instinktiv in den Schatten der großen Lagunenbäume zurück.

Was-? Er blinzelte verblüfft. Er war seine Einsamkeit schon so sehr gewöhnt, dass er es fast vergessen hatte.

Er war ja nicht wirklich alleine hier. Er drehte den Zauberstab abwesend zwischen den Fingern, während er den Blick nicht von ihr abwandte. In großen Zügen schwamm sie ans gegenüberliegende Ufer zurück. Er hatte sie nicht bemerkt. Und sie sah ihn nicht, verborgen zwischen den Bäumen. Es konnte also nicht gefährlich hier sein, wenn sie schwamm, dachte er dumpf, als sie das seichte Wasser erreichte und –

Er blinzelte wieder, denn seine Augen schmerzten bereits durch seinen hochkonzentrierten Blick. Auch Skills beobachtete nun interessiert das Schlammblut, was aus dem Wasser stieg. Sie war zu weit weg, um Details auszumachen, aber auch von hier erkannte Draco, dass sie nackt war. Splitterfasernackt. Sein Atem ging ruhiger in seiner Brust, während sich jetzt gerade die ideale Chance bot, seine Drohungen wahrzumachen. Nicht nur war sie unbewaffnet, nein. Sie war sogar unbekleidet. Seine Augen glitten unbewusst ihren Körper hinab. Sie war zu weit weg. Ein Fluch würde sie wahrscheinlich verfehlen. Er musste näher ran.

„Bleib hier", flüsterte er warnend, und er war sich sicher, der Affe würde sowieso nicht hören. Verständnislos blickte ihn das hübsche blaue Affengesicht an, und Draco atmete gereizt aus. „Bleib!", wiederholte er warnend, als er sich lautlos in Bewegung setzte, am Rand des Dschungels entlang, während er näher rückte.

Über einem flachen großen Stein erkannte er weißes Leinen. Sie schien sich ebenfalls von den alten Segeln des Schiffes einen Teil abgetrennt zu haben, um sich passendere Kleidung zu schneidern. Und sie besaß nicht mal einen Zauberstab.

Als sie sich nach vorne beugte, um sich anzuziehen, wandte er tatsächlich den Blick. Aber er ärgerte sich in derselben Sekunde und zwang seine Augen zurück auf sein Opfer.

Sie war ein nacktes Schlammblut. Na und? Es war nicht nötig, dass er falschen Anstand oder unpassende Scham entwickelte. Er senkte schließlich auch nicht den Blick, bevor er das Schwein erlegte, obwohl dieser Vergleich auf undefinierbare Weise für ihn hinkte.

Sie lebte noch, ging ihm am Rande seiner Konzentration auf. Und ihr ging es gut genug, dass sie die Zeit fand, ein Bad zu nehmen. Sein Herz schlug schneller in seiner Brust, während sein lautes Haustier ihm durch das Gestrüpp folgte. Draco unterdrückte ein Stöhnen. Skills würde ihn verraten. Aber selbst wenn. Was für eine Chance hätte ein nacktes Schlammblut ohne Zauberstab schon gegen ihn?

Als sie das Leinen ergriff, brach unter Skills sechs Beinen einen Ast, und das Schlammblut drehte sich blitzschnell um. Es verging ein Moment. Sie riss das Leinen vor ihren Körper, verbarg ihre Blöße, und auch aus zehn Metern Entfernung, sah er, wie weit sie die Augen aufgerissen hatte. Draco verdrehte innerlich die Augen über sein dämliches Haustier, zielte, und das Schlammblut warf sich auf den Boden, als der Stupor stumm aus der Spitze brach. Sein Zauberstab vollbrachte keine weiteren Zauber mehr. Keinen Avada, keinen Petrificus. Es war sehr lästig.

Es war nicht unbedingt ein fairer Kampf. Nein, wahrscheinlich nicht. Skills verkroch sich zwischen den Büschen. Leider zu spät, dachte Draco dumpf, als er behände hervor sprang, dieses Mal wild entschlossen, es endlich zu beenden.

Erneut zielte er, sprach die Formel stumm, und dieses Mal erwischte er ihr bloßes Bein. Sie keuchte auf, stürzte wieder, und unentschlossen stand er schließlich keine zwei Meter vor ihr. Fast war er überrascht, plötzlich so nahe zu sein. Ihre glänzende Nacktheit war… so abschreckend. Es überforderte ihn tatsächlich, und er musste den Blick für die kürzeste Zeit abwenden. Das Leinen verdeckte bei Merlin nicht alles, was er gerne verdeckt gesehen hätte! Er konnte sie nicht ansehen. Er hatte Angst, sich sonst übergeben zu müssen.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie vor ihm zurückwich, bis das seichte Wasser des Sees wohl wieder ihre Haut benetzte. Ihr Atem ging schnell.

„Worauf wartest du, Arschloch!", rief sie tatsächlich mit heiserer Stimme, und die Beleidigung ließ seinen Blick herum fahren. Verdammt. Er fixierte ihr Gesicht, wog den Zauberstab unschlüssig in der Hand, und er ignorierte ihren Körper. Fuck.

Er konnte nicht. Sie hatte das Leinen vor die bloße Brust gepresst und verbarg ihre Scham, indem sie die Beine geschlossen hielt. Er sah die Rundungen ihres Körpers dennoch, den Schwung ihrer Hüften, und es machte ihn wahnsinnig, dass er ihr den nächsten Fluch nicht direkt in die Brust jagte. Aus der Entfernung würde sie sogar ohnmächtig werden, nahm er an. Dann könnte er… sie in den See werfen, zusehen, wie sie ertrank! Er könnte sie mit dem Messer aufschlitzen, ihren Körper in Brand setzen – er könnte… er könnte alles tun!

Aber er tat nichts. Fuck!

Gereizt atmete er aus, und bevor die Übelkeit ihn einholte, senkte er hastig den Blick zurück auf den Boden. Er hatte keine Ahnung, was sein Problem war. Er wusste nicht, was genau ihn überforderte. Er wusste nur, er konnte gar nichts tun. Seine Haut kribbelte, sein Puls jagte, und es vergingen viel zu viele Sekunden!

Gerade als er sie unter vorgehaltenem Zauberstab zwingen wollte, endlich zu verschwinden, traf ihn der grell beißende Schmerz ins Gesicht. Sie hatte einen Stein gefunden, hatte ihn mit aller Kraft geschleudert, und zu spät hatte er reagiert.

Er schrie vor Schmerzen auf, riss sich die Hand vors Gesicht, und warmes Blut rann durch seine Finger. Schemenhaft erkannte er, dass sie sich aufrappelte, ihre Sachen an sich riss und rannte. Blind fiel er auf die Knie, presste die Hand stärker vor sein linkes Auge, und er hörte die besorgten Laute des Affen, der ihm absolut keinen Nutzen gebracht hatte!

„Scheiße!", schrie er wütend, wusste, sein Augenlid war aufgerissen, und er richtete den Zauberstab auf sein Gesicht. Er sprach den Heilzauber, aber er spürte, er tat nur halbe Wirkung, stoppte lediglich die Blutung, aber der Schmerz war immer noch beißend scharf. Tränen liefen aus seinem anderen Auge, aber er blinzelte zornig. Es schmerzte wie tausend Tode, und wieder sprach er den Heilungszauber. Wieder ohne große Wirkung.

Er musste hier weg! Fast fragte er sich, ob das weiße Monster ihn mit Absicht in diese Falle gelockt hatte. Er presste das linke Auge zu, so gut es ging, und er hasste sich für seine Feigheit. Er hasste sich, für seine Unfähigkeit, das Schlammblut nicht endlich zu töten!

Das nächste Mal! Das nächste Mal würde er das elende Miststück töten! Egal, wie nackt sie wäre! Egal, wie wehrlos! Wie konnten ihn sein Geist und sein Körper so schamlos verraten? Und Merlin, was glaubte er? Sehr, sehr tief, irgendwo verborgen in seinen tiefsten Gedärmen, wusste er, was für primitive, widerwärtige Gedanken ihn abgehalten hatten. Er sah sich als verwegenen Helden. Als einzigen Überlebenden in einem scheiß Dschungel, voller Gefahren. Er hatte kein verfluchtes Mitleid mit Schlammblütern. Und bevor er noch anfing, mit seinem scheiß Schwanz zu denken – an den er seit Wochen keinen wachen Gedanken mehr verschwendet hatte! –, würde er ihn sich eher vorsintflutlich abfluchen, dachte er zornig. Verdammt noch mal!

Sie schlief kaum in dieser Nacht. Vor ihren Augen sah sie sein Gesicht, sah wie das Blut aus seinem linken Auge quoll, und sie hoffte, er würde halbseitig erblinden. Aber er hatte ja seinen verdammten Zauberstab. Er hätte sie töten können! Wieder einmal. Sie blinzelte leer in die Dunkelheit, während die Wellen rauschten. Vereinzelt sangen die Nachtschwalben ihr trauriges Lied, und Hermine lag so wach wie schon lange nicht mehr.

Sie war leichtsinnig geworden. War einfach baden gegangen, obwohl sie genau wusste, dass sie hier nicht alleine war. Aber es war das erste Mal gewesen, dass sie wie aus Zufall die Lagunenlandschaft wieder entdeckt hatte. Und alles war so friedlich gewesen, so einladend. Ekel schüttelte sie plötzlich.

Sie war nackt gewesen. Er hätte…-

Was? Was hätte er? In all den Wochen hatte ihre Sexualität keine Rolle mehr gespielt. Tat sie auch jetzt nicht! Garantiert nicht. Und tatsächlich glaubte sie nicht eine Sekunde, dass er… in Erwägung zog…- Sie verzog den Mund. Sie hoffte, sie hatte ihren Körper gut genug vor ihm verborgen. Denn es war nur ein Zeichen von Schwäche gewesen, nichts weiter. Seiner Schwäche. Ihrer Schwäche. Sie wusste es nicht.

Sie musste besser aufpassen! Morgen früh würde sie an entsprechenden Fallen arbeiten! Sie hatte viel zu sorglos existiert, auf dieser Insel.

Er hatte sie nackt gesehen. Wieder diese Gedanken. Es störte sie mehr, als sie zugeben wollte. Nicht allein, weil sie so gut wie nackt vor ihm gewesen war, aber vor allem, weil sie keine Waffe an sich getragen hatte. Weil sie so schutzlos unter seinem Blick gewesen war.

Sein Blick. Er hatte sie kaum angesehen.

Es war die seltsamste Begegnung bisher gewesen, und sie wusste, sie konnte nicht hier liegen und vor Scham sterben, weil ein Arschloch sie nackt gesehen hatte! Sie wusste das.

Aber trotzdem war sie noch immer eine Frau. Und sie hasste, dass ausgerechnet er ihre Weiblichkeit gesehen hatte. Ausgerechnet! Denn er hatte sie nicht anzusehen. Weder nackt, noch angezogen. Sie wollte überhaupt nicht darüber nachdenken, dass Draco Malfoy sie nackt gesehen hatte. Oder, dass er ein Mann war. Es änderte die Balance der Dinge, fand sie.

Nur ein Mann hatte das Recht dazu, und der war nicht hier. Plötzlich füllten Tränen ihre Augen. Die Gefährlichkeit der Situation heute rückte so weit in ihrer Wahrnehmung nach hinten, dass es fast albern war. Nur noch das Oberflächliche blieb zurück. Er hatte sie praktisch nackt gesehen, obwohl sie Ron gehörte.

Der Gedanke war so tröstlich, wie er niederschmetternd war. Sie würde Ron nicht wiedersehen. Vielleicht. Sie schluckte schwer.

Und dann wäre Malfoy der letzte Mann auf der Welt, der ihren Körper nackt gesehen hatte, obwohl sie es nur Ron zugestand.

Sie konnte nur eines tun. Sie musste es verdrängen. Sie musste verdrängen, was heute geschehen war.

Und das nächste Mal, wenn sie ihn sah, würde sie ihn umbringen. Sie schwor es sich. Dann nahm auch er dieses Geheimnis mit ins Grab! Und sie verdrängte die Frage, die sie sich eigentlich wirklich stellte. – Wieso hatte er sie heute nicht getötet? Und kurz sagte eine Stimme in ihrem Innern, dass es ihr Glück war, dass er sie nackt gesehen hatte. Sein Todesser-Hirn musste vollkommen angewidert gewesen sein, von ihrem Anblick. Aber irgendetwas in ihrem Innern war nicht zufrieden mit dieser Erklärung. Und deshalb ließ sie die Vermutungen im Dunkeln.

Sie hasste sich und ihre oberflächlichen Gedanken. Aber was blieb ihr hier schon zu tun?

Es war knapp gewesen. Zu knapp. Das durfte nicht wieder geschehen. Sie durfte nicht vergessen, dass er die besseren Karten in der Hand hatte. Er war derjenige mit dem Zauberstab. Er war der Böse. Und sie spielte ihm auch noch in die Hände mit ihrer Arglosigkeit. Dabei wusste sie es besser. Sie wusste nur nicht, ob ihr überlegenes Wissen helfen würde, diesen Kampf zu gewinnen.

Sie starrte in die Dunkelheit, und nicht einmal das Geräusch der Wellen konnte sie heute Nacht beruhigen.