10. Not Paradise
*a game for those who seek to find / a way to leave their past behind*
Er konnte seine Enttäuschung kaum verbergen, als er das Krankenzimmer betrat und lediglich eines seiner mitgebrachten Bücher auf dem Nachttisch vorfand. Aber natürlich schluckte er die Enttäuschung hinunter.
Er hatte erwartet, dass sie bereits wach wäre. Die Schwestern hatten ihm gesagt, sie schliefe nicht sonderlich lange. Aber ihre Augen waren geschlossen, ihr Atem ging ruhig und flach, und sie wirkte sehr schmal und zerbrechlich in den weißen Kissen. Sie war ihm in der Schule wie ein Riese vorgekommen. Aber es mochte lediglich ihr Charakter gewesen sein. So einnehmend und unerschütterlich. Es rührte etwas in ihm, zu sehen, dass auch Professor McGonagall sterblich war.
Er wollte sie nicht wirklich wecken, aber er wollte auch nicht wieder gehen. Lautlos durchquerte er den Raum, um sich neben ihr Bett auf den Besucherstuhl zu setzen. Er wusste nicht, warum Besucherstühle so schrecklich unbequem waren. Sie regten den Besuch nicht gerade dazu an, sehr lange zu bleiben.
Er lehnte sich seufzend zurück, griff sich das Buch von ihrem Nachttisch und blätterte gedankenverloren durch die ersten Seiten. Er wusste nicht einmal, ob das Buch irgendetwas taugte. Von keinem der mitgebrachten Bücher war er tatsächlich überzeugt, dass sie irgendeine Antwort beinhielten, aber es war das Beste, was er zustande gebracht hatte. Das einzige, was er gefunden hatte.
Portschlüssel waren komplizierte Dinger, aber kaputte Portschlüssel schienen die Büchse der Pandora zu sein. Und es war ganz McgGonagalls Expertise, hatte ihm Professor Flitwick versichert, den er zuvor schon aufgesucht hatte.
Harrys Finger glitt über die Seekarte des magischen Geo-Wälzers in seinen Händen, und fast konnte er das magisch bewegte Wasser unter seiner Fingerspitze spüren….
„Mr. Potter", begrüßte die Lehrerin ihn schließlich rau, und hastig legte er das Buch zurück. Wahrscheinlich hatte er sie doch geweckt.
„Professor McGonagall, ich wollte Sie nicht wecken. Die Schwestern sagten-"
„-kein Problem", unterbrach sie ihn still, aber sie lächelte sanft.
„Wie fühlen Sie sich?", fragte er sofort, denn er fühlte sich schon schlecht genug, dass er sie jeden Tag aufgesucht hatte, eine Woche lang, sie aber bisher noch nicht fit genug für ein Gespräch gewesen war.
„Besser", versprach sie ihm zuversichtlich, während sie aussah, als wäre sie zweihundert Jahre alt.
„Hatten Sie… schon Zeit in eines der Bücher zu blicken?", wollte er hoffnungsvoll wissen, während er sich verlegen am Kopf kratzte. „Oder… ist es noch zu anstrengend? Ich verstehe natürlich, dass-"
„-ich hatte noch keine Gelegenheit", räumte sie kopfschüttelnd ein. Harry schwieg und nickte schließlich. Aber er glaubte, McGonagall würde ein Buch nicht einmal benötigen. Sie wusste ohnehin alles.
„Natürlich", entgegnete er verständnisvoll. „Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie damit belästige, aber es sind mehr als zwei Monate seit Hermines Verschwinden vergangen, und…" Er atmete lange aus. „Aber es ist nicht, womit Sie sich jetzt belasten müssten."
Sie lächelte, als verstünde sie. „Sie sagten mir vor einigen Tagen, Miss Granger verschwand mit einem Portschlüssel?", wollte sie heiser wissen, und Harry reichte ihr eilig das Glas Wasser, was auf dem kleinen Tablett auf dem Nachttisch stand. Sie trank dankbar einen Schluck. Harry nickte und war froh, dass sie ihm den Gefallen tat, darüber zu sprechen. Endlich!
„Ja! Sie hat ihn berührt und… war fort!", bestätigte er. „Und Dowell wurde bereits vernommen, Auroren haben den ursprünglichen Zielort des Schlüssels komplett durchkämmt. Dort ist sie nicht gelandet."
„Der ursprüngliche Zielort war…?"
„Kent", antwortete Harry eilig. „Dowells Elternhaus", konkretisierte Harry, was er von dem Todesser bei dessen Befragung erfahren hatte. „Die Hauselfen sagten, niemand sei aufgetaucht. Nicht an dem Tag und auch nicht später", schloss er eilig. Sorgenvoll nickte McGonagall. Harry wusste mittlerweile, dass es ein denkbar schlechtes Zeichen war, wenn der vorbestimmte Ort nicht mit dem Portschlüssel erreicht wurde.
„Sie wollte ihn zerstören? Den Portschlüssel?", vergewisserte sich McGonagall nachdenklich.
„Ja", bestätigte Harry wieder. „Aber… es hat scheinbar nicht funktioniert."
„Nein." Fast war ihr Blick nachsichtig. „Ein Portschlüssel ist nicht lediglich ein einfacher Gegenstand, der sich mit einem Zerstörungsfluch in unschädliche Einzelteile zerlegen lässt", entkam es seiner ehemaligen Lehrerin langsam. Quälend langsam, empfand Harry, aber er mied es, sie zu drängen. „Mr. Potter, der Mobilius-Zauber, auf welchem jeder Portschlüssel beruht, beinhaltet zwei Elemente", begann sie träge, immer noch geschwächt. Harry schwieg und hörte ihr gebannt zu. „Die exakten Koordinaten eines Ortes mit all seinen Beschaffenheiten und den Apparierzauber. Beides sind feingliedrige Konstanten."
McGonagall schien nach den rechten Worten zu suchen. „Fehlt eine dieser Konstanten, entwickelt sich der Zauber weiter, verstehen Sie?", wollte sie sanft von ihm wissen, und Harry nickte langsam. „Sollte, in Miss Grangers Fall, die genaue Ortung zerstört worden sein, und bleibt das Apparieren aber erhalten, muss nun ein anderer Ort als Ziel gewählt werden."
Harry nickte, denn er verstand. „Ja!", entgegnete er energisch. „Und wie wird der Ort gewählt? Wo landet sie dann?" McGonagall atmete müde aus. Harry wusste, er drängte sie, aber er hatte das Gefühl, die Zeit jagte ihm davon.
„So leicht ist es nicht zu sagen", begann sie zögernd. „Theoretisch greift der Zauber auf Gedanken und Gefühle des Reisenden zurück, wählt vielleicht einen Ort, der präsent in Miss Grangers Bewusstsein vorhanden war, einen Ort, den sie häufig besuchte. Es kann auch sein, dass sich der Zauber nur ein bestimmtes Gefühl herausgreift. Wärme, Kälte, Schmerz, Glück", zählte sie vage auf. Harry runzelte die Stirn. „Sie müssen verstehen, dass… eine Manipulation der Parameter des Mobilius-Zaubers katastrophale Auswirkungen haben kann."
„Was meinen Sie damit, Professor?", entkam es Harry atemlos. McGonagall atmete tief ein.
„Nun, existiert kein Parameter mehr für den Zielort, dann… ist jeder Ort möglich", schloss sie mit Bedacht. Harry nickte abwesend. Er war völlig bereit, jeden Ort abzusuchen.
„Wir haben versucht, sie zu orten, Professor. Hier und Übersee", ergänzte er unglücklich.
„Ortungszauber haben ihre Grenzen", erinnerte sie ihn nickend. „Sie… funktionieren ab bestimmten Höhen nicht mehr oder ab bestimmten Tiefen", gab sie zu bedenken.
„Sie meinen, wenn sie in Peru gelandet ist? Auf dem Siu Grande oder dem Everest?", entkam es ihm mit neuer Aufregung.
„Das sind Möglichkeiten", bestätigte sie, schien allerdings zu zögern. Auch Harry hielt diese Orte eher für abwegig, denn wieso sollte Hermine ausgerechnet während des Kampfes an den Everest denken? Und McGonagall hob schließlich fragend den Blick. „Sagen Sie…", fuhr sie wieder fort und fuhr sich matt über die Augen. Es musste schwierig für sie sein, ein solch komplexes Gespräch zu führen, und es tat Harry wirklich leid.
„Ja, Professor?", ermutigte er sie freundlich, und sie schüttelte den Kopf, als versuche sie angestrengt, irgendwelche gedanklichen Lücken zu füllen.
„Wieso benutzte sie überhaupt einen Portschlüssel, den sie als zerstört geglaubt hatte?" Und Harrys Ausdruck verhärtete sich. „War es… ein Versehen?" Harry hatte ihr noch nicht alle Details des Unglücks anvertraut. Scheinbar war dieser Zeitpunkt jetzt gekommen. Ein säuerlicher Geschmack stieg in seinen Mund, wenn er nur an Malfoy dachte.
„Es ging sehr schnell. Es war mitten im Kampf, sie wird nicht nachgedacht haben. Sie hat… -ich weiß nicht, warum sie… letztendlich…" Er schüttelte den Kopf. „Ich denke, sie hat geglaubt, Malfoy wollte ihn noch benutzen oder… in Sicherheit bringen, oder…" McGonagall sah ihn verständnislos an. Und Harry begriff, er musste es vernünftig erklären. „Sie… ist nicht alleine verschwunden, Professor. Malfoy ist… auch verschwunden."
Und McGonagalls Blick wich etwas anderem, was Harry nicht direkt deuten konnte. Dann fiel ihr Blick auf die schlichte weiße Decke, und unbewusst strichen ihre Finger die Falten glatt.
„Was?", entfuhr es Harry sofort, der den Umschwung bemerkte. „Bedeutet das etwas? Ändert das etwas?" McGonagall schien nachzudenken. „Profesor, bitte", flehte er, und McGonagalls Grabesmiene beschleunigte seinen Herzschlag drastisch.
„Nun…" McGonagall wirkte verschlossener.
„Was?", wiederholte Harry tonlos.
„Es ist ja nicht sicher, ob Miss Granger tatsächlich den Mobilius-Zauber teilweise zerstört hat. Es ist ein kompliziertes-"
„-Professor, was ändert es, wenn zwei Menschen einen Portschlüsel benutzen?"
„Mr. Potter, ich-"
„-sagen Sie es mir!", flehte Harry eindringlich, und McGonagalls Blick wirkte hilfloser als zuvor.
„Das kann ich nicht", schloss sie still. Harry blinzelte.
„Was? Aber… Sie haben diese Zauber studiert! Sie von allen müssen es wissen, Professor!", beharrte er verzweifelt. „Sie sind die einzige, die-"
„-dieser spezielle Fall… ist keine Häufigkeit, Mr. Potter", ermahnte sie ihn mit weitem Blick. „So etwas passiert nicht alle Tage und wird auch nicht in einem Lehrbuch thematisiert." Fast klang sie ein wenig wütend, aber Harry erkannte, es belastete sie einfach nur. „Zumindest in keinem, was in Hogwarts auf dem Kernlehrplan steht."
„Aber… Sie sagten, wenn das Apparieren funktioniert, dann taucht man an einem Ort seiner Gedanken wieder auf!", entkam es ihm frustriert, und McGonagall verzog den Mund.
„Bei einem Reisenden, Mr. Potter. Bei einem Reisenden allein", wiederholte sie ernsthaft. „Und bei einem ist es schon ein Glück, wenn er denn bloß auf fünftausend Meter Höhe eines Berges landet, wo noch genug Sauerstoff zum Atmen vorhanden ist." Harry schwieg betroffen. „Aber bei zwei…", fuhr McGonagall tonlos fort, während ihr Blick sich langsam verlor. „Bei zwei Reisenden…", sie schien nach den rechten Worten zu suchen, „verstehen Sie, je mehr unbestimmte Konstanten teilnehmen, umso unbestimmter ist das Auskommen. Und es gibt Orte, welche erst durch genau diese Art der Unbestimmtheit aktiviert werden", schloss sie tonlos. „Deshalb wird magischen Kleinkindern bereits beigebracht, alte Portschlüssel nicht zu benutzen, kaputte Zauberstäbe nicht anzufassen!" Fast klang sie wieder wütend.
„Was sind das für Orte?", wollte Harry direkt mit so viel Tatendrang wissen, dass McGonagall ihn mit plötzlicher Nachsicht ansah.
„Mein Junge", flüsterte sie voller Mitleid, „es sind Orte, die Sie in diesem Leben nicht erreichen werden", schloss sie sanft. Kälte erfüllte ihn urplötzlich. „Die Kraft zweier Seelen auf einen manipulierten Mobilius-Zauber ist sagenumwoben", sagte sie kopfschüttelnd, und die Worte kamen Harry bekannt vor, als hätte er sie erst vor einigen Tagen in einem der Bücher gelesen. Aber natürlich hatte er nichts damit anfangen können. „Ein Portschlüssel ist ein mächtiges Instrument, und wenn man es richtig anzustellen weiß, ein Mittel, einen magischen Ort zu erschaffen", erklärte sie nahezu tonlos. Harry fühlte sich ganz und gar nicht wohl bei ihren Worten, aber sie sprach weiter. „Magische Orte sind anders, als Orte dieser Welt. Man kann sie nicht bereisen, man kann sie nicht auf Karten finden. Sie sind keine angelegten magischen Inseln, versteckt vor Muggelaugen im Toten Meer. Sie sind etwas Höchstpersönliches. Und wenn Sie Hermine Granger bisher hier nicht finden konnten, dann…"
„Dann?" Harry hielt praktisch die Luft an. „Dann besteht die Möglichkeit?", hauchte er mit weiten Augen. „Ist sie an einem solchen Ort? Ist sie dann verloren?" McGonagall zögerte lange.
„Ich war noch nie in der misslichen Lage, einen solchen Ort zu sehen", räumte sie kopfschüttelnd ein, Ehrfurcht in der alten Stimme. „Auch kannte ich niemanden, der sich in eine solche Gefahr gewagt hat, Mr. Potter." Harry schwieg wieder, denn er wusste nichts zu sagen. „Die alten Weisen schrieben, man verlässt magische Orte so, wie man sie betreten hat."
Harrys Blick hob sich wieder. „Dann wäre sie doch längst mit dem Portschlüssel zurückgekehrt!", beteuerte er. Hermine hätte keine zwei Monate gewartet!
„Nein", widersprach McGonagall kopfschüttelnd, als hätte Harry nicht begriffen. „Der Portschlüssel kann sie nicht zurückbringen. Er dürfte an einem solchen Ort auch nicht funktionieren." Harry begriff nicht. „Magische Orte haben keinen festen, geographischen Platz", versuchte sie zu erklären. „Ein Portschlüssel, funktionsfähig oder nicht, hätte nicht mal eine geographische Möglichkeit, sie irgendwohin zu bringen. Dort ist nichts. Magische Orte… existieren einfach. Der Portschlüssel ist ein Ticket, ohne Rückfahrt", erläuterte sie leise. „Falls Miss Granger an einem magischen Ort ist – und noch leben sollte", ergänzte sie mit erhobenen Augenbrauen, „muss sie ihn verlassen", sagte sie wieder, aber sie klang nicht sicher. Sie klang, als rezitiere sie ihm ein Märchen, von dessen Wahrheit sie selber nicht völlig überzeugt war. „Mit Draco Malfoy", schloss sie ernst.
„Ok", bestätigte Harry nickend, nicht sicher, was er mit dieser Information anfangen sollte. „Aber dann sehe ich kein Problem. Wieso sollte sie so lange brauchen, einen verdammten Ort zu verlassen?" Ungeduld nagte an ihm. Dann war die Lösung doch kinderleicht! Was hielt Hermine so lange auf?
„Jeder magische Ort ist anders", wagte sie zu sagen. „Mr. Malfoys und Miss Grangers Erfahrungen und Gefühle werden unter Umständen einen solchen Ort geschaffen haben. Der Zauber selber mag noch ein wenig mehr dazu gemischt haben, Mr. Potter. Das sind alles vage Theorien, die sich um magische Orte ranken. Und es mag ein Ort sein, vielleicht so groß wie Hogsmeade, oder aber vielleicht so groß wie Russland. Vielleicht umgeben von Felsen. Vielleicht kein… Paradies", wagte sie, das Wort so vorsichtig zu sagen, als könne es zerbrechen. Harry ließ die Worte sacken, fühlte sich krank und elend. „Und die Legenden sagen, ein magischer Ort lässt seine Besucher ungerne gehen", ergänzte sie leer, den Blick wieder auf ihre alten Hände gerichtet. „Aber das…", schloss sie sanft, ein trauriges Lächeln auf den alten Zügen, „sind alles Legenden aus vergangenen Zeiten. Ihre Wahrheit kann ich Ihnen nicht bestätigen, und die Zauberer, die es vielleicht einst konnten, sind lange tot…."
Er ließ diese Worte einsinken. Tief in sein Bewusstsein. Und dann sanken seine Schultern sehr plötzlich, als er glaubte, zu begreifen. Denn er glaubte, diese Legenden waren wahr. „Was meinen Sie damit, Hermine müsse einen solchen Ort mit Draco Malfoy verlassen?" Sein Herz tat lange Schläge. Und McGonagalls Blick wirkte resignierend.
„So wie es die Legende sagt. Sie kam mit ihm. Und mit ihm muss sie wieder gehen."
„Mit ihm?", wiederholte er tonlos. „Sie… meinen… zusammen? Gemeinsam?", sprach er das Wort voller Unglauben, was sein Innerstes nach Außen kehrte.
„Ja", bestätigte sie, und kraftlos sank er zurück auf den Besucherstuhl.
„Muss… muss er dafür lebendig sein?", wagte er trocken zu fragen, und McGonagall starrte wieder auf die Falten der Bettdecke. Aber es war nur eine rhetorische Frage. Harry konnte sich diese Antwort selber geben. „Natürlich muss er das", murmelte er, und schloss die Augen.
Falls sie an einem solchen magischen Ort war, wie hoch standen die Chancen, dass sie tatsächlich mit Malfoy zusammen arbeitete? Würde sie überhaupt begreifen, was vorgefallen war? Würde sie erkennen, wo sie war? Hermine war klug, aber auch sie war muggelgebürtig. Harry kannte keine dieser Legenden, keine dieser Kleinkinder-Warnungen. Selbst Hermine schien nicht gewusst zu haben, dass Portschlüssel nicht zu zerstören waren. Und Malfoy? Wenn sie ihn schon getötet hätte – wo auch immer sie waren – dann… wäre sie dort für immer.
Harry hatte das starke Bedürfnis nach Feuerwhiskey. Viel davon.
„Danke, Professor", murmelte er zerschlagen.
„Bedanken Sie sich nicht, Mr. Potter", erwiderte McGonagall blass. „Hoffen Sie lieber, dass ich mich irre", erwiderte sie erschöpft. „Ich bin alt. Nicht weise. Dies sind Geschichten aus Büchern, die nun Beedle dem Barden zugeordnet werden. Und keiner profunden Wissenschaft." Aber das war für Harry kein Argument, was ihm bewies, dass es ein Märchen war. Die Geschichte der drei Brüder war seit Jahrhunderten als Märchen verstanden worden, und doch… war jedes Wort wahr. Dass etwas angeblich ein Märchen war, hielt ihn nicht davon ab, zu glauben, dass es tatsächlich stimmte. Dumbledore hatte ihn da eines Besseren belehrt.
Aber Harry nickte unverwandt. „Sie lebt", entkam es ihm fest. „Ich weiß es." McGonagall schloss erschöpft die Augen, und Harry erhob sich wieder. Hermine musste einfach nur auf die Lösung kommen! Das war schon alles. Das war alles….
„Davon habe ich noch nie gehört", entkam es Kingsley kopfschüttelnd, während er das leere Glas in seinen Händen drehte. Sie saßen um den großen Esstisch der Weasleys im Fuchsbau, und Harry war froh, dass die Auroren seiner Einladung gefolgt waren.
„Ja, das muss nichts heißen", bemerkte Bill Weasley mit eindeutig erhobener Augenbraue. „Meine Großmutter hat mir schon von geheimnisvollen Orten erzählt, die nur mit einem Schiff zu erreichen sind und von denen man nie wieder kehrt", erzählte er nachdenklich.
„Das sind Märchen", beschwerte sich Ron finster, und seine Wangen waren bereits gerötet.
„Muggel denken, wir sind Märchen!", widersprach Ginny.
„Ich kenne solche Legenden auch", gab Arthur zu bedenken, während Molly seufzend weitere Holzscheite im Kamin nachlegte und George Harrys Glas noch einmal füllte. „Auf der Arbeit habe ich genug halb zerstörte Gegenstände, die dich sonst wohin befördern können. Mit Apparierzaubern ist nicht zu spaßen", murmelte er kopfschüttelnd.
„Was für einen Ort sollten sich Hermine und Malfoy zusammen ausgedacht haben?", fragte Ginny kopfschüttelnd in die neue Stille, und Ron schnaubte auf.
„Einen schrecklichen, nehme ich an", entfuhr es ihm unbedacht, und dann öffnete sich sein Mund betroffen. „Das… hoffe ich zwar nicht, aber…" Er schloss den Mund und schüttelte wieder den Kopf. „Falls es so etwas überhaupt gibt!"
„Ron, sie ist nirgendwo auf der Welt. Nirgendwo", wiederholte Harry aufgebracht. „Wenn sie also an solch einem Ort ist-"
„-wieso ist sie dann noch nicht Zuhause?", fuhr Ron ihn ebenfalls zornig an. „Wo ist sie, Merlin noch mal?", schrie er, und knallte sein leeres Glas auf den Holztisch, dass alle zusammenzuckten.
„Weil sie mit ihm kommen muss!", blaffte Harry ungehalten.
„Hört auf damit!", fuhr Ginny verzweifelt dazwischen. „Harry, hör endlich auf!", wiederholte sie energisch.
„Mit ihm?", wiederholte Ron ungläubig, voller Verachtung. „Als ob es so einfach wäre!", knurrte er. „Das Arschloch hat seinen Zauberstab! Sie hat keinen", sagte er kalt.
„Ron", maßregelte Molly ihn missbilligend.
„Was?", fuhr Ron nun seine Mutter ungläubig an. „Denkst du, der Todesser verschont sie? Denkst du, er besitzt genug Verstand, zu begreifen, dass er nur mit ihr wieder nach Hause kommen kann?"
„Ron", warnte ihn jetzt auch Ginny, aber Ron erhob sich wütend vom Tisch.
„Nein!", rief er zornig. „Wenn die einzige Hoffnung ist, dass Malfoy Hermine noch nicht getötet hat, dann…" Er schluckte schwer. „Dann finde ich mich lieber damit ab, dass sie nicht mehr zurückkommt, als mir noch länger sinnlose Hoffnungen zu machen!", spuckte er mit tränenglänzenden Augen in Harrys Richtung, ehe er das Zimmer verließ.
Stille fiel über das Esszimmer.
„Sie lebt", versicherte Molly ihm sanft, mit ruhiger Entschlossenheit im Blick, aber Harry wusste es. Er fühlte es auch. „Ronald… leidet nur", ergänzte sie entschuldigend. Harry wusste, Ron und Hermine waren ein Paar gewesen. Zwar war es nie offiziell ausgesprochen worden, aber… es war offensichtlich gewesen.
„In Anbetracht der Tatsachen", begann Kingsley still, „wird das Ministerium beide trotzdem nächste Woche für tot erklären." Harry verzog grimmig den Mund. Kingsley war kein Mann von Takt, aber er hatte das Herz am rechten Fleck.
„Was?", entfuhr es Ginny entgeistert. „Aber… es gibt keine Körper. Keine Beweise."
„Apparierunfälle werden so behandelt", entgegnete Kingsley entschuldigend.
„Wir wissen beide, dass Apparierunfälle so nicht aussehen, Kingsley", bemerkte Arthur nachsichtig. Kingsley atmete aus.
„Nein. Aber… bei allem Respekt. Das Ministerium verfügt nicht über die Kapazitäten, Märchenorte zu finden", entgegnete er freudlos. „Und wenn es alleine auf Hermines Verstand ankommt, kann sowieso kein Auroren-Trupp des Ministeriums helfen." Kingsley erhob sich schließlich ebenfalls. Er sah Harry an. „Und Potter" schloss er mit einem freundlichen Nicken, „willkommen an Bord."
Harry hatte heute unterschrieben, Teil der Auroreneinheit zu werden. Aber es war keine wirkliche Einstandsfeier gewesen. Und zum Feiern war ihm auch nicht zumute. Aber er fühlte eine gewisse Befreiung. Fast bereitete sie ihm ein schlechtes Gewissen. Und mit einem Mal spürte er die Müdigkeit, die er seit acht Wochen nicht zugelassen hatte. Es war, als hätte ihm jemand die Bürde abgenommen. Die Tatsache, dass er nicht helfen konnte – dass er Hermine nicht einmal erreichen würde – und dass es alleine auf Hermine ankam… beruhigten ihn fast.
Denn dann würde es gut ausgehen. Es war schließlich Hermine! Sie würde es schaffen!
Sie würde nach Hause kommen. Wo auch immer sie war….
