11. A new Morning
Sie wachte auf, als dass Feuer bereits runter gebrannt war und nur noch sanfter Rauch aus der Grube stieg. Das Morgenlicht bahnte sich durch das Blätterdach, und es würde ein warmer Tag werden. Sie stank bestialisch nach Ruß und Aas. Sie lag auf dem harten Boden und stützte sich auf. Alles schmerzte. Auch ihr Knöchel. Heute noch schlimmer, als gestern. Im Schlaf hatte sie sich auf den Zauberstab gelegt, und ihre Finger schlossen sich wieder um das glatte Holz.
Sie blickte sich um. Kein Tier lauerte in den Büschen. Niemand jagte sie. Der Höhleneingang lag leer und düster hinter ihr. War er da drin? Sie nahm es an, ansonsten hätte er Zeit genug gehabt, sie niederzustechen und seinen Zauberstab wieder an sich zu nehmen. Auch wenn sie glaubte, dass er es wahrscheinlich nicht tun würde. Er hatte die ganze Nacht Zeit gehabt, sie umzubringen. Sie hatte gar nicht einschlafen wollen, aber… die Müdigkeit hatte sie irgendwann überkommen.
Es war eine anstrengende Nacht gewesen. Alles war anstrengend hier. Nichts war leicht. Sie versuchte, aufzustehen, verzog aber vor Schmerz den Mund, als sie ihren Fuß aufsetzte.
„Mist", flüsterte sie tonlos. Hinter sich hörte sie Geräusche, und als sie den Blick wieder wandte, verließ der blaue Gorilla die Höhle, tierische Neugierde im Blick. Er kam vorsichtig auf allen sechs Beinen näher, als wäre sie gefährlich, und sie war noch nicht wirklich über die Tatsache hinweg, dass Malfoy ein Haustier hatte. Und dann auch noch… dieses Haustier! Der Affe hatte sie erreicht, beschnupperte ihre schmutzige Kleidung und hatte wohl Freude an ihrer Erscheinung hier. „Hey", murmelte sie und hob die Hand. Seine Augen hoben sich zu dieser Geste, und sie ließ ihn auch ihre Hand beschnuppern, ehe sie seinen weichen Kopf streichelte. „Du bist aber artig", murmelte sie dumpf und vermisste tief in ihrem Innern ihren alten verschmusten Kater sehr plötzlich, als der Affe genießerisch die Augen schloss und sie seinen weichen Hinterkopf kraulte.
„Er ist nutzlos", vernahm sie seine raue Stimme, und zuckte fast zusammen. Der Affe öffnete die Augen, verließ ihre Seite und lief fröhlich um Malfoys Beine, wie ein Hund, bevor er plötzlich das Interesse verlor, und seine Aufmerksamkeit der quiemenden Grube zuwandte. Sie war nicht in der Lage aufzustehen, aber das musste sie nicht. Malfoy überwand die Schritte zu ihr und sah auf sie hinab. Er war so schmutzig wie sie auch.
„Willst du mich überwältigen?", fragte sie ihn defensiv, hielt den Zauberstab fest und richtete die Spitze nur vorsintflutlich auf seine Brust. Er verzog so abschätzend Mund, als hätte sie ihm angeboten, nackt in die stinkende Grube zu springen.
„Verlockendes Angebot", bemerkte er lediglich bitter, und sie war kurz verblüfft, dass sie den Sarkasmus in seiner Stimme erkannte. Sie war vieles auf dieser Insel, aber sarkastisch war keines der Adjektive, die auf sie zutrafen. Sein Blick musterte sie einigermaßen angewidert, und sie nahm an, es hatte ein Gutes, zu stinken und verletzt zu sein. Der dämliche Todesser machte keine Anstalten, sie anzurühren.
Aber sie erkannte auch seine Verletzungen. Verkrustetes Blut zierte seine Schienbeine, und sie nahm an, er hatte auch eine hübsche Beule auf dem Hinterkopf.
Sein Blick richtete sich in den Dschungel. „Mein Messer", sagte er schließlich, ohne sie anzusehen und streckte ihr blind die Hand entgegen. Sie blinzelte kurz. Was? Dann fiel sein Blick zurück auf sie. „Gib mir mein gutes Messer. Ich werde jagen gehen, ansonsten frisst uns der verdammte Affe noch auf. Er ist auf Fleisch-Diät", erläuterte er abwesend, kaum noch an sie gewandt. Und ihr Magen knurrte ausgerechnet jetzt entsprechend laut.
„Ich nehme an, du bist hungrig?" Die Worte klangen abschätzend, aber sein Blick war völlig ernst.
„Ich gebe dir den Zauberstab nicht für Essen zurück!", informierte sie ihn hastig, und er betrachtete ihre jämmerliche Erscheinung. Dann ging er tatsächlich vor ihr in die Hocke und sie hatte sein Gesicht noch nie aus dieser Nähe gesehen. Seine Wangen waren schmutzig, und seine Augen wirkten so hell, dass es unheimlich war.
„Lass mich dir erklären, was passieren wird, Schlammblut", begann er, kalte Nachsicht in der ätzenden Stimme. „Ich werde jagen gehen, wir werden essen, und dann wirst du aus meinem Revier verschwinden. Ohne meinen Zauberstab", endete er mit einem freudlosen Lächeln, was Grübchen in den harten Schmutz auf seiner Wange grub. Und er meinte die Worte ernst, ging ihr auf.
„Du glaubst doch wohl nicht-!"
„-du willst es nicht ernsthaft auf eine Auseinandersetzung ankommen lassen, oder?", unterbrach er sie genervt, und sie schoss ihm einen wütenden Blick zu. „Du bist verletzt", bemerkte er knapp, mit Blick auf ihren Knöchel. „Mein Angebot ist fair, Schlammblut. Wenn du es nicht annehmen möchtest, können wir das Ganze auch jetzt beenden", schloss er ausdruckslos.
„Ach ja?" Sie konnte nicht verhindern, belustigt zu klingen, aber seine Züge verhärteten sich. „Was genau willst-?" Aber noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, hatte er ein stumpfes Messer in einer unfassbaren Geschwindigkeit aus seinem Hosenbund hervorgezogen, und ihre Kiefer schlugen hart aufeinander, als er grob ihn ihre Haare griff, ihren Kopf zurückzog, und die Spitze des Messers unangenehm hart in ihre Kehle drückte. Sie presste die Spitze des Zauberstabs blind gegen seine Brust. Ihr Atem ging schnell und flach.
Sie keuchte protestierend in seinem Griff, aber er hielt sie mühelos ruhig. „Ich bin schneller als du, Schlammblut", wisperte er gefährlich nahe an ihrem Ohr. „So viel schneller als du. Selbst mit einem stumpfen Messer. Ich würde es also nicht darauf ankommen lassen", spuckte er kalt. Sanfter Schweiß brach auf ihrer Stirn aus. Und gerade als sie den Stupor stumm sprechen wollte, hörte sie es.
Ein Wispern in den Blättern, so laut und so plötzlich, dass sie vergaß, Malfoy zu verfluchen. Sie spürte jedoch auch, wie der Druck der Klinge verschwand, wie sich Malfoy hastig umsah.
„Nicht schon wieder!", knurrte er, gewaltbereit, war aufgesprungen und sah sich um, schien die Quelle des Geräuschs suchen zu wollen.
„Was… was ist das?", flüsterte sie, als sie nach Luft rang und das Wispern lauter wurde, und… sie glaubte, sie konnte Worte verstehen? Menschliche Worte! Sie erfüllten die Luft über ihr. Und dann hörte sie es! Ihren Namen…! Fast krabbelte sie rückwärts über den Boden davon. Auch der Affe war ängstlich in die Büsche zurückgewichen.
„Zeig dich!", schrie Malfoy außer sich. „Noch einmal werde ich nicht rennen, du elender Bastard!" Hermine runzelte die Stirn.
„Mit wem sprichst du?", entfuhr es ihr angstvoll, denn es klang so, als… glaubte Malfoy, das Wispern könnte ihn verstehen.
„Mit dem verfluchten weißen Monster!", knurrte er abwesend, während sein Blick durch die Büsche wanderte. Das Wispern wurde leiser und verschwand schließlich ganz. Sie starrte ihn an.
„Das weiße…?" Ihre Worte verklangen. „Du kennst es auch?", entkam es ihr ungläubig, und er sah sie an. Das stumpfe Messer sank in seiner Hand.
„Hast du es gesehen?", fragte er sie, fast widerwillig.
„Ich… nur manchmal", erwiderte sie unsicher. „Ich… dachte immer, es ist vielleicht kein Tier, weil… es nicht jagt", fuhr sie fort, und er nickte plötzlich.
„Nein, es ist kein Tier. Kein… gewöhnliches zumindest."
„Es kennt meinen Namen", murmelte sie tonlos.
„Es kennt meinen auch", bestätigte er grimmig. Und dann schien er ihr seine Erkenntnis zu offenbaren, die er wohl schon seit einer Weile hegte. Und sie sah, er tat es ungern. „Ich glaube, es kam mit uns. Hierher", ergänzte er eindeutig, und sie runzelte die Stirn.
„Wir… haben es mitgebracht?", wiederholte sie einigermaßen fassungslos. „Wieso? Und wie?", konnte sie sich nicht hindern zu fragen. Er sah sie entsprechend an.
„Woher soll ich es wissen? Aber es kennt unsere Namen, verdammt noch mal!" Und fast wollte sie ihn darauf ansprechen, dass er – dieser Wichser – im Vergleich zu dem weißen Monster, ihren Namen scheinbar noch nie gehört hatte, denn er benutzte in ihrer Gegenwart nur das widerliche Schimpfwort. Aber sie sparte sich die Worte. Jetzt gerade war es ihr egal, wie dieses Arschloch sie nannte. Dann fiel es ihr wieder ein!
„Es ist… wie die Halluzination in der Höhle bei den Wasserfällen", sagte sie heiser. Und jetzt sah er sie ungläubig an.
„Was?"
„Ich… hatte bei den Wasserfällen-", sie schwieg kurz, denn – ja – er kannte die verdammten Wasserfälle. Da wollte er sie ja auch schon töten! Aber sie fuhr fort, „-also… in der Höhle, da… war eine Scheibe – also, nicht wirklich!", fielen die Worte hastig aus ihrem Mund, denn sie hatte mit noch keinem darüber sprechen können. „Es war… eine Halluzination, eine Vision, aber ich war mir sicher, sie… zeigte unsere Welt. Also…-"
„-was hast du gesehen?", unterbrach er sie schnell, schien eine Vision nicht mal eine Sekunde lang anzuzweifeln oder abwegig zu finden, und sie räusperte sich.
„Harry", schloss sie stiller. Malfoys Ausdruck blieb steinern. „Er… saß an einem Schreibtisch und… er suchte… über Karten." Ihre Stimme brach. Es war so lange her. Ob Harry überhaupt noch-
„-wir müssen dorthin!", unterbrach seine Stimme ihre Gedanken.
„Was?", entkam es ihr ungläubig, und er wirkte voller Tatendrang.
„Es zeigt unsere Welt!", sagte er jetzt energisch. „Es zeigt, was passiert. Ob… überhaupt irgendjemand…" Und er schien nicht die richtigen Worte zu finden. „Vielleicht kannst nur du es sehen", schloss er bitter, ein wenig abwesend. Sie hatte keine Chance, seine Gedankengänge zu hinterfragen, denn wieder sah er sie fest an. „Wir müssen dorthin", wiederholte er todernst. Und sie wiederholte das Wort, was ihr mehr Magenschmerzen bereitete, als der bodenlose Hunger, den sie empfand.
„Wir?", wiederholte sie einigermaßen spöttisch, und er verzog den Mund, als bereite ihm selbst allein das Wort auch die größten Sorgen. „Du hast mir gerade noch das Messer in die Kehle gedrückt, du Arschloch", informierte sie ihn zornig. Er verdrehte tatsächlich die Augen.
„Glaub mir, ich-" Er zögerte, bis sich tiefe Falten in seine Stirn gruben.
„Was?" Sie sah herausfordernd zu ihm auf, so überzeugend das eben funktionierte, wenn man hilflos auf dem Boden saß. Ihm schien eine Art Epiphanie gekommen zu sein. Sein Kiefer lockerte sich. „Was?!", wiederholte sie, diesmal ungeduldiger.
„Es… beobachtet uns", murmelte er dann.
„Was?" Sie konnte ihm nicht folgen.
„Das Monster!", sagte er gereizt und sah sich abwesend um.
„Wie kommst du darauf, dass-"
„-weil es da ist, wenn-" Aber wieder unterbrach er sich, ließ sie nicht an seinen Gedanken teilhaben, und sah sie wieder an. „Du hast gesagt, es beobachtet dich auch?", hakte er barsch nach, und sie glaubte ihm nicht.
„Was interessiert es das Monster, ob wir leben oder sterben?", entkam es ihr. Und er sah sie an.
„Ich weiß es nicht, aber…"
„Aber?" Sie konnte es nicht verstehen. Sie glaubte nicht, dass irgendetwas auf dieser Insel, irgendwelche Gefühle für sie beide hatte; sie tatsächlich beobachtete. Alles hier war tödlich. Und sie würde Malfoys Theorien nicht bestätigen. Dann ruckte er mit dem Kopf, als verwerfe er den Gedanken.
„Wir gehen zu den Wasserfällen." Seine Stimme ließ keinen Raum für Diskussionen.
„Du willst mich also zwingen?", entkam es ihr erschöpft.
„Keine Sorge, Schlammblut", entgegnete er abschätzend. „Bei unserem Glück sind die Wasserfälle verschwunden und eine Schlangengrube erwartet uns." Er kam wieder näher. „Wir können uns gegenseitig umbringen, nachdem du mir die Vision gezeigt hast", schloss er gönnerhaft in ihre Richtung, und ehe sie etwas Beleidigendes erwidern konnte, hatte er die Hand ausgestreckt. „Und jetzt, mein Messer. Sonst überlege ich es mir anders, und Skills kann dich fressen."
Sie vergaß ihre Worte. „Skills?", wiederholte sie ungläubig, und der Affe reagierte sogar und hob den blauen Schopf aus den Büschen. Arglos kam er wieder näher, schupperte sich am nächsten Baum, und Hermine konnte sich kaum vorstellen, dass aus ihm auch so ein Monster-Gorilla werden würde, wie aus seiner Mutter.
„So heißt der Affe", erklärte er überheblich. Sie hob die Augenbraue. So hieß der Affe?! Malfoy hatte scheinbar für alles Namen. Auch für sie, dachte sie bitter. Einen widerlichen Namen. Sie hasste ihn.
„Du bist erbärmlich", spuckte sie ihm entgegen, zog aber das Messer unter ihrem Shirt hervor, und warf es vor ihm auf den Boden. Er bückte sich mühelos nach der Klinge, und sie erkannte, er war ihr zumindest im Moment körperlich überlegen, und wenn sie nicht essen würde, dann würde sie nur schwächer werden.
„Kluge Entscheidung, Schlammblut", bemerkte er spöttisch.
„Fick dich, Malfoy", knurrte sie so wütend, dass ihre Arme zitterten.
„Mach dich nützlich und mach Feuer", rief er abschätzend über die Schulter zurück. „Das kannst du doch besonders gut", schloss er herablassend, ehe er lautlos zwischen den Bäumen verschwand. Hätte sie den Feuer-Zauber nicht angewandt, wären sie längst Tigerfutter geworden! Arschloch! Sie hoffte, wilde Tiere fraßen ihn! Sie hoffte es wirklich! Dann würde sie zwar früher oder später von seinem verdammten Affen gefressen werden, aber das war es ihr wert! Wirklich!
