12. Into the Jungle
Sie hatten nicht gesprochen. Angewidert hatte sie ihm zugesehen, als er das Schwein gehäutet und ausgenommen hatte, aber gegessen hatte sie, ohne zu zögern. Er konnte nur annehmen, sie aß kein Fleisch, weil sie nicht jagen konnte. Er wusste nicht, wie sie bis jetzt überlebt hatte.
Der Affe hatte das halbe Schwein alleine gegessen und war mittlerweile auf seinen Lieblingsast geklettert, um zu verdauen.
Auch das Schlammblut hatte sich satt gegen den Felsen vor seiner Höhle gelehnt. Sein Blick fiel auf ihren geschwollenen Knöchel. Sie würde nicht laufen können. Nicht gut, nahm er zumindest an. Der Zauberstab würde keinen Schwebezauber mehr schaffen. Tragen würde er sie bei seinem Leben nicht.
„Ist er gebrochen?", fragte er dann mit kurzem Blick auf ihr Bein. Ihr Blick hob sich müde und verständnislos. „Dein Knöchel."
„Kann sein", erwiderte sie unwirsch.
„Kann sein?", wiederholte er, und die Geduld verließ ihn wieder. „Was soll das heißen, Schlammblut? Dass du es nicht weißt?"
„Wieso tust du das?", fuhr sie ihn so zornig an, dass es ihn fast überraschte.
„Was? Mich erdreisten, nach deinem Befinden zu fragen? Weil es ein weiter Weg ist, und sofern du nicht vorhast, auf deinem Hintern zu rutschen, kann-"
„-das Wort!", unterbrach sie ihn mit Nachdruck, ohne ihm zuzuhören. „Wieso nennst du mich so?" Er schwieg abrupt. Wie nannte er sie?
„Was?", entkam es ihm tatsächlich verblüfft. Sie verlor die Geduld mit ihm ebenso schnell, wie er mit ihr.
„Schlammblut, Malfoy! Schlammblut!", wiederholte sie ungläubig, als wäre er zurückgeblieben. Er runzelte die Stirn.
„Das ist es, was du bist", erwiderte er verständnislos, und fast glaubte er, sie würde aufstehen.
„Was ich-? Ist das dein ernst, du dämlicher Todesser? Was ich bin? Was ich bin, ist, nahe dran, dir den Hals umzudrehen! Was ich bin, ist, verdammt noch mal keine hilflose Frau, die sich von ausgerechnet dir so nennen lässt!"
„Was ist dein Problem?", entfuhr es ihm aufgebracht.
„Mein Problem ist, dass der scheiß Krieg, dein scheiß Voldemort, deine scheiß Eltern und dein gesamter Todesser-Club so weit entfernt von hier sind, dass es überhaupt keinen Unterschied mehr macht, weil wir die einzigen Menschen hier sind, und dass du so verbohrt und dämlich bist, mich tatsächlich Schlammblut zu nennen, obwohl du dafür nach Askaban kommen wirst!", schrie sie so schrill, dass er die Augen zusammen kneifen musste, so sehr schmerzte ihre Stimme seine Ohren.
„Nach Askaban?", wiederholte er freudlos. „Wenn es einen Weg gibt, hier wegzukommen, dann lebe ich gerne für immer in einer gemütlich kalten Zelle, ohne jeden Tag mit dem Messer wilde Tiere zu jagen!", spuckte er ihr entgegen, nicht einmal sicher, ob er die Worte aufrichtig ernst meinte. Aber sein Ausdruck wurde finster. „Und glaub mir, wenn ich nach Askaban komme, dann garantiert nicht, weil ich dich als das bezeichne, was du bist, sondern weil ich dich vorher den Mordeos zum Fraß vorgeworfen habe!", schloss er, genauso laut wie sie. Merlin, sie waren die beste Beute für jedes hungrige Tier, dachte er wieder.
„Oh glaub mir! Du kommst nach Askaban!", versprach sie ihm blind, die Augen dunkel vor Hass, und sie hörte ihm kaum zu. „Wir haben den Krieg gewonnen, Malfoy. Deswegen suchen sie nach mir und nicht nach dir! Deine Sippschaft wird bereits in Askaban schmoren, und das hier-", sie sah sich provozierend um, ehe ihr Blick zurück auf ihn fiel, „-das ist praktisch Urlaub für dich!", schloss sie ätzend überlegen.
„Es wird Urlaub sein, wenn ich deinen leblosen Körper verbrannt habe und einen Freundtanz aufführe, Schlammblut", entgegnete er säuerlich, und sie schenkte ihm ein Lächeln.
„Ich wüsste nicht, wie das funktionieren sollte. Du kannst ja nicht mal Feuer machen", erläuterte sie zuckersüß, und Wut zuckte durch seine Adern. Und er wusste plötzlich, sie würden den Weg zu den Wasserfällen nicht überleben. Nicht zusammen. Am besten wäre, sie starb jetzt sofort. Aber man starb nicht an einem gebrochenen Knöchel. Er zwang sich zur Ruhe, denn es half niemandem, wenn er wegen einem dämlichen Schlammblut die Kontenance verlor.
„Hör zu", sagte er jetzt, verbannte jeden gehässigen Tonfall aus seiner Stimme und versuchte, diese Situation als das zu sehen, was es war – eine Chance. Die einzige Chance, zu wissen, ob es einen Ausweg gab. Einen Weg, weg von dieser Hölle hier. Denn er zweifelte keine Sekunde daran, dass es auf dieser verdammten Insel irgendetwas Magisches gab, was ihm vielleicht einen Ausweg zeigte. Und wenn er dafür seine Überzeugung und alles, was er war, zurückstellen musste – für diesen einen Trip, dann… würde er es schaffen. Schaffen müssen. Um seinetwillen. Ihre Augenbraue wanderte bereits höher, aber er schluckte alle bösen Worte runter. Um seinetwillen, sagte er sich wieder. „Es könnte ein Ausweg sein", sprach er beherrschte Worte.
„Wie kann eine Vision ein Ausweg sein?", wollte ihre nervtötende Stimme wissen. Er atmete lange aus.
„Es gibt hier scheinbar etwas, was nicht nur darauf aus ist, uns zu töten", erläuterte er knapp. „Eine… Magie, die dir sogar… die Gegenwart in unserer Welt zeigt", versuchte er, es deutlicher zu machen. „Und ich will diese Gelegenheit nicht zerstören, nur weil…" Er schluckte schwer.
„Weil du ein widerliches, von Vorurteilen beherrschtes Todesser-Arschloch bist, was mich umbringen und verbrennen möchte?", erkundigte sie sich trocken bei ihm, und er spannte seinen Kiefer hart an, um nicht zu sprechen, um ihr nicht genau dasselbe vorzuwerfen, denn mit Samthandschuhen fasste sie ihn auch nicht gerade an, wenn er an seinen schmerzenden Schädel, seine Sehkraft und seine Beine dachte! „Nein. Das wollen wir beide nicht", schloss sie giftig, und er hasste sie. Und es war schwerer, als alles andere, sie jetzt nicht anzuschreien. Aber er zwang sich, ihre Worte zu ignorieren.
„Ich will die Vision sehen", sagte er schlicht.
„Vielleicht ist sie gar nicht mehr da", entgegnete sie kopfschüttelnd. Wieder riss ihm fast die Geduld, und er verdrehte resignierend die Augen.
„Ja. Und vielleicht beginnt morgen hier die Monsun-Zeit, und wir ertrinken jämmerlich", gab er gepresst zurück, und sie stöhnte auf, als verhielte er sich absurd. „Was ist? Hast du dich gewöhnt? Ist das dein neues Leben? Denn ich will ehrlich sein, ich wäre lieber Zuhause, sei es auch in einer beschissenen Zelle!", brauste er wieder auf. Und tatsächlich lenkte sie ein. Tatsächlich schienen seine Worte irgendetwas in ihr zu bewegen.
„O-k", gab sie sich scheinbar geschlagen. Und erleichtert atmete er aus, nur um sie wieder anzusehen.
„Also?", wollte er mit einem ernsten Blick wissen, und sie starrte ihn verständnislos an.
„Also was?" Merlin, er würde sie erwürgen. Bald.
„Also, ist dein Knöchel gebrochen?", wiederholte er durch zusammen gebissene Zähne, und sie schien ihn wieder einmal nicht fassen zu können.
„Oh mein Gott, ich weiß es nicht, Malfoy!", rief sie erschöpft, und es reichte ihm. Er erhob sich wütend, schloss den Abstand, kniete sich neben sie, und sie versuchte, vor ihm zu fliehen, aber sie hatte bereits den Stein im Rücken. „Was zur-?"
„-halt einfach nur einmal deinen verdammten Mund? Ginge das?", wollte er aufgebracht von ihr wissen, und sie sah ihn an, als wollte er sie dem Tiger ausliefern.
„Du wirst jetzt nicht gucken, ob mein Knöchel gebrochen ist!", warnte sie ihn, und versuchte schmerzerfüllt, ihr Bein wegzuziehen.
„Da du nicht in der Lage bist, mir irgendeine Auskunft zu geben, Schlamm-"
„-wehe, Malfoy!", unterbrach sie ihn dröhnend, und er schluckte das Wort runter.
„-dann weiß ich nicht, wie viel Aufwand es kostet, deinen nutzlosen Körper zu den Fällen zu bringen!", schloss er wütend.
„Wenn du mich auch nur mit dem kleinen Finger anrührst, dann-"
„-dann?", unterbrach er sie mit erhobener Augenbraue, durchaus nicht beeindruckt von ihrer unsinnigen Drohung. Und er war tatsächlich überrascht, dass sie überfordert nach Luft schnappte. Sie schien das Ende ihrer Drohung selber nicht zu kennen. Sein Blick flog über ihr Gesicht. Er war so an Skills gewöhnt, dass ihn ein menschliches Gesicht verstörte. Aber sie war schmutzig und sie stank. So sehr unterschied sie sich nicht von dem Affen. Und er hatte sie gar nicht herausfordern wollen, eigentlich. Er hatte das nicht provozieren wollen. Sollte sie ihm ruhig drohen.
Und es störte ihn, dass ihm bewusst war, dass er körperlich überlegen war. Dass er in seinem Kopf ihr Gewicht schätzte und wusste, zur Not würde sie tragen können. Es waren rein physische Wahrscheinlichkeiten, die sein Verstand durchging. Er würde sie nicht tragen. Bei seinem Leben, er würde sie nicht einmal in Gedanken tragen.
Die Stille dauerte zu lange. Und das schien sie ähnlich zu sehen, denn ihr Blick wurde kalt.
„Rühr mich einfach nicht an!", knurrte sie mit hochroten Wangen. Merlin, sie war unfassbar. Unfassbar nervtötend.
„Dann sag mir", entgegnete er gepresst, „ob dein scheiß Knöchel gebrochen ist, oder-"
„-nein!", rief sie zornig. „Ist er nicht", behauptete sie heiser.
„Wirklich?", wollte er ungläubig von ihr wissen, und sie schenkte ihm einen ätzenden Blick.
„Ich denke, er ist verstaucht, geprellt oder sonst was! Aber der Knochen ist nicht durch. Er ist nicht gebrochen, ok? Die Heilung war teilweise erfolgreich." Fast war es lächerlich, wie nervös sie war. Was glaubte sie, was er tun würde? Er übergab sich schon fast, weil er auf so naher Distanz vor ihr saß. Er übergab sich praktisch jede zweite Nacht, wenn er von ihr träumte, während sie nackt –
Seine Schultern sanken mit einem Mal. Wahrscheinlich sah sie ihn deshalb so an. Aber… dann schmeichelte sie sich selbst, dachte er bitter. Und diese Sache musste er klarstellen. Nicht wirklich ihretwegen. Es ging um ihn, um sein Seelenheil. Sein Bewusstsein. Es hatte mit Stolz zu tun. Mit der Ehre, ein Reinblüter zu sein und allen Pflichten, die damit einhergingen. Er mochte von ihr träumen. Ihr Körper mochte ihm vorgaukeln, der eines anderen Menschen zu sein.
Aber er war kein Mann und sie war keine Frau. So einfach war es nicht! Nicht einmal hier! Nicht einmal hier, sagte er sich wieder. Wie konnte sie glauben, dass er sich an ihr vergreifen wollte? Dann nahm er lieber Skills! So sehr widerte ihn das Miststück vor ihm an, das ihn mehrfach verletzt hatte. Dass ihm beinahe sein Augenlicht geraubt hatte. Wegen dem er hier festsaß, in dieser Hölle!
„Damit keine Missverständnisse zwischen uns sind", sagte er mit Bedacht und sehr ruhiger Stimme, „das hier-", begann er mit ausgewählten Worten, deutete zuerst auf sich selbst und dann auf sie, „ist kein Waffenstillstand. Es ist kein schlichtes Abfinden mit einer unmöglichen Situation. Das ist gar nichts." Er hasste es, diese Worte überhaupt auszusprechen. Ihr Ausdruck war ihm nicht zu deuten. Aber er war noch nicht fertig. „Unterm Strich", fuhr er beherrschter fort, „ist es mir scheiß egal, ob du mit meinem Zauberstab verschwindest", schloss er kalt. Er würde schon lernen, Feuer zu machen, nahm er dumpf an. Ihre Augen weiteten sich minimal bei diesem unerhörten Zugeständnis, aber so wichtig war ihm sein Stolz! So verdammt wichtig, dass er seinen Zauberstab aufgeben würde. „Deine Anwesenheit allein, und die Tatsache, dass ich dich unter Umständen benötige, um in unsere Zeit zu blicken, ist…", sein Kiefer spannte sich hart an, „unglücklich", entkam es ihm rau. „Und solltest du ernsthaft Sorge haben, dass ich dir nahe komme, aus anderen Gründen, als um mich zu vergewissern, dass du für diesen kleinen Ausflug keine unmenschliche Last für mich bist, dann lass mich dir eines versichern…" Und sie schwieg, sah ihn ein wenig verstört an, aber es war wichtig, dass er es ihr klar machte.
Denn für ihn bestanden diese Grenzen so unübersehbar wie am ersten Tag. „In meinen Augen sind wir nicht gleich", schloss er ruhig. „In meinen Augen sind wir praktisch zwei verschiedene Arten von Lebewesen, und selbst hier, am Ende dieser Welt, ist dein Körper mehr als abstoßend. Ich habe kein Interesse an dir, an deinen Vorstellungen und Gedanken, und ich kann mit dir weitaus weniger anfangen, als mit dem Affen, denn er wird mir vielleicht eines Tages von Nutzen sein", erklärte er sachlich, während sich ihr Kiefer lockerte. Ihre Augenbrauen hatten sich langsam gehoben. „Aber glaub mir, dass von mir keine weitere Gefahr ausgeht als die, dass ich dich unweigerlich irgendwann töten werde, wenn du mir weiter auf den Sack gehst."
Sie starrte ihn an. Hatte sie ihn verstanden, fragte er sich unwillkürlich, und dann atmete sie aus.
„Wow", entkam es ihr demonstrativ, gänzlich ungläubig.
„Wow?", wiederholte er, ein wenig aus seinem überlegenen Konzept gebracht.
„Du bist einfach nur ein riesiges Arschloch", murmelte sie, wie zu ihrer eigenen Bestätigung, während sie in stummer Erkenntnis abwesend nickte.
Und das, was ihn am meisten ärgerte, war, dass sie ihn nicht ernstnahm. Sie sah ihn an, wie man ein Kind ansah, was an die Zahnfee glaubte.
Als wäre seine Ideologie tatsächlich etwas Lächerliches!
Ungestört an die eigene Ideologie zu glauben, war immer ein Problem, sobald man mit der verachteten Randgruppe plötzlich alleine auf einer Insel gefangen war, dachte er mit unterschwelligem Zorn.
Und er hatte niemanden hier, um sein Urteil über das dämliche Schlammblut zu bestätigen. Mit säuerlicher Miene erhob er sich und beschloss, das einzig Sinnvolle zu tun. Gut, das Zweitsinnvollste. Denn das einzig Sinnvolle war, das Schlammblut zu erwürgen. Aber wenn er zu den Fällen wollte – und das wollte er auf jeden Fall noch heute – dann würden sie Staudenblätter benötigen, um ihren scheiß Knöchel zu fixieren. Zwar konnte sie das selber machen, aber er nahm die Ablenkungen, sie nicht sehen zu müssen, zu gerne wahr!
Und er wusste, noch währende er ging, dass ihr elend mitleidiger Blick ihm folgte.
Er war der überlegene! Physisch und psychisch! Er hasste, dass sie ernsthaft glaubte, ihm diese Position streitig machen zu können. Einzig und allein seine scheiß Träume machten ihm gelegentlich einen Strich durch seine erhabene Rechnung. Aber davon wusste sie nichts! Und davon würde sie niemals wissen. Niemand würde jemals davon wissen, versprach er sich eisern, während er ging.
Er verpackte notdürftig ein paar Dinge und befestigte sie an seinem Körper, während sie mit Mühe aufstand. Der Bananenstauden-Druckverband war ziemlich fest, so dass ihr Fuß nicht umknicken würde. Sie würde vor einem Rudel Fuchs-Wölfe allerdings nicht weglaufen können, nahm sie finster an.
Sie war zu stolz gewesen, ihn zu fragen, wo die Bananen wuchsen, und wenn sie ehrlich war, interessierte es sie nicht genug, um dafür ein Gespräch mit dem größten Todesser-Arschloch der Welt anzufangen.
Seine Worte klangen noch immer dumpf in ihren Ohren. Sie waren so unfassbar dumm und rückständig, und sie würde schreien vor Wut, wenn sie zu lange darüber nachdachte. Aber auch sie hatte nicht vor, mehr Zeit als nötig mit ihm zu verbringen. Ihre Instinkte hatten alle Recht behalten. Selbst wenn er der letzte Mensch auf dieser Welt war, sie verbrachte die Zeit lieber allein!
Würde sie jetzt sprechen, dann würde sie es sich noch anders überlegen, und sofort zurück zum Strand verschwinden.
Sie konnte keines seiner Worte ernstnehmen – und vor allem, sie glaubte ihm nicht! Er wiederholte lediglich, was ihm beigebracht worden war! Und nicht einmal darüber wollte sie nachdenken! Sie wollte über nichts nachdenken, was dieser Wichser tat oder sagte! Sie musste gestehen, diese Situation hier, wo sie beide zusammen waren, war noch schlimmer als die ersten schlaflosen hungrigen Nächte. Sie fühlte sich schlechter, und sie traute ihm nicht.
Sie würde nicht schlafen, wenn er wach war. Sie würde erst wieder in Ruhe aufatmen können, wenn er tausend Meilen von ihr entfernt war.
Sie nahm an, so groß war die Insel leider nicht, aber es würde schon reichen, wenn sie seine dämliche Visage nur nicht mehr ertragen musste.
Und dass sie nicht sprachen, war schon das Beste an diesem verdammten Nachmittag. Und es war eine dämliche Idee, jetzt noch zu den Wasserfällen zu gehen, denn sie wäre langsam. Und er wusste das. Und wahrscheinlich plante er, sie dort zurückzulassen. Aber auch das wäre ihr eigentlich recht, dachte sie zornig, während sie sich probehalber auf ihren treuen Speer stützte, den sie dazu erkoren hatte, ihre Gehhilfe zu sein.
Sie hasste, dass Malfoy auf sie angewiesen war – oder glaubte, es zu sein. Und sie hasste, dass sie im Moment ebenfalls auf ihn angewiesen war.
„Skills", rief seine tiefe Stimme, an die sie sich gewöhnte, nachdem er fertig gepackt hatte, und der Affe gehorchte widerwillig, näherte sich, und Malfoy blickte gen Himmel. Die Sonne schien verhalten. Wolken hatten den Himmel verhangen, aber Hermine glaubte, es würde nicht regnen. Sie kannte das Wetter hier mittlerweile. „Komm", sagte er zum Affen gewandt, und aufgeregt keckerte das Tier. Hermine nahm an, der Affe mochte Spaziergänge.
Auch wenn sie mit Malfoy waren. Sie verzog missmutig den Mund.
Er wandte den Blick, als sie nicht folgte.
Ehe er auch nur seinen dämlichen Mund aufmachen konnte, stützte sie sich hastig auf den Speer und folgte ihm scheinbar mühelos. Kurz hoben sich seine Augenbrauen, aber er nahm ihr Tempo wortlos hin, und zu dritt verließen sie sein Revier.
Jeder zweite Schritt schmerzte wie tausend Nadeln, trieb ihr schon nach wenigen hundert Metern den Schweiß auf die Stirn, und sie wusste, dieses Tempo würde sie nicht durchhalten können.
Aber sie wusste auch, sie würde keinen Ton sagen. Sie wollte seine Stimme nicht mehr hören müssen. Keines seiner unqualifiziert dummen Worte. Schnell umgaben sie die Geräusche des Dschungels. Die Vögel sangen fremde Lieder, während Malfoy voran ging und lange Blätter und Äste mit einem stumpfen Säbel – den er wohl vom alten Schiff mitgenommen hatte – machetenhaft aus dem Weg schlug. Er fräste einen direkten Weg durch den Dschungel, und sie konnte nur beten, dass er wusste, wohin er ging.
Sie wusste es nämlich nicht. Die Wasserfälle fand sie nur zufällig, nie mit Absicht. Und sie konnte nicht leugnen, dass er sich hier gut angepasst hatte. Seine Bewegungen waren still und schnell. Und sie gab es ungern zu, aber sie glaubte nicht, dass ihnen irgendein Tier Probleme machen würde. Sie hoffte, das Feuer hatte den riesigen Tiger für die nächsten Wochen verschreckt.
Was ihre Gedanken auch beschäftigte, war die Tatsache, dass er eingeräumt hatte, ihr den Zauberstab sogar zu überlassen! Als bräuchte er ihn nicht mehr. Zwar sagte er, er suche nach einem Weg nach Hause, aber seine Taten erzählten etwas ganz anderes. Er kam besser mit dem Messer zurecht, als mit dem Zauberstab.
Es beeindruckte sie zu einem gewissen Grad. Aber dass er in dieser Wildnis besser zurecht kam als sie, bedeutete für sie lediglich, dass er einem Höhlenmenschen näher stand als sie. Und nachdem, was er ihr heute offenbart hatte, hatte sie keinerlei Zweifel daran, dass Malfoys Hirnmasse die seines Haustiers nur marginal übersteigen konnte.
Mit jeder weiteren Sekunde, die sie damit zubrachte auf seinen hellen Hinterkopf zu starren, verabscheute sie ihn mehr und mehr. Ihr Knöchel wurde immer heißer, aber sie ging nicht langsamer, wollte sich diese Blöße nicht auch noch geben. Außerdem war es gefährlich, hier, mitten im Dschungel, gemächlich zu schlendern.
Sie hatte also gar keine Wahl. Es war der anstrengendste Tag, an den sie sich erinnern konnte. Und das hieß einiges….
