13. Nightfalls
Sie fühlte sich, als bewege sie sich durch Watte. Jeder Schritt passierte wie im Traum. Ihre Temperatur war in den letzten Stunden angestiegen. Sie blinzelte schwer, der Schweiß rann ihren Nacken hinab, und sie atmete flacher, seit einer Stunde. Die Geräusche hallten echohaft in ihrer Nähe. Ihr Blut rauschte in ihren Ohren, und ihr Puls raste.
Immer wenn sie träge den Blick hob, die Augen wie im Traum öffnete, sah sie den Affen als blaue Sphäre vor sich, aber die Bewegungen konnte ihr Verstand nicht mehr klar verfolgen. Auch Malfoys Hinterkopf sah sie seit längerem doppelt, und immer öfter fielen ihre Augen zu. Immer öfter strauchelte sie, und die Schmerzen wuchsen um ein hundertfaches.
Ihr Mund war trocken. Sie hatte noch keine Pause gemacht, und sie wusste nicht, wo sie waren. Sie wusste nicht, ob sie Tage gegangen waren oder Minuten.
Obwohl das Wetter wie immer tropisch war, fror sie innerlich. Sie wusste nicht, wie hoch das Fieber gestiegen war, aber es war hoch genug, dass es sie alarmierte.
Etwas Seltsames passierte plötzlich – oder Stunden später. Sie wusste es nicht zu sagen. Die Welt kippte um, lag plötzlich auf der Seite, und es war eine eigenartige Sensation in ihrem Körper. Die Bäume sollten aufrecht stehen, aber stattdessen lagen sie auf der Seite.
Sie vernahm dumpf ein affenähnliches Geräusch, und dann ein unverständliches Echo. Sie spürte den Druck auf ihrer Schulter. Jemand drehte sie um, und erst da begriff sie ansatzweise, dass die Welt nicht umgekippt war. Sie lag auf dem Boden.
„-du mich?", vernahm sie sein Stimme von weit her. „Scheiße", murmelte er unterdrückt, und blinzelnd fielen ihre Augen zu. Der harte Boden verschwand plötzlich unter ihrem Körper. Eine seltsame Wärme umhüllte sie, und sie spürte sanfte Erschütterungen. Irgendwo in ihrem Bewusstsein begriff sie, dass er sie tragen musste, aber sie war weit davon entfernt, zu begreifen, was es bedeutete.
Sie träumte von Zuhause. Von dem Duft von Earl Grey, den ihr Vater in seinem Lesesessel trank. Sie hörte die plaudernde Stimme ihrer Mutter deutlich. Es waren herrliche Eindrücke und sie wollte für immer –
Sie erwachte so jäh und stöhnte schmerhaft auf. Sie musste mehrfach blinzeln, um die Tränen aus ihren Augen zu verbannen, und ihr Atem ging schnell. Er war über ihren Fuß gebeugt und hatte den Verband gelöst.
Sie war nicht Zuhause, ging es ihr dumpf auf. Sie war immer noch in diesem Albtraum gefangen. Mit ihm. Es war dunkel, und unter ihren Handflächen spürte sie… Stoff? Sie konnte sich nicht orientieren. Plötzlich durchflutete sie die heilende Magie. Er hatte den Zauberstab in der Hand, schickte einen Stoß Magie durch ihren Fuß, und das Fieber sank sehr plötzlich. Sie konnte klarer sehen.
„Wo… wo sind wir?", krächzte sie, und er hob nicht den Blick, als er frische Staudenblätter zurechtlegte.
„Im Schiff", antwortete er knapp. Jetzt öffnete sich ihr Mund in stummer Erkenntnis. Richtig! Das Holz, die groben Säcke, auf denen sie lag. Sie waren unter Deck des alten Schiffes. Sie war lange nicht mehr hier gewesen. „Wir bleiben hier", fuhr er wortkarg fort.
„Warum?", entkam es ihr still, während sie den Mund erneut verzog. Jetzt traf sie sein schmaler Blick.
„Rate", erwiderte er, und seine Oberlippe kräuselte sich bitter.
Hermine wusste, warum. Wahrscheinlich, weil er sie nicht weiter hatte tragen können. Scham stieg in ihr empor, aber sie hatte keine Zeit, in diesem Gefühl zu baden, denn sie zuckte zusammen, als er die frischen Blätter straff um ihren Fuß band.
„Au!", presste sie hervor. Er hielt inne, dann atmete er auf.
„Wir haben zwei Möglichkeiten", begann er tonlos, und sie wollte es nicht hören. Sie wusste die Möglichkeiten.
„Du bringst mich um, oder du bringst mich um?", riet sie freudlos, und wieder sah er sie an.
„Gut, wir haben drei Möglichkeiten", korrigierte er sich tatsächlich. „Und dich umzubringen, birgt tatsächlich mehr Reize als deinen widerlichen Körper durch den Dschungel zu schleppen", fuhr er ernsthaft fort, „aber das ist gerade keine Option", schloss er schlicht. Sie begriff, dass er all seine Hoffnung an diese dumme Vision hing. Sie glaubte noch immer nicht, dass es für irgendetwas gut sein würde.
Und dann sah er sie an. „Der Verband wird erneuert und wir brechen morgen früh auf", begann er ernst, und sie atmete erschöpft aus, bei dem Gedanken an die Schmerzen. „Oder…", kurz schien er nachzudenken, aber kein anderer Schluss schien ihm einzufallen, „oder der Verband bleibt ab, und… du kurierst deinen Fuß", schloss er gedehnt. Die zweite Möglichkeit war die einzige, die Sinn ergab. In normalen Situationen. Kurieren klang aber nach… Tagen, dachte sie voller Furcht.
„Nein", flüsterte sie kopfschüttelnd. „Ich will weiter", wagte sie zu sagen. Er atmete lange aus.
„Ok", erwiderte er nur, griff sich die Blätter erneut und platzierte sie unter ihrem Knöchel. „Dann muss ich den Fuß verbinden, sonst wird die Schwellung bis morgen so dick, dass du keinen Schritt mehr machen kannst."
Sie nickte, aber er sah sie nicht an. Er wickelte das erste Blatt, und der Schmerz schoss direkt in ihre Augen, und Tränen nahmen ihr die Sicht. Sie biss die Zähen fest zusammen, während die ersten heißen Tränen ihre Wangen hinab rannen. Ihr Oberkörper sank nach vorn, ihr Atem ging schnell, und sie hörte ihn gereizt ausatmen, bevor er die Blätter wieder löste.
„Vergiss es", murmelte er und erhob sich.
Schwer atmend sah sie auf. „Was… was tust du?", entfuhr es ihr zitternd. Er wirkte merklich aufgelöster als vorher.
„Ich quäle meine Beute nicht, und ich quäle dich ebenso wenig!", knurrte er, und auch sein Atem ging schneller. Verständnislos sah sie ihn an. Seit wann quälte er sie nicht? Sie verstand ihn nicht.
„Aber… wir müssen weiter", flüsterte sie verzweifelt. Und sie hasste fast, dass sein Blick kurz in die Ferne glitt, dass er kalkulierte, dass ihn… die Vernunft schneller erreichte als sie. Dass er selbst in dieser verdammten Situation rationaler dachte als sie.
„Wir haben nirgendwo zu sein", antwortete er schließlich kalt, und die Wahrheit dahinter stach bitter, stellte sie fest. Denn nein. Alles, was sie taten… hatte ohnehin keine Auswirkungen, dachte sie. „Die Lagune ist in drei Tagen höchstwahrscheinlich auch noch da", informierte er sie, und machte sich daran, die Kajüte durch das schmale Loch in der kaputten Schiffswand zu verlassen.
„Wo… wo gehst du hin?" Und sie hasste noch mehr, wie hilflos ihre Stimme klang. Und er bemerkte es auch. Es war alles falsch. Er hatte sie nicht zu retten! Er hatte nicht für sie beide zu planen, zu sorgen! Er hatte sich nicht zu kümmern! Mit einer plötzlichen Eingebung griffen ihre zitternden Finger um den Rand einer alten Kiste, und ihre Arme zogen ihren Körper empor.
„Was-?", entfuhr es ihm, aber kopfschüttelnd richtete sie sich auf. Sie glaubte, sie würde ohnmächtig werden, kaum dass sie wackelig auf einem Bein stand.
„Wir bleiben nicht", flüsterte sie. „Ich bin nicht so schwach, dass ich darauf angewiesen bin, von dir versorgt zu werden", sagte sie, während die Übelkeit sie erreichte. Sein prüfender Blick reizte sie nur noch mehr, und sie tat einen gefährlichen Schritt. Aber ohne Verband hatte sie gar keinen Halt, knickte mit einem überraschten Laut zur Seite, und er fing sie auf, ehe sie mit dem Kopf auf das Holz schlagen konnte. Ihre Finger hatten blind in seine Arme gegriffen, und sie spürte seinen heißen Atem im Nacken, während sein Arm um ihre Taille lag, ihr Gewicht über dem harten Boden hielt. Jeder Muskel seines Körpers war angespannt, als er sie aufrichtete, und sie wieder auf einem Fuß stand.
„Das… war eine nette Vorstellung, Schlammblut", sagte seine raue Stimme ein wenig atemloser, und ihr Verstand jagte, versuchte sich an den letzten Moment zu erinnern, wo sie einer anderen Person zu nahe gekommen war, aber es fiel ihr kein Tag mehr ein. Widerwillig hielten ihre Hände noch immer seine warmen Unterarme fest, weil sie sonst fallen würde.
Und viel schlimmer als die direkte Nähe zu ihm, war die schlichte Tatsache, die sich für sie unübersehbar herauskristallisierte. Malfoy hatte Recht. Selbst wenn Hermine nicht dieselben Hoffnungen hegte wie er, würde sie wahrscheinlich an einer Infektion oder dem Fieber sterben, wenn sie sich nicht ausruhte.
Resignierend hob sich ihr Blick zu seinem Gesicht, und seine Mundwinkel zuckten knapp, als er wahrscheinlich erkannte, dass seine Logik ihre besiegt hatte. Sie ließ sich von ihm zurück bugsieren, bis sie sich auf die alten Seesäcke setzen konnte. Dann atmete er zornig aus, rieb sich übertrieben provisorisch die Hände an seinen Hosenbeinen ab, als übertrage sie gefährliche Krankheiten und fasste sie hart ins Auge.
„Bleib hier, und brech dir einfach nicht auch noch das Genick, ok?" Er war wirklich wütend, und sie war einfach nur noch desillusioniert und von Scham erfüllt. Sie war nutzlos. Der Affe brachte ihm tatsächlich mehr Nutzen als sie es tat. Und sie konnte wahrscheinlich auch noch dankbar sein, dass er sie nicht einfach liegen ließ.
Hastig wischte sie sich die verzweifelten Tränen von den Wangen, fühlte sich nur noch krank und ekelhaft, weil sie sich seit Tagen nicht hatte waschen können, und dann musste ausgerechnet er sie so erleben!
„Hier", vernahm sie seine barsche Stimme erneut. Sie blinzelte, als sein Zauberstab neben sie fiel. „Draußen brennt ein Feuer, und Skills klettert in der Takelage, aber… für den Fall, dass doch ein Mordeo den Weg hierhin wagt", schloss er steif. Verheult sah sie zu ihm auf. „Ihr Versteck ist in der Nähe", erklärte er dann. „Aber… für gewöhnlich reicht ein Feuer, um sie fernzuhalten."
„Mordeo?", wiederholte sie das Wort, was er schon einmal benutzt hatte, und er blinzelte knapp.
„Beißfüchse", erläuterte er nur. Er kannte also die Tiere hier, begriff sie dumpf. „Ich bin gleich wieder zurück", schloss er dann.
Danke. Das Wort brannte fast in ihrer Kehle, aber sie zwang sich, es nicht zu sagen. Nicht in sein Gesicht, niemals laut in seiner Gegenwart. Sie musste sich nicht bedanken. Er war selber schuld, dass er diese Last auf sich nahm. Wäre es umgekehrt, würde sie ihn liegen lassen und verschwinden! Sie nickte schmal, und dann war er verschwunden. Und er hatte ihr den Zauberstab dagelassen. Wann hatten sie aufgehört, sich umzubringen zu wollen?
Sie weinte nur noch mehr, und wünschte sich, niemals in sein Territorium gekommen zu sein, niemals den Strand verlassen zu haben. Sie war so hochmütig gewesen. So unfassbar dumm. Und nun war sie hier. Angewiesen auf seine Gnade, die sie am Leben ließ. Es war so unwürdig. Sie weinte heftiger, und erschrak beinahe, als der Affe neugierig den Kopf durch den Spalt des Schiffes schob.
„Geh weg!", krächzte sie, machte verscheuchende Bewegungen mit den Armen, aber der Affe schien zu glauben, sie wollte spielen. Er zwängte sich ins Innere und kam schnuppernd näher. „Hau einfach ab", wisperte sie verzweifelt, aber der Affe sah sie lediglich an. Plötzlich dachte sie daran, dass sie genau hier, vor so vielen Wochen seine Mutter getötet hatten. Oder… Malfoy hatte das. Ihr Mund öffnete sich, und sie weinte nur noch mehr, vergrub das Gesicht in den Händen, und der Affe ließ sich tatsächlich neben sie auf den Boden plumpsen.
Schniefend hob sie den Blick wieder, sah ihn an, und mit echter Neugierde zogen seine dunklen Finger an ihren Locken, als könne er sich nicht erklären, was Locken wären. Und fast musste sie lachen.
„Ok", sagte sie dann ruhiger, hob den Arm und legte ihn sanft um den schmalen Affenrücken. „Komm her", murmelte sie, und der Affe keckerte neugierig, während sie ihn in eine halbe Umarmung zog. Affen waren intelligente Tiere, und schließlich legte sich sein langer Arm auch um ihren Rücken. Sie glaubte, er grinste breit, denn er zeigte alle Zähne und seine Augen leuchteten. „Malfoy umarmt dich wohl nicht?", fragte sie ihn still, und fast hüpfte er vor Freude. Sie wusste, die gewöhnlichen Affen brauchten Zuneigung, wahrscheinlich waren die magischen Affen nicht anders. Ob Skills böse werden würde? Irgendwann?
Ein Schauer befiel sie, denn… sie nahm es an. Er musste nur groß genug werden.
Sie nickte dem Tier zu. „Danke für's ablenken, Skills", murmelte sie und versuchte, ein schmales Lächeln. Der Affe beschnupperte sie lediglich und schien dann genug von der Umarmung zu haben. Er setzte sich wieder neben sie, aber er verließ das Innere des Schiffes nicht mehr. Sie nahm an, sein tierischer Instinkt spürte, dass es ihr nicht gut ging.
Sie hatte vergessen, wie nett es war, ein Haustier zu haben. Sei es auch ein blauer Riesenaffe.
Es war der verlockende Geruch, der sie wieder aufweckte. Sie war schon wieder eingeschlafen. Verblüfft erkannte sie die hohe, alte Öllampe, die Malfoy auf den Boden stellte. Sie flackerte einschläfernd gemütlich.
Er setzte sich ihr gegenüber und reichte ihr die Schweinekeule.
„Schon wieder Schwein", erkannte sie, und seine Augenbraue hob sich.
„Sonst noch Extrawünsche?", erkundigte er sich gedehnt, aber sie schüttelte hungrig den Kopf,
„Nein", räumte sie eilig ein, und gierig aß sie den ersten köstlichen Bissen. Es tat so gut, Proteine zu essen, stellte sie fest. Er setzte eine undurchsichtige Flasche an den Hals, und sie blinzelte verblüfft. Etwas so menschliches wie ein Trinkgefäß hatte sie lange nicht mehr gesehen. Es musste hier vom Schiff sein.
Und sie erkannte den Geruch urplötzlich.
„Alkohol?", entkam es ihr heiser.
Sie sah, wie er genüsslich schluckte, die Flasche absetzte und den Kopf schüttelte.
„Rum", korrigierte er sie träge.
„Ist das… ein Piratenschiff gewesen?", erkundigte sie sich dann, obwohl es unsinnig war. Woher sollte Malfoy es wissen? Er überlegte.
„Nicht nur Piraten haben Rum getrunken", erwiderte er schlicht. Dann griff er hinter sich, um ihr eine staubige zweite Flasche entgegen zu halten. Sie war fast leer, und im Innern schimmerte die Flüssigkeit golden im Licht des Feuers. Sie verzog knapp den Mund. Sie mochte keinen Rum. Generell trank sie kaum Alkohol, allerdings… gab es hier nicht viel anderes zu tun, deshalb ergriff sie die Flasche zögernd.
„Ich dachte, ich hätte alle Vorräte gefunden", erzählte er, und Hermine ging auf, dass Alkohol ihn in eine Art Plauderstimmung versetzte, sofern man es so nennen konnte. „Aber diese cleveren Bastarde haben ihren Rum überall versteckt." Fast erschien so etwas wie Triumph auf seinen Zügen, und sein Mundwinkel hob sich. Sie zog den alten Korken ab, roch am Flaschenhals, und der Geruch war süßlich. Der Alkohol hatte eine hohe Konzentration, war gereift, und sie glaubte nicht, dass heutiger Rum so schmeckte. Vorsichtig trank sie einen winzigen Schluck, um die Flasche sofort abzusetzen.
„Uägh", entkam es ihr angewidert. „Das ist ja widerlich", flüsterte sie. Er schüttelte über sie nachsichtig den Kopf.
„Selber schuld", gab er zurück, und dann schwiegen sie. Sie aß ihr Schwein, trank vorsichtig das Wasser, was er in eine leere Rumflasche gefüllt hatte, bei der der Hals teilweise zerbrochen war, und spürte aber gleichzeitig die wohlige Wärme, die nur Alkohol durch den Körper schicken konnte. Deshalb trank sie noch einen winzigen Schluck aus der anderen Flasche.
Wieder lag ihr dieses Wort auf der Zunge. Danke. Fast war es allgegenwärtig. Aber sie schwieg, lauschte in die Dunkelheit und hörte die Frösche, die Nachtvögel und den Dschungel. Durch den Spalt des Schiffes sah sie draußen das Feuer flackern, was die Raubtiere fernhalten sollte. Ihre Gedanken wanderten weiter.
„Wenn man es ins Meer bekäme…", überlegte sie kauend, während sie sich die alten Wände des Schiffes betrachtete. Fast lachte er auf.
„Dann was?", erkundigte er sich spöttisch. Sie wusste es nicht. Aber es war ein Schiff. Und die Antwort war einfach.
„Dann könnte man fort von hier", sagte sie, ohne ihn anzusehen. Er setzte sich auf, betrachtete das Schiff abschätzend und schüttelte schließlich den Kopf.
„Es ist nicht gesagt, dass dort draußen überhaupt irgendetwas ist, und dann könnte man ein solches Schiff niemals mit einem zerstörten Zauberstab – Merlin, nicht mal mit einem funktionierenden – bis zum Strand bekommen." Wahrscheinlich hatte er recht.
„Aber mit zwei", murmelte sie. „Mit zwei Zauberstäben", ergänzte sie nachdenklich.
„Was wird das?", fragte er sie jetzt direkt, und ihr Blick hob sich verstört. „Wir können sämtliche Theorien durchgehen, die einen nach Hause bringen, aber vollkommen unmöglich sind!" Sanfte Wut zeichnete seine Worte. Sie schwieg resignierend. Und dann fiel ihr etwas ein.
„Woher kennst du… diese Tiere? Mordeos?", wiederholte sie den Namen. Er zuckte die Achseln. „Malfoy", wiederholte sie, als er nicht sprach, und sie wusste, mit ihr ein Gespräch zu führen, schien ihm mehr als unangenehm zu sein, aber offengesagt empfand, dass er selber schuld war. Er hatte sie hier gewollt. Jetzt konnte er auch reden. Dann verdrehte er die Augen.
„Blaises Großvater hat magisches Großwild gejagt", erklärte er schlicht. Es war eine ekelhafte Vorstellung, aber sie erwartete von ekelhaften Reinblüterfamilien kaum etwas anderes.
„Oh", machte sie neutral. „Auf Inseln?", ergänzte sie dann, und er zog die Stirn in Falten.
„Nein", erwiderte er kopfschüttelnd. „Aber ich nehme an, ihnen schadet das heiße Klima nicht", schloss er.
„Scheinbar nicht", bestätigte sie düster. „Die Sterne am Himmel ergeben keinen Sinn", sagte sie dann. „Die Konstellationen sind willkürlich und ändern sich täglich", erklärte sie. Er hörte ihr zu. „Ich habe über diesen Ort nachgedacht", fuhr sie fort, „und vieles macht keinen Sinn."
„Was soll das heißen?", fragte er tatsächlich, und sie suchte nach den richtigen Worten.
„Es sieht aus wie eine magische Insel, aber… hier ist niemand sonst", schloss sie unglücklich.
„Nicht jede magische Insel dient dem Tourismus", widersprach er mit einem Kopfrucken. „Und nicht jede Insel, ist verzeichnet."
„Ja, aber… ein Ortungszauber würde uns finden, oder nicht?"
„Was meinst du damit?" Er sah sie aufmerksam an. Sie atmete gereizt aus.
„Die anderen, Harry, die Auroren, sie würden uns orten. Sie… wären bestimmt auf die Idee gekommen, uns an allen möglichen Orten zu vermuten. Und magische Inseln sind… ortbar, oder nicht?" Seine Stirn runzelte sich.
„Ich denke?", entkam es ihm unschlüssig.
„Also?" Sie sah ihn entsprechend an.
„Vielleicht diese nicht", sagte er dann verschlossen. Und mehr wusste sie dazu auch nicht zu sagen, aber sie sah sich demonstrativ um.
„Das Schiff", fuhr sie fort und deutete um sich, „es muss irgendwie hier gelandet sein", behauptete sie vehement.
„Vielleicht ist es in den Bermuda-Zauber geraten und hatte Pech?", schlug er gereizt vor.
„Bermuda-Zauber?" Sie sah ihn stirnrunzelnd an. Er verdrehte daraufhin die Augen.
„Portschlüssel der Meere? Angeblich gibt es Punkte im Meer, die orientierungslose Schiffe an willkürliche Orte bringen, wo Schätze liegen, von denen sie aber niemals zurückkehren können." Ihr Mund hatte sich langsam geöffnet.
„So etwas gibt es?", entfuhr es ihr mit große Augen.
„Theoretisch", bestätigte er, wirkte aber nicht überzeugt, „in den Kindermärchen, ja", ergänzte er. „Vor allem kam bisher niemand zurück, um die Geschichte zu erzählen", schloss er dann.
„So… wie wir?", ging sie eindeutig auf seine Worte ein, aber er wirkte wieder genervter.
„Wir wissen nicht, wo wir sind, ok? Vielleicht gibt es einen Weg zurück. Vielleicht muss man nur… die Zeichen verstehen."
„Welche Zeichen? Irgendwelche Visionen in irgendwelchen Höhlen? Irgendwelche Monster, die Gott weiß was von uns wollen?", entfuhr es ihr ungeduldig.
„Ja, ok?" Seine Stimme wurde lauter. „Woher willst du wissen, dass es kein Zeichen ist? Du erklärst mir, wie seltsam diese Insel ist, lässt dich aber auf keine Theorie ein!"
„Ich… glaube einfach nicht, dass-"
„-dass was?", entfuhr es ihm zornig, und der Affe, der sich an der Schiffwand zusammengerollt hatte, keckerte leise im Schlaf.
„-dass irgendwelche Visionen helfen", schloss sie stiller. Seine Brust hob und senkte sich schneller, aber er lehnte sich missmutig zurück gegen die alten Kisten.
„Schön für dich", knurrte er dann. „Ich habe aber noch nicht aufgegeben. Und im Gegensatz zu dir, habe ich mehr Vertrauen in Magie und diesen Ort. Aber was soll man von einem Schlammblut anderes erwarten", schloss er kopfschüttelnd. Das Wort stach bitter, aber sie war kaum in der Verfassung, sich aufzuregen, abzuhauen oder sonst etwas zu tun. Sie wollte ihm sagen, dass er aufhören sollte, das Wort zu benutzen, aber es wäre vollkommen sinnlos.
Wut zeichnete seine Gestalt, als er sich erhob und sie sitzen ließ. Er verschwand durch die Spalte und sie sah, wie er sich draußen ans Feuer setzte und in den Dschungel starrte. Gähnend rappelte sich der Affe auf und folgte ihm träge, um draußen an seine Seite zu sinken.
Malfoy trank einen tiefen Schluck aus der Flasche, und abwesend fiel seine Hand auf den Affenrücken, um ihn zu kraulen. Seltsam, dass der Affe Malfoys Nähe bevorzugte. Er würde größer werden. Er sollte ihn besser früher als später auswildern, weil die Gefahr bestand, dass, je größer der Affe wurde, er den Weg zu ihm nur zu leicht finden würde, sobald er alt genug war, Menschen als Beute zu erkennen.
Und es war seltsam, dass Malfoy derjenige von ihnen war, der mehr Hoffnung hatte, hier weg zu kommen. Hermine hatte es vorher nicht bemerkt, aber sie bemerkte es jetzt, wo ihr Leben von jemandem wie Malfoy abhing. Sie hatte bereits aufgegeben.
In Wahrheit. Sie waren an einem nicht ortbaren Ort, am Ende der Welt. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen, denn ihr Fuß schmerzte wieder. Innerlich hatte sie sich längst von Zuhause verabschiedet. Von Harry und von Ron.
