15. A Month

Es waren mehr als drei Wochen vergangen, aber noch hatte sie keine Vision gesehen. Die Höhle blieb leer. Aber sie hatte ihre Kräfte gesammelt, und sie wartete. Fast kam es ihr so vor, als bliebe die Lagune verschollen für alle anderen Augen. Sie hatte die ersten Tage geglaubt, Malfoy würde auftauchen, würde die Drohung wahrmachen, würde herkommen, um sie zu töten oder würde zumindest versuchen, selber eine Vision zu sehen.

Aber sie war allein. Und fast hatte sie sich wieder gewöhnt. Sie hatte sich häuslich eingerichtet. Kein Untier hatte den Weg hierher gefunden. Sie hatte Fische im Überfluss, ließ das Feuer nachts vor der Höhle brennen, und sie lebte nur noch, um die nächste Vision nicht zu verpassen – sollte denn überhaupt noch eine kommen.

Dumbledores Erscheinung hatte ihr neuen Mut gebracht, und sie glaubte mittlerweile, sie war am richtigen Ort. Das hier… diese Oase, war der Ort, wo sie ein Zeichen finden würde, sofern es so etwas gab.

Hier klang der Dschungel ohnehin still, aber heute klang er besonders still. Wolken verhingen den Himmel, und sie blickte über das bewegte Wasser des Sees hinweg, in das dichte Grün der Bäume, und ihre Augen suchten beiläufig nach einem weißen geduckten Schatten zwischen den Bäumen, aber… Dumbledores Erscheinung war nicht mehr aufgetaucht. Und tief in ihrem Innern wusste sie, die Zeiten waren vorbei. Vielleicht war das weiße Wesen einfach nur eine Art guter Geist gewesen, der sich letztendlich in Gestalt von Dumbledore gezeigt hatte. Als… hätte ihre Vorstellung irgendeine Auswirkung auf die Dinge, die es auf der Insel gab. Es war eigenartig. Aber das meiste hier war eigenartig.

Und sie fragte sich, wenn Malfoy ihn getötet hatte – hatte auch er Dumbledore gesehen? Und was bedeutete es alles?

Der Speer lehnte bereit neben ihr am Höhleneingang, daneben ein neues Sammelsurium an passenden Steinen, denn ihre Sammlung hatte sie in Malfoys Grube verloren. Sie dachte häufig an ihn. Jeden Tag. Noch immer hatte sie keine Ahnung, was geschehen war, was er gehört oder gesehen hatte, was Dumbledores Erscheinung ihm Unmögliches gesagt haben könnte. Sie atmete schwer aus.

Es war eine Art Sommer über die Insel gekommen, und sie hatte ihre Hose kürzen müssen. Es wäre sonst unerträglich heiß. Die behelfsmäßigen Ärmel ihres Leinenshirts hatte sie ebenfalls hochgekrempelt, und ihre Haut war tiefgebräunt.

Seit mehr als drei Monaten war sie hier. Sie hatte die Tage gezählt, hatte am Strand sogar eine Art Kalender geführt. Hier machte sie Striche an der Höhlenwand, und sie glaubte, sie war sich sicher, welcher Tag heute war.

Ein trauriges Lächeln huschte schnell über ihr Gesicht.

„Happy Birthday, Hermine", flüsterte sie leise. Verhalten sangen die Vögel, und niemals hätte sie geglaubt, ihren dreiundzwanzigsten Geburtstag alleine auf einer magischen Insel verbringen zu müssen. Ihr war in den letzten Wochen klar geworden, dass sie und Malfoy bestimmt längst für tot erklärt worden waren. So wurden Apparierunfälle behandelt, wusste sie. Es hatte also eine Beerdigung gegeben. Machte es dann überhaupt Sinn, an ihren Geburtstag zu denken?

Aber sie hatte beschlossen, sich den Tag so nett wie möglich –

Ein ohrenbetäubendes Brüllen erschütterte den Dschungel in östlicher Richtung, und alarmiert sprang sie in die Höhe. Ihre Hand griff blind nach dem Speer und sie lauschte in die drückende Stille.

Und es dauerte, bis sie erkannte, was es was es war, bis ihr Verstand sich erinnerte an das Geräusch, was ihr am ersten Tag eine solche Angst eingejagt hatte.

Es war der Schrei des Riesengorillas! Skills? Es war fast ein Monat vergangen. War er größer geworden? Jagte er jetzt? Jagte er… Malfoy? Aber… es klang wie –

Und wieder ertönte das Brüllen, aber Hermine war besser darin geworden, Geräusche zu lesen, und sie glaubte, sie hörte tierische Furcht! Und sie hatte keine Ahnung, was sie trieb, aber plötzlich war sie in Bewegung, den Speer fest im Griff, und sie verließ ihre sichere Zuflucht, glitt lautlos in den Dschungel, rannte behände durch die Bäume, denn sie kannte sich mittlerweile aus, und sie glaubte, sie konnte in der Nähe Geräusche eines Kampfes hören.

Sie hörte Schnauben und wildes Rufen, und sie beschleunigte die Schritte. Ihre Schuhe waren nur noch Fetzen an ihren Füßen, aber immerhin waren sie nicht mehr zu warm. Die Sohlen hatte sie mit Wurzeln und Blättern an ihren Füßen befestigt, und sie hatte gelernt, sich schnell damit zu bewegen.

Die Geräusche wurden lauter, und dann sah sie Schemen durch die Blätter blitzen. Sie näherte sich lautlos, und mit weiten Augen erkannte sie, dass zwei Riesenaffen auf der Lichtung zusammengetroffen waren. Und fast erkannte sie Skills sofort! Er maß die Größe eines ausgewachsenen Mannes, aber das andere Exemplar überragte ihn bestimmt um einen Meter und war wesentlich massiger.

Etwas Schwarzes schoss aus dem Dickicht, direkt auf das große Exemplar zu, sprang auf dessen Rücken, und der Feind brüllte laut auf. Malfoy! Sie erkannte ihn auf dem Rücken des Tiers. Er schien sein Messer in den Nacken des Gorillas gestoßen zu haben, aber das Tier schüttelte sich wild, und er stürzte unsanft zu Boden. Skills heulte laut auf, und der Gorilla wandte wild und zornig den Kopf, aber Skills setzte zum Angriff an, stürmte auf den Feind zu, kratzte und schlug, und Hermines Herz raste. Der Gorilla schlug Skills fast mühelos mit der purpurnen Pranke beiseite, und Skills krachte so heftig zu Boden, dass die Erde bebte. Dann wandte sich der Gorilla wieder Malfoy zu, der noch immer benommen am Boden lag. Hermine nutzt die Chance, brach aus dem Gebüsch, rannte, gab sich so einen größeren Kraftmoment, und dann richtete sie die messerscharfe Speerspitze direkt auf die untere Rückenpartie des Gorillas.

Der Schwung trieb den Speer zur Gänze durch den Affenleib, und Hermines eigene Wucht brachte den Affen zum straucheln, und grunzend kippte er vornüber, landete knapp neben Malfoy, der erschrocken zurückwich, aber der Gorilla war noch nicht tot. Hermine lag keuchend auf dem mächtigen Rücken des Tiers und dankte ihrem treuen Speer. Ehe der Gorilla sich aufrichten konnte, reagierte Malfoy, stieß sich mit unsäglicher Kraft vom Boden ab, griff sich grollend sein blutgetränktes Messer aus dem Dreck, sprang dem Gorilla in den Nacken, und rammte die Klinge wieder und wieder in den Nacken des Tieres, bis dieses einen letzten röchelnden Atemzug tat und leblos zusammenbrach.

Malfoy kletterte wankend vom Rücken des Tiers, und Hermine erkannte sofort, dass Malfoy verletzt war. Leuchtend rotes Blut schimmerte unter seinem bloßen Arm in Brusthöhe. Ihre Augen verengten sich, denn über dem bloßen Oberkörper hatte er lediglich einen schwarzen Pelz geschlungen, und sie glaubte, sie erkannte eine nebelartige Tigerzeichnung. War das…? Er sah sie an, und sie hatte seine Drohung nicht vergessen, sie wusste nur nicht, wie schnell sie ihren Speer aus dem toten Affenkörper würde ziehen können, um weiter zu kämpfen.

Und er sah… anders aus, stellte sie fest. Die sehnigen Muskeln waren größer geworden, die blonden Haare waren schmutzig und länger als zuvor. Ein unsauberer Bart bedeckte sein halbes Gesicht. Über seinen Hals zeichneten sich die Reste einer Wunde, und es sah aus, als hätte er sich mit einem Mordeo mit bloßen Fäusten angelegt. Vier lange Kratzer zierten seinen Hals, und sie schluckte schwer.

Dann hörte sie ein dumpfes Schnauben, und als sie sich umdrehte, riss sie ein mächtiges Gewicht zu Boden. Erschrocken schnappte sie nach Luft. Skills' purpurne Augen glühten vor Wut, als er auf sie hinabblickte, blind vor Zorn, und keuchend ging die Luft durch seine Nase.

Skills' Zähne waren scharf geworden, und auch wenn er nicht seine volle Körperhöhe oder Masse erreicht hatte, hielt sein Körper sie mühelos am Boden. Mit nur einem Biss konnte er ihre Kehle zerreißen, schossen ihr düstere Gedanken in den Kopf.

„Skills", sagte Malfoy dann rau. „Nein", schloss er bitter, mit gewissem Zögern, wofür Hermine ihn direkt hasste. Der Affe kannte sie nicht mehr, nahm Hermine dumpf an. Aber der Druck seiner mächtigen Hände ließ nach. Er beschnupperte sie jetzt, und nach einer Ewigkeit wich er zurück, gab sie frei, und hustend setzte sie sich auf.

„Was zur Hölle tust du?", fuhr Hermine ihn jetzt an. „Legst du dich mit allen Tieren an?", keuchte sie außer Atem, aber Malfoys Blick blieb ausdruckslos. Natürlich würdigte er sie mit keiner Antwort. Aber er schien sie nicht direkt töten zu wollen, und deshalb fragte sie. „Was… was ist das für eine Wunde?", wollte sie außer Atem wissen und ruckte Richtung seines Halses. „War es… ein Mordeo?", flüsterte sie, und er verzog den Mund.

„Der Letzte", rang er sich wenige Worte ab, und ihre weiteten sich minimal.

„Der… Letzte?", wiederholte sie ungläubig. „Du...- bist du sicher?"

„Das Rudel ist tot", erklärte er mit einer Selbstverständlichkeit, die die Fassungslosigkeit in ihr auftreiben ließ.

„Du… hast sie alle getötet?", entkam es ihr ungläubig, aber genauso sah Malfoy aus. Wie ein Killer.

„Ein paar Streuner wird es noch geben", sagte er rau. „Aber die finde ich auch noch", schloss er mitleidslos und wandte sich ab.

„Warte!", rief sie sofort, denn – was glaubte er?! Dass er jetzt verschwinden konnte? Langsam wandte er den Blick. „Du… du bist verletzt", sagte sie dann, aber er zuckte kaum die Achseln.

„Kratzer", entgegnete er, klopfte Skills knapp auf den Rücken, und der Affe überragte ihn jetzt fast, wenn er stand und sich auf den Händen abstützte. Er war riesig geworden.

„Und was war das jetzt hier?", wollte sie von ihm wissen, den Blick auf das tote Tier gerichtet. „Was… was tut es hier?" Er sagte nichts, betrachtete lediglich den toten Affen abschätzend. „Malfoy", sagte sie mit mehr Nachdruck, und gereizt hob sich sein Blick, als hätte er ernsthaft Besseres zu tun.

„Skills wird zur Bedrohung. Ich habe einige der Affen höher in den Bergen gesehen. Er ist nicht der letzte seiner Art, aber… die anderen Männchen wittern ihn und wollen ihn töten. Er gehört nicht mehr zu ihnen. Sie erkennen ihn nicht." Hermine war beinahe erschüttert. Das hieß, Skills war verstoßen von seinesgleichen. Und Malfoy war ziemlich weit rumgekommen.

„Und… das?", flüsterte sie und deutete auf den schwarzen Pelz um seinen Oberkörper. Sein Ausdruck wurde finster.

„Das war Glück", entgegnete er lediglich, und sie blinzelte ungläubig.

„Glück?", wiederholte sie fassungslos. Malfoy begab sich in absolute Lebensgefahr – und das mit Absicht. War er wahnsinnig geworden? Noch wahnsinniger als ohnehin schon? Und wieder schien er genug von diesem Gespräch zu haben und wandte sich wieder um.

Aber sie wollte ihm etwas sagen. Etwas, was vor einem Monat noch lebenswichtig für ihn gewesen war. „Bisher gab es keine Vision", sagte sie hastig, und nach einem kurzen Zögern wandte er sich wieder um. Aber nichts Freundliches lag in seinem Blick. Damit hatte sie ihm preisgegeben, wo sie zurzeit kampierte. Aber sie glaubte, er würde sie nicht töten. Es sah nicht einmal so aus, als ob es ihn noch interessierte.

„Das ist nicht mehr wichtig", murmelte er jetzt. Eigentlich hatte sie ihm einiges zu sagen, hatte sich viele Worte zurecht gelegt gehabt, als sie den ersten Abend nicht hatte schlafen können, und sie hatte ihm Schmerzen zufügen wollen, dafür, dass er sie davon gejagt hatte, aber jetzt… jetzt fielen ihr diese Worte nicht mehr ein.

Denn dieser Satz beunruhigte sie fast.

„Wieso… wieso sagst du das?" Er war derjenige gewesen, der so vehement an eine Lösung geglaubt hatte. Wieso hatten sie plötzlich Rollen getauscht? Was war mit ihm geschehen, Merlin noch mal?!

„Weil es vorbei ist", erwiderte er lediglich, und dann wandte er sich wieder ab. Er frustrierte sie so sehr!

„Warte!", rief sie ihm wieder hastig nach, kam ächzend auf die Beine, und er hielt inne, ohne sich umzudrehen. „Wo… willst du hin?"

„Nach Hause", war seine barsche Antwort. Und sie sah ihm verzweifelt nach. Denn er sprach nicht von England, ging ihr bitter auf.

„Ich dachte, du wolltest mich umbringen, wenn du mich das nächste Mal siehst?", rief sie ihm provozierend hinterher, und dieses Mal drehte er sich ganz um. Er musterte ihre Erscheinung. Kein Hass lag in seinem Blick. Nichts lag mehr in seinem Blick.

„Wozu?", fragte er tatsächlich. Ihr Mund öffnete sich. Dann wandte er sich wieder ab, aber sie folgte ihm hastig.

„Malfoy!", hielt sie ihn wütend auf, versperrte ihm den Weg, und er mied den Blick in ihr Gesicht.

„Verschwinde", sagte er sehr bestimmt, und Skills schnaubte neben ihm, sah in ihr wieder eine Bedrohung. Durch die zentimeterlange Schicht an blondem, schmutzigem Bart sah er wilder aus, als sein Affe. Und sie wusste nicht mit Sicherheit, was sie antrieb, aber sie schüttelte den Kopf.

„Nein", widersprach sie ruhig. „Das werde ich nicht."

„Glaub nicht, dass ich dich nicht bekämpfen würde, Schlammblut", sagte er, und fast beruhigte es sie, das Schimpfwort aus seinem Mund zu hören, denn das zeigte ihr, dass er noch da drin war, in diesem fremden Mann.

„Du hast mir geholfen. Und ich kann dir helfen", informierte sie ihn ausdruckslos, und er lachte rau.

„Ich brauche deine verdammte Hilfe nicht", entgegnete er. „Und jetzt verschwinde, bevor ich den Affen auf dich hetze", drohte er kalt, aber sie fixierte ihn weiterhin.

„Was ist passiert?", wagte sie zu fragen, und kurz trat etwas Bodenloses in seinen Blick. Etwas so Schmerzhaftes, dass sie es selber spüren konnte.

„Verpiss dich", flüsterte er jetzt.

Aber mit einem Mal wusste sie, was es war. Denn das, was seine Gestalt zeichnete war… Schuld. Es war ein schlechtes Gewissen. Ihre Kehle wurde sehr trocken.

„Du hast ihn getötet", sagte sie still, und es war keine Frage. Seine Atemzüge wurden flacher. „Dumbledore", schloss sie heiser, und tatsächlich hatte sie es gewusst. Sie hatte es gewusst, in der Sekunde, als er ihr erschienen war, als er sie geheilt hatte, als wäre es ein letztes Geschenk. Wie er sie angesehen hatte. Sie hatte es gewusst! Er war gegangen, um Malfoy zu finden und sich umbringen zu lassen. Und plötzlich weinte sie. Und Malfoys Augen füllten sich ebenfalls mit Tränen, und er blickte angestrengt zur Seite.

„Du wusstest, dass er es war?", fragte er heiser, und sie ruckte mit dem Kopf, und jetzt wusste sie, dass das Wesen für Malfoy ebenfalls Dumbledores Erscheinung angenommen hatte.

„Ich… ich erreichte die Lagune, an dem Tag als du mich davon gejagt hast", erwiderte sie unter Tränen „Und… plötzlich kam er auf mich zu und… hat meinen Fuß geheilt. Er hat nichts gesagt, und dann ist er im Dschungel verschwunden, und ich habe ihn nicht mehr gesehen."

Er nickte bitter. „In dieser Nacht… habe ich ihn getötet", flüsterte er. Sofort hob sich sein Blick, sanfte Panik in seinen Augen. „Ich… ich wusste nicht, dass… dass – er hat sich nicht gezeigt! Erst als… als das Licht verschwand…" Tränen fielen auf seine Wangen, verschwanden schnell in seinem Bart, und er streckte den Rücken durch. „Du brauchst auf keine Visionen mehr zu warten", schloss er finster. „Unseren einzigen Ausweg habe ich umgebracht."

Und das Seltsame war, dass sie es nicht glaubte. Sie hatte es schon an diesem Tag nicht geglaubt. Er war an ihr vorbei geschritten.

„Das war nicht unser Ausweg", rief sie ihm nach, und er zögerte, drehte sich aber nicht um. „Dumbledore war… vielleicht ein Bote? Eine… Leitgestalt? Aber nicht der Ausweg", sagte sie, und sie war überzeugt davon. „Seitdem ich ihn sah, weiß ich, dass ich bei der Lagune bleiben muss. Irgendetwas ist dort. Irgendeine Macht." Unfassbar, dass sie nun diejenige war, die diese Worte ernst meinte. Und sie wusste, es war ein Fehler, bevor sie die Worte aussprach. „Komm mit", bat sie ihn. Er stand reglos vor ihr, und sie betrachtete seinen breiten Rücken. „Dumbledore kann uns nicht mehr zusammen führen, also… muss ich es tun", wagte sie zu sagen, und langsam wandte er sich um. Fast wirte er verstört von ihren Worten.

Denn sie wusste plötzlich, das war es, was Dumbledore getan hatte. Er hatte versucht, sie zusammenzubringen. Dumbledore war nicht die Lösung des Problems gewesen. Aber… sie war nun überzeugt, es gab eine Lösung. Und die mussten sie zusammen finden.

Sein Kopf schüttelte sich schwach. „Das… ist ein Fehler", widersprach er bloß.

„Ja", bestätigte sie müde. „Ich weiß." Sie schluckte schwer. „Aber… so muss es sein." Sie sah sein Zögern, und sie spürte es ebenfalls. „Die Lagune ist ungefährlich", versprach sie ihm plötzlich, und jetzt hoben sich seine Mundwinkel freudlos.

„Ja", bestätigte er trocken. „Keine Bestie hat es an den See geschafft, nicht wahr?", verriet er ihr vielleicht mehr, als er beabsichtigt hatte, denn sein Ausdruck wurde wieder ernst. Ihr Mund öffnete sich. Meinte er damit, dass… er alle Tiere getötet hatte, die an den See hatten kommen wollen? War er seit drei Wochen hier in der Nähe und… passte auf? War sie nur solange in Sicherheit gewesen, weil… Malfoy dafür gesorgt hatte?! Es klang so absurd, selbst in ihren Gedanken, dass sie beschloss, ihn nicht danach zu fragen. Nie.

„Kommst du?" Es waren seltsame Worte. Aber sie wusste, es war richtig. Sie wusste es! Angestrengt atmete er aus, und dann ging er Richtung Lagune.

Sie folgte ihm hastig, nachdem sie mit einigem Kraftaufwand ihren Speer aus dem Affenkörper gezogen hatte.

Und nach fast einem Monat gingen sie wieder gemeinsam.

Der schwarze Pelz des Tigers schimmerte im Licht des Feuers, als sie vor der Höhle saßen und Kokosmilch tranken, welche sie noch aufbewahrt hatte, von ihrem letzten Ausflug an den Strand vor einigen Tagen. Der Mond spiegelte sich in der sternenklaren Nacht auf der ruhigen Wasseroberfläche. Sie betrachtete den Pelz seit einer Weile. Er war schön, und sie wollte nicht wissen, wie viel Kraft es Malfoy gekostet hatte, den Tiger umzubringen. Sie nahm an, er hatte Buße tun wollen, weil er Dumbledore getötet hatte. Aber es war wahrscheinlich nicht wirklich Dumbledore gewesen. Nur eine Hülle. Dumbledore war ja schon so lange tot.

Zur Strafe hatte er dann alle anderen bösen Tiere getötet. Und so wirkte er. Etwas der Wirklichkeit entrückt, aufmerksam und schweigsam.

Skills lag etwas ab, direkt vor dem See und schnarchte sehr laut. Sie war dankbar für die plötzliche Eingebung eines Gesprächsthemas.

„Er ist groß geworden", sagte sie, und ihre Stimme klang unsicher. Zuerst glaubte sie, Malfoy würde nicht reagieren, aber dann glitt sein starrer Blick über den schlafenden Affen.

„Mh", machte er bloß.

„Äh… ich nehme an, bald wird er… sich ein Weibchen suchen wollen?", vermutete sie unsicher und kam sich dämlich vor, bei dem Versuch, mit ihm zu sprechen. Und dieses Mal nickte Malfoy lediglich. Sie seufzte und blickte ins Feuer zurück. Er sprach also nicht mehr. Er rasierte sich scheinbar auch nicht mehr. Der Zauberstab steckte irgendwo in den Tiefen des Fells, und er hatte die Wunde oberflächlich geheilt. Sie nahm an, es musste ihn Schmerzen. Der fremde Affe hatte ihn hart getroffen. „Tut es weh?", fragte sie also, und diesmal sah er sie an.

„Was?", wollte er ruhig wissen, und sie nickte der Wunde zu. Sein Blick fiel irritiert, ehe er verstand. „Nein", sagte er, und sie wusste nicht, ob er log.

„Indianer kennen keinen Schmerz?", wollte sie ungläubig von ihm wissen, und seine Stirn legte sich in Falten.

„Was?", sagte er wieder verständnislos, und sie schüttelte den Kopf. Natürlich kannte er dieses Sprichwort nicht.

„Nichts", murmelte sie bloß. Sie war sich nicht einmal sicher, warum sie es darauf anlegte, ein Gespräch mit ihm zu führen. Und ihr fiel etwas ein. „Weißt du, welches Datum heute ist?", fragte sie ihn, obwohl sie nicht glaubte, dass er sich noch mit solchen Kleinigkeiten wie dem Datum befasste. Sein Blick klärte sich.

„19. September", sagte er nach einer Weile. Ihre Mundwinkel hoben sich ein wenig. Und dass er ebenfalls noch das Datum im Kopf behielt, ließ sie hoffen, dass er noch nicht jede Hoffnung aufgegeben hatte, denn wofür sollte man noch das Datum wissen, wenn man sowieso nicht glaubte, wieder nach Hause zu kommen?

„Heute ist mein Geburtstag", sagte sie dann stiller, und sie glaubte, er hätte sie gar nicht gehört.

„Herzlichen Glückwunsch", entkam es ihm nach einer ganzen Weile. „Bist du älter als ich oder jünger?", fragte er plötzlich, und sie musste lächeln.

„Ich bin neun Monate älter als du", beantwortete sie seine Frage dann. Und sein Blick war tatsächlich annähernd beeindruckt. Bevor er sich vielleicht geschmeichelt fühlen konnte, fuhr sie fort. „Ich kenne noch immer die Geburtstage des gesamten Jahrgangs. Ich war die älteste von uns allen."

Dann erhob er sich langsam. Sie nahm an, er hatte doch Schmerzen. „Wir sollten in Schichten Schlafen", sagte er dann. „Nur für den Fall", ergänzte er, mit Blick auf den stillen Dschungel. „Weck mich in ein paar Stunden", schloss er und verschwand in der Höhle. Ja, sie würde ihn nicht wecken. Er sollte sich ausruhen. Außerdem verfügte sie jetzt über einen Riesenaffen.

Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass sie der Lösung ein kleines Bisschen näher rückten. Es war ein gutes Geburtstagsgeschenk, dachte sie verblüfft.