19. Honey & Vinegar

Ein seltsamer Geruch traf ihre Nase.

Angenehm. Vertraut.

Blinzelnd öffneten sich ihre Augen. Verschlafen sah sie sich um. Sie war allein. Sonne fiel durch den Spalt des Höhleneingangs. Sie hatte das erste Mal wieder in der Höhle geschlafen. Allerdings so weit weg von ihm wie möglich. Zur Vorsicht. Zur Sicherheit.

Sie hatte von Einhörnern geträumt, und der Gedanke, dass ein Zauberstab die Lösung wäre, dass sie lediglich einen Zauber finden mussten, der sie fortbringen würde, belebte ihre verwirrten Geister. Aber es kehrten auch alle schlechten Gefühle zurück. Sie schluckte, als Beklemmung sie überkam.

Sie hatte auch von ihm geträumt. Denn… er hatte ihren Namen gesagt. Gestern. Bevor…-

Und sie schämte sich noch immer, dass sie ihm ernsthaft gesagt hatte, dass sie Ron lieben würde! Das tat sie, keine Frage! Ron war… der Mann ihrer Träume. Ron war…- aber auch sehr weit weg. Und sie wusste, sie musste sich wahrscheinlich nicht rechtfertigen. Und natürlich würde sie niemals ein Wort darüber verlieren, was Malfoy und sie hier taten, aber… gestern hatte sie das Bedürfnis gehabt, es ihm zu sagen.

Und sehr schnell hatte sie begriffen, dass Malfoy natürlich keine Gefühle für sie hatte. Wie er sie angesehen hatte! Wie schnell er ihr versichert hatte, dass sie sich hier nach niemals wiedersehen würden! Er war ein Arschloch, was nur an ihrem Körper interessiert war, was wahrscheinlich seine Vorurteile nicht ablegen würde, und sie sollte es besser wissen! Sie sollte mehr Verstand besitzen und sich ihm nicht hingeben, nur weil… weil er ihren Namen sagte! Weil er sie so ansah, als…- Sie schüttelte sich.

Fast hatte sie das Gefühl, dass sie ihn auf dieselbe Stufe mit Ron gehoben hatte. Und das war eine Beleidigung! Sie wusste das selber. Denn es war Malfoy.

Und sie wusste nicht wirklich, was gestern passiert war. Drei Tage lang hatte sie sich etwas vorgemacht, und gestern war es eskaliert.

Er hatte ihren Namen gesagt, und damit hatte es begonnen. Sie wusste nicht, was es war, was über sie gekommen war. Es war eine bodenlose Verzweiflung gewesen. Es war das erste Mal, dass jemand hier ihren Namen gesagt hatte, auf dieser gottlosen Insel.

Und… es hatte sie überfordert. Er überforderte sie vor allem grenzenlos, und dann… dann hatte sie ihn verletzen wollen, so wie er sie verletzte, und dann…? Dann war er so nah gewesen, dass sie gezittert hatte. Und… - Merlin.

Es waren keine Gefühle. Sie kannte sich mit Gefühlen aus, und das waren keine! Es war einfach nur… ein sexueller Druck, eine seltsame Anspannung, und sie musste aufpassen! Extrem aufpassen. Sie zweifelte an ihrer Zurechnung, in Bezug auf Malfoy, und das war gefährlich.

Und erst jetzt begriff sie, was sie die ganze Zeit gerochen hatte.

Es war der Geruch von gebratenem Schwein! Wie lange hatte sie geschlafen? Und… wie hatte er Feuer gemacht? Hatte er es gelernt? Scheinbar. Sie erhob sich eilig, lief zum Eingang der Höhle, und das Feuer brannte ruhig, während ein gehäutetes Schwein einen köstlichen Duft verströmte. Er hatte es über das Feuer gehangen, und sie überblickte den See. Sie sah ihn nirgendwo.

Scheinbar war er wieder gesund. Das war gut. Skills betrachtete mit großen Augen das Schwein, aber er hatte extreme Angst vor Feuer, deswegen hatte er es noch nicht angerührt.

„Wo ist der Mistkerl?", fragte sie ihn müde, kraulte seinen Hinterkopf, aber Skills reagierte nicht, denn mit den Augen aß er bereits das Tier. Hermines Mundwinkel zuckten. Er war ein verwöhnter Riesenaffe.

Sie fuhr sich durch die wilden Haare, gähnte herzhaft, um dann die Höhle zu umwandern. Sie konnte ihn nirgendwo entdecken. Wo war er? Dann blieben ihre Augen an den Wasserfällen hängen. Ihr Atem stockte. Sie erkannte ihn. Er… duschte, ging ihr auf. Er war fünfzig Meter weit entfernt, splitternackt, kämmte die Haare über seinen Kopf nach hinten, und hart traf das Wasser seine nackten Schultern, und sofort wich sie in den Schatten der Felsen zurück.

Ihr Herz tat schwere Schläge in ihrer Brust. Mit beinahe anatomischem Interesse verengte sie die Augen, versuchte, seinen Körper deutlicher auszumachen, während sie abwesend in ihre Unterlippe biss. Er sah sie nicht, genoss scheinbar den harten Druck des Wassers auf seinem Körper, und dann wandte er ihr den Rücken zu, und sie erkannte schemenhaft seinen Hintern.

Merlin, sie kam sich vor wie ein Spanner, dachte sie verzweifelt, und wich langsam zurück, immer am Fels entlang. Ihre Hormone taten irgendetwas Seltsames auf dieser Insel, glaubte sie. Oder es war ihre Natur. Sie war sich nicht sicher. Sie wusste nur, es war zu viel Malfoy. Zu viel nackter Körper. Zu viel, um sie zu verwirren.

Mit klopfendem Herzen marschierte sie zur Höhle zurück.

Nein, sagte sie sich. Sie hatte kein Interesse daran, seinen nackten Körper zu sehen. Nicht aus der Ferne, nicht aus der Nähe. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und alles andere hatte nichts in ihrem Kopf zu suchen!

Zeit, das Schwein vom Feuer zu holen. Zeit, zu essen, und nicht an Malfoy zu denken, Merlin noch mal!

Seine Kleidung war frisch. Er musste sie bereits morgens gewaschen und getrocknet haben, nahm sie dumpf an, als er nach einer ganzen Weile zu ihr kam. Skills hatte bereits das halbe Schwein alleine verdrückt und döste im Windschatten der Höhle. Und Malfoy trug ein Oberteil, und es war nicht das Tigerfell. Die Ärmel fehlten, und seine Muskeln stachen unter dem hellen Leinen gebräunt hervor. Auch seine Oberschenkelmuskeln zeichneten sich unter der relativ engen, kurzen Leinenhose ab, und sie zwang den Blick in sein Gesicht.

Er hatte sich rasiert. Wahrscheinlich mit einem der scharfen Steine. Sie erkannte einige wenige Kratzer in seinem Gesicht, wo es nicht ohne Verletzungen funktioniert hatte. Und seine Haare waren nicht mehr filzig. Hatte er sie mit Zweigen gekämmt? So wie sie es tat? Nur kräuselten sich seine Haare nicht bis zur Unkenntlichkeit, so wie ihre. Die hohen Temperaturen und die starke Luftfeuchtigkeit hatten einen gänzlich anderen Effekt, ließen seine Haare in einer anmutigen Welle fallen, und der Appetit war ihr mit einem Mal vergangen. Sie hatte keine Ahnung mehr gehabt, dass er so aussah. Unter all dem Dreck und dem schmutzigen Bart.

Und sie konnte nicht umhin, sich selber irgendwo tief in ihrem Unterbewusstsein einzugestehen, dass seine hellen Haare, die pervers grauen Augen, die gebräunte Haut und die Muskeln etwas Primitives in ihr weckten, was unpassende Gefühle in ihren Bauch schickte.

„Ich war jagen", klärte er sie eindeutig auf.

„Hab ich gesehen", erwiderte sie, und ihre Stimme klang ein wenig atemlos. „Du hast noch einige andere Sachen getan", bemerkte sie, mit einem Blick aufs Feuer, und kurz hoben sich seine Mundwinkel, und feine Grübchen zeichneten sich in seine Haut.

„Ah ja", schien ihm einzufallen. „Kinderleicht", ergänzte er arrogant. Sie verdrehte die Augen über ihn. Denn kinderleicht war es nicht, und das wusste dieser Angeber auch.

„Ich werde mich jetzt auf den Weg machen", erklärte sie ihm zögerlich. Er runzelte die Stirn. „Das Baumvolk suchen", erklärte sie eindeutiger, denn dieser Gedanke ließ sie nicht los.

„Hm", machte er abwägend, und sie atmete lange aus.

„Was?", wollte sie herausfordernd von ihm wissen, ziemlich sicher, dass er irgendetwas Abwertendes sagen würde. Denn er war nicht verletzt, nicht betrunken, und er wirkte emotional auch nicht so offen, noch einmal in die verdammte Verlegenheit zu geraten, sie jemals wieder küssen zu wollen. Nein, er wirkte so distanziert wie immer. Sie konnte mittlerweile die Insel lesen, das Wetter in den Wolken, aber ihn? Selbst mit einem Lexikon, speziell für halbherzige Todesser, würde sie keinen Schritt weiter kommen.

„Klingt nach viel Aufwand mit keiner großen Erfolgschance", räumte er achselzuckend ein, während er eine der leckeren Rotbeeren in seinen Mund schob, die sie gestern gesammelt hatte.

„Ich denke, das ist es wert", widersprach sie trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust, während ihre Augen irritiert seiner Zunge folgten, die sich abwesend den roten Saft von der Unterlippe leckte. Ahrg. Ihre Augen hoben sich wieder zu seinen.

„Sie sind winzig, oder nicht? Die Chance einen am helllichten Tag überhaupt zu Gesicht zu bekommen ist nicht besonders hoch. Wenn du eine Falle bauen würdest, um sie zu locken, dann-", fuhr er kauend fort, aber ihre Augen weiteten sich bei seinen Worten, und vergessen waren seine Lippen und seine Zunge.

„-was?", unterbrach sie ihn ungläubig, aber er ruckte mit dem Kopf.

„Irgendeiner würde vielleicht dumm genug sein, in die Falle zu tappen, und dann könntest du ihn in die Höhle setzen, bis die Vision kommt, und ihm verständlich machen, dass der Baum das ist, was wir suchen." Fast klang er zufrieden! Er klang nicht so, als sähe er das geringste Problem bei einem solchen Plan.

„Ah…-nein?", erklärte sie ihm einigermaßen fassungslos. „Natürlich werde ich das nicht tun!", widersprach sie ungläubig. „Wie kannst du so was auch nur ansatzweise in Erwägung ziehen?" Sie musste ihn so schockiert ansehen, dass jeder Ausdruck langsam von seinem Gesicht verschwand. Und jeder Sexappeal, den dieser Wichser vielleicht ausstrahlte, verblasste dankenswerterweise im Lichte seines absolut ätzenden Charakters.

„Was?", entkam es ihm verständnislos. „Ich ziehe gar nichts in Erwägung. Ich halte die gesamte Idee für Bullshit. Aber sie sprechen kein Englisch, oder?", fragte er demonstrativ.

„Nein, aber-"

„-sprichst du ihre Sprache?", fuhr er ungerührt fort, und wieder verneinte sie gereizt, und er zuckte die Achseln. „Dann ist die Idee mit der Falle wesentlich konstruktiver, als wie ein Hufflepuff-Vollidiot im Baum zu sitzen und zu warten."

„Weil Gefangenschaft und Zwang immer die beste Idee sind?", vermutete sie eisig, kommentierte seine Hogwarts-bezogene Beleidigung nicht mal, obwohl sie ihn jetzt noch blöder fand. „Kommt das direkt aus dem Todesserhandbuch?", wollte sie trocken wissen, und er atmete entnervt aus. Er wagte es tatsächlich entnervt zu sein! „Da bin ich lieber ein Hufflepuff-Vollidiot", schloss sie bitter.

„Merlin, sei nicht so dramatisch", bemerkte er kopfschüttelnd. „Was hast du vor? Willst du ernsthaft in einem Baum kampieren, unsere Zeit vergeuden und warten, bis sich einer von ihnen erbarmt und auftaucht?" Er sah sie herausfordernd an. „Und dann was?" Und sie wusste es nicht, Merlin noch mal! „Möchtest du drei Monate lang ihre Sprache lernen? Wie auch immer du das bewerkstelligen willst?" Sie hasste seinen Sarkasmus. Sie hasste seine Stimme. Sie hasste ihn. Vielleicht hatte er nicht grundsätzlich unrecht mit der Sprachbarriere, aber das rechtfertigte nicht, einen von den kleinen Männern gefangen zu nehmen, Merlin noch mal! Das wäre einfach keine Option. Keine.

„Es wird eine bessere Möglichkeit geben, als unschuldige Wesen in eine Falle zu locken, Merlin noch mal!", fuhr sie ihn an und wich seinen Worten aus.

„Ja", bestätigte er eindeutig. „Lass die Scheiße sein, kümmere dich um Proviant und wir ziehen los", schloss er sehr sachlich. Sie atmete lange aus, denn er war so ermüdend. Wirklich.

„Weißt du", begann sie böse, „das Baumvolk ist ein weiteres Zeichen. Du stehst doch so auf Zeichen", bemerkte sie knapp. „Wie das weiße Monster", ergänzte sie. „Und das Monster umzubringen war jetzt auch nicht zwingend die beste Idee, auch wenn es vielleicht die brutalste und einfachste war." Und sein Ausdruck kühlte merklich schnell ab.

„Ach ja?" Und sie spürte, wie sich die gesamte Dynamik änderte. „Was genau möchtest du mir sagen, Schlammblut?" Und ihr Name schien wieder vergessen zu sein, aber wenn sie ehrlich war, schaffte das die nötige Distanz, die sie dringend zu ihm brauchte. Und es machte diese Situation wesentlich realer, als wenn er versuchte, ein verdammter Mensch zu sein!

„Dass du impulsiv und unüberlegt handelst, Malfoy. Und das ist etwas, was du nicht abstreiten kannst!", warnte sie ihn, denn sein Mund hatte sich zornig geöffnet.

„Bullshit", sagte er wieder, aber seine Oberlippe kräuselte sich hasserfüllt. „Ich handele instinktiv. Auf dieser Insel zu töten, was einen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch töten will, ist nicht unüberlegt!", fuhr er sie an.

„Dumbledores Erscheinung wollte uns nicht töten!", widersprach sie außer sich vor Wut.

„Nein", räumte er gepresst ein, aber sein Kiefer zuckte vor Zorn, „aber die Wahrscheinlichkeit, dass es hätte sein können, war zu hoch, als dass ich das Risiko eingegangen wäre, mich gemütlich hinzusetzen und zu warten, ob das weiße Monster eine Tasse Tee mit mir trinken will oder meine Gedärme rausreißen möchte!" Seine Stimme war lauter geworden.

„Diese Abwägungen triffst du nicht jedes Mal!", knurrte sie, und ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt.

„Verdammt Scheiße, ja", garantierte er ihr kalt. „Diese Abwägung habe ich bei Skills getroffen, und ich-"

„-er ist ein Riesengorilla!", unterbrach sie ihn empört. „Mit drei Wochen war er vielleicht süß und flauschig, aber sieh dir ihn jetzt an! Und das wusstest du!"

„Er ist gezähmt! Das Monster war nicht zu zähmen!", schrie er jetzt.

„Ach ja?" Und jetzt erhob sie sich, denn sie konnte nicht mehr sitzen. Es ging nicht mehr. „Und welcher Instinkt hat dir empfohlen mich zu küssen, Malfoy?" Und sie hatte es nicht sagen wollen, hatte nicht darüber sprechen wollen, denn bisher hatten sie ihren Eiertanz sehr gut gemeistert, hatten einander nicht einmal zu lange angesehen. Umständlich erhob er sich ebenfalls, ehe er sie mit einem abschätzenden Blick musterte.

„Auch ich mache Fehler", spuckte er ihr entgegen.

„Zweimal?", hauchte sie, ohne ihn aus dem Blick zu lassen. Er hatte das Feuer sehr schnell umschritten, und ihr Herz machte einen Satz.

„Wir können diesen Spieß sehr schnell umdrehen, Granger", warnte er sie beherrschter, und sein Blick durchleuchtete sie sehr gnadenlos. Sie schluckte schwer.

„Es ändert nichts daran, dass du derjenige bist, der immer-"

„-schmeichel dir nicht", unterbrach er sie ruhiger. „Du warst einfach gerade passend da", schloss er, und ihre Hand flog praktisch in sein Gesicht, auch wenn sie mit diesen Worten fast gerechnet hatte. Sein Kopf flog unter der Wucht ihres Schlags nach links, und seine Augen hatten sich geschlossen, während sein Mund sich schmerzhaft verzog. Merlin, hatte es sie in den Fingern gejuckt, das zu tun! Ihre Hand war minimal taub, aber das war es wert gewesen!

„Das war für gestern", erläuterte sie ihm heiser, und langsam öffneten sich seine Augen, und mikroskopisch langsam wandte er den Kopf wieder in ihre Richtung. Rot zeichneten sich die Schemen ihrer Finger auf seine glatte Haut. Das Grau seiner Augen wirkte heller, wirkte so durchdringend, dass sie unwillkürlich schlucken musste. Fein zog sich die helle Narbe beinahe mittig über das Augenlid hinab, und das ohnmächtige Gefühl in ihrer Magengegend wurde stärker, als sein Blick sehr kurz auf ihre geöffneten Lippen fiel. Zu kurz, denn schon hoben sich die eisgrauen Augen wieder zu ihren.

„Ja?", erkundigte er sich rau, fast tonlos, und seine Stimme allein jagte Schauer über ihren Rücken. „Was ist dann meine Strafe dafür, dich mit meiner Hand zum Kommen zu bringen?", fragte er sie tatsächlich, und es zog in ihrer Mitte. Unbewusst hatte sie den Atem angehalten. Sie hatte keine Ahnung, wann dieser Streit einen sexuellen Kontext entwickelt hatte, aber irgendetwas baute sich auf, und sie fürchtete sich vor der schieren Kraft, die die sexuelle Spannung zwischen ihnen hatte.

Und für ihr Seelenheil machte sie einen nötigen Schritt zurück.

Sie atmete aus, atmete wieder ein, und sein Blick war tödlich. Und noch etwas anderes, was sie ignorierte. Und seine Frage würde sie mit keiner Antwort würdigen. Bastard. Elender scheiß Bastard. Elende scheiß Insel, die ihr Draco Malfoy praktisch aufzwang!

„Angst?", fragte er sie direkt, aber die Spannung löste sich mit jeder Sekunde, und Hermine war dankbar dafür.

„Geschmack, Malfoy", korrigierte sie ihn mit einem kühlen Blick, aber zum Sprechen war ihre Stimme noch nicht wirklich geeignet. Aber tatsächlich hoben sich seine Mundwinkel. Kurz lachte er, und seine Zunge rollte sich hinter seinen Zähnen fast provokativ.

„Viel Spaß bei deinem… Ausflug", schloss er schließlich, und der Moment war vorbei. Der schreckliche Moment war endlich vorbei.

„Werde ich haben", versicherte sie ihm zuversichtlich, auch wenn sie ihrer Stimme noch nicht völlig traute. Und sie wäre nicht Hermine, wenn sie nicht versuchen würden, Menschen vom Guten zu überzeugen. Selbst ihn. „Alles, was ich sage, ist, dass man mehr Fliegen mit Honig fängt, als mit Essig." Natürlich legte sich Verständnislosigkeit über seine Züge, und der Abdruck ihrer Hand auf seiner Wange, war kaum noch auszumachen.

„Lass mich raten", begann er, kam aber nicht näher. Wahrscheinlich wusste er mittlerweile genauso gut wie sie, dass die Nähe einer der gefährlichen Faktoren war, wenn es um ihre ‚Beziehung' ging. „Eine dämliche Muggelweisheit? Bitte, verschon mich", bat er lediglich und schüttelte den Kopf. Sein Blick fiel, schien sie endlich freizugeben, und wieder lächelte er. „Honig", wiederholte er kopfschüttelnd, überhebliche Abschätzung in der Stimme, und wandte sich ab.

Er ließ sie stehen, und fairerweise glaubte sie, würde sie jetzt sofort davon marschieren, würde sie umfallen, denn… ihre Kontenance war zwar wieder intakt, aber ihre Knie waren Pudding. Wenn nicht noch weicher als das.

Er würde sich noch wundern. Nicht alles funktionierte mit Gewalt. Nicht jeder beugte sich, nur weil er gezwungen wurde.

Und nein, ironischerweise zwang Malfoy sie zu gar nichts. Hermine zum Beispiel beugte sich ihren Hormonen ganz von selbst. Ihre Mundwinkel sanken bitter.

Sie brauchte Ablenkung. Ganz dringend. Auf das Baumvolk zu warten, versprach ihr genau die Art von stumpfer Ablenkung, die sie suchte, nahm sie an.

Denn zumindest wäre sie sehr weit weg von ihm!

Es tat gut, etwas ohne ihn zu machen. Sie fühlte sich wieder wie sie selbst. Bevor sie losgezogen war, den Speer und ein Messer an ihrem Körper, hatte sie sich ebenfalls ein schnelles Bad im See gegönnt, als Malfoy mit Skills im Dschungel verschwunden war. Wusste Merlin, was sie dort taten! Gassi gehen? Spazieren? Hermine hatte nicht gefragt, und es interessierte sie nur marginal.

Für heute hatte sie genug von ihm. Mehr als genug!

Jetzt schritt sie lautlos durch das Dickicht, auf der Hut vor Tieren, aber sie glaubte, Malfoy hatte ganze Arbeit geleistet. Die Geräusche der Vögel klangen entspannt, und ihr Blick hob sich immer wieder zu den Baumspitzen, um vielleicht die kleinen Gestalten ausmachen zu können.

Sie drang tiefer ins Dickicht vor, genoss die Stille und die Einsamkeit, die sie eigentlich nie geschätzt hatte, aber es erlaubte ihren Gedanken, einfach mal zu entspannen. Es war, als könne sie wieder atmen.

Und sie beschloss, ihr Glück auf dem nächsten großen Baum zu versuchen. Schnell fand sie die geeigneten Stellen, die knorpeligen Auswüchse an der Rinde, und mühelos zog sie sich empor. Sie besaß die richtige Kondition für schnelle Aufstiege, sie fand den richtigen Halt, und nach zehn Minuten war sie so hoch, dass ein Sturz wahrscheinlich einen schweren Bruch bedeuten würde. Gut, dann war sie genau richtig hoch.

„Hallo?", rief sie zaghaft, spähte in die gegenüberliegenden Bäume und wartete einfach. Sie setzte sich rittlings über einen großen Ast, lehnte sich zurück, und ihre Augen reagierten auf jede kleine Bewegung. Aber überwiegend fanden die kleinen Affen Interesse an ihr. Auch einige Vögel setzten sich auf ferne Äste und betrachteten sie neugierig, ehe sie weiterflogen.

Hermine wusste, gefährlich konnten ihr in den Bäumen nur die Schlangen werden, aber bisher hatte sie noch keine gesehen.

„Ravi?", rief sie den Namen, den sie nach so langer Zeit behalten hatte, aber aus den Wipfeln kam keine Reaktion. Sie wusste, einfach wäre es natürlich nicht, Kontakt zum Baumvolk aufzubauen. Es gab sicher gute Gründe, warum sie nahezu unsichtbar in diesem Dschungel lebten. „Ich bin's. Hermine", sagte sie deutlich, aber sie kam sich fast albern vor. „Ok", räumte sie achselzuckend ein. „Ich kann warten", erklärte sie dem friedlichen Dschungel, und das tat sie auch.

Sie wartete.

….

Sie hatte das Gefühl, es waren unzählige Stunden vergangen. Und sie glaubte, winzige Augen hatten sie beobachtet, hatten sich vergewissert, ob von ihr eine Gefahr ausging. Hermine glaubte, würde sie nur lange genug warten, beweisen, dass sie ein Freund war, würden die kleinen Gestalten sich näher wagen.

Das Dumme war nur, dass Malfoy vielleicht Recht hatte. Es würde zu viel Zeit kosten. Das war der Preis für gute Dinge. Vertrauen kostete immer Zeit. Das Unbekannte zu überwinden dauerte lange. Die Sprachbarriere wäre ebenfalls ein riesiges Hindernis, aber es hatte schon größere Wunder gegeben, dachte sie bitter. Sie verstand auch nur die Hälfte von dem, was Malfoy antrieb. Und sie sprachen dieselbe Sprache!

Ihr Rücken schmerzte.

Sie spürte den Preis deutlich, den es kosten würde. Es wäre unbequem, es wäre langwierig, und nur sehr vielleicht irgendwie erfolgreich. Es war, als ergäbe alles Sinn, was sie hier erlebte, was sie hier sah. Selbst die Kreaturen, die hier existierten, existierten für einen bestimmten Zweck.

Sie kletterte behutsam vom Baum, und unten angekommen, schüttelte sie die steifen Glieder. Die Sonne versank bereits über den grünen Wipfeln und tauchte den Dschungel in friedliches Licht. Wie konnte etwas tatsächlich so schön aussehen, was so viele Gefahren barg? Sie fror ein wenig, war etwas hungrig, aber sie wusste, auch, wenn sie Recht haben könnte – es war eine Frage der Zeit.

Würde sie morgen dasselbe tun wollen? Und den Tag darauf? Den Tag darauf und so weiter? Es lohnte sich manchmal, Blut und Schweiß zu investieren. Oder auch Zeit. Verdammt viel Zeit. Aber… je mehr Zeit sie darauf verschwendete, Bekanntschaften zu schließen, vielleicht mehr Gefahren zu erlernen, in Bezug auf diesen Baum, die ihr tatsächlich nur das Baumvolk offenbaren konnten, umso mehr Zeit musste sie zwangsläufig mit dem Todesser verbringen.

Und wahrscheinlich waren das diese Art von Entscheidungen, die einen das Leben treffen ließ, und die den weiteren Weg vorbestimmten.

Denn… natürlich hatte Malfoy unrecht. Der schnelle Weg war immer der schlechte. Aber je schneller sie vorankamen, umso eher war sie ihn los. Umso schneller konnte sie vielleicht in ihr altes Leben zurück. Sie war überzeugt, das Baumvolk wäre eine große Hilfe. Aber sie hatte nicht genug Zeit, und garantiert war es ihr Leben nicht wert, ein anderes Lebewesen gefangen zu nehmen, um zu erfahren, wo ein Bam stand und wie gefährlich er vielleicht war.

Ihre Idee war gut gewesen. Und die richtige! Denn sie war Hermine Granger, und ihr Verstand hatte meistens Recht. Aber es war den Umständen geschuldet, dass sie dieses Mal wohl leider nicht auf ihren Verstand hören konnte. Dann ließ sie das Baumvolk lieber in Ruhe und Sicherheit existieren, als es für ihre egoistischen Pläne zu benutzen.

Und solche rationalen Entscheidungen erreichte sie nicht, wenn sie ständig in seiner giftigen Anwesenheit existierte. Fast wollte sie gar nicht zurück. Mit Harry und Ron war sie Kompromisse eingegangen, aber… es war… einfacher mit ihnen gewesen. Vollkommen anders. Müde seufzte sie auf.

Sie erreichte die Lagune nach einer Weile. Skills schien ein wenig ruhelos um den See zu spazieren, schlug gelangweilt nach den Mücken und Libellen, die ihm zu nahe kamen, und sie glaubte, er wurde erwachsen. Er würde nicht mehr lange bleiben. Oder bleiben können. Das Feuer brannte ruhig vorm Höhleneingang, und es war vielleicht gut zu wissen, nicht alleine zu sein, dachte sie dumpf – aber es war kein Zuhause. Nein. Nicht im Ansatz. Es war wie die unangenehme Situation, der sie nicht wirklich entkommen konnte.

Es war wie der Fehler, der sie jagte, wohin sie auch ging. Etwas, das sie nicht abschütteln konnte.

Seufzend näherte sie sich der Höhle, und sie wappnete sich, so wie sie sich immer wappnete. Denn sie war nicht erfolgreich gewesen heute, und das würde er ihr ohne Zögern auch ins Gesicht sagen. Sie kehrte nicht heim zu Freunden. Er war kein Freund. Er war Malfoy. Und es war eine Tatsache, die sie nicht vergaß. – Die er sie nicht vergessen ließ.

Sie gingen nicht auseinander, versprachen sich gegenseitig, vorsichtig zu sein, was auch immer sie taten. Sie verabschiedeten sich nicht einmal. Am Ende des Tages waren sie zwei Fremde, die irgendwie am selben Ort gelandet waren und wie aus Versehen, Grenzen überschritten, die sie niemals hatten überschreiten wollen.

Sie hörte ihn im Innern. Ihr Herz sank, wie es immer sank, wenn sie in seine direkte Nähe kam. Sie hatte ihn heute geschlagen. Er hatte sie gestern geküsst. Es gab keine Pause, keinen Stillstand, keine neutrale Zone. Es gab immer nur das, und nach der Anspannung heute, würde es sie wundern, wenn dieser Abend jetzt friedlich verlaufen würde. Sie betrat die Höhle.

Er hatte eine Fackel in die zerfurchte Höhlenwand gestoßen, so dass sie ihm Licht verschaffte. Sie runzelte die Stirn, als sie den Eingang überwand. Ein süßlicher Duft hing in der Luft, und ihr Mund öffnete sich verständnislos. Er hob den Blick. Er schien auch seit Stunden mit etwas beschäftigt gewesen zu sein, denn aus biegsamen Zweigen und Blättern hatte er gyroskopische Formen gebaut, wie… seltsame Deko-Kugeln. Weihnachtskugeln, dachte sie unwillkürlich, aber das war absurd. Dutzendfach lagen sie in der Höhlen, und der süße Duft kam ihr immer bekannter vor.

„Hey", begrüßte er sie mehr oder weniger freundlich. „Du kannst dich später bei mir bedanken", schloss er angestrengt, während er bei einer weiteren Kugelform die Äste bog, so dass sie sich trafen, während er neben sich griff. Das! Das verströmte den Duft, ging ihr auf.

Und sie blinzelte verblüfft. Eine Wabe. Er hatte eine lange Wabe in der Hand. Sie erkannte den zähflüssigen Honig, der in langen Fäden auf den Boden tropfte.

„Was…?", entfuhr es ihr ungläubig.

„Honig", erklärte er schlicht. „Dein dummes Sprichwort hat mich auf die Idee gebracht." Noch immer begriff sie nicht. Er schmierte Honig in die Mitte der löchrigen Kugel, zog die Zweige fester, und sie erkannte, wie er die hohlen Kugeln mit Dornen spickte, die ebenfalls neben ihm lagen. „Perfekt", behauptete er zufrieden und hielt die Kugel in die Höhe, und sie begriff noch immer nicht.

„Woher… hast du Honig?" Sie hatte seit Ewigkeiten keinen Honig mehr gesehen.

„Ich habe mich erinnert, dass es hier Bienen gibt. Skills ist vor einigen Wochen gestochen worden. Also… sind wir zu dem Steinbruch gegangen, wo ich das Bienennest vermutet hatte und…-" Er deutete auffordernd um sich. „Unter großer Gefahr für mein eigenes Leben, habe ich die Wabe gestohlen!" Er wirkte verdammt stolz auf sich, aber sie runzelte die Stirn.

„Und… was soll das?", wollte sie von ihm wissen, aber er sah sie an, als wäre sie begriffsstutzig.

„Was meinst du damit? Du erkennst einen Gefallen nicht, wenn er dir praktisch ins Gesicht springt?", wollte er unfreundlich von ihr wissen, und ihr Mund öffnete sich verständnislos. „Du wolltest doch das Baumvolk anlocken. Und ganz klar hattest du mit der Hufflepuff-Tatik keinen Erfolg", schloss er so überheblich, dass ihr Körper unangenehm kribbelte. „Ich bin bereit, noch einen Tag in diesen Quatsch zu investieren und hänge morgen die Fallen in die Bäume. Wenn auch nur um zu beweisen, dass ich Recht habe."

„Fallen?", wiederholte sie tonlos.

„Ja. Für das Baumvolk", erklärte er eindeutig, und ihr Mund öffnete sich fassungslos. „Was? Ich komme dir entgegen, Granger. Ich lasse mich auf deine lächerliche Idee ein." Und wie selbstverständlich er die Worte sagte. Wie selbstverständlich es für ihn war. Fest ballten sich ihre Hände zu Fäusten, so dass sich ihre kurzen Fingernägel schmerzhaft in ihre Haut gruben. Ihr Herzschlag ging schneller, als sie zu ihm kam, ihm das winzige Gefängnis aus der Hand nahm, es auf den Boden warf und mit dem Fuß zertrat, so dass die Zweige brachen.

Alle Euphorie schwand aus seinem verschwitzten Gesicht. „Hast du jetzt den Verstand verloren?", fuhr er sie irritiert an, und er begriff es nicht mal. „Ich habe praktisch mein Leben riskiert für den Honig! Für deine scheiß Idee!"

„Für meine-?" Sie starrte ihn an. „Nein!", entfuhr es ihr fassungslos. Und manchmal – wirklich nur manchmal – vergaß sie, dass Malfoy keiner von ihnen war. Er war ein Slytherin, ein Arschloch, ein Todesser. Er war wie der Junge aus dem Buch, der den Fliegen zum Spaß die Flügel ausriss! Sie hob die nächste Kugel hoch. „Du denkst, es entspricht meiner Vorstellung, unschuldige Lebewesen zu fangen?", wollte sie gefährlich leise von ihm wissen, und sehr, sehr langsam, schien ihm zu dämmern, auf was sie überhaupt hinaus wollte. „Um zu riskieren, dass sie am Honig ersticken? Dass sie kleben bleiben, und sich höchstwahrscheinlich tödlich verletzen an diesen Dingern hier?", schloss sie so bodenlos zornig, als sie die nächste Kugel zerdrückte, und einer der langen Dornen die Oberfläche ihrer Handfläche durchbohrte. Sie spürte es kaum, als sie schwer atmend die Überreste der Kugel auf den Boden pfefferte. Ungläubig folgte ihr sein Blick.

Fassungslos schüttelte sie den Kopf über ihn.

„Ich habe gesagt, ich kümmere mich, Malfoy", sagte sie, immer noch so unglaublich fassungslos über seine widerliche Art. „Und ich dachte, es wäre klar, dass ich dich extra gebeten habe, genau so etwas niemals zu tun!" Ihre Stimme zitterte vor Zorn, aber seine Oberlippe kräuselte sich. Wieder einmal.

Gebeten?", wiederholte er eisig. Und sie wappnete sich.

„Ja, gebeten, Malfoy", bestätigte sie bitter. „Aber ich hätte wissen müssen-"

„-ich bin kein Kind, Granger", informierte er sie jetzt, laut über ihre Worte hinweg. „Ich bin auch nicht dein Freund", fuhr er beflissen fort, und fast lachte sie auf. „Das ist nicht dein Gemeinschaftsraum, und ich habe weder scheiß orangene Haare, noch eine verflucht hässliche Narbe auf der Stirn!", machte er es noch deutlicher, und sie schluckte schwer. „Dass du mich um irgendetwas bittest, hat nicht die geringste Konsequenz für mich!"

Und sie wünschte, seine Worte würden sie wirklich überraschen. Sie wünschte, sie wüsste nicht bereits, wie scheiße er wirklich war. „Wenn überhaupt, dann würde dir eine Hand voll Demut nicht schaden!", blaffte er sie zornig an. „Ich bin der einzige, der uns hier wegbringen kann! Ich bin der einzige, der dafür verantwortlich ist, dass wir nicht verhungern! Und ein dämliches Schlammblut wagt es, mir Forderungen zu stellen?" Genauso zornig trat er nun selber nach einer der Kugeln, so dass sie quer durch die Höhle sauste und an der Wand zerbarst.

Sie weinte jetzt, und sie war zornig, dass sie es tat. Wütend schüttelte sie den Kopf. Es war genau das! Es waren diese Situationen, mit denen sie nicht umgehen konnte! Sie konnte nicht mit ihm zusammen arbeiten! Sie arbeiteten ja nicht einmal zusammen! Er arbeitete gegen sie, und sie fühlte sich immer nur vor den Kopf gestoßen!

„Du bist widerlich!", warf sie ihm mit heiserer Stimme vor, und neue Tränen brannten in ihren Augen. Er lachte nun tatsächlich auf.

„Ich bin widerlich?", wollte er von ihr wissen, als mache sie einen Scherz. „Du bist das Schlammblut, nicht ich!" Sie schloss die Augen, denn sie konnte ihn nicht mehr ertragen. „Ich tue dir einen Gefallen, du dummes Miststück!", fuhr er sie wieder an, und sie öffnete die Augen wieder.

„Mit unmenschlich bösen Fallen für unschuldige Kreaturen?", wollte sie heiser wissen, und er verdrehte die Augen. Er wagte es tatsächlich, seine scheiß Augen über sie zu verdrehen! Und es war dieser Moment, der sie handeln ließ. Wenn auch unüberlegt. Wenn auch völlig impulsiv.

Auch sie trat nach den widerlichen Fallen, griff sich ihre geflochtene Decke, wickelte einige Früchte, die sie in der Höhle aufbewahrten, ein, um dann Kehrt zu machen. Wut trieb sie. Nichts sonst.

„Was wird das?", rief er ihr nach, und sie hörte, er folgte ihr, als sie sich den Speer von der Wand griff. „Hey!", hielt er sie zornig auf und stellte sich in ihren Weg. Ungeduldig hob sich ihr Kopf, trotzig blickte sie ihm entgegen, und sie schämte sich nicht mehr für ihre tränennassen Wangen.

„Tu mir keine Gefallen, Malfoy!", informierte sie ihn giftig. „Wenn du der einzige Held hier bist, dann mach es verdammt noch mal allein!", entkam es ihr fast ruhig.

„Was?", entfuhr es ihm beinahe verständnislos, und deshalb hasste sie ihn noch ein wenig mehr.

„Ich habe es versucht, Malfoy, aber-"

„-aber was?", griff er sehr schnell ihre Worte auf. „Was hast du versucht, verflucht noch mal? Ein dämliches Miststück zu sein? Glückwunsch, Granger! Das hast du auch hervorragend hinbekommen!", knurrte er sauer. „Du hast gesagt, wir müssen zusammen arbeiten! Du hast mich hier hin geschleift! Nicht ich! Garantiert nicht ich!", warnte er sie praktisch.

„Ja. Damit wir zusammen arbeiten!", erwiderte sie resignierend. „Aber das tun wir nicht", ergänzte sie verzweifelt. „Du arbeitest gegen mich!", warf sie ihm eindeutig vor, und seine Augen weiteten sich.

„Bitte?", entfuhr es ihm entgeistert. „Wow, bist du wirklich so verblendet und dumm?"

„Du beleidigst mich konstant!", fuhr sie demonstrativ fort, und er entnervt atmete er aus.

„Wenn du so dumm bist, dass es wehtut, dann-"

„-nicht", unterbrach sie ihn ruhig, und er verstummte tatsächlich. Sie konnte nicht fassen, wie erschöpft sie war. Wie anstrengend es war, mit ihm zu streiten, mit ihm zu existieren. Es war anstrengender als der gesamte Krieg. Und sie wusste, vielleicht übertrieb sie. Aber es war diese eine Sache, die sie mehr aufregte als Vieles. Auch er war den ganzen Tag alleine gewesen, und anstatt zu demselben selbstlosen Schluss wie sie zu kommen, entschied er sich für das Gegenteil! Wie konnte er das? Wie?! Und er sah es nicht mal!

Mehr Tränen. Mehr und mehr davon. Als hätte sie sie alle gespeichert für diesen Abend. Und fast schien er nicht zu verstehen. Aber zu schnell verdunkelte sich sein Gesicht, und die Momente, wo sie einander verboten nahe gekommen waren – waren fort. Nie da gewesen, so schien es. Trotz und Wut überschatteten seine Züge jetzt.

Und er kam ihr nicht entgegen! Nie! Er entschuldigte sich auch nicht. Er forderte immer nur. Und sie konnte nicht immer diejenige sein, die über seinen Charakter hinwegsah.

„Ich kann nicht mehr", schloss sie, fast überrascht. Und sie konnte auch nicht mehr, denn… sie sah doch, wohin sie die ständige Nähe zu Malfoy brachte. Sie glaubte irgendwo selber schon, dass es nicht der Weltuntergang war, wenn er sie anrührte! Und das konnte doch nicht sein! Sie wollte sich nicht… gewöhnen. Niemals. Nicht an ihn.

Und sie sah, wie er es nicht verstand. Sie verstand es selber nicht. Er verletzte sie. So sehr. Sie dachte, sie wären darüber hinaus. Über dumme Beleidigungen, über verletzende Taten. Aber scheinbar nicht. Und er verzog den Mund, sein Blick glitt ins Leere, ehe sich sein Kiefer anspannte, und sein eisig grauer Blick traf sie aus seinen immer abschätzenden Augen.

„Was willst du jetzt von mir hören?", fragte er, ganz der Mann, denn er begriff es nicht. „Willst du gehen, damit ich dir nachlaufen soll? Erwartest du irgendeinen dramatischen Effekt?" Seine Worte waren kalt. Und nein, sie erwartete gar nichts von ihm. „Ich tue, was ich für richtig halte. Und..." ,scheinbar suchte er nach den richtigen Worten, „was ich tue, tue ich nicht, um… gegen dich zu arbeiten", schloss er ruhiger, wenn auch immer noch kalt. Und wahrscheinlich wusste sie das. Aber das machte es nicht besser. Nicht wirklich. Denn wenn er immer noch nur das tat, was er für richtig hielt, dann…- was hieß es dann?

Sie ruckte lediglich mit dem Kopf, nicht willig, ihm zu antworten. Und dann wich er zur Seite, gab den Ausgang der Höhle frei. Sie blieb, wo sie war und hob den Blick zu seinem Gesicht. Unschlüssig standen sie voreinander, und dann atmete er aus. Er nickte plötzlich. Und sie sah, er war ebenfalls müde.

„Ok", sagte er, und sah sie an.

„Ok?", wiederholte sie tonlos, und ihre Stirn runzelte sich.

„Halt dich Richtung Norden", schloss er knapp. „Wenn du es hier keine Sekunde mehr ertragen kannst", ergänzte er mit erhobener Augenbraue. „Skills und ich brechen morgen auf. Ich besorge mehr Proviant."

Sie sah ihn ungläubig an. War das sein Ernst? „Was… was soll das heißen?", entfuhr es ihr entgeistert. Er atmete aus.

„Du willst Fehler machen? Ich lasse dich Fehler machen", erklärte er schlicht. Und über ihr scheinbar verständnisloses Gesicht schien er wieder die Augen zu verdrehen. „Abstand", ergänzte er dann. „Ich weiß, dass es das ist, was wir dringend brauchen. Ich bin nicht blind", bemerkte er eindeutig. Ihr Kiefer lockerte sich. Denn ja. Sie brauchten Abstand. Und das erkannte sie bei seinen nächsten Worten noch deutlicher. „Wir müssen nicht in derselben Höhle schlafen, um zusammen zu arbeiten. Und wir müssen nicht derselben Meinung sein, Merlin, wir müssen nicht mal dasselbe Quidditchteam mögen." Denn es gab es diese Momente, dachte sie verwirrt. Diese Momente, wo er… kein Arschloch war. „Du fängst Fliegen mit Honig, ich fange sie mit…" Er schien sich nicht mehr an das Sprichwort erinnern zu können, und sie seufzte auf.

„Mit Essig", schloss sie stiller.

„Meinetwegen" räumte er ein. „Aber… letztlich tun wir dasselbe."

Und sie wusste, warum sie gehen musste. Er hatte Recht. Sie mussten keine Freunde sein. Sie mussten einfach überleben. Und er würde immer Malfoy sein, würde immer das Gegenteil von dem tun, was sie für gut und richtig erachtete. Und sie würde ihren Verstand verlieren, weil sie versuchte, ihn zu ändern, weil sie versuchte, etwas anderes in ihm zu sehen, als das, was er war.

„Wie… wie willst du mich finden?", entkam es ihr still, und fast hatte sie die lächerlicher Vorstellung, dass er ihr eröffnete, er würde sie überall finden. Schnell verscheuchte sie diesen Gedanken.

„Im schlimmsten Fall liegt deine Leiche auf dem Weg", erwiderte er achselzuckend, und tatsächlich nahm sie ihm die Worte nicht einmal übel, sondern spürte, wie sich ihre Mundwinkel trocken hoben. Und er atmete lange aus, denn er schien ebenfalls zu merken, was es sie beide kostete, sich bewusst mal nicht zu verletzen und zu beleidigen. Und dann wurde sein Blick eindeutiger. „Ich finde dich", versprach er ihr tatsächlich, und fast glaubte sie ihm. „Wenn du zu den Bergpässen kommst, gibt es nur einen Aufstieg, den ein Mensch ohne Zauberstab relativ gefahrlos ersteigen kann", fuhr er ernster fort, und er schien bereits dort gewesen zu sein. „Halt dich an der Nordseite, und du läufst direkt auf eine Bergwiese zu. Grünes Gras, Bergsee – nicht zu verfehlen."

Und wahrscheinlich war es simple Chemie. Wenn sie das zusammen schaffen wollten, dann… brauchten sie hin und wieder Abstand. Ansonsten würden sie explodieren.

Sie nickte schließlich, und dann verließ sie die Höhle.

Der Affe kauerte nahe der Höhle, schien durch das vorherige Geschrei beunruhigt, und kam nur langsam näher.

„Pass auf dich auf, ja?", flüsterte sie, strich dem großen Affen über den blauen Schopf, und verständnislos sah er sie an. Leise keckerte er, wie um ihr deutlich zu machen, dass er nicht verstand, aber sie wandte sich bereits ab, bückte sich nach einem der vorbereiteten Äste, der ihr eine Fackel sein würde und richtete sich auf, um Malfoy noch einmal anzusehen. Sie wollte sich verabschieden, ohne dass es wie ein Abschied klang. Merlin, sie hatte zwei Monate ohne ihn überlebt. Ein Tag wäre nichts weiter.

„Bis morgen", rief sie ihm also zu, und für einen kurzen Moment glaubte sie, ihn nicht mehr wiederzusehen. Nur kurz ließ ein Schauer sie innerlich erfrieren. Malfoy lehnte am Höhleneingang, neben ihm der blaue Affe, und Hermine prägte sich das Bild ein. Malfoy hob knapp die Hand, ehe er in der Höhle verschwand.

Sie wusste, vielleicht lief sie der Gefahr in die Arme, aber… die Gefahr, hier zu bleiben und eine neue Dummheit zu begehen, bestand ebenfalls. Sie bestand immer. Und fast glaubte sie, das wäre gefährlicher. Und wieder nahm sie an, dass es diese Entscheidungen waren, die das Leben ausmachten.

Sie musste gehen, damit sie sich selber noch in die Augen sehen konnte.