22. Violet
Ihr Atem ging flach, ihre Augen fixierten angespannt den Abgrund, und die Geräusche wurden lauter. Der Affe hatte es geschafft! Er war nicht in den Tod gestürzt, und sie musste tatsächlich sagen, dass sie hier die unterlegene war.
Der purpurne Schopf erschien wieder am Rand, und unglücklich machte sich Hermine bereit für den letzten Kampf. Der Affe keuchte schwer, war erschöpft, denn seine Glieder zitterten mächtig, und Hermine wog ab, wie wahrscheinlich es war, dass er einfach vor Erschöpfung umkippte.
Nicht wahrscheinlich, dachte sie dumpf, als der Affe wieder brüllte und humpelnd näher kam.
„Ok", entkam es ihr resignierend und sie schwang den Speer, um Distanz zu schaffen. Der Affe beobachtete sie wachsam, schien neuen Respekt vor ihr zu haben, denn nur vorsichtig kam sie näher. Nein, sie würden keine Freunde mehr werden, erkannte Hermine seufzend, als der Affe mit der Pranke ausholte, und Hermine zurück sprang.
Im Kampf erprobt wirkte dieses Weibchen nicht. Und das war vielleicht ihre einzige Chance. Dann ging der Affe auf alle Gliedmaßen und setzte an, zum letzten Sprung. Hermine holte mit der Steinhand aus, bereit, zwischen seine Augen zu zielen.
Es war als stand die Zeit, als knisterte die Luft, als schauten die Berge zu.
Sie würde verlieren, wusste sie plötzlich. Und sie wünschte sich, sie hätte auf ihn gehört. Malfoy. Es war eine bittere Erkenntnis.
Die Spannung zerriss so plötzlich, als sie von weiter oben ein anderes Brüllen vernahm. Zornig und besitzergreifend. Auch das Weibchen vor ihr hob erschrocken den Blick, legte den Kopf in den Nacken, und kurz dachte Hermine, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen war, aber nach einem Moment erkannte sie ihn!
Skills! Er war ihr Affe! Er war drei Meter über ihnen, war über einen der Senkberge gekommen, und sie hatte keine Ahnung, wie er sie gefunden hatte, aber mit einem mächtigen Sprung sprang er nach unten. Das Affenmädchen ging sofort in Verteidigung, schrie Skills ungerührt an, und Skills scheute keine Konfrontation, ging sofort zwischen Hermine und den Affen, und schlug zu.
Fast fauchte der fremde Affe, ehe sie wild zurückschlug. Hermine wich keuchend zurück, bis zur anderen Felswand, und beobachtete, wie die beiden Tiere sich lauernd umwanderten. Sie machten schnaubende Geräusche, dann schrien sie wieder, und Skills stürzte auf sie zu, warf sie mit seinem mächtigen Gewicht zu Boden, und das Affenmädchen wehrte sich wild, schrie mit kurzen Lauten um Hilfe, und dann… - war es vorbei?
Sie hörte die lauten tierischen Atemzüge. Skills befand sich noch immer über dem Affenmädchen, hielt sie am Boden, aber… er tat nichts weiter, starrte auf sie hinab, bis das Weibchen laut schnaubte. Fast erschrak Hermine, als eine weitere Gestalt, den Pass hinabsprang.
Sie blinzelte heftig. Malfoy! Er erkannte sie hinter den Tieren, und im Laufschritt kam er näher. Er kniete sich vor sie.
„Alles ok?", fragte er sie außer Atem, und sie nickte überfordert. Die Sorge verschwand übergangslos aus seinem Gesicht. „Dann erklär mir, warum es so schwer ist, verdammt noch mal nach Norden zu gehen!", fuhr er sie zornig an, und Hermine ging in die Defensive.
„Hör auf, mich anzuschreien! Und ich bin nach Norden gegangen!", erwiderte sie genauso laut.
„Ach wirklich?", rief er zornig, und ihr Mund schloss sich trotzig.
Dann ließ Skills von dem fremden Affen ab, zog sich zurück, und Hermine befürchtete schon, es würde weitergehen mit dem Kampf. Aber das Weibchen erhob sich, und etwas unschlüssig betrachtete es Malfoy und sie. Wieder schnaubte Skills, stellte sich verteidigend vor Malfoy und sie, und das Weibchen fiel zurück auf ihren Hintern und putzte sich scheinbar beleidigt das Fell.
„Was passiert hier?", wollte Hermine überfordert wissen, und Malfoy hatte die Stirn gerunzelt.
„Ist das ein Weibchen?", fragte er verstört, und Hermine ruckte mit dem Kopf.
„Ich… denke?", bestätigte sie unsicher, und Skills kam schnuppernd auf das Weibchen zu, aber fauchend schlug sie nach ihm. Sie war beleidigt, stellte Hermine überrascht fest.
„So einfach ist es, Frauen zu unterwerfen, ja?", bemerkte Malfoy kopfschüttelnd, und Hermine erhob sich wankend.
„Nein", widersprach sie böse. Und er erhob sich ebenfalls und sah sie wieder wütend an.
„Unfassbar", sagte er jetzt. „Du willst alleine vorgehen?", fuhr er sie an. „Dann bleib das nächste Mal auf dem verdammten Weg!", knurrte er.
„Schrei mich nicht an!", sagte sie gepresst. Die Sonne versank. Die Dämmerung legte sich schnell über die Bergkuppen.
„Wir müssen hier weg. Ah… Skills?" Malfoy hatte sich unentschlossen an seinen Affen gewandt, dieser schien allerdings alle sechs Hände und Beine damit zu tun zu haben, um das Weibchen zu werben, die immer noch nach ihm schnaubte und schlug. Kurz wandte der Affe den Blick, um Malfoy anzusehen. „Junge, komm", ergänzte Malfoy knapp. Skills schnaubte, schien hin und her gerissen, nur um sich dann wieder dem Weibchen zuzuwenden. „Oh, das fass ich jetzt nicht", entfuhr es Malfoy gereizt. „Ernsthaft?", rief er Skills zu. „Jetzt ist der Zeitpunkt? Hier oben im nirgendwo?" Nicht, dass Skills ihm antworten würde, aber scheinbar war das Weibchen nicht mehr beleidigt, denn sie ließ sich von Skills beschnuppern, schnüffelte ebenfalls, und Hermine überforderte diese Situation.
„Ist sie jetzt… seins?", fragte sie unschlüssig in die Stille.
„Woher soll ich das wissen?", zischte Malfoy zurück. Dann erhob sich Skills und das Weibchen trat neben ihn. Der Affe kehrte zu ihnen zurück, wandte den Blick und schnaubte tatsächlich auffordernd in Richtung des Weibchens. Diese zögerte, verharrte unschlüssig. „Oh Merlin", murmelte Draco. „Skills, wir nehmen sie garantiert nicht mit", schloss er kopfschüttelnd. Nicht, dass Skills verstand.
Wieder schnaubte er gebieterisch, und das Weibchen tat einen unwilligen Schritt auf sie zu.
„Was tust du?", fuhr Malfoy den Affen an, und Hermine atmete aus.
„Sind wir jetzt eine Herde?", fragte sie neugierig, und Malfoy machte ein gereiztes Geräusch.
„Nicht für lange, denn für zwei Riesenaffen haben wir kulinarisch nicht die Kapazitäten", erwiderte er trocken. „Wir müssen hier weg", schloss er dann. „Komm", sagte er, an sie gewandt, und mit großen Augen sah Hermine ihm zu. Malfoy schwang sich auf Skills Rücken, hielt sich an zwei der Armen fest, und sah sie an.
„Was tust du?", fragte sie entgeistert.
„Aufbrechen. Diese Tiere können klettern", erläuterte er, als wüsste es Hermine nicht. „Steig auf", befahl er knapp.
„Ist das sicher?", entkam es ihr, aber Malfoy verdrehte die Augen.
„So sicher wie alles hier", entgegnete er düster. Hermine kam näher, streichelte Skills über das weiche Fell, ehe sie Malfoy ansah.
„Hält er das aus?"
„Ich denke", entgegnete Malfoy sarkastisch. „Er wiegt jetzt schon eine Tonne. Da wird er uns schon tragen können." Und als Hermine unsicher den Rücken bestieg und neben Malfoy hing, begann Skills bereits, die Schlucht hinabzusteigen.
Sie war überrascht, dass Skills es über sich ergehen ließ! Sie war überrascht, wie gut diese Affen in den Bergen zurechtkamen. Und sie war überrascht, dass das Weibchen ihnen tatsächlich folgte.
„Sie kommt mit", flüsterte Hermine jetzt, und Malfoy verzog neben ihr den Mund.
„Super", entfuhr es ihm bitter.
„Zwei sind besser als einer, oder?", murmelte sie, und wieder schoss er ihr einen unfassbar bösen Blick zu. Und dass er das fertig brachte, während unter ihnen der tausend Meter tiefe Abgrund gähnte, und sie nur einen falschen Affenschritt davon entfernt waren, grauenhaft zu sterben, war fast beeindruckend.
„Mein Leben war wesentlich entspannter ohne dich, glaub mir", informierte er sie, und sie konnte nicht fassen, dass er tatsächlich sauer auf sie war! Als wäre es ihre Schuld gewesen!
Aber sie wusste auch, Malfoy hatte sie wieder gerettet. Nicht, dass sie noch mitzählte, aber… sie hielt sich zurück, ihn anzuschreien. Außerdem wollte sie erst mal sicher hier runterkommen.
Sie war verletzt, erkannte er. Beide waren verletzt. Granger und das Affenweibchen.
Und sein Zorn war irgendwann verschwunden. Sie hatten die Bergwiese erreicht, und Skills und das Weibchen saßen etwas abseits, verständigten sich mit fremden Lauten, und Granger hatte sich im Bergsee gewaschen. Blaue Flecken übersäten ihre Arme und Beine.
Sie hatte sich neben ihn gesetzt, und das Feuer flackerte in der Dunkelheit. Skills war es gewöhnt, aber das Weibchen starrte wie gebannt in die Flammen. Zur Sicherheit hatte Draco dem Weibchen gleich zwei Keulen hingeworfen, die sie nicht angerührt hatte. Sie bevorzugte ihre Beute wohl roh. Er würde nicht schlafen, heute Nacht, wusste er bitter.
Granger gähnte verhalten. Sie musste erschöpft sein, denn wenn sie diesen Berg erklommen hatte, anstatt den beinahe gemütlichen Pass hochgewandert zu sein, war sie garantiert völlig fertig. Den Affen-Angriff nicht mal berücksichtigt.
„Was tun die beiden?", fragte sie mit verengten Augen, und Draco zuckte die Achseln.
„Diskutieren, nehme ich an", erwiderte er lakonisch, und sie lächelte müde.
„Skills und Violet", murmelte sie, und jetzt sah er sie an.
„Nicht", warnte er sie still und schüttelte den Kopf. Sie sah ihn fragend an. „Sobald es einen Namen hat, fällt es schwer, es aufzugeben." Und ihr Blick änderte sich so plötzlich, dass er es spüren konnte. Und er wusste nicht wirklich, warum, aber er dachte unwillkürlich an den Abend vor zwei Tagen. Als er ihren Namen das erste Mal gesagt hatte. Und er wusste nicht, warum. Es war etwas anderes.
Und er wusste nicht, ob sie auch daran denken musste. Er hoffte nicht.
Der Moment wurde sehr unangenehm, empfand er plötzlich.
„Danke", sagte sie irgendwann in seine Richtung, und das Wort ließ seine Mundwinkel freudlos zucken.
„Bedank dich nicht", erwiderte er lediglich. Er wollte es nicht hören. Er wollte, dass sie einfach da gewesen wäre. Denn die Sorge, die er empfunden hatte, störte ihn mehr als alles andere. Wenn sie der Weg nach Hause war, dann hatte sie gefälligst aufzupassen! Und nicht zu sterben, verflucht noch mal.
„Vielleicht…", begann sie zögerlich, und er hob den Blick, „lassen wir das mit dem Abstand", schloss sie leiser. Dann würde er wahnsinnig werden, nahm er dumpf an. Wieder verzog er den Mund.
„Mh", machte er wortkarg, denn er wusste nicht, was er sagen sollte. Es war alles sehr knapp gewesen heute. Und es schlug ihm aufs Gemüt. Und plötzlich tat sie etwas Seltsames. Sie rutschte näher zu ihm, und ihre Nähe war… irritierend. Müde lehnte sie den Kopf an seine Schulter.
„Darf ich?", fragte sie jetzt, und er atmete lange aus.
„Wieso fragst du? Du tust es doch schon", entkam es ihm, nicht halb so abweisend, wie er gerne hätte. Wieder gähnte sie. Der Duft ihrer Haare stieg in seine Nase.
„Tut mir leid wegen gestern", sagte sie tatsächlich, und er versteifte sich neben ihr. Was passierte hier? Wieso tat sie das?
„Hör auf damit", murmelte er überfordert.
„Mh?", machte sie verwirrt neben ihm, und er rückte von ihr ab, konnte ihre Nähe nicht mehr ertragen, und blinzelnd hob sich ihr Blick.
„Hör auf, dich zu bedanken. Hör auf, dich zu entschuldigen. Hast du verstanden?" Sie sah ihn an, und er sah, dass seine Worte sie verletzten. Merlin, er konnte es direkt hören, so laut sprachen ihre Gesten. „Schrei mich an! Das ist mir wesentlich lieber, als… als…" Er wusste es nicht. Er wusste nicht, was hier geschah. Und der Moment war vorbei. Alles Offene verschwand wieder aus ihrem Blick, und er konnte wieder atmen.
„Du bist ein Arschloch", sagte sie, und dieses Mal glaubte er ihr. Ja. Er war ein Arschloch. Er hatte ihr von der Vision erzählen wollen, aber plötzlich… wollte er nicht mehr. Und er wusste nicht einmal, warum. Aber der Gedanke, ihr von Potter und Weasley zu erzählen, verursachte mit einem Mal ein übles Gefühl in seiner Magengegend. Sie hatte sich erhoben, ging weg vom Feuer und legte sich in den Windschatten des Felsvorsprungs.
Der Verlust ihrer Nähe schickte direkt eine Kälte durch seine Glieder, ob echt oder eingebildet wusste er nicht zu sagen. Wütend hob er den Blick zu seinem dummen, verliebten Affen, der mittlerweile neugierig über das Fell des Weibchens strich. Was sollte das?
Er hatte mit ihr gekämpft, sich entschieden, sie nicht umzubringen, und jetzt? Jetzt waren sie was? Verlobt? Skills kannte das Weibchen überhaupt nicht!
Zornig fiel Dracos Blick zurück in die Flammen.
So einfach funktionierte es nicht. So einfach nicht.
