27. Dark Things

Sie hatte die erste Schicht übernommen, bis weit nach Mitternacht, nahm sie an, und er den Rest der Nacht. Ihre Augen hatten die Umgebung beobachtet, hatten das unruhige Wasser wohl bemerkt, aber kein Monster hatte sich gezeigt, hatte den hässlichen Kopf durch die Oberfläche gehoben, und vielleicht warteten die Monster nur auf eine Unaufmerksamkeit, aber Hermine würde sich hüten.

Sie war in einen unruhigen Schlaf gefallen und mitten in der Nacht hatten sie Bauchschmerzen befallen und ihr Albträume beschert. Für einen Moment hatte sie geglaubt, dass es das Wasser war. Vielleicht war es nicht bekömmlich. Vielleicht war daran auch das seltsame Wesen schuld, was sich unter der Oberfläche verbarg? Irgendwann war sie wieder in den Schlaf geglitten, aber tief war er nicht gewesen.

Dumpf vernahm sie ein Geräusch in ihrem Unterbewusstsein. Wie ein… Platschen. Wie… das Geräusch von Wasser. Sie vernahm einen Schrei. Träumte sie? Hörte sie den Schrei wirklich?

Es klang wie…-

Jetzt spürte sie seine Hand auf ihrer Seite. „Hey", sprach seine Stimme ruhig, und sie öffnete die Augen. Es war hell, und mit klopfendem Herzen sah sie ihn an. Nur ein Traum. Malfoy saß neben ihr.

Das einzig seltsame war… - dass er lächelte. Sie blinzelte verblüfft. Sie glaubte nicht, dass sie ihn schon mal hatte lächeln sehen.

„Alles ruhig?", flüsterte sie rau, aber er nickte lächelnd. So kurz nach diesem schreckhaften Erwachen konnte sie gar nicht sagen, wie sehr es sie irritierte.

„Ja", bestätigte er, und die angestaute Luft entwich langsam ihren Lungen, als seine Mundwinkel endlich sanken. Ihr Körper schmerzte von der unbequemen Position und die Glieder streckend richtete sie sich auf. Immer noch ruhig lag der See vor ihnen. „Hier." Er reichte ihr eine Flasche mit Wasser. „Trink was." Suggestiv fixierten sie seine grauen Augen.

Und sehr kurz… zögerte sie. „Ich… glaube, das Wasser ist nicht gesund", murmelte sie kopfschüttelnd. Er sah sie an, die Augenbraue erhoben.

„Das Wasser ist nicht giftig", behauptete er achselzuckend. „Ich habe es auch getrunken", ergänzte er eindeutig, aber etwas hielt sie davon ab, ihm zu glauben. Ihre Bauchschmerzen waren nicht einfach so aufgetreten. So viel rationalen Verstand besaß sie noch.

Sie nahm ihm die Flasche ab, aber verloren glitt ihr Blick über das Wasser. Sie spürte seinen Blick deutlich auf sich. Sanfte Wellen bewegten die undurchsichtige Oberfläche. „Ich habe nachgedacht", fuhr er schließlich mit mehr Nachdruck fort, und als sie ihn ansah, blickte er ebenfalls auf das Wasser. „Vielleicht könnten wir eine Art… Floß bauen?" Sie verzog den Mund. „So dass wir das Wasser nicht berühren?"

„Was immer da drin ist, wird es dann nicht einfach auftauchen und uns vom Floß reißen?", vermutete sie schaudernd. Und plötzlich zuckte die Wasseroberfläche deutlich, schlug eine heftige Welle, und Hermine schrak zusammen. Auch er hob den Kopf etwas, um das Wasser besser sehen zu können. Dann sah er sie wieder an.

„Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert, ok?", versprach er ihr plötzlich, und sie blinzelte überrascht. Er was-? Dann hob sich seine Hand zu ihrem Gesicht. Kühl legte sie sich über ihre Wange. Sanft strich sein Daumen über ihre Haut. „Ich bin hier", versicherte er ihr still. Wieder zuckte eine Welle über den See, Wasser spritzte in die Höhe, und sie bekam ein mulmiges Gefühl. Irgendetwas war nicht richtig. Irgendetwas fühlte sich ganz und gar nicht richtig an, und sein stechender Blick war unangenehm.

Auch am Ufer bemerkten ihre Augen seltsame Spuren. Die Steine waren zerwühlt, Erde hatte sich gehäuft, und umgeknickte Halme hingen im Wasser. Und Hermine war gänzlich verwirrt über seine Gestik. Etwas wirkte vollkommen falsch, so absolut unauthentisch und… - einfach falsch!

„Was… tust du?", flüsterte sie ein wenig fassungslos, und er schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ich verspreche dir, auf dich aufzupassen. Du solltest etwas essen. Und trink was, wir brauchen unsere Kräfte", sprach er zuversichtlich, während seine Hand noch immer auf ihrer Wange lag. „Ich will dich nicht verlieren."

Und es war wie eine Alarmglocke. Schrill und gefährlich. Irgendetwas lauerte in seinem Blick, und sie wusste nicht, woher das Gefühl kam, aber plötzlich wusste sie – was in seinem Blick lag, war nicht menschlich.

Blind hatten ihre Finger hinter sich getastet. Denn wer auch immer das hier war – Malfoy war es nicht! Sie fühlte das Messer, was sie gestern dort deponiert hatte, umfasste es fest, und ohne Zögern vertraute sie ihrem verdammten Bauchgefühl, riss die Hand empor und rammte das Messer in seinen Bauch.

Ihr Herz ging schnell, als blanke Überraschung in seinen vertrauten Blick trat, und er sich röchelnd krümmte. Sie war aufgesprungen, hatte sich ihren Speer gegriffen und zog auch diesen mit voller Wucht über seinen Kopf. Er brach zusammen, und falls sie sich nicht völlig sicher gewesen war, so wusste sie es jetzt genau, denn das Blut, was aus seinem Unterleib trat, war schwarz! Pechschwarz. Hastig griff sie sich das Messer, für den Fall, dass diese Kreatur doch noch aufwachen sollte, und wich zurück, nur um an das Gewässer zu treten.

Ihre Augen weiteten sich panisch, als sie ihn erkannte! Etwa einen Meter unter der moosigen Wasseroberfläche sah sie, wie ein dunkles Wesen seinen Körper fest umschlungen hielt! Er rührte sich nicht mehr! Und ohne Zögern, ohne den Hauch eines Zweifels sprang sie kurzerhand mit einem Köpper voran ins Wasser, brach durch die Oberfläche und tauchte ab.

Sie erreichte ihn sofort, und sah, dass das Wesen glühende Augen besaß. Sein Körper wirkte schleimig, aber viel erkennen konnte sie unter der schlammigen Oberfläche nicht. Aber Malfoy erkannte sie! Sein Kopf hing schlaff, und das Wesen zischte, so dass viele Wasserblasen seinen langen schlangenförmigen Mund verließen, als es sie bemerkte. Sie schwamm mit einem letzten kräftigen Zug zu ihm, und stieß blind das Messer in ihrer Hand nach vorne. Das dunkle Wesen machte erneut ein zischendes Geräusch, als die Klinge seine Haut aufschlitzte, und Malfoys schlaffer Körper sackte aus dem Klammergriff, und Hermine überwand den Wasserwiderstand nur langsam und verletzte das Wesen erneut, brach aber nicht durch die dickhäutige Haut. Zornig glühten die Augen des Wesens in einem giftigen Grün, und tatsächlich ließ es von Malfoy ab. Hastig griff Hermine nach seinem leblosen Arm, und mit flinken Bewegungen war das dunkle Wesen in den Tiefen des Sees verschwunden. Hermines Luft wurde knapp und mit wilder Verzweiflung strampelte sie mit den Beinen, kämpfte sich höher, und sie wusste, es ging um Leben und Tod, und alle Kraftreserven, die sie besaß, nutzte sie, um sich selber und Malfoy an die Oberfläche zu befördern. Keuchend und hustend tauchte sie auf, zerrte Malfoys Körper nach oben, so dass sein Kopf aus dem Wasser ragte und schwamm ans Ufer.

„Skills!", brüllte sie praktisch, denn wo war der verdammte Affe, wenn man ihn brauchte?! Und wie lange würde das elende Wesen sich im See verstecken, bevor es merkte, dass Hermine Malfoy nicht ans Ufer bekäme? Er war zu schwer, der See war viel zu tief, und Hermine spürte die Hitze in ihren Kopf, und ihre Arme zitterten. „Skills", rief sie heiser, und diesmal hörte sie etwas im Wald. Der Affe näherte sich langsam, konnte sie sehen. Sie reckte den Arm aus dem See. „Komm her, verdammt!", fuhr sie ihn an, und Skills schnupperte in die Luft, nachdem sein Blick scheu über den See gewandert war. Dann schien er sich zu überwinden, kam mit hastigen Schritten näher, und Hermine schob Malfoys schlaffen Arm über den Rand des Ufers. „Gott, hilf mir!", fuhr sie den Affen an, der sie mit großen Augen betrachtete. „Nimm den Arm! Zieh ihn an Land! Komm schon!" Fast weinte sie Verzweiflung. „Ich kann ihn nicht halten!" Aber natürlich verstand der Affe kein Wort.

„Scheiße", flüsterte sie außer Atem, ließ Malfoys Körper wieder sinken, hielt seinen Arm aber fest, und versuchte, selber an Land zu klettern, aber diesmal verstand der Affe, schien zu merken, dass Malfoy nicht wach war, und seine purpurne Pranke griff mühelos um Malfoys Arm und zog ihn mit einem simplen Ruck aus dem Nass an Land.

Hastig kletterte Hermine hinterher und schob den riesigen Affen beiseite, der Malfoy besorgt beschnüffelte. „Weg, Skills", fuhr sie ihn schwer atmend an, drehte Malfoy auf den Rücken, und sofort legte sie ihre Hände übereinander auf seine Brust und presste in gleichmäßigen Abständen ihr Gewicht auf seine Lunge. „Eins, zwei, drei, vier, fünf", zählte sie abgehackt, ehe sie mit fahrigen Fingern seinen Mund öffnete und heiße Luft in seinen leblosen Körper blies. Nichts geschah.

„Eins, zwei, drei, vier, fünf", wiederholte sie die Druckmassage, um wieder zweimal Luft in seine Luftröhre zu bringen. Sie starrte auf ihn hinab. „Draco, komm schon!", fuhr sie ihn verzweifelt an, wiederholte die Massage, und atmete härter in seinen Mund. „Bitte, bitte!", flehte sie, als sie wieder die Hände auf seine Brust presste. „Draco, bitte!", flüsterte sie, und sie zuckte fast zusammen vor Schreck, als seine grauen Augen endlich aufflogen, er sich zur Seite drehte, und er würgend das Seewasser auf den Boden neben sich spuckte.

Ein Hustenreiz erfasste ihn, schüttelte seinen gesamten Körper, und noch einmal spuckte er einen Mund voll Wasser neben sich.

Er stützte sich auf seinen Arm, hatte die Augen geschlossen, atmete zitternd ein, und Tränen der Erleichterung fielen auf ihre Wange. Schwach setzte er sich auf, und bevor sie darüber nachdenken konnte, wich sie neben ihn und zog ihn in eine Umarmung, hielt ihn fest und stützte seinen Rücken.

Sein Atem ging rasselnd, und Tropfen perlten über sein Gesicht. Skills beschnupperte ihn besorgt, stupste sogar seinen großen haarigen Kopf gegen Dracos, bis dieser die Augen schwerfällig öffnete. Zitternd hob er die Hand, tätschelte den Affen, und dieser fiel neben sie auf seinen Hintern, wohl erleichtert, dass sein Herrchen wieder reagierte.

Nur langsam, sehr langsam, ebbte ihre eigene Furcht ab.

Das Wesen hatte ihn verletzt erkannte sie, denn sein nasses Leinenshirt zeigte Blutspuren am Rücken. Nur ein Kratzer, nahm sie an, aber tief genug, dass es blutete. Sie hielt ihn halb im Arm, seinen Kopf an ihrer Brust, und sie spürte seinen schnellen Atem an ihrer nassen Haut. Ihr Kinn lehnte auf seinem Schopf und starr gingen ihre Augen geradeaus, fixierten das trügerische Wasser, was wieder ruhig vor ihnen lag.

Sie hörte, wie er hustete, wie er sich räusperte, wie sich sein Atem beruhigte. Er lehnte den Kopf zurück an ihren Oberkörper. „Danke", entfuhr es ihm, und seine Stimme klang furchtbar. Sie wusste, es war eine Sache von Sekunden gewesen! Er wäre ertrunken. Während sie geschlafen hatte. Ihre Umarmung wurde minimal fester.

„Bedank dich nicht", flüsterte sie, was er zu ihr gesagt hatte. Denn sie wollte es nicht hören. Sie verstand, was er meinte. Es war selbstverständlich, dass sie sich retteten. Sie wusste nicht, seit wann es so war. Sie würde nicht zulassen, dass er starb. Niemand von ihnen würde hier sterben. Und die Angst, die sie um ihn gehabt hatte, unterschied sich nicht einmal im Ansatz von der Angst, die sie um Ron oder um Harry haben würde, in derselben Situation. Es ängstigte sie.

Und sie wusste nicht, wie lange sie so saßen. Er brauchte noch eine ganze Weile, bis er sich beruhigt hatte. Bis sein Atem normal ging, und ein wenig beschämt sanken ihre Arme, die ihn so fest gehalten hatten. Er setzte sich auf, wischte sich über das nasse Gesicht, kämmte sich mit beiden Händen die Haare nach hinten, und dann sah er sie an.

Und das war Malfoy. Draco, dachte sie plötzlich. Sie erkannte ihn, und sie war erleichtert.

Sein Blick fiel zurück zu ihrer Schlafstätte. Sein Mund öffnete sich perplex. Sie folgte seinem Blick. Scheinbar hatte sie das Wesen getötet, und es sah nicht mehr wie Draco aus. Es sah aus wie das widerliche Wesen, das sie unter Wasser gesehen hatte. Sie waren also zu zweit in diesem See. Glatt und schwarz schimmerte die Haut. Es hatte menschliche Formen, aber die Haut wirkte glitschig und schleimig, übersät mit Warzen, und der Kopf war größer, wirkte echsenhaft, und die gespaltene Zunge hing leblos aus einem Mundwinkel.

„Bei Merlin", flüsterte er, als er sich erhob, um das Wesen zu betrachten, und sie folgte ihm. „War es bei dir?", schloss er tonlos.

„Ja. Es… hatte deine Gestalt angenommen." Sofort hob sich sein Blick zu ihrem Gesicht.

„Wasserwandler", schloss er ungläubig, und es sagte ihr nichts. Es war kein magisches Wesen, was sie kannte. „Und du hast es getötet?", vergewisserte er sich, und fast fühlte sie sich etwas schuldbewusst. Aber sie nickte.

„Was… was ist mit dir passiert?", lenkte sie sofort ab, und er schüttelte lediglich den Kopf.

„Ich… ich glaube, es… lag am Wasser", murmelte er. „Ich… hatte es getrunken, und auf einmal wurde alles schwarz", schloss er stirnrunzelnd. Hermine wusste, dass es am Wasser lag!

„Ja, ich bin wach geworden! Wahrscheinlich warst du benommen und… und das Wesen hat dich ins Wasser geworfen. Keine Ahnung, wie es deine Gestalt angenommen hat", fuhr sie fassungslos fort. „Ich bin wach geworden, und… es sah aus wie du", sagte sie still.

„Dreckige Gestaltenwandler", sagte er bitter. Sie musste so verwirrt aussehen, dass er sich gehalten sah, es zu erklären. „Es gibt Landwandler, Wasserwandler – natürlich nicht… wirklich", ergänzte er, ein wenig kleinlaut. „In… in den Märchenbüchern gibt es sie", schloss er tonlos. „Und… wen sie berühren, dessen Gefühle können sie spüren und dessen Gestalt können sie annehmen." Dann sah er sie an. „Woher wusstest du, dass ich es nicht war?", wollte er plötzlich mit gerunzelter Stirn von ihr wissen, und sie wusste nicht, warum es ihr ein schlechtes Gefühl vermittelte.

„Ich… wusste es einfach", wich sie einer eindeutigen Antwort aus. „Es gibt sie nicht?", ging sie eilig auf seine Worte ein. „Sie… sind nicht echt?"

„So wenig echt wie sechsbeinige Riesengorillas", bemerkte er kühl. Aber er verfolgte seine Frage weiter. „Wie hat es sich verraten?", beharrte er auf einer Antwort, trat zornig in das tote Fleisch, aber das Wesen rührte sich nicht mehr. Und Hermines Mund schloss sich. Er sah sie an. Seine Augenbraue hob sich. Sie atmete knapp aus.

„Es… hat gesagt, dass es mir nie etwas zustoßen lassen würde", wiederholte sie, und seine Stirn runzelte sich, ehe sich seine Mundwinkel tatsächlich hoben. Und fast hasste sie, dass er sich darüber lustig machen würde. Aus verschiedenen Gründen! Denn die Situation war zu ernst gewesen, als dass er sich lustig machen durfte, und dann… war es einfach traurig, dass sie ihn alleine deshalb erkannte, weil er einfach niemals etwas derartig Kitschiges von sich geben würde! Garantiert hatte das Monster nicht seine Gefühle gelesen!

„Das… war natürlich verdächtig genug", bemerkte er jetzt spöttisch. Sie sah ihn wütend an.

„Ernsthaft? Du machst wirklich Witze?", fuhr sie ihn an. „Du hättest tot sein können! Wenn ich es nicht gemerkt hätte, dann… dann…" Und sie konnte es nicht einmal sagen.

„Aber du hast es gemerkt", sagte er schlicht, und jeder Spott war wieder aus seinen Augen verschwunden. Noch immer ging ihr Atem heftig, und sie hasste, an die Angst zu denken, die sie empfunden hatte.

„Du bist ein Arschloch", wisperte sie. „Wehe, du machst dich lustig!", warnte sie ihn. „Das hier… war fast das Ende, Draco!" Sein Name hatte nur aus Versehen ihren Mund verlassen, hatte nur beiläufig auf ihrer Zunge gelauert und war ihren Lippen unbemerkt entwichen. Ihr Blick war wieder glasig, und er atmete unschlüssig aus. „Vergiss es." Beschämt fiel ihr Blick, aber langsam schloss er den Abstand. Noch immer waren sie tropfnass.

Beinahe scheu hob sich ihr Blick. Sie erkannte nichts als Aufrichtigkeit in seiner Haltung. Dann schüttelte er sanft den Kopf. „Das ist nicht das Ende", sagte er bloß. „Nicht hier. Nicht so", versprach er ihr still, und mit weiten Augen sah sie ihn an. „Ich… bringe dich nach Hause." Und sie biss sich auf die Unterlippe. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Ich glaube, ich bringe dich nach Hause", widersprach sie fast tonlos. Und seine Mundwinkel hoben sich gleichmäßig. Sein Lächeln war anders. Es war… echt. Merlin, ihr Atem stockte. Er war wunderschön, dachte sie etwas atemlos. Es zog in ihrer Mitte, und sie ging auf die Zehenspitzen, als er den Kopf senkte. Ihre Arme schlangen sich übergangslos um seinen Nacken, und ihre nassen Lippen kamen sich entgegen. Sie war viel zu erleichtert, dass er noch lebte, um ihre Gefühlsregungen zu hinterfragen.

Ihre Augen schlossen sich, und fest legten sich seine starken Arme um ihren Körper. Sie öffnete ihre Lippen für ihn, und ihre Zungen trafen sanft aufeinander. Ihre Finger glitten durch die kurzen nassen Haare in seinem Nacken, und er war es, der den Kuss beendete. Sie sah hoch in sein Gesicht, und er verzog kurz schmerzhaft den Mund.

„Du bist verletzt!", fiel ihr wieder ein, aber er zuckte sehr typisch die Achseln.

„Nicht schlimm", behauptete er rau, aber sie löste sich aus seinem Griff.

„Ich habe Weißwurzeln dabei", sagte sie, und kurz stockte sie.

„Was?", wollte er wissen, aber sie schüttelte knapp den Kopf. Ihr war etwas eingefallen, aber… es war gerade unwichtig. Absolut unwichtig.

„Nichts. Wir behandeln erst mal deinen Rücken. Ausziehen!", bedeutete sie ihm streng, und seine Augenbraue hob sich eindeutig.

„Ich steh auf klare Anweisungen", erwiderte er lächelnd, und sie verdrehte die Augen. Sie mochte nicht, wie schnell ihr Herz schlug und wie erleichtert sie gewesen war, als sie ihn in ihren Armen gehalten hatte. Sie verscheuchte all diese Anwandlungen. Und seinen Vornamen gleich mit. Damit kamen nur wesentlich mehr Probleme als Lösungen dazu.

Als sie sich dem toten Wesen näherten, um das Bündel nach den Wurzeln zu suchen, hörten sie Wasserbewegungen hinter sich. Sie fuhren gleichzeitig herum. Und Skills war unfassbar schnell auf die sechs Beine gekommen. Keckernd wich er zwischen die Bäume zurück, hatte den See überstürzt verlassen, und Hermine nahm an, seine Angst war instinktiv.

Das Messer hatte sie unter Wasser verloren. Aber sofort bückte sie sich nach dem Speer und Malfoy ergriff seinen Säbel.

Am Ufer hatte das andere Wesen den hässlichen Kopf aus dem Wasser gereckt, die grünen Augen auf sie geheftet.

„Rührt ihn nicht an", sprach das Wesen mit kehliger Stimme, mit großer Mühe, während es ohne Armbewegung im Wasser zu verharren schien. Es konnte sprechen! Hermine gefror in der Bewegung. Aber natürlich konnte es das. Das Wesen hatte sie bestimmt beobachtet. Malfoy schien sich schneller zu überwinden.

„Komm raus, und ich verspreche dir, du kannst das Schicksal deines Freundes teilen!", knurrte er hasserfüllt.

„Was wollt ihr hier?", fragte das Wesen, anstatt auf Malfoys Drohung einzugehen.

„Dein Kopf im Feuer wäre ein guter Anfang!", spuckte Malfoy dem Wesen entgegen, aber Hermine hatte keine Lust auf noch einen Kampf. Vor allem war Malfoy in keiner Verfassung dazu!

„Wir wollen auf die Insel", sagte sie also, ohne auf Malfoy zu achten, und dieser sah sie gereizt an.

„Wozu sagst du es diesem Abschaum?", fuhr er sie an. Und der Moment war vorüber. Jetzt sah sie sich eher in der Position des Feindes, als des Verbündeten. Wie er sie ansah! Aber sie schenkte ihm einen eindeutigen Blick. Und seine Augen verengten sich. „Das ist keine dieser Situationen, Granger", warnte er sie kopfschüttelnd. „Diese Drecksbiester wollten uns umbringen, und ich verhandele nicht mit Abschaum wie diesem!"

„Gebt ihn mir zurück, und ihr könnt unbeschadet auf die Insel", sagte das Wesen jetzt, und Malfoy lachte ungläubig auf.

„Wow! Wie großzügig!", knurrte er, aber Hermine ignorierte ihn weiterhin. Das Wesen wollte seinen Partner zurück. Wahrscheinlich bot sich hier eine Möglichkeit für sie. Die einzige Möglichkeit.

„Und zurück", verlangte sie. Das Wesen ignorierte Malfoy ebenfalls und schien nachzudenken.

„Granger!", fuhr er sie jetzt an. „Höchstwahrscheinlich will dieses Mistvieh ihn bloß zurück, weil das Wasser ihn heilen kann! Und dann sind es wieder zwei, begreifst du es nicht?" Die Art wie er mit ihr sprach, zeigte ihr deutlich, dass er alte Muster einfach nicht ablegen konnte. Sie sah deutlich, dass er sie für unfassbar dumm hielt. Und er gab sich kaum Mühe, es zu verbergen.

„Das ist mir klar, Malfoy", erwiderte sie, und tatsächlich raubte es ihm kurz seine Antwort. Sie wandte sich wieder dem Wesen zu. „Wir wollen auf die Insel und wir wollen wieder zurück."

Unkontrolliert züngelte die dunkle Zunge zwischen den schmalen Lippen des Wesens hervor.

„Abgemacht", sagte es zischend, und Malfoy stöhnte auf.

„Du wirst nicht auf diesen Wichser hören, oder? Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft-" Aber Hermine hörte ihm nicht zu.

„-wenn wir zur Insel schwimmen, kannst du an Land und ihn holen. Nicht früher, nicht später! Und du folgst uns nicht. Du greifst uns nicht an!", drohte sie jetzt. „Ich gebe dir Bescheid, wenn es soweit ist", schloss sie streng. Und nach einer Ewigkeit nickte das Wesen, ehe es still abtauchte und die Wasseroberfläche sich beruhigte. Sie wandte sich um und packte die wenigen Sachen zusammen, die sie besaßen.

„Hast du den Verstand verloren?", knurrte Malfoy neben ihr, als er ihr folgte. Und dass sie ihm sein scheiß Leben gerettet hatte, rückte in eine weite Ferne. „Wir sollten es einfach umbringen!", fuhr er sie zornig an, aber sie streckte den Rücken durch. Sie hasste, wenn er so war. Und er wusste das auch.

„Wir müssen nicht alles und jeden umbringen, Malfoy", erinnerte sie ihn gereizt.

„In diesem Fall schlage ich es dir dringend vor, Merlin noch mal!", fuhr er sie an. „Wie pervers ist dein Mitleid eigentlich?" Scheinbar grenzenlos, wenn sie diesen gefühlslosen Klotz immer wieder an sich ran ließ, dachte sie dumpf, aber sie sagte etwas anderes.

„Es ist ein guter Deal!", erwiderte sie, aber er lachte auf.

„Es ist verfluchter Kröterdreck, Granger. Du denkst doch wohl nicht, dass es uns einfach so zurückkommen lässt?", knurrte er, aber sie senkte die Stimme, falls das Wesen sie doch hören konnte.

„Das muss es nicht." Er starrte sie an.

„Was?!"

„Wenn alles funktioniert, müssen wir nur sicher auf die Insel kommen", schloss sie eindeutig, und sein Mund öffnete sich. Dann schüttelte er langsam den Kopf.

„Das ist mir nicht gut genug. Es ist nicht sicher genug!", entfuhr es ihm gepresst. Und sie würden zu keinem Schluss kommen. Und sie hoffte einfach, dass er noch rational genug war. Dass sie irgendeinen positiven Effekt auf ihn hatte.

„Vertrau mir. Nur dieses Mal", bat sie ihn stiller. Er atmete entnervt aus.

„So läuft das hier nicht", schien er sie erinnern zu wollen. Aber ihr Ausdruck wurde härter. Und es stimmte. Sie vertrauten sich eigentlich nicht. Aber… dann würde sich das ändern. Dann würde sie es ändern.

„Ich vertraue dir", widersprach sie und sah ihn direkt an. Sein Mund öffnete sich fast verzweifelt. Erschöpft sanken seine Schultern. „Ich habe Sex mit dir", holte sie jetzt warnend aus. „Wir teilen unser Schlaflager, und vor einer halben Stunde habe ich dein verdammtes Leben gerettet. Ich schlage vor, du überwindest deine Reinblüter-Scheiße-"

„-Reinblüter-Scheiße?", wiederholte er mit erhobenen Augenbrauen, aber sie wollte es nicht hören.

„-und hörst auf damit, ein Arschloch zu sein!", schloss sie drohend.

„Schon wieder", sagte er lediglich. Grimmig sah sie ihn an, aber er fuhr fort. „Schon wieder denkst du, alle tanzen nach deiner Pfeife, weil du-"

„-möchtest du auf dieser Insel noch einmal Sex mit mir haben, oder reicht dir deine Hand, Malfoy?", fragte sie ihn eisig, und sein Mund schloss sich übergangslos. Fast mutig tat ihr Herz in ihrer Brust stolze Schläge. Sein Kiefer bewegte sich gereizt.

„Ernsthaft?", knurrte er ungläubig. „Du drohst mir mit Sexentzug?", sprach er ruhige Worte, aber ihr Blick blieb hart. „Das könnte ich ebenso gut tun", behauptete er, aber wie von selber hoben sich ihre Mundwinkel.

„Könntest du nicht", informierte sie ihn lächelnd.

„Oh doch", beharrte er, aber sie wusste sehr genau, dass dies nicht der Fall sein würde.

„Oh nein", schloss sie, und ihr Lächeln vertiefte sich tatsächlich. Kurz glitt sein Blick über ihre Gestalt. Sie kannte die Waffen einer Frau. Und Malfoy war nur ein Mann.

„Erpressung?", sagte er jetzt. „So tief bist du gesunken?" Aber sie wusste, sie hatte gewonnen.

„Vertrau mir, oder es werden sehr einsame Nächte für dich werden", versprach sie ihm eindeutig, und sein Blick wirkte dunkler. Noch eine Sekunde hielt er ihren Blick gefangen. So viel zeigte sich in seinen Augen. Grenzenlose Unsicherheit, neben etwas völlig Neuem, was auch sie empfand. Etwas, was gerade begann, und was sie nicht benennen konnte.

Dann atmete er aus und hob resignierend die Arme. „Ich vertraue dir", brachte er gepresst über die Lippen. Und sie wusste, was es ihn kostete. Aber es bedeutete, auch, dass er ihren Körper so dringend wollte, dass er gegen all seine Prinzipien verstieß. Und es schickte ein schwindeliges Gefühl in ihren Kopf.

Hermine beeilte sich, die Sachen zu packen, nachdem sie die Weißwurzeln neben das Bündel gelegt hatte. Malfoy half ihr schließlich, und dann hob sich sein Blick, um sich umzusehen. „Wo sind die verdammten Affen wieder? Gut für gar nichts, wie immer", murmelte er kopfschüttelnd. Sie würde ihm später berichten, dass Skills es war, der ihn aus dem Wasser gezogen hatte.

„Ich glaube, sie fürchten diese Kreaturen", entgegnete sie stiller.

„Wie praktisch", erwiderte er, ohne sie anzusehen. Tatsächlich war er beleidigt. Beleidigt, dass sie ihn mit seinen verdammten Waffen geschlagen hatte. Sie war stolz auf sich, musste sie sagen. Noch nie hatte sie irgendwen mit ihren körperlichen Reizen von irgendetwas überzeugen können. Es fühlte sich… erhaben an.

„Sie werden in der Nähe sein", versicherte sie ihm blind, einfach, um ihn noch etwas zu ärgern.

„Seitdem er dieses Weibchen hat, ist er nutzlos", beschwerte er sich und erkannte vielleicht sogar eine gewisse Ironie dahinter. Aber sie wusste, seine zornigen Worte umzukehren.

„Du sorgst dich um ihn, das ist ok", enttarnte sie ungerührt seine Wut, aber er sah sie nachsichtig an.

„Er wiegt eine Tonne, also nein. Ich sorge mich nicht, Granger."

„Er kann nicht jagen", erinnerte sie ihn sanft, aber er verzog den Mund.

„Er hat sich ja ein Weibchen gesucht, was jagen kann. Nur leider kann sie ihm die Beute nicht überm Feuer braten", schloss er bitter.

„Ihm wird nichts passieren", versicherte sie ihm, und er stöhnte auf.

„Es ist mir egal", fuhr er sie an, aber er konnte ihren Triumph mit gar nichts dämpfen.

„Mhm", machte sie beflissen, und er sah sie ätzend überheblich an.

„Wenn du weiter machst-"

„-dann?", unterbrach sie ihn direkt, und sein Blick glitt kurz über ihr Gesicht.

„Mir wird schon was Geeignetes einfallen", schloss er, weitaus weniger zornig, aber mittlerweile definitiv zweideutiger. Sie ignorierte die vielen Gefühle in ihrem Innern. Dann bedeutete sie ihm, das Shirt hochzuschieben, damit sie den Kratzer verarzten konnte, und sie hatte das schlechte Gefühl, er färbte auf sie ab.

Sie wusste, es hing Vieles von ihrem Erfolg ab. Sie glaubte auch nicht, dass sie das Wesen unbeschadet von der Insel zurücklassen würde. – Oder beide, falls das Tote sich tatsächlich im Wasser regenerierte. Außerdem benötigten sie bald Wasser. Das Wasser aus dem See bekam ihnen schließlich nicht. Sie brauchten Magie, um es unschädlich zu machen. Und dafür… brauchten sie viele Dinge mehr.

Vor allem Glück. Und ein Einhorn. Und das schlechte Gewissen stahl sich wieder in ihr Bewusstsein. Denn es gab etwas, das sie wusste. Und am besten sagte sie es ihm nicht. Denn sie wusste sehr genau, was er sagen würde.

Und wieder war es die Entscheidung, ob man Fliegen besser mit Honig oder Essig fangen konnte.