32. Dress
Zwei Wochen waren vergangen. Zwei endlose Wochen. Keine Vision war gekommen. Kein ereignisreicher Einfall. Sie hatte geweint. Sehr viel. Sie hatte an Zuhause gedacht, und sie hatte sich gefragt, ob es stimmte. Ob er tatsächlich richtig lag, ob es tatsächlich feststand, dass sie nach Hause kamen – ob Ron es tatsächlich nicht mehr ausgehalten hatte, aber… viel schlimmer hatte sie sein Geständnis getroffen.
Es hatte sie mit stiller Furcht erfüllt. All die Worte! All die vielen unausgesprochenen Dinge. Und sie wusste selber, dass das, was sie taten nicht richtig war. Zwar hatte sie bewusst keinen Gedanken daran verschwendet, aber natürlich wusste sie, dass er wahrscheinlich nicht mit offenen Armen empfangen werden würde. Wahrscheinlich kam er nach Askaban. Sie wüsste nicht, wie man es verhindern konnte – und ob sie das wollte. Ob… sie es musste? Sie hatte sich nur abstrakt damit beschäftigt, aber… er würde eine heftige Strafe bekommen.
Seine Worte hatten ihr einen Dämpfer verpasst, hatten ihr deutlich gemacht, dass eine unterschiedliche Zukunft auf sie wartete. Und sie wusste nicht, was sie empfinden sollte.
Mehrfach hatte sie einfach zu seiner Höhle apparieren wollen, aber… wahrscheinlich lag abends die Desillusionierung um die Höhle, und sie hätte ihn nicht mal gesehen. Und selbst wenn – warum sollte sie zu ihm? Er wollte sie da nicht haben. Er war ein Todesser, er war ein Reinblut, das hatte er ihr doch klar gemacht.
Und was er gesagt hatte, bevor er gegangen war, ließ sie annehmen, dass es ihn alles doch schwerer traf, als sie gedacht hatte.
Denn vielleicht wollte er sie wirklich nicht. Vielleicht war es ein seltsamer Zauber der Insel, denn… er hatte gesagt, dass er wusste, wie falsch und krank es war.
Und sie wollte ihn auch nicht. Es war… einfach nur eine bequeme Entscheidung gewesen. Natürlich bestand keine Möglichkeit, dass es mehr war, als… als Sex. Was sollte es mehr sein?
Nur jetzt dachte sie an Askaban. Jetzt auf einmal bekam dieses Bild eine zeitliche Komponente. Denn bisher hatte sich kaum die Frage gestellt, ob sie ihn wiedersehen wollte, wären sie erst mal Zuhause, aber…- leer hob sich ihr Blick.
War sie davon ausgegangen, ihn wiederzusehen? Hatte sie blind angenommen, dass es… irgendwie so weiter gehen würde? Hatte sie ernsthaft an Harry oder Ron gedacht?
Sie wusste es nicht wirklich. Sie wollte darüber auch jetzt gerade nicht nachdenken. Es lag viel zu weit in der Zukunft, als dass es jetzt schon relevant wäre.
Die Einsamkeit bekam ihr nicht, denn sie wollte schon wieder weinen. Und das endlose Warten bekam ihr auch nicht. Sie wollte, dass es weiterging. Sie wollte hier nicht Tag ein, Tag aus sitzen, denn sie war einsam. Sie war allein. Ihre Affen waren fort, sie hatte niemanden, und vielleicht konnte er damit wunderbar umgehen, vielleicht brauchte er das wirklich, aber sie hasste es.
Sie hasste es hier sowieso, und ohne ihn war es einfach nur… unerträglich! Ja, er litt, weil er nach Askaban kommen würde. Aber deshalb musste er sie doch nicht bestrafen, oder? Es war doch nicht ihre Schuld, dass er ein selbstverliebter, unmoralischer, böser Todesser gewesen war. Er bestrafte sie für sein Versagen. Natürlich wusste sie nicht mit Sicherheit, was sie eigentlich wollte, denn… dass sie sich nach seiner Nähe sehnte war nicht unbedingt die cleverste Entscheidung, die sie treffen konnte.
Sie war wütend auf ihn. Die meiste Zeit. Auch, dass er sie wieder angelogen hatte, dass er ihr die Vision verschwiegen hatte, zeigte ihr nur deutlich, was für ein Scheißkerl er war, aber… es reichte nicht. All das reichte nicht mehr aus, um sie abzuschrecken. Sie wusste, wie verrückt es war.
Sie wusste das. Und es ging nicht nur um das Körperliche. Sie vermisste alles. Dabei hatten sie noch kein ernsthaftes Gespräch geführt. Sie hatten noch nie über ihre Emotionen und Wünsche und Gedanken gesprochen, aber… es reichte ihr, dass er da war. Und sie war erbärmlich.
Aber so etwas tat die Einsamkeit. Sie ließ einen erbärmlich werden.
Mit dem Zauberstab im Hosenbund verließ sie ihre heimische Lagune, die ohne ihn viel weniger nett wirkte. Es war kein… Zuhause mehr. Sie apparierte kilometerweise durch den Dschungel, bis sie zum Strand gelangte. Dort führten sie ihre Ausflüge hin, denn sie wusste nichts mit sich anzufangen. An Nahrung mangelte es ihr nicht mehr. Sie konnte sogar, dank des Zauberstabs, an die hohen Kokosnüsse gelangen, die guten Früchte, die seltenen Beeren. Die Fische brauchte sie nicht mehr selber ausnehmen, und insoweit ging es ihr gut. Wirklich.
Aber… es hatte alles keinen Wert.
Das Meer schickte eine Sehnsucht durch ihren Körper, auch wenn dort draußen nichts weiter war. Nichts weiter, als Wasser und raue See. Sie apparierte am Strand entlang, überwand sogar die hohen Felsen und sah Buchten, deren Anblick ihr vorher verwehrt gewesen war. Sie entdeckte dort aber keine neuen Tiere, keine spannenden Gewächse, es war einfach nur schneeweißer Sand, eine traumhafte Aussicht und sengende Hitze.
Heute apparierte sie weiter, überlegte sogar, ob sie die gesamte Insel umrunden sollte, um am Ende einfach zurück zur Lagune zu apparieren, und sie hatte wirklich nichts Besseres zu tun. Sie hatte aufgegeben, stundenlang in der Höhle zu sitzen und zu warten, denn sie nahm an, die Visionen tauchten sowieso nur dann auf, wenn einer von ihnen anwesend war.
Sie hatte kein Tier, um das sie sich kümmern konnte. Kein Monster, das sie jagen wollte. Keinen Malfoy, mit dem sie sich streiten musste.
Sie apparierte über die nächste Felsenkette, und es reihte sich Bucht an Bucht, eine schöner als die nächste. Die Blumen hier blühten wild und üppig, in rot und blau, und sie wurde nur trauriger.
Ihre Spaziergänge geschahen stumm. Sie sprach weder mit sich selbst, noch mit den bunten Vögeln, die über ihrem Kopf kreisten. Ab und an warf sie Steine ins Wasser, verhexte sie, dass sie kilometerweit flogen, aber es bot ihr kaum Abwechslung oder Spaß. Die Insel machte hier eine Kurve. Sie hatte ein äußeres Ende erreicht. Fast hoffte sie, irgendwann auf einen Feind zu treffen. Vielleicht einen riesigen Skorpion, einen wilden Raubvogel, groß wie ein Hippogreif – irgendetwas.
Sie blickte lustlos über den weiten Ozean hinweg, seufzte schwer, und für eine schwache Sekunde, glaubte sie, am Horizont etwas blitzen zu sehen. Sie blinzelte, schirmte die Augen ab, aber sie sah das Funkeln nicht noch mal.
Wahrscheinlich war es nur das Glitzern des Wassers. Die Felsen hinter ihr reichten sehr hoch, so dass sie die Bäume nicht mehr sehen konnte. Im Windschatten einer trockenen Palme erkannte sie einen dunklen Schatten. Es wirkte wie ein Stein, aber… etwas zu symmetrisch.
Sie näherte sich mit gezogenem Zauberstab. Zuerst glaubte sie beinahe, es handele sich um eine Schatzkiste, aber bei näherem Hinsehen, runzelte sich ihre Stirn. Es war ein Koffer. Ein alter Lederkoffer, ausgeblichen durch das erbarmungslose Licht der Sonne. Wie kam er hierher? Sie suchte die Bucht nach weiteren Stücken ab. Vielleicht waren nicht nur Schiffe auf der Insel gestrandet, sondern auch Flugzeuge abgestürzt? Konnte es sein?
Allerdings erkannte sie schnell, dass es sich um einen magischen Koffer handelte. Die Schließen besaßen kein Schlüsselloch. Sie mussten magisch geöffnet werden. Kurz hatte sie Sorge, dass etwas Schreckliches darin verborgen war, dann aber… war es bloß ein alter Koffer. Sie konnte sein Alter tatsächlich nicht schätzen.
Vielleicht war er irgendwann angespült worden? Sanft tippte sie auf die Schließen. „Alohomora!", sagte sie, und die Schließen schnappten rostig zurück. Mit spitzen Fingern klappte sie den Deckel zurück, nachdem sie die steifen Lederriemen durch die Schlaufen gezogen hatte. Ihr Mund öffnete sich knapp.
Es schien, als befände sich lediglich weißer Stoff im Innern. Vorsichtig strich sie über den Stoff, und ihre Finger erkannten – es war Seide. Helle, weiche Seide. Sie griff beherzt in die obere Schicht und zog.
Lang fiel der Stoff hinab, offenbarte einen eleganten Schnitt, und verblüfft stellte sie fest, es war ein Kleid. Aus weißer Seide, recht schmal, mit langer Schleppe, und erst jetzt begriff sie, was es war. Erst als ihr Blick zurück in den Koffer fiel, und sie den fein säuberlich zusammen gelegten Anzug entdeckte. Er war mattschwarz, wirkte zeitlos und wunderschön, aber daneben lag ein getrockneter Kranz aus Pfingstrosen, der wahrscheinlich bei der leisesten Berührung zerbröseln würde, aber… in ihren Händen hielt sie ein Hochzeitskleid.
Es war so absurd, aber ihre Augen verfingen sich immer wieder an dem schönen Stoff. Sie hatte lange kein Kleid mehr gesehen. Sie hob den Anzug hoch, aber im oberen Fach steckten lediglich die passenden dunklen Herrenschuhe. Ansonsten war der Koffer leer. Keine Nachricht, gar nichts weiter.
Sie legte das Kleid vorsichtig zurück und schloss den Deckel. Erst jetzt erkannte sie die verblichenen Initialen, die außen in das Leder gestanzt worden waren: ADM. Ihre Finger fuhren über die schwachen Reliefen, und sie würde ihn mitnehmen. Sollte sie Malfoy davon erzählen? Von einem Koffer mit Hochzeitskleidung? Wahrscheinlich nicht, nahm sie an. Es handelte sich höchstwahrscheinlich nicht um eine Vorsehung, nichts, was ihre Zukunft bestimmte.
Aber diese Insel offenbarte ab und an die seltsamsten Dinge. Noch immer dachte sie an Hagrids Hütte, die Insel mit dem Einhorn, an das Piratenschiff im Wald.
Und jetzt fand sie einen Koffer mit einem Hochzeitskleid.
Und für die schmalste Sekunde fragte sie sich, was die Insel ihr sagen wollte.
Aber… wahrscheinlich war es Zufall.
Denn, was sollte es sonst sein?
Er war hoch in die Baumspitzen appariert, ließ die warme Sonne sein Gesicht bräunen und lehnte faul am breiten Stamm. Häufig war er jetzt hierhergekommen, genoss die Stille, den Wind und den Ausblick.
Es war der höchste Baum in der Umgebung, und es vermittelte ihm ein seltsames Gefühl der Erhabenheit, hier oben zu sein. Er konnte weit sehen, erkannte im Osten der Insel eine Bucht, wo ihm die Überreste zerschellter Schiffe ins Auge stachen. Nur noch ein paar Maste, ein paar Fetzen weißer Segel ragten aus den sanften Wellen, und wenn er die Augen verengte, meine er schwarze Schatten aus dem Wasser auftauchen zu sehen, nur damit sie einige Sekunden später wieder abtauchten. Er nahm an, dass es vielleicht Alligatoren waren. Aber die Entfernung untermauerte seine Vermutung nicht.
Und weit hinten im Westen gab es eine Stelle im Wasser, die seine Augen immer wieder streiften, denn einmal am Tag funkelte die Stelle so gleißend hell, als… fände die Sonne zu einer bestimmten Tageszeit einen Punkt, in dem sie sich spiegeln konnte. Dieses Rätsel hatte er noch nicht gelöst.
Aber er nahm an, im Zweifel handelte es sich um eine optische Täuschung. Er lehnte den Kopf wieder zurück. Er wusste, was er tat. Er verdrängte. Aber Granger nicht mehr zu sehen, half nicht unbedingt, sich besser auf die Zukunft vorzubereiten, hatte er festgestellt. Denn… es war nicht ihre Schuld, dass er Panik bekam. Es war seine Schuld. Und dass er sich verboten hatte, sie zu sehen, änderte verdammt noch mal nichts an der Zukunft.
Es mochte vielleicht aus seinen Augen sein, aber es war nicht aus seinem Sinn. Die Tage wurden nicht länger, indem man sich vormachte, das Objekt seiner Begierde ignorieren zu können. Und egal, wie viele tiefsinnige Gedanken man sich machte – irgendwann käme der Tag, an dem sie gehen würden. Und dann? Dann hatte er den Großteil seiner Zeit damit verschwendet, alleine zu grübeln.
Und… war es besser? Er wusste es nicht wirklich. Es änderte zumindest nichts.
Er schreckte zusammen, war so in Gedanken vertieft gewesen, dass er sie gar nicht bemerkt hatte. Aber jetzt standen fünf kleine Krieger, mit Speeren, so lang wie Zahnstocher vor seinem Knie auf dem breiten Ast.
Zornig schienen sie ihn anzusehen. Seine Stirn runzelte sich. Da war das Baumvolk. Zumindest ein kleiner Teil davon.
„Hey?", begrüßte er die Männer.
Und sofort begannen sie alle wütend durcheinander zu rufen, und er verstand kein Wort der Sprache. „Ok!", unterbrach er sie mit erhobenen Händen. „Ich verstehe kein Wort. Was wollt ihr?" Verständnislos sah er die Männer an. Einer von ihnen, der besonders wütend war, hob den Speer und deutete auf seinen Kopf. Dracos Mund öffnete sich ratlos. War es eine Kriegserklärung?
Und in den gegenüberliegenden Wipfeln ragten weitere kleine Köpfe aus den Blättern. Grob konnte er vielleicht fünfzig Gestalten ausmachen.
„Saleng'a!", rief der wütende Mann vor ihm und deutete wieder mit dem Speer auf seinen Kopf. Alle anderen nickten etwas unwirsch. Dracos Kiefer lockerte sich. Was sollte das? Wild fuchtelte der kleine Mann jetzt mit dem Speer, schien sich zu wappnen, und Draco befürchtete, dass er ihn tatsächlich mit einem Zahnstocher angreifen würde. Er lehnte sich kopfschüttelnd vor.
„Was?", entfuhr es ihm ratlos, aber die kleinen Männer vor ihm zuckten zurück, als sich sein Oberkörper ihnen näherte. Der kleine Speer zitterte in der Hand des kleinen Mannes, und deutlich las Draco die Todesangst auf seinem Gesicht. Er verdrehte die Augen. „Soll ich gehen?", stellte er die nächste Frage, denn er nahm an, es gab ein territoriales Problem. Ansonsten konnte er sich die Aufregung nicht erklären. Wieder fuchtelte der kleine Mann vor ihm, fixierte einen Punkt neben Dracos Kopf, und Draco wandte den Blick.
Oh. Das hatte er nicht gesehen. Scheinbar hatte er die letzten Wochen gegen einen hohlen Stamm gelehnt. Denn erst jetzt erkannte er auf Kopfhöhe die feinen Kerben. Es schien eine Art Tür zu sein, die in den Stamm führte. War es ihr Haus?
Er begutachtete die Holzarbeit ein wenig verständnislos, und dann rief der kleine Mann wieder. „Saleng'a!" Und diesmal hörte es Draco. Etwas klopfte von innen gegen den Stamm. Sein Gewicht schien die kleine Tür versperrt zu haben. Er wandte den Blick zurück.
„Da ist jemand drin?", entfuhr es ihm überrascht, und die Männer hoben die Speere wieder, als Draco sich umwandte, und die Fingernägel in die gekerbten Ritzen grub. Wild schrien die Männer, aber Draco bemühte sich nicht, irgendwelche Worte zu verstehen. Mit einiger Mühe lockerte er das Holz und schaffte es, die schmale Platte aus den Kerben zu ziehen. Merlin, er hatte den Weg in ihr Haus versperrt.
Aber kaum hatte er das Holz gelöst, musste er sich korrigieren. Nein, nicht das Haus, sondern die Schatzkammer. Der hohle Stamm im Innern war mit allerlei Schätzen gefüllt. Nagetierschädel, Piratenmünzen, viel zu schwer, als dass ein kleiner Mann überhaupt eine tragen konnte. Edelsteine, noch und nöcher, und Draco fragte sich unwillkürlich, ob das Baumvolk Gold und Glitzertand einfach nur schön fand, oder ob es eine andere Bewandtnis hatte?
Und dann krabbelte ein kleineres Wesen aus den Edelsteinen hervor. Er erkannte sofort, dass es ein Mädchen war, denn sie trug ein kleines weißes Kleid. Ihr Haar war länger, und – er wusste einfach, dass es ein Mädchen war.
Er spürte, wie ihn ein mutiger kleiner Mann mit dem Speer ins Knie stach, aber er ignorierte den minimalen Schmerz, öffnete die Handfläche, und hielt sie vor das Baumloch. „Es ist ok", sagte er ruhig, nickte dem kleinen Mädchen zu, und ihre winzigen Augen schienen ihn zu mustern. Und dann schien sie nachzugeben, setzte ihren winzigen Fuß auf seine Handfläche, dann den nächsten, und vorsichtig hob er sie hinab zu den zornigen kleinen Männern, die innegehalten hatten.
„Saleng'a!", rief der mutigste von ihnen, und Draco begriff, dass es wohl ihr Name war. Der kleine Mann zog sie in seine Arme, und Draco begriff die ganze Dramatik, die sich vor seinen Augen abspielte. Merlin, seit wie vielen Tagen saß die Kleine wohl schon fest? Dann sahen ihn die Männer schließlich wieder an.
Und der erste verneigte sich tatsächlich vor ihm. Dann wiederholten die anderen die Geste mehr oder weniger halbherzig, und der erste Mann sprach schnell auf ihn ein, deutete auf das Mädchen, und Draco war sich nicht sicher, ob es Vater und Tochter waren. Aber irgendeine Verbindung bestand. Dann griff der Vater etwas vom Kopf des Mädchens, was Draco bewusst nicht wirklich wahrgenommen hatte, aber es funkelte jetzt golden im Tageslicht.
War es eine Krone, fragte er sich amüsiert, aber der Mann hielt sie ihm mit beiden Händen entgegen. Draco runzelte die Stirn. Nein, in seinen Dimensionen war es keine Krone, es… war ein Ring?!
Ein goldener Ring mit einem grünen Smaragd in der Mitte, gesäumt von kleineren Smaragden. Sein Mund öffnete sich verstört. Er kannte den Ring.
Scheinbar bot der kleine Mann ihm den Ring als Dank an. Verblüfft akzeptierte Draco diese Geste. „Danke", murmelte er, mehr als verstört. Bevor er den Ring näher in Augenschein nehmen konnte, fuchtelten die Männer wieder mit ihren Speeren, und Draco begriff, er sollte die kleine Luke wieder verschließen.
Dies tat er mit ungläubigem Blick, und kaum dass das Holz den Schatz des Baumvolks wieder verbarg, verschwanden die kleinen Wesen hastig wieder. Er nahm an, er würde sich nicht mehr den höchsten Baum aussuchen, um seine Zeit dort zu verbringen, aber verwirrt öffnete er seine Handfläche wieder.
Diesen Ring hatte er verloren, als er acht Jahre alt gewesen war. Pansy und Blaise waren an diesem Tag in seinem Haus gewesen, und sie waren verbotenerweise in das Schlafzimmer seiner Eltern gegangen, und schnell hatte Pansy die Schmuckschatulle seiner Mutter entdeckt. Sie hatten gespielt, und wie immer, wenn Pansy mit dabei war, mussten sie Hochzeit spielen. Pansy hatte sich in eines der Seidenlaken gewickelt, und sich diesen Ring ausgesucht, mit dem Blaise um ihre Hand anhalten musste.
Diese lächerliche Zeremonie hatte draußen stattgefunden, und seine Mutter hatte einen halben Tobsuchtsanfall bekommen, als sie begriffen hatte, dass Pansy eines der Seidenlaken mit Grasflecken ruinierte. Sie waren schleunigst geflohen, und kurze Zeit später hatte Pansy geheult, weil der zu große Ring von ihrem Finger gefallen war.
Es hatte nicht lange gedauert, bis Narzissa es gemerkt hatte, und Draco musste die Geschichte beichten. Die Elfen hatten den gesamten Garten umgraben müssen, aber wahrscheinlich war einer der Niffler schneller gewesen, die Narzissa mit dem Alles-weg-Gartenfluch-Mittel nicht erwischt hatte, und hatte den Ring irgendwo tief ins Erdreich gegraben, wo ihn nicht mal die Elfen finden konnten.
Und dieser Ring lag nun glänzend und golden in seiner Hand. Mit verengten Augen las er die Inschrift: ADM+CM1947. Da hatten seine Großeltern geheiratet. Abraxas und Cressida. Es war der Ehering seiner Großmutter gewesen.
Was bei Salazar tat dieser Ring hier auf der Insel?!
Wieso war diese Insel vollkommen fremd und doch… zeigten sich immer mehr und mehr Dinge von ihrem Zuhause? Dumbledore? Hagrids Hütte? Märchengestalten aus seinen Kinderbüchern? Erinnerungen aus seiner Kindheit?
Es machte keinen Sinn. Überhaupt keinen.
