33. Pain & Punishment
Ihr Mann war niemand, der besonders offen oder gerne seine Gefühle zeigte. Auch sie hatte sich geschworen, nicht zu weinen. Dies war keine Beisetzung. Die Beisetzung hatte bereits stattgefunden, auf ihrem Grund und Boden, in ihrer privaten Gruft.
Dies war mehr eine offizielle Funktion, aus der weder sie noch Lucius einen Ausweg gefunden hatten. Der Minister hatte viele Worte gesprochen, hatte es einen Unfall genannt, eine Tragödie, einen unausweichlichen Tribut, den der Krieg von vielen forderte. Durch die Blume hatte er mehr als deutlich erklärt, dass das Ministerium nichts weiter tun konnte.
Es waren Monate vergangen, ohne irgendein Zeichen, ohne den kleinsten Hinweis.
Und Lucius hatte sich umgehört. Die Auroren, unter ihnen auch Harry Potter, hatten Versuche angestellt, Theorien entworfen, eine absurder als die nächste, aber, wenn Lucius richtig verstanden hatte, war noch nicht jede Hoffnung verloren, auch wenn der Minister es ihnen gerade anders verkaufte.
Narzissa war sich allerdings nicht sicher, ob es eine bessere Lösung wäre. Natürlich hatte sich Lucius um Rat bemüht, hatte namenhafte Verteidiger befragt, wie ein mögliches Verfahren ausgehen würde, würde Draco tatsächlich wieder nach Hause kommen.
Es hing von vielen Faktoren ab, hatte Thomas Headley, ihr Strafverteidiger, gesagt, für den sie im Voraus schon sehr viel Gold bezahlt hatten. Er war es gewesen, der auch Lucius eine faire Verhandlung beschert hatte. Und Lucius war freigesprochen worden, da es letztendlich keinen Beweis gegeben hatte, dass er tatsächlich am Endkampf teilgenommen hatte. Aber sollten Draco und dieses Mädchen wieder auftauchen, dann wären die Umstände zunächst eindeutig belastend auf Dracos Seite. Dann wäre offensichtlich, dass Draco am Endkampf teilgenommen hatte, es wäre offensichtlich, dass er versucht hatte, den Portschlüssel zu retten, damit Voldemort hätte entkommen können. Die Aussage des Mädchens wäre noch ein weiterer Nagel zu seinem – momentan – zweiten Sarg, und Narzissa mochte sich gar nicht ausmalen, was für ein herber Schlag es für ihren Ruf und den guten Namen wären.
So gut der Name eben noch war.
Lucius hatte nach dem Ausgang gefragt. Was es unterm Strich bedeuten würde.
Und Headley hatte es sehr forensisch zusammengefasst. Draco hätte sich der versuchten Fluchthilfe, des Kriegsverbrechens und zahlreichen anderen Verbrechen strafbar gemacht, je nach dem, was er dem Mädchen sonst noch angetan hatte – wo auch immer sie waren, falls sie noch lebten. Und die Last des Entlastungsbeweises ruhte allein auf Dracos Verteidigung. Nur die Entführung hatte keinen Weg auf die Liste gefunden, denn nach Zeugenaussagen hatte das Mädchen selber versucht, den Portschlüssel zu zerstören und hatte sich eigenverantwortlich selbst in Gefahr gebracht.
Nicht, dass das half. Headley schätzte das Strafmaß auf zehn bis fünfzehn Jahre. Wenn nicht mehr. Je nach dem. Und Narzissa konnte es nicht ertragen. Sie konnte kaum ertragen, ihren Sohn beerdigen zu müssen, obwohl ungewiss war, ob er noch lebte oder nicht. Und sie konnte nicht ertragen, zu wissen, dass, wenn er noch lebte, er den Großteil seiner Zukunft in Askaban verbringen sollte.
In Askaban! Sie schloss kurz die Augen.
Der Minister hatte seine furchtbare Rede beendet. Und Harry Potter betrat das Podium. Anscheinend ließ auch er es sich nicht nehmen, noch mehr Worte zu äußern. Sie hoffte nur, er würde sie nicht öffentlich diffamieren. Es war sehr unangenehm, hier zu sein, in der Unterzahl, während der gesamte Weasley-Clan ihnen tödliche Blicke zuteilwerden ließ.
Oh ja, Narzissa war nicht blind.
„Hier her zu kommen, mit dem Gedanken, einen geliebten Menschen aus unserer Mitte vielleicht nicht wiederzusehen, ist ein schwerer Gang", begann Potter nun tonlos seine Rede. „Ganz bestimmt für uns alle." Lucius' Oberlippe kräuselte sich in stummer Ablehnung. „Vielleicht waren wir zu leichtsinnig, diesen Krieg gewinnen zu wollen – komme was da wolle. Vielleicht hätte wir nicht alles riskieren müssen. Vielleicht hätte Hermine… nicht alle aufs Spiel setzen sollen", schloss Potter kopfschüttelnd. „Ich bereue, dass sie das Bedürfnis hatte, es doch zu tun."
Und Narzissa begriff nicht, wie manche Menschen so offen sprechen konnten. Als ginge es die Leute tatsächlich etwas an. Als interessierte es irgendwen.
Sie mied den Blick auf den Jungen, der überlebte. Es war ihr unangenehm. „Aber… Hermine ist nicht tot. Das weiß ich. Und ich kann nicht erwarten, dass sie endlich wieder nach Hause kommt. Denn das wird sie. Das hier ist kein Abschied." Anscheinend brauchte er diese Worte, musste sie laut sagen, und all die Weasleys, die sie an den Händen nicht abzuzählen vermochte, nickten überwiegend in stummem Einverständnis. Und sie spürte, dass der Junge sie ansah. Sie und Lucius. Fast automatisch hob sich ihr Blick. „Sie werden beide wiederkommen", schien er ihnen zu versprechen, und Narzissa wünschte fast, er würde es nicht tun.
Bestand nun der Zwang, dass sie es ebenfalls taten? Mussten sie zu den Angehörigen oder Freunden dieses Mädchens gehen und ihnen versichern, dass… sie wieder nach Hause käme? Narzissa war nichts egaler, als das Schicksal irgendeiner Muggelgeborenen. Sie wollte kein Verständnis heucheln müssen, denn… sie standen auf gänzlich verschiedenen Seiten. Sie erinnerte sich, dass vor allem Arthur Weasley ihnen schwere Steine in den Weg gelegt hatte, denn er war einer der Zeugen gewesen, die geschworen hatten, Lucius im Endkampf erkannt zu haben. Erfolglos, Merlin sei Dank. Aber sie blickte Potters unausgesprochener Aufforderung nicht mit Freude entgegen.
Sie wollte mit keinem dieser Leute auch nur einen Blick wechseln, geschweige denn auch nur ein einziges Wort. Und selbst wenn Draco nach Hause kam, wäre es kein schöner Empfang.
Lucius rührte sich nicht, als Potter das Podium verlassen hatte. Sie rührten sich beide nicht, waren in Begleitung ihrer Berater, standen soweit wie möglich abseits, und einige Schaulustige lugten immer wieder in den offenen geschmückten Saal im Ministerium, wo diese unnütze Feier gehalten wurde. Sie waren vielleicht fünfzehn Leute, aber es fühlte sich erdrückend an.
„Danke, dass Sie alle gekommen sind. Wir bedauern Ihren Verlust", endete der Minister, und mit einem Nicken waren sie alle verabschiedet. „Bedienen Sie sich bitte am aufgebauten Buffet."
Zum Leichenschmaus wollte sie wirklich nicht bleiben. Und sie nahm an, sie kannte ihren Mann gut genug, um zu wissen, dass auch er das nicht wollte.
Aber schon hatte sich Arthurs Frau einen Weg zu ihnen gebahnt. Narzissa hatte keine guten Gefühle gegenüber den Weasleys. Nicht eines. Diese Frau hatte ihre Schwester getötet. Zwar im Kampf. Zwar zur Verteidigung, aber… Bellatrix war tot wegen ihr. Sie spürte förmlich, wie Lucius neben ihr zu Stein wurde.
„Mrs Malfoy, Mr. Malfoy", begrüßte sie sie jetzt mit belegter Stimme. „Wir haben unsere Differenzen", begann sie zögernd, und Narzissa war überrascht, dass sie selber bereits sprach.
„Differenzen würde ich es nicht nennen", entkam es scharf und kalt ihren Lippen, ohne Begrüßung und ohne die gebotene Form der Höflichkeit, welche zwar gerade unter Reinblütern von entscheidender Wichtigkeit war, aber diese Leute waren Blutsverräter! Nichts weiter. Lucius' Kopf neigte sich leicht, und sein Blick war mahnend. Aber diese Frau hatte ihre Schwester getötet! Narzissa würde sich nicht dahingehend demütigen lassen, ihre Gefühle unterdrücken zu müssen, weil irgendeine Muggelgeborene verschwunden war!
„Der Krieg ist vorbei. Und das ist gut", fuhr die rundliche Frau beinahe beschwichtigend fort. „Ich hege keinen Groll gegen Sie oder Ihre Familie. Ich wünsche nur, dass die Kinder unbeschadet nach Hause kommen." Unbeschadet! Dass sie nicht lachte. Und nein, diese Frau hatte kein Recht, überhaupt von einem Groll zu sprechen! Sie hatte ihre Schwester getötet, wenn überhaupt dann-!
„Wir danken Ihnen", sagte Lucius tatsächlich mit Nachdruck, denn wahrscheinlich spürte er, dass Narzissa kurz vor der Explosion stand. Er war immer schon der Diplomat gewesen. Wenn auch nur in der Öffentlichkeit. Garantiert nicht Zuhause.
„Ich hoffe, wir können dies zum Anlass nehmen, unsere Uneinigkeiten zu vergessen? Wir sind schließlich alle auf derselben Seite, nicht wahr?" Diese Leute waren unfassbar, fand sie. Ihre Hände hatten sich zu harten Fäusten geballt, aber Lucius nickte, magischerweise ohne zu schreien.
„Natürlich, Mrs Weasley." Narzissa musste ihm lassen, dass er ein exzellenter Schauspieler war.
„Ich kann das nicht", brachte Narzissa jedoch gepresst hervor, und sie hörte Lucius ausatmen. Sie konnte sich nicht verstellen. Nicht hier. Nicht heute. Nicht vor… diesen Menschen!
„Wie schade", erwiderte die Frau vor ihr dreisterweise enttäuscht. „Ich fühle mit Ihnen. Ein Kind zu verlieren, ist eine furchtbare Angelegenheit. Vielleicht werden wir uns… irgendwann einmal verstehen." Leicht für diese Furie zu sagen, dachte Narzissa. Hätte sie einen Stall voller unerzogener Gören wie Mrs Weasley, dann würde sie auch eine heitere Miene machen, aber sie hatte nur den einen Sohn! Nur den einen! Und der würde nach Askaban kommen, sollte er überhaupt lebendig wiederkehren.
Am besten wäre Draco längst tot, um ihnen diese Schande zu ersparen, dachte sie plötzlich.
Und betroffen löste sich der Druck in ihren Händen.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, und… halten Sie einfach durch", schloss sie, verabschiedete sich, aber Narzissa sah sie schon nicht mehr an. Lucius atmete schließlich aus.
„Du hättest einfach den Zauberstab ziehen können, Darling", murmelte er kühl. „Das wäre weitaus weniger unhöflich gewesen."
„Ich möchte gehen", sagte sie steif. „Jetzt", fügte sie eindringlicher hinzu. Lucius nickte lediglich, und sie und die Berater setzten sich in Bewegung, verließen diesen bedrückenden Saal und alle Weasleys, die sich hier befanden.
Gerade rechtzeitig, denn Narzissas plötzliche Gedanken hatten die Tränen in ihre Augen getrieben.
„Was ist?", wollte Lucius einigermaßen gereizt wissen. „Versuche, dich noch ein wenig zu beherrschen, Merlin noch mal", knurrte er beinahe, aber Narzissa brach schluchzend in Tränen aus, verbarg ihr Gesicht in ihren Händen, und sie registrierte, dass Lucius die Berater voranschickte. „Bitte, komm", ermahnte er sie steif. Aber sie ließ die Hände sinken, sah ihn verschwommen vor sich, und wieder einmal konnte sie nicht anders, als ihre Gedanken laut zu äußern. So war sie eben. Sie konnte es nicht ändern.
„Wäre es besser, wenn er nicht wiederkäme?", fragte sie ihn heiser, und er runzelte verstört die Stirn.
„Was?", entfuhr es ihm zornig.
„Draco", flüsterte sie. „Wäre es besser, er wäre längst tot?" Denn sie wusste nicht, ob es schlimme Gedanken waren, oder ob es gnädige Gedanken waren. Kurz öffnete sich Lucius' Mund. Dann atmete er aus. „Ich meine, fünfzehn Jahre Askaban sind doch wie ein Tod, oder nicht?" Ihre Stimme zitterte bereits. Lucius verdrehte die Augen über sie.
„Ich weiß es nicht", entkam es ihm barsch. „Vielleicht wäre es besser", räumte er schließlich ein. „Für ihn zumindest", ergänzte er dann. Er wandte sich zum Gehen.
„Vermisst du ihn?", fragte sie ihn plötzlich, und er schoss ihr einen verständnislosen Blick zu.
„Bitte, setz dich in Bewegung, ich möchte hier wirklich keine Wurzeln schlagen, Narzissa. Ich bitte dich!", knurrte er jetzt, aber sie blieb, wo sie war. Sie konnten doch beide unmöglich denken, dass es besser wäre, wäre ihr eigener Sohn längst tot! Sie sah in sein Gesicht, während eine weitere Träne ihre Wange hinabrollte. Ihr Gesicht brannte heiß vor Scham. „Stures Weib", murmelte er kopfschüttelnd, ergriff ihr Handgelenk und zog sie mit sich.
„Lucius!", sagte sie rau, aber sie ließ sich mitziehen.
„Was?" Er sah sie nicht an. „Ob ich ihn vermisse? Ich weiß es nicht", informierte er sie barsch. „Sobald ich es jedoch tun sollte, sage ich dir Bescheid, in Ordnung?", knurrte er gepresst, und wieder nahmen heiße Tränen ihr die Sicht.
Selten kam er in den dritten Stock. Wenn überhaupt. Hier befanden sich die Wäschezimmer, die Gästezimmer, das Gästebad und… sein ehemaliges Zimmer.
Er schob die Tür lautlos weiter auf. Sie saß auf seinem Bett. Gedankenverloren, ein Buch in den Händen.
„Bist du soweit?", fragte er sie, um Ruhe bemüht. Um Gleichmut, um… er wusste es nicht wirklich. Ihr leerer Blick hob sich zu seinem Gesicht. „Es wird Zeit. Sie erwarten uns im Club", erinnerte er sie überflüssigerweise.
„Mir ist nicht nach Gesellschaft", erwiderte sie tonlos.
„Narzissa, ich bitte dich", entfuhr es ihm genervt.
„Warst du überhaupt wieder in seinem Zimmer?", wollte sie entrüstet von ihm wissen, und er öffnete überrascht den Mund.
„Nein. Was sollte ich hier?", entgegnete er entgeistert. Auch all die Jahre vorher hatte er Dracos Zimmer selten betreten. Und wieder weinte seine Frau. Er hatte geahnt, dass es ein immenser Fehler sein würde, im Ministerium aufzutauchen, aber sein Rechtsmagier hatte es ihm dringend angeraten. Er atmete aus und kam zu ihr, um sich neben sie auf das Bett zu setzen. „Was ist in dich gefahren?"
„Ich… ich weiß es nicht. Ich…- Lucius, ich will nicht, dass er tot ist", flüsterte sie erstickt. Er runzelte die Stirn. Erschöpft atmete er aus.
„Wir haben ihn beerdigt, Narzissa. Dass er wiederkommt, ist… wirklich unwahrscheinlich. Wir sollten uns damit abfinden. Ich halte es für unklug, sich den Fantasien hinzugeben, wie es vielleicht dieser Potter-Junge tut", schloss er sanfter. „Vielleicht… sollten wir dieses Zimmer renovieren", fuhr er nachdenklich fort. „Selbst wenn Draco unter Umständen wiederkommen sollte, wird er es sowieso lange Zeit nicht nutzen können."
„Vielleicht…", murmelte sie tonlos, und er war dankbar, etwas Bestätigung von ihr zu bekommen. Er sah die Dinge nicht so ernst wie Narzissa. Er hatte getrauert, er hatte den Schmerz überwunden. Er hatte auch kaum Zeit, etwas anderes zu tun. Der Richter war freundlich genug gewesen, ihm eine Bewährungsprobe aufzuerlegen, und es schlug ihm schon aufs Gemüt, zur Strafe zwangsversetzt in der Abteilung für Magische Kreaturenhilfe zu arbeiten. Sei es auch nur für zwanzig Stunden im Monat.
Und sollte Draco wiederkommen, dann würde er die Haft absitzen. Lucius war selber in Askaban gewesen. Es war nicht nett. Es war kein Urlaub, aber… es würde schon gehen. Dann käme er irgendwann wieder nach Hause. Narzissa machte sich Sorgen um den Namen, den Ruf, aber Lucius wusste, es hing ohnehin alles in der Schwebe. Hauptsache ihm blieben seine Konten in Gringotts erhalten. Mehr beschäftigte ihn kaum. Wenn Draco tot war, hatten sie ihn standesgemäß beerdigt. Wenn er lebte, dann würde er die Strafe absitzen, und dann würden sie weitersehen.
„Es könnte ein Hobbyzimmer werden. Du könntest wieder malen?", schlug er neutral vor. Sie nickte abwesend, schien ihm nicht zuzuhören. Er hatte Algernon Goyle versprochen, pünktlich zu sein. Zwar hielt er nicht viel von ihm, aber Algernon brachte heute sein neues magisches Jagdgewehr mit in den Club. Es besaß einen Doppellauf mit magischem Fokus und internem Stabilisator. Das beste auf dem Markt.
„-ein Kinderzimmer werden?" Narzissas Stimme drang in seine Gedanken.
„Was?", fragte er etwas abwesend und sah sie wieder an. Ihre Tränen waren versiegt.
„Es könnte ein neues Kinderzimmer werden", wiederholte sie scheinbar mit großen Augen. Er blinzelte verstört.
„Was?", wiederholte er tatsächlich verständnislos.
„Wir könnten ein zweites Kind haben", eröffnete sie ihm. Langsam öffnete sich sein Mund. Was?! „Ich meine, ich bin nicht zu alt. Wir könnten einer Risikoschwangerschaft leicht mit Magie entgegenwirken. Es wäre kein Aufwand", sagte sie hastig.
„Narzissa", begann er langsam, denn es käme nicht in Frage, ein zweites Kind zu bekommen.
„Wir… wir könnten es diesmal richtig machen!", beteuerte sie heiser. „Wir…"
„Ich will kein Kind mehr", unterbrach er sie fassungslos. Sie schwieg abrupt. Wieder sah er, wie ihre Augen glasig wurden.
„Aber… wir haben keins mehr", flüsterte sie erstickt. „Wir haben niemanden mehr." Er sah sie überfordert an. Er hatte das hinter sich. Er war dreiundvierzig Jahre alt. Er war zu alt für ein weiteres Kind. Viel zu alt. Er war froh, dass sie das Haus behalten konnten, dass es keine schlimmeren Konsequenzen als die Strafversetzung gegeben hatte! Und Narzissa wäre sechzig, wenn dieses Kind erst mal zwanzig wäre! So wollte er sein Alter nicht verbringen.
„Das stimmt nicht", widersprach er, denn ihre Freunde warteten im Club bereits auf sie. Sie hatten genug Rückhalt. Alle ihre Freunde waren schließlich auf der Beerdigung gewesen. Es war einfach zu viel für Narzissa. Sie würde es irgendwann überwunden haben, nahm er an. Jetzt gerade war sie einfach… noch in Trauer.
„Ich will ein zweites Kind", verlangte sie tonlos, und er schloss die Augen, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und wusste nicht, was in sie gefahren war. Vielleicht sollte sie sich therapeutische Hilfe suchen, dachte er knapp. Er könnte morgen einen Termin bei Heiler Atwell machen, überlegte er.
„Narzissa", sagte er wieder, aber sie hatte sich voller Tatendrang erhoben, hatte das Zimmer verlassen, und wusste Merlin, wohin sie ging. Er hörte, wie ihre Schritte verklangen, und jetzt saß er allein auf Dracos Bett. Das Buch, was Narzissa in den Händen gehalten hatte, lag vergessen neben ihm.
Er betrachtete das Zimmer. Das Bett war gemacht, der Schreibtisch war leer, die Schranktüren sauber verschlossen. Nicht viel deutete darauf hin, dass hier überhaupt jemand gewohnt hatte, dachte er beinahe. Träge erhob er sich. Es waren anstrengende Tage gewesen.
Er ging zum Schreibtisch, zog die rechte Schublade auf, aber sie war leer. Er schob sie wieder zu und zog die linke auf. Auf den ersten Blick erkannte er eine Reisefeder, das bereits angelaufene Vertrauensschülerabzeichen, ein paar leere Blätter Pergament, und er konnte nicht behaupten, dass Draco ein besonders interessanter Mensch gewesen war.
Persönlich konnte er sich an kein Gespräch mehr erinnern. Zum Ende des Krieges, war Lucius immer häufiger enttäuscht gewesen, denn Draco hatte nicht einmal die simpelsten Aufgaben erfüllen können. Und eigentlich zeigte auch sein Verschwinden lediglich nur, dass er es nicht geschafft hatte, sich rauszuhalten, zu erkennen, wann es richtig gewesen wäre, zu fliehen, und wenn Lucius an ihn dachte, erfüllte ihn eine Art stummer Zorn. Eine bittere Enttäuschung, denn alle anderen Söhne hatten es hervorragend gemeistert, sich aus der Affäre zu ziehen.
Nur Lucius war mit dem Pech gestraft, einen Sohn zu haben, der es nicht verstanden hatte, sich vernünftig zu profilieren, sich in Szene zu setzen, seinem Namen Ehre zu machen. Zornig schob er die Schulblade wieder zu. Draco hatte es nicht einmal zum Schulsprecher geschafft.
Und bei Lucius' Glück, würde Draco wiederkommen. Mit dem Mädchen. Und sie würde garantiert nicht für ihn aussagen. Sie würde ihm nicht helfen. Und würde er zurückkommen, würde sich Draco vielleicht auch noch ungeschickt anstellen und dann würde sein, Lucius', Verfahren womöglich erneut eröffnet werden! Merlin!
Vielleicht wäre ein Tod ehrenhafter. Dann wäre Draco im Krieg gefallen, und niemand auf ihrer Seite könnte ihn sonderlich dafür hassen, nahm Lucius an. Draco hatte sein Bestes versucht. Zumindest das.
Nein. Er vermisste ihn nicht wirklich, ging ihm plötzlich auf. Draco hatte das System nie verstanden. Er hatte nie zu ihnen gepasst, hatte Befehle nie gut ausgeführt. Lucius hatte nie viel mit seinem Sohn anfangen können. Er war ein unauffälliges Kind gewesen und später ein mittelmäßiger junger Mann. Nichts Besonderes. Keine Strafe, aber… wirklich auch kein Segen.
Lieber würde er das leidige Kapitel abhaken. Es hatte mit dem Familienleben eben nicht funktioniert. Manche hatten Pech. So war es eben. Und solch ein Risiko würde er garantiert nicht noch einmal eingehen.
Der Ordnung halber schritt er zum Bett und griff sich das Buch, um es wieder in das überschaubare Regal zu stellen. Es war ein Kinderbuch, stellte er fest. Der Einband schon etwas mitgenommen und an den Seiten eingerissen. Abwesend blätterte er durch die alten Seiten. Handgemalte Bilder bewegten sich in bunten Farben, zeigten einen dichten grünen Dschungel, einen schwarzen Tiger wie es schien, und auf der letzten Seite fiel sein Blick auf das bewegte Meer, während sich langsam viele schwarze Köpfe aus dem gemalten Wasser erhoben, die wohl alle demselben Seemonster zu gehören schienen, welches dabei war, ein Boot anzugreifen.
Seufzend klappte er das Buch zu, stellte es zurück, aber es erinnerte ihn daran, dass er sich jetzt das fantastische Gewehr ansehen gehen würde, ob Narzissa nun mitkam oder eben nicht. Auch das war etwas, wofür Draco nie Begabung gezeigt hatte. Lucius war stets auf die Jagd gegangen, aber Draco würde mit dem teuersten magischen Präzisionsgewehr nicht einen lahmen Hippogreif zu Strecke bringen, selbst wenn dieser ihm den Lauf halten würde. Draco war kaum in der Lage, für sich selbst zu sorgen, dachte Lucius seufzend, als er das Licht löschte und das Zimmer verließ.
Seinen Sohn hatte er beerdigt, soweit er es beurteilte. Und wie er es einschätzte, blieb Draco besser tot. Es ersparte ihnen allen eine Menge weiteren Ärger. Wie sollte Draco auch so lange auf sich selbst gestellt überlebt haben?
Es war unmöglich.
