37. The Sword in the Stone
Er saß vor der Höhle an den Fels gelehnt, hing seinen vielen Gedanken nach, und obwohl sie ihm die Vision bereits beschrieben hatte, war es doch etwas vollkommen anderes gewesen, sie selbst zu sehen. Den Jungen zu sehen.
Er sah die Ähnlichkeit nicht. Aber konnte man es selbst beurteilen? Vielleicht… mochte es oberflächlich stimmen. Die Größe, die Haarfarbe. Er schloss die Augen.
Er wusste nicht, was in sie gefahren war. Er wusste nicht, weshalb sie jetzt wieder gestritten hatten. Lag es an ihm? Irgendwie wusste er, dass er falsch reagiert hatte, auf irgendetwas, was sie gesagt hatte.
War es, dass sie bleiben wollte? Bis Frühling? Aber… was hätte er dazu sagen sollen? Es war schwer genug, von Tag zu Tag zu existieren, zu wissen, dass es bald vorbei wäre. Und dachte sie, es wäre leicht? Dass er alles einfach abschütteln und verdrängen konnte? Er tat es hier für sie! Nur für sie. Nicht für sich!
Je länger er hier blieb, umso schwieriger war es, zu gehen.
Und irgendwann müssten sie gehen. Wieso machte sie es so schwer? Er glaubte nicht, dass sie ihn damit verletzen wollte. Aber er wollte keine Gefallen von ihr. Es schickte ein erbärmliches Gefühl durch seinen Körper.
Er nahm an, sie war bereits am Boot, begutachtete die Schäden und was es alles zu reparieren gab. Er sollte ihr folgen. Denn egal, wie viel sie stritten, es half nicht. Es musste weitergehen.
Außerdem hatte er etwas erkannt, was ihr anscheinend entgangen war. Das Schwert des Jungen – er hatte es erkannt. Es war lange her, dass er es das letzte Mal gesehen hatte, aber er war sich sicher.
Glänzendes Silber, der Schaft eingefasst mit funkelnden Rubinen. Es konnte nur eins bedeuten!
Aus irgendeinem Grund hatte der Junge das Schwert von Gryffindor besessen, und Draco wusste bei seinem Leben nicht, wie er daran gekommen war.
Es warf alles hundert Fragen mehr auf, und scheinbar reichte es nicht aus, dass sie zu zweit ein verdammtes Boot restaurierten, nein! Sie mussten auch noch ein dämliches Schwert finden.
Und was für eine Wahl hatte er? Die Zeit würde vergehen, und er musste irgendetwas tun.
Umständlich erhob er sich, noch immer etwas träge vom vorangegangenen Sex, und er hatte kaum Zeit gehabt, diese Eindrücke wirklich zu verarbeiten.
Denn – großer Merlin! Was Granger vorhin getan hatte…! Er glaubte nicht, dass er diese Bilder jemals loswerden würde.
Fast wäre er in ihrem Mund gekommen, es hatten nur Sekunden gefehlt. Wie sie ausgesehen hatte! Wie perfekt es gewesen war. Wie ihre Berührungen zuerst zaghaft gewesen waren und dann immer fordernder geworden sind. Kopfschüttelnd setzte er einen Fuß vor den anderen.
Es versetzte ihm einen herben Stich, daran zu denken, wie oft er wohl noch dieses Vergnügen haben würde. Wahrscheinlich nicht mehr oft. Nach heute.
Seufzend apparierte er, und seine Füße schlugen hart in den weichen Dschungelboden, als er vor dem Boot ankam. Auf den ersten Blick konnte er sie nicht entdecken. War sie überhaupt hier? Er näherte sich dem riesigen Wrack, und bei helllichtem Tage sah er deutlich, was alles repariert werden müsste.
Die Schiffswand, die Segel, das Steuerruder, Teile des Hauptmasts…- und wahrscheinlich wäre das nur möglich, wenn sie von den anderen Wracks Teile austauschen würden. Sofern sie denn schnell waren und den Alligatoren auswichen. Er hasste diese Insel. Und er glaubte, sie hatte Recht. Die Insel machte es mit Absicht schwer, zu entkommen.
Und mit Grauen dachte er an das Monster. Zwar klammerte er sich an die Vision von Potter, der bestätigt hatte, dass sie wiederkämen, aber bis dahin war es noch ein weiter Weg. Und vielleicht konnten sich Visionen ändern? Vielleicht wurden sie doch vom Monster gefressen? Dass sie wussten, was sie auf dem offenen Wasser erwarten würde, war nicht sonderlich hilfreich, wenn die einzige Waffe gegen solch ein Biest ein verdammtes Schwert war, was sie weder besaßen, noch wirklich damit umgehen konnten.
Es war ein magisches Langschwert, Salazar noch mal! Es war nicht sein vertrauter Säbel, nein. Aber wahrscheinlich würde sein Säbel dem Biest nicht eine Schuppe vom Körper kratzen können.
Missmutig umrundete er das Schiff.
Zuerst glaubte er, seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu sehen, als er sie am Boden sah. Sofort setzten sich seine Beine in Bewegung. Sofort sandte sein Gehirn sämtliche Impulse, sofort zog er den Zauberstab, aber dann sah er, wie sie sich rührte, wie sie den Kopf auf die Seite des Mordeo legte.
„Granger!", entkam es ihm atemlos, und sie hob den Kopf erschrocken, denn sie hatte ihn nicht kommen hören. „Bist du ok?", fragte er sie. Sofort. Er musste es sofort wissen. Aber sie wirkte nicht verletzt. Sie wirkte unglücklich, aber das tat sie so häufig. Vor allem, wenn er in der Nähe war.
Dann erst erlaubte er sich, den Mordeo zu betrachten.
„Er lag hier", erklärte sie mit schmaler Stimme. Draco ging vor dem Tier in die Hocke. Sein Atem ging flach, fast rasselnd, und er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, eines der Tiere aus der Nähe zu betrachten, ohne dass ein Kampf involviert war.
Er hatte genug von ihnen getötet, um sicher zu sein, dass es alle waren, aber… wahrscheinlich hatte er diesen Streuner übersehen.
„Ich konnte keine Verletzung sehen", murmelte sie dann. „Und… ich konnte ihn nicht heilen", schloss sie stiller. Sofort hob sich sein Blick zu ihrem Gesicht.
„Heilen?", entfuhr es ihm fast unbeabsichtigt scharf. „Wozu willst du ihn heilen?" Betroffen sah sie ihn an.
„Weil ich ihn nicht sterben lassen wollte. Hier! Elendig allein!" Auch ihre Stimme wurde lauter. Die angestaute Luft entwich seinen Lungen.
„Vielleicht ist er krank", vermutete er bloß.
„Dann hätte ich ihn heilen können, oder nicht? Dieser Zauberstab kann alles richten", informierte sie ihn, wie immer ganz Gryffindor. Überheblich und stur.
Langsam fuhr seine Hand über das weiche Fell des Beißfuchses. Fast schimmerte es weiß. Träge öffneten sich die gelben Augen des Tieres. Es atmete mit geöffnetem Mund, und seine rosa Zunge hing halb auf dem Boden.
Dieses Tier starb gerade. Nur schwer hob sich seine tierische Lunge unter Dracos Hand. Er verengte die Augen. Was hatte es? Granger hatte Recht. Der Zauberstab heilte alle Verletzungen. Aber manche Krankheiten ließen sich selbst mit Magie nicht heilen. Er konnte sich nur nicht vorstellen, welche Krankheit das sein sollte.
Gedankenverloren streichelte auch ihre Hand über das weiche Fell, beruhigte das Tier, und eigentümlicherweise fühlte er sich an seinen Affen erinnert. Selten erlaubte er sich, an Skills zu denken. Er konnte nur hoffen, es ging ihm gut. Aber erinnern würde sich der Affe sowieso nicht können, wenn Granger den Zauber gut ausgeführt hatte.
„Ruhig", murmelte er bloß, streichelte den Kopf des hundeartigen Geschöpfs, und jetzt schien Kälte das Tier zu erfassen, denn seine muskulöse Haut zitterte unter ihren Händen. Müde hob das Tier den Blick, sah ihn an, und es lag nicht die artentypische Beiß- und Angriffslust in seinem Blick.
Es war ein kräftiges Tier. Es maß bestimmt zwei Meter von Kopf bis Schwanzspitze. Die Muskeln waren ausgeprägt, nicht geschwächt. Wenn es krank war, dann war es das noch nicht sonderlich lange.
Würgende Geräusche entkamen seiner Kehle, als bekäme ihm etwas nicht, aber dann ebbten die Bewegungen des Tieres ab, und tief atmete es ein letztes Mal, und mit einem ruhigen letzten Atemzug schlossen sich seine Augen.
Es war still. Granger zog die Luft durch die Nase, nahm ihre Hand zurück, und tatsächlich erkannte er Tränen in ihren Augen.
„Er hätte uns in Stücke gerissen", nahm er kopfschüttelnd an. Trotzig schob sie die Unterlippe ein Stück weit vor.
„Es ist ein armes Tier, und wir konnten ihm nicht helfen", flüsterte sie traurig.
„Nicht das schon wieder", murmelte er und schloss die Augen. „Nicht jedes Tier ist freundlich. Und dieses schon gleich gar nicht, verstehst du das?"
„Aber ich-", begann sie entrüstet, aber er verstand. Mittlerweile verstand er.
„-ich weiß", unterbrach er sie streng, „du wolltest ihm helfen. Das ist löblich, aber wir konnten hier nichts tun. Wahrscheinlich hat er sich vergiftet. Irgendwie."
„Wie… wie kommst du darauf?" Sie schien ihm kaum die Intelligenz einer Amöbe unterstellen zu wollen, ging ihm stirnrunzelnd auf. Er deutete demonstrativ auf den toten Mordeo.
„Sieh ihn dir an. Sieht nicht sonderlich krank aus. Sieht eigentlich ziemlich beißfreudig aus", fuhr er fort. „Also war es eine schnelle Ursache. Er wollte hier wohl Wasser trinken. Wahrscheinlich war es irgendetwas in der Nähe, was er gefressen hat und nicht verdauen konnte."
Beinahe schockiert sah sie ihn an. Nachsichtig hob sich seine Augenbraue.
„Ich bin nicht gänzlich dämlich, Merlin noch mal", entfuhr es ihm kopfschüttelnd. Ertappt schloss sich ihr halb geöffneter Mund.
„Ich habe nicht…-", begann sie, unterbrach sich aber wieder.
„Weißt du, ich habe genug von ihnen getötet, um die Schwachen von den Starken unterscheiden zu können."
„Schon klar", entgegnete sie fast kleinlaut. „Also…", begann sie unschlüssig, „wenn ich es nicht heilen konnte, dann… könnte es für uns gefährlich sein. Was auch immer es ist. Sollten wir… eine Autopsie machen?", schlug sie schließlich vor.
„Du willst ihn aufschneiden?", vergewisserte er sich, wenig begeistert.
„Das ist, was… eine Autopsie bedeutet, ja?", bestätigte sie mit erhobenen Augenbrauen, und er atmete aus.
„Meinetwegen. Aber nicht sofort", ergänzte er, als sie den Zauberstab bereits zog.
„Warum nicht?"
„Wenn du deine Zeit mehr dem Wild und den Bestien hier gewidmet hättest, dann wüsstest du, dass Blut eine Weile braucht, um zu gerinnen. Es sei denn, du möchtest gerne eine Sauerei veranstalten – bitte. Tob dich aus!", bemerkte er, wich ein Stück zurück, aber ihr Zauberstab sank unschlüssig.
„Du bist nicht völlig unbrauchbar, Draco Malfoy", erkannte sie, fast überrascht, fast anerkennend.
„Vielen Dank", entkam es ihm trocken.
Es war ein seltsamer Moment, indem sie beide einfach nur schweigend vor dem toten Mordeo standen und gar nichts taten.
Sie schien schließlich aus der Starre zu erwachen.
„Hast du… die Vision gesehen?", erkundigte sie sich, ohne ihn anzusehen. Er nickte lediglich, aber sie sah es aus den Augenwinkeln, nahm er an. „Tja…", machte sie dann.
„Wegen – wegen vorhin", begann er dann ruhiger, aber sie winkte ab.
„Vergiss es", sagte sie achselzuckend.
„Ich soll den neuesten Streit vergessen?", wollte er prüfend wissen. „Da war so viel Potential", bemerkte er spöttisch, aber sie seufzte laut.
„Ich… ich habe plötzlich Panik bekommen. Ich… konnte mir nicht mehr vorstellen, wie ein Leben Zuhause funktionieren soll." Sie gab diese Informationen einfach so preis. Aber noch immer sah sie ihn nicht an.
„Ohne was?", wollt er plötzlich wissen. Jetzt hob sich ihr Blick.
„Was?" Sie schien nicht zu verstehen.
„Wie es funktionieren soll, ohne was?" Überfordert sah sie ihn an. „Ohne mich, oder generell?" Er setzte seine Worte auf eine Karte und studierte ihr Gesicht. Und kurz trat die Erkenntnis in ihren Blick, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, dass sich ihre Wangen leicht verfärbten.
„Bild dir nicht zu viel ein", warnte sie ihn, aber sie klang nicht mehr wütend. Sie klang… normal. „Nein, generell." Sie log. Kurz zuckten seine Mundwinkel, aber er brach den Blick und sah nach unten, so dass sie es nicht sehen konnte.
Dann sah er sie wieder an. „Es wird funktionieren, so wie es hier auch funktioniert. Keine Sorge", schloss er neutral. Denn was anderes sollte er sagen? Sie mussten sich nicht gegenseitig versichern, dass sie beide Panik bekamen. Was half es? Und er musste zugeben, auch hier funktionierte es nicht wirklich. Sie standen immer nur vor Rätseln und stritten sich, wenn sie Sex hatten. Ideal war es nirgendwo, nahm er an.
Fast wollte er sie umarmen, wollte ihre Nähe spüren, aber er beherrschte sich. Er hatte das Gefühl, nach heute Morgen war wieder eine Tür zugefallen, die vielleicht seit einer Weile angelehnt offen gestanden hatte. Was auch immer das bedeutete. Es war eine Metapher, die ihm gerade in den Sinn kam, denn ihr Gesicht wirkte merklich verschlossen. Sie gab nichts mehr preis, und sie würde ihn auch garantiert nicht mehr fragen, ob sie alles mit ihm machen durfte, was sie wollte.
Was sie immer noch durfte, dachte er abwesend.
„Hast du es erkannt?", fragte er sie dann, musste das Thema wechseln, denn sonst würde alles nur wieder unangenehm werden. „Das Schwert?"
„Das Schwert?", wiederholte sie verwirrt.
„Aus der Vision", half er ihr auf die Sprünge.
„Nein, ich… habe gar nicht so genau – wieso?", unterbrach sie sich selbst, waches Interesse auf den gebräunten Zügen. Sommersprossen übersäten ihren Nasenrücken und ihre Wangen, und er fand sie heute bemerkenswert hübsch. Immer wieder fiel sein Blick abwesend auf ihre Lippen, aber er zwang sich zur Beherrschung.
„Es ist das Schwert von Gryffindor", schloss er lediglich.
„Was? Nein!", rief sie ungläubig aus. „Das – bist du sicher?" Sie schien sich die Vision ins Gedächtnis zu rufen.
„Koboldsilber, Rubinschaft – ziemlich sicher", bestätigte er bloß.
„Ja", sagte sie dann. „Es hatte Rubine gehabt, nicht?" Ihr Blick fiel. Dann stöhnte sie auf. „Wo sollen wir das Schwert denn finden? Es wird garantiert nicht im Schiffswrack liegen!" Unzufrieden sah sie sich um, als könne sie es irgendwo entdecken, und immerhin ärgerte es sie genauso wie ihn.
„Irgendwo hier wird es sein", entgegnete er mürrisch.
Und sie hörte es! Sie hörte die verdammte Belustigung in seiner verdammten Stimme nur zu deutlich!
„Brauchst du Hilfe, oder-?"
„-nein, danke!", knurrte sie zum wiederholten Mal, als sich ihr Mund angewidert verzog. Sie wusste nicht, weshalb sie eingewilligt hatte, die Autopsie selber durchzuführen. Und wahrscheinlich konnte man es so nicht nennen. Wie ein Idiot hatte sie bisher lediglich das Messer dort angesetzt, wo Draco es ihr gezeigt hatte. Wahrscheinlich fühlte sie sich verantwortlich, weil sie das Tier gefunden hatte.
Blöd von ihr. Beherzt hatte sie durch den Pelz und die Haut geschnitten, nicht zu tief, wie er sie ermahnt hatte, und sie hasste, mit dem Messer zu arbeiten. Aber der Zauberstab wäre wahrscheinlich nicht präzise genug, und sie kannte die Heiler-Zauber nicht, für eine Autopsie.
Das Blut war geronnen, und auch das war gut, denn sie kannte keinen Blutgerinnungszauber. Nicht auf die Schnelle.
„Weiter hinten liegen die Gedärme. Der Magen ist recht klein", erläuterte er, fast gelangweilt. Ja, er hatte es hunderttausendmal getan, sie wusste es. Sie manövrierte mit spitzen Fingern am widerlichen Herz des Tieres vorbei, und konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, sich zu übergeben.
Es war eine eklige Angelegenheit, und wenn sie wirklich näher darüber nachdachte, dann hatte sie doch kein großes Interesse mehr an der Pflanze oder der kleinen Echse, die dieses Tier vielleicht nicht vertragen hatte.
Endlich hatte sie den Darm und das Herz hinter sich gebracht, und fast winzig lag der Magen weit hinten. Sie presste die Lippen zusammen und griff mit magisch antiseptischen Fingern nach der dünnen Membran, zog, und dann gaben die Muskeln nach, die die Organe hielten.
Fast kullerte der Magen vor ihre Füße, und angewidert wich sie einen Hüpfer in der Hocke zurück.
„Beeindruckend", bemerkte er lächelnd, aber sie ignorierte ihn. Schließlich schnitt sie die Schleimhaut auf, und erkannte allerlei unverdaute Pflanzenreste, einige Äste, aber auch Reste von Fleischfetzen. Aber was ihre Aufmerksamkeit erregte war etwas anderes. Etwas Goldrotes. Mit dem Messer schob sie es heraus.
„Oh", murmelte sie überrascht.
„Eierschale", erkannte er knapp, während er sich neben sie gehockt hatte.
„Nein", wisperte sie dann. „Das ist die Schale eines Phönixeis", konkretisierte sie die Schale atemlos.
„Was?" Er schien nicht sicher zu sein, was sie damit meinte.
„Hier… hier ist ein Phönixnest", sagte sie tonlos. Denn sie kannte das Nest in Dumbledores ehemaligem Büro. Sie hatte gesehen, dass Dumbledore Fawkes Ei aufgehoben hatte. Und so hatte es ausgesehen.
„Phönixe werden aus der Asche geboren", klärte er sie kopfschüttelnd auf, und sie schüttelte den Kopf.
„Nein, sie sterben, und erstehen aus der Asche auf. Aber sie werden zunächst geboren, wie jeder andere Vogel auch." Sie klang nicht einmal besserwisserisch, obwohl sie es besser wusste. „Aber… ich habe hier noch kein Lied eines Phönix' gehört. Und ich habe noch keinen gesehen", ergänzte sie ratlos.
„Vielleicht ist das Nest in der Nähe?", vermutete er dann.
„Und Mordeos können auf Bäume klettern, ja?", stellte sie die nächste Frage, und sah ihn entsprechend an.
„Höchstwahrscheinlich nicht", entgegnete er glatt. „Ich nehme an, eines der Eier ist runtergefallen – oder irgendwas!" Sie runzelte die Stirn, und dann bewegte sie die Schale. „Was zur-?", entfuhr es ihm, aber auch sie hatte es erkannt.
Sie lehnte sich zurück. Das ergab keinen Sinn.
„Ein Schlüssel in einem Phönixei?", entkam es ihr ungläubig.
„Metall", murmelte er dann. „Er ist an einer Metallvergiftung gestorben", schloss er nickend.
„Der Schlüssel ist nicht aus Aluminium oder Blei", widersprach sie kopfschüttelnd.
„Quecksilber", sagte er bloß, desinfizierte seine Hand und griff sich den kleinen Schlüssel. Mit dem Zauberstab führte er eine Reinigung durch, und jetzt erstrahlte der Schlüssel glänzend silbern.
„Quecksilber ist flüssig", entkam er ihr bloß, und eigentlich war es egal, aus was für einem Material er war.
„Die Legierung ist Quecksilber", korrigierte er sie und drehte den Schlüssel in der Hand. „Seltsam. Er hat keinen Bart. Nur… ein Loch?"
Und sie stellte die wichtigste aller Fragen. „Was öffnet er?"
„Wie kommt er hierhin?", stellte er die nächste gute Frage, aber… wahrscheinlich war er hierhin gelangt, so wie alles hierher gelangte. Und er schien auf keine bestimmte Antwort zu warten. „Gibt es irgendetwas hier in diesem Dschungel, was Menschen gebaut haben könnten?"
Denn eindeutig war es ein echter Schlüssel. Nichts aus Stein geschlagen. Nicht organisch. Es war ein Schlüssel und würde wohl etwas öffnen können, was Menschen nutzten, um etwas zu verbergen. So viel nahm sie auch an.
„Wir sind die einzigen Menschen hier", murmelte sie bloß, und ihr Gehirn versuchte sehr scharf nachzudenken. Warum war ein Schlüssel verborgen in einem Phönixei? Und wieso fanden sie ihn praktisch zufällig?
Es erinnerte sie irgendwie an etwas, was Dumbledore sich ausdenken könnte. Es war vollkommen absurd und –
„-Hagrids Hütte!", entkam es ihr. „Das ist etwas Menschliches!"
Und Draco betrachtete sie einen Moment lang.
„Du kannst recht haben", sagte er dann nachdenklich. Sie erhoben sich und sie reinigte ihre Hände erneut, bevor Draco einen magischen Kreis um den toten Mordeo zog, bevor er ihn in Brand setzte. „Los", sagte er dann auffordernd, und gleichzeitig apparierten sie.
Die Hütte lag vor ihnen, wie es Hermine in Erinnerung gehabt hatte. Sie fragte sich unwillkürlich, ob Skills in der Nähe war. Oder tatsächliche Feinde? Aber der Wald lag still. Auch Draco sah sich prüfend um.
Die Luft war völlig anders hier oben, und Hermine war kurz fasziniert, wie schnell alles mit Zauberstäben ging. Keine Wanderungen mehr, keine gefährlichen Gipfel, die sie erklimmen mussten. Es ging einfach so. Fast war es… langweilig? Nein. Bequem war das Wort, was sie suchte.
Er schritt voran und öffnete die Tür der Hütte. Auf dem Bett lag das schwarze Tigerfell. Er hatte es wohl zurückgelassen, ging ihr auf. Und es erinnerte sie direkt an die Nacht, die sie hier verbracht hatten. Sie biss sich auf die Unterlippe, während er bereits die Hütte absuchte. Hermine kannte die Hütte gut und wusste, es gab hier keine versteckten Türen, keine Dachluke – es gab nichts, was sich zu verstecken lohnte.
Dann wiederum gab es die Hütte eigentlich auch nicht wirklich. Hagrids Hütte war dem Feuer der Todesser zum Opfer gefallen. Diente sie hier die ganze Zeit einem Versteck? Waren sie hier etwas auf die Spur gekommen, was ihnen wirklich helfen könnte?
Unschlüssig betrat sie die Hütte und sah sich ebenfalls um, aber frustriert kehrte er zu ihr zurück. „Hier ist nichts", verkündete er entnervt.
Ihr Blick fiel ratlos zu Boden, und ihr war bisher noch nicht aufgefallen, wie die Dielenbretter angeordnet waren. Spitz liefen sie in der Mitte der runden Hütte zusammen, und ihre Stirn runzelte sich verblüfft.
Denn in der Mitte der Hütte formten sie so ein kleines Loch.
„Draco…", sagte sie tonlos und deutete auf den Boden.
„Was?" Er folgte ihrem Fingerzeig und stutzte ebenfalls. „Du… denkst, er öffnet den Boden?" Aber er wartete keine Antwort ab, kniete sich sofort hin, und Hermine konnte kaum fassen, dass sie ein Rätsel gelöst hatten! Innerhalb so kurzer Zeit!
Denn der Schlüssel passte! Er passte perfekt zwischen die Dielen! Draco drehte ihn knapp nach links, und uralte Scharniere bewegten sich unter den Dielen, und Hermine spürte, wie der Boden sich bewegte. Sie hob die Füße, als die Dielen sich aus der Mitte zurückbewegten, und Draco sprang zurück, um nicht in das plötzliche Loch zu fallen, was sich langsam vergrößerte. Das alte Bett bewegte sich knatschend gegen die Wand, als die Bretter unter ihm ein Stück weiter verschwanden.
Und Hermines Mund öffnete sich, als der Mechanismus stehen blieb. In der Mitte der Hütte offenbarte sich nun ein Loch, nicht größer als ein Eimer – und auch nicht sonderlich tiefer! Hastig lehnten sie sich beide vor, aber schon von hier oben konnte sie das glänzende Metall erkennen, auf dem sich das Licht in vielen Farben brach.
Und sie erkannte den rubinbesetzten Schaft.
„Das Schwert!", rief sie heiser aus. „Draco!"
Und unfassbarerweise hatten sie die Lösung! Sie hatten… alles! Sie brauchten nur noch das Schiff!
Draco fiel auf die Knie bückte sich tiefer, schloss die Hand um den Schaft – und zog!
Aber nichts passierte.
„Es… steckt fest!", erkannte er, nahm nun beide Hände, und zog fester, eher er sich besann, und den Zauberstab einsetzte. Aber kein Zauber schien das Schwert rühren zu können. Scheinbar steckte es fest in solidem Stein. War es dort eingegossen?! Wie sollten sie es entfernen? Auch versuchte Draco, den Stein um das Schwert zu sprengen, aber nicht ein einziger Riss erschien im Fundament unter der Hütte.
Dann erhob er sich und bedeutete ihr, es zu versuchen. Sein Atem ging schnell, und überfordert bückte sich Hermine nach dem Schaft.
Aber auch sie blieb erfolglos. Es rührte sich nicht, steckte seelenruhig tief im Stein, und sie kam sich vor wie in der Artus-Legende.
Nur war sie eben nicht Artus und konnte Excalibur nicht entfernen.
Scheiße.
„Aber… der Junge hatte es!", entkam es Draco entgeistert. „Er hatte es!", wiederholte er.
„Ich… weiß", bestätigte sie atemlos. Enttäuscht atmete sie aus. Was sollte das jetzt wieder bedeuten?!
