40. Hearts

Sie war nicht in die Hütte zurückgekehrt in dieser Nacht.

Wie gerädert war sie in der Höhle auf ihrem Blätterbett aufgewacht und wusste, es konnte nicht so weitergehen. Sie konnten nicht immer streiten. Sie konnten nicht immer uneinig sein.

Und sie hatte ihn nicht so weit bringen wollen.

Soweit, dass ihm die Worte versagten. Soweit, dass sie nicht zurückkonnten, würden sie ihren Gefühlen erst mal Luft machen.

Denn… das Gefühle vorhanden waren, das leugnete sie nicht mehr. Und sie glaubte, er fühlte auch mehr, als er zugab. Mehr, als er vielleicht laut sagen konnte. Ihr ging es ähnlich, und sie bekam Magenschmerzen bei dem Gedanken, dass er nun wusste, dass sie gelogen hatte. Dass sie Ron gar nicht heiraten wollte.

Sie wollte hier weg. Alleine, weil es ihr peinlich war, dass er mittlerweile denken musste, sie wäre vollkommen verrückt, weil sie ständig ihre Meinung änderte.

Und sie wussten doch, wie sie hier fortkamen. Sie hatten das Schiff. Und wahrscheinlich würde das Monster es trotzdem ohne weiteres versenken können. Deshalb brauchten sie das magische Schwert.

Und sie hatte gesehen, wie der Junge es gehalten hatte. Das musste bedeuten, er hatte es von irgendwoher erlangt. Und wahrscheinlich hatte es nicht fast zwanzig Jahre gedauert, bis es von ihm selber aus dem Stein gezogen worden war.

Merlin.

Welcher Zauber lag auf dem verdammten Schwert, dass sie es nicht aus dem verdammten Stein bekamen?

Ihre Gedanken wanderten unermüdlich.

Sie dachte nicht gerne darüber nach, aber… diese Insel war ihrer beider Gedanken entsprungen. Ihren Gefühlen. Und nach und nach hatte sich die Insel verändert, hatte sich… ihren Gefühlen angepasst. So glaubte sie zumindest.

Die Insel dachte sich Sachen nicht aus. Auch das Schwert. Es war kein Rätsel. Kein echtes. Die Visionen – sie waren vielleicht kryptisch, zu Anfang. Aber… letztendlich ergaben sie Sinn.

Es war, als würde ihrer beider Psyche es ihnen einfach nur nicht zu leicht machen wollen. Als müssen sie erst begreifen, was sie tun mussten, um das Richtige dann tatsächlich zu tun. Aber ein Kind war tatsächlich… ein riesiger Schritt. Es war anders, als in die Berge aufzubrechen, um einem Einhorn ein Schweifhaar zu stehlen, es war… viel bedeutungsschwerer.

Ihre Gedanken kreisten wieder und wieder um die Artus-Legende.

Wieder und wieder. Es hatte mit dem Jungen zu tun, so viel war ihr zumindest klar. Es hatte alles mit dem Jungen zu tun.

Ihr Blick klärte sich.

Da war er! Der entscheidende Gedanke! Und die Gänsehaut auf ihren bloßen Unterarmen sagte ihr, dass sie richtig lag.

Hastig rappelte sie sich aus dem Blätterbett, denn – sie musste ihn finden!

In der Hütte war er nicht mehr gewesen, deshalb war sie zum Schiff appariert. Sie war dankbar gewesen, dass er ihr gestern nicht gefolgt war. Sie hatte Ruhe gebraucht, hatte ihre Gedanken sortieren müssen, und sie erkannte frische Segel am Boden liegen. Scheinbar war er bei den anderen Schiffen auf der anderen Seite der Insel gewesen, um frisches Leinen zu besorgen.

Aus dem Innern des Schiffes ertönten laute Geräusche, als bearbeite er das Holz mit dem Zauberstab.

„Malfoy?", rief sie laut. Laut genug, dass die Geräusche verstummten. Verschwitzt reckte er den Kopf aus dem Loch in der Schiffwand, ehe er zur Gänze das Schiff verließ. Er trug kein Shirt, war das erste, was sie feststellte, und es lenkte sie ab.

„Hey", begrüßte er sie unschlüssig, fuhr sich mit der Hand durch die Haare, kämmte sie über den Kopf zurück, aber sie blieben nie so liegen, wie er es wollte, und in sexy Strähnen fielen sie ihm zurück in die Augen.

„Ah…", machte sie, etwas gedankenverloren, denn bei seinem Anblick hatte sie kurz vergessen, was sie ihm sagen wollte.

Sein verdammter Sixpack war so ausgeprägt, die Farbe seiner Haut so verdammt gut gebräunt, und der Blick aus seinen Augen war bestechend. Sie glaubte, ihr Mund stand einen Spalt offen.

„Ich dachte, ich mache mit der Wand weiter. Keine Ahnung, wie wir das scheiß Schwert aus dem Stein bekommen", erklärte er schließlich, und klang kurz angebunden und etwas unfreundlich. Wahrscheinlich müsste sie sich entschuldigen, dass sie ihn stehen gelassen hatte, aber ihr war wieder eingefallen, was sie wollte.

„Ich weiß, wie", sagte sie noch immer atemlos, und er verengte die Augen.

„Du weißt, wie?", wiederholte er, und sie nickte knapp.

„Ich denke schon", bestätigte sie tonlos. Er schien ungeduldig zu warten, dass sie weiter sprach. Sie wappnete sich innerlich, denn sie war sich nicht sicher, wie er reagieren würde. „Ich muss das Schwert aus dem Stein ziehen", begann sie, ohne ihn aus dem Blick zu lassen.

Er lachte trocken auf. „Tu dir keinen Zwang an!", behauptete er achselzuckend. „Aber das haben wir gestern schon versucht", erinnerte er sie kopfschüttelnd.

„Nicht… jetzt", entkam es ihr ablehnend. „Wenn… wenn ich schwanger bin", schloss sie eindeutig, und jetzt öffnete sich sein Mund.

„Was?" Er starrte sie verständnislos an. „Was meinst-?"

„-der Junge?", unterbrach sie ihn, unwillig ihn ‚ihren Sohn' zu nennen. „Er hatte das Schwert. Und ich glaube nicht, dass er es erst an diesem Tag bekommen hat. Ich glaube-"

„-du glaubst, dass Schwert weiß, wenn du schwanger bist?", unterbrach er sie ungläubig.

„Ich glaube, das Schwert will, dass ich schwanger bin", widersprach sie knapp, und er schien darüber nachzudenken.

„Das… macht keinen Sinn", sagte er, nicht überzeugt, aber sie zuckte die Achseln.

„Und das ist was Neues?", wollte sie von ihm wissen.

„Bist du dir sicher?", fragte er sie jetzt.

„Ich denke, das ist die Lösung. Es ist wie die Artus-Legende, nur… etwas vorgelagert. Weißt du, was die Artus-Legende-?"

„-was denkst du, Granger?", unterbrach er sie gereizt. „Nein, natürlich nicht!"

Ihr gefiel nicht, dass er laut wurde, aber sie konnte es ihm nicht wirklich verdenken.

„Es ist eine Muggel-Geschichte über den König von Camelot, und nur der wahre König würde das Schwert aus dem Stein ziehen können. Und… vielleicht, wenn… ich mich dazu entschließe, den Zellvernichtungszauber nicht mehr anzuwenden – denn immer dann kam die Vision", erinnerte sie ihn eindeutig, „dann… habe ich dieses neue Leben in mir, und…-"

„-und weil er es ist, der in der Vision das Schwert hatte, denkst du, eine Schwangerschaft ist der Schlüssel", schloss er ernst. „Ist er dann König der Insel?" Seine Stimme klang spöttisch.

„Es ist nur ein Märchen. Ich… keine Ahnung, wieso die Insel meine Gedanken so interpretiert. Aber… ich denke… das ist die Lösung", schloss sie unglücklich.

Er sah sie an, und sie spürte, wie langsam die Röte in ihre Wangen stieg.

„Das… heißt, du willst schwanger werden?", fasste er die Worte zusammen.

„Nun… das Schwert-"

„-das Schwert will, dass du schwanger wirst?", korrigierte er sich dann.

„Ich denke", bestätigte sie nickend.

„Brauchen wir das Schwert?", fragte er, und sie sagte das, von dem sie überzeugt war.

„Wir brauchen das Schwert." Ihre Stimme war eigenartig tonlos.

„Ok", sagte er dann. „Wenn wir es brauchen, dann…"

„-dann…", griff sie seine Worte nickend auf, und er atmete lange aus. Er räusperte sich umständlich, fuhr sich wieder in einer unsicheren Geste durch die Haare, und sie biss sich auf die Lippe.

„Es… wird einige Zeit dauern, das Schiff in Stand zu setzen. Vielleicht… sollten wir damit anfangen, bevor-"

„-bevor?", unterbrach sie ihn, und es beruhigte sie, dass es ihm so unangenehm war wie ihr.

„Bevor wir… das Schwert holen", umschrieb er es hastig, und sie nickte langsam.

„Oh. Ok", sagte sie langsam.

„Weil… es harte Arbeit ist. Es wird anstrengend sein, und… wenn du…" Er tat sich schwer. Sehr schwer. Und ihr Herz schlug schnell. Und es war ein wenig erbärmlich. Sie empfand stille Aufregung bei diesem Gedanken, aber dass sie ihre Gefühle hinter der Notwendigkeit versteckten, verschaffte ihnen beiden Zeit, nahm sie an. Sie brauchten das Schwert, deshalb zogen sie in Erwägung schwanger zu werden. Aus keinem anderen Grund.

Zumindest musste so kein anderer Grund über ihre Lippen kommen.

„Verstehe", sagte sie eilig. Er wollte die Schwangerschaft nicht durch die Reparaturarbeiten gefährden, nahm sie an. Sie nahm es nur an, denn sie sprachen wieder einmal nicht wirklich aus, was sie dachten. Sie war auch absolut nicht bereit dafür.

Aber… sie empfand Aufregung und Neugierde. Und sein Blick war wieder sehr stechend geworden.

„Was… soll ich tun?" Ihre Worte beendeten die unangenehme Stimmung ziemlich erfolgreich, denn er räusperte sich wieder.

„Du… äh… kannst mir helfen, das Holz in die richtige Form zu bringen." Sie nickte dankbar, denn sie wollte nicht mehr hilflos vor ihm stehen und nicht wissen, was sie fühlte.

Ihr Herz schlug viel zu schnell. Viel zu schnell….

Er rieb sich die schmerzenden Hände. Sie hatten viel geschafft, obwohl er annahm, sie hatten nur so viel geschafft, um nicht über die offensichtlichen Dinge nachdenken zu müssen.

Geschweige denn, darüber zu reden. Und stillschweigend schienen sie zu dem Schluss gekommen zu sein, nicht mehr in der Hütte zu schlafen, wo sie die ganze Zeit auf den Schwertknauf starren mussten. Denn er glaubte ihr. Granger irrte sich selten, wenn überhaupt. Und es machte Sinn, auf gewisse Weise.

Und es bot ihnen wohl einen Grund, um… nun… um schwanger zu werden. Er nahm an, dass es ohnehin die Zukunft gewesen wäre, aber abstrakte Gedanken waren immer noch etwas ganz anderes, als wenn man plötzlich wusste, dass diese Gedanken Wahrheit werden würden.

Er hatte das Schwein vom Feuer geholt, aber nach einigen Bissen, war sein Appetit vergangen. Auch Granger starrte Löcher in die Luft. Das Feuer warf anmutige Schatten auf ihre Gestalt. Sie hatte Angst. Er sah es auch auf die Entfernung. Er spürte es förmlich.

Viel hatten sie nicht gesprochen heute. Auch nicht mehr über gestern, worüber er dankbar war.

Aber sie hatten heute kaum einen Balken für die Schiffsseite fertig bekommen. Sie zu schwängern war dagegen wohl eher eine leichtere Aufgabe, dachte er dumpf. Nie hatte er sich auf seine Hände verlassen müssen. Nie hatte er mit seinen Händen arbeiten müssen, und langsam aber sicher gewöhnte er sich daran, mit seinem Körper allein, Dinge zu schaffen, Ziele zu erreichen.

Mit der Hand massierte sie ihre eigene Schulter, und es war reiner Reflex, dass er sich erhob, sich hinter sie setzte, und ihre Hand zur Seite schob. Er hatte keine guten Worte parat, das wusste er, aber… er wollte ihr zeigen, dass… dass er da wäre. Für sie. Sanft massierten seine Hände ihre Schultern, nachdem er die Träger ihres Shirts über ihre Schultern geschoben hatten.

Sie atmete entspannt aus, und ihr Kopf neigte sich, ihr Kinn sank auf ihre Brust, während sie seine Berührung zu genießen schien. Immer wieder rieben seine Daumen über ihre verkrampften Muskeln, und er konnte sich nicht viel länger beherrschen, ehe er den Kopf senkte und sanft ihre bloße Schulter küsste. Heiß spürte er ihre Haut unter seinen Lippen, und er spürte auch die Gänsehaut, die sich auf ihrer Haut ausbreitete.

Langsam hob sich ihr Kopf, und seine Lippen küssten ihren Hals, wanderten höher, bis sie die Linie ihres Kiefers erreichten, und sie hielt die Luft an, als sie den Kopf leicht wandte. Er lehnte sich vor und erreichte ihre Lippen.

Seine Erektion erwachte, trotz der Erschöpfung. Trotz der Müdigkeit.

Sie erwiderte den Kuss, zuerst scheu, fast zaghaft, ehe sie sich enger an ihn schmiegte, und er wusste, dass er sie heute haben musste. Schnell schlug sein Herz, und seine Hände verließen ihre Schultern, und er beendete den Kuss. Er erhob sich und griff nach ihrer Hand. Sie folgte ihm, ohne den Blickkontakt zu brechen, und sie sprachen kein Wort.

Er zog ihr Shirt über ihren Kopf und sog ihren perfekten Anblick auf, während sie nicht dringend genug seine Hose loswerden konnte.

Es war anders, dieses Mal. Es fühlte sich anders an, als er sich über sie legte, als er tief in ihre Augen sah. Jeder Kuss rührte etwas in ihm, zersprang die alten Ketten der Kälte und der Unnahbarkeit, die unsichtbar immer um seinen Körper – um sein Herz – lagen. Heute Nacht fühlte er etwas, was er bisher nicht gefühlt hatte.

Er besaß sie anders als sonst, denn heute wusste er – sie war sein. Sie gehörte ihm, so wie er ihr gehörte.

Und als er heute kam, bemerkte er es zunächst gar nicht, aber ein Wort entrang sich rau seiner Kehle, als er sich heiß in ihr ergoss.

„Hermine!", sagte er zitternd, und ihre bernsteinfarbenen Augen öffneten sich plötzlich. Unter schnellen Atemzügen sah sie auf in sein Gesicht, und er registrierte, wie richtig es sich anfühlte. Wie gut sich ihr Name anfühlte. Und deshalb sagte er ihn noch mal, und noch mal – bis auch sie unter ihm kam.

Und seine Stirn sank auf ihre, und er glaubte nicht, dass es eine perfektere Nacht als diese geben konnte.

Und es erfüllte ihn mit Angst.