41. Gorillas in the Mist
Sie sprachen nicht über die Zukunft. Nicht über die Details, nicht darüber, was werden sollte. Und neulich Nacht hatte er das erste Mal ihren Vornamen gesagt. Seitdem nicht mehr wieder, aber am nächsten Morgen hatte sie es nicht über sich bringen können, zu verhüten. Und das… hatte sie ihm nicht gesagt.
Es waren eigenartige Gedankengänge gewesen, die sie überkommen hatten. Sie hatte geglaubt, dass sie vielleicht nie wieder so unglaublichen Sex haben würden, und dass diese Nacht magisch gewesen war. Für sie war sie es zumindest gewesen.
Was, wenn seine Türen wieder alle verschlossen waren und er ihren Namen nie mehr sagen würde? Im Moment tat er nichts anderes, als an dem verdammten Schiff zu arbeiten. Wenn sie sprachen, dann sprach er von Windstärken, dem besten Wetter zum Ablegen, und was sie alles bedenken mussten.
Und er hatte ihr gesagt, wie wichtig es war. Dass es nun absolut überlebenswichtig war, dass sie ein seetüchtiges Schiff hatten, und dass er schon längst mit der Arbeit hätte beginnen müssen.
Und würde sie ihm sagen, dass sie fast seit einer Woche möglicherweise schwanger sein könnte, würde er wahrscheinlich an die Decke gehen. Sie nahm nicht an, dass er es sonderlich positiv aufnehmen würde.
Und noch hatte sie nicht gewagt, in den Wald zu apparieren, zurück zur Hütte, nur um zu sehen, ob… ihre Theorie stimmte. Natürlich könnte sie magisch testen, ob sie schwanger wäre, aber… auch das wagte sie noch nicht.
Hermine hatte ihre eignen Sorgen und Ängste. Und natürlich wusste sie nicht, ob es reichte, eine Woche schwanger zu sein oder ob… der Embryo reifen und wachsen musste, damit es funktionierte.
Sie glaubte, er schämte sich für seine emotionale Offenheit, ihr gegenüber. Sie glaubte, ihr Vorname war ihm aus Versehen entglitten. Sie hatte ihn nicht darauf angesprochen. Aber sie hatten sich seitdem auch nicht wieder gestritten. Sie glaubte, es war eine Art neuer Rekord für sie. Eine Woche kein böses Wort.
„Ich brauche deine Hilfe", hörte sie seine Stimme aus dem Schiffsbauch dringen. Sie hatte an Deck gesessen, sich in der warmen Morgensonne gesonnt, denn sie arbeiteten schon seit Sonnenaufgang. Eine Pause war nötig gewesen. Schwerfällig erhob sie sich und kletterte zurück in die schummrige Dunkelheit des Schiffs.
„Ok?" Sie wischte sich die Hände provisorisch an ihrer Shorts ab, rieb die Handflächen zusammen und betrachtete sich seine Arbeit. Mit dem Schwebezauber hielt er den geformten Balken in der Luft. Sie hatten die kaputten Reste der Schiffswand bereits entfernt. Ungefähr fünf Balken mussten sie passend ersetzen, um das Loch zu schließen.
„Ich weiß keinen Zauber, der die Planken halten könnte", sagte er angestrengt. Sie atmete nachdenklich aus. Dann fuhr er fort. „Eigentlich halten die Querspanten die Beplankung. Sie… werden angenagelt oder genietet", erläuterte er ihr, indem er auf das Konstrukt weiter hinten deutete. „Ich habe aber keine passenden Nägel."
Sie sprach ihn nicht darauf an, woher er bitteschön solche Worte kannte. Sie waren unterschiedlich, und während sie Buch um Buch in der Bibliothek studiert hatte, war er vielleicht mit seinem Vater zur See gefahren. Nicht, dass sie es sich wirklich vorstellen konnte, aber sie wusste nicht wirklich viel über seine Kindheit. Er gab nicht sonderlich viel preis.
Sie persönlich hatte keine Ahnung, wie man Holz bearbeitete. „Klebezauber?", schlug sie achselzuckend vor, aber ungeduldige Nachsicht trat in seinen Blick.
„Granger, wir können keinen Großsegler von 500 Tonnen mit einem Klebezauber reparieren", widersprach er schlecht gelaunt.
„Ok, was ist mit den Nägeln, die in den kaputten Planken waren?", benutzte sie das neu gelernte Wort, aber er schüttelte den Kopf.
„Die sind durch. Völlig verrostet."
„Was ist mit den anderen? Drüben auf der Ostseite?" Er schien nachzudenken.
„Einige dürften noch was taugen", vermutete er nickend.
„Wie viele brauchen wir?" Sie war bereit, diesen Job zu übernehmen.
„Zwanzig?", schlug er vor. „Besser mehr", ergänzte er. „Traust du dir das zu?", fragte er sie dann, aber sie ruckte mit dem Kopf.
„Die paar Alligatoren…", winkte sie lächelnd ab.
„Ok", entgegnete er fast überrascht. „Das… würde wirklich helfen", schloss er, bevor er ins Freie kletterte und die Planke mit dem Zauberstab vorsichtig wieder auf den Boden sinken ließ.
Sie folgte ihm. „Draco", begann sie nun doch, denn es interessierte sie minimal.
„Hm?", machte er bloß, während er sich der nächsten Planke widmete, die sie gestern aus einem besonders hohen Baum geschlagen hatten.
„Woher weißt du das?"
„Was?", wollte er von ihr wissen, ohne aufzusehen.
„Das hier. Beplankung, Querspanten", zählte sie eindeutig auf, und er hob den Blick. Dann zuckte er die Achseln.
„Ich weiß es einfach", schloss er, aber sie wusste, er log. Er schien nicht wirklich darüber sprechen zu wollen.
„Ok", entgegnete sie unzufrieden. „Ist die Geschichte zu lang? Oder… hast du es unter Voldemort gelernt? Oder-"
„-was?", unterbrach er sie entgeistert und richtete sich wieder auf, um sie ungläubig anzusehen.
„Ich meine, warum sagst du mir nicht, woher du etwas über Schiffe und Schiffsbau gelernt hast? Ist es unanständig oder-"
„-wieso ist das wichtig?", unterbrach er sie erneut, und sie riskierte den Rekord an streitfreien Tagen, sie wusste das. Aber manchmal verstand sie ihn nicht.
„Einfach nur so!", entkam es ihr deutlicher. „Wenn… wenn du der Vater meines Kindes sein wirst, kann ich dann nicht irgendwelche Details über dein Leben wissen?" Es klang wie ein seltsames Totschlagargument, und sie war sich nicht sicher, ob es sonderlich fair war, ihn auf diese Weise zu erpressen. Vor allem sprach sie nun über diese Sache, was sie bisher auch vermieden hatten.
Und für eine Sekunde starrte er sie an. Und sie sah für den Bruchteil eines schmerzhaften Momentes so klar alle Gefühle in seinem Gesicht stehen, sah das Ausmaß ihrer Worte, sah, was es in seinem Innern anrichtete, was es mit Gewalt versuchte, zu durchbrechen, und wie schwer er sich tat, all diese Gefühle abzuschütteln, wie er mit aller Macht die Maske der ungeduldigen Gleichgültigkeit weiter vor sich trug.
Es war ermüdend. Und sie hatte es gar nicht so erpresserisch gemeint, wie es vielleicht geklungen hatte. Aber Spaß verstand er nicht. Nicht wirklich.
Er atmete entnervt aus. „Ich habe es nicht im Krieg gelernt, denn – stell dir vor – wir mussten keine Kriegsschiffe für Voldemort bauen", bemerkte er äußerst trocken.
„Ok!", entgegnete sie abwehrend. „Hat… hat dein Vater-?"
„-mein Vater hat mit mir höchstens dann gesprochen, wenn es unvermeidbar war, und garantiert gingen unsere Gespräche nicht um Schiffsbau", fuhr er sie jetzt kopfschüttelnd an. Aber ein sanfter Zug durchbrach schließlich seine harte Maske. „Wenn dein Leben davon abhängt, dann will ich dir diese wichtige Information nicht vorenthalten!", fuhr er spöttisch fort. „Gregorys Vater hat mich früher mitgenommen, wenn sie mit dem Boot rausgefahren sind. Zufrieden?" Er sah sie demonstrativ an, und sie wünschte sich, nicht gefragt zu haben.
„Habt… habt ihr geangelt?" Ihre Stimme klang beinahe schwach, aber sie konnte nicht aufhören, Fragen zu stellen, und grenzenlose Fassungslosigkeit zeichnete seine markanten Züge. „Merlin, ich… wollte nur irgendetwas über dich wissen!", ruderte sie gereizt zurück. Und sie hasste, diese Worte auch noch zuzugeben. Vor allem, wenn er sich so distanzierte.
„Gregorys Vater hatte magische Sportboote. Nein, wir haben nicht geangelt", beantwortete er knapp ihre Frage. „Sonst noch irgendwelche Fragen?" Er hob entgeistert die Arme. „Irgendein wildes Interesse, was du stillen willst? Meine erste Erektion hatte ich mit zwölf, ich hasse Lauch und Quidditch hat mir nie sonderlich viel Spaß gemacht", zählte er wahllos auf, und sie atmete erschöpft aus, bevor sie den Kopf über ihn schüttelte.
„Vergiss, dass ich gefragt habe. Du bist ein Arschloch", schloss sie, und tatsächlich schien er wirklich nicht die geringste Idee zu haben, warum sie irgendetwas über ihn wissen wollte. Sie hatte sich abgewandt. Mit einigermaßen roten Wangen.
„Granger", hielt sie seine Stimme auf, und sie wandte den Blick, „ich denke, es ist besser, wenn dieses Kind so wenig wie möglich über mich weiß. Kann nur von Vorteil sein", schloss er bitter.
Gott, er war so dämlich. „Mhm, schon klar!", rief sie kalt zurück, bevor sie mit wütenden Schritten die Lichtung verließ. Sie würde garantiert nicht versäumen, ihrem Kind zu sagen, was für ein absolut dämlicher Idiot er war!
Sie brachte es nicht über sich den Alligatoren mehr als nur Schlafzauber zu verpassen. Sie dösten nichtsahnend in der Sonne, dümpelten im seichten Wasser und rechneten garantiert nicht mit dem Avada, und deshalb schläferte sie Hermine nur ein wenig ein.
Das erste Schiff, was sie bestieg, hing ein wenig schief im Wasser, aber ins Innere konnte sie trocken gelangen. Die Nägel herauszubekommen war eine undankbar mühsame Arbeit. Selbst mit Zauberstab, denn der Entfernungszauber brauchte Kraft und eine drehende Bewegung, und schnell bekam sie Muskelkater von dieser fremden Anstrengung.
Aber es war egal. Sie brauchten Nägel. Tatsächlich brauchte sie einige Stunden, und die Mittagssonne brannte hoch vom Himmel auf das Wasser, als sie ans Tageslicht kletterte. Beim kleinsten Sturm würde dieses Schiff jetzt höchstwahrscheinlich zusammenbrechen, nahm sie an.
Die Alligatoren waren mittlerweile abgetaucht. Wahrscheinlich waren sie in der Hitze aufgewacht und mussten sich erst mal abkühlen. Sie betrachtete sich die zehn weiteren Schiffe, die mehr oder weniger seetüchtig an der Küste lagen. Die Strömung schien keine Gnade walten zu lassen, und ein wenig weiter im Wasser erkannte sie scharfe Klippen.
Würden sie also tatsächlich vom Kurs abkommen und den Weg nicht raus schaffen, dann… würden sie hier zerschellen. Und die Alligatoren hätten ein ausgiebiges Abendessen.
Mit einem sanften Schaudern apparierte sie zur Lichtung zurück.
Er war nicht mehr da. Zumindest konnte sie ihn nicht entdecken und hörte ihn auch nicht im Bauch des Schiffes. Die zweite Planke lag da, wo er sie gelassen hatte. Vielleicht hatte er sie alleine nicht bearbeiten können, überlegte sie mit gerunzelter Stirn und legte die Nägel ins Innere.
Vielleicht hatte er Hunger bekommen, hatte einen Spaziergang machen wollen.
Und das war das Problem auf dieser Insel. Die Möglichkeiten waren begrenzt. Langweile kam nur zu schnell, und Hermine biss sich auf die Lippe.
Bevor sie zu lange nachdenken würde, apparierte sie erneut und landete lautlos vor Hagrids Hütte.
Der Wald lag ruhig vor ihr, aber noch immer saß die Vorsicht in ihren Gedanken. Noch immer blickte sie sich dreimal um, wenn sie apparierte, denn sie hatte keine Lust, angegriffen zu werden.
Sie hörte, wie kleine Tiere sich raschelnd durch die Blätter bewegten, hörte das leise Geräusch der Rehe, wenn sie ihre Ohren anstrengte. Dann betrat sie die Hütte, die noch immer ordentlich verschlossen war. Er war also auch nicht hier, dachte sie dann, als sie den Zauber gelöst hatte.
Sie machte einen mutigen Schritt auf die Mitte der Hütte zu, wo der schimmernde Knauf verlockend blitzte. Ihr Mund war trocken geworden, und sie schluckte schwer, als sie nähertrat. Sie riskierte noch einen Blick durchs Fenster, aber er war nicht draußen. Sie war allein.
Mit angehaltenem Atem bückte sie sich zum Knauf, legte die Finger um das kühle Metall – und zog!
Die Luft entwich ihren Lungen.
Das Schwert saß bombenfest.
Und fast war sie erleichtert. Noch hatte sich nichts geändert. Und fast mit Absicht wandte sie nicht den Zauber an, wollte gar nicht wissen, ob sie bereits schwanger war. Man musste nicht alles sofort wissen, dachte sie. Neben der Erleichterung spürte sie die leichte Enttäuschung, einfach, weil sie dieses Rätsel gelöst haben wollte.
Sie verließ die Hütte, verriegelte die Tür, und Stille war über den Wald gekommen. Eine dunkle Wolke verhing die Sonne, und die Stille war auffallend.
Ihr Blick glitt durch das Dickicht, fixierte die Blätter, die sich sanft bewegten, lauschte in die Stille, um Geräusche zu erkennen, die hier nicht hingehörten.
Und es war das leiseste Geräusch, was die trügerische Stille verriet. Das leise Knacken eines Astes, nicht weit von ihr. Ihre Muskeln spannten sich an.
Gefahr. Das war das Gefühl. Langsam, sehr langsam wandte sich ihr Blick, doch der riesige Schatten schräg hinter ihr, war nicht mehr zu übersehen.
Mit einem sehr instinktiven Sprung zurück, wich sie der ersten Attacke aus. Gesehen hatte sie gefühlte Dutzend Stück von ihnen, aber es war jedes Mal aufs Gleiche erschreckend.
Der Riesengorilla hatte mit der Pranke ausgeholt, und nur knapp war sie ausgewichen. Der Stupor verfehlte ihn, und brüllend riss er den Kopf in die Höhe, und mit voller Wucht rannte er auf sie zu. Sie rollte über den Boden zur Seite, kam mit einem Keuchen auf die Beine, nur, um sich dem zweiten Gorilla ausgesetzt zu wissen, und der nächste Schlag saß!
Alle Luft verließ ihre Lungen, als die massige Pranke sie von den Füßen beförderte.
Wie ein Käfer landete sie kraftlos auf dem Rücken, blinzelte die Tränen aus den Augenwinkeln, und dieser Gorilla war größer, schrie markerschütternd laut, und sein finsteres Gesicht blickte auf sie hinab.
Er hatte nur noch ein Auge, fiel ihr mit Schrecken auf. Purpurne Strähnen häuften sich filzig auf seinem Kopf, und er hob zwei Arme, ballte die massigen Hände zu Fäusten, und Hermines Finger griffen taub ins Leere. Ihr Zauberstab musste ihrer Hand entglitten sein, und fast ergeben schlossen sich ihre Augen, doch dann hörte sie den Zauber.
Malfoys Stupor gellte beißend durch den Wald, und riss den Affen mit immenser Wucht von den Beinen. Hustend kam Hermine wieder in die Aufrechte. Suchend wanderten ihre Augen über den Waldboden. Da!
Keuchend hechtete sie zu ihrem Zauberstab, während der Affe sich wieder erholte und knurrte. Malfoy hielt den größeren im Schach, und Hermine zielte auf den kleineren der Gorillas.
Und erst jetzt erkannte sie das leuchtende Fell. Dieses spezielle Purpur, was ihr damals schon aufgefallen war. Es war Violet! Sie blinzelte die Tränen aus den Augenwinkeln, denn der Schlag hatte ihr ordentlich zugesetzt.
„Zurück!", sagte Malfoy jetzt mit fester Stimme, und er sprach zu dem Affen. Dem großen, der nur noch ein Auge besaß. Und Hermines Mund öffnete sich. Es waren ihre Affen! In monströser Ausführung. Das Männchen knurrte tief, aber auch Malfoy hatte ihn erkannt. „Nein", sagte er fest. „Skills, zurück!", warnte er den Affen jetzt gebieterisch, und tatsächlich erkannte sie die Abwägung im tierischen Gesicht.
„Nimm… den Zauberstab runter", erwiderte Hermine, immer noch hustend.
„Was?", fuhr er sie jetzt an, aber sie nickte nur.
„Nimm ihn runter! Ich… ich habe sein Gedächtnis nicht gelöscht", räumte sie hastig ein, und sein Blick war von Gefühlen durchmischt. „Er wird dich erkennen!"
„Das glaube ich nicht!", knurrte er unwillig, aber langsam sank der Zauberstab in seiner Hand. Er wandte sich dem Affen wieder zu.
Die Angriffslust war noch nicht völlig aus dem purpurnen Gesicht des Affen verschwunden, aber seine Fäuste waren nicht mehr geballt. Dann hob Malfoy langsam den unbewaffneten Arm und streckte ihn dem Affen entgegen.
„Ruhig", murmelte er rau. Der Affe blies angespannt die Luft aus den Nüstern, und dann steckte Malfoy den Zauberstab in den Hosenbund zurück. Mutiger als Hermine es wäre, machte er einen Schritt auf das riesige Tier zu. Er war gewachsen. Er war so breit geworden. Und er sah sehr gefährlich aus. Zu gefährlich, als dass man ihm seine Hand anbieten wollte.
Aber dann schnüffelte das Tier. Es nahm die Witterung auf, und die Angriffslust verließ seinen Blick. Zurück blieb lediglich ein vertrautes Leuchten in seinem gesunden Auge, dessen Farbe Hermine so bekannt vorkam, als hätte sie die Affen erst gestern gesehen.
Einen Meter vor ihm war Malfoy stehen geblieben. Die Hand noch immer ausgestreckt. Skills überragte sie beide um mehrere Köpfe, und dann schnaubte er auf, etwas unschlüssig, während Violet hinter ihn zurückwich.
Aber näher kam er nicht. Er spielte nicht, ließ sich nicht kraulen, tollte nicht um sie beide, war kein ergebenes Haustier mehr.
Er griff sie nicht an, und das war wohl alles an Freundlichkeit, was übriggeblieben war.
Malfoy begriff es wohl, denn sein Arm sank an seine Seite.
Sie glaubte, Skills erkannte ihn. Erkannte seinen Duft und erinnerte sich, dass dieser Duft keine Gefahr bedeutete. Und fast zerriss es Hermine das Herz.
Der Affe hatte vergessen. Alles andere schien er vergessen zu haben. Ob nun mit oder ohne ihre Unterstützung.
Mit einem letzten Schnauben fiel Skills zurück auf die Fäuste, und dann wandte er sich ab, kehrte ihnen den Rücken zu, und Violet folgte ihm.
Hermine wollte erklären, aber sein Blick traf sie scharf. „Alles ok?" Sie wollte nicken, aber jetzt erst spürte sie den Schmerz wirklich. Das Adrenalin war abgeklungen, und es fühlte sich an, als wären ihre Rippen allesamt zerbrochen.
Sie schüttelte nur den Kopf, und sofort war er neben ihr. Er stützte sie, führte sie in die Hütte, die er entriegelte, und dirigierte sie zum Bett.
Er führte gleich mehrere Heilungszauber durch. Linderung durchflutete ihre Glieder sofort. Erleichtert schloss sie die Augen und lehnte den Kopf in die harte Matratze zurück.
„Das Schwert steckt noch, wie ich sehe?", hörte sie seine spöttische Stimme, und blinzelnd öffnete sie die Augen wieder.
„Mh", machte sie müde.
„Du verhütest nicht mehr?" Es war eine Frage, aber eigentlich hörte sie den Vorwurf in seinen Worten deutlich. Schuldbewusst sah sie ihn an.
„Nein", murmelte sie kleinlaut.
„Gut zu wissen", entgegnete er, während er ihre Arme und Beine abtastete. „Nichts gebrochen. Sofern die Rippen durch waren, sollten sie jetzt wieder alle fest zusammen sitzen, und innere Blutungen sollten gestillt sein."
„Danke", sagte sie stiller.
„Bedank dich nicht." Seine Stimme klang ernst. „Wir bleiben hier über Nacht", informierte er sie knapp.
„Woher wusstest du, wo ich war?", wollte sie schwach von ihm wissen.
„Wusste ich nicht. War reines Glück", erwiderte er kopfschüttelnd. „Sei nicht so unaufmerksam. Mordeos sind nicht die einzigen Gefahren hier", warnte er sie bitter.
„Ich weiß", entgegnete sie stiller. „Ich… wollte es dir noch sagen."
„Was?" Sein Gesicht wirkte verschlossen.
„Dass ich seine Erinnerung nicht gelöscht habe. Ich… konnte nicht."
„Dachte ich mir", sagte er lediglich. Ihre Augen weiteten sich.
„Was?" Er wirkte nicht sonderlich böse mit ihr.
„Ich bitte dich. Du wolltest ihn nicht mal alleine am Bergsee zurücklassen. Ich bin davon ausgegangen, dass dir eine kaltblütiger Erinnerungslöschung nicht so leicht von der Hand gehen würde." Und manchmal überraschte er sie wirklich. „Ich werde draußen nach Kräutern suchen. Vielleicht bringe ich eine eklige Brühe für dich zustande", schloss er und verließ die Hütte wieder. Sie hörte, wie er sie verriegelte, und erschöpft blieb sie liegen.
Heilungszauber brachten Müdigkeit, und sehr schnell war sie eingeschlafen.
Er hätte nicht gedacht, dass er so viel Sorge empfinden könnte.
Als sie nicht wiederkam, war er zu den Schiffen appariert, aber sie war schon fort gewesen. An der Lagune hatte er sie auch nicht finden können, und die Hütte war der einzige Ort gewesen, der übrig blieb.
Als er sie am Boden gesehen hatte, als er gesehen hatte, wie der Affe ausgeholt hatte, zum letzten brutalen Schlag – er hatte geglaubt, den Schlag selber zu spüren.
Er wusste, er würde sie beschützen. Aber dass er solche Gefühle hatte – das war neu. Brandneu. Er hatte die Hütte verlassen müssen. Draußen hatte er ein kleines zweites Feuer entfacht. Und dort hockte er nun.
Denn er hatte den Blick nicht von ihrem schlafenden Gesicht wenden können. Er hatte ihre warme Hand nicht loslassen wollen. Aber es überforderte ihn gleichzeitig. Und er hatte böse werden wollen, hatte sie anschreien wollen dafür, dass sie ihm nicht erzählte, dass sie nicht mehr verhütete! Dass sie diese Entscheidungen ohne ihn traf, aber… er hatte nicht gekonnt. Es war letztendlich unwichtig gewesen. Na und? Dann verhütete sie nicht. Hauptsache, sie lebte!
Merlin. All die Sorgen, die er sich machte, verblassten bei der Aussicht, dass ihr eine Gefahr zustieß. Und es war nur eine Vermutung gewesen. Dass sie tatsächlich nicht verhütete hatte er nicht gewusst.
Er hörte das Geräusch. Sofort reagierten seine Instinkte. Der Zauberstab lag fluchbereit in seiner Hand.
Und aus den Tiefen des Waldes näherte sich die riesige Gestalt. Langsam und scheu trat sie aus den kühlen Nebelschwaden, die die Nacht in den Wäldern stets mit sich brachte.
Und er kam allein. Und Draco verharrte völlig still. Aber er erkannte die Bewegung. Er erkannte die Gestalt.
Das Licht der Flammen beschien den Affen, und Draco sah auch das fehlende Auge. Es versetzte ihm einen schmerzhaften Stich, und er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass es seine Schuld war. Aber… er war wieder gekommen!
Skills beäugte das Feuer misstrauisch, aber Furcht schien er keine zu haben. Nein, er schien sich daran zu erinnern, dass er seine gesamte Kindheit lang vor dem Feuer verbracht hatte.
Und langsam kam er näher, fixierte ihn mit einem tierischen Blick. Er schnaubte leise, verständigte sich still mit ihm, und Draco konnte das Gefühl nicht beschreiben, was er empfand. Sein Affe war zurückgekommen.
Jetzt war er keinen Meter mehr entfernt. Dracos Kopf lag tief in seinem Nacken, so hoch musste er gucken, um Skills Kopf auszumachen, und gerade als er dachte, dass der Affe ihn vielleicht doch angreifen würde, ließ sich Skills auf den Hintern neben ihm fallen.
Fast musste Draco schmunzeln. „Hallo, Großer", murmelte er ruhig, und Skills schnaubte neben ihm. Und Draco konnte nicht anders, hob die Hand und legte sie auf Skills massige Schulter. Aus einem Auge sah der Affe ihn groß an. Draco erkannte, dass das fehlende Auge nicht gut verheilt war. „Was machst du nur", flüsterte er, hob den Zauberstab, und der Affe zuckte zusammen. „Ruhig!", sagte Draco leise. Stumm vollführte er die Heilung, und Skills schüttelte überrascht den Kopf. Seine langen Finger tasteten plötzlich nach der verheilten Haut, und er schnaubte wieder.
Heute heilte Draco die Verletzten. Ob Mensch oder Tier.
„Tut mir leid, dass ich gegangen bin", sagte Draco dann. Skills verstand nicht, aber es war nicht so wichtig. Der Affe neigte den Kopf und beschnupperte Dracos Gesicht mit langen Zügen. Draco musste grinsen. „Du blinde Nuss, ich bin's", sagte er kopfschüttelnd. Er kraulte den Kopf des Affen, dann den Nacken, und schnaubend sank Skills mit seinem vollen Gewicht gegen ihn und Draco sackte zur Seite.
„Hey!", protestierte er lachend. „Das geht nicht mehr, du Riesenbiest!" Er schob Skills zurück, kam auf die Beine und kratzte mit beiden Händen den breiten Rücken des Affen, während dieser kleine, zufriedene Laute von sich gab. Wenn Draco stand, überragte er Skills nur um einen Kopf. Er war riesig.
Dann tönte ein Affenruf durch den Wald. Skills reckte den Kopf in die Höhe.
Und es klang nicht bedrohlich. Draco verstand.
„Sie ruft dich", sagte er nickend. Träge kam der Affe auf die Beine, und war wieder riesig groß. Und beinahe menschlich wandte er sich zu ihm um, schien zu verstehen, dass er gehen musste. Dass es wieder ein Abschied war. „Ich… bin froh, dass ich dich gefunden habe. Damals." Draco wusste, der Affe verstand kein einziges Wort, las kein einziges Gefühl im Detail, aber er musste es einfach sagen. Er hatte es vorher versäumt.
Und er breitete die Arme aus und umarmte das große Tier. Dann ahmte Skills die Bewegung steif nach, etwas zu fest, aber Draco lächelte leicht. Dann verließ den Affen die Lust und seine Arme fielen wieder. Nervös drehte er sich um, blickte in die Tiefen des Waldes, und Draco nickte bloß.
„Na los. Mach, dass du weg kommst", bedeutete er dem Riesengorilla lächelnd. Skills schnaubte noch einmal auf, bevor er mit mächtigen Sätzen das Feuer verließ, und in Sekundenschnelle war er wieder im Wald verschwunden. Draco war wieder allein.
Aber… er war nicht wirklich allein, erkannte er dann in einem Anflug von Selbstreflexion. Sein Blick fiel zur Hütte zurück. Und dann löschte er das Feuer kopfschüttelnd, als wäre es überhaupt albern gewesen, ihre Seite zu verlassen.
Er betrat die Hütte wieder. Das Feuer im Kamin war fast runtergebrannt. Er legte ein paar Scheite nach, denn er wollte nicht, dass ihr kalt wurde.
Dann schlüpfte er unter das Tigerfell, und halb wach, halb schlafend schmiegte sie sich in seinen Arm. Ihre Wärme erfüllte ihn. Er hatte solche Angst um sie gehabt.
„Verlass mich nicht, Hermine", murmelte er still in ihren Haaransatz. Sie machte ein unzusammenhängendes Geräusch, schien zu träumen, und fest hielt er sie in seinen Armen. Dann schloss er die Augen und genoss das Gefühl, in ihrer Nähe zu sein.
