42. Christmas

Der riesige Baum stand in der Mitte des Clubs, so prunkvoll geschmückt und verzaubert, dass sie für eine ganze Weile nicht den Blick von den winzigen Elen wenden konnte, die um die gläsernen Kugeln schwirrten. Natürlich alles nur Illusionszauber, aber beeindruckend war es allemal.

In jeder Kugel tobte ein Schneesturm, und das Lametta schimmerte in sämtlichen Goldtönen.

„Frohe Weihnachten, Pansy", riss sie eine Stimme aus ihren Gedanken. Sie wandte den Blick, hatte die Stimme aber schon vorher erkannt.

„Frohe Weihnachten, Narzissa", erwiderte sie die Floskel.

„Ein schöner Baum, nicht wahr?" Auch Narzissa betrachtete den Baum, und Pansy ergriff den Moment, um höflich zu sein.

„Kein Vergleich zu dem Baum in Malfoy Manor", beteuerte sie mit kokettem Lächeln, aber Narzissas Lächeln geriet etwas traurig.

„Dieses Jahr haben wir keinen Baum." Pansy war sich nicht sicher, was sie erwidern sollte.

„Oh", war alles, was ihr einfiel, aber verständnisvoll nickte sie.

„Ich sehe keinen Grund", fuhr Narzissa stiller fort. Es war plötzlich schwieriger geworden, auszuatmen, fand Pansy.

„Wie… geht es Ihnen? Lucius?", fragte Pansy dann.

„Gut. Danke." Wieder eine Floskel, aber Pansy wusste, Narzissa log. Im Club sprach man viel und gerne über die Malfoys, und gut ging es ihnen seit Monaten nicht mehr. Gerüchte munkelten, Narzissa plane eine zweite Schwangerschaft, aber ansprechen würde Pansy Narzissa darauf nicht.

Es kam ihr so unpassend und ungesund vor.

Alle hatten aufgehört über Draco zu reden. Es war beinahe, als hätte er nie existiert. Sein Name war längst aus den Aufnahmelisten des Clubs verschwunden, und Leute schienen fast dankbar, seit der Beisetzung seinen Namen nicht mehr erwähnen zu müssen.

Pansy hasste es. Und deshalb sprach sie. Denn sie wollte nicht vergessen.

„Draco mochte den Baum am liebsten", sagte sie still, ohne Narzissa anzusehen, aber in einer schmalen Geste, hatte sich Narzissas Körper versteift.

„Ich muss noch einige Leute begrüßen. Entschuldige mich, Pansy", verabschiedete sich Narzissa höflich, wenn auch kühl. Pansy sah der Frau nach, und auch wenn sie es nicht laut sagte, es sich nicht einmal still eingestand – sie vermisste ihn. Sie hatte geglaubt, nach dem Krieg, wenn alles vorbei wäre, dann… hätte das etwas sein können.

Sie und Draco. Schon damals in der Schule hatte sie es gesehen. Sie hatte es ihm nie gesagt, wusste nicht mal, ob es irgendwelche echten Gefühle waren, aber… seitdem sie Ronald Weasley traf, dachte sie häufiger darüber nach.

Und sie wusste, es war eigenartig und vielleicht pervers. Und unpassend, wie Narzissas mögliche Schwangerschaft.

Sie war nicht mit Weasley zusammen, aber… sie sahen sich doch recht regelmäßig.

Und sie wusste, er dachte an sie. An Granger. Und wenn es stimmte, dann… waren Draco und Hermine Granger zusammen irgendwo. Zwischen den Meeren der Welten, und sie glaubte Weasley nicht. Er sagte zwar, Granger käme nicht wieder, aber… so verhielt er sich nicht. Nicht wirklich.

Es war eine so eigenartige Verbindung, dass Pansy nicht sonderlich lange darüber nachdenken konnte. Sie erinnerte sich an Hermine Granger. Sie war ein nervtötendes Mädchen gewesen, damals in der Schule.

Und sie fragte sich manchmal unwillkürlich, ob es so abwegig war, dass ihnen dasselbe passiert war, wie ihr und Weasley? War es möglich, dass beide… zueinander gefunden hatten? Wo auch immer sie waren? Es schien eine Möglichkeit zu sein, die weder Weasley noch seine Freunde in Erwägung zogen. Aber für Pansy lag es nicht so weit entfernt.

Draco sah gut aus. Körperlich vielleicht etwas schmal, nichts im Vergleich zu Weasleys breiten Schultern, aber… er war groß und… schön.

Ja, sie erinnerte sich an sein Gesicht. Es war keine Strafe, ihn ansehen zu müssen. Und vielleicht… hatte auch Granger daran Gefallen gefunden.

Denn, wenn beide noch lebten, ging Pansy davon aus, dass sie zusammen arbeiteten. Zusammen versuchten, nach Hause zu kommen.

Denn Lucius mochte Draco vieles unterstellt haben, aber dumm war Draco nie gewesen. Er war klug genug gewesen, seine Freizeit nie Zuhause zu verbringen, bei seinen dämlichen Eltern. Und sein Zimmer besaß verschiedene lose Dielenbretter mit versteckten Single Malts, anderen Drogen und unzähligen Geheimnissen, die seine Eltern niemals aufdecken würden.

Und fast hoffte Pansy es. Dass sich Granger um ihn kümmerte. Dass sie nicht versuchte, ihn umzubringen oder was auch immer. Denn Draco verdiente keine schlechte Behandlung mehr. Nach dieser ganzen Zeit, seiner furchtbaren Kindheit, der schrecklichen Tyrannei durch Lucius verdiente er eigentlich nur noch gute Tage.

Sie seufzte schwer und wandte den Blick vom Baum endlich ab. Aber würde er wiederkommen, würde Askaban auf ihn warten. Und das war es, was es alles noch trauriger machte.

Es wurde Zeit. Die Uhr schlug Elf. Sie traf sich noch mit Weasley. Er war ihre heimliche Droge, denn mit ihm fühlte sie sich nicht ganz so… leer.

„Frohe Weihnachten, Draco", flüsterte Pansy dem Baum zu, bevor sie den Club verließ.

Sie saß erschöpft auf einem frisch umgestürzten Stamm und blickte leer in das Dickicht vor ihr. Schweiß stand auf ihrer Stirn. Ihre Schultern schmerzten, alles schmerzte nur noch.

Es war, als gäbe der Dschungel nicht nach. Nicht für einen Sickel. Sie griff in ihre Hosentasche, holte ein paar Kerne hervor und aß sie gedankenverloren. Es war alles so enttäuschend. Sie bekamen das Schiff nicht voran. Nicht nur war das Bäume umstürzen magisch extrem anstrengend und gefährlich, aber das schiere Gewicht des Schiffes, ging an die Grenzen ihrer Zauberstäbe.

Kaum hundert Meter bekamen sie das riesige Ungetüm am Tag bewegt, und das erforderte, dass sie nahezu fünfzig schmale Bäume zu Fall brachten. Es war nicht so tragisch, denn der Dschungel besaß genug Bäume. Aber es war… fast unmöglich. Natürlich nur fast, denn… es war ihre einzige Chance!

Sie stritten viel. Sehr viel. Und Hermine war nicht schwanger. Nach all den Wochen immer noch nicht. Das Schwert steckte immer noch beharrlich im Stein, und sie hatte ihre Ernährung um Sonnenkresse ergänzt, welche nahe der Lagune wuchs, denn sie war sich fast sicher, dass sie Folsäure enthielt, welche dem Embryo gerade bei dieser heißen Sonne, die alle Vitamine zerstörte, gut tun würde. Nicht, dass es einen Embryo gab, um den sie sich sorgen musste. Nein.

Aber Hermine war stets eifrig gewesen, tat immer das richtige. Auch wenn… es gerade bei dieser Schwangerschaft eine mehrjährige Grundsatzdiskussion geben könnte – und am Ende wäre sie immer noch nicht völlig sicher, ob es wirklich das Richtige war, was sie taten.

Aber im Moment war es egal, denn nichts hatte sich geändert. Ja, sie hatten das Schiff repariert, aber… sie bekamen es nicht an den Strand, und sie hatten auch kein Schwert.

Er lehnte am Schiff, ebenso erschöpft wie sie, aber sie wusste, er steckte mindestens doppelt so viel Kraft und Anstrengung wie sie in die Zauber, denn mehr konnte sie nicht leisten. Ihr Körper schaffte mehr nicht. Vor allem verzichtete sie mittlerweile auf rotes Fleisch, kümmerte sich darum, dass dem möglichen Embryo durch ihre Ernährung die besten Chancen zuteilwurden, und damit ging einher, dass sie ihren Körper langsam aber sicher anpasste, umstellte – und diese neue Diät kostete sie Kraft und Nerven.

Und ihn auch. Er schlief mit ihr, denn er musste. Sie mussten Sex haben, wenn sie schwanger werden wollten. Aber mittlerweile war es eine Qual. Nicht die Nähe, nicht der Sex, aber… der schiere Zwang dahinter, kombiniert mit der sanften Panik, dass sie es nicht schaffen würden.

Sie hatte die Kilometer überschlagen, die es bis zum Strand brauchte, hatte es mit der Distanz kombiniert, die sie täglich zurücklegten – und es würden noch Monate vergehen, bis sie das verdammte Schiff überhaupt in die Nähe des Strands bringen konnten.

Und bei so vielen Tonnen Holz funktionierte kein Gewichtszauber. Hermine konnte es nicht leichter hexen, sie kannte keinen Zauber, der das Schiff schneller bewegte, aber… sie nahm an, es existierte bestimmt irgendein Zauber, der es einfacher machen würde. Sie hatten überlegt, Schienen aus den umgekippten Stämmen zu legen, das Schiff quasi darauf zu bewegen, aber das war auch unmöglich gewesen. Die Schienen hielten nicht.

Es war eine absolute Millimeterarbeit mit dem Leviosa, und dieser Zauber funktionierte auch nur mit ihren Hyper-Stäben. Kein normaler Zauberstab würde es fertig bringen. Und nicht einmal ihre Hyper-Stäbe schafften, das Schiff leichter zu machen. Und wahrscheinlich lag es nicht mal am Schiff. Nicht mal an den Zauberstäben. Wahrscheinlich lag es an der Insel, die sie nicht gehen lassen wollte.

Wahrscheinlich wäre jeder Versuch, den sie unternehmen würden, schwer. Unsagbar schwer.

Sie sprachen nicht. Wenn sie arbeiteten sparten sie ihre Kräften, brauchten keine Worte, und wenn ein langer Tag zur Neige ging, wie heute, dann gab es einfach keine Worte. Und sie sahen ihre Leistung kaum. Sie konnten zurückblicken und die Schneise sehen, die sie in den Wald frästen. Und bisher hatten sie kaum einen Kilometer geschafft. Wenn überhaupt. Sie konnte den Tümpel, in dem das Schiff gelegen hatte, noch immer mit bloßem Auge ausmachen.

Und der Weg war noch lang.

Sie hatte das Gefühl, als müsse sie den verdammten Ring nach Mordor bringen, nur war es kein Ring, sondern ein verdammtes Schiff. Und das Schiff dürfte auch nicht zerstört werden, sondern musste sie nach Hause bringen. Ihre Herr-der-Ringe-Metapher hinkte ein wenig, aber diese Reise dorthin, die war genauso anstrengend.

Natürlich kannte Draco das Buch nicht. Es war sinnlos, diese Gedanken mit ihm zu teilen, außerdem waren es keine positiven Gedanken.

Und tatsächlich wusste sie nichts zu sagen. Hätte jemand einen Zauberstab auf sie gerichtet und sie gezwungen, ein Gespräch zu beginnen – sie wüsste kein einziges Wort.

Und es schien ihm ähnlich zu gehen. Er sah auch, wie mühsam es war. Wie unendlich dieser Weg noch war. Und niemand von ihnen durfte krank werden. Niemand durfte aufgeben. Und alles stand unter der Prämisse, dass sie richtig lag und das Schwert tatsächlich aus dem Stein ziehen konnte, wäre sie erst einmal schwanger.

Sie hatte auch schon überlegt, dass sie womöglich zu oft verhütet hatte. Dass es einfach zu spät wäre. Auch diese Gedanken äußerte sie nicht laut, aber sie nahm an, er dachte ähnliche Dinge.

Und wenn sie die Tage richtig im Kopf hatte, dann war heute auch noch Heiligabend. Aber nichts auf dieser Insel verriet auch nur im Entferntesten diese Tatsache. Es war heiß, wie immer. Die Blumen und Bäume standen in voller Blüte, die Sonne schien erbarmungslos, nicht ein Wölkchen wanderte über den makellosen Himmel. Nichts vermittelte ihr ein Gefühl von Weihnachten. Gar nichts.

Aber sie versuchte immer ihr Bestes. Denn sie wusste, sie durften die kleinen Dinge nicht aus den Augen verlieren, sie durften nicht vergessen, wer sie waren, woher sie kamen, und was ihre Konventionen bedeuteten.

„Schluss für heute", informierte er sie überflüssigerweise, stieß sich von den Planken ab und apparierte. Sie apparierten getrennt.

Und eine Ohnmacht erfüllte sie, als sie alleine vor dem schiefen Schiff stand, die untergehende Sonne im Nacken, und manchmal gewannen die Erschöpfung und die Angst. Tränen füllten stumm ihre Augen. Er würde nicht wiederkommen, um zu sehen, wo sie blieb. Er würde im See baden, einen Spaziergang machen, würde das Schwein braten oder welches Tier er gefunden hatte, und dann würden sie miteinander schlafen, um ein paar Stunden auszuruhen, um dasselbe von vorne zu beginnen.

Und manchmal wünschte sie, er wäre mehr wie Harry. Mehr wie… Ron. Und wenn Dinge schwieriger wurden, wenn es aussichtslos schien…- dann würde er trotzdem optimistisch bleiben. Er würde sich trotzdem um sie kümmern.

Und ja. Er arbeitete sich hier nun nahezu zu Tode, um eine unsichere Reise übers Meer zu riskieren, die sie vielleicht nicht überlebten, um dann verhaftet zu werden.

Sie verstand, warum er vielleicht nicht munter und optimistisch war, aber… es wäre nett, wenn er… so tun würde. Nur für fünf Minuten. Das würde ihr reichen.

Sie streckte den Rücken durch. Die Tränen versiegten, wie es alle Tränen irgendwann taten, und dann apparierte sie, verließ das verdammte Schiff, und landete vor ihrer Höhle. Alles war dunkel. Wahrscheinlich war er schon im Wald, reagierte sich ab, jagte ein armes Tier, was es leider nicht anders verdiente, und müde näherte sie sich der Höhle und entfachte das alte Feuer von gestern.

Sie war zu müde, um sich weiter selbst zu bemitleiden. Einfach zu müde. Müder als sonst, dachte sie abwesend.

Es war Weihnachten. Wie eigenartig Weihnachten war, wenn man nicht Zuhause war. Manchmal geschahen an Weihnachten ja Wunder.

Sie wusste nur nicht, ob es auch auf dieser Insel hier Wunder gab – von den wunderlichen Sachen hier mal ganz abgesehen. Zwar wusste sie nicht, auf was für ein Wunder sie eigentlich hoffte, aber… ein Wunder an sich wäre nicht schlecht.

Denn selbst ihre ewige Hoffnung näherte sich ihren unerschütterlichen Grenzen. Geduld war eine Tugend, die ihr langsam aber sicher abhandenkam. Auch ihr Optimismus ging langsam zur Neige. Aber sie würde noch ein wenig aushalten.

Nur noch ein wenig.

Bitte, nur ein kleines Wunder, bat sie stumm.

Sie wusste, es war ein Traum. Die Übergänge waren zu fließend und sie hatte keine genaue Vorstellung von Zeit. Alles schien ineinander überzugehen. Und als sie, wie in Trance, den Kopf bewegte, lag er nicht neben ihr.

Es war helllichter Tag, obwohl sie nie solange schlief. Ein weiteres Indiz, dass es ein Traum war. Wenn auch ein realistischer, denn noch war nichts Außergewöhnliches geschehen, als dass sie genau dort aufgewacht war, wo sie geschlafen hatte.

Mühelos stand sie auf, fühlte weder Müdigkeit noch Hunger.

Und als sie in die strahlende Sonne trat, dachte sie zuerst, es wäre Draco, der draußen wartete, aber es war eine Frau. Sie hatte dunkle Haare, eine helle Haut und sie trug Hermines Lieblingsoutfit von damals. Die helle Röhrenjeans mit dem türkisen Oberteil.

Es hatte eine halben Wimpernschlag länger gedauert, bis sie sich erkannt hatte. Aber es war nicht ihr jetziges Selbst, was ihr gegenüber stand. Nein, es war eine Hermine, die niemals der Hitze und der Gewalt dieser Insel ausgesetzt gewesen war. Keine Narben, keine Bräune, keine hellgoldenen Strähnen, keine definierten Muskeln.

Die alternative Hermine lächelte ihr entgegen, und als Hermine verwundert näher kommen wollte, setzte sich die andere Frau ruckartig in Bewegung, fiel in einen Sprint, und ohne nachzudenken, folgte Hermine ihr.

„Warte!", rief sie, aber ihr Ebenbild lief immer weiter, immer schneller, und Hermine wusste, sie bewegten sich unmenschlich schnell. Der Dschungel flog neben ihnen in einem Wust aus Farben vorbei, sie erklommen die Berge mühelos und in Rekordgeschwindigkeit, rauschten durch die Gebirgswälder, und plötzlich hoben sie vom Boden ab.

Hermine hatte das unstete Gefühl im Bauch, dass sie gleich abstürzen würden, aber sie war viel zu gefangen von der meterhohen Aussicht. Hagrids Hütte war nicht mehr da, stattdessen reckte sich das Schloss Hogwarts ächzend aus den Bäumen empor. Der See mit der Einhorninsel erinnerte sie an den See von Hogwarts, und als sie und die andere Hermine tiefer segelten, erkannte sie Riesenaffen in Hufflepuffuniformen, die über Geröllberge tollten, und die Wassermonster aus dem See… waren Harry und Ron?!

Sie und ihr Ebenbild sanken tiefer, und ja! Sie erkannte ihre beiden Freunde, wie sie sich faul durchs Wasser treiben ließen, wie sie ihren Blick fingen, ihr zuwinkten, und Hermine blinzelte mehrfach, um dieses verstörende Bild aus dem Kopf zu bekommen.

Und als sie weich im Moos landeten, war nichts mehr davon wahr. Hagrids Hütte stand wieder dort, wo sie immer stand, und ihr Ebenbild lief munter zur Tür, wartete auf sie, und Hermine folgte ihr, und schon war die andere Hermine in der Hütte verschwunden.

Als Hermine die Hütte ebenfalls betrat, war sie allein.

Und das Schwert war fort. Stattdessen stand in der Mitte der Hütte eine Kinderwiege, mit einem weißen Himmel bespannt, und verblüfft sah Hermine sich um. Wo war ihr Ebenbild abgeblieben? Die Hütte war nicht groß genug, als dass sie einfach verschwinden konnte. Dann wiederum war es nur ein Traum, sagte sie sich fest, aber sie spürte, wie sie nervöser wurde, je näher sie der Wiege kam.

Was verbarg der Himmel?

Warum hatte sie solche Angst? Lag für gewöhnlich in einer Wiege nicht ein Baby? Warum sollte man sich davor fürchten? Aber Träume waren selten, was sie zu sein schienen. Sie wusste das, und sie wusste, sie musste hinter den Himmel blicken.

Sie stand keinen halben Meter entfernt von der Wiege. Und sie sah, hinter dem Himmel bewegte sich etwas. Ihr Herz schlug schneller. Was auch immer es war, es konnte ihr nichts antun! Es konnte ihr nichts antun!

Mit zitternden Finger schob sie den Himmel zurück, hielt die Luft an –

-aber die Wiege war leer. Angespannt verließ die Luft ihre Lungen, und sie verstand nicht. Wo war das Baby? Sie schlug die weiche Decke zurück und fuhr fast zusammen. In der Wiege steckte der rubinbesetzte Knauf des Schwerts.

Es war so eigenartig. Es war so unangenehm.

Und dann spürte sie etwas Schlimmeres. Ihr Bauch blähte sich langsam auf, wurde größer und größer, spannte unter ihrem Leinenshirt, und fast glich er einem Ballon.

Sie schrie, denn sie glaubte, sie würde platzen! Sie schrie und schrie und…

…- und schreckte aus dem Schlaf in die Senkrechte!

Ihr Atem ging so schnell, als wäre sie gerannt. Und die Dunkelheit überforderte ihre Augen. Es war nicht taghell. Es war noch dunkel draußen. Durch den Höhleneingang fiel noch nicht mal das erste Licht der Morgenröte, aber sie war wach!

So was von wach! Und schwach erkannte sie seinen Umriss neben sich. Ruhig atmete er, war nicht wach geworden, und nahezu sofort griffen ihre Hände um ihren Bauch.

Er war flach. Kein Ballon. Nur ein Traum. Sie atmete erleichtert aus, vergrub ihr nassgeschwitztes Gesicht in ihren Händen und hasste ihre seltsame Fantasie.

Kein guter Traum.

Aber… vielleicht….-

Sie tastete nach ihrem Zauberstab. Kühl lag er in ihrer Hand, und sie richtete die Spitze auf ihren Bauch. Stumm sprach sie die Vita-Formel, wie sie es seit Wochen tat, aber wie immer passierte gar nichts.

Frustriert atmete sie aus, doch dann sah sie es! Leuchtend weißer Rauch verpuffte sanft über ihrer Bauchdecke, und fast hätte sie sich verschluckt vor Schreck.

Merlin! Der Zauber hatte funktioniert! Ihr Körper reagierte endlich auf den Schwangerschaftszauber! Und der Rauch war… weiß! Ein Junge! Schwarz für ein Mädchen, weiß für einen Jungen!

Sie… war schwanger mit einem-

„-Draco!", rief ihre heisere Stimme, schüttelte ihn an der Schulter, und grunzend regte er sich, schob ihre Hand zur Seite und murmelte unzusammenhängende Worte, die weniger freundlich klangen. „Draco", sagte sie wieder, und dieses Mal hob er schwach den Kopf aus dem Blätterkissen.

„Salazar, verflucht! Es ist mitten in der Nacht!", knurrte er rau, und zwar konnte sie sein Gesicht nicht ausmachen, aber wahrscheinlich blickte er gerade nicht zu begeistert drein, aber das war ihr egal! Absolut egal!

„Bist du wach?", wollte sie aufgeregt von ihm wissen, und wieder stöhnte er auf.

„Nein. Weißt du, mein Unterbewusstsein spricht mit dir! Merlin, was ist los?"

Aber sie wollte es nicht im Dunkeln sagen. Sie wollte sein Gesicht sehen. Stumm sprach sie den Lumos, und er zuckte gereizt zusammen. „Merlin, Granger!", fuhr er sie an, bedeckte seine Augen mit der Handfläche, und sie wartete, bis er sich an das Licht gewöhnt hatte. Blinzelnd sah er ihr schließlich entgegen. Kurz überflogen seine Augen ihre Gestalt. Und ganz entfernt erkannte sie die Sorge in seinem Blick, beinahe flüchtig kroch sie über seine Züge.

Und dass er sich Sorgen um sie machte, erinnerte sie jedes Mal wieder daran, wie viel er ihr bedeutete. Wie weit sie gekommen waren.

„Keine offenen Wunden, keine Tränen. Ich hoffe, du hast einen guten Grund", warnte er sie, aber sie wusste, sein Ärger war nicht ganz so ernst gemeint, wie er es zur Schau stellte.

„Der Schwangerschaftszauber hat funktioniert", eröffnete sie ihm atemlos. „Wir bekommen einen Sohn", flüsterte sie mit weiten Augen, und kurz schien er nicht zu verstehen. Er blinzelte verwirrt. Sein Mund öffnete und schloss sich wieder.

„Ich – bist du… sicher? Du-"

„-ja", bestätigte sie nickend. „Draco?", sagte sie seinen Namen, denn wie versteinert sah er sie an.

„Es hat… einfach so geklappt?", wisperte er ungläubig, nicht ganz in ihre Richtung, aber sie runzelte die Stirn.

„Nach Wochen und Wochen an Versuchen? Ja, es hat geklappt", räumte sie gespannt ein. War das seine Reaktion? Sollte sie enttäuscht sein? Sie wusste, es war nicht wirklich eine Überraschung, denn immerhin versuchten sie es seit zwei Monaten, und das war wirklich ein schneller Erfolg, aber… sie hatte ein wenig mehr Enthusiasmus erwartet.

„Du… bekommst meinen Sohn?" Er fragte es. Er sah sie tatsächlich ernsthaft an und fragte sie diese Worte. Und etwas unsicher nickte sie.

„Ja, Draco", erwiderte sie sanft.

Und sie wusste nie, was sie von ihm erwarten konnte. Seine Skala an Emotionen war so unterschiedlich und weit, dass sie jedes Mal Angst hatte, was passieren würde. Ihr Herz saß schwer in ihrer Brust, und die Sekunden vergingen zäh und schmerzhaft.

Und dann passierte etwas Wunderbares. Jede Angst und jede Sorge fielen von ihr ab, als sich seine Mundwinkel hoben und tiefe Grübchen in seine Wangen gruben. Zum ersten Mal sah sie, wie die stille Freude sogar seine grauen Augen erreichte, sie praktisch zum Strahlen brachte, und es schnürte ihr die Kehle zu vor Erleichterung.

„Frohe Weihnachten", wisperte sie unter aufkommenden Tränen, und schlang die Arme um seinen warmen Nacken, als er sie ebenfalls in eine Umarmung zog.

„Frohe Weihnachten, Hermine", erwiderte er rau, und lächelnd schloss sie die Augen, während sie ihn nur fester hielt. Auch auf der Insel passierten also kleine Wunder….