43. The Low

Sie wusste nicht, seit wann es so war, aber sie konnte immer weniger mit ihrem Bruder anfangen. Seit einer Weile erzählte er gar nichts mehr über sich. Und sie war sich auch nicht sicher, ob sie es hören wollte.

Harry hatte ihr genug Dinge über Ron erzählt, die ihn nicht zwangsläufig in seinem Ansehen steigen ließen. Sie war sowieso überrascht, dass er überhaupt noch aufgetaucht war. Er war schon gestern Abend im Fuchsbau eingeladen gewesen. Aber dafür hatte er nicht die Zeit finden können, in seinem ach so spannenden Leben.

Ihre Eltern waren heute Morgen abgereist, gönnten sich eine Auszeit, ein wenig Sonne, ein wenig Strand und Meer, und Ginny gönnte es ihnen. Ihre Mutter tat sich schwer mit dem Verlust von Fred. Sie alle überwanden den Krieg nur langsam, und gestern Abend war zwar Heiligabend gewesen, allerdings war keiner in Feiertagsstimmung zu Bett gegangen.

Nicht einmal Harry. Heute Morgen hatten sie Geschenke ausgetauscht, und er hatte sich auch aufrichtig über den neuen Rennbesen gefreut, aber sie glaubte, andere Dinge beschäftigten ihn.

Jetzt war es später Nachmittag, und ihr Bruder saß mäßig gelangweilt an ihrem Esszimmertisch und trank eine Tasse Earl Grey, während Harry auf sich warten ließ.

„Und?", fragte sie dann demonstrativ gereizt, denn er hatte nicht viel erzählt, hatte ihr lediglich ihr Geschenk überreicht – überraschenderweise ziemlich teuren Badezusatz – und seitdem saß er schweigend vor ihr am Tisch. „Hattest du einen netten Abend gestern?" Und sie glaubte, es war das erste Mal, dass sie ihren Bruder an Heiligabend nicht gesehen hatte.

„Mhm", machte er tatsächlich unwirsch, und sie konnte nicht mal sagen, ob es ein positiver oder ein negativer Laut war, der so unverbindlich seinen Mund verließ.

„Gut für dich", knurrte sie also lediglich bissig, und sie war wirklich dankbar, als sie Harry die knarrende Treppe runterkommen hörte. „Harry, endlich!", rief sie erleichtert aus, aber sie stutzte, als sie ihn sah. „Was ist das?"

Harry setzte drei Kisten, die er übereinander gestapelt hatte, mühsam ab, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass er ausgerechnet am Weihnachtstag entrümpelte. Es wurde zwar Zeit. Grimmauld Place stand nämlich nur so vor Gerümpel, was darum bettelte entsorgt zu werden, aber… sonst fand er auch alle möglichen Ausreden, um nicht aufräumen zu müssen.

„Ich spende sie. Einige Leute kommen später und holen sie ab."

„An Weihnachten?", vergewisserte sie sich ungläubig. „Was sind das für Sachen?" Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wer kommen sollte. Aber Bedürftige gab es genug, nahm sie an.

„Hermines Kisten", erwiderte er bloß, und sie starrte ihn an, als mache er einen Scherz. Einen schlechten noch dazu.

„Du gibst ihre Sachen ab?" Und das war Rons Stimme. Er konnte also doch noch sprechen.

„Ja", entgegnete er gleichmütig. „Ich nehme an, du willst sie nicht?" Fast klang Harrys Stimme provozierend. Sofort war Ginny zu ihm gekommen und klappte die oberste Kiste auf.

„Das… das ist ihre Kleidung!", entfuhr es ihr, als sie den türkisen Pullover aus der Kiste hob. Er war Hermines Lieblingspullover gewesen.

„Ich weiß", räumte Harry tatsächlich mehr oder weniger teilnahmslos ein.

„Denkst du nicht, dass… wir sie aufheben sollten, wenn…", aber sie sprach nicht sofort weiter, ließ den Satz erst einmal in der Luft hängen, aber Harrys Blick war so kühl, dass sie letztendlich doch weiter sprach, „wenn sie nach Hause kommt?" Sie fixierte ihn scharf.

„Vielleicht… tut sie das nicht. Und dann sitzen wir wie die letzten Idioten auf ihren Sachen."

„Was?", entkam es ihr schockiert. „Was redest du denn da? Und sie fressen kein Brot, Harry. Die Kisten stören keinen!"

„Sie stören mich!", fuhr er sie jetzt an.

„Was ist in dich gefahren?", wollte sie ungläubig wissen, denn Harry war derjenige, der nie die Hoffnung verlor. Er glaubte immer daran, dass Hermine wiederkommen würde. Was war nur los?

„Nichts", entgegnete er gereizt. „Gar nichts, ok?"

„Harry, ich verstehe nicht, was-"

„-ich bin müde, Gin", unterbrach er sie. „Ich… brauche eine Pause."

„Eine Pause von was?", wagte sie zu fragen, und auch Ron beobachtete Harry äußerst gespannt.

„Vom Warten", schloss Harry, während er sich lustlos Tee in eine saubere Tasse goss.

„Deshalb musst du nicht ihre Sachen weggeben!", entfuhr es ihr entrüstet. Harry wandte sich müde zu ihr um.

„Ich will sie nicht mehr sehen. Ich…" Aber er zuckte die Achseln, sprach nicht weiter und setzte sich an den Tisch. Dann erst schenkte er Ron Beachtung. „Frohe Weihnachten", wünschte er bitter, und Ron ruckte mit dem Kopf, ehe er stumpf in seine Tasse Tee blickte.

„Harry", begann sie verzweifelt, aber er schüttelte den Kopf.

„Ich meine, alle anderen haben schon aufgegeben", sagte er fast trotzig, und sie glaubte, er meinte damit vor allem Ron. Dieser hob jetzt kalt den Blick.

„Ich nicht!", beteuerte sie aber entrüstet. „Du hast gesagt-"

„-und wenn schon!", unterbrach er sie streng. „Ich irre mich, Gin. Ich habe nicht immer Recht. McGonagall muss auch nicht Recht haben. Und vielleicht ist es ein Hirngespinst, dem ich nachgelaufen bin. Es sind mehr als sieben Monate vergangen."

„Du wartest sieben Monate, und das war's?", wollte sie bitter wissen, und er zuckte die Achseln.

„Keine Ahnung. Ich… kann nur einfach nicht mehr jeden Abend einschlafen und hoffen, dass es morgen alles so sein wird wie früher! Dass sie magischerweise nach Hause kommt, an unsere Tür klopft und… alles ist, wie früher", schloss er kopfschüttelnd. „Ron ist drüber weg!", behauptete er nun achselzuckend, und ihr Bruder wirkte merklich verstimmt.

„Ich habe nie gesagt, dass ich-", begann Ron langsam, aber Harry ließ ihn nicht ausreden.

„-ich bitte dich! Dein Lebenswandel spricht Bände!"

„Ich habe mich einfach nur keinen Märchen hingegeben!", fuhr Ron ihn jetzt an. „Das heißt nicht, dass ich drüber weg bin!", rief er wütend.

„Nein", bestätigte Harry rau. „Dass du Sex mit Pansy Parkinson hast – das zeigt mir, dass du drüber weg bist!"

„Fick dich, Harry!", brachte Ron zornig hervor, und plötzlich standen beide Männer auf den Beinen. Ginny konnte sich noch gerade so beherrschen und zog nicht den Zauberstab. Auch wenn diese Offenbarung definitiv an ihre Verständnisgrenze ging. Pansy Parkinson? Was waren das für neue Moden?

„Ihr hört damit sofort auf!", fuhr sie die Männer stattdessen an und ließ sich nicht auf das Streitgespräch ein. „Es ist Weihnachten. Und es ist mir scheiß egal, welche depressive Phase ihr gerade durchmacht, aber ich werde mir nicht Rons Eskapaden anhören, und wenn du Hermines Sachen weggeben willst, um dich besser zu fühlen – bitte! Aber du irrst dich, Harry! Es wird dir nur noch mehr wehtun, und wäre Hermine hier-"

„-aber sie ist nicht hier!", donnerte Rons Stimme ungehalten durch ihr Esszimmer, und Ginny verschränkte mit eisigem Blick die Arme vor der Brust. „Sie ist nicht mehr da!", fuhr er sie deutlicher an. „Angst vor einem Schatten, einem Geist, zu haben, bringt sie nicht zurück!"

„Erzähl mir, was du willst!", begann Ginny warnend. „Rede dir ruhig ein, dass es keine Konsequenzen für dein Handeln gibt, Ronald!", knurrte sie, und sein Blick wurde zornig.

„Hör bloß auf", erwiderte er gepresst. „Ich bin der Ältere! Tu nicht so, als wärst du Mum", schloss er kopfschüttelnd.

„Du kannst dir verdammt noch mal sicher sein, dass ich ihr erzählen werde, dass ihr euch aufgeführt habt, wie dämliche Vollidioten, wenn sie wieder da ist." Und fast nachsichtig schüttelte Ron den Kopf über sie. Und sie konnte gar nicht sagen, wie furchtbar sie sein Verhalten fand! Und Harrys gleich mit.

Und ausgerechnet Harry sprach jetzt wieder.

„Vielleicht habe ich dich angesteckt mit diesem… Wahn", begann er verzweifelt. „Gin, ich habe so viel Druck gemacht, habe so viel blinde Hoffnung investiert, aber… vielleicht…-"

„-nein!", unterbrach ihn Ginny zornig.

„Ich meine, wir haben nicht mal geheiratet!", entfuhr es ihm traurig. „Weil ich warten wollte. Weil ich auf Hermine warten wollte."

„Und das ist auch richtig!", ermahnte sie ihn kopfschüttelnd.

„Nein. Vielleicht war es einfach nur dumm", widersprach Harry tonlos.

„Tja", begann sie bitter, „dann hast du jetzt leider auch Pech gehabt, sofern das ein Antrag gewesen sein sollte", fuhr sie böse fort. „Denn ich werde warten. Vielleicht bin ich verrückt, aber ich zumindest spüre, dass sie nicht tot ist. Ich spüre, dass sie lebt. Und ich spüre, sie wird bald wiederkommen! Denn nur ein absoluter Riesenochse, würde Hermine umbringen. Und ich unterstelle Malfoy so viel Todesser-Verstand, dass er weiß, dass Hermine seine einzige Chance ist. Vielleicht muss man eine Frau sein, denn ihr zwei Hornochsen habt kein Gespür für absolut irgendwas!" Ihre Brust hob und senkte sich zornig.

„Und ich werde jetzt einen schönen Tag verleben, und ihr zwei könnt euch meinetwegen anschreien, bis ihr schwarz werdet! Idioten…", setzte sie noch hinterher, ehe sie sich ihren Mantel von der Stuhllehne griff und verschwand.

Zornig schritt sie durch den Flur, zog die Tür auf, und kalte Winterluft schlug ihr ins Gesicht.

Merlin, war sie sauer. Dass diese beiden Rindviecher ausgerechnet jetzt die Hoffnung aufgeben mussten! Ron zählte sie gar nicht. Ron hatte nie Hoffnung gehabt, aber Harry – auf Harry hatte sie gezählt!

„Du sagst nicht viel", entkam es ihr vorsichtig, als er neben sie gerollt war. Pansy zog die Decke hoch zu ihrem Kinn, kuschelte sich ein, während Weasley leer an die Decke starrte. Viel mehr gab es in seinem leeren Loft auch nicht anzustarren.

„Bin nicht in der Stimmung für Gespräche", entgegnete er dumpf.

„Irgendwas vorgefallen?", wollte sie dann wissen, und er drehte leicht den Kopf, um sie von der Seite anzusehen. „Bei deiner Schwester? Hat ihr der Badezusatz nicht gefallen?" Pansy hatte nämlich die Geschenke für seine Familie ausgesucht. Denn Weasley hatte einfach keinen Geschmack. Und dann atmete er lange aus.

„Keine Ahnung. Es… war… unangenehm."

„Ok", begann sie gedehnt. „Weil du an Heiligabend nicht da warst?", vermutete sie, und er verzog den Mund. „Oder weil du mit mir schläfst?", schloss sie, und dieses Mal bekam sie seine Aufmerksamkeit. Ernst sah er sie an.

„Das geht keinen was an. Es ist mir auch egal, ob es Harry oder meiner Schwester passt, wen ich sehe und wen nicht!" Sie nahm an, sie hatte ungefähr in die richtige Kerbe geschlagen, denn er sprach mehr als fünf zusammenhängende Worte mit ihr.

„Ok?", wiederholte sie, aber sie sah ihn weiterhin an. „Du kannst mit mir reden, das weißt du?", erinnerte sie ihn sanft, aber er verzog den Mund.

„Nicht über alles", schloss er nur.

„Weasley-", begann sie erschöpft, aber tatsächlich sprach er weiter.

„-Harry hat aufgegeben", unterbrach er sie dann achselzuckend.

„Aufgegeben?" Sie verstand nicht wirklich.

„Er denkt nicht, dass… sie wiederkommt."

„Eure Freundin?", vermutete sie vage, denn ja, eigentlich sprachen sie nicht viel über diese Sache.

„Hermine, ja", betonte er fast aggressiv ihren Namen. „Er denkt nicht, dass Hermine wiederkommt." Ihr fiel auf, dass er ihren Namen das zweite Mal sagte, aber ihm schien es nicht aufzufallen.

„Und… das ärgert dich?" Abwartend sah sie ihn an.

„Es ist mir scheiß egal!", knurrte er. Er log. Er log so schlecht und so offensichtlich, dass es fast schon lächerlich war.

„Aber… du glaubst doch ebenfalls nicht mehr daran, oder?" Sie reizte ihn noch ein wenig mehr. „Da macht es doch nichts, wenn dein Freund-"

„-darum geht es nicht!", log er wieder, und sie seufzte auf.

„Hör auf, mich anzuschreien", sagte sie dann schlicht und setzte sich auf. Er tat es ihr gleich.

„Ich schreie dich nicht an", behauptete er aggressiv. „Ich kann nur nicht leiden, wenn…" Aber er sprach nicht weiter.

„Wenn was? Wenn ich unangenehme Sachen frage?", wollte sie knapp von ihm wissen, und sein Blick war ätzend genervt. „Willst du wissen, was ich denke?", fragte sie ihn also, und seine Mundwinkel sanken noch tiefer.

„Nein, ehrlich gesagt, interessiert es mich einen Scheißdreck!", offenbarte er wütend.

„Gut, dann sage ich es dir", erwiderte sie böse, seine Worte ignorierend. „Du hast dich nicht abgefunden. Ganz einfach." Seine Kiefer malten aufeinander, und jetzt gerade schien er sie zu verabscheuen. „Und dass dein Freund die Hoffnung nicht verloren hatte, hat dir ein Gefühl der Sicherheit gegeben, denn es war ausreichend, wenn sich noch irgendjemand Gedanken um eure Freundin gemacht hat." Und sie wusste nicht, warum es ihr so schwer fiel, die Namen Potter und Granger auch nur zu denken. Wahrscheinlich brachten sie die Erinnerung an Draco nur umso lebhafter in ihr Gedächtnis zurück. Vielleicht lag es daran.

„Du hast keine Ahnung", blaffte er sie lediglich an, aber sie glaubte, sie wusste, was er dachte. Sie wusste oft genug, was er dachte und was er vor ihr verbarg, weil er nicht schwach wirken wollte.

„Und jetzt, wo er aufgibt, merkst du, dass du den Verlust nie überwunden hast, ganz einfach, weil du weißt, dass er Recht hatte." Entgeistert starrte er sie an.

„Weißt du, wie dämlich das klingt?", wollte er zornig von ihr wissen. „Warum sollte ich dann mit irgendwelchen zweitklassigen Frauen schlafen, wenn ich doch weiß, dass Hermine lebt und wiederkommt?" Und sie wusste, er verletzte sie mit Absicht, weil…-

„Weil du ein Arschloch bist, Ron", antwortete sie ihm, fast ruhig. Seine blauen Augen strahlten keine Wärme aus. Sein Blick wirkte so losgelöst, so kalt, als wären sie Fremde. Als lägen sie gerade nicht nackt zusammen in seinem Bett, nachdem sie Sex gehabt hatten. Und ja. Anders konnte sie es nicht ausdrücken. Sie nahm an, er hatte Sex, lenkte sich ab, betrank sich, prügelte sich durch die Gegend, weil er den Schmerz nicht anders überwinden konnte.

Und das machte ihn zum Arschloch. Nicht, dass es etwas an ihren seltsamen Gefühlen änderte, aber er war nicht soweit, zu sagen, dass er abgeschlossen hatte. Dass es ihm besser ging. Er öffnete sich ja nicht einmal so weit, um zuzugeben, dass er tatsächlich für möglich hielt, dass sie wiederkämen. Granger und Draco. Nicht mal das, konnte er sich eingestehen. Dass er glaubte! Dass er hoffte! Dass es eine gute Chance gab, dass es tatsächlich passieren würde!

Aber er konnte sein Verhalten mittlerweile nicht mehr vor sich selber rechtfertigen, und jetzt brach es aus ihm heraus. Seine Fassade gab nach, stellte sie fest. Und das war gut. Denn dann würde er endlich anfangen, zu verarbeiten.

Nur nicht mit ihr. Denn sie hatte es nicht nötig, sich von ihm beleidigen zu lassen.

Sie warf die Decke zurück, erhob sich elegant und stieg in ihre Unterwäsche und den Rock.

„Ja, wir sind fertig!", knurrte er eilig, als müsse er noch Balance schaffen, als bräuchte er das letzte Wort, als wäre es seine Entscheidung. Sie war das Beste, was seiner traurigen Existenz in den letzten Wochen passiert war. Und wenn er klug war, würde er das irgendwann einsehen.

Sie wusste nur nicht, ob sie dann noch für ihn da wäre. Kopfschüttelnd knöpfte sie ihre Bluse zu, zog den Mantel über und, ohne sich noch mal umzudrehen, verließ sie sein Apartment.

Ihr Herz wog schwer in ihrer Brust. Ron Weasley war kein schlechter Mensch, aber… er weigerte sich, sich helfen zu lassen. Seine Gefühle waren weggeschlossen tief verborgen, irgendwo, und sie wusste nicht, ob er jemals echte Gefühle für sie haben würde. Am besten, sie kam drüber weg. Über den Mann, von dem sie mittlerweile träumte.

Es war traurig. Wirklich traurig.