45. The Song of a Phoenix
*April*
Sie war nervös. Sie kam sich seltsamerweise so vor, als warte sie auf den Zug, als stände eine große Reise bevor. Heute war sie am Strand. Und das durfte sie nur deshalb sein, weil Draco nun so weit vorgerückt war, dass es sich nur noch um Minuten handeln musste.
Abwesend ruhte ihre Hand auf der sanften Wölbung ihres Bauches. Es war kaum mehr als ein Bierbauch, wie Draco es so liebevoll nannte, dabei hatte Hermine seit Eonen kein Bier mehr getrunken, wenn die wenigen Butterbier in ihrer Jugend überhaupt zählten. Nein, es war ihr winziger Babybauch, und nichts brachte ihr mehr Freude und Entspannung, als ihre Handflächen abends auf der Wölbung auszubreiten und zu versuchen, kleine Tritte zu spüren.
Noch war aber nichts in ihrem Innern willig und bereit dazu, zu treten. Dracos Kopf lag jeden Abend auf ihrem Bauch, und er schwor Stein und Bein, dass er das Baby summen hören konnte. Auch das hielt sie für absolut abwegig, aber sie ließ ihm seinen Irrglauben.
Sie schätzte, sie befand sich in der sechszehnten Woche, ungefähr. Sicher war sie nicht. Und sie wusste nicht, wann man mit Bewegungen rechnen konnte. Manchmal glaubte sie, es rührte sich etwas in ihrem Innern, aber… schnell war dieses Gefühl abgeklungen.
Sie hob den Kopf, als sie es hörte. Aber nicht nur das. Sie konnte es sehen. Draco hatte die Schneise zum Strand freigelegt, und sehr langsam rückte das massive Ungetüm vorwärts. Ihre Mundwinkel hoben sich in freudiger Erwartung.
Ihr wunderbarer… Freund? Geliebter? Ihr wunderbarer Inselgefährte hatte es geschafft! Seitdem sie schwanger war, dachte sie häufiger darüber nach, was sie eigentlich waren. Definiert hatten sie es nicht wirklich. Aber es fühlte sich nach mehr an, als… als einer bloßen Liebschaft, wenn man so wollte.
Keiner von ihnen hatte die Worte je laut gesagt. Die drei Worte, die ihnen scheinbar sehr schwer fielen. Aber… wenn Hermine sehr ehrlich war, dann hatte sie an diese Worte schon öfter gedacht, als sie sich eingestehen wollte.
Und sie nahm an, es waren Hormone. Als er ihr zur Überraschung Bananen mitgebracht hatte, hatte sie es am liebsten herausschreien wollen.
Natürlich wäre es unangebracht. Oder als er ihr eröffnet hatte, sie dürfe heute am Strand warten – da war sie ihm um den Hals gefallen, und hatte sich auf die Zunge beißen müssen. Und sie wusste nicht, warum sie es nicht einfach sagte. Selbst, wenn es nur Hormone waren und es nicht stimmte – selbst dann… war es dann nicht trotzdem wahr?
Liebte sie ihn nicht? Und würde sie es sagen, würde er garantiert nicht seine spärlichen Sachen packen und verschwinden. Nein. Vielleicht… - Merlin, vielleicht – würde er die Worte ja erwidern?
Und sie war herrlich blind geworden für die Tatsache, dass – sollten sie es schaffen – die Möglichkeit bestand, dass er nicht begnadigt werden würde. Sehr wahrscheinlich würde er das nicht. Aber sie ignorierte das nun so gekonnt, als würden sie nach ihrer Ankunft garantiert in den Buckingham-Palast ziehen und nie wieder irgendwelche Sorgen haben.
Es war ein bitterer Gedanke, und deshalb dachte sie nicht viel an die Zukunft. Sie dachte an das Jetzt. Nur an das Jetzt.
Und dann erreichte der Bug den Strand, grub sich tief in den weichen Sand, und sie jubelte, sprang auf die Beine und klatschte wild in die Hände.
„Du hast es geschafft!", rief sie mit klopfendem Herzen, und Draco bugsierte das riesige Schiff noch einige Meter weiter, bis es den Dschungel verlassen hatte, und nass geschwitzt ließ er es in den Sand sinken. Etwas schief lehnte es im Sand, aber es kippte nicht um. Das war die Hauptsache, nahm sie an.
Schwer atmend stützte er sich auf seine Knie, und sie beeilte sich, zu ihm zu kommen. Sie umarmte ihn heftig, küsste ihn stürmisch, und erschöpft schob er sie zurück.
„Ich bin nassgeschwitzt", ächzte er hervor, aber es war ihr egal.
„Das macht dich nur attraktiver", versprach sie ihm lächelnd, aber müde schüttelte er den Kopf.
„Gib mir… eine Minute", bat er und setzte sich auf den Stein, auf dem sie gewartet hatte. Seine Arme zitterten, und bange Sorge löste ihre Euphorie langsam ab.
„Alles in Ordnung, Draco?" Sie setzte sich neben ihn. Stumm nickte er, schien keine Worte mehr übrig zu haben, keine Kraft, sie zu äußern. „Brauchst du Wasser?" Sie hatte eine Flasche dabei, aber er schüttelte den Kopf. Und langsam erkannte sie, wie Blut sein Shirt tränkte. Panisch weiteten sich ihre Augen, aber bevor sie anfangen konnte, manisch zu werden und vor Angst zu schreien, zog er seinen Zauberstab und heilte sich.
Mit geschlossenen Augen schien er die Linderung zu genießen, und das Zittern seiner Gliedmaßen stoppte langsam. Sie starrte ihn an.
„Oh mein Gott, Draco", flüstert sie kopfschüttelnd.
„Normalerweise… habe ich Zeit zum Heilen, bevor ich zur Höhle zurückkehre", murmelte er erschöpft. Sie fühlte die Tränen in sich aufsteigen.
„Du… du heilst dich jedes Mal? Jeden Tag? Seit Monaten?"
„Es ist nichts weiter", versprach er ihr. Und jede winzige Narbe, die ihn zeichnete, trieb mehr Tränen in ihre Augen. Selbst die unwichtigen Narben. Noch immer erkannte sie auch den feinen hellen Schnitt über seinem Auge, den sie ihm zugefügt hatte, damals. Auch die Kratzer auf seinem Hals waren noch immer da. Seine Brust war übersät, so auch seine starken Oberarme. Sein ganzer Körper war gequält und zerschunden, wegen der Arbeit, die sie ihn kostete.
„Draco…", wisperte sie voller Schuldgefühle, und erschöpft legte er den Arm um sie, zog sie enger neben sich und küsste ihre Stirn.
„Alles bestens", versicherte er ihr blind, und sie weinte noch mehr.
„Du hast Schmerzen! Ich wusste, dass es gefährlich ist!"
„Hermine, sieh mich an", sagte er müde, aber sehr zufrieden. Verweint hob sie den Blick und hasste sich dafür, ihm nicht geholfen zu haben. „Es ist vollbracht. Es passiert nie wieder", schloss er lächelnd. „Und glaub mir, ich blute gerne für dich. Ich arbeite gerne dafür, dass ich dich nach Hause bringen kann." Kurz stach es in ihrem Innern. Es stachen die Schuldgefühle und viele Dinge mehr. Die Dinge, die sie ihm nicht sagte.
„Ich-" Und dieses Mal wollte sie wenigstens die Worte sagen, wollte ihn wissen lassen, was sie wirklich unwiderruflich für ihn fühlte, aber… ausgerechnet jetzt spürte sie es! „-Merlin!", flüsterte sie unwillkürlich, und ihre Hände legten sich über ihren Bauch. „Draco, er…! Er tritt!" Sie sah ihn aufgeregt an, und sofort fand seine Hand ebenfalls den Weg über ihre Wölbung, lag dort warm und fest, und seine Augen leuchteten, als er es spüren konnte.
„Wow", entkam es ihm ehrfürchtig. „Hey!", flüsterte er und neigte seinen Kopf ihrem Bauch zu. „Da bist du ja! Endlich kräftig genug!" Er senkte den Kopf noch tiefer und hauchte einen Kuss auf das Leinen, und Hermine streichelte ihm über den Kopf. Und sie wusste, wahrscheinlich war jetzt der Zeitpunkt gekommen, zur Hütte zu gehen. Aber im Moment war wichtiger, dass Draco sich erholte.
Schon hob er den Kopf, überwand den Abstand und küsste sie sanft und zärtlich. Ihre Augen schlossen sich sofort und sie genoss seine Nähe. So saßen sie eine ganze Weile, bis die Hitze ihr tatsächlich langsam zu Kopf stieg. Sie löste sich seufzend von ihm.
„Ich muss in den Schatten. Und du kannst dich ausruhen, mein Lieber", erklärte sie ihm liebevoll. Dann gab er ihr feierlich den Zauberstab zurück.
„Ok. Ich werde im See baden und dann-"
„-dann werde ich jagen gehen", bot sie ihm an, aber er hob die Braue.
„Das will ich sehen", bemerkte er spöttisch. Sie verzog den Mund. Ja, sie hatte noch immer keine Erfahrung mit der Jagd auf Wild, aber für ihn würde sie eine Ausnahme machen. So schwer konnte es nicht sein. „Nein, kümmere dich um deine Fische. Ich kümmere mich um mein Essen", schloss er kopfschüttelnd. Sie seufzte wieder auf. Er war unverbesserlich und ließ sich nicht helfen. Sie zuckte die Achseln.
„Wie du willst." Denn sie würde nicht mit ihm streiten. Das Schiff war dort, wo es sein musste, und das war das wichtigste.
Sie apparierten zurück, und Hermine war wie verzaubert von dem Gefühl, das kleine Wesen in ihrem Innern tatsächlich so deutlich spüren zu können. Sie konnte spüren, wie er sich in ihrem Uterus streckte, wie seine kleinen Gliedmaßen langsam wuchsen, und wie wunderbar es sich anfühlte, diesen Körper mit ihm teilen zu können. Merlin, was für ein Gefühl.
Sie behandelte ihn wie ein rohes Ei, erkundigte sich minütlich nach seinem Befinden, und fast grinsend nahm er es zur Kenntnis. Sie war schon jetzt eine Mutter. Durch und durch.
Aber er spürte ihre Nervosität. Sie erreichten die Hütte wie jeden Abend, kurz vor der Dämmerung, aber dieses Mal hatte er das Gefühl, dass er der letzte Trip sein würde. Der Junge hatte sich bewegt. Und soweit er die Insel einzuschätzen wusste, war das wohl das Signal. Seine Erschöpfung war groß, aber er war so erleichtert, dass alles geklappt hatte, dass es ihr gut ging und dem Jungen scheinbar auch.
Sie entriegelte die Tür, zögerte aber einen kurzen Moment. Es bestand die Möglichkeit, dass es nicht funktionieren würde. Das wusste er. Dass vielleicht nicht genug Zeit vergangen war. Dass der Junge vielleicht erst geboren sein musste oder, dass es damit überhaupt gar nicht zusammenhing.
Aber im Moment mussten sie einfach hoffen. Und er sah sich um, aber Skills war heute nicht hier. Er mochte, dass der Affe diese Wege unternahm, um ihn vielleicht zu sehen. Er mochte, wie intelligent die Primaten waren, und er vermisste seinen Affen täglich. Aber es war besser, dass er in der Wildnis lebte, anstatt neben ihm am Feuer einzuschlafen.
„Bereit?", fragte sie ihn, wie jedes Mal, und sie betraten die Hütte. Das Schwert steckte wie ein altes Artefakt gemütlich im Boden, und fast glaubte er nicht, dass es überhaupt irgendeine Möglichkeit gab, es zu entfernen.
Aber mit Zuversicht trat sie näher, schenkte ihm einen vielsagenden Blick, und allein ihr zwinkerndes Lächeln nahm ihm seine Zweifel. Er glaubte, sie konnte es spüren. Und fast unbewusst hielt er die Luft an, als sie sich nach dem Knauf bückte, sich auf ein Knie stützte, und er sah seiner wunderschönen Partnerin zu, wie sie die schlanken Fingern um den Knauf legte, sich auf die Unterlippe biss, und dann –
-in einer metallisch singenden Bewegung das Langschwert aus dem Stein zog, als hätte es die gesamte Zeit über lediglich locker in einem zu großen Loch gesteckt.
Ihm entwich die Luft und kurz schloss er die Augen vor Erleichterung. Es war so weit!
„Draco!", rief sie glücklich und etwas überrascht.
„Herzlichen Glückwunsch!", entgegnete er kopfschüttelnd und betrachtete das monströse Schwert. Na, das würde noch ein Abenteuer werden, ging ihm auf. Vielleicht sollten sie üben, wie man mit einem Schwert umgeht, dachte er dumpf.
Es war eine Schönheit. Die Verzierungen an der Spitze, die magische Legierung, die Edelsteine – es konnte mit Leichtigkeit das Schwert eines Königs sein. Und es stand ihr verdammt gut. Er musste wieder lächeln. Ihr stand alles verdammt gut. Auch der süße kleine Babybauch, mit dem er sie immer aufzog. Sie war absolut perfekt.
„Danke", sagte er nach einer Weile, in der sie einfach nur das Schwert betrachtet hatten.
„Für was?", wollte sie ein wenig außer Atem wissen und sah ihn überrascht an.
Und er wusste, der Moment war gekommen. Das hier war der richtige Moment.
„Für alles", erwiderte er ruhig.
„Für alles?", wiederholte sie ungläubig. „Garantiert nicht für alles", ergänzte sie kopfschüttelnd, aber er widersprach.
„Für alles, was du für mich getan hast. Danke, dass du den Portschlüssel zerstört hast und wir diese Insel gefunden haben. Danke, dass du mich zu dem gemacht hast, was ich jetzt bin, Hermine." Sie sah ihn vollkommen überrumpelt an, und sie war ohnehin sehr nahe am Wasser gebaut, seit einigen Wochen. Sie würde weinen, aber es war nicht schlimm. Er glaubte, es waren keine schlimmen Tränen. Es waren gute Tränen. „Wegen dir weiß ich, was wirklich wichtig ist." Und schon kullerten anbetungswürdige Tränen über ihre süßen Wangen. Immer wenn sie weinte, traten ihre vielen Sommersprossen deutlicher hervor, und er liebte jede einzelne.
Und dann fiel er auf ein Knie, und ihre Augen weiteten sich noch mehr. Er trug ihn immer bei sich. Seitdem er ihn gefunden hatte. Er war nicht dumm. Er wusste, was man mit einem Ring tat. Aber… er hatte auf den richtigen Moment gewartet, und er hatte das Gefühl, richtiger würde kein Moment auf Erden mehr werden als dieser.
„Ich liebe dich, Hermine", sagte er ruhig, und sie zog schniefend die Nase hoch, während sie mehr weinen musste. Dann holte er den Ring hervor, und sie kaute auf ihrer Unterlippe, während sie mit dem Handrücken die Tränen aus ihrem Gesicht wischte.
„Draco…", flüsterte sie fassungslos, aber er ergriff ihre tränennasse Hand.
„Heirate mich", bat er sie rau. „Heirate mich, und mach mich zum glücklichsten Mann der Welt."
Sie lachte und weinte zugleich. Es waren so abgedroschene Worte, aber manchmal waren die trivialsten Worte die schönsten. Der Ring passte, als er ihn auf ihren Fingern schob. Wie für sie gemacht.
„Ok", flüsterte sie schniefend, und ein wunderschönes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Grinsend kam er auf die Beine und zog sie in an sich. „Ich liebe dich auch", sagte sie tonlos, bevor er sie küsste, und er wusste, es war nur ein feiner Traum. Natürlich würden sie nicht wirklich heiraten können. Natürlich war ihre Verlobung nur symbolisch, aber es reichte ihm. Er brauchte kein Gesetz, keinen Beamten, keinen Saal voller Menschen, um zu glauben, dass es echt war. Seine Gefühle waren echt. Seine Liebe war vollkommen echt.
Er wusste es nicht zu erklären, aber er wusste, dass es stimmte. Hier war alles einfacher, alles ergab Sinn.
Er beendete den süßen Kuss, und sie umarmte ihn heftig, noch immer das Schwert vergessen in einer Hand.
„Ich möchte dich am Strand heiraten, Hermine", sagte er ihr dann. „Bevor wir gehen", ergänzte er ernster. Und kurz schien sie nachzudenken. Und auch sie schien zu begreifen, dass sie in der echten Welt wohl kaum die Gelegenheit bekommen würden, tatsächlich vor dem Gesetz zu heiraten. Und dann lächelte sie, aber es war ein trauriges Lächeln.
„Das klingt wunderbar", sagte sie bloß, und er liebte sie dafür, dass sie verstand. „Wenn ich noch ins Kleid passe", ergänzte sie grinsend, aber es war ihm egal, ob das Kleid passte. Er würde sie auch nackt heiraten. Am liebsten sogar, aber diese Gedanken behielt er für sich.
Hand in Hand verließen sie die Hütte, das Schwert in ihrer Hand, und kaum standen sie draußen, erstrahlte sie in hellem Glanz, ähnlich wie Dumbledores Erscheinung. Erschrocken wandten sie sich um, und schon… war sie verschwunden, löste sich auf, in helles Nichts.
Sie hatte nur das Schwert beherbergt, erkannte er. Schweigend sahen sie auf die kahle Stelle. Wie absolut eigenartig die Insel war. Seine Hand umfasste ihre nur fester. Sie sprachen kein Wort mehr über die Hütte.
Es war aufregend. Er hatte ihr die Höhle überlassen und ihr angeboten, dass sie sich am Strand treffen würden. Und höchst ungläubig hatte er den Koffer mit dem Anzug mitgenommen. Er würde wahrscheinlich nicht passen, das wusste sie. Es war aber auch nicht so wichtig, was er trug. Wirklich nicht! Von ihr aus könnte er sogar nackt sein, dachte sie ein wenig beschämt. Sie würde ihn nehmen!
Wieder und wieder betrachtete sie den wunderschönen Ring, den er ihr heute gegeben hatte. So etwas Wunderschönes hatte sie noch nie besessen. Die Edelsteine glänzten auf ihrer gebräunten Haut noch schöner, hatte sie das Gefühl.
Das Hochzeitskleid aus Seide lag auf ihrem Blätterbett, und kurz seufzte sie auf. Sie dachte an Ginny und daran, dass sie gerne jemanden an ihrer Seite hätte, der ihr half, der sich für sie freute, der da wäre, wenn sie dem Mann, den sie liebte, das Eheversprechen an ihrem Strand geben würde.
Aber sie war allein. Wehmütig dachte sie an ihre Eltern, aber sie verdrängte ihre Tränen, legte die Hände über ihren kleinen Bauch und begriff, ganz allein war sie gar nicht. Ihr Sohn war genau hier. Lächelnd streichelte sie über die kleine Wölbung. Mehr brauchte sie gar nicht.
Sie zog sich ihr bequemes Leinen aus und stieg sehr vorsichtig in das seidige Unterkleid. Es saß sehr eng über ihrem Bauch, spannte etwas, aber unter der Tüllschicht würde man es nicht bemerken, nahm sie an. Und sie musste tatsächlich sehr vorsichtig sein. Es war kein Allwetterkleid und würde sie nur an einem Zweig hängen bleiben, würde der Tüll reißen.
Sie verzichtete auf den Überwurf. Es war viel zu heiß. Aber heute gab sie sich besondere Mühe, hob den Zauberstab zu ihren Haaren und begann jede Strähne sauber aufzudrehen, damit ihre Locken kein Wust aus Kringeln waren, sondern in weichen Korkenzieherwellen fielen. Wie früher. Früher…. Nur zu schnell würde ihr Früher wieder Wirklichkeit werden, nahm sie mit klopfendem Herzen an.
Sie besaß keinen Spiegel und konnte nur hoffen, dass ihr Gesicht nicht verweint aussah. Aber es waren alles Freudentränen. Sie wollte schön für ihn aussehen. Nur für ihn. Und bevor sie ging, verharrte sie.
Wollte er sie einfach… heiraten? Oder würden sie Eheschwüre vortragen? Sie traute es ihm nicht zu. Sie hatte ihm schon das Geständnis und den Heiratsantrag in der Hütte niemals zugetraut. Aber eigentlich… wusste sie, was sie ihm sagen wollte. Sie musste nicht lange nachdenken.
Und dann apparierte sie mit Herzklopfen an den Strand.
Der Sand wirbelte, als sie ankam. Auch der Tüll wogte um ihre Beine, und eilig richtete sie ihre Haare. Die Sonne versank strahlend rot am Horizont, und es war ein wunderschöner Ausblick.
Ihr Atem stockte, als sie ihn sah. Er kam um das Schiff herum, und sie hatte sich schon eigenartig genug in diesem Kleid gefühlt, aber ihn zu sehen, erfüllte sie mit stummer Ehrfurcht. Und vielen Erinnerungen. Zuhause wirkte für sie fast greifbar, als ihn so… zivilisiert erblickte. Merlin…. Er trug Leinen und Tigerpelz wirklich gut, aber das hier… war tatsächlich noch eindrucksvoller.
Tatsächlich trug er sogar die Schuhe. Schwarze glänzende Lackschuhe, die praktisch im Sand versanken. Seine langen Beine steckten in der schwarzen Anzughose, das weiße Hemd passte ihm, saß vielleicht etwas eng, und er hatte die Ärmel hochgerollt. Wahrscheinlich waren sie ihm zu kurz. Den ersten Knopf hatte er offen gelassen, und das schwarze Jackett hatte er nur über die Schulter geworfen. Auch er hatte einen Pflegezauber benutzt, denn seine Haare lagen in der anbetungswürdigen Welle über seinen Kopf, und das Schwarz des Anzugs betonte das Grau seiner Augen so deutlich, dass sie es stechend deutlich erkennen konnte.
Plötzlich hoffte sie, ihr Sohn würde dieselben Augen bekommen. Aber… sie wusste es ja schon. Sie erinnerte sich an die Vision. Ja, er würde aussehen wie sein Vater. Ebenso schön. Sie war barfuß, und er überragte sie heute noch mehr. Die Schuhe besaßen schmale Absätze, die er trug.
Sie hatte sehen können, dass ihm spöttische Worte auf der Zunge gelegen hatten. Vielleicht bezüglich der Kleidung und der Unsinnigkeit, in dieser Hitze mehr als Shorts zu tragen, aber er schien jedes Wort vergessen zu haben, um jeden Spaß verlegen zu sein. Und sie konnte den Blick von seinem schönen Gesicht nicht wenden.
„Du bist wunderschön", sagte er schließlich. „Deine Haare…", begann er lächelnd, und sie ruckte mit dem Kopf.
„Das war auf einmal so", erwiderte sie lächelnd, und wissend nickte er.
„Schon klar", entgegnete er, und seine Mundwinkel hoben sich.
„Dir… steht der Anzug auch nicht schlecht", entgegnete sie anerkennend, aber sein Grinsen geriet etwas schief.
„Sind die Gene", erwiderte er leichthin, berechnende Arroganz in seinem Tonfall, und sie schüttelte den Kopf über ihn.
„Immer so bescheiden, Malfoy. So bescheiden", bemerkte sie kopfschüttelnd, und grinsend senkte er den Kopf, griff sanft um ihre Taille und zog sie an sich. Es kribbelte heftig in ihrem Bauch, und sie atmete seinen Duft ein, als er sie küsste, presste sich eng an ihn, und der Stoff des Hemds fühlte sich so fremd unter ihren Fingern an, und sie konnte nicht erwarten, ihn heute Abend auszuziehen.
Sie musste lächeln bei ihren Gedanken und beendete den Kuss.
„Schade, dass wir kein Foto machen können", sagte sie leise, aber er schüttelte den Kopf.
„Glaub mir, ich werde diesen Anblick niemals vergessen", versprach er ihr rau, und wieder musste sie lächeln. Er war so ein Schleimer. Aber es gefiel ihr, wenn er so war. „Ok…", sagte er dann, und sah sich knapp um. „Ich denke, es kommt keiner mehr", spottete er unschlüssig.
Sie nickte bloß. Ja, sie waren vollzählig erschienen. „Dann… fangen wir am besten an?", schlug er vor. Er wirkte unsicher. Und zu heiraten, ohne jemanden, der sie traute war auch etwas eigenartig, aber eigentlich war es egal. Ihr war es egal.
„Möchtest… möchtest du gerne etwas sagen?", fragte sie ihn scheu. „Also…?"
„Willst du?", stellte er die Gegenfrage, und sie zuckte die Achseln.
„Ich denke… es wäre nett, nicht wahr?"
Er trat einen förmlichen Schritt zurück und schien gespannt zu warten. Sie streckte den Rücken gerade durch. Ok. Das war der Moment.
„Du bist…", begann sie etwas wahllos, und seine Mundwinkel zuckten verräterisch, „nicht immer einfach", schloss sie warnend, und sanfte Empörung zeichnete sich um seine Augen ab. „Du hattest einen schlechten Start", fuhr sie fort, und er verschränkte spöttisch die Arme vor der Brust, „wenn man bedenkt, dass du deine Schulzeit in Slytherin verbringen musstest", schloss sie lächelnd. Aber er schwieg, hörte ihr zu, und ihr Lächeln verblasste und wich dem Ernst. „Du warst ein Todesser und wolltest alle Schlammblüter töten", sagte sie ruhiger, und jeder Anflug von Spaß wich von seinen schönen Zügen. „Und ich… wollte alle Todesser töten", räumte sie schließlich ein. „Ich dachte, hier her gekommen zu sein, mit ausgerechnet dir, wäre die schlimmste Strafe, die ein Mensch erhalten kann. Ich hatte geglaubt, mit dir zusammen zu arbeiten, wäre unmöglich. Und niemals hätte ich für möglich gehalten, dass, alleine der Gedanke, auch nur eine Sekunde ohne dich zu verbringen, mein Herz zum Stillstand bringt." Jeder Ausdruck war von seinem Gesicht gewichen. „Du hast mir das Leben gerettet, auf alle erdenklichen Arten. Du bist keine Strafe, Draco. Du bist das Beste, was mir in meinem Leben jemals passiert ist. Ich… ich liebe dich und wenn wir nach Hause kommen, dann werde ich alles dafür tun, dass wir zusammen sein können."
Und fast glaubte sie, es war zu viel gewesen. Ein wenig zu prosaisch, ein wenig zu pathetisch. Sie schluckte schwer. Seine Augen weiteten sich.
„Und dagegen soll ich jetzt gewinnen?", wollte er fast sanft von ihr wissen. Sie musste mit roten Wangen den Blick senken.
„Nein, du brauchst… nichts zu sagen. Ich-"
„-du bist anstrengender als ich", begann er kopfschüttelnd. Sofort hob sich ihr Blick. „Du bist kompliziert und du musst immer Recht haben. Dir tun alle wilden Bestien leid und dass du mich gezwungen hast, mit dir zusammen zu arbeiten hat dich jetzt genau hierhin gebracht", schloss er kopfschüttelnd. Sie verzog den Mund. „Granger, ich wollte dich niemals töten", sagte er jetzt, und konnte das Grinsen nicht verbannen. Auch ihr fiel es schwer. „Ich wollte dich viel zu dringend haben, als dass ich dir jemals auch nur irgendetwas angetan hätte. Nichts Ernstes zumindest", ergänzte er zwinkernd, und sie schlug sanft nach ihm, aber er wich zurück. „Natürlich bin ich schneller als du, stärker als du – immerhin habe ich ein ganzes Schiff getragen", bemerkte er spöttisch und deutete neben sich, und wieder wollte sie nach ihm schlagen, aber lachend fing er ihre Hände ab. „Aber du bekommst meinen Sohn. Du bist alles, was ich mir jemals erträumt habe, du verrückte Gryffindor-Besserwisserin", neckte er sie, und sie spürte die Tränen schon wieder. Sie hasste das. Und ihr machte Angst, dass er plötzlich ernst wurde. Er verschränkte seine Finger mit ihren. „Ich weiß, wie furchtbar ich war. Ich weiß, was für Dinge ich gesagt habe. Kein Todesser ändert sich über Nacht, aber…ich will versuchen, der Mann zu sein, der dir gerecht wird. Du verdienst besseres als mich, aber… ich liebe dich. Ich will dein Mann sein, Hermine."
Und stumm fielen die ersten Tränen auf ihre Wange. Sie nickte bloß.
„Ich will deine Frau sein, Draco."
Seine Hände schlangen sich sanft um ihren Nacken, aber bevor er sie küssen konnte, hörten sie es beide.
Es klang so wunderschön, so traurig zugleich, dass sie innehielten.
Sie hoben die Köpfe und über ihnen erkannten sie den riesigen, wunderschönen Phönix, der seine unermüdlichen Kreise über dem Strand zog. Gleißend rot schimmerte sein Gefieder in der Sonne, und er sang sein Lied für sie.
Es war das erste Mal, dass sie ihn sah. Sie hatten das Nest nie entdeckt, aus dem der letzte Mordeo wohl das Ei gestohlen hatte, in dem der Schlüssel verborgen gewesen war. Und fast wollte sie schwören, es war Fawkes, aber… wahrscheinlich sah jeder Phönix gleich aus, nahm sie lächelnd an. Seine Schwanzfedern waren lag, wehten bunt im Wind, und mit süßer Stimme endete sein wunderschönes Lied für sie. Mit weiten Flügelschlägen flog er über ihre Köpfe hinweg und verschwand in Richtung der Berge im Norden.
Dracos Blick fiel zurück auf ihr Gesicht. Und zum ersten Mal erkannte sie die Rührung in seinem Blick. Sie hatte ihn nicht mehr weinen gesehen, seitdem er ihr gestanden hatte, dass er Dumbledores Erscheinung getötet hatte. Und es ließ sie nur noch mehr weinen.
Er senkte den Kopf und seine Lippen fingen ihre, und voller Liebe küsste sie ihn. Und soweit es sie betraf, war Draco Malfoy jetzt ihr Mann. Für immer. Egal, was passieren würde.
Sie hatte ihm nie von der letzten Vision erzählt, die sie gesehen hatte, aber eine stumme Erwartung erfüllte sie, wenn sie an die Bilder dachte. Und eine Angst. Und fest legte sie ihre Arme um seinen Nacken, wollte ihn nur noch enger spüren, und sie genoss diesen Moment.
Es war ein perfekter Moment. Ein perfekter Sonnenuntergang im Paradies.
