47. Back Again
Es war einer der Tage, wo Ron tatsächlich in der Kantine auftauchte. Seit einer Weile fiel Harry schon auf, dass sich Rons Anwesenheit im Ministerium nicht mehr auf das absolute Minimum beschränkte. Er glaubte, vielleicht erlebte Ron gerade eine Frauenflaute, weshalb er seine Zeit hier verbrachte, aber sicher war sich Harry nicht.
Sie hatten kaum gesprochen seit Weihnachten, aber heute steuerte er tatsächlich seinen Tisch an. Die anderen Auroren waren bereits wieder gegangen, und Harry rührte seit einer Weile nur noch lustlos in seinem Pudding. Aber jetzt ließ er den Löffel sinken und erwiderte Rons Blick.
„Darf ich?", fragte dieser, tatsächlich kleinlaut.
„Sicher", entgegnete Harry offen. Ron setzte sich ihm gegenüber, rührte aber seine Pastete ebenfalls nicht an. Etwas verloren saßen sie zu zweit an dem langen Tisch, und Harry wusste beim besten Willen nicht, wie er ein unverfängliches Gespräch beginnen sollte. Aber er musste gar nichts sagen. Ron öffnete tatsächlich als erstes den Mund.
„Alles ok mit Ginny?", fragte er ihn tatsächlich, denn auch seine Schwester hatte er seit Weihnachten nicht mehr gesehen.
„Ja", räumte Harry etwas zögernd ein.
„Schon Heiratspläne?"
„Irgendwann im Frühling", entgegnete Harry achselzuckend. Rons Augenbraue hob sich.
„Harry", begann er langsam, und Harry sah ihn auffordernd an, „es ist Frühling", schloss er eindeutig. Harry atmete lange aus.
„Es ist April", entgegnete er, fast widersprechend, aber… kalendarisch sowie meteorologisch hatte Ron wohl Recht. Es fühlte sich einfach nur nicht wirklich an, wie Frühling. Er wusste nicht, woran es lag. McGonogall war seit Monaten aus dem Krankenhaus entlassen, aber gesprochen hatte Harry seitdem nicht mit ihr. Er hatte sich nicht mehr mit der ganzen Sache befasst.
Er hatte das Haus renoviert, hatte sich um die Arbeit gekümmert, hatte sich regelrecht in Akten vergraben, arbeitete Kriegsfälle auf, kümmerte sich um Restitution der Angehörigen, er tat alles, um nicht zu viel nachzudenken.
Und Ginny war nun so aktiv mit Bewegungsmagie und Distanzzaubern beschäftigt, dass sie beinahe professionelles Wissen hatte. Sie hatte sogar ihre Stelle im Ministerium bei der Strafverfolgung verlassen, hatte sich mit McGonagall getroffen und nur zu gerne hatte Hogwarts zugestimmt, sie als Lehrkraft zur Ausbildung nach Plymouth zu schicken und nach erfolgreichem Studium zu übernehmen. Das Studium begann im Mai, und sie war fest entschlossen. Als Hauptfach hatte sie Verwandlung belegt, und fast glaubte Harry, sie handelte aus Trotz, weil er aufgegeben hatte.
Dabei hatte er nicht aufgegeben. Er… konnte einfach emotional nicht mehr. Wohingegen Ron sich emotional mit gar nichts auseinandergesetzt hatte, hatte Harry alles investiert. Und Ginnys verhaltene Reaktion war jetzt gänzlich in absolute Überzeugung umgeschlagen.
Sie durchlebten alle verschiedene Phasen. Wahrscheinlich war es normal. Er wusste es nicht wirklich. Er hatte schon so viele Menschen verloren, hatte sie aufgeben müssen, hatte den Verlust irgendwie überwinden müssen, und das tat er jetzt, wie er es schon immer hatte tun müssen.
„Ok", machte Ron schließlich einlenkend, schien Harry nicht weiter wegen der Hochzeit nerven zu wollen, und Harry war dankbar. Natürlich wollte er sie heiraten. Keine andere käme jemals in Frage, aber Ginny war beschäftigt mit den Vorbereitungen. In Plymouth gab es Wohnheime an der Ausbildungsschule, magisch verborgen vor den Augen der Muggel. Sie würde zwar abends apparieren, aber dennoch hatte sie überlegt, sich ein Zimmer zu nehmen, für all ihre Unterlagen. Harry wusste nicht, ob es nötig war. Sie hatten genügend Zimmer im Haus, aber widersprechen wollte er ihr nicht. Sie war das erste Mal seit Monaten leidenschaftlich von etwas überzeugt.
Und er unterstützte sie. Egal, was sie tun wollte. Hauptsache, sie würde ihn nicht verlassen. Niemals. Alles andere war unwichtig.
„Ich…", begann Ron nun zögerlich, und Harry runzelte die Stirn. Ron suchte das Gespräch. Das… tat er seit Ende des Krieges nicht mehr. „Ich… habe einen Therapeuten gefunden", räumte er still ein, und Harrys Augen weiteten sich überrascht. „Ich… war noch nicht da", offenbarte Ron eilig, „aber… ich habe einen Termin gemacht. Also…" Er zuckte die Achseln, und er tat sich wirklich schwer.
„Gut. Ich meine…, gut für dich. Wirst du… den Krieg aufarbeiten? Hermine und-?"
„-ja, all das", unterbrach Ron ihn kurzangebunden.
„Du… kannst auch mit mir reden, weißt du? Ich… bin immer da für dich, wenn du über irgendetwas reden willst."
„Ich weiß", sagte Ron dann kleinlaut. „Aber… ich glaube, ich muss mit jemand anderem reden. Und… keine Ahnung." Harry konnte gar nicht sagen, wie erleichtert er war.
„Wow", sagte er dann.
„Ich möchte überwinden", sagte Ron tatsächlich. „So wie du und Ginny. Mehr oder weniger, wie Ginny. Aber… sie tut immerhin irgendwas. Und… ich kann nicht warten und mich wie ein Arschloch verhalten." Harry würde ihm gerne sagen, wie stolz er war, aber es fühlte sich überheblich an. Sie alle hatten ihre Probleme, aber er war froh, dass Ron endlich einen Ausweg suchte.
„Ich vermisse sie auch", sagte Harry still. „Ich vermisse sie immer, aber…"
„Aber sie ist fort. Wo auch immer sie ist. Sie ist nicht hier, und… das muss ich akzeptieren. Und… das ist ok." Es war, als hätte Harry seinen besten Freund ein Jahr nicht mehr gesehen, und plötzlich war er wieder da. Seine Mundwinkel hoben sich leicht.
„Ja. Vielleicht… können wir zusammen loslassen?", schlug Harry vor, und jetzt erwiderte Ron sein Lächeln. Sie waren wieder Harry und Ron. Sie waren wieder beste Freunde, so kam es ihm vor.
Und in dieser Sekunde erschütterte ein markerschütterndes Beben das gesamte Ministerium. Die Teller klirrten in der abgetrennten Küche, die Tische wackelten, rutschten über den Steinboden, Stühle kippten um, und zuerst glaubte Harry, dass ein Erdbeben London erschütterte, aber… es gab keine Beben in London!
Sofort waren Ron und er auf den Beinen, sahen sich um, aber niemand schien verletzt. Keine tiefen Schluchten hatten sich in den Boden gegraben, und auch die Wände schienen stabil.
Panik hatte die Angestellten erfasst, und er und Ron bewegten sich mit den anderen Richtung Ausgang. Magische Durchsagen hallten durch die Kantine, aber Harry verstand sie nicht, unter den Rufen der anderen.
„Wir müssen raus hier!", rief Ron und Harry nickte bloß. „Keine Panik!", rief er den Leuten zu. „Zweierreihen bilden und direkt zu den Kaminen ins Atrium!" Der Auror stand Ron sehr gut zu Gesicht, fand Harry, auch wenn Ron die Position etwas später angenommen hatte als er. Und er erinnerte sich plötzlich selber daran, dass er Auror war. Dass er ein verdammter Held war, Merlin noch mal.
„Ja!", rief er hastig. „Alles ist gut!", behauptete er blind, und immerhin vermittelten ihre Uniformen genug Respekt, dass die Leute sie vorließen. Sie führten die kleine, panische Menge an, und Harry fühlte sich an den Krieg erinnert. War es ein Bombenanschlag? Wurden sie angegriffen? Aber… wer sollte sie angreifen? Es gab keine feindlichen Allianzen! Das Ministerium wurde Tag und Nacht überwacht!
„Das Atrium ist zerstört!", hörte sie einen Mann rufen, der einen Flur weiter durch die Gänge lief. Erneute Panik brach aus, und Harry und Ron fielen in einen Sprint nebeneinander. War es doch ein Angriff? Der Zauberstab lag sofort in Harrys Hand, und er hatte den Kriegs-Modus nie ganz ablegen können. Er war wachsam und bereit.
Menschenmengen sammelten sich vor dem Atrium. Verletzte häuften sich, und Harry erkannte, dass die Kantine wohl noch sehr gut weggekommen war. Putzbrocken und Gestein waren von den Wänden gefallen, staubig stand die Luft. Die Leute husteten, lichteten den Staub mit den Zauberstäben, aber was auch immer eingeschlagen war, hatte massiven Schaden angerichtet.
Er erkannte Lavender Brown, die eine riesige Platzwunde geheilt bekam. Sie war Empfangshexe. Sofort fand er einen Weg zu ihr.
„Was ist passiert?", wollte er hastig wissen, Ron war dicht hinter ihm.
„Ich… ich weiß es nicht!" Ihre Stimme zitterte. „Auf einmal… war alles… laut und etwas Riesiges ist ins Atrium gekracht, mitten auf den Brunnen, und…" Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Überall war Geröll und…"
„Irgendjemand… tödlich verletzt?", fragte er dann, aber es kostete ihn Überwindung.
„Es wurde noch keiner gefunden", räumte ein Paramagier ein. Gut, dass das Ministerium ein paar eigene Heiler hatte, dachte Harry dann, auch wenn gerade dieses Exemplar nicht sonderlich panikerprobt wirkte.
„Es war nicht viel los", erklärte die andere Empfangshexe, deren Namen Harry nicht kannte. Sie trug bereits einen Verband um ihren Arm und wirkte nicht ganz so aufgelöst wie Lavender. Das beruhigte Harry.
„Kann man rein?", fragte er nun einen anderen der Paramagier, aber auch dieser wirkte mäßig ratlos.
„Das… weiß ich nicht. Sind Sie lebensmüde?", wollte er wissen, und Harry begriff, er sprach nicht mit der Krisenbewältigung. Wo waren die verdammten Auroren? Wo war ihre Einheit? Sie mussten sich organisieren! Wenn es ein Angriff war, dann brauchten sie einen Plan. Aber er konnte jetzt die Worte Krieg und Angriff garantiert nicht laut äußern, denn die Leute würden sonst in eine Massenpanik verfallen.
„Dickinson? Jackson?", rief er blind in die Menge, aber er bekam keine Antwort. „Merlin, wo sind die anderen?"
Ron zuckte hilflos die Achseln. „Sollen wir rein?", fragte er dann, und Harry wusste es nicht. Um Anführer zu sein, brauchte es zumindest ein Dutzend an Gefolgsleuten, und jetzt gerade sah es finster aus.
„Denken Sie, es handelt sich um einen Angriff?", entfuhr es dem dummen Paramagier mit großen Augen, und Harry versuchte, die Wut zu kontrollieren, die er empfand, als die Panik in der Menge wieder aufzukochen schien.
„Nein!", sagte er mit fester Stimme. „Noch wissen wir überhaupt nichts, also-"
„-Hilfe!", vernahm er jetzt eine Stimme durch den Nebel und den Schutt. Sie schwiegen, und er bedeutete der Menge, ruhig zu sein.
„Da ist jemand! War noch jemand im Atrium?" Er sah den Paramagier an, der überfordert die Achseln zuckte.
„Alle die, die wir finden konnten, haben wir rausgeholt. Ich…- keine Ahnung, ob noch mehr dort sind, begraben oder…" Harry hatte genug.
„Wir gehen rein!", informierte er Ron, der ebenfalls mehr als bereit wirkte.
„Hey!" Endlich kam die Riege. Greyson aus der Außenabteilung direkt voran. „Was machen wir?"
„Es sind noch Verletzte im Atrium. Wir holen sie raus!", rief Harry ihnen zu.
„Mr. Potter, beherrschen Sie sich", maßregelte ihn der Vorgesetzte. Wo war Donald Connor die gesamte Zeit über gewesen? Harry könnte ihn direkt anschreien. „Atkins, Crowler, Wickley, Lichtungszauber!", befahl er knapp, und sofort positionierten sich die Auroren, zielten in den Nebel, und stumme Blitze durchbrachen den Dunst, zersetzten die Partikel und das Atrium glitt wieder in ihr Sichtfeld.
„Was bei Merlins Bart-?!", entfuhr es Connor heiser, und Harrys Augen wanderten das massive Schiff empor, was schief auf dem Boden des Ministeriums aufgeschlagen war. Der Brunnen lag komplett begraben unter den Tonnen an Holz, und die Menge starrte vollkommen stumm den Dreimaster an, der so absolut fehl am Platze war. Er fühlte das Atrium bis zur Decke aus, als wäre es eine seltsame Skulptur, die hier nicht hingehörte.
Die alten Leinensegel hingen in Fetzen, Löcher klafften in der Breitseite des Ungetüms, und Harry hatte keine Ahnung, wie solch ein Museumsstück überhaupt bewegt werden konnte!
„Hilfe!", hörte Harry die Stimme wieder, und die Auroren tauschten Blicke.
„Wir gehen rein!", rief Connor, blieb aber wo er war, und endlich setzten sich die Auroren in Bewegung.
Harry spürte Ron neben sich, und sie sprangen über den Schutt, und Harry erkannte keinen Körper am Boden, sah keine Verletzten irgendwo. Sie umrundeten das Schiff, aber sie konnten niemanden entdecken.
„Ist da jemand?", rief Greyson lauter, leuchtete mit dem Lumos über den Schutt hinweg, und Harrys Blick wanderte die Schiffswand empor.
„Es kommt von oben", entfuhr es ihm atemlos.
Und Ron war eine Sekunde schneller appariert, als Harry es war, denn…- die Stimme! Diese Stimme!
Die Auroren folgten hastig und apparierten nacheinander an Deck des riesigen Schiffes. Wie paralysiert verharrte Harry neben Ron, konnte nicht fassen, was er sah, und ihre Zauberstäbe sanken automatisch.
„Er braucht Hilfe! Er braucht dringend Hilfe! Schnell!", rief sie in wilder Hysterie. „Er braucht einen Paramagier, verdammt!", schrie sie haltlos, und der nächste Auror apparierte geistesgegenwärtig zurück zur Halle und erschien nur wenige Sekunden später mit dem verblüfften Paramagier Seit-an-Seit an Deck.
Der Auror schob überfordert den Paramagier zu ihr, und sie zog ihn zornig zu sich runter.
„Heilen Sie ihn!", befahl sie zitternd. „Es… es ist Gift! Ein… ein Centacepta hat ihn erwischt! Ich… ich weiß nicht, was für ein Gift es ist, aber… er regt sich nicht! Er rührt sich nicht! Sein Arm, dort ist das Gift eingedrungen! Tun Sie was, verflucht!", schrie sie, als der Paramagier sie lediglich anstarrte, und dann ruckartig den Zauberstab zog.
Er vollführte stumm irgendwelche Zauber, die den Körper des Mannes durchschockten und erzittern ließen.
Keiner der Auroren wagte, vorzutreten, Fragen zu stellen – keiner schien zu wissen, was er jetzt gerade tun sollte.
Und wüsste Harry nicht ganz genau, was er sah, so hätte er nicht den blassesten Schimmer gehabt, wen er vor sich hatte. Der Mann an Deck war ein Brocken von Kerl! Maßlos überdurchschnittliche Oberschenkelmuskulatur zeichnete sich deutlich durch das Leinen ab. Die Bräune war so dunkel, dass er schon annehmen konnte, es handele sich um einen südlichen Typ Mann, und massiv war sein Brustkorb. Auch seine Oberarme könnten höchstwahrscheinlich Bäume zerbrechen, und seine Haare waren leuchtend weiß. Das Blond war mittlerweile nahezu Weiß geworden, dachte er dumpf.
Und sie bangte neben ihm. Diese fremde Frau, amazonengleich, kniete neben diesem Tier von Mann, und Harry konnte sie nur anstarren, während sein Körper taub wurde. Sie sah nicht so aus, wie er sie aus Träumen kannte. Sie sah nicht so hilflos aus, wie sonst, wenn er sie selbstlos errettet hatte, in seinen tausenden von Träumen. Nein, sie… war so dunkel. Sie… hatte sehr lange Haare, und die waren golden. Das Braun ihrer Locken war nur noch eine Idee von Braun. Es war ausgeblichen. Ihr Körper war muskulös, so wie der des Mannes, und getrocknetes Blut klebte vergessen an ihren Armen und Beinen. Ihr Gesicht war… vor Angst verzerrt, das Weiß ihrer Augen so hell und weit, und unzählig waren ihre Sommersprossen, aber… sie wirkte unfassbar stark und… wunderschön. So viel schöner, als Harry sie in Erinnerung gehabt hatte.
Und sehr kurz blieb sein Blick an ihrem Unterleib haften. Denn… es wirkte eigenartig, dass diese muskulöse Amazone tatsächlich einen Bauchansatz haben sollte. Es sei denn… es sei denn…-
Ihr Kleidung klebte ihr nass am Körper, und konnte es sein, dass…-?
Und endlich schien irgendeiner der Zauber dieses Paramagiers Wirkung zu zeigen. Irgendetwas passierte, und die gesamte Riege der Auroren zuckte praktisch aus ihrer fassungslosen Lethargie zurück, als sich der gewaltige Körper dieses Muskelpakets aufrichtete, und sich ein allesübertönender Schrei seiner Kehle entrang.
„Ganz ruhig!", rief der Paramagier, hielt ihn mit Magie am Boden, und der Mann wand sich unter Schmerzen. „Es… es ist unfassbar starkes Gift, und es muss wie Feuer brennen, aber ich habe noch nicht alles entfernt!", faselte er hastig, während sie seinen Körper am Boden zu halten versuchte.
Noch einmal wiederholte der Paramagier seine Sprüche, und wild zuckte der Mann, während sie alle überfordert an Deck standen und zusahen.
Schweiß war auf seine Stirn getreten, und die weißen Strähnen klebten in seinem gebräunten Gesicht, und Harry versuchte gar nicht erst, all die Narben zu zählen, die er auf den ersten Blick ausmachen konnte.
„Sieh mich an!", sagte sie dann fest, und der Mann blinzelte gegen den Schmerz, zwang seinen Blick auf sie. „Alles ist gut, hörst du? Wir sind da. Wir… sind durch! Sieh mich an!", befahl sie ihm erneut, als sich seine Augen vor Erschöpfung schlossen. „Du wirst nicht sterben, hörst du? Ich erlaube es nicht!" Ihre Stimme. Es war so unwirklich, ihre Stimme zu hören. Harry spürte seinen Körper gar nicht mehr. Er nahm nichts um sich herum wahr, auch wenn hektisches Treiben herrschte.
Er konnte sie nur anstarren.
„Draco, bleib bei mir", sagte sie und ihre Hände legten sich um seinen gesunden Arm.
Sie… sie nannte ihn Draco….
„Ich tue dir wirklich weh, wenn du dich nicht zusammenreißt!", flüsterte sie fast, und endlich zuckten seine Mundwinkel.
„Wie… aufbauend", brachte er durch zusammen gepresste Zähne hervor, und sie lachte verzweifelt auf. Er sprach! Er lebte! Er war nicht tot! „Alles ok?", fragte er sie erschöpft, und sie war so dankbar, dass dieser Paramagier genug Menschenverstand besaß, eine Entgiftung erfolgreich vornehmen zu können.
„Alles gut", versicherte sie ihm blind. „Hauptsache, du lebst", ergänzte sie, denn sie hatte solche Angst gehabt. Sie hatte gesehen, wie das Leben ihn verlassen hatte, wie es fast zu spät gewesen war, aber jetzt… jetzt sprach er, er war wach. Sie waren in Sicherheit. Sie war sich nicht vollständig sicher, wo sie waren, aber sie waren gelandet. Kein Wasser war mehr zu sehen, und alles sah so… bekannt aus.
Sie nahm die vielen Gesichter um sich herum wahr, und sie glaubte, sie waren dort aufgeschlagen, wo sie gestartet hatten.
Im Ministerium. Die Uniformen, die hin und wieder in ihr Sichtfeld gerieten, kamen ihr so bekannt vor.
Weitere Heiler waren eingetroffen, knieten neben ihr, untersuchten Draco, untersuchten sie, auch wenn sie es ihnen reichlich schwer machte. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit der Ankunft, aber sie könnte auch nicht sagen, ob es Minuten oder schon eine Stunde war.
Nur am Rande war sie sich der Desinfektionszauber gewahr geworden, und diese Heiler trugen andere Arbeitskleidung als die Paramagier des Ministeriums. Ungefähr vier verschiedene Heiler untersuchten Draco neben ihr, und abwesend wischte sie immer wieder die Hand eines fünften Heilers beiseite, der sich vergewisserte, ob sie ansteckend war oder verletzt oder vergiftet oder tollwütig, wie ihr schien.
„Sie müssen mich das machen lassen", verlangte der Heiler mit professioneller Nachsicht.
„Mir geht es gut", beharrte sie, aber er ließ nicht von ihr ab, maß ihre Vitalfunktionen, aber ihr Blick galt Draco. Denn er lag noch immer flach an Deck, schien schwer erschöpft zu sein, und es reichte ihr langsam! All das Gepiekse und Gestochere – all der Unsinn! Draco musste ins Mungo! Waren sie alle unfähig hier?! „Merlin noch mal, er muss ins Krankenhaus!", fuhr sie die Heiler an. „Wie lange wollen sie uns untersuchen?", knurrte sie praktisch, denn ihr Beschützerinstinkt war noch nicht abgeklungen, denn wieder mal war sie aus einer Kampfsituation in etwas völlig Neues katapultiert worden. Ihre Nerven waren noch immer zum Zerreißen gespannt.
„Lassen Sie mich durch!", vernahm sie eine herrische Stimme, aber die Heiler hielten sämtliche Ministeriumsangestellte auf Abstand. Erst jetzt erkannte Hermine den sanften Schleier, der jeden Heiler zu umgeben schien. Sie untersuchten mittlerweile auch den Paramagier, der Draco entgiftet hatte. Merlin! Sie glaubten, sie wären ansteckend!
„Bleiben Sie zurück! Die Subjekte waren einer magischen Nullzone ausgesetzt und bedürfen der kritischen Untersuchung!", hielt ihn ein Heiler streng auf Abstand.
„Was? Was soll der Unsinn?", blaffte der etwas untersetzte Mann in… Aurorenuniform? So sah es aus. So hatte sie die Uniform in Erinnerung.
„Möchten Sie dafür verantwortlich sein, dass sich Ihre Riege mit der Rotfieberkrätze ansteckt? Nasenhalswürmer bekommt, die sich Nester in ihren Gedärmen bauen?", rief der Heiler jetzt, und Hermine zog die Stirn in Falten. Die Heiler hatten einen Schatten! Und es reichte ihr. Genau jetzt.
Sie erhob sich, griff blind nach dem Schwert, und die Heiler stoben zurück, stolperten über einander, und Hermines Geduld war fort.
„Sie bringen ihn jetzt sofort ins Mungo! Sofort, oder ich steche jeden einzelnen von ihnen ab, und dann haben Sie das Problem, wonach Sie alle so dringend suchen, verdammt noch mal!", knurrte sie, so aufgebracht, dass das Langschwert in ihrer Hand zitterte.
Sie hatte das Gefühl, alle Männer hier taten einen kollektiven Schritt zurück, außer die Heiler am Boden, denn die krochen nach hinten.
„Wir haben keine ansteckenden Krankheiten, Merlin noch mal! Wir sind einer verdammten Insel entkommen, die uns töten wollte, haben den stürmischen Ozean besegelt, einen Centacepta abgewehrt, sind fast gestorben, und wenn Sie Ihre Hintern nicht sofort in Bewegung setzen und ihn ins Mungo bringen, versichere ich Ihnen, dass der Tagesprophet Ihnen und Ihrer absoluten Unfähigkeit die Titelseite widmen wird!" Noch schrie sie nicht, aber ihre Stimme näherte sich einer hohen Dezibelzahl.
„Mein Name…", begann sie wütend, „ist Hermine Granger, und Sie bekommen ein echtes Problem mit mir, wenn Sie Draco Malfoy nicht sofort mitnehmen!"
„Nehmen… nehmen Sie sie mit", rief der untersetzte Auror stockend. „Greyson, Sie gehen mit!", befahl er. „Sobald Malfoy behandelt ist, wird er in Untersuchungshaft verbracht!"
Hermines Mund öffnete sich empört. „Er wird nirgendwo hingebracht!", informierte sie den Mann kalt. „Ich gehe mit ihm, und ich werde-"
„-Draco Malfoy ist des Kriegsverbrechens angeklagt, der Entführung und…", er sah sich zornig um, „der Zerstörung des Ministeriums!" Hermines schüttelte wütend den Kopf.
„Sie sind doch wahnsinnig! Ich habe das Schiff gesteuert!", fuhr sie ihn an, aber zwei Heiler hatten Draco bereits auf eine Bare gehoben, und ein dunkelhäutiger Auror war neben ihn getreten. „Nein!", sagte sie blind und wollte zu ihm, aber barsch gellte der nächste Befehl des Aurors über Deck.
„Haltet sie!", sagte er. „Sie ist dehydriert und halluziniert! Nach so einem Horror nicht verwunderlich. Wer weiß, was das Schwein ihr noch alles angetan hat!", spuckte er förmlich, und Hermine sah Rot!
Sie stieß die Heiler zurück, wollte den Auror wirklich verletzen, wollte ihn umbringen für seine Worte, aber schon traf sie der Zauber eines Heilers in den Rücken, feige hatte er von hinten gezielt, und aggressiv spürte sie den Beruhigungszauber, der sie in die Bewusstlosigkeit holte. „Draco!", rief sie schwach, aber ihr Blickfeld wurde schwarz.
Unsanft schlug sie auf das Deck. Es war das letzte, was sie spürte.
