48. Waking Up

Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und es gefiel ihm nicht. Ron sah es wohl ähnlich.

„Ist das… wirklich nötig?", erkundigte er sich bei einem der Heiler, der die Riemen überprüfte. Straff hatte er sie um Hermines Arme und Beine gezogen.

„Sie ist gefährlich", erklärte der Heiler schlicht. „Es ist zu ihrem eigenen besten, bis sie sich von den Strapazen erholt hat." Es klang so gefühlskalt. Und Harry wusste, was es war. Sie hatten allesamt Angst vor ihr. Sie war ihm auch vorgekommen, wie ein wildes gefährliches Tier, und erst, als sie mit dem Beruhigungszauber niedergestreckt worden war, hatte sich seine Starre gelöst, und er hatte dem Treiben ein Ende gesetzt, hatte mit Donald gesprochen und hatte ihm erklärt, dass die Rückkehr der beiden so garantiert nicht abzulaufen hatte.

Alles, was Donald ihm eingeräumt hatte, war, die Erlaubnis, sich um Malfoys Inhaftierung zu kümmern, anstelle von Greyson. Aber im Moment war er bei ihr, so gerne er auch Malfoy nach Askaban bringen wollte, für was auch immer er ihr angetan hatte! Denn die Heiler hatten festgestellt, sie war im fünften Monat schwanger, und Harry würde seinen Zauberstab verwetten, dass Hermine nicht freiwillig schwanger von Malfoy war! Es war einfach widerlich!

Nachdem der Heiler gegangen war, sah Ron ihn an.

„Harry", begann er überfordert, „ist… ist sie wahnsinnig geworden?"

„Wir wissen nicht, in was für einer Hölle sie war", murmelte Harry besorgt, den Blick auf ihr schlafendes Gesicht gerichtet. „Oder was er alles mit ihr gemacht hat", ergänzte er bitter.

„Sie… sie hat ihn beschützt", entkam es Ron zweifelnd, aber Harry ruckte mit dem Kopf.

„Stockholmsyndrom", entgegnete Harry blind. „Sie identifiziert sich mit ihrem Peiniger und beschützt ihn", schloss er.

„Aber Harry", widersprach Ron kopfschüttelnd, „sie hat nicht den Eindruck gemacht, als-"

„-was willst du von mir hören?", fuhr Harry ihn scharf an, denn all das nahm ihn mit. Und jetzt gerade brauchte er die Gewissheit, dass Hermine auf gar keinen Fall irgendetwas freiwillig mit diesem Wichser getan hatte! Und gerade von Ron erwartete er dabei Unterstützung! Merlin, er hatte sie nicht einmal begrüßen können, hatte ihr nicht einmal sagen können, welche Erleichterung er empfand, weil sie nichts anderes zu tun hatte, als ausgerechnet Malfoy zu verteidigen!

Und dann regte sie sich. Gerade als Ron beleidigt verstummt war. Sie wollte die Arme bewegen, konnte aber nicht, und dann öffnete sie die Augen. Harry kam es so vor, als hätten sie eine andere Farbe. Strahlender, leuchtender. Er wusste nicht, ob es möglich war.

„Harry", entkam es ihr blinzelnd, dann wanderte ihr Blick. „Ron!", sagte sie, versuchte, sich erneut zu bewegen, konnte aber nicht. „Was-?"

„-Hermine, es… ist zu deiner Sicherheit!", unterbrach Ron sie eilig. „Harry, können wir die Riemen lösen?" Er sah ihn schmerzhaft drängend an, und Harry konnte ihren gefesselten Anblick ebenfalls nicht ertragen. Er atmete aus.

„Natürlich", sagte er schwach, und sofort zog Ron den Zauberstab, löste die Riemen, und stöhnend setzte sich Hermine auf, rieb sich die Oberarme und Schienbeine, bevor sie ihn und Ron wieder ansah.

Und es wäre der Moment, wo Harry sie umarmen würde. Der Moment, wo sie ihre Wiederkehr begriffen, aber… es kam ihm so vor, als hätte Hermine keine schlaflosen Nächte auf der Insel verbracht, von ihnen geträumt und sich nach der Rückkehr gesehnt. Ein gehetzter Ausdruck trat auf ihre Züge, als ihre Erinnerung zurückzukommen schien.

Und das war es, was Harry sehr verletzte. Monate hatte er nicht gewusst, ob sie lebte oder längst tot war, und er hatte gehofft, dass, wenn sie mit Malfoy wiederkäme, sie ihn nur bis zu der Sekunde am Leben ließ, bis sie wiedergekehrt war, um ihn dann spektakulär vor den Augen des Ministeriums umzubringen! Oder wenigstens sofort verhaften zu lassen, aber stattdessen… stattdessen-

„-wo ist Draco?" Sorge, echte, schmerzhaft offensichtliche Sorge, sprach aus ihrem Blick, ihren Worten, sie war regelrecht getränkt in Angst und Sorge um ihn! Um ihn! Malfoy! Malfoy war es nicht gewesen, der Nacht für Nacht überlegt hatte, wie sie zu retten war! Harry wusste, es war eine eigenartige Eifersucht, aber er konnte nicht anders. Malfoy verdiente nicht eines ihrer Worte! Das Gefängnis war, was Malfoy verdiente!

„Warum?" Es war Ron, der fragte. Und fast war die Eifersucht in Rons Stimme ebenso greifbar, wie sie in Harrys Gedanken war. Und Hermine blinzelte verständnislos, als wäre allein die Frage unqualifiziert.

„Was?", flüsterte sie, und ihre Stirn zog sich in Falten.

Und diese Information, das Verständnis zwischen ihnen fehlte. Es fehlten zehn Monate Kontakt, und was für sie scheinbar kinderleicht zu begreifen war, ließ ihn und Ron in eine Art Schockstarre verfallen. Und er war unwillig, zu antworten. Unfähig, geradezu!

Es war… als… wären nicht er und Ron Priorität, so wie Hermine es für sie war. Nein, es war… als wären sie lediglich Probleme in ihrem Weg, die sie beiseiteschaffen musste, um Malfoy zu sehen! Als… wären sie unwichtig.

„Ich muss sehen, ob es ihm gut geht!", erklärte sie, als wäre es – wieder mal – selbstverständlich.

„Warum?" Dieses Mal fragte Harry. Und je verständnisloser ihr Blick wurde, umso grimmiger wurde seiner. Und er musste fragen. „Hat er dich mit irgendwelchen Zaubern belegt?" Und sie musste den Schmerz in seiner Stimme hören. Er wollte ihre Zuneigung, ihre Tränen der Freude! Er wollte, dass sie in ihre Arme fiel, ihnen erzählte, wie schrecklich es gewesen war – und er wusste nicht einmal, warum er das wollte!

Aber er wollte nicht hören, dass es Malfoy war, dem ihre Sorge galt!

„Was?" Gänzlich fassungslos sah sie ihn an. Und sie tat nicht mal so! Als schäme sie sich, als… wäre es unverständlich, warum sie so reagierten! Es war, als… wäre es egal, was sie dachten. Und es war verletzend und… deshalb musste es so sein, dass Malfoy sie mit Zaubern belegt hatte, denn ihre Hermine – die echte Hermine – würde niemals so gedankenverloren ihre Rückkehr zur Schau stellen. „Wieso sollte-"

„-du bist wieder da!", unterbrach Harry sie. „Du bist… zurückgekehrt aus diesem Albtraum! Merlin, Hermine, wir dachten, du bist tot!", fuhr er sie an. „Und jetzt… bist du da, du bist wach – wir… sind hier! Und das erste, was du tun willst, ist… Malfoy sehen?!" Wütend hob und senkte sich seine Brust, und etwas Schmerzhaftes trat in ihren Blick.

„Oh Harry!", sagte sie dann mitfühlend. „Ich liebe euch beide! Aber ich muss Draco sehen! Er war verletzt, er… hat alles alleine geschafft, und… und jetzt soll er verhaftet werden! Und ich… ich muss ihn finden! Ich… muss es verhindern!"

„Verhindern?", entkam es Ron ungläubig. „Er ist ein Todesser!"

Ja. Sie waren, milde gesagt, überfordert mit dieser Hermine, die voller Tatendrang das Krankenbett verließ, sich nicht darum scherte, dass sie Kleidung des Mungos trug. Nein, sie wollte das Zimmer verlassen!

„Er ist anders", entgegnete sie lapidar, als sie sich im Zimmer umsah. „Wo ist das Schwert?", wechselte sie so abrupt das Thema, dass Harry und Ron sie wieder nur anstarren konnten. Diese Hermine war eine Maschine. Niemals müde, niemals unachtsam.

„Hermine", begann Harry ungläubig, aber ihr Atem ging schneller. Harry sah ihren neuen Zorn genau, und er war angsteinflößend.

„Harry, ich weiß, ich bin wieder da. Aber für mich endet es hier nicht, ok? Ich muss Draco sehen!" Wieder dieser Name! Diese Determination in ihrer Stimme. „Es tut mir leid, wenn ihr es nicht begreift! Es tut mir leid, wenn es kompliziert ist, aber ich verspreche dir, ich freue mich aufrichtig, euch zu sehen! Wirklich! Aber-"

„-aber du willst zu Malfoy", endete Ron, die Stimme kühler als zuvor. Und endlich drang ein wenig Verständnis in Hermines Blick.

„Ron, es tut mit so leid", sagte sie dann. „Ich… hatte es nicht geplant, es… ist einfach passiert, und… du hast mich auch betrogen, also…" Und fast vielen Ron die Augen aus dem Kopf.

„Was?", entkam es ihm schockiert. „Wo-woher-?"

„-auf der Insel gab es Visionen, die unsere Welt gezeigt haben, und Draco hat gehört, wie du es zugegeben hast. Wo ist das Schwert?", ergänzte sie drängender, und Harry hatte gleich tausend Fragen mehr.

„Visionen? Was… meinst du damit, du-?"

„-das Schwert, Harry!" So wie Hermine ihn ansah, kam er sich beinahe begriffsstutzig vor. Er glaubte, gleich würde sie schreien. „Bitte", sagte sie flehend, „ich weiß, für euch ist es beendet. All das Warten und der Schmerz, aber versteht doch, für mich nicht! Bitte, helft mir. Draco ist nicht bösartig, er ist kein Todesser mehr. Er hat mich gerettet. Ich… liebe ihn", erklärte sie, und Harry kam es vor, wie hundert Flüche, die ihn durchbohrten, jedes ihrer Worte. Er wollte sich nicht ausmalen, was Ron empfinden musste. „Wir… haben auf der Insel geheiratet", eröffnete sie verzweifelt. „Bitte!", sagte sie wieder, und Ron tauschte einen Blick mit ihm, so absolut ungläubig, und Harrys Verstand konnte auch nicht so schnell arbeiten, wie Hermine ihnen die schrecklichen Neuigkeiten salvenartig servierte.

„Ihr… habt-?" Jemand der so weit entfernt von einer gesunden Beziehung war, wie Ron, schien absolute Verdauungsprobleme bei dem Wort ‚Heirat' zu bekommen, und garantiert besonders in diesem Fall, dachte Harry dumpf.

„Auf der Insel stand Hagrids Hütte, und sie beherbergte das Schwert von Gryffindor, weil auf der offenen See unsere Elderstäbe nicht funktioniert hätten, und ich musste schwanger werden, denn nur unser Sohn ist wahrer Erbe des Schwerts", erzählte sie, und Ron vergaß sogar tief verletzt und wütend zu sein, denn sein Kiefermuskel hatte nachgegeben. „Es klingt… etwas verrückt, aber…" Sie seufzte auf. Oh dachte sie wirklich?! Harry kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. „Ich brauche euch jetzt!", schloss sie eindringlich.

Harry hatte das Gefühl, er wäre aus einem endlosen Schlaf aufgewacht, und in einer alternativen Realität gelandet. Und dieser neuen Hermine fehlte schlicht und ergreifend das alte Verständnis, ihre altbekannte Geduld, ihre Liebe für sie beide, um sie entsprechend ausführlich in dieses neue Leben einzuweihen. Und er erkannte etwas Beunruhigendes – sie wollte nicht. Sie wollte nicht ausholen, sie wollte nicht erzählen. Es war nicht ihre Priorität, dass sie verstanden.

„Hermine", sagte er, unfähig, irgendetwas von dem, was sie ihnen erzählte, zu begreifen.

„Das Schwert!", fuhr sie ihn wieder an. „Alles andere später!", versprach sie verzweifelt, und diese Information konnte er ihr geben, ohne dass sein Seelenheil schaden nahm. Das war die einzige Antwort, die er gerade wusste. So losgelöst von allem, was ihn interessierte.

„Es… es ist zur Aufbewahrung im Ministeriumstresor, bevor es nach Hogwarts kommt", erwiderte er schwach. Sie atmete gereizt aus.

„Ich brauche es", sagte sie, an keinen von ihnen gerichtet. „Aber ich besorge es später." Etwas schien ihren Geist zu beschäftigen. Sie dachte schnell nach, Harry konnte es sehen. Und er wollte gar nicht wissen, wozu sie es brauchte. Er wagte nicht, zu fragen. Er traute sich nicht einmal, Hermine auf seine Stockholmsyndrom-These anzusprechen.

Denn sehr langsam beschlich ihn die unangenehme Tatsache, dass… sie es wirklich ernstmeinte. Mit… Malfoy.

„Kann ich ihn sehen?" Offen war ihr Blick, wenngleich auch etwas genervt. Harry war gänzlich überfordert. Und jetzt tauschte er einen Blick mit Ron, denn er war sich nicht sicher. Er wusste keine Antwort.

„Ihr… sollt euch vor der Verhandlung nicht sehen." Fast hilflos sagte er die Worte. Fast… ungläubig, wie ein Kind. Hermine wirkte nicht sonderlich beeindruckt.

„Mhm", machte sie bloß. „Ich will ihn sehen." Und sehr schnell verschwand der Hauch der alten Hermine, mit den weiten Augen, der Idee von Offenheit im Blick, und diese neue Person kehrte zurück. Die, die Harry schon an Deck des Schiffes gesehen hatte. Die Hermine, die durch die Verwahrlosung und der Einsamkeit und der rauen Umstände eine neue Härte gewonnen hatte, die ihn das Fürchten lehrte. Die Hermine, die sich nicht scherte um Konventionen oder darum, wie ihre Worte in den Ohren anderer klangen, wie ihre Taten in den Augen anderer wirkten.

Wie es für ihn und Ron aussah! Was es über sie aussagte!

Als wäre es ihr egal. Als wäre alles in dieser Welt egal, nur Malfoy zählte.

Sie war eine Frau, die vor nichts zurückschrecken würde und die keine Strafe der Welt scheute, um zu bekommen, was sie wollte. Das war die neue Hermine, mit der er nicht gerechnet hatte.

Und langsam griff er in seine Tasche und holte den Schlüssel hervor. Rons Blick war tödlich.

„Was… was tust du?" entfuhr es ihm tonlos. Aber Harry war nicht dumm genug, sich dieser neuen Hermine in den Weg zu stellen, mochte er auch nicht verstehen, was sie antrieb oder was sie glaubte. Und Schmerz, offen und frisch, zeichnete Rons Gesicht. Das Gesicht seines neu gewonnen besten Freundes, und Harry wusste nicht, was er tun sollte.

„Er kann mir den Schlüssel geben, oder ich schlage die Tür in kleine Stücke, mir ist es gleich", entkam es kühl Hermines Lippen, und Rons Blick wandte sich wieder. Sie wirkte so kalt. So völlig… der Welt entrückt.

Und Ron nickte bloß. Stumm und knapp, bevor er Kehrt machte und das Krankenzimmer verließ. Hermine blickte ihm nach, folgte ihm nicht, genauso wenig wie Harry es tat, aber schnell hatte sie diesen Verlust wohl überwunden und sah ihn auffordernd an. „Komm", sagte sie, bedeutete ihm, vorzugehen, und unter schweren Atemzügen verließ Harry den Raum, nur um auf der gegenüberliegenden Seite die Tür aufzuschließen.

Und damit riskierte er seinen Job, ging ihm dumpf auf. Aber eher war er arbeitslos, als sich von Hermine mit bloßen Händen umbringen zu lassen. Denn er glaubte blind, dass sie dazu fähig war. Und dass sie kaum zögern würde. Nicht mal bei ihm.

Das Schloss klickte vertraut und er öffnete die Tür nach innen. Und sofort stürmte sie an ihm vorbei. Malfoy lag allein, hatte sich wohl gerade erst aufrecht hingesetzt, und es zerriss Harry innerlich, als er sah, dass Malfoy bekam, was ihm, Harry, zustand. Was Ron zustand! Was ihnen einfach zustand! Als besten Freunden!

Sie flog praktisch in Malfoys Arme, warf sich auf das Krankenbett und nahm ihn praktisch in einen Würgegriff, so fest hielt sie ihn.

„Draco!", rief sie erleichtert, und Harry konnte nur wie versteinert mit offenem Mund neben der Tür stehen. Ein wenig angewidert, ein wenig überfordert.

„Hey", hörte er Malfoys raue Stimme, und Harrys Blick fiel, als Hermine ihn tatsächlich küsste! Die Begrüßung dauerte eine ganze Weile. Es war unmenschlich lange, und er wollte sich übergeben, aber irgendwann zeigte Malfoy Schwäche und Hermine wich zurück.

„Wirst du behandelt? War ein Heiler hier? Soll ich-?"

„-Hermine, beruhige dich, ok?"

Und es war zu viel! Seit wann nannten sich Erzfeinde beim Vornamen?! Harry verstand nicht. Er verstand es nicht!

„Du musst wirklich-!"

„-die Heiler waren hier. Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur… erschöpft", schloss er achselzuckend. „Und… eigentlich darfst du mich nicht sehen, oder?", ergänzte er stirnrunzelnd, aber sie zuckte die Achseln.

„Harry hat… sich gekümmert." Harry hat sich gekümmert? Nein. Harry war einfach nur vollkommen neben sich! Und dann traf ihn Malfoys Blick.

„Danke", sagte Malfoy tatsächlich aufrichtig in seine Richtung, aber Harry verzog den Mund.

„Bitte nicht", warnte er Malfoy jetzt. „Ich… will wirklich nichts mehr hören von eurer…" Er wusste nicht mal, wie er es nennen sollte. „Wirklich!", sagte er bloß mit Nachdruck, aber Hermine schien es nicht zu interessieren.

„Wir müssen hier raus", erklärte sie bloß.

„Meine Eltern werden mich mitnehmen", erwidert er ächzend, während er den Kopf in die Hände stützte.

„Deine… Eltern?" Sie sah ihn an.

„Sie waren heute Morgen hier. Bis zur Verhandlung sollte ich bei ihnen sein. Der Rechtsmagier wird versuchen, eine faire Verhandlung einzuleiten", schloss er, und Harry wusste nicht, ob er langsam verrückt wurde, aber Malfoy kam ihm rationaler vor, als Hermine.

„Draco-", begann sie unschlüssig, atmete kurz aus, „es gibt Dinge, die ich besorgen muss, Dinge, die ich erledigen muss", erklärte sie.

„Du solltest mit Potter gehen", sagte Malfoy eindringlich. „Du wirst dich um sie kümmern, nicht wahr?" Es war Malfoys direkter Blick, und er hatte etwas sehr Bedrohliches an sich. Bei Malfoy erkannte es Harry deutlicher als bei Hermine. Beide schienen sich schwer zu tun, offen und respektvoll anderen Menschen entgegenzutreten. Sie waren emotional recht verwahrlost, dachte Harry unwillkürlich. Als gehörten beide plötzlich zu einer anderen Art Lebewesen. Und er sah sich genötigt, zu sprechen.

„Na-natürlich! Sie kann bei Ginny und mir wohnen", antwortete er dem angsteinflößenden Kraftpaket, was ihn vom Bett aus mit nur einem Blick durchbohrte.

„Gut. Ich will, dass sie gut aufgehoben ist", warnte Malfoy ihn scheinbar. Harrys Mund öffnete sich unentschlossen. Es gefiel ihm nicht. Alles nicht.

„Du kommst nicht nach Askaban", sagte Hermine plötzlich, stille Überzeugung in den Worten.

„Es ist unvermeidbar, und das weißt du", schien er sie zu erinnern, und Harry konnte nicht fassen, dass diese beiden Menschen echte Worte miteinander wechselten. In Harrys Traum jagte er Malfoy lediglich den Stupor in die Kehle und erwürgte ihn anschließend mit bloßen Händen. Was war aus diesem schönen Traum geworden?! Harry war noch nicht soweit, Todesser respektvoll zu behandeln. Vor allem nicht diesen!

„Du kommst nicht nach Askaban", wiederholte sie so voller Ernst, dass Harry die Stirn runzeln musste.

„Granger-", sagte Malfoy jetzt, mit gewisser Nachsicht in der Stimme, aber Hermine lehnte sich vor und küsste ihn wieder verlangend, und diesmal konnte Harry nicht wegsehen, musste sich vergewissern, und… nein. Sie tat es absolut freiwillig, so eklig es auch war.

„-du vertraust mir, richtig?", fragte sie ihn ruhiger, als sie sich gelöst hatte, und prüfend sah Malfoy sie jetzt an. Es schien etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen zu existieren, denn irgendwann atmete er aus.

„Ich vertraue dir", sagte er bloß.

„Dann vertrau mir, wenn ich dir sage, du kommst nicht nach Askaban, Draco."

„Was hast du vor?", entkam es Malfoy kopfschüttelnd, voller Sorge.

„Ich muss noch was erledigen, und dann…"

„-dann?" Malfoy lauerte auf ihre Worte, und Harry konnte sie auch nur abwartend ansehen.

„Dann erkläre ich es dir. Geh zu deinen Eltern, aber… sei vorsichtig, ok?" Und es schien ihr ehrlich schwerzufallen, sich von Malfoy loszureißen.

Es war so eigenartig. Jeder seiner schlimmsten Albträume hatte sich bestätigt. Nur schien es für Hermine nicht so schlimm zu sein.

Dann küsste sie ihn ein letztes Mal, und Harry verzog angewidert den Mund.

Sie kletterte vom Bett und kam zu ihm zurück, wilde Entschlossenheit im Blick.

„Ich brauche ein paar Dinge", eröffnete sie ihm, und sein erster Gedanke war, dass sie andere Kleidung brauchen würde. Ihre eigentümliche Genügsamkeit, was ihre äußere Erscheinung anging, war befremdlich. Aber es war wohl nebensächlich. Es gab etwas, was weder er noch Malfoy wussten. Aber Hermine sah nicht danach aus, als wäre sie in Plauderstimmung. Und er wusste nicht, was schlimmer war. Dass sie Draco Malfoy liebte, oder dass er dem Wahnsinn die Hand gab und ihr folgte.