50. Hurt

Ginny spülte, als er in die Küche kam. Teller schwebten über der Spüle, und ein Handtuch trocknete sie, aber die Töpfe spülte sie mit der Hand. Die Flut an neuen Reportern war endlich verschwunden, als die Sonne untergegangen war. Er trat neben sie, streichelte begrüßend ihren Rücken und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn. Sein Blick glitt aus dem Fenster, raus in ihren schmalen Garten, der sich hinter dem Haus erstreckte.

„Was tut sie?", fragte er seine Freundin mit verengten Augen, während er Hermine beobachtete, die, mit einer Decke umwickelt, in einem ihrer Gartenstühle kauerte und den Frühlingshimmel betrachtete, an dem sich langsam die Sterne zeigten.

Harry hatte noch nicht mit ihr gesprochen, denn als er wiedergekommen war, hatte Malfoy über Floh angerufen, und Harry hatte keine Lust gehabt, beiden zuzuhören, wie sie ihre Liebe beteuerten. Es war ekelhaft und seltsam und so vieles mehr.

„Ich denke, sie hat… Heimweh", bemerkte Ginny lediglich, und Harry nahm an, es war schwer für Hermine, sich umstellen zu müssen, auf einmal in einem Haus zu schlafen und nicht mehr… auf einer tropischen Insel gefangen zu sein. Er war unsensibel gewesen, nahm er an. Auch wenn er beim besten Willen keine Ahnung gehabt hatte, wie er hätte sensibler sein sollen, wo sie doch ebenso unsensibel ihnen gegenüber war.

Er griff sich die Jacke von der Stuhllehne, die er eben erst ausgezogen hatte, ging dann an den Kühlschrank und holte zwei Old Owlery Ales aus dem unteren Fach, die er öffnete. Ginny warf ihm einen neugierigen Blick zu, aber Harry sagte nichts mehr und machte sich auf den Weg in seinen Garten.

Es wurde Zeit. Zeit, zu reden.

„Viel Besuch gehabt, hm?", begrüßte er sie, denn er wusste, Molly und Arthur waren hier gewesen und George und Angelina. Er reichte ihr ein kühles Ale, und sie nahm es entgegen. Ihre Augen betrachteten die Flasche, ihre Finger fuhren über das Glas. Sie schien jeden Gegenstand sehr andächtig in Augenschein zu nehmen. Es war ihm aufgefallen.

„Es war nett", sagte sie bloß, und er setzte sich ihr gegenüber auf den zweiten rostigen Gartenstuhl. Er war noch nicht dazu gekommen, sie ordentlich sauber zu machen. Der Frühling ließ auch noch auf sich warten. Ginny hatte Hermine scheinbar ein wenig Beleuchtung nach draußen gestellt, denn im Garten flackerten ein paar hübsche Öllampen, und sie saßen nicht in der Dunkelheit.

„Du existierst offiziell wieder unter den Lebenden", eröffnete er ihr dann, und sie schenkte ihm ein abwesendes Lächeln. Ohne Worte setzte sie die Flasche an die Lippen und trank den ersten Schluck.

„Danke", sagte sie und blickte wieder Richtung Himmel.

„Hermine", begann er zögerlich, denn er wusste nicht wirklich, wie er darüber sprechen sollte, aber sie wandte den Blick wieder in seine Richtung und sah ihn abwartend an. „Du weißt, dass eine Verhandlung für Malfoy… nicht gut ausgehen wird?" Er hätte nicht gedacht, sich jemals darüber Sorgen machen zu müssen. Niemals. Und wenn er ehrlich war, dann tat er es auch nicht. Diese Verbindung zwischen ihr und Malfoy war so neu, so seltsam, und es war in seinem Kopf noch nicht angekommen.

„Ich weiß", sagte sie entgegen seiner Vermutung, und er biss sich auf die Lippe.

„Bist- bist du sicher? Im Krankenhaus hast du nicht so gesprochen, als wüsstest du, dass er wahrscheinlich-"

„-er wird verurteilt werden. Ich weiß das", bestätigte sie ruhig, und etwas fiel Harry auf.

„Und das ist dir egal?" Er sah sie an, während sie noch einen Schluck trank. Sein Bier wurde langsam warm in seiner Hand.

„Nein", räumte sie schließlich ein und blickte wieder in den dunkler werdenden Himmel hinauf. „Es ist nur so, dass… er nicht nach Askaban gehen wird." Er betrachtete sie genau, während sie die Worte beinahe gleichmütig, beinahe neutral aussprach. Als wäre es einfach so.

„Es wird keine Verurteilung auf Bewährung sein", fuhr er kopfschüttelnd fort, falls sie das dachte. „Donald Connor hat bereits alle Schritte eingeleitet, da so viele Todesser ungeschoren davongekommen sind. Dieses Mal wird er-"

„-Harry", unterbrach sie ihn wieder, und der leise Schmerz in ihrer Stimme ließ ihn innehalten. „Er wird nicht hier sein, um ins Gefängnis gehen zu können", machte sie es deutlicher, und Harrys Mund öffnete sich einen Spalt. Hermine plante die Flucht! Sie wollte Malfoy rausschleusen! Und vielleicht nicht nur ihn!

„Was… was soll das heißen? Du… willst ihn decken? Du willst mit ihm abhauen?" War sie deshalb so distanziert? Und dann lächelte sie.

„So einfach ist es alles nicht", wich sie seinen Worten aus, aber er hatte genug.

„Dann erklär es mir. Zehn Monate lang, habe ich nichts anderes getan, als auf Karten nach dir zu suchen. Ich habe nicht geschlafen, ich habe gewartet, ich habe jeden Stein umgedreht." Und er hatte es nicht sagen wollen, hatte sie nicht wissen lassen wollen, dass sie ihm wehtat mit ihrer Gleichgültigkeit ihm gegenüber, und jetzt sah sie ihn ausdruckslos an, während er sich nicht aufhalten konnte. „Und als McGonagall mir erklärte, du müsstest mit Malfoy zusammen zurückkehren, glaubte ich, dass es unmöglich sein würde. Aber ich habe nicht aufgegeben, habe weiter gewartet und an dich geglaubt." Betroffenheit schlich sich auf ihre Züge. „Und dann… kamst du wieder! Du kamst tatsächlich zurück! Und jetzt erzählst du mir, du willst wieder fliehen? Was willst du tun? Wollt ihr eure Identitäten aufgeben, nach Spanien ziehen? Malfoy wird eine gerechte Strafe bekommen, Hermine. Er ist nicht unschuldig", erinnerte Harry sie zornig.

„Das ist mir egal", erwiderte sie eisern. Harry wollte erwidern, aber sie sprach weiter. „Es ist mir egal, was er verdient! Meiner Ansicht nach, hat er seine Schuld beglichen! Er verdient keine Strafe, nur weil sein Umfeld ihn zu dem gemacht hat, was er war. Und ich werde es nicht zulassen. Er ist mein Mann, ich bin schwanger mit unserem Kind, und-" Sie unterbrach sich, mied wieder seinen Blick, und es war so schwer. So schwer, darüber zu reden. Es war so ungerecht. Harry verstand nicht.

„Und was?", entfuhr es ihm müde. Und tatsächlich blickte sie sich um, als würde sie jemand belauschen. Als vergewissere sie sich, dass sie niemand hören könnte. Ihr Blick war… beängstigend, im Licht der Lampen, denn er wirkte so kompromisslos.

„Und ich weiß, ihr versteht es nicht." Es war nicht, was sie sagen wollte, er spürte es.

„Dass du Malfoy vor uns stellst? Nein. Dass Ron dir nichts mehr bedeutet, weil du ein paar Monate weg warst? Nein, ich verstehe es nicht!", gab er zu, setzte zornig das Bier an und trank tiefe Schlucke, um sich zu beruhigen.

„Ich war nicht beruflich im Ausland, Harry", fuhr sie ihn an.

„Nein!", schrie er aufgebracht. „Du warst alleine in einer Hölle!", ergänzte er wütend. „Wie kannst du wiederkommen und…- und nicht betroffen sein? Wie kann es dich nicht umgebracht haben? Wie kannst du hier sitzen und mir seelenruhig erzählen, dass du irgendeinen Typen hast und schwanger bist?!"

„Glaub mir!", fuhr sie ihn bitter an. „Ich war betroffen! Ich war allein! Und in den ersten Monaten habe ich jede Nacht geweint, Harry, hatte jede Nacht Angst, dass die Monster mich fressen – aber… niemand kam. Niemand hat mich geholt. Niemand hat mich gerettet. Ich musste mich selber retten. Und dasselbe galt für Draco! Und glaub mir, ich habe ihn nicht Draco genannt! Wir haben versucht, uns zu töten, so viele Male, dass ich es nicht mehr zählen konnte! Wir haben uns gejagt, haben uns bekämpft und haben uns gestritten, fast jeden Tag, bis zum Ende!" Ihre Stimme bebte. „Es war kein Paradies. Und immer wieder – immer wieder – haben wir festgestellt, dass es alleine nicht zu bewältigen war, einen Ausweg zu finden. Und wir mussten uns zwingen und überwinden und alle Differenzen irgendwie in den Griff bekommen, um einen Weg zurück zu finden. Verstehst du das? Es gab keinen Hogwartsexpress, der uns hätte nach Hause bringen können? Wir waren alleine. Im Nirgendwo!"

Und sie sprach. Sie erzählte ihm, wonach er sich so sehnte. Sie gab ihm die Möglichkeit, zu verstehen. Zu begreifen, was er nicht begreifen konnte.

Und langsam beruhigte sie sich wieder. „Ich wollte das nicht. Nichts davon. Ich liebte Ron, ich war mir sicher", flüsterte sie. „Aber… mit ihm – mit Malfoy, mit Draco – habe ich mich auf einmal lebendig gefühlt. Es war… so unfassbar und… ich war so verzweifelt. Eine Höhle, die dir Visionen der Zukunft zeigt, macht keinen Spaß, Harry. Denn ich wollte nicht schwanger sein. Ich wollte nach Hause kommen und dort weitermachen, wo ich aufgehört hatte – wo wir aufgehört hatten!", versicherte sie ihm verzweifelt. „Aber… in der Sekunde, als ich ihn sah, meinen Sohn, da… wusste ich, es gab keine andere Möglichkeit."

Harry schwieg. Er hatte keine Antwort darauf.

„Und ich wünschte, ich hätte einen objektiven Betrachter an meiner Seite gehabt. Ich wünschte, irgendjemand hätte mir erklärt, was richtig und was falsch war. Aber ich musste instinktiv handeln. Und ich kann dir versichern, nichts ist ratsamer, als auf seinen Instinkt zu hören. Und das muss ich jetzt auch. Und… das solltest du auch. Auch wenn du dich zwingen musst." Eine Härte schlich sich wieder in ihre Züge, aber Wärme trat in ihren Blick. „Ich würde gerne hier bleiben, bei euch. Bei dir. Bei Ginny und Ron. Ich wäre gerne die alte Hermine, die vielleicht bei Flourish und Blotts arbeiten würde, vielleicht in der Bibliothek von Hogwarts. Ich wäre gerne die Hermine, die Ron heiratet, egal, mit wem er mich alles betrogen hat", warf sie bitter ein, und Harry schluckte schwer, „aber ich kann nicht. Nicht mehr. Etwas… Einzigartiges wartet auf mich. Etwas Besseres als alles hier", flüsterte sie fast. „Und wenn ich der dummen Schwäche erlaube, mich einzulassen, mich hier wohlzufühlen, mir einzugestehen, wie sehr ich dich vermisst habe, dann werde ich es nicht mehr können."

Und Harry spürte, die beißenden Tränen in den Augen. „Und ich liebe ihn. Und die Zukunft, dir wir haben werden, wird unfassbar sein. Wunderbar und schrecklich zugleich, denn für diese Zukunft muss ich das Wichtigste zurücklassen." Und jetzt weinte sie. Und auch Harry wischte sich die verräterische Nässe von beiden Wangen. „Ich liebe dich, Harry. Aber… ich will diese Zukunft erleben. Ich will, dass es sich erfüllt."

Und Harry stellte blind die Flasche auf den Tisch, erhob sich und ging vor Hermine auf die Knie und zog sie fest in seine Arme. Er spürte sie zittern, spürte, wie ihr Körper bebte, wie sie stumme Tränen weinte, und er konnte nicht sagen, wie lange sie so saßen.

Und er wollte gar nicht wissen, was sie vorhatte. Wohin sie wollte und wie gefährlich es sein würde. Er wollte nicht wissen, was sich erfüllen sollte, und er wollte nicht verstehen.

Dies war der Moment, um den er sich so betrogen gefühlt hatte, aber jetzt erst verstand er, warum sie ihn so ablehnend behandelt hatte. Denn jetzt war es alles nur schlimmer, und er vermisste sie, obwohl sie noch hier war. Noch… - alleine dieses Wort zu denken. Zu glauben, sie würde wieder gehen. Und beinahe hoffte er, sie plane lediglich die Flucht nach Spanien. Er verstand, dass sie ihn von sich stieß, weil sie sonst nicht gehen könnte.

Er löste sich irgendwann von ihr, setzte sich wieder auf seinen Stuhl zurück, und gerade, als die Stille traurig wurde, kam Ginny mit zwei neuen Flaschen Ale nach draußen und stellte sie offen auf den Tisch.

„Erzähl ihm von dem blauen Riesengorilla", sagte sie lächelnd, strich Hermine zärtlich über die lockigen Haare, und ein schmales Lächeln erhellte Hermines Gesicht.

Und dann begann sie zu erzählen. Jede Einzelheit, und Harry unterbrach sie kein einziges Mal.

Als sie an seine Tür klopfte, rührte sich zunächst nichts im Innern. Sie wartete, kaute auf ihrer Lippe, und sie hätte Wetten mit sich selber abgeschlossen, dass er entweder bei Tom in der Kneipe war oder halb bewusstlos in seinem Loft auf dem Boden dahin vegetierte.

Aber sie irrte sich.

Noch einer halben Minute öffnete sich die Tür. Und sie streckte den Rücken gerader durch.

„Oh hey", begrüßte sie ein dunkelhaariges Mädchen. Sie war barfuß und trug Weasleys Quidditchjersey. Ihre Beine waren nackt, ihre Haare ziemlich durcheinander. „Ich dachte, du wärst der Lieferboote", erklärte sie offensichtlich enttäuscht, und dann hörte sie ihn, weiter hinten.

„Wer ist es?"

„Irgendeine Frau", rief das Mädchen, mit einem entschuldigenden Schulterzucken, und dann trat Weasley in ihr Sichtfeld, lediglich ein Handtuch um die Hüften geschlungen. Und immerhin besaß er genug Taktgefühl, um schuldbewusst auszusehen. Wenigstens für den Hauch einer Sekunde.

„Parkinson", begrüßte er sie überrascht. „Du… kennst Daphne?" Und jetzt erst fasste sie das Mädchen näher ins Auge. Tatsächlich war es Astoria Greengrass' kleine Schwester Daphne! Sie überschlug im Kopf, ob das, was Weasley tat, legal war, aber ja. Daphne war neunzehn Jahre alt.

Und ihr Blick wurde finster.

„Du bist ein Arschloch", informierte sie ihn tonlos. Ihre Fäuste zitterten vor Wut, als sie sich abwandte. Sie hatte keine Ahnung mehr, warum sie sich die Mühe gemacht hatte, herzukommen! Warum sie geglaubt hatte, er würde irgendetwas ändern!

„Ach ja?", rief er ihr trotzig nach, aber sie hielt nicht inne. Auch nicht als er schrie. „Sie hat ihn geheiratet, verdammt! Geheiratet!", brüllte er praktisch, aber Pansy wollte es nicht hören. Sie hasste ihn. Sie hasste ihn so sehr! Und nicht nur, weil er irgendwelche Mädchen bei sich Zuhause hatte!

Nein. Weil sie gehofft hatte, sie wäre die erste Person, mit der er hätte reden wollen!

Aber sie war naiv. Und dumm. Und sie hasste ihn!