51. Polyjuice
Das Ministerium richtete ein Fest aus. Zu Ehren von Hermines Wiederkehr, noch vor der morgigen Verhandlung. Denn im Ministerium interessierte niemanden, dass Draco Malfoy Hermine Granger gerettet hatte. Er war nicht einmal eingeladen. Es sollte nur Hermine gefeiert werden und ihr Sieg gegen die Unterdrückung.
In einem hübschen Kleid stand sie auf dem Podium, hatte gerade eine nette kleine, nichtssagende Rede gehalten, sich bedankt, sich für die Zerstörung des Atriums entschuldigt und das Aurorenteam gelobt, obwohl Harry nicht mal mehr wusste, warum.
Ron lehnte halb betrunken an der für heute errichteten Theke und fixierte Hermine mit schielendem Blick. Harry hatte sich bereits mental von seinem besten Freund erneut verabschiedet und nahm nicht an, dass Ron noch irgendwelche Therapietermine wahrnehmen würde. Es ging ihm überhaupt nicht gut.
Besonderer Dank galt Donald Connor. Harry hatte vorgeschlagen, dass sie es sagte, um den fetten unfähigen Leiter ihrer Abteilung zu beruhigen. Und Donald trank den dritten Champagner, und würde er den vierten trinken, würde er wahrscheinlich in seinem Büro einschlafen.
Harry musste dennoch lächeln, denn sie machte den Job ausgezeichnet. Denn wenn Ron es nicht merkte, ging er davon aus, dass es absolut niemand merken würde.
Er hatte den Kollegen erklärt, Ginny wäre heute leider unpässlich und lege mit einem Magenvirus im Bett. Er nippte an seinem Champagner und genoss ihre letzten Worte.
„Ich bedanke mich bei allen für ihre Unterstützung und wünsche einen schönen Abend!", rief Hermine über die Menge, durch das magisch verstärkte Mikrophon, und alle Anwesenden klatschen höflich. Harry kam es nicht anders vor, als jeder dämliche Ministeriumsball, den er in den letzten sechs Monaten besucht hatte. Diese Dinger schienen monatlich stattzufinden.
Hermine stieg vom Podium hinab und steuerte direkt auf ihn zu. Auch er reichte ihr ein Glas Champagner.
„Ich bin doch schwanger, Harry", erinnerte sie ihn, und er verdrehte die Augen.
„Richtig", murmelte er lächelnd. „Fabelhafte Show. Du hättest Schauspielerin werden sollen", bemerkte er leise in ihr Ohr.
„Mum hat immer gesagt, ich hätte verborgene Talente, und ich sollte das Fliegen an den Nagel hängen", erwiderte sie grinsend. Sie blickte auf die Uhr an der Wand. „Wie wäre es, wenn ich auf Toilette gehe, mir noch einen Schluck Vielsafttrank gönne, und in einer Stunde hauen wir hier ab?" Sie schenkte ihm ein Lächeln, und Harry sah durch die Fassade. Sie mochte aussehen, wie die neue Hermine, aber ihr Lächeln verriet sie.
Es war zu warm, zu liebevoll. So war Hermine nicht mehr. Nicht ihnen gegenüber. Sie war zu stark und unabhängig dafür. Malfoy, der bekam ansatzweise so etwas, wie ein warmes Lächeln. Und Harry wollte nicht mit Hermine tauschen. Er wollte nicht irgendwelche Bestien mit nichts als einem Speer besiegen müssen.
„Cinderella bekommt noch eine Stunde Ausgang", sagte er also in Anlehnung an Hermine und wusste, Ginny kannte das Muggelmärchen. Cinderella war ihr liebstes Märchen.
„Genau!", bestätigte sie grinsend.
„Ich will gar nicht wissen, was sie in einer Stunde noch alles machen kann. Mit… ihm", schloss er schaudernd.
Ginny schlug ihm gegen den Arm.
„Harry!", maßregelte sie ihn kopfschüttelnd, und dann mischte er sich unter die Menge, während Ginny zu den Toiletten ging, denn das wichtigste war ein Alibi. Wenn Hermine Malfoy nicht sehen durfte, dann würden sie dafür sorgen, dass alle Ministeriumsangestellten Hermine heute auf der Feier sehen konnten. Einfach zur Sicherheit.
Fast hatte er es vermisst. Die Gefahr und das Abenteuer – aber dennoch würde er niemals mit Hermine tauschen wollen. Es war ein wenig zu viel Abenteuer für seinen Geschmack…
Er lag in seinem Bett, das Buch in der Hand, was er Ewigkeiten nicht mehr gelesen hatte, und musste sagen – sein Bett war zu weich. Es war regelrecht unbequem.
Alles war unbequem. Die Wände des Hauses beengten ihn, dabei war es ein verdammt großes Haus. Das Essen schmeckte ihm nicht, und die Warterei machte ihn wahnsinnig. Absolut verrückt.
Er wollte sich auch an keinen nutzlosen Komfort gewöhnen, wenn sowieso das Gefängnis auf ihn wartete. Aber ein Gefängnis war das hier ebenso, denn seine Mutter passte auf wie ein Luchs, dass er das Haus nicht verließ. Er war praktisch in seinem Zimmer eingesperrt, um ja keinen Kontakt mit der Außenwelt zu haben.
Das war ihm zwar recht, aber er wäre lieber woanders eingesperrt als hier.
Und dann klopfte es sachte an seiner Fensterscheibe.
Ungläubig hob er den Blick aus seinem Buch. Er kniff die Augen zusammen.
Das war unmöglich, dachte er kopfschüttelnd, als er die Beine vom Bett schwang, das Buch achtlos hinter sich warf und zu den Fensterläden schritt. Hermine hockte auf dem Sims, sah recht gelangweilt aus, und schenkte ihm ein Grinsen. Er öffnete das Fenster eilig und starrte sie an.
„Das ist der dritte Stock", erklärte er ihr kopfschüttelnd, aber sie zuckte die Achseln.
„Das ist absolut überhaupt kein Problem für mich", informierte sie ihn, und er ließ sie ins Zimmer klettern.
„Du bist verrückt", murmelte er, aber sein Herz jagte in seiner Brust. Denn eigentlich las er nur ein blödes Buch, weil er sie schmerzlichst vermisste. Er hatte lange keine Nächte mehr ohne sie verbracht, und es war ein schlechtes Zeichen, wie schlecht er damit umgehen konnte.
„Küss mich, Draco", bat sie tonlos, und sofort kam er ihrer Aufforderung nach. Sie trug viel zu viel Kleidung! Sie trug eine Kapuzenjacke, die er mühsam von ihren Armen schälte, während er ihre Lippen hungrig mit seinen fing. Darunter erkannten seine Finger einen weiteren Pullover, und so viel Stoff war absolut hinderlich. Er konnte sie nicht spüren, und er musste es so dringend! Er zog den Kopf zurück.
„Wie wäre es, wenn du mir helfen würdest?", raunte er, und sie zog sich den Pullover über den Kopf, während er seine Hose öffnete und anschließend das Shirt auszog. Endlich stand sie nackt vor ihm, und er wollte sich diesen Anblick einprägen. Sofort fanden seine Hände ihre sanfte Bauchwölbung, und er fiel auf die Knie. Sanft küsste er ihren Unterbauch, und ihre Hände fuhren durch seine Haare, kratzten über seine Kopfhaut, und er sah sie von unten herauf an.
„Gefällt es dir hier? Ich meine… bist du froh, wieder Zuhause zu sein?" Aber sie zog ihn an den Schultern wieder nach oben, bis er sie überragte, und gönnte ihm keine Antwort. Sie schob seine Hose seine Beine hinab, und verlangend schlossen sich ihre Finger um seine Erektion.
Er würde so sehr vermissen, mit ihr zu schlafen. Er würde ihren Geruch vermissen, ihre Stimme, ihren weichen Körper neben seinem. Es war so schrecklich, dass er die Gedanken verscheuchen musste. Sie bugsierte ihn zum Bett, stieß ihn sanft nach hinten auf die Matratze, und schon kletterte sie über ihn.
Ihre Hand umfasste wieder seinen Schaft, und seine Augen schlossen sich, während sie an ihm arbeitete.
Und er vergaß, wo sie waren. Er vergaß, was ihn erwartete. Es gab nur sie in seinen Gedanken. Er spürte, wie sie das Bein rittlings über ihn schwang, auf den Knien über ihm ihr Gewicht hielt, und er atmete befreit aus, als sie sich auf seinen Schwanz sinken ließ, als er sie endlich ausfüllte, und es war völlig egal, in welcher Welt, sie sich befanden. Dieses Gefühl würde ihn in jeder Welt verzaubern.
Er setzte sich auf, denn er wollte sie enger spüren. Sein Arm schlang sich um ihre schlanke Taille, und immer wieder richtete sie sich mit geringem Muskelspiel auf, ließ ihr Becken verrucht kreisen und presste ihren Unterleib in seinen Schoß zurück, trieb ihn an, und er legte den Kopf in den Nacken, damit sie ihn küsste.
Und mit beiden Händen ergriff sie sein Gesicht, während ihr gemeinsamer Rhythmus schneller wurde. Ihre Lippen trafen sich, und seine Zunge drang nach vorne. Sie schnappte nach Luft, und fester presste er sie gegen sich.
Ihre Haut klebte heiß an seiner, sie waren eine Person, und er spürte, wie ihr Atem abgehackter ging, wie sie ungehalten stöhnte, und kreisend ließ er sein Becken nach oben bocken, bis er es spürte. Sie kam mächtig über ihm, stöhnte in seinen Mund, und dann fiel sein Kopf zurück, als er ihr grollend folgte, ihren Namen rau in seiner Kehle, und gemeinsam fielen sie auf das Bett zurück.
Laut ihr ging ihrer beider Atem, und nackt lagen sie auf der Decke, verhüllten sich nicht, und irgendwann spürte er ihr Lächeln gegen seine Brust. Sie hauchte Küsse auf seine vielen Narben, wie sie es auf der Insel auch getan hatte.
„Es funktioniert auch hier", stellte sie müde fest, und seine Mundwinkel hoben sich.
„Ha ha", entkam es ihm träge.
„Kommt deine Mutter gleich rein?", wollte sie dann amüsiert wissen, und rau lachte er tatsächlich auf.
„Du stehst auf kranke Sachen, Granger", neckte er sie, und sie musste auch lachen.
„Draco?", sagte sie dann, stützte sich auf die Ellbogen, und er hob leicht den Kopf, um sie zu erkennen.
„Mh?"
„Ich liebe dich", sagte sie, und fast beschlich ihn ein bodenloses Gefühl der Angst.
„Ist das ein Abschied?", fragte er sie, aber tatsächlich schüttelte sie den Kopf.
„Nein. Das ist der Anfang", erwiderte sie liebevoll und lehnte sich wieder zu ihm, und das Gefühl ihrer Lippen auf den seinen war wundervoll.
„Ja?", erkundigte er sich misstrauisch. „Es wirkt wie das Ende." Sie sagte dazu nichts, küsste lediglich wieder seine Brust. „Was waren das für Dinge, die du besorgen musstest?", wollte er schließlich wissen, und sie schenkte ihm ein geheimnisvolles Lächeln.
„Dies und das", sagte sie leichthin. Er wurde ernst.
„Hermine, wir sollten darüber reden."
„Nein", entschied sie streng. „Ich nehme an, sie werden dich morgen mit Veritaserum befragen, und-"
„-und was? Was könnte ich ihnen sagen, was diese Information gefährden könnte?" Fast machte es ihn zornig. Was verheimlichte sie ihm? Was plante sie?
„Nein", sagte sie, ignorierte seine aufkommende Wut einfach und schüttelte den Kopf. „Es ist noch nicht die Zeit. Ganz einfach, Draco."
Zornig fiel sein Kopf zurück. „Und jetzt, halt den Mund, denn ich möchte noch mal", sagte sie bestimmend, und seine Augen weiteten sich.
„Du möchtest was?!" Er starrte sie an, als sie sich aufsetzte.
„Ich habe noch eine halbe Stunde", erklärte sie ihm, mit Blick auf seinen Wecker. „Und die möchte ich sinnvoll nutzen und nicht mit dämlichen Streitereien. Einmal keinen Streit, Malfoy", ermahnte sie ihn schlicht, und er fand sie gerade viel zu heiß, als dass er sich ihr verweigern könnte.
„Du bist unfassbar", knurrte er, aber schon hatte er sie mit seinem Gewicht umgeworfen und verteilte federleichte Küsse auf der warmen Haut ihres Halses.
„Weniger reden, Malfoy." Halb stöhnte sie die Worte, halb klang sie maßregelnd, und er mochte es. Er stand auf klare Ansagen und spreizte umstandslos ihre Beine. Von ihm aus konnte es weitergehen.
Und er würde es absolut feiern, würden seine Eltern sich die Mühe machen und in sein Zimmer kommen. Heißer Sex wäre etwas, was Lucius und Narzissa wahrscheinlich nur aus Erzählungen ihrer Bekannten kannten – sofern Reinblüter untereinander überhaupt irgendeine Ahnung von Sex hatten.
Seine müßigen Gedanken verflüchtigten sich, als er halbhart in sie eindrang, und ihre heißen, kleinen Geräusche ihn wieder zur vollen Härte brachten.
Merlin, diese Frau wäre sein Untergang. Er vertraute ihr blind.
Und… er hatte eine leise Hoffnung. Wahrscheinlich war es eher Furcht als Hoffnung, aber in seiner Situation war es alles dasselbe.
„Wir sind müde", eröffnete Harry seinem besten Freund betont vorsichtig. Er war froh, dass Ron heute Nacht mit zu ihnen gekommen war, und sich nicht alleine in seinem Loft versteckte. Vor ihm stand ein Glas Whiskey. Ron sollte auch nicht mehr trinken. Nie mehr am besten, dachte Harry dumpf. Er wollte auch endlich den Anzug loswerden. Es war alles nicht sonderlich bequem.
Und Ron hatte beim Apparieren mitbekommen, dass Ginny den Vielsafttrank genommen hatte. Dass Ginny es war, und nicht Hermine, die heute im Ministerium ihre Rückkehr gefeiert hatte. Und wahrscheinlich hatte Ron die nötigen Lücken alle geschlossen und hatte sich zusammenreimen können, wo Hermine tatsächlich war. Was es nicht besser machte.
„Ich wäre gern allein", sagte Ron schließlich, ohne ihn anzusehen, die Stimme tief und demotiviert.
„Ron-", begann er, aber dieser hob nun eindeutig den Blick.
„Harry, Ich komme zurecht, ok?"
Es war ziemlich eindeutig, dass er das nicht tat, und widerwillig setzte Harry sich an das Ende des Tisches. Jetzt erst sah er Rons rotunterlaufene Augen. Er hatte geweint. Und Harry wusste nicht wirklich damit umzugehen.
„Ich weiß, was du denkst", beschloss er, zu sagen.
„Tust du das?" Jetzt wurde Rons Stimme kälter. Ungläubig sah er ihn an. Wie einen Verräter.
„Ron…", begann er wieder, aber Ron schüttelte bereits den Kopf.
„-ich habe mich nicht abgefunden, Harry!", warnte er ihn. „Damals. Ich… konnte nur nicht mehr Tag ein, Tag aus mit dem Verlust leben, mit dem Schmerz, mit…-"
„-mit der Einsamkeit?", beendete er den Satz, und Ron schien es nicht gerne zu hören.
„So war es nicht!" Trotz zeichnete Rons Züge. „Es war nichts", entfuhr es ihm zornig. „Ablenkungen. Nichts weiter, Harry", versprach er beinahe. „Es hat nichts bedeutet! Wäre es Ginny gewesen", begann Ron jetzt, „du hättest kein Jahr gewartet!", warf er ihm vor, und Harry wusste, er hätte hundert Jahre gewartet. Niemals hätte er eine andere vorgezogen, aber er hütete sich, diese Worte laut zu äußern. Denn sie waren nicht hilfreich. „Es ist fast ein Jahr her, Harry! Sie war fast ein Jahr fort"
„Was soll ich sagen, Ron?" Denn er wusste es nicht. Was wollte er hören? Dass es richtig war, dass Ron sich abgelenkt hatte? Denn wahrscheinlich… war es egal. Es hätte nichts geändert. Wieder einmal… nicht hilfreich.
„Gar nichts, ok? Gar nichts, verdammt. Lass mich einfach allein." Er leerte das Glas in einem Ruck und knallte es auf den Tisch. „Weil ich es gewagt habe, mich nicht jede Nacht in den Schlaf zu weinen, weil ich es alleine nicht ertragen habe, werde ich bestraft!", entfuhr es ihm wütend, wenngleich auch über alle Maßen verzweifelt. „Das ist die Strafe, nicht wahr? Ausgerechnet! Wahrscheinlich hat ihr Gehirn einen massiven Schaden erlitten!", schloss er erschüttert.
„Ron", begann er unschlüssig, „vielleicht braucht es Zeit. Vielleicht braucht sie Zeit." Und schon als er die Worte sagte, wusste er, dass es nicht stimmte. Er glaubte nicht, dass die Zeit Hermines Gefühle ändern würden.
So bitter und traurig es auch war.
„Wieso bin ich nicht gut genug?" Es war eine so direkte Fragte, dass Harry schlucken musste. Aber es gab wohl keine nette Lösung. Keine Antwort, die sie beide verstehen würden.
„Ron, du bist gut genug", versicherte er ihm schließlich voller Überzeugung. Nur… vielleicht war Ron eben gut genug für jemanden anderen. Aber das sagte er nicht laut. „Das einzige, was wirklich zählt, ist, dass sie wieder da ist, oder nicht? Alles andere ist erst mal vollkommen unwichtig." Aber Harry glaubte auch an diese Worte nicht aufrichtig, denn… vielleicht wäre Hermine nicht viel länger hier. Aber auch davon würde er Ron nichts erzählen.
Nach einem unangenehmen Moment erhob er sich mühsam, denn er konnte es nicht besser machen. Er konnte gar nichts ändern. Und Ron fühlte sich schlecht. Das war eben so. Und Harry konnte nichts tun.
Er klopfte ihm so mitfühlend er konnte auf die Schulter, aber Ron sah ihn nicht mehr an. „Gut Nacht, mein Freund."
Seufzend verließ er das Esszimmer, und er hoffte, Ron würde nicht die gesamte Flasche trinken.
