56. Her favourite Story

*17 years later*

Noch war es nicht ganz dunkel draußen. Sie erkannte die Umrisse des Gartens, und Glühwürmchen tanzten ihren Tanz in der lauen Dämmerung. Es klopfte sachte gegen ihre Tür, und sie ließ das Buch sinken. Ihre Mum steckte den Kopf herein.

„Noch wach?", erkundigte sie sich, aber es war erst viertel nach zehn. Es waren Sommerferien. Natürlich war sie wach! Es gab so viele Bücher zu lesen und leider so wenig Zeit. Sie setzte sich auf.

„Na klar", erwiderte sie lächelnd. Ihre Mum kam ins Zimmer, die Haare in einer schicken Hochsteckfrisur, und sie roch nach Parfüm. Sie roch nach Abenteuern. Sie war die letzten Wochen viel unterwegs gewesen, hatte Kongresse besucht und ihr Expertenwissen mit einem Haufen alter Männer geteilt, wie ihr Dad es erklärt hatte. Ihre Mum war ziemlich klug. Sie war Professorin für Verwandlung auf Hogwarts, und es gab natürlich bessere Aussichten, als seine Mum ständig in der Schule sehen zu müssen, aber die letzten Wochen hatte Lily sie wirklich vermisst.

Sie setzte sich auf ihre Bettkante und strich ihr übers Haar. „Wie war der Kongress?", wollte Lily wissen, aber ihre Mum zuckte die Achseln.

„Schrecklich langweilig", entgegnete sie lächelnd.

„Weil du klüger bist als all die anderen?", wollte Lily gespannt wissen, aber ihre Mum lachte.

„Die anderen sind auch sehr klug", räumte sie lediglich ein.

„Ja, aber du weißt alles, Mum", widersprach Lily kopfschüttelnd.

„Über magische Zeitreisen, ja", bestätigte sie grinsend. Ihr Blick fiel auf ihr Buch. „Über exotische Meerespflanzen – nicht wirklich", schloss sie und strich wieder übers Haar.

„Es ist spannend", rechtfertigte sich Lily defensiv. Sie musste sich von ihren Brüdern schon genug Stichelleien anhören.

„Hey, meine Tochter muss sich nicht rechtfertigen, wenn sie ein Buch liest! Das weißt du genau." Und Lily wusste auch, warum.

„Weil Lesen bildet und weil Tante Hermine viel gelesen hat", bestätigte sie, und Ginny legte ihr den Arm um die Schultern.

„Ganz genau", sagte sie ruhig. Ihr Vater erzählte nicht viel von Tante Hermine. Lily wusste nicht wirklich, warum. Aber ihre Mum hatte die Geschichte schon einhunderttausend Mal erzählen müssen, hatte Lily wieder und wieder vom golden Schnatz erzählen müssen, der eigentlich ein Portschlüssel in ferne abenteuerliche Welten war, und jedes Mal, wenn Lily bei einem Spiel in Hogwarts den Schnatz fing, hielt sie den Atem an und hoffte, vielleicht ein einziges Mal, ebenfalls aus dieser Welt geschleudert zu werden, um auf einer exotischen Insel mit blauen Groillas zu landen.

Vielleicht war das der Grund, weshalb Gryffindor kein Spiel mehr verloren hatte, seitdem sie die Position des Suchers belegte. Vielleicht. Ihre Mundwinkel zuckten. Und sie kuschelte sich in die Armbeuge ihrer Mutter, während sie ihr Buch zur Seite legte.

„Mum, erzählst du mir die Geschichte?", bat sie leise, und sie würde nie zu alte sein, für diese Geschichte. Fünfzehn war kein Alter, mit dem man plötzlich aufhörte, Geschichten zu lieben. Und garantiert nicht diese Geschichte!

„Schon wieder?", wollte Ginny grinsend wissen, aber Lily nickte heftig. Seitdem sie acht Jahre alt war, war es ihre absolute Lieblingsgeschichte. Es gab keine bessere. „Aber dann wird geschlafen", ergänzte ihre Mutter streng, und Lily nickte bloß.

„Es war einmal ein Junge, der auf einer magischen Insel, verborgen in den alten, wilden Ozeanen des ersten Zeitalters geboren worden war. Die Insel besaß keinen Namen, war auf keiner Karte zu finden, und der Junge kannte keine Städte, keine Schulen, keine Millionen Menschen auf einem Fleck. Er kannte nur die Insel, nur die Tiere, die dort lebten. Und seine Eltern." Lily biss sich auf die Lippe und schloss die Augen. „Seine Haare waren von der Sonne geküsst, so hell, dass sie aussahen wie glänzendes Silber, und er trug seinen Speer immer über dem Rücken, immer auf der Jagd nach wilden Tieren, wie sein Vater es ihm gezeigt hatte. Er konnte klettern und fischen, er konnte zaubern und ritt auf den Rücken der Blauaffen über die Gebirgsketten und schlief in Höhlen, vor denen ein Feuer prasselte, und auf hohen Bäumen, direkt unter den Sternen. Er sprach die Sprache des Baumvolks, half den schwachen Tiere, aber doch lag er des nachts manchmal wach und blickte hinauf zu den Sterne."

Ihre Mum machte eine Pause, und Lily stellte sich vor, dass sie in Höhlen schlief, oder auf Bäumen, und dass sie überwältigt sein würde, von dem klaren Sternenhimmel, mit tausend Konstellationen, die es gar nicht gab. Dass sie das Rauschen der Wellen hören würde, die tropische Luft atmete, und es war das beste Gefühl, was sie sich vorstellen konnte.

„Der Junge hatte Fernweh", fuhr Ginny fort, während sie Lilys Arm streichelte. „Er träumte von Welten, die er nicht kannte, von Menschen, die er noch nie gesehen hatte. Er träumte von etwas, was ihm die verzauberte Insel nicht geben konnte. So schön sie auch war. So perfekt sein Leben sein mochte. Der Junge fühlte sich allein. Seine Freunde waren Tiere, und manchmal sehnte er sich nach anderen Kindern. Denn er wusste, es musste sie geben. Es gab sie nur nicht hier. Nicht auf seiner Insel."

„Und dann was?", flüsterte Lily beinahe tonlos, aber ihre Mum drückte sie fest.

„Eines Tages beschloss er, die Insel zu verlassen. Unbemerkt von seinen Eltern, stahl er das Boot, packte Proviant, und bewaffnet, mit bloß einem verzauberten Schwert, machte er sich auf den Weg, stach in See, aber er war nicht allein. Im Wasser wartete ein Monster, mit acht Köpfen", fuhr sie fort, und jedes Mal hielt Lily den Atem an. Sie wusste, warum er das Schwert brauchte, sie wusste, woher es seine Eltern hatten – sie kannte jedes Abenteuer des Jungen auf der Insel, denn ihre Mum hatte ihr alles erzählt! Aber mittlerweile mochte sie die Geschichte am liebsten, wo der Junge die Insel tatsächlich verließ, um hier hin zu kommen. Nach England!

„Und dann?"

„Dann zerstörte das Monster das Boot des Jungen, mit nur einem Schlag seines Schwanzes, aber der Junge stach ihm das Schwert mitten in die Brust", fuhr Ginny gespannt fort. „Und er hatte nur wenig Zeit. Er schwamm dem Schimmern entgegen, dem Portal zu unserer Welt."

„Und hat er es erreicht?"

„Das werden wir sehen, nicht wahr?", flüsterte ihre Mutter strich ihr über die Haare und hauchte einen Kuss auf ihren Haaransatz.

„Wann kommt er?", fragte Lily bloß, wie sie es jedes Mal fragte.

„Es wird nicht mehr lange dauern, Schatz", versprach ihre Mum lächelnd. Seit einem Jahr versprach sie es.

„Und… wenn er nicht kommt?" Denn Lily wusste, ihr Vater war nicht ganz so voller Hoffnung, wie es ihre Mutter war. Ihr Vater hatte manchmal Zweifel an der Insel, und ob Tante Hermine sie tatsächlich erreicht hatte, aber… ihre Mum nicht. Und ihr Onkel Ron auch nicht. Ihr Onkel erzählte ihr manchmal besonders wilde Geschichten von dem Jungen auf der Insel, wie er ein Einhorn mit bloßer Geisteskraft von einer Insel in einem See an Land befördert hatte, und dieses Einhorn dann sein Reittier wurde, nachdem er es gezähmt hatte. Sein Onkel Ron hatte für den Jungen sogar noch eine Schwester erfunden. Sie hatte dunkle wilde Locken, war genauso schlau wie Lily es war, und sie liebte Quidditch.

„Wenn nicht…", begann ihre Mutter mit Wehmut in der Stimme, „dann ist es das beste Märchen dieser Welt", schloss sie mit einem Lächeln, und das konnte Lily nur bestätigen. Sie schmiegte sich an ihre Mum.

„Ich hoffe, er kommt", flüsterte sie und gähnte herzhaft. Ihre Augen schlossen sich und sie träumte im Arm ihrer Mutter von wilden Feuern, von tanzenden Schatten der Flammen, die spannende Geschichten erzählten, von bunten Vögeln, die ihre nächtlichen Klagelieder sangen, und von dem Jungen. Von dem silberhaarigen Jungen, den sie so gerne kennenlernen wollte.

Und würde er kommen, wusste Lily, würde sie ihn irgendwann heiraten. So ging jedes gute Märchen aus, das sie kannte.

Mit einem Lächeln war sie eingeschlafen, und ihre Mum legte sie vorsichtig zurück auf die Kissen.

„Du bist da." Er hatte die Tür einen Spalt geöffnet, und gerade erhob sich Ginny vom Bett ihrer Tochter. Liebevoll strich sie ihr über die Haare und löschte lautlos das Licht auf dem Nachttisch, nachdem sie das Buch abgelegt hatte.

„Hey", erwiderte sie, schenkte ihm ein Lächeln, und sie verließen Lilys Zimmer, ließen die Tür aber einen Spalt auf, denn absolute Dunkelheit konnte ihre Tochter noch immer nicht gut vertragen. „Wie war dein Tag?", fragte er sie, mit mildem Interesse, denn er wusste, Ginny verstand sich nicht sonderlich gut, mit den alten Professoren, die gänzlich andere Theorie-Ansätze vertraten.

„Fantastisch", entgegnete sie trocken, griff locker nach seiner Hand, und ihre Finger verschränkten sich ineinander, als sie die Treppe hinabgingen. Oben rumste es laut, und er seufzte auf.

„Wenn die beiden nicht gleich das Licht ausmachen und den Mund halten-"

„-es ist Freitag", beruhigte sie ihn grinsend.

„Für Alby und James ist immer Freitag", bemerkte er kopfschüttelnd. Die beiden konnten unerträglich sein. Vor allem in den Ferien, dachte er resignierend.

„Wie war es bei dir?", fragte sie ihn, lehnte sich an seine Seite, und gähnend gingen sie ins Wohnzimmer. Vielleicht bekamen sie jetzt etwas Ruhe. Alle Kinder waren auf ihren Zimmer, Ginny war endlich Zuhause, er war endlich Zuhause….

„Es wird dich freuen zu hören, dass der Antrag durch ist", sagte er dann. Es war eine zähe Verhandlung gewesen, und Harry konnte dieses Thema auch nicht mehr ertragen. Nicht eine Sekunde länger. Nicht eine Seite der verfluchten dreibändigen Akte länger.

„Er ist durch? Das heißt-?" Sie sah ihn aus großen Augen an.

„-das heiß, soweit es irgendeine Haftstrafe betrifft, ist Draco Malfoy freigesprochen", schloss er müde. Ginny lächelte jetzt.

„Wunderbar", sagte sie, ehrlich erleichtert.

„Sie werden nicht wiederkommen, weißt du? Es war vollkommen unnötig, dass ich ganze zehn Monate meiner Zeit, mit diesem Verfahren verbracht habe", erinnerte er sie bitter. „Falls sie überhaupt dort gelandet sind, wo sie hatten landen wollen", ergänzte er, und er wusste nicht mal, was ihn davon abhielt, daran zu glauben. Vielleicht die Angst, dass er ewig warten würde. Und dass sie niemals wiederkamen. Für Ginny und Ron mochte es mittlerweile ein schönes magisches Märchen sein, für ihn war es die nagende Ungewissheit.

Und Ginny war gänzlich unbeeindruckt.

„Wenn sie wiederkommen, ist Draco ein freier Mann. Und das war es wert, Harry." Er rümpfte die Nase. Er war Leiter der Aurorenabteilung geworden, um sinnlose Verfahren gegenüber ehemaligen Todessern durchzuboxen. Wenn sie tatsächlich wiederkamen, erwartete er Malfoys ewigen Dank, so viel stand fest. Und noch einiges mehr.

Und dann hoben beide den Blick.

Es war mehr als selten, dass der Kamin zu so später Stunde noch flackerte.

„Wollte sich noch ein Professor privat mit dir streiten?", erkundigte er sich spöttisch bei seiner Frau, als er die Verbindung freigab, und die Flammen sich grün färbten. Diese schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. Harry fürchtete schon, es wären schlechte Nachrichten vom Fuchsbau. Arthur bekam ab und an Schwächeanfälle. Vielleicht hatte Molly endlich kurzen Prozess gemacht und ihn ins Mungo zum Checkup verfrachtet. Aber es war Greyson, stellte Harry verblüfft fest, als er den Kopf in den Flammen erkannte.

„Entschuldige die späte Störung, Harry", begann sein Kollege ein wenig atemlos.

„Was ist los?" Greyson hatte heute wieder einmal Außendienst, und Harry fragte sich, wen er heute hatte einsammeln müssen, dass er ihm Bescheid geben musste. Schließlich war es Freitag, es war angenehm warm – ideales Wetter für Unruhestifter und Kleinkriminelle.

„Du wirst es nicht für möglich halten", begann Greyson, und seine Augen waren geweitet, seine Stimme gesenkt, als wäre er nicht allein, aber Harry spürte, wie sich die Haare in seinem Nacken aufstellten. Was würde er nicht für möglich halten?

„Am Pier ist ein Junge appariert, Harry. Aus dem Nichts! Die Externen haben ihn aufgegriffen, nass und leicht verletzt."

Ginny hatte neben ihm seine Hand ergriffen. Harry konnte nur in die Flammen starren. Das konnte nicht-!

„Wie heißt er?", fragte Ginny jetzt tonlos, und Harry konnte nicht mehr sprechen. Es konnte nicht sein. Nach all den Jahren. Es konnte nicht sein.

„Malfoy", sagte Greyson, und ein Lächeln stahl sich auf seine Züge. „Kilian Malfoy", schloss er mit gewisser Spannung in der Stimme, und Ginny fiel ihm lachend um den Hals, bevor sie sich vor den Kamin kniete.

„Wir kommen sofort!", sagte sie völlig begeistert, vollkommen euphorisch.

„Das dachte ich mir", bestätigte Greyson lächelnd. Sie wandte sich ihm zu.

„Sag den Jungen Bescheid. James soll aufpassen. Wir sollten zusammen los!", flüsterte Ginny mit leuchtenden Augen, und langsam kroch das Verständnis in die Windungen seines Gehirns.

Es hatte funktioniert. Es hatte all das funktioniert, was Hermine geplant hatte, ging ihm fassungslos auf.

Und langsam hoben sich seine Mundwinkel.

„Natürlich", entfuhr es ihm nickend. „Wir sind unterwegs", wandte er sich ebenfalls an Greyson, der lächelnd die Verbindung beendet hatte. „Wir holen ihn nach Hause", schloss er leise, und Tränen standen in Ginnys Augen.

Siebzehn Jahre waren vergangen. Harry kam es vor wie gestern, dass Hermine einfach vor ihren Augen verschwunden war. Einfach fort. Und nie mehr hatten sie von ihnen gehört, hatten nur hoffen können, dass alles gut gegangen war.

Und jetzt… wusste er es.

Hermines Sohn war zurückgekehrt, wie die Vision es vorhergesagt hatte.

Seine Tochter würde sterben vor Aufregung, nahm er lächelnd an. Harry konnte die eigene Aufregung selber kaum verbergen, aber er würde Lily nicht wecken. Morgen konnte sie ihn kennenlernen.

Den Jungen, der die Insel verlassen hatte. Den Jungen, auf den sie warteten, seitdem er geboren war.

Und er wusste, Hermine und Draco würden ihrem Sohn nach Hause folgen.

Ganz bestimmt. Er war sich sicher.

Ginny fiel ihm in die Arme, und nach siebzehn Jahren löste sich der Knoten, der um sein Herz gelegen hatte. Er hatte keinen Grund zur Sorge gehabt. Hermine hatte recht behalten, wie sie immer recht behielt.

Seine beste Freundin. Die Heldin seiner Geschichte.