Epilogue
Part 1 – Home
Er wusste nicht, wie lange es gedauert hatte, der Strudel, der Sog durch die Farben und Zeiten. Er wusste nur, er hatte Hermine an seiner Seite gespürt. Er wusste, dass, wenn sie nicht ihr Ziel erreichten, er zumindest an ihrer Seite durch die Unendlichkeit treiben würde. Und das war ihm gut genug. Es würde ausreichen.
Aber abrupt endete ihr sphärischer Fall, und plötzlich stürzte er in helles Licht. Grelle Sonne blendete ihn, seine Arme ruderten wild, und hart landete er auf dem Rücken. Alle Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, und er konnte eine Weile gar nichts tun, außer nach Luft zu schnappen. Es war, als wöge er eintausend Kilo. Wieder hatte er das Gefühl, die Gesetze der Schwerkraft wirkten gegeneinander, und hielten ihn einerseits fest am Boden und wollten ihn andererseits wieder in die Luft schleudern.
Wie damals.
Es war wie damals. Er blinzelte in das grelle Licht, bevor seine Haut die Sensationen der Hitze spüren konnte, die durch seinen Körper rauschten. Mit einem Mal erwachten seine Sinne. Er hörte die Vögel, die Wellen, den Wind. Er roch das Bouquet an überreifen Früchten, an salziger Luft, und er spürte den Sand unter seinen tauben Fingern. Die harten Körnchen gruben sich in seine Haut, und die Hitze konsumierte ihn, schickte ihn fast in eine Bewusstlosigkeit, aber dann sprang sein Gehirn vom Leerlauf in volle Funktionsfähigkeit.
Er bekämpfte die Kraft, die ihn am Boden hielt, und seine Muskeln protestierten, als er die Barriere überwand. Die Welt kippte in die richtigen Fugen, und er konnte sich aufsetzen. Blinzelnd sah er sich in der grellen Sonne um, und Erleichterung überkam ihn. Er konnte Arme und Beine bewegen. Und er erkannte den Strand.
Es war ihr Strand. So reich an Botanik und Schönheit, wie er ihn in Erinnerung gehabt hatte. Er war erstaunt, wie schnell das Gefühl von Heimat sich einstellte.
Und dann sprach er.
„Hermine?", rief er mit kehliger Stimme, zu leise, als dass sie ihn hätte hören können. Benommen rappelte er sich auf. „Hermine!", rief er lauter, dehnte seine Stimmbänder, und mit wackligen Schritten kam er voran. Seine Füße, die in den funktionalen Schuhen der Verwahrungshaft steckten, versanken im Sand. Ihm war unglaublich heiß.
Aber er wusste, wohin er ging. Zielstrebig führten ihn seine Schritte zum Rand des Strandes, und er glaubte, sogar die Stelle erkennen zu können. Der Sand wirkte unordentlich. Er fiel zitternd auf die Knie und begann zu graben. Mit bloßen Händen hob er kiloweise Sand aus der ehemaligen Grube. Schweiß trat auf seine Stirn.
Er glaubte fast, an der falschen Stelle zu graben, bis – seine Fingerspitzen auf etwas Hartes trafen!
Er lehnte sich tiefer, umfasste den breiten Koffer mit beiden Händen, und zog! Sand rieselte zu allen Seiten, und er hievte ihn neben sich. Er öffnete die magischen Schließen, und seine Mundwinkel hoben sich. Es war so, wie er es zurückgelassen hatte. Beide Zauberstäbe lagen obenauf, und er steckte beide ein. Den Koffer ließ er vorerst zurück.
Er erhob sich wieder, überblickte den Strand mit verengten Augen, aber… Hermine war nicht hier. In seinen Gedanken hatte er sich vorgestellt, dort zu laden, wo die Zauberstäbe waren denn… das war das wichtigste. Wo war sie gelandet? Was hatte sie sich vorgestellt?
Sorge löste seine immense Erleichterung sehr schnell ab. Wie gefährlich war ihr Sturz gewesen? Und er glaubte, Hermine hatte weitergedacht. Ein solcher Sturz wie seiner, war nicht ungefährlich. Er erschütterte den Körper, war vielleicht… gefährlich für eine schwangere Frau, und seine Füße setzte sich in Bewegungen, fanden sicheren Halt in der Umgebung, und seine Instinkte erwachten nach einer langen Zeit wieder.
Sein leicht gebogener Zauberstab summte zur Begrüßung in seiner Hand, und er führte den Aufspür-Zauber stumm aus. Die Spitze glühte heller, wenn er ihn nach Norden ausrichtete. Er hechtete voran, bis er praktisch rannte, denn noch immer war es ein Leuchten, kein Blinken. Er war noch nicht nahe genug.
Schweiß lief seinen Rücken hinab, aber er achtete es nicht, stürmte voran, schlug sich blind durch das Dickicht, und jedes Monster, was durch ihr Verschwinden vielleicht wieder zum Leben erweckt war, war ihm im Moment egal. Denn wozu sollte er auf dieser Insel überleben, wenn Hermine nicht hier war?
Und dann flackerte der Zauberstab.
Die Lagune! Er konnte das Wasser hören! Schneller trugen ihn seine schweren Füße, und er brach durch die Sträucher, und endlich-! Er war am Ziel!
Kurz stockte er, stolperte fast, als er innehielt, und der Zauberstab sank in seiner Hand. Wo war sie? Sein Blick wanderte über die unberührte Natur, über ihre Höhle, über den See. Sein Atem gefror.
Und dann griff der Impuls, und fast sprang er in den Sprint, lief um den See, bis er auf die Knie stürzte. Wasser netzte seine Beine, und er warf den Zauberstab neben sich, griff unter ihre Arme und zog sie an Land. Im flachen Wasser hatte sie gelegen, und sie musste diesen Ort in ihren Gedanke gehabt haben, denn ein Sturz ins Wasser würde ihren schwangeren Körper schützen. Vielleicht zumindest.
„Hermine", sagte er flehend, schüttelte sie an den Schultern, aber sie war nicht bei Bewusstsein. „Hermine!", wiederholte er, presste sein Ohr gegen ihren Brustkorb, und angestrengt lauschte er. Er hörte es! Ihr Herz schlug! Lange Schläge sandten direkte Erleichterung durch seinen Körper.
Er angelte sich den Zauberstab und sprach einen sehr leichten Weck-Zauber. Ihr Körper zuckte, bevor sie weit die bernsteinfarbenen Augen öffnete. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Hustend lehnte sie sich zur Seite, spuckte Wasser neben sich, und sofort griff er um ihre Oberarme. „Sieh mich an", befahl er rau, und ihr Blick hob sich wieder. „Bist du ok?", fragte er. „Hermine, sag irgendwas!", verlangte er ungeduldig. Aber sie sagte nichts, sah sich desorientiert um, und dann brach ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
Er war so unfassbar erleichtert. Und dann fiel sie in seine Arme, drückte ihn fest an sich, und er konnte diese Begrüßung nur erwidern.
„Ich liebe dich", flüsterte er in ihre nassen Haare, und sie hielt ihn fest.
„Ich liebe dich auch", erwiderte sie seine Worte, und seine Augen schlossen sich erleichtert. Alles war gut. Sie waren zurück. Er löste sich von ihr, und seine Hand legte sich über ihren Bauch.
„Ist alles gut mit ihm?" Er sah sie mit großen Augen an, aber sie lächelte weiterhin.
„Ich denke, er hat die Reise überlebt." Draco konnte kaum fassen, dass es geklappt hatte. Dass Hermine es tatsächlich fertiggebracht hatte.
„Danke", sagte er plötzlich voller Demut. „Du hast mich gerettet", ergänzte er. Aber sie schenkte ihm einen spöttischen Blick.
„Malfoy, bedank dich nicht bei mir. Es ist selbstverständlich, dass wir einander das Leben retten", sagte sie die Worte, die sie hier schon so oft geäußert hatten. Er musste grinsen. Dann wurde sie ernst, beinahe feierlich.
„Ich weiß, wie er heißen wird", eröffnete sie ihm aufgeregt, als hätte sie es ihm schon vor Wochen erzählen wollen. Er war noch vollkommen überfordert von der Reise, der Ankunft, dem Sprint hierher, aber er sah sie auffordernd an.
„Ach ja?", entgegnete er und fiel zurück auf das Steinbett. Die Nässe machte ihm nichts, sie kühlte seine erhitzten Glieder lediglich angenehm. Sie griff sich ihre Handtasche aus dem seichten Wasser. Er sah, sie hatte sie mit einem Wasserfest-Zauber geschützt. Sie war verdammt clever, seine Frau.
„Ja", bestätigte sie, öffnete die Tasche, und er konnte die unendlichen Tiefen nur erahnen, als sie fast mit halbem Oberkörper darin verschwand.
„Wir können das auch verschieben?", schlug er ihr vorsichtig vor, denn vielleicht gab es erst mal andere Dinge, um die sie sich kümmern sollten, aber sie schien ziemlich versessen darauf, ihm etwas zu zeigen.
„Au!", rief sie dann, bevor sie sich wieder aufrichtete.
„Was ist los?" Alarmiert wollte er aufspringen.
„Das dämliche Schwert ist überall im Weg", sagte sie kopfschüttelnd, und nahm saugend die Spitze ihres Zeigefingers in den Mund. Aber sie schien gefunden zu haben, wonach sie suchte.
„Das Schwert?", entfuhr es ihm ungläubig.
„Sicher. Es musste wieder mit. Kilian wird es brauchen", bestätigte sie, undeutlich, mit dem verletzten Finger im Mund.
„Kilian?", wiederholte er entgeistert. Mit einem wissenden Lächeln reichte sie ihm das trocken gebliebene Buch.
„Der Zauberdschungel", las er tonlos. „Von Kilian Clay McGroff. Dein Ernst?", erkundigte er sich mit einem schwachen Lächeln bei ihr, aber sie nickte heftig.
„Einen besseren Namen gibt es wohl nicht, oder?" Er sah sie an, und tatsächlich fand er den Namen nicht direkt abschreckend.
„Kilian Malfoy", sagte er dann, und sofort zog sich ihre Stirn in Falten.
„Malfoy?", wiederholte sie spöttisch. „Wieso sollte er nicht Granger heißen?"
„Du bist meine Frau, du heißt Malfoy", entschied er achselzuckend. Und tatsächlich glaubte er, dass bereits jetzt ein Streit losbrechen würde, aber sie zuckte bloß die Achseln.
„Ok", antwortete sie dann mit einem wunderschönen Lächeln. „Gut, dass wir das geklärt haben, Mr. Malfoy." Er lehnte sich näher, denn er musste sie küssen. Er musste einfach. Und sie kam ihm entgegen, lehnte sich in den Kuss, und ihre Lippen waren weich und wundervoll. Und dann begriff sein Verstand, was sie gesagt hatte. Er löste sich von ihren herrlichen Lippen, und ihr Blick war wunderbar verschleiert.
„Was meinst du damit, er braucht das Schwert?", entfuhr es ihm. Aber bevor sie antworten konnte, fiel es ihm wieder ein. „Du denkst… er verlässt die Insel?", flüsterte er fast.
„In sechzehn, siebzehn, achtzehn Jahren. Plus, Minus ein Bisschen", bestätigte sie nickend. Sein Kiefer lockerte sich.
„Aber…"
„Keine Sorge, Draco", sagte sie zuversichtlich. „Vertrau mir", ergänzte sie sanft.
Und natürlich vertraute er ihr. Er wusste nur nicht, ob er sich damit abfinden konnte.
*four month later*
„Scheiße", entkam es ihm zornig, und beinahe trat er nach dem dämlichen Huhn, was gackernd um seine Füße lief, genauso panisch, wie er es war. „Scheiße!", wiederholte er lediglich, hielt den Zauberstab ausgestreckt von sich, aber er konnte es nicht orten. Dieses kreuzdämliche Messer!
„Ich will ja nicht drängeln oder so, aber-", begann sie gepresst, und er hörte ihre Wut deutlich. Überdeutlich.
„Ich kann es nicht finden!", rief er aufgelöst, mit knirschenden Zähnen.
„Was?", entgegnete sie laut und unterdrückte die nächste Wehe nur mühsam. Draco spürte den Schweiß auf seiner Stirn.
„Das dämliche scheiß Messer, Hermine!", rief er lauter.
„Nimm deinen Zauberstab!", befahl sie gepresst aus dem Innern der Höhle, und Draco schüttelte stumm den Kopf, obwohl sie es nicht sehen konnte. Er brauchte das Messer. Mit dem Messer hatte er geübt. Der Zauberstab war zu mächtig. Ein zu tiefer Schnitt und er hätte ihre Wirbelsäule durchtrennt.
„Ich mache es mit dem Messer oder ich mache es gar nicht!", knurrte er, und wusste, wie dumm seine Worte waren.
„Oh, du machst es gar nicht, ja?", rief sie zornig. „Perfekt. Dann ziehe ich mich am besten wieder an, und wir verschieben den Spaß, ok?" Und jetzt schrie sie tatsächlich auf. Diese Wehe war schlimmer als die vorherigen. „Beweg deinen Hintern hier rein, Draco!", donnerte ihre Stimme, und verzweifelte suchte sein Blick den Boden ab.
„Ha!", rief er heiser aus. Er hatte es! Versteckt unter den alten Säcken hatte es gelegen. Das miese kleine Messer! Hastig griff er es vom Boden und hastete zurück in die Höhle. Sie lag auf dem Bett, halb saß sie bereits, so anstrengend war es. Schweiß stand sanft auf ihrer Stirn, glitzerte im Dämmerlicht der Höhle, und mit einem Mal befiel ihn die starre Panik. War es sauber genug? Nein, war es nicht. Es war eine Höhle, nicht das Mungo.
„Draco", bat sie ihn keuchend. „Es wird Zeit."
Vollkommen überfordert stand er vor ihr, das Messer in der Hand, und er fühlte sich nicht wohl. Das Üben an den dreihundert Kürbissen hatte ihn nicht wirklich vorbereitet. Die Bücher hatten ihn nicht wirklich vorbereitet, und all die Monate, die er Zeit gehabt hatte, den Magischen Schnitt zu üben, waren verdammt noch mal nicht genug gewesen! Er kam sich vor wie ein dummer Junge, mit einem scheiß Messer in der Hand. Er würde sie verletzen! Merlin, er würde seine Frau aufschneiden und wusste nicht einmal mit Sicherheit, wie er sie wieder zu hexen sollte!
„Ich kann nicht", flüsterte er tonlos, aber sie verdrehte die Augen.
„Wir haben geübt. Hundertmal." Dreihundertmal, dachte er in Gedanken. Aber trotzdem.
„Hermine-"
„-Malfoy, es ist keine Frage der Höflichkeit, ok? Mach es einfach! Jetzt! Ansonsten…" Ihr Atem ging schwer, und er wusste, es gab keine Alternative. Scheiße.
Er kam näher, desinfizierte das Messer mit dem Zauberstab. Und dann griff die Routine. Die ganze Übung musste sich jetzt auszahlen. Ohne ein weiteres Wort, nur mit einem letzten tiefen Blick in ihre schmerzerfüllten Augen, hob er den Zauberstab, betäubte ihren Unterbauch, setzte das scharfe, glänzende Messer an – und stach in die Bauchdecke. Er hielt die Luft an. Immerhin hatte die Betäubung gewirkt, denn sie schien nichts zu spüren. Ein feines Rinnsal Blut rann über ihre Haut, und er wurde nervös.
Zügig stillte er die Blutung mit dem Zauberstab, und dann schnitt er weiter, öffnete ihre Bauchdecke, und fast wurde ihm schwindelig, als er erkannte, dass sich ihr Bauch öffnete, dass sich die erste kleine Hand nach oben schob.
Merlin.
Ihr Körper fiel zurück, ihr Atem ging schwer, und er hatte keine Zeit mehr, vollkommen entgeistert zu sein. Mit sterilisierten Händen griff er in ihren Unterbauch. Er hatte keine Ahnung von der Gebärmutter, hatte keine Vorstellung von all den Dingen, die in ihrem Körper vor sich gingen – er wusste nur, dass er diesen winzigen Menschen retten musste. Er spürte die Nässe nicht, spürte die Reste des Fruchtwassers nicht, ignorierte das Blut. Er hob seinen Sohn empor, durchtrennte die Nabelschnur, und hatte kaum Zeit, überwältigt zu sein. Er legte ihn auf die sauberen Tücher, wo das kleine Geschöpf hustete und andere Geräusche machte, aber er musste die nächsten Schritte ausführen.
Das Buch zeigte die Reihenfolge deutlich auf. Aufschneiden, säubern, vernähen. Ganz einfach. Stumm übte er die Säuberung aus, bevor er den Zauberstab auf die unverletzte Haut legte.
„Consuere!", sagte er fest, und gebannt verfolgten seine Augen den magischen Funken, der die offene Haut wieder verschloss. Sie hatte die Augen geschlossen, aber sie war wach, denn ihr Mund verzog sich ab und zu. Er wartete nur wenige Sekunden, aber es kam ihm vor wie hundert Jahre, ehe der Funke verglühte, und ihre Bauchdecke wieder verschlossen war.
Er hatte gar nicht gemerkt, dass er nassgeschwitzt war.
„Hermine", flüsterte er, denn er war wie versteinert. Hatte es geklappt, oder hatte er sie umgebracht. Erschöpft atmete sie aus. Ihre Augen flatterten auf.
„Wo… wo ist er?", wollte sie müde wissen, blass und schwach. Er wandte sich um. Richtig. Er musste sich kümmern. Musste sich kümmern. Um sie. Um ihn. Das war es, was er tat. Auch ihn säuberte er, so wie es das Buch vorschrieb, und plötzlich war es ein sauberes, kleines Baby, was auf den Tüchern lag, kaum die Augen öffnen konnte, und behutsam hob er ihn, in eines der Tücher gewickelt, hoch. Er trug ihn, als könne er zerbrechen, und so fühlte er sich auch an. Als wöge er nichts. Als könne ein Windhauch ihn forttragen.
Und er legte ihn in ihre wartenden Arme, und noch immer tat sein Herz schwere Schläge. Noch immer fürchtete er, einen Fehler gemacht zu haben.
Ihr Blick fiel liebevoll auf das Baby, und sie hielt ihn, als hätte sie nie etwas anderes getan. Und als sie aufblickte, erschien das Lächeln, was er so liebte, auf ihren Zügen.
Und er atmete aus. Merlin sei Dank.
„Danke", flüsterte sie mit glasigem Blick.
„Nicht der Rede wert", behauptete er spöttisch, aber er war nahe dran, ohnmächtig zu werden.
„Komm. Sieh dir deinen Sohn an, Draco", entgegnete sie lächelnd, und vorsichtig lehnte sich Draco näher zu ihr. Für dieses kleine Stück Mensch all der Aufwand, dachte er erschöpft. Denn Hermine hatte ihm erklärt, was sie in der Vision gesehen hatte. Das dämliche Buch über den Magischen Schnitt. Und sie hatte gewusst, es würde Probleme mit seiner Geburt geben. Sie hatte gewusst, sie würde ihn auf der Insel bekommen, aber sehr wahrscheinlich nur durch Magischen Schnitt.
Und deshalb sind sie nach England zurück. So sagte Hermine es immer. Damit Draco lernen konnte, wie er seine Frau am besten aufschnitt. Es war so albern, so unsinnig. Aber er wollte sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn sie es darauf hätten ankommen lassen.
Wahrscheinlich wäre er nicht geboren worden. Wahrscheinlich hätte Hermine nicht überlebt.
Er setzte sich an ihre Seite. Es waren schreckliche Monate der Angst gewesen. Er war fast dankbar gewesen, die Hühner zu züchten, das Gemüse anzusetzen, die Hütte zu bauen. Es hatte ihn abgelenkt, bis zu diesem Tag. Bis es Zeit geworden war. Bis es unerträglich für Hermine geworden war.
Und sie hatte keine Zweifel gehabt, hatte ihm vollkommen vertraut. Und wahrscheinlich wäre es sonst auch unmöglich für ihn gewesen. Dass sie ihm ihr Leben anvertraute, musste etwas bedeuten. Es musste bedeuten, dass er zu mehr fähig war, als er sich selber zugestand.
„Willst du ihn halten?", fragte sie ihn voller Liebe, aber er ruckte nur mit dem Kopf, beinahe ängstlich, vollkommen ehrfürchtig. Er würde ihn nur kaputt machen. Und er wollte ihn wirklich nicht kaputt machen. Ihren Sohn. Hermines Sohn. Aber sie ließ nicht nach, hob ihn höher, und er musste schwer schlucken, als er ihn an sich nahm, ihre Bewegung nachahmte, ihn ebenfalls in seinem Arm hielt.
Er war so leicht. Unbegreiflich. Er sah hinab in sein Gesicht, und seine Stirn runzelte sich unbewusst. Winzige graue Augen blickten ihm entgegen. Winzige Finger griffen in die Luft, ertasteten die gänzlich neue Umgebung, und sie hatte ihn beobachtet.
„Verrückt, nicht?", murmelte sie zufrieden. „Er sieht aus wie du", schloss sie liebevoll. Und sein Blick hob sich zu ihrem Gesicht. Er hätte genau das Gegenteil behauptet. Er war wunderschön. Er sah aus wie Hermine. Aber er schwieg und betrachtete das kleine Wunder in seinen Armen.
„Danke", sagte er nach einer ganzen Weile in ihre Richtung, und sah sie aus den Augenwinkeln lächeln. Er konnte seinen Sohn nicht mehr aus den Händen geben. Das kleine Wesen war noch keine Stunde alt und hatte ihm sein Herz gestohlen.
Absolut verrückt.
