Part 2 – Years
„Du bist so langweilig, Kil", entkam es ihr kopfschüttelnd, während er einen halben Herzinfarkt bekam. Natürlich raschelte es nun im Gebüsch vor ihm, und gänzlich verschreckt sprang das Reh gehetzt davon. Er lag hier seit einer Stunde, war im Begriff gewesen, seine erste eigene Beute nach Hause zu bringen, und diese dumme Ziege schaffte es, sein Versteck ausfindig zu machen – und nicht nur das!
Sie schaffte es auch noch lautlos, ohne dass er es überhaupt registrierte! Sein Blick wandte sich zornig vom Boden nach oben, auf dem er flach gelegen hatte, bis seine Beine eingeschlafen waren.
„Ich jage, du dumme Kuh", informierte er sie gereizt, stieß sich mit den Händen vom Boden ab und kam fluchend auf die Beine.
„Tust du nicht", korrigierte sie ihn auch noch. „Du liegst seit Stunden an derselben Stelle. Ich dachte schon, du bittest das Reh gleich um seine Hand, nachdem du fertig mit Spannen bist." Sie grinste dreist. Er hasste sie. Er hasste seine Schwester seit dem Tag, an dem sie ihn hier gestört hatte. Und das war acht Jahre her!
„Wieso gehst du nicht nach Hause und flechtest deinem verzogenen Mordeo Zöpfe in den Schwanz, Aurora?", fuhr er sie an und klopfte sich den Dreck vom Shirt. Sie verdrehte die Augen über ihn.
„Mum sagt, ich soll dir helfen", behauptete sie frech, und er verzog den Mund.
„Mir helfen?", wiederholte er bloß. Wie sollte seine kleine Schwester ihm bitteschön helfen? Sie war eine Nervensäge und eine unerträgliche Besserwisserin.
Es raschelte im Gebüsch, und Aurora spitzt die Ohren, legte den Finger über die Lippen, und Kilian hätte am liebsten die Augen verdreht. Ihre Hand legte sich ruhig über ihr Messer, was sie auf der rechten Seite trug, denn sie war Linkshänderin. Er verließ sich auf sein Gehör, nicht auf seine Augen. Das Geräusch kam von rechts. Fast lautlos bewegte sich etwas durch das Dickicht. Es kam näher. In einer schnellen Bewegung zog er den Speer über seine Brust, den er an einem Lederriemen trug, aber leider zu spät.
Mit Wucht wurde er von den Füßen gerissen, und seinen Vater hasste er übrigens auch.
„Zu langsam", raunte ihm sein Vater ins Ohr. „Wie ich sehe, immer noch erfolglos", ergänzte er lachend, und Kilian strampelte wütend unter ihm.
„Geh runter, Dad!", rief er zornig. Sein Vater erhob sich behände, und Kilian verzog den Mund. „Wenn Aurora nicht wäre, dann-"
„-dann hätte er schon zwanzig Rehe geschlachtet, Dad", unterbrach seine Schwester ihn grinsend, und wieder einmal bevorzugte sein Vater Aurora, hob sie mühelos auf seine Arme, und sein Blick war väterlich nachsichtig mit ihm.
„Keine Sorge. Du fängst schon deine erste Beute. Wenn es richtig ist, dann merkst du es." Solche hilfreichen Ratschläge konnten immer nur von seinem Vater kommen. „Hast du Hunger, Prinzessin?", erkundigte er sich bei Aurora, und sie nickte grinsend.
„Bärenhunger!", behauptete sie. Fast wünschte sich Kilian, dass es hier tatsächlich Bären gab. Aber wahrscheinlich würden die ihn in tausend Stücke reißen, wenn er nur versuchen würde, sich anzupirschen.
Mehr oder weniger widerwillig folgte er seinem Vater und Aurora nach Hause. Unterwegs trat er nach kleinen Steinen und Zweigen und begriff nicht, warum es ihn so viel Zeit kostete. Er hatte seinem Vater zugesehen. Er wusste, wie es funktionierte. Er wollte kein kleiner Junge mehr sein. Er war zehn Jahre alt! Er war alt genug! Wie zum Hohn raschelten die kleinen Beutetiere im Gebüsch, und er verzog den Mund.
Er kannte alle Schleichwege in und auswendig. Lästig war nur, dass Aurora schnell dazulernte, und ihm immer öfter auf die Nerven ging. Seine Laune hob sich etwas. Es lag einfach Aurora, dass er nichts fing! Natürlich! Sie verscheuchte ihm schließlich das ganze Wild!
Sie erreichten die Lagune, und für heute würde er sich damit begnügen müssen, einen blöden Fisch zu fangen. Immerhin war das etwas, was Aurora auch nicht konnte.
„Na?", rief seine Mutter vom schiefen Geländer der Hütte aus, und er biss die Zähne zusammen. „War mein Jäger erfolgreich?"
„Fast", antwortete ihr Vater, statt ihm, und Kilian überholte seinen Vater, um Trost bei seiner Mum zu suchen. Sie trug das Baby geschickt vor ihre Brust gewickelt und nahm ihn in den Arm.
„Mein Großer, keine Sorge", murmelte sie, während sie ihm über die Haare strich, und er atmete ihren Duft ein. Kurz schloss er die Augen. Er konnte nicht anders. Er war immer froh, nach Hause zu kommen. Abwesend hob sich seine Hand und legte sich auf den warmen, kleinen Kopf seines Bruders.
„Hey Scor", begrüßte er ihn leise. Er konnte nicht erwarten, dass er groß war. Dann würden sie Aurora in den Boden stampfen. Dann wären sie in der Überzahl!
Schon wurde er zur Seite gedrängelt, als Aurora sich gegen die Hüfte ihrer Mutter kuschelte.
„Mum, dürfen Rumtreiber und ich heute in der Höhle schlafe?", fragte sie sofort, und wenn es nach ihm ging, dann konnte Aurora dort einziehen, wenn sie wollte. Zwar hatte er das Vorrecht, wie seine Mutter es ihm erklärt hatte, aber er hatte sich nie mit dem Gedanken anfreunden können, sein Zimmer in der Höhle zu haben. Er schlief lieber in der Hütte. In seinem Hochbett.
„Wenn Kilian es erlaubt, Schatz", sagte ihre Mutter nur, und er schenkte seiner Schwester ein überlegenes Lächeln. Auroras Lächeln verschwand so schnell wie es gekommen war. Sie fixierte ihn böse.
„Mal sehen", begann er nachdenklich, und sie verdrehte die bernsteinfarbenen Augen.
„Oh komm schon!", rief sie böse. „Du hast doch ohnehin Angst in der Höhle!", ärgerte sie ihn, und er hob die Augenbrauen.
„Also so schon gar nicht", entgegnete er achselzuckend.
„Kilian!", beschwerte sie sich jammernd, und seine Mum sah ihn demonstrativ an.
„Fang mir einen Fisch, und du darfst in die Höhle", beschloss er neutral, und Aurora verzog den Mund.
„Ernsthaft?", wollte sie wütend wissen, und er nickte. „Fein!", rief seine kleine Schwester zornig und machte direkt Kehrt.
„Sei vorsichtig", prophezeite sein Vater grinsend, „nachher ist sie schneller mit ihrer ersten Beute als du", schloss er still.
„Fische sind keine Beute", beschwerte sich Kilian.
„Zuerst kommt der Fisch, dann das Wild", sagte sein Vater warnend, und Kilian verdrehte die Augen. Klar. Als ob die kleine Aurora morgen in den Wald stapfen würde, um –
„-hier!", sagte seine Schwester, und erschrocken drehte er sich um. Sie war klatschnass, aber in ihrer kleinen Hand hielt sie einen toten, glitschigen Fisch. Sein Kiefer lockerte sich etwas. Sie war verdammt schnell. Sein Vater kam aus dem Lachen nicht mehr heraus, aber immerhin war Mum sauer. Denn jetzt musste Aurora sich erst mal umziehen gehen.
Er hasste seine Schwester.
*four month later*
Er hatte sich seinen elften Geburtstag anders vorgestellt. Zumindest hatte er gehofft, wenigstens einmal Beute mit nach Hause gebracht zu haben – was er nicht hatte. Sein Kopf lag weit in seinem Nacken. Er hatte wohl mitbekommen, dass sein Vater die letzten Wochen tagsüber verschwunden war. Nur hatte er sich nicht vorstellen können, dass er tatsächlich etwas für ihn gebaut hatte.
Neben ihm wackelte sein kleiner Bruder auf unsicheren Beinen dem Baum entgegen, und es würde gerade noch fehlen, dass Scorpius eher auf den Baum klettern konnte, als er! Zornig machte er einige Schritte vor, griff sich seinen kleinen, dicken Bruder und drückte ihn Mum zurück in den Arm.
Auch Aurora fing bereits an, den dicken Stamm empor zu klettern, aber immerhin kam sie auch nicht besonders weit.
Sein Vater hatte weit oben in der Spitze ein Aussichtsplateau gebaut. Mit einem halben Dach. Aurora faselte seit Minuten davon, dass sie dort oben würde herrlich schlafen können, dass dies ihr zweiter Wohnsitz sein würde, weg von ihm und ihrer Familie.
Er atmete schwer aus. Dort oben lag sein Zauberstab, hatte Dad gesagt. Er wartete auf ihn. Sein eigener Zauberstab. Das bedeutete, er musste es schaffen. Irgendwie. Vielleicht konnte er Aurora irgendwie bestechen, dass sie den Weg überwand und ihm den Zauberstab brachte. Aber er wusste nicht, mit was.
„Willst du anfangen?", fragte ihn sein Vater, aber seine Mum widersprach.
„Lass ihn, Draco. Vielleicht möchte er erst seinen Kuchen essen?", schlug sie vor, und ja, Kuchen klang wesentlich verlockender, als auf einen Riesenbaum zu steigen. Unmöglich, dass er das schaffen würde. Kleine Bäume, mit dünnen Stämmen – ja, das war kein Problem. Aber das hier? Wieso musste sein Vater aus allem eine Mutprobe machen? Wieso gab es nie irgendetwas geschenkt? Es war sein Geburtstag, oder nicht? Wieso musste er Todesgefahren überwinden?
Merlin!
„Mit Kuchen lässt es sich schwer klettern", war alles, was sein Vater sagte. „Traust du es dir zu?", fragte er nun ihn direkt, und Kilian konnte wohl schlecht die Wahrheit sagen, oder?
„Klar", erwiderte er, aber seine Stimme klang alles Mögliche, nur nicht zuversichtlich und selbstbewusst.
„Gut. Dann gehen wir vor, und du versuchst dein Glück!", schlug sein Vater lächelnd vor, und nach und nach verschwand seine Familie vom Strand. Es war drückend heiß. Es war immer drückend heiß am Strand, aber heute war es unerträglich. Es war so ungerecht, dass er immer gefordert wurde. Es kam ihm manchmal so vor, wie ein lächerliches Training, was er absolvieren musste.
Es war anstrengend. Und er glaubte, Aurora wurde nie so gepuscht wie er.
Er war elf Jahre alt, fast erwachsen. Und er sah keine Möglichkeit, diesen Baum zu besteigen. Mit seinem Besen, ja. Aber Dad hatte ihm schon gesagt, dass er keine Hilfsmittel benutzen durfte. Keine magischen zumindest. Und das einzige, worauf seine Finger tatsächlich seit Jahren brannten, war, ein eigener Zauberstab. Er hatte mit Dads Zauberstab schon ein paar Mal Funken zaubern dürfen. Und es war ein großartiges Gefühl gewesen.
Und er wusste, dafür, dass dort oben sein eigener Zauberstab lag, hatte sein Dad hoch in die Berge gemusst, tief in die Wälder, zu dem gefährlichen See, wo die Wasserwandler hausten, die einem bei lebendigem Leib verspeisten, wenn man den Fehler machte, und das Wasser trank – und er hatte auf die Insel gelangen müssen, ohne Zauberstab, denn sonst zeigten sich weder Baum noch das legendäre Einhorn! Und dann hatte er zügig einen Zauberstab bauen müssen – und all diese Gefahren hatte er nur für ihn auf sich genommen!
Kilian befand sich in einer aussichtslosen Lage. Er musste auf den Baum. Sei es nur als Dankeschön an seinen Vater, dass er solche Längen ging. Für ihn. Kilian wusste, er war eine Enttäuschung. Und es zeichnete sich langsam aber sicher ab, dass Aurora diejenige sein würde, die besser Fallen legen, Spuren lesen und Beute fangen konnte. Und wenn er sich nicht beeilte, wäre seine verdammte Schwester die erste, die diesen Baum bestieg.
Seine Mum hatte ihm gesagt, dass man durch harte Arbeit die Dinge besser zu schätzen wusste, als wenn sie einem in den Schoß gelegt wurden. Ihm wurde noch nie etwas in den Schoß gelegt. Er hatte sein eigenes Bett bauen müssen! Er seufzte erneut, machte einen wütenden Schritt auf den mächtigen Stamm zu, und sprang aus dem Stand an die glatte Rinde. Seine Finger gruben sich schmerzhaft in das Holz, fanden keinen Halt, und nach wenigen Sekunden, rutschte er ab und fiel auf den heißen Sand zurück.
Der Stamm war zu dick.
Er war bereit, aufzugeben, aber er wusste, das war keine Option.
Happy Birthday, dachte er bitter, während er sich das Shirt über den Kopf zog. Es würde auf Dauer zu heiß werden, wusste er. Seine Augen suchten den nahen Dschungel ab. Vielleicht könnte er Keile in die Rinde schlagen, um höher zu gelangen. Er musste bestimmt fünfzehn Meter überwinden. Höchstwahrscheinlich würde er auf halbem Weg sowieso in den Tod stürzen. Aber seine Eltern schienen mehr Vertrauen in ihn zu haben, als er selbst.
Er musste das schaffen! Er musste!
„Wir sollten ihn holen", sagte sie, als sie Scorpius in die hölzerne Wiege legte. Er schlief seit Stunden. Er hatte einen sehr gesunden Schlaf, ihr jüngster Sohn. Die Sonne war am Horizont versunken, und die Abenddämmerung tauchte die Lagune in purpurnes Licht.
„Er wird schon kommen, wenn er keine Lust mehr hat", behauptete Draco achselzuckend. Sie warf ihm einen entsprechenden Blick zu.
„Das war kein schöner Geburtstag für ihn", sagte sie leise, auch wenn Aurora und ihr Mordeo längst in der Höhle schliefen. Sie glaubte, Aurora schlief bereits seit zwei Wochen ausschließlich in der Höhle. Sie war anders als Kilian. Merlin, sie hatte ein Mordeo als Haustier. Sie erinnerte sie stark an Draco, denn auch sie hatte das Mordeo in einem Nest gefunden, als er keine drei Wochen alt war. Die Mutter schien verschwunden zu sein, und sie hatte es einfach mit nach Hause gebracht. Aurora und Draco hatten sich heiser geschrien, und dann hatte Aurora angefangen zu weinen. Das war das Ende der Geschichte – sie durfte das Tier behalten. Hermine nahm an, zu einem gewissen Grad konnte man einen Mordeo zähmen, sie wusste nur nicht, wie lange er seine Instinkte würde unterdrücken können. Es war wie mit Skills.
„Natürlich war es ein schöner Geburtstag. Die Herausforderung tut ihm gut", widersprach Draco gähnend, streckte sich auf dem Stuhl und sah versonnen auf den See hinaus.
„Er tut das nur für den Zauberstab", erinnerte sie ihn still.
„Immerhin. Von irgendwoher muss die Motivation kommen", sagte Draco nur.
„Draco", sagte sie sanft, aber er warf ihr einen sorgenvollen Blick zu.
„Unser Sohn wird diese Insel verlassen, Hermine. In vielleicht sechs Jahren. Er hat noch nicht mal ein Reh erlegt, er kann keine Bäume besteigen, aber er soll ein Seemonster mit einem Schwert in die Flucht schlagen? Wenn das die Zukunft für ihn ist, dann muss er langsam anfangen, ein Kämpfer zu werden, denn ich kann dir versichern, allein durchs Bücherlesen, wird er sich nicht auf eine solche Reise vorbereiten können!" Er war übergangslos ernst geworden. Es belastete ihn, das wusste sie. Irgendwann hatte sich Draco mit dieser Zukunft abgefunden, sei es auch nur, weil er insgeheim vielleicht ein wenig enttäuscht von seinem ältesten Sohn war, denn Kilian zeigte keinerlei Interesse an Überlebenskämpfen auf dieser Insel.
„Vielleicht sollten wir es ihm sagen?", schlug sie erschöpft vor.
„Es ihm sagen?", wiederholte Draco kopfschüttelnd. „Auf keinen Fall! Dann zieht er sich tagelang in den Dschungel zurück und sucht nur noch nach Auswegen, anstatt sich abzufinden. Kilian ist faul", schloss er bitter.
„Unsinn!", fuhr sie ihn an. „Ihm liegt das Jagen einfach nicht", widersprach sie.
„Ja, und das ist ziemlich bitter, oder?", entgegnete er. „Hör zu, ich will auch nicht, dass ihm etwas passiert! Merlin, ich will nicht mal, dass er mit dem Speer loszieht und weiß Merlin was für Biester jagt – aber das ist das, was er tun muss, oder nicht? Er muss vorbereitet sein! Und es hilft nichts, es hinauszuschieben! Es sind bereits elf Jahre vorbei, und unser Sohn ist nicht gerade das Musterbeispiel eines Inseljägers!", sagte er schroff, und sie schloss für einen Moment die Augen.
Wenn sie auch nur daran dachte, dass ihr Sohn in den Ozean hinaussegelte, überkam sie ein elendes Gefühl. Aber sie wusste, die Visionen ließen sich nicht ändern. Es würde passieren. Aber vielleicht entkam er letztendlich nicht. Vielleicht würde er auf hoher See auch umkommen. Sie wusste nur nicht, ob sie sich selbst sabotierten, würden sie es Kilian zu leicht machen. Vielleicht war es nötig, ihn zu treiben, ihn zu zwingen, alleine zu überleben. Wahrscheinlich.
Aber sie wusste sehr genau, dass Kilian so stur wie sein Vater war. Sie sagte es nur nicht laut. Und es fehlte der rechte Anreiz. Sie kannte ihren Sohn. Er bewegte sich nur, für den richtigen Anreiz. Er tat nichts für den reinen Selbstzweck. Dass er überhaupt seit Stunden am Strand blieb, war garantiert nicht der Herausforderung geschuldet, wie Draco glaubte. Es war allein die Tatsache, dass ihr Sohn Magie dem nackten Überleben immer vorzog.
Sie und Draco waren aus England geflohen, weg von den Menschen, von der Zivilisation. Aber Kilian wurde immer sehr still und hörte sehr genau zu, wenn sie von England erzählte, von den Menschen, vom Leben dort. Sie wusste, es faszinierte ihn. Und noch schien er für sich selber nicht herausgefunden zu haben, dass er dorthin wollte, aber es würde passieren. Sie konnte es hinter seinen grauen Augen nur zu häufig erkennen. Er betrachtete diese Insel nicht mit der Liebe, wie sie und Draco und Aurora es taten.
Für ihn schien es mehr eine Last zu sein. Ein anstrengendes Unterfangen. Aber sie glaubte, Draco hatte Recht. Es ihm zu sagen, ihm von der Vision zu erzählen, würde mehr Schaden anrichten, als es Gutes tun würde. Es war nicht der richtige Anreiz.
Sie fragte sich bloß – was war der richtige Anreiz? Was konnte ihren Sohn plötzlich dazu bewegen, an sich zu arbeiten, an seinen Fähigkeiten? Was konnte ihn über Nacht zu dem entschlossenen und furchtlosen Mann machen, den sie damals in der Vision gesehen hatte? Der, ohne mit der Wimper zu zucken, in das Boot gestiegen war – was sie noch bauen mussten, wohlgemerkt. Aber Draco hatte ihr schon eröffnet, dass Kilian es selber bauen konnte. Er hatte schließlich auch sein eigenes Bett gebaut. Mit Tränen und Schweiß, erinnerte sich Hermine schaudernd.
Und Kilian würde in den Wald müssen, denn dort hatte Draco das Schwert für ihn deponiert. Zwar war Hagrids Hütte verschwunden, aber Draco hatte ihr gesagt, Kilian müsse diese Dinge für sich erarbeiten. Sie müssten es ihm schwer machen, damit sein Wertgefühl stieg. Sie wusste nicht, ob es richtig war. Aber sie erinnerte sich, dass auch Draco ein verzogener Junge war, als sie hier zuerst gelandet waren – und über Nacht war es anders geworden.
Sie wollte ihn gerne fragen, woran es bei ihm gelegen hatte, aber sie würde es wann anders tun. Sie wollte heute nicht mehr darüber nachdenken. Ihr Blick fiel auf den halben Geburtstagskuchen, von dem Kilian noch nicht probiert hatte. Sie hatte nicht viel Mehl mitgenommen, hatte nur genug Zutaten für etwa zehn Kuchen auf dieser Insel. Und nur alle paar Jahre machte sie einen Kuchen. Und es tat ihr leid, denn sie wusste, Kilian liebte Kuchen. Er liebte alles, was ungewöhnlich war und nichts auf dieser Insel zu suchen hatte.
Und vielleicht irrte sich Draco auch. Vielleicht würde es ihn beflügeln, zu wissen, dass er die Insel verlassen würde.
Aber… wahrscheinlich eher nicht.
Als das letzte Licht des Tages verschwand, tauchte Kilian aus dem Dickicht auf. Draco lehnte sich im Stuhl vor, fixierte seinen Sohn, und enttäuscht atmete er aus. Auch Hermine erkannte die humpelnde, zermürbte Gestalt ihres Sohnes. Als er näher kam konnte sie die vielen Kratzer und Schnitte auf seiner Haut ausmachen, aber er kehrte erfolglos zurück.
Ohne sie anzusehen, stapfte er die Stufen zur ihrer schiefen Veranda empor und verschwand in der Hütte, ohne dem Kuchen einen Blick zu schenken. Mit einem Knall warf er die Hüttentür hinter sich zu, und Draco lehnte sich seufzend zurück.
„Dann schaffte er es morgen", sagte er stur. Hermine sah ihn lange an.
„Draco", begann sie, und er hob den Blick, um sie anzusehen. „War dein Vater streng mit dir?", fragte sie ihn ruhig, und seine Stirn runzelte sich.
„Mein Vater? Mein Vater war ein Arschloch", schloss er schlicht. Hermine atmete ruhig aus.
„Hat er dich… je gelobt? Für irgendetwas?", stellte sie die nächste Frage.
„Gelobt? Nein", antwortete er schlicht. „Für was? In seinen Augen gab es nichts." Und Hermine hob die Augenbrauen.
„Vielleicht für Hartnäckigkeit. Denn… dein Sohn ist hartnäckig. Und stur, und… ein echter Malfoy", schloss sie mi Nachdruck. Verblüffung trat auf Dracos Züge.
„Was willst du damit sagen?" Fast wirkte er betroffen.
„Es ist sein Geburtstag, und er hat den ganzen Tag damit zugebracht, auf einen unmöglichen Baum zu steigen", erinnerte sie ihn ruhig. Dracos Kiefer lockerte sich.
„Ich… ich bin nicht mein Vater!", entkam es ihm fast abwehrend.
„Das brauchst du mir nicht sagen", erwiderte sie eindeutig. Und sie sah, dass er ein schlechtes Gewissen bekam. Sie sah es sofort. Widerwillig erhob er sich.
„Du bist richtig unmöglich, weißt du das?", knurrte er wütend, aber ihre Mundwinkel hoben sich leicht. „Als ob ich wäre wie mein Vater!", murmelte er zusammenhanglos, als er eilig die Tür öffnete. „Gerade ich!", hörte sie ihn noch dumpf wispern, als er die Tür hinter sich schloss.
Sie atmete zufrieden aus. Solange sie Kilian wissen ließen, dass sie ihn immer liebten, würde es schon in Ordnung sein. Und sie konnte sich schon vorstellen, wie ihr Sohn ausflippen würde, sollte er es denn schaffen, den Baum zu erklimmen. Denn natürlich lag dort oben kein Zauberstab. Viel zu gefährlich, dass die kleinen Affen oder das Baumvolk ihn an sich nahmen. Tatsächlich war der Zauberstab näher, als Kilian glauben mochte. Draco hatte ihn mit einem Illusionszauber direkt unter Kilians Bett verborgen.
Hermines Lächeln verschwand. Sie nahm an, letztendlich würde ihr Sohn ihnen wohl eher nicht dankbar sein, dass sie ihn so triezten. Egal, ob es zu seinem besten wäre, oder nicht….
