Part 3 - Her
Es war eigenartig, mit seiner Tochter unterwegs zu sein. Immer wieder fiel sein Blick auf das junge Mädchen, was Hermine so erschreckend ähnlich sah. Und bis vor ein paar Jahren hatte er geglaubt, besser mit Kilian zurecht zu kommen, als mit Aurora, aber mittlerweile stellte er immer mehr Gemeinsamkeiten zu seiner Tochter fest.
Er hatte ihr ihren Namen gegeben. Sie war so schön wie die Morgenröte über der wilden See, an dem Tag als sie geboren worden war. Und so hatte er sie nennen wollen. Sie war die Insel. Wild und schön. Und es war bezeichnend, wie gut ihr Mordeo gehorchte. Er hörte besser als Skills es jemals getan hatte, stellte er kopfschüttelnd fest, auch wenn das kein Dauerzustand war. Sie konnten sich nicht leisten, das ausgewachsene Männchen auf Dauer um sich zu haben. Er war sich nur nicht sicher, ob Aurora das wusste.
„Du weißt, wir können ihn nicht mit zu den Affen nehmen", erinnerte er sie bloß. Sie nickte, als wisse sie Bescheid.
„Ja, Dad. Aber Rumtreiber hört sehr gut und wird auf uns warten", erwiderte sie, mit blindem Vertrauen, und Dracos Blick wanderte über den grauen Beißfuchs. Er konnte nicht zählen, wie viele er von ihnen bereits getötet hatte. Und es hatte ihn wochenlang um den Schlaf gebracht, dass Aurora mit diesem Tier die Höhle teilte, sogar auf seiner Seite einschlief. Aber er und Hermine hatten irgendwann aufgegeben, sie von dem Tier – was sie Rumtreiber nannte – fernzuhalten.
Für gewöhnlich begleitete Kilian sie, wenn sie die Affen besuchten, aber sein Sohn war noch immer damit beschäftigt, das Baumplateau zu erklimmen – um festzustellen, dass kein Zauberstab auf ihn warten würde. Dracos Mundwinkel hoben sich sachte. Er freute sich schon über den Ausbruch seines Sohnes, nur um ihm dann anschließend den Zauberstab auszuhändigen.
Und Aurora hatte heute nicht den ganzen Weg apparieren wollen. Sie wollte wandern. Sie liebte es, mit ihm Streifzüge durch den Dschungel zu machen. Und sie liebte es mehr, zu Fuß Orte zu erreichen, als mit dem Zauberstab. Es faszinierte ihn, denn er selber verzichtete so oft wie möglich auf den Zauberstab. Er hatte seinen Kindern bereits erklärt, Magie half einem hier nur in Grenzen.
„Ich würde meinen Zauberstab auch selber bauen, Dad", sagte sie plötzlich, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Wenn ich soweit bin. Ich könnte es nicht erwarten, diesen Wasserwandlern eins auf den Deckel zu geben!" Tatsächlich strahlte sie bei diesen Worten. Draco musste grinsen.
„Ich würde es dir verbieten, aber… wenn du magst, könnten wir dieses Abenteuer zusammen machen?", schlug er ihr vor, und sie strahlte noch breiter. Sie war wunderschön.
„Ja? Heute?" Sie lauerte auf seine Antwort, aber lächelnd verneinte er.
„Nicht heute. Aber bald", versprach er ihr. Und er wusste, Hermine würde einen Anfall kriegen, dass er ihr kleines Mädchen mit zum See nehmen wollte, aber Aurora würde sich kaum aufhalten lassen. Sie war bockig, wie Hermine es war.
Sie gingen seit zwei Stunden, und Aurora beschwerte sich kein einziges Mal. Sie wurde nicht müde, ihr schmaler Körper war gut trainiert, und sie hatte keine Scheu, mit ihrem Messer umzugehen. Sie zielte so genau, wie er es tat. Seine Tochter war ein Naturtalent.
„Meinst du, Kilian erreicht heute den Zauberstab?" Sie fragte ihn jeden Tag, und er wusste nicht, ob sie insgeheim hoffte, dass sie schneller ihren Zauberstab bekäme als Kilian, aber zuckte die Achseln.
„Die Hauptsache ist, er schafft es irgendwann", erwiderte er bloß, obwohl er jeden Tag hoffte, dass sein Sohn endlich den richtigen Anstoß fand, die richtige Idee hatte und hartnäckig blieb. Aurora lächelte lediglich. Draco konnte sie nicht immer ausmachen, nicht immer nachvollziehen, aber sie war auch erst acht Jahre alt. Ihr Gehirn funktionierte noch völlig anders, als seins.
Sie erreichten den nördlichen Pass, der in die Berge führte. Er war ihn schon so oft mit seinen Kindern gegangen, dass er sich kaum mehr erinnerte, ihn jemals alleine beschritten zu haben. „Ok, Aurora", begann er seufzend, denn diese Strecke war noch zu unwegbar für seine Tochter, „Zeit, dein Haustier zu vertrösten." Sie drehte sich ihrem Mordeo zu. Merlin, er war so mächtig, dass sie auf ihm reiten könnte. Sein Fell war grau und weich, die Augen braun und tief.
„Rumtreiber, du wartest hier. Platz!", befahl sie streng, und tatsächlich streckte sich das wilde Tier, sortierte die mächtigen Pfoten neu und machte es sich auf dem Dschungelboden gemütlich. Draco runzelte die Stirn. Aurora tätschelte den Mordeo, der mit hängender Zunge hechelnd die Augen schloss. Fast schüttelte Draco den Kopf. Es war gruselig. Und vielleicht war ein minimal neidisch, dass Auror anscheinend besser mit wilden Tiere zurechtkam, als er.
„Bereit?", erkundigte er sich und schloss in seinem Kopf bereits Wetten ab, ob der Mordeo verschwunden wäre, wenn sie wiederkamen. Allerdings war er das bisher auch nie.
„Klar, Dad!", sagte sie mit glühendem Eifer auf den jungen Zügen. Sie griff nach seinem Arm, hakte sich ein, und er wirbelte mit ihr im Kreis, bevor der Apparierzauber sie verschluckte, nur um sie auf der Bergwiese wieder auszuspucken. Er hatte sie sicher im Griff, sodass sie nicht fallen würde. Benommen schüttelte sie den Kopf, bevor sich ihr Blick erhellte.
„Skills!", rief sie fröhlich, stürmte sofort über die Wiese, direkt auf das Gorillapaar zu. Draco folgte ihr schlendernd, während der einäugige Affe in die Luft schnupperte, die Witterung aufnahm, und zur Begrüßung grunzte.
Kaum dass er und Hermine wieder gelandet waren, hatte Draco sofort nach seinem Affen gesucht. Und er glaubte, es lag alleine daran, dass Hermine und er ab und an ein paar Heilungszauber sprachen und ihnen Beute brachten, dass beide Affen noch lebten. Sie waren unnatürlich alt für wilde Affen. Zwölf Jahre war ein stolzes Alter. Sie hatten bereits Enkelkinder, die längst tiefer in den Bergwäldern wohnten. Skills hatte einen fast schillerndweißen Rücken. Er war fast dreimal so groß wie Aurora und wog nahezu eine Tonne. Violet war kleiner, aber nicht minder grau. Das purpurne Fell war bereits stumpf. Sie bewegten sich nur, wenn sie mussten und waren bestimmt vollkommen abhängig von dem Fleisch, was Draco oder Hermine ihnen ein paar Mal die Woche brachte, einfach um sicher zu gehen, dass sie nicht verhungerten vor Altersschwäche.
Aurora kuschelte sich in das helle Fell des Affen, und Draco klopfte ihm auf den Rücken. Die Luft hier oben war herrlich. „Na, habt ihr Hunger?", erkundigte er sich ruhig. Skills gesundes Auge sah ihn wachsam an. Draco befahl Aurora bei den Affen zu bleiben und nicht alleine loszuziehen, aber sie war ohnehin zu sehr damit beschäftigt, auf Skills Rücken zu klettern, und den faulen Affen zu bewegen, sie zu tragen.
Lächelnd wandte sich Draco ab, um den Tieren ein paar Berghasen zu besorgen. Es war still hier oben. Die Vögel sangen heute nicht. Seine Augen wanderten über die weite Fläche, und nicht ein kleines Beutetier war auszumachen. Er wanderte über die Bergkuppen, schaute in alle kleinen Höhlen und unter die natürlichen Vorsprünge, und ihn beschlich die Ahnung eines unguten Gefühls.
Der Hauch von Gefahr hing in der Luft. Auf dem nächsten Geröllberg entdeckte er die Überreste einer kleinen Hasenfamilie, bis auf die Knochen abgekaut. Irgendetwas hatte Hunger. Und es waren nicht die Affen. Sie hatten nicht das geeignete Gebiss, Beute bis auf die Knochen abzunagen. Ein unangenehmer Wind erfasste ihn, schlug ihm die Haare ins Gesicht, und sein Instinkt begann, ihn zu treiben.
Als er sich umwandte, um wieder zurück zu hasten, erkannte er, wie der Wind einzelne Fellbüschel über die Kuppe wehte. Seine Schritte beschleunigten sich. Es war das weiße Unterbauchfell eines Mordeo. Scheinbar jagte hier eines der übrigen Exemplare. Und höchstwahrscheinlich nicht alleine.
Und dann schrie Aurora seinen Namen. Der Wind trug ihre Stimme zu ihm, und innerhalb einer Millisekunde war er appariert, während ihm die Nackenhaare zu Berge standen.
Seine Hände schmerzten, und er brauchte die dringende Pause. Missmutig schritt er durch den Dschungel, schlug mit einem Stock nach den Lianen, die ihm den Weg versperrten, pustete sich die Haare aus der Stirn, und trat nach kleinen Ästen.
Es war wieder ein erfolgloser Tag. Seit zwei Wochen tat er nichts anderes, als zu versuchen, den Baum zu besteigen, wenn auch immer halbherziger. Er nahm an, irgendwann würden seine Eltern Mitleid bekommen und ihm den Zauberstab einfach so überreichen.
Seine Laune war unterirdisch schlecht. Er achtete kaum auf seinen Weg, wusste aber, würde er sich nach Westen halten, käme er irgendwann zur Lagune zurück. Nach Hause fand er immer. Sein Shirt klebte ihm am Körper. Die östlichen Tiefen des Dschungels führten ihn irgendwann zu den Schiffwracks und den Alligatoren, aber davor lag eine kleine Felsformation. Ein Steinbruch, wenn man so wollte, und dort entsprang eine Süßwasserquelle, die er ansteuerte. Er wollte sich waschen, und das wollte er so weit weg wie möglich von der Lagune tun.
Er hatte keine Lust auf die moralische Unterstützung seiner Mutter. Er wollte endlich seinen Zauberstab.
Nach zwanzig Minuten sturem feldwärtsein Wandern, erreichte er die Quelle. Erleichtert zog er sich im Gehen das Shirt über den Kopf, warf es achtlos auf den trockenen Boden und kniete sich vor das natürliche Becken, was das Wasser über Jahrtausende geformt haben musste. Er spritzte sich das kühle Nass ins Gesicht, säuberte seinen Körper und lehnte sich anschließend entspannt gegen einen der warmen Felsen, der eine bequeme Form hatte. Die Quelle war umgeben von einem Halbkreis mannshoher Felsbrocken. Manchmal kamen kleine Affen oder Wildschweine, um hier zu trinken. Aber immer, wenn er bereit war, den Speer zu ziehen, waren die kleinen Biester schon abgehauen.
Er schloss die Augen, während das Wasser auf seiner Haut schnell trocknete.
Blinzelnd öffnete er die Augen jedoch wieder, als ihn etwas durch die geschlossenen Lider massiv blendete. Er zuckte schmerzhaft zurück, stieß sich den Kopf am Stein und verharrte angsterfüllt, als sich das grelle Licht direkt vor ihm lichtete. Was passierte jetzt?! War irgendetwas hierher appariert, fragte er sich panisch und sah sich um. Alles war still, aber seine Augen erkannten plötzlich die schemenhaften Umrisse einer Person. Sie schien direkt über der Quelle zu schweben, und es dauerte noch ein paar Sekunden, bis er merkte, dass es gar nicht real war!
Es musste eine von diesen Visionen sein, von denen Mum und Dad erzählt hatten! Aufgeregt rappelte er sich auf, blinzelte eilig, um nichts zu verpassen, und dann fokussierte das Bild. Was er sah, verschlug ihm den Atem. Es war ein riesiger Raum, viel größer als die Hütte, hundertmal größer als die Höhle! Ein riesiger Kamin brannte in der steinernen Wand, und ein roter Banner mit einem goldenen Löwen prangte als Schild darüber.
Hogwarts! Er dachte es sofort, konnte gar nicht anders. Seine Eltern hatten so viel von Hogwarts erzählt, dass er manchmal davon träumte, obwohl er es noch nie gesehen hatte! Seine Mutter hatte zwar ‚Die Geschichte von Hogwarts' bereits mehrfach vorgelesen, aber… jetzt sah er es! Und er sah… andere Kinder! Bestimmt zwanzig fremde Kinder, die laut lachten, sich unterhielten, und sie sahen ihn nicht. Mit offenem Mund starrte er, sog den Anblick der Schuluniformen auf, beobachtete die Kinder, wie sie versuchten, zu zaubern – jeder hatte einen Zauberstab!
Und sein Augenmerk fiel auf das Mädchen, was er zuerst gesehen hatte.
Sie… war älter als die anderen. Sie sah nicht aus wie seine Mum oder Aurora. Ihre Haare waren rot, fast kupferfarben. Sie fielen ihr lang über die Schulter, steckten in einem hohen Zopf, und ihre Augen waren strahlend blau. An ihrer Brust erkannte er das Abzeichen, von dem seine Mum erzählt hatte. Sie war Schulsprecherin. Sie gehörte zu Gryffindor.
Die Vision folgte diesem Mädchen, wie sie sich von ihren Freundinnen verabschiedete, und Kilians Mund öffnete sich unbewusst weiter, als er erkannte, dass sie den Raum verließ, eine Treppe höher stieg – und er sah den Schlafsaal. Sie schritt zielstrebig zu ihrem Bett, warf ihren Umhang auf die frischen Laken und setzte sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Sie zog die Schublade eines Nachttisches auf und holte ein Blatt Pergament und eine Feder hervor. Sie selber hatten in der Hütte ebenfalls Pergament und Federn und Tinte, aber Mum musste regelmäßig neue Tinte besorgen, Tintenfische fangen, und die Farbe war eher braun, als so kristallklar blau, wie die Tinte des Mädchens. Sie war auch nicht so schön zum Schreiben, musste magisch verdünnt werden, aber Kilian war stolz darauf, ebenfalls mit der Feder schreiben zu können. Wie das Mädchen.
Er wusste nicht, warum sein Herz schneller schlug, aber plötzlich näherte er sich dem Mädchen. Es war, als würde die Vision seinem Verlangen folgen, als wollte sie ihn sehen lassen, was das Mädchen schrieb.
Und er hielt die Luft unwillkürlich an, als er ihre saubere Handschrift mühelos entziffern konnte.
‚Lieber Kilian', begann der Brief, und eine Gänsehaut kroch seine Glieder empor, obwohl es tropisch heiß war. Was?! Er blinzelte wieder, und konnte ihr nur zusehen, wie sie die Feder erneut in das Tintenfass tauchte. ‚Ich hoffe, du hast dich in der neuen Wohnung eingelebt? Teddy ist ein netter Typ und wird dir garantiert das ein oder andere beibringen können. Er war – wie du – Klassenbester der Ausbildung, also sei nicht so unfassbar stur, wie du es immer bist, und lass dir ruhig von ihm helfen.' Sie setzte die Feder ab und schmunzelte scheinbar über ihre eigenen Worte. ‚Ich vermisse dich, du Idiot. Auch wenn du so viel Zuneigung gar nicht verdienst', schrieb sie grinsend weiter. Kilian konnte das fremde Mädchen nur beobachten und musste sich unweigerlich fragen, ob es Zufall war, oder ob sie tatsächlich… an ihn schrieb?! Aber wie sollte sie? Sie bekamen auf dieser Insel keine Post. Und wer war Teddy? Was meinte sie mit der Ausbildung, mit der neuen Wohnung? Es musste ein anderer Kilian sein! Wieso sollte ein erwachsenes Mädchen ihm auch schreiben? ‚Schreib mir, ja? Die Schule ist unfassbar anstrengend, aber ich will mich nicht beschweren. Immerhin sind meine Brüder endlich weg, und ich habe meine Ruhe im Gemeinschaftsraum! Ich freue mich auf die Ferien und dass wir uns dann mich nicht und versuche bitte, keine andere kennenzulernen, du alter Schwerenöter!' Sie zeichnete hinter ihre Worte ein kleines grinsendes Gesicht, und seine Stirn runzelte sich noch mehr. ‚Ich wünsche dir einen fabelhaften ersten Tag im Job! Alles Liebe, Lily.'
Die Vision verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Schneller noch, und er saß wie ein Vollidiot wie versteinert auf dem warmen Stein und starrte mit offenem Mund ins Leere. Sein Atem setzte rasselnd wieder ein.
Was?! Wer war Lily? Wieso sah er dieses Mädchen?
Panisch sah er sich um. Was passierte mit ihm? Wurde er verrückt? Kurz war er davor, aufzuspringen und nach Hause zu rennen, seiner Mum davon zu erzählen, aber er konnte nicht. Er blieb, wo er war, während seine Gedanken wie Blitze durch sein Gehirn schossen.
„Lily", wiederholte tonlos. Was sie eine Art Schutzengel? Eine seltsame Gestalt, die ihn besuchte? War sie… real?
Seine Mum hatte ihnen erzählt, dass manche Visionen ihr und Dad die Zukunft gezeigt hatten. Natürlich hatte sie nichts Ausführliches gesagt, machte immer ein großes Geheimnis aus den Visionen von damals – und bisher hatte es auch keine neue gegeben – sagte sie zumindest! Vielleicht log sie? Vielleicht wusste sie, wer diese Lily war?
Oder es konnte natürlich auch sein, dass er dabei war, den Verstand zu verlieren.
Er hatte nun Wochen am Strand verbracht, der ewigen Hitze ausgesetzt. Langsam beruhigte sich sein Verstand wieder. Es war unmöglich, dass das Mädchen ihn meinte. Er war hier auf der Insel. Und hier würde er immer sein.
Wahrscheinlich für immer ohne Zauberstab, wenn er diesen verdammten Baum nicht hochkam.
Mit zitternden Knien erhob er sich und schwor sich, nicht noch einmal hier her zu kommen! Schneller als sonst beeilte er sich, zurückzukommen. Aber die Eindrücke von Hogwarts jagten ihn, brannten sich bereits in seine Erinnerung, und er würde heute Nacht wieder von Hogwarts träumen, nahm er dumpf an.
Drehend erreichte Draco die Bergwiese, und er brauchte wenige Sekunden, um zu begreifen. Seine Augen erfassten die Situation, und es war schlimmer, als er es sich ausgemalt hatte. Der Zauberstab lag fest in seiner Hand, als er nach vorne stürmte.
Denn alles, was er wusste, war, dass seine Tochter blutete. Sie war verletzt, und es legte sein komplettes Nervensystem lahm. Er konnte nur noch handeln, und blinde Wut kochte an seiner Oberfläche, brachte ihn zum Schreien.
Brüllend schlug er zu, schwang den Zauberstab, tötete den ersten Mordeo, der sich an Violet zu schaffen machte, den zweiten, der Aurora anknurrte, nur um sich kurz darauf dem dritten Mistvieh zuzuwenden, was zum Sprung ansetzte und Skills attackieren wollte. Der Affe schnaubte angsterfüllt. Er war zu schwach, sich gegen vier zu verteidigen. Er war zu schwach, große Wege zu gehen, geschweige denn, einen Kampf zu gewinnen.
Heiser vor Wut hatte Draco den letzten Mordeo getötet, und die vier toten Körper lagen um sie versammelt. Sein Blick suchte die Bergkuppen ab, aber das waren wohl alle Angreifer gewesen. Allerdings lag ein Mordeo blutüberströmt vor seinen Füßen. Er war bereits tot gewesen, als er angekommen war.
„Dad!", wimmerte Aurora neben ihm, und sie kniete am Boden, schüttelte Violet an der Schulter, und Skills hatte sich sorgenvoll über sein Weibchen gebeugt und schnüffelte an ihr. Draco erkannte, dass die Mordeos sie in die Kehle gebissen hatten. Purpurnes Blut nässte ihr Fell. Aber zuerst zog er Aurora zu sich.
„Sieh mich an", befahl er heiser, und ihr tränenschwerer Blick hob sich. Sie hielt ihr blutiges Messer in ihrer zitternden Hand, und er sah die Schnitte auf ihrem Unterarm. „Er hat dich gebissen", schloss er und heilte ihre Wunden augenblicklich. Er untersuchte sie weiter, aber sie machte sich von ihm los.
„Hilf Violet!", bat sie ihn weinend, und sein Blick fiel auf das sterbende Weibchen. Er sprach einen Linderungszauber, aber es trat keine wache Gesundheit in ihren Blick. Die Wunden waren zu tief, wurde ihm klar. Er schüttelte leicht den Kopf.
„Ich kann sie nicht retten", sagte er dann. Aurora schüttelte zornig den Kopf.
„Du musst! Du musst, Dad!", rief sie verzweifelt, aber Draco zog sie in den Arm.
„Shht", machte er beruhigend. „Ist schon gut", murmelte er, und kurz danach stieß Skills ein so herzzereißendes Jaulen aus, dass Draco kurz die Augen schloss.
Und dann rührte sich Violet nicht mehr. Ihre Augen hatten sich geschlossen, und Aurora weinte bitterlich in seinen Armen. Skills humpelte auf die freie Wiese, brüllte jämmerlich laut, schlug mit der riesigen Pranke auf die toten Körper der Beißfüchse nieder, und Draco zog sich mit Aurora ein Stück weit zurück. Er war zu spät gekommen.
Er nahm ihr schmales Gesicht in seine Hände, wischte mit den Daumen die Tränen von ihrer weichen Wange, und sie sah tränenschwer hoch in sein Gesicht. „Hast du den Mordeo alleine erledigt?", fragte er sie ruhig, und schniefend nickte sie. „Ich bin sehr stolz auf dich", schloss er ruhig.
„Ich… ich konnte sie aber nicht retten", flüsterte Aurora am Boden zerstört, und Draco umarmte sie wieder und war ehrlich gesagt nur dankbar dafür, dass die Mordeos sein kleines Mädchen nicht in Stücke gerissen hatten. „Es… es waren zu viele", wisperte sie kopfschüttelnd.
„Du warst ganz tapfer, Aurora", versicherte er ihr väterlich, und sie klammerte sich an ihn. Er hob sie hoch auf seine Arme und kehrte zu seinem untröstlichen Affen zurück. Dieser wimmerte, machte armselige tierische Laute, und Draco hatte tiefes Mitgefühl. „Komm", sagte Draco dann und legte dem Affen die Hand auf die massiges Schulter, „wir gehen nach Hause", schloss er sanft. Skills wandte immer wieder den Blick zurück, sah nach Violet, aber er schien zu wissen, dass das Leben sie verlassen hatte.
Sanft schob er Skills voran, dessen sechs alte Beine kaum noch laufen wollten. Er machte leise, traurige Geräusche, und als sie um die Kurve gebogen waren, setzte Draco Aurora ab. „Warte hier kurz. Pass auf Skills auf", bat er sie und kehrte um. Verloren sah sie ihm nach, streichelte abwesend das Fell des Affen, und Draco erreichte den leblosen Körper des Weibchens.
„Machs gut, du Arme", flüsterte er, übte den Schwebezauber aus, und ließ den riesigen Affen vor sich schweben, als er sich dem nächsten Abgrund näherte. Langsam ließ er sie sinken, beobachtete, wie ihr purpurner Körper tiefer und tiefer glitt. Es war eine Schlucht von hundert Metern Tiefe, und als er den schmalen Punkt nicht mehr erkennen konnte, brach er den Zauber. Es war kein standesgemäßes Begräbnis nahm er an, aber es war zweckentsprechend, und eine schnellere Lösung fiel ihm nicht ein. Sie war ein Bergaffe gewesen, und dorthin war sie nun zurückgekehrt. Zum Fuße des Berges, an dem sie sie getroffen hatten.
Er beeilte sich, zu Aurora und Skills zurückzukehren, aber seine Tochter hatte sich nicht vom Fleck gerührt, streichelte immer noch den traurigen Affen, und Draco hob sie wieder hoch auf seinen Arm.
„Nehmen wir ihn mit?", flüstere sie in sein Ohr, und Draco nickte dumpf, während er dem Affen beruhigend die Hand aufs Fell legte und ihn tiefer führte. Es würde eine lange Wanderung werden, aber er würde Skills nicht mehr dort oben lassen. Es war zu gefährlich. Er konnte sich nicht verteidigen, und Draco konnte nicht Tag und Nacht Wache halten.
„Ja. Er kommt nach Hause", bestätigte er ruhig.
Als sie den Bergpass hinter sich gelassen hatten, und der Dschungel wieder vor ihnen lag, war Aurora längst in seinen Armen eingeschlafen. Draco beleuchtete den Weg mit dem Lumos, und Skills atmete müde und laut neben ihm. Draco war sowieso vollkommen überrascht, dass der Affe gehorchte, dass er mit ihnen kam, dass er sich nicht wehrte, aber Draco wusste auch, Skills hatte Angst. Er hatte gemerkt, dass er sich nicht mehr wehren konnte.
Und Draco bemerkte die schlitzartigen Augen, als sie den Dschungel betraten. Tatsächlich hatte der Mordeo auf sie gewartet, aber Skills witterte ihn, wurde unruhig, und sein Schnauben wurde panischer. Rumtreiber kam auf die Pfoten, ging in eine defensive Haltung, und schien nicht sicher, was er tun sollte.
Draco versuchte den Mordeo in der Dunkelheit auszumachen, hob den leuchtenden Zauberstab, und atmete dann lange aus. Der Beißfuchs konnte sie nicht mehr begleiten. Auroras Haustier würde im Dschungel bleiben müssen. Und er würde Aurora nicht aufwecken, denn sie würde es vielleicht nicht verstehen, sich nicht trennen können, aber wenn Skills mitkäme, wäre kein Platz für einen Mordeo an der Lagune. Es war sowieso gefährlich genug, dass sich ein Mordeo so nah an ihren Lebensmittelpunkt wagte.
Draco zielte mit dem Zauberstab, allerdings nicht genau. Nicht genau genug, um zu treffen, denn er wollte das Tier nicht verletzen. Der Stupor schlug wenige Zentimeter neben Rumtreiber in den Boden, aber der rote Funkensturm schreckte den Beißfuchs dermaßen auf, dass er schnell wie ein Pfeil im Dschungel verschwand.
„Tut mir leid", murmelte Draco seufzend. Aber Rumtreiber würde schon zurechtkommen. Er würde nicht verhungern. Und er würde es Aurora morgen erklären.
Sie setzten den Weg fort, sein unruhiger Affe immer noch schnaubend.
Und es war stockfinstere Nacht als sie die Lagune erreichten. Er wunderte sich nicht, dass Hermine direkt auf sie zugestürmt kam, Kilian hinterher.
„Drao!", rief sie erleichtert, als sie sich vergewissert hatte, dass Aurora lediglich schlief. Dann wandte sie sich Skills zu. „Du bringst ihn her?", flüsterte sie. „Was ist passiert? Ist das Blut?", entkam es ihr stockend, als sie ihm Aurora abnahm und ihr blutiges Shirt erkannte.
„Es gab… einen Mordeo-Angriff, oben auf der Bergwiese", erwiderte er leise. Abwesend tätschelte Kilian den Affen und hörte ihm gebannt zu. „Ich war nicht da, war gerade unterwegs, um Beute für die Affen zu suchen", fuhr er fort, aber Hermines Blick war wachsam. „Aurora tötete den ersten, aber es kamen drei weitere. Sie töteten Violet", schloss er, und Hermines Mund öffnete sich schockiert.
„Merlin", flüsterte sie kopfschüttelnd. „Und Aurora-?"
„Der Mordeo hatte sie in den Arm gebissen, aber ich habe die Wunde geheilt. Es geht ihr soweit gut. Aber…"
„-sie hat einen Schock?", vermutete Hermine, und hielt ihre Tochter fest in ihren Armen. „Gut, dass ihr nichts weiter passiert ist. Ist die Wunde sauber?"
„Ich weiß es nicht. Ich denke", sagte er still.
„Wo ist Rumtreiber?", wollte Kilian wissen, der nun seine Schwester inspizierte, und auch ihren Rücken sanft streichelte. Draco atmete aus.
„Ich hab ihn mit dem Stupor verscheucht. Es geht nicht, dass wir Skills und einen Mordeo hier haben", erklärte er bloß.
„Er bleibt hier?", wollte Kilian ungläubig wissen, und Draco tauschte einen Blick mit Hermine.
„Es ist das Beste, was wir für ihn tun können, ja", bestätigte er dann. „Ich muss ihn beschützen. Und das geht nur hier", endete er dumpf.
„Ok", sagte Hermine nickend. Dann sah sie ihn ernst an. „Wie viele Mordeos sind dort oben? Haben wir ein Problem?", wollte sie direkt wissen, aber Draco ruckte mit dem Kopf.
„Viele können es nicht sein. Sie werden rausgefunden haben, dass Skills und Violet die einzigen Affen sind, die sich nicht alleine verteidigen können. Wahrscheinlich hatten sie nur den richtigen Moment abgepasst, und zufällig waren Aurora und ich da." Er wusste nicht, ob sie auf die Jagd gehen musste, einen Haufen Mordeos töten sollten, oder ob die Beißfüchse in ihrem Territorium blieben.
„Sie… hat einen getötet?" Kilians Stimme klang schmal, während er seine schlafende Schwester fixierte.
„Ja", bestätigte Draco leise. Kilian nickte schließlich.
„Sie ist gut. Und gut, dass sie ihr nichts passiert ist", ergänzte er still. Und Draco hatte fast angenommen, dass Kilian beleidigt wäre, dass er anders reagieren würde, aber er hatte sich geirrt. Er unterschätzte seinen Sohn. Er mochte vielleicht kein Jäger sein, aber… er war sehr intelligent. Und er liebte seine Schwester.
„Wir gehen in die Hütte. Kommst du gleich?" Es war keine Frage. Eigentlich erwartete sie es von ihm, aber Draco schüttelte schließlich den Kopf.
„Ich… denke, ich bleibe heute Nacht bei Skills. Er soll sich gewöhnen. Wir sehen uns morgen", versprach er, lehnte sich vor und küsste Hermine auf die Stirn. Sie nickte schließlich, bevor sie sich mit Aurora und Kilian abwandte. Er sah seiner Familie nach, bevor er Skills die Hand auf den Rücken legte, und ihn bewegte, zur Höhle zu gehen. Er entzündete ein kleines Feuer vor der Höhle, und hoffte, Skills erinnerte sich.
Er setzte sich vor die Flammen und wartete, dass Skills ihm Gesellschaf leistete. Der Affe wirkte so verloren, stand all und schwach vor den Flammen, und nur gerade ebenso konnte sich Draco erinnern, wie er ihn damals gefunden hatte. Nur noch entfernt erinnerte er sich an den Verwesungsgeruch, der Feinde vom Nest ferngehalten hatte. Er erinnerte sich, wie klein Skills gewesen war, wie er ihn auf seinen Arm hatte nehmen können. Und es war unvorstellbar, wie alt er jetzt schon war. Magische Riesenaffen wurden nicht sonderlich alt. Skills war… die echte Ausnahme.
„Es tut mir so leid, Großer", flüsterte Draco schließlich. Der Affe macht leise Geräusche, blinzelte müde mit dem gesunden Auge, bevor er sich träge neben Draco plumpsen ließ. Es war ein langer Weg gewesen, ein langer Tag für seinen Affen. Und fast sofort schloss sich Skills Auge, und im Sitzen war der Affe eingeschlafen. Das Feuer knisterte ruhig vor ihnen, und Draco würde seit einer ganzen Weile wieder draußen schlafen. Er würde es überleben.
Fast hatte er es vermisst. Die Natur, das Feuer, die leuchtenden Sterne.
Nur er und sein Affe. Wie eigenartig es war. Skills hatte ihn beschützt, hatte ihm in so vielen Kämpfen geholfen, war sein einziger Freund gewesen, als er hier gelandet war, und mittlerweile musste Draco ihn beschützen. Egal, wie wild der Affe sein mochte, er war immer noch sein Affe.
Und er merkte, die Zeit stand nicht still. Seufzend schloss er die Augen, lehnte sich gegen einen der niedrigen Steine und lauschte in die beruhigenden Geräusche der Nacht. Er versuchte, sich diesen Moment genau einzuprägen. Denn er wusste nicht, wie viele dieser Art es noch geben würde.
