Part 5 – Alike
*two years later*
Mit einem gezielten Tritt in die Nieren verpasste sie der Strohpuppe den letzten Rest.
„Siehst du? Du darfst deinem Gegenüber keine Chance geben, dich überhaupt aus der Reserve zu locken", zitierte sie ihren Vater und schenkte Scorpius einen demonstrativen Blick. Mit seinen kurzen Beinen trat er ebenfalls nach der Puppe, erreichte aber kaum ihr Knie. „Ganz genau", bestätigte sie aber trotzdem mit einem Lächeln.
„Ich bin so gut wie du!", behauptete Scorpius grinsend, und sie grinste zurück.
„Noch besser, Scor", versicherte sie ihrem kleinen Bruder, und für seine drei Jahre war er ziemlich wendig. Sie zerstrubbelte seine lockigen blonden Haare, und er wehrte sich lachend.
„Lass mich das Messer werfen!", bat er sie mit glühenden Augen, und sie sah sich um, ob Mum in der Nähe war. Sie hasste es, wenn Aurora Scorpius ihr Messer gab, aber er war ein Naturtalent. Dad sagte es ebenfalls.
Aber bevor sie zur nächsten Trainingseinheit übergehen konnten, dröhnte die Stimme ihres Vaters über die Rasenfläche.
„Kilian!", brüllte er praktisch, außer sich vor Zorn. „Ich habe es dir tausendmal gesagt, oder nicht?" Und Aurora konnte ehrlich gesagt nur raten, um was es dieses Mal ging. Es war nicht ungewöhnlich. Dad und Kilian stritten eigentlich jeden Tag. Über Merlin und die Welt. Und noch mehr. Entweder ging es darum, dass Kilian die Ansicht vertrat, Beute ließe sich sehr wohl mit Magie töten und konservieren, denn er tüftelte seit Jahren an Sprüchen, die das Fleisch beim Töten nicht verderben ließen, wenn man die Beute zunächst mit einem Zauber lähmte, oder es ging darum, dass Kilian heimlich apparierte, obwohl er es nicht durfte. Er war ziemlich gut, schaffte mittlerweile schon einen ganzen Kilometer, aber Mum und Dad sagten, er müsse warten, bis er sechszehn sei, um überhaupt zu apparieren. Das Problem war wohl eher, dass Kilian zu gut war, um zu warten.
Aurora wurde nächste Woche elf. Und je näher der Tag rückte, umso weniger war sie an ihrem Zauberstab überhaupt interessiert. Ihr fehlte Kilians Begabung. Sie hatte andere Talente, aber… ihr Bruder hatte ihr die Magie ziemlich madig gemacht. Manchmal lieh er ihr seinen Zauberstab und unterrichtete sie heimlich. Und sie hatte keine Probleme mit Lumos und Nox. Sie konnte Kilian auch entwaffnen, aber… alles andere… erschien ihr sinnlos zu sein. Wofür musste sie Dinge schweben lassen oder apparieren? Wofür brauchte sie komplexe Flüche, wenn sich jeder Gegner auf der Insel mit einem guten Speerwurf erledigen ließ?
„Bekommt Kil Ärger?", flüsterte Scorpius und rückte näher zu ihr. Er kaute unbewusst auf seiner Lippe und sah angstvoll zur Hütte.
„Sieht so aus, Kurzer", murmelte sie und wartete. Die Hüttentür flog auf und ihr Bruder trat zornig nach draußen. Er war Dad so ähnlich, aber Aurora glaubte, er merkte es nicht mal. Und wahrscheinlich würde er sie stumm hexen, würde sie so etwas auch nur andeuten.
Kilian musste jeden Abend los, Beute fangen. Und manchmal, wenn er absolut keine Lust hatte, bestoch er sie, apparierte mit ihr ein Stück, stahl mit dem Accio Schmuck des Baumvolks, und sie tat ihm den Gefallen und jagte auf die ‚altmodische' Art, wie Kilian es nannte, damit Dad bloß keinen Ausraster bekam.
„Was?", hörte sie Kilians entnervte Stimme. Dann erkannte sie ihren Vater, der mehrere Hasenkadaver in der Hand hielt.
„Was hast du veranstaltet?", fuhr Dad ihn wütend an, und sie sah von hier aus, wie Kilian den Kopf in den Nacken legte, gereizt und überfordert.
„Ich habe Fleisch abgehangen, Vater", knurrte er zornig, und Aurora zog kopfschüttelnd das Messer aus der Schlaufe.
„Hier. Das dauert jetzt eine Weile", erklärte sie Scorpius, und dieser seufzte demonstrativ laut, nahm aufgeregt das Messer und lief einige Meter weit, um es in den Bauch der Puppe zu schleudern. Er zielte noch etwas ungenau, aber er traf immerhin die Puppe. Jedes Mal. Aurora war ziemlich stolz auf ihren kleinen Bruder.
„Man kann es nicht abhängen! Ich fasse es nicht! Ich habe es dir erklärt, oder nicht?", rief ihr Vater ungnädig. „Die Temperatur ist hier ungeeignet!"
„Mit dem Kühlzauber-", begann Kilian ungeduldig, aber Dad unterbrach ihn.
„-solange hält der Zauber nicht! Du siehst doch, dass es verdorben ist! Du lockst nur die verdammten Geier an, und die fressen uns die Saat dann auch noch weg!", schrie Dad mittlerweile, aber Kilian wurde ebenfalls lauter.
„Es ist noch nicht ausgereift, aber es ist definitiv eine bessere Lösung, als-"
„-als was? Jeden Tag loszuziehen, und dafür zu sorgen, dass diese Familie frisches Fleisch bekommt, weil du zu faul bist, es zu erledigen?", donnerte er, und Kilian stöhnte auf. „Es ist deine Aufgabe, und ich habe deine Ausreden satt!"
„Darum geht es nicht, ok?", fuhr er Dad jetzt an. „Deine Methode ist alt!"
„Meine Methode ist die richtige Methode, und glaub ja nicht, dass ich mir diesen Ton von dir bieten lasse! Du ziehst los und besorgst dreimal so viele Hasen, und der Zauberstab bleibt hier!"
„Vergiss es!", schrie Kilian jetzt.
„Gib ihn her!", verlangte ihr Dad kalt, und Aurora sah nur noch, wie Kilian sich im Kreis drehte und verschwand.
„Kilian!", schrie ihr Vater so außer sich, dass sie zusammen zuckte, und endlich bog ihre Mutter aus dem Wald und fiel in einen Laufschritt.
„Was ist jetzt schon wieder los? Wieso schreist du so?", fuhr sie ihn an, aber ihr Vater zitterte vor Zorn, als er sich umwandte.
„Dein verdammter Sohn ist appariert!", schrie er, und sie konnte nicht hören, was Mum sagte, aber wahrscheinlich musste sie mal wieder schlichten und würde ihn maßregeln, dass er nicht fluchen sollte.
„Psst", hörte sie das Geräusch hinter sich und wirbelte herum. Sie atmete kurz aus.
„Wieso machst du das?", fragte sie ihren Bruder flüsternd, und Kilian verbarg sich halb in den Büschen zum nahen Dschungel.
„Weil Dad unrecht hat", gab er lediglich zurück. Aber sie nahm an, Kilian war hier aus einem bestimmten Grund, und sie hatte keine Lust auf seine Spiele.
„Was willst du?" Sie konnte es erraten.
„Hilf mir beim Jagen", sagte er schlicht. „Und ein Wort von dir, und ich hexe deine dicken Beine zusammen", drohte er Scorpius im selben Atemzug, und ihr jüngster Bruder schnappte angstvoll nach Luft.
„Das darfst du gar nicht!", flüsterte Scorpius, klang aber nicht eindeutig überzeugt.
„Ich darf nur nicht apparieren", behauptete Kilian achselzuckend, mit einem kühlen Lächeln, was Scorpius zurückweichen ließ.
„Hör auf damit!", sagte sie kopfschüttelnd. „Er macht gar nichts, Scor", beruhigte sie ihren Bruder. „Und geh selber jagen", ergänzte sie genervt. Kilian kam näher, vorsichtig, so dass Dad ihn nicht entdecken würde.
„Komm schon, Schwesterherz", versuchte er es mit einem Lächeln. „Ich zeig dir was, was deine Mühe wert ist", versprach er, und sie schüttelte den Kopf.
„Ich habe kein Interesse an nutzlosen Zaubern", entgegnete sie, und Kilian machte einen spöttischen Laut.
„Es gibt keine nutzlosen Zauber", behauptete er großspurig, und sie stöhnte auf.
„Mach es einfach selber, Kil. Ich bin nicht dein Dienstbote", fuhr sie ihn an.
„Hälfte, Hälfte", sagte er jetzt. „Du drei Hasen, ich drei Hasen. Und ich zeige dir etwas, was dich jedes Jagdmesser vergessen lässt. Ich schwöre", sagte er mit einem Ernst in der Stimme, dass sie tatsächlich den Blick hob.
„Wie was?", wollte sie wissen, ohne die Neugierde verbannen zu können. Und absolute Faszination trat auf das Gesicht ihres Bruders, das Dads Gesicht so ähnlich war.
„England, Rory", antwortete er mit leuchtenden Augen.
Stumm saßen sie an der Quelle, die Kilian mit einer Desillusionierung belegt hatte, damit Mum und Dad sie nicht fanden. Und Aurora hatte Scorpius ihr altes Messer versprechen müssen, damit er Mum und Dad nichts sagte. Kilian hatte nur sie mitnehmen wollen, und sie musste zugeben, dass es Spaß machte, mit Kilian zu apparieren – auch ein streng gehütetes Geheimnis vor ihren Eltern.
Ab und an glitt ihr Blick über die frischerlegten Hasen, die Kilian mit einem doppelten Kühl- und Geruchsloszauber konserviert hatte.
„Wie lange warten wir?", wollte sie ein wenig enttäuscht wissen, aber Kilian starrte blind nach vorne.
„Vision lassen sich nicht erzwingen, aber sie kommen regelmäßig. Und sie zeigen immer etwas Neues", versprach er ihr, und sie wusste nicht, ob sie es gut oder schlecht finden sollte. Ihre Mum erzählte ab und zu von den Vision, und wie sie manchmal Wochen gewartet hatten. Aber Aurora hatte Angst vor den Vision, wenn sie ehrlich war. Sie zeigten gefährliche Dinge. Schließlich hatten Mum und Dad die Insel verlassen müssen! Das war unvorstellbar und gefährlich!
„Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass wir hier sein sollten", entfuhr es ihr unbehaglich.
„Ist das dein ernst?" Er schenkte ihr einen ungläubigen Blick.
„Visionen sind gefährlich", äußerte sie ihre Gedanken unwillig.
„Die Visionen haben Mum und Dad gezeigt, wie sie Zauberstäbe bauen können, Rory. Sie sind also nicht gefährlich, sondern Lebensretter." Aurora wüsste ein oder zwei Argumente, die dagegen sprächen, aber sie schwieg. Stattdessen hoffte sie einfach, dass keine Vision auftauchen würde.
„Wieso ist dir das so wichtig?", wollte sie abwehrend wissen. „Wieso musst du eine Desillusionierung auf diesen Ort legen?" Es gefiel ihr alles nicht. Es kam ihr fast so vor, als lebe Kilian ein eigenartiges, unehrliches Doppelleben.
„Weil ich nicht will, dass Mum und Dad zufällig in eine Vision reinstoplern", erläuterte er eindeutig.
„Sie kennen die Vision, Kil", erinnerte Aurora ihn ungläubig. „Ich glaube nicht, dass sie Angst haben." Und er verdrehte tatsächlich die Augen über sie,
„Nein, Dummkopf", bestätigte er überheblich, „aber sie würden sonst wissen, dass…" Kurz schwieg er. Aurora sah ihn gespannt an.
„Dass was?" Fast flüsterte sie. Fast überkam sie eine seltsame Gänsehaut.
„Dass ich fortgehe", schloss er dann, die Stimme gesenkt, als lauerten Mum und Dad hinter dem nächsten Felsen.
„Was?", entfuhr es ihr ungläubig. „Bist du verrückt?" Sie konnte ihn nur anstarren. Ihr Bruder hatte den Verstand verloren. „Wo willst du hin?", fragte sie, gänzlich entrüstet.
„Weg. Nach… nach England. Fort von hier", machte er es deutlich, und sie konnte ihn nur anstarren. „Zu… Onkel Harry und Tante Ginny. Sie… sie kennen mich!", behauptete er still, und Aurora verengte die Augen.
„Sie kennen dich? Woher sollen sie dich kennen, Kil? Das ist Unsinn!"
„Sie wussten, dass Mum schwanger war", entgegnete er demonstrativ. „Und…"
„Und was?" Aurora glaubte ihm nicht. Kein Wort.
„Und nichts", wehrte er ab. „Ich werde gehen. Und ich will es Mum und Dad nicht einfach auf die Nase binden, verstanden?", fuhr er sie an.
„Kilian, man kann nicht gehen", sagte sie, was ihre Mum ihr schon eintausend Mal eingetrichtert hatte.
„Mum und Dad sind gegangen", erinnerte er sie bloß.
„Ja, damals. Aber das geht nicht mehr", wiederholte sie, was ihre Mum auch immer sagte. „Und sie sind fast von Seemonstern verschlungen worden, Kil!", ergänzte sie, den furchtbaren Teil dieser Geschichte. „Das Meer ist gefährlich!", erklärte sie bestürzt.
„Na und? Es wird einen Weg geben", behauptete ihr dämlicher Bruder, und sie konnte ihn nur anstarren.
„Nein! Wird es nicht! Und wenn, dann wirst du eher umkommen, als dass du diese Insel verlässt!", behauptete sie zornig. „Du kannst ja nicht mal ein paar Hasen fangen!", fuhr sie ihn an und deutete auf die Beute, die sie heute alleine beschafft hatte. Ohne einen dämlichen Zauberstab, wohlgemerkt!
„Du kannst mit mir kommen", bot er ihr an, als wäre es tatsächlich so einfach!
„Was? Nein, danke!", blockte sie direkt ab.
„Du willst nicht mit?"
„Wohin, Kilian? Da draußen gibt es nichts! Nur Monster!"
„So ein Schwachsinn!", gab er kopfschüttelnd zurück. „Wir könnten-"
„-lass mich bloß in Ruhe damit!", warnte sie ihn.
„Rory-", begann er ungläubig, aber sie hob die Hände.
„-lass es! Oder ich erzähle Mum und Dad von deinen Hirngespinsten!"
Und das ließ ihn verstummen. Wütend starrte er nach vorne ins leise plätschernde Wasser der Quelle, und sie war wirklich froh, dass heute anscheinend keine Vision mehr kommen würde. Sie war wirklich dankbar. „Lass uns einfach gehen, ja? Ich will nicht, dass das Fleisch verdirbt." Und fast klang sie wie Dad. Und fast schoss ihr Kilian so einen zornigen Blick zu, den er sonst nur ihrem Vater zuteilwerden ließ.
„Es ist konserviert. Es kann nicht verderben", knurrte er bloß. „Merlin", ergänzte er gepresst. Sie hatte Angst. Angst, dass Kilian es ernstmeinte und vielleicht sogar beim Versuch umkam, ihre Heimat zu verlassen.
Sie verstand nicht, was er da erzählte, und warum es ihn so faszinierte. Sie wusste nur, sie würde sich nicht den Kopf verdrehen lassen, von dämlichen Erscheinungen, die vielleicht nur Tricks waren, um Menschen in Gefahr zu bringen!
Sie erhob sich von den kühlen Felsen. „Komm", entfuhr es ihr erschöpft. „Wir warten bestimmt seit einer Stunde", schätzte sie. Sie hatte früh gelernt, die Sonnenuhr zu lesen, und sie konnte sehr gut schätzen, wann die Dunkelheit den Dschungel in Schwärze tauchen würde, und sie hatte keine Lust, sich auf Kilian und seine dämlichen Zauber zu verlassen, sollten sie angegriffen werden.
Denn etwas war hier draußen. Aurora war schon lange aufgefallen, dass es kaum noch Wildschweine gab. Irgendetwas jagte ihre Beute. Und so viele Mordeos gab es hier nicht. Ab und zu traf sie auf ihren Spaziergängen auf Rumtreiber. Sie war sich sicher, denn er kam manchmal so nahe, dass sie ihn streicheln konnte, suchte dann aber doch immer das Weite, bevor sie ihn berührte. Sie dachte häufig an ihren Mordeo. Aber zum Ausgleich hatten sie ja einen Riesenaffen bekommen. Er war mittlerweile schneeweiß, und er war uralt für einen Riesenaffen.
Fast glaubte sie, Kilian wäre so besessen von den Visionen, dass er nicht mitkommen würde, aber seufzend erhob er sich. Sie fing seinen Blick, und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Da Schlimme war, dass er es ernstmeinte. Sie sah es ihm an.
Und sie wusste nicht, wie sie mit diesem Geheimnis umgehen sollte. Am liebsten wollte sie es ihrer Mum erzählen. Aber… sie hatte es Kilian versprochen.
Gemeinsam verließen sie die Quelle, und Aurora spürte die Erleichterung förmlich. Es war, als löse sich ein schweres Gefühl von ihren Schultern. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dieses Sprichwort stimmte!
Sie würde nicht mehr an diesen Ort hier denken! Mit Glück hatte sie ihn morgen vergessen! Sie hielt nicht von unnötiger Gefahr. Und eigentlich kannte sie ihren Bruder so nicht. Er verhielt sich immer rational und ging nicht einmal gerne jagen. Es war so untypisch, dass ausgerechnet er so besessen von diesen gefährlichen Visionen war.
Es war eine dumme Idee gewesen, wusste Draco jetzt.
Hermine hatte ihn genötigt, hatte sogar tagelang auf Kilian eingeredet, hatte sie gezwungen, wieder miteinander zu sprechen, und Draco wusste, er verhielt sich wie ein Kind. Aber Kilian tat nichts anderes!
Sie waren vor einer Weile in den Wäldern angekommen, und nur dunkel erinnerte er sich an die Zeit mit Hermine hier. Damals. Es war eine gute Zeit gewesen, fand er plötzlich. Und er musste ehrlich sagen, als sie die Zauberstäbe gebaut hatten, war es der Anfang vom Ende gewesen.
Sein Sohn schritt neben ihm, drehte seinen Zauberstab unablässig zwischen seinen Fingern, und Draco konnte sich an keinen Tag erinnern, an dem Kilian den Zauberstab jemals aus der Hand gelegt hätte.
„Wie weit ist es noch?", jammerte sein Sohn gereizt, und sie waren noch nicht einmal drei Stunden unterwegs.
„Noch ein Stück", gab Draco ebenso genervt zurück.
„Wieso brauchst du meine Hilfe?", wollte Kilian schroff wissen.
„Damit, wenn ich sterbe, jemand deiner Mutter die Neuigkeiten überbringen kann", entgegnete Draco bitter. Kilian hob den Blick neben ihm.
„Du bist nicht witzig", sagte er, und Draco fragte sich, wo sein Sohn geblieben war. Wo war der Junge, der zu ihm aufgesehen hatte, der ihn angehimmelt hatte, der nichts anderes als ein guter Jäger hatte sein wollen? Wie konnte Kilian die Schönheit der Insel nicht begreifen? Wie konnte es ihn so kalt lassen? Verstand er nicht, dass er nur wegen der Insel überhaupt existierte? Dass Hermine und er nur wegen der Insel überhaupt zueinander gefunden hatten? Er war ein verwöhnter, fauler Nichtsnutz. Das war sein Sohn. Er verließ sich zu hundert Prozent auf die verdammte Magie, und mit einem Mal fühlte sich Draco an sich selbst erinnert.
Damals. Als er noch nichts gekonnt hatte. Es ärgerte ihn. Denn sie hatten ihre Kinder anders erzogen.
Stur blickte Draco wieder nach vorne. Der Wald wurde dichter. Bald erreichten sie den Platz, wo Hagrids Hütte gestanden hatte. Von da aus war es nicht mehr weit zum See. Denn Hermines glorreiche Idee war es gewesen, dass er und Kilian einen netten Männerausflug hatten machen können, um Auroras Zauberstab zu besorgen. Er und Hermine hatten entschieden, dass sie für jedes ihrer Kinder immer wieder neu zum See reisen würden, als Ritual. Als… schönes Abenteuer. Nicht geplant war, dass Draco alleine mit Kilian dieses Ritual zelebrierte.
Hermine hatte vorgeschlagen, dass sie im Wald übernachten könnten, aber Draco hatte darauf erst recht keine Lust. Ja, er hätte mit Kilian direkt zum See apparieren können, aber stattdessen machte er mit seinem Sohn eine lange Wanderung. Das sollte reichen. Man musste es nicht übertreiben. Kilian wollte nicht alleine mit ihm sein – da würde Draco ihn garantiert nicht zwingen! Er war ebenfalls stolz.
Still lag der Wald vor ihnen. Die Luft war angenehm und der Wind brachte die Kälte der Berge mit sich. Aber Draco war wachsam. Sie waren noch keinem Riesenaffen begegnet, dabei hätten die Nester längst zahlreicher werden müssen. Schon vor einer ganzen Weile. Er teilte diese Information nicht mit Kilian, denn wozu sollte er ihn beunruhigen?
Es war wirklich bemerkenswert, wie sie sich über absolut gar nichts unterhalten konnten. Draco fühlte sich schmerzlichst an seine eigene Beziehung zu seinem Vater erinnert, und er hasste das. Er wollte nicht sein wie Lucius. Er wollte nicht! Krampfhaft dachte er nach, worüber sie reden könnten. Hermine hatte ihm nahegelegt, einfach an Kilian zu denken, und über etwas zu sprechen, was Kilian gefiel. Aber Draco hatte keine Ahnung, worüber Kilian reden wollte. Abgesehen von Magie.
Deshalb schwieg Draco. Seit Stunden. Dieser Ausflug tat ihnen beiden nicht gut, nahm er an. Kilian war kein kleiner Junge mehr, der ihn bewunderte. Dafür hatte Draco jetzt nur noch Scorpius. Kilian hatte sich lange gegen ihn gestellt.
Vielleicht war es an der Zeit, Kilian zu eröffnen, dass er tatsächlich die Insel verlassen würde. Draco redete sich ein, dass es ihm gar nicht mehr so schwer fallen würde, auf Kilian zu verzichten, aber er wusste, er machte sich etwas vor, denn… egal, was passierte, er liebte seinen Sohn. Egal, wie unmöglich er sich benahm!
Sie erreichten die Lichtung, wo die Hütte gestanden hatte. Oft hatte Draco Kilian erzählt, dass die Hütte das Schwert von Godric Gryffindor beherbergt hatte und dass Hermine das Schwert nur aus dem Stein hatte ziehen können, weil es für ihn – Kilian – bestimmt gewesen war. Damals hatte er es nie hinterfragt. Würde Draco die Geschichte jetzt erzählen, nahm er an, dass sein Sohn nicht mehr ganz so blauäugig zuhören würde. Denn früher hatte Kilian nie wirklich gefragt, warum. Warum es sein Schwert war. Was genau er damit anfangen sollte.
Und jetzt wollte Draco diese Geschichte nicht mehr erzählen.
Er fürchtete sich davor, dass Kilian nur auf so eine Gelegenheit wartete. Dass er vollkommen willig war, Hals über Kopf zu gehen. Immer, wenn sich Draco die Zukunft ausmalte, dann war es so, dass Kilian nicht wirklich gehen wollte. Er hatte gelernt, die Insel zu lieben, und dass er ging, war eine grauenhafte Notwendigkeit. Draco hatte es nie so gesehen, dass sein Sohn vielleicht unbedingt gehen wollte, nicht anders konnte, es gar nicht abwarten wollte.
Aber so wie es aussah… gehörte Kilian nicht hier her. Dabei war er hier in diesem Niemandsland gezeugt worden. Draco hatte geglaubt, wer hier gezeugt und geboren worden war, würde niemals gehen wollen. Aber er irrte sich häufiger, was seine Kinder betraf. Es störte ihn.
Es verging eine ganze Weile, und er wusste, Kilian tat Hermine diesen Gefallen. Nicht ihm, nicht Aurora. Und Draco war dankbar, als der Weg abfiel, hinab zum See führte, aber seine Schritte wurden langsamer. Bis er stehen blieb.
Auch Kilian verharrte, wandte den Kopf, und jetzt gerade war keine Zeit mehr für Stolz.
Dracos Instinkte waren aufgewacht.
Und immerhin schien auch Kilian zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war.
Wäre Draco doch alleine losgezogen. Er wandte den Blick auf seinen Sohn du führte stumm den Zeigefinger zu seinen Lippen, um ihm zu bedeuten, kein Geräusch zu machen.
Absolut still setzten sie den Weg fort, aber sonderlich weit mussten sie nicht gehen.
