Part 7 – Hero
Es war selten, dass er mit seiner Mutter trainierte. Sie war zuständig für seine magische Ausbildung, nicht für das Physische, aber seinem Vater ging es noch nicht gut genug. Und es half nicht wirklich, dass seine Geschwister gespannt zusahen. Sein Blick fiel auf seinen Zauberstab, der nutzlos auf dem Verandageländer lag. Er brauchte ihn heute nicht.
Seine Mutter hatte ihn gelobt, nicht übermäßig, aber er wusste, sie tat das lediglich deshalb nicht, damit er sich nicht an das Lob gewöhnte. Er wusste, er hatte seinem Vater das Leben gerettet, und er wusste, für seine Eltern schien dies lediglich zu bedeuten, dass er noch mehr Gefahren meistern sollte.
Und sein Dad hatte ihn gefragt, ob er sich in der Lage dazu sah, ihn noch einmal zu begleiten, um den Bären zu töten, und die letzten Haare vom Einhornschweif zu holen, denn sie gingen davon aus, der Bär hatte das Einhorn getötet. Und Einhornhaar hielt nicht lange, sobald sein Träger verstorben war.
Sie hatten ein Zeitfenster von zehn Tagen, bevor die magische Wirkung gänzlich verloren gehen würde.
Seine Mutter hatte von Schicksal gesprochen, und dass es einfach bedeutete, dass sie keine unendliche Anzahl an Zauberstäben würden machen können.
Kilian war sich da nicht ganz sicher.
Und natürlich hatte er zugesagt, seinen Vater zu begleiten. Er würde ihn nicht alleine gehen lassen, denn egal, welche Differenzen sie hatten – er war fast gestorben vor Angst, als er geglaubt hatte, sein Dad würde von den Affen erschlagen werden. Er hätte nicht weiterleben wollen, ohne ihn.
Es war eine interessante Erkenntnis.
„Noch mal", befahl seine Mum, während sie den Strohsack erneut zum Leben erweckte. Scorpius verbarg sich hinter Holzstreben des Geländers, denn selbst vor dem Strohbären schien er sich zu fürchten. Das Schwert lag schwer in seiner Hand, es war unförmig und ihm fehlte das rechte Gefühl dafür.
Der Strohbär maß die Größe des Grizzlybären am See, und Kilian fixierte den augenlosen Kopf.
„Ziel auf den Unterleib. Immer auf den Unterleib. Der Kopf hat scharfe Zähne, und dass du jemals durch die harte Knochendecke kommst, ist zweifelhaft", belehrte sie ihn kopfschüttelnd, und er verlagerte das Gewicht. Sein Arm, der das Schwert hielt, zitterte unwillkürlich. „Du musst den richtigen Augenblick abwarten. Jedes Tier, egal wie mächtig, gibt seine Deckung irgendwann auf."
Es war schwer, ihren Anweisungen zu folgen, während sich fünfzig Kilo Stroh in Bewegung setzten, um ihn niederzustrecken. Selbst Skills sah ihnen mäßig interessiert zu, aber an Verteidigung und Hilfeleistung dachte der alte Affe schon lange nicht mehr. Er beobachtete den Kampf wie etwas, das ihn gar nicht betraf. Aber wahrscheinlich konnte der Affe riechen, dass es sich lediglich um Stroh handelte. Und Kilian sah den Affen mittlerweile mit anderen Augen, denn er konnte noch genau erkennen, wie agil und gefährlich Skills einst gewesen sein musste.
Und die Geschichten seines Vaters, dass er mit Skills wilde Tiger und Dutzende Mordeos getötet haben sollte, versetzte Kilian mittlerweile in sanfte Aufregung, denn fast konnte er es sich selber vorstellen.
Und er mochte nicht, dass ein dämlicher Grizzlybär seinem tapferen, unbesiegbaren Vater auf einmal gefährlich werden konnte. Er mochte es gar nicht!
Und als er sah, dass der Bär seinen Lauf begann, den Angriff startete, riss er das Schwert in die Höhe, holte aus, passte den Moment ab, als der Bär ebenfalls auf die Hinterläufe stieg, um nach ihm zu schlagen, und mit einem Schrei stieß er die silberne Klinge nach vorne. Fast sang das Schwert zwischen seinen Händen, als sich die Klinge durch das Stroh bohrte, mühelos nach vorne glitt, und zum ersten Mal begrub das Gewicht des Strohs nicht Kilians gesamte Gestalt – nein! Zum ersten Mal kippte der Bär zur Seite, und triumphierend zog Kilian die Klinge aus dem Leinen.
Einen Strohbären zu besiegen war natürlich weniger beeindruckend als einen echten Bären, aber Scorpius klatschte laut in die Hände und grölte, als hätte Kilian sämtliche Gefahren der Insel gebannt.
„Ganz ruhig, Scor", meinte Aurora grinsend. „Das ist nur ein Vorgeschmack", behauptete sie mit verschränkten Armen. Und Kilian wusste, Aurora würde nur zu gerne mitkommen, nur zu gerne beweisen, dass sie dumm und mutig war, und sie würde nicht mal trainieren wollen.
„Gut gemacht", bekam er das knappe Lob von seiner Mutter, bevor ihr Ausdruck wieder ernst wurde. „Noch mal", befahl sie wieder, und Kilian hatte kaum Zeit sich zu erholen, bevor sie den Bären wieder zum Leben erweckte.
Irgendwann wurde es selbst Aurora zu langweilig zuzusehen, und Kilian spürte seine Arme kaum noch. Seine Muskeln zitterten unter dem Gewicht des Schwertes, sein Rücken war klatschnass, aber auch noch zwei Stunden, war seine Mutter noch nicht bereit, eine Pause einzulegen.
Er war gut geworden. Verdammt gut, fand er. Er war noch exakt zweimal vom Bären begraben worden, und das war eine Stunde her. Sie wechselte mittlerweile die Gegner, verwandelte den Bären hin und wieder in einen riesigen Tiger, dann in ein Monster mit gleich fünf riesigen Köpfen, und Kilian interessierte sich vielmehr für den Substanzzauber, den seine Mutter benutzte, um das Strohtier auf achtfache Größe wachsen zu lassen, aber er stellte keine Fragen, sondern schaltete auf einen sehr stumpfen Kampfmodus, und besiegte einfach jede Bestie, die sie ihm vorsetzte, ohne nachzudenken. Instinktiv köpfte er das Monster mit den vielen Köpfen, auch wenn sie ihm ebenfalls riet, sich nicht auf den Kopf zu konzentrieren, sondern, egal wohin zu stechen.
Zumindest wurde er von keinem Strohmonster mehr besiegt, und gerade, als er nicht mal mehr Lust hatte, sich zu beschweren und nach Pausen verlangte, hörte sie auf. Sie hexte den Klumpen Stroh wieder zur Seite und dann kam sie lächelnd auf ihn zu.
„Ich bin so stolz auf dich", flüsterte sie, ehrlich gerührt und zog ihn unter Tränen in ihre Arme. „Ich liebe dich so sehr, das weißt du, oder?", fragte sie ihn, während es ihm unangenehm war, sie in seinen Schweiß zu tränken, aber seiner Mum war es egal.
„Äh… klar?", entfuhr es ihm erschöpft, und sie nahm sein Gesicht in seine Hände.
„Du bist mein Held, Kilian", flüsterte sie, rieb über seine Wangen, und er starrte stumpfsinnig nach vorne. Wasser. Durst. Er konnte nicht mehr. Seine Glieder zitterten taub, und sie legte den Arm um ihn und zog ihn mit sich.
Er hatte nicht gemerkt, dass sein Dad am Geländer lehnte. Müde hob sich sein Blick. Immerhin stand sein Dad wieder. Die letzten Tage hatte er gelegen, und Aurora hatte sich um die Beute gekümmert.
„In zwei Tagen werden wir aufbrechen, wenn du bereit bist", informierte ihn sein Vater, und auch in seinen Augen schimmerte es verdächtig. Weinte er auch? Oder halluzinierte Kilian langsam aber sicher…?
„Mh", machte er bloß.
„Na los, umziehen und dann gehst du unter den Fällen duschen", sagte sein Vater versöhnlich, und mit einem abwesenden Lächeln folgte er dem Befehl.
Er konnte nicht leugnen, dass es etwas Befriedigendes an sich hatte, Strohtiere zu besiegen. Er nahm an, es fühlte sich um Längen besser an, wenn es echte Monster waren. Fast juckte es ihn in den Fingern, dem Bären zu begegnen. Es könnten aber auch nur Erscheinungen der Erschöpfung sein. Er wusste es nicht mehr.
„Und wenn er von der Seite kommt – immer mit der Front zum Gegner!", belehrte Aurora ihn in einem Tempo, dass er mehrfach blinzeln musste. Es war ziemlich früh, die Sonne war noch nicht aufgegangen. „Du darfst ihm nie deine Schwächen zeigen! Augenkontakt, Kil! Immer Dominanz demonstrieren!" Er tauschte einen knappen Blick mit seinem Vater, und dieser schenkte Aurora ein Lächeln.
„Ich denke, er weiß Bescheid", sagte dieser nun mit einem sanften Nicken.
„Ok, Dad", erwiderte Aurora mit Nachdruck. „Wow, ich würde so gerne mitkommen!", entfuhr es ihr neidisch, und seine Mum reagierte sofort.
„Auf gar keinen Fall!", fuhr sie Aurora an, zog sie am Arm zu sich und drückte sie kurz an sich. Aurora löste sich sofort von ihr und seufzte enttäuscht.
„Aber das nächste Mal!"
„Den nächsten Bären darfst du erledigen, ja", bestätigte sein Vater gönnerhaft, und Kilian konnte nicht verhindern, seinen Vater immer wieder mit Sorge zu fixieren. War er schnell genug? Wäre er in der Lage, zu kämpfen? Er musste es annehmen. Er musste einfach schneller sein. Er musste einfach den Bären töten! Kurz und schmerzlos.
Seine Mutter drückte ihn fest an sich, ließ ihn gar nicht mehr los.
„Komm wieder zurück, ja?", sagte sie still und strich über seine hellen Haare.
„Ja, Mum", versprach er blind, ohne zu wissen, ob es stimmte, aber er hatte es felsenfest vor. Und dann wandte sie sich an seinen Vater. Und dieser schloss den Abstand zu ihr, ohne Worte und küsste sie so schamlos, dass Kilian mit hochroten Wangen den Blick senken musste. Aurora machte unpassende Würgegeräusche, aber seinem Vater schien das egal zu sein.
„Wehe, du kommst nicht wieder, Malfoy", warnte seine Mum ihn leise, und Kilian verstand dieses seltsame Spiel nicht, wo sich seine Eltern mit dem Nachnamen ansprachen. Seine Stirn runzelte sich leicht.
„Keine Angst", antwortete die raue Stimme seines Vaters. „Ich habe doch den Helden dabei", wandte er sich an ihn, und Kilian fühlte sich seltsam. War es… Selbstbewusstsein? Stolz? Irgendetwas davon? Und sehr kurz dachte er an die Vision, die er gesehen hatte. An den Brief, den Lily geschrieben hatte. Er dachte häufiger an sie, auch wenn er nicht sicher war, warum. Manchmal träumte er von ihr. Eine Weile war er nicht mehr bei der Quelle gewesen.
Er war Klassenbester der Ausbildung. Welcher Ausbildung? Kilian war überzeugt, sie hatte ihm geschrieben. Und wenn er irgendworin Klassenbester war, dann war er fähig, seinen Vater nach Hause zu bringen. Er wusste das.
Und er wusste, wenn in Zukunftsvisionen Briefe an ihn geschrieben wurden, dann würde er heute nicht sterben.
Der Bär würde ihn nicht töten, und das war das einzige, was ihm nicht die Knie schlottern ließ. Für Lily, das unbekannte Mädchen in seinen Visionen, und für seinen Dad würde er den Bären töten.
„Lass uns gehen", sagte Kilian, und wieder bekam seine Mutter den schrecklich rührseligen Ausdruck. „Schnell, bevor sie weint", ergänzte er kopfschüttelnd, und sein Vater lächelte.
„Ja, sie ist weich geworden. Glaub mir, das hätte es früher nicht gegeben", erwiderte er, und seine Mum schüttelte warnend den Kopf, aber sie lächelte dabei.
„Wenn ihr nach Hause kommt, gibt es eine Überraschung. Also… strengt euch an", befahl sie ihnen, und scheu winkte Scorpius ihnen, als sie endlich losgingen. Und dieses Mal durfte Kilian apparieren. Dieses Mal wurde es ihm nicht verboten, und wenn er drüber nachdachte, dann verbat sein Vater ihm gar nicht mehr….
Seltsam. Vielleicht war er noch nicht stark genug, um ihn zu maßregeln. Es machte Kilian etwas Sorge, aber er würde garantiert nicht um mehr Strafen betteln. Er war ganz froh, dass er und sein Vater wieder sprachen, gut zurecht kamen und… einen Bären jagen gingen. Es war ein echtes Abenteuer.
Wie in der Geschichte. Kurz stockte er. Tante Ginnys Geschichte, dachte er dumpf.
Vielleicht musste er auf einen Baum klettern heute…. War es in der Geschichte nicht so gewesen? Es würde sich zeigen, nahm er an.
Sie apparierten zum Rand des Dschungels, hoch in die Berge, und weiter zu der Stelle, wo das Schwert vergraben gewesen war. Nur ein Haufen Asche lag dort, wo er die feindlichen Affen in Brand gesetzt hatte. Magische Flammen verbrannten nur, was sie verbrennen sollten. Es war praktisch. Und es war nötig, denn der Geruch der Verwesung lockte nur die falschen Biester an.
Sie apparierten auf die hohen Felsen, die den See umgaben. Und selbst auf dieser Höhe rochen sie die modrigen Körper der Wasserwandler. Der tote Wandler im Wasser schien bereits untergegangen zu sein. Der andere Körper lag noch immer vor dem See.
Kilian wusste, sie könnten ihn von hier aus mit dem Incendio in Brand setzen, aber der Bär würde es sehen, wäre er in der Nähe. Und er würde es riechen. Und dann hätten sie ihr Versteck verraten. Am besten überraschten sie ihn.
„Er wird nicht hier sein", bemerkte sein Vater jetzt still.
„Wegen des Geruchs?", vermutete Kilian, ohne den Blick zu wenden.
„Ja. Das hat ein Gutes", fuhr sein Vater fort, aber Kilian verstand.
„Wir können das Einhornhaar holen", bestätigte er nickend. „Wird es sichtbar sein, wenn wir mit Zauberstäben apparieren?", erkundigte er sich unsicher, aber sein Vater nickte dunkel.
„Das unschuldige Wesen ist tot. Ich denke, der Zauber der Insel ist aufgehoben." Kilian nickte. Er hatte sich sowas auch schon gedacht.
„Ok. Zusammen?" Und er fürchtete sich vor den Worten seines Vaters.
„Nein. Einer sollte die Stellung halten, beobachten. Rückendeckung, du weißt doch", ergänzte er mit eindeutigem Blick. Kilian nickte langsam. „Ich weiß, wonach wir suchen müssen. Ich appariere auf die Insel, besorge die Haare, das Holz und komme wieder zurück." Kilian war nicht begeistert von diesem Plan. „Sollte der Bär frühzeitig wieder kommen, setzt du den Wandler in Brand, dann appariere ich zurück."
Kilian seufzte. Es machte am meisten Sinn. „Ok", bestätigte er angespannt. „Beeil dich."
Sein Vater nickte, und schon war er appariert.
Kilian hielt den Atem an, sah ihn auf der Insel landen, und dann verschluckten ihn die Schatten der Bäume. Er lauschte nach unten. Alles war still. Schwärme von Insekten umgaben den toten Wandlerkörper, und sein Dad würde Recht haben. Der Bär war nicht mehr hier. Es war abartig hier. Und der Bär würde wissen, dass das Fleisch des Wandlers giftig und ungenießbar war. Er würde tiefer im Wald verborgen sein. Bären hatten Höhlen oder Kuhlen, hielten sich selten auf offenen Flächen auf, wusste er.
Und in der Vision hatte der Junge eine Falle gelegt und hatte im Baum gewartet, und je länger er darüber nachdachte, umso sinnvoller erschien es ihm. Was, wenn er tatsächlich dieser Junge war? Was, wenn diese ganzen Geschichten, die Tante Ginny erzählte, irgendwie Wahrheit wurden? War das möglich? Er war sich nicht sicher. Hier war vieles möglich.
Und das Warten nagte an seinen Nerven. Er konnte seinen Dad nicht sehen, hörte aber auch keine Kampfgeräusche. Er spürte das Gewicht des Schwertes auf seinem Rücken. Abwesend drehte er den Zauberstab in der Hand. Aus den Augenwinkeln suchte er die Umgebung ab, denn er würde sich nicht heimlich angreifen lassen, aber was sollte der Bär so hoch oben wollen? Hier gab es nichts.
Und die Zeit verging. Eine Minute, zwei Minuten. Nach fünf Minuten war Kilian bereit, seinem Vater zu folgen, aber er kaute auf seiner Unterlippe, wartete noch ein wenig länger, und dann sah er plötzlich weiter hinten aus entfernten Baumwipfeln Vogelschwärme aufflattern, als hätte etwas sie aufgeschreckt. Es war keine zwei Kilometer entfernt.
Und er war überzeugt, dort mussten sie suchen! Gebannt fixierte er wieder das Ufer des Sees. Wo blieb er, Merlin noch mal?
Und gerade, als er die Nerven verlieren wollte, trat sein Vater ins Sonnenlicht, die blonden Haare auffallend hell. Und schon war er verschwunden und apparierte keine Sekunde später neben ihm.
„Hast du alles?", wollte Kilian atemlos wissen, und sein Blick überflog die Erscheinung seines Vaters, aber er war unverletzt.
„Ja", bestätigte er grimmig, und Kilian runzelte die Stirn. „Ein totes Einhorn ist kein schöner Anblick. Es ist… einfach nur traurig", erläuterte er, und jetzt erkannte Kilian die Rauchschwaden, die von der Mitte der Insel empor stiegen. Sein Vater hatte es noch in Brand gesetzt. Kurz war Kilian enttäuscht. Er hätte es gerne noch gesehen. Aber… vielleicht wollte er ein totes Einhorn auch gar nicht sehen wollen.
„Dort hinten, bei den Rotrinden, haben Vogelschwärme die Bäume fluchtartig verlassen." Er brannte darauf, es seinem Vater zu erzählen.
„Dann ist das unser Ziel", bestätigte er knapp, bevor er die Nase verzog und auf lange Distanz den Wandler in Brand setzte. „Dann wird es niemanden stören, wenn wir den unwürdigen Tod der Wesen bereinigen. Und Kilian war dankbar. Der Geruch verursachte ihm bereits Kopfschmerzen.
Aber in die Bäume konnte sie nicht apparieren. Es war gefährlich. Er hatte es schon mehrfach ausprobiert und war jedes Mal gestürzt.
Sie würden klettern müssen. Aber das hatte er sich bereits gedacht. Er würde eine Falle legen und klettern. Wie in der Vision.
Ihm kam es so vor, als hätte Kilian bereits Pläne, als wisse er bereits, was zu tun war. Er bewegte sich lautlos mit Bedacht, und Draco war ehrlich beeindruckt. Sein Sohn zeigte nicht die geringste Spur von Furcht. Vielleicht empfand er sie, aber nach außen ließ er sie nicht dringen. Sie bewegten sich in den Schatten der Sträucher, näherten sich den Rotrinden in großzügiger Entfernung, gegen den Wind. Und sie hatten die Abmachung getroffen, dass sie sofort zur Lagune apparieren würde, sobald es brenzlig wurde.
Und Draco hatte Kilian den ersten Versuch eingeräumt. Das Schwert hing über Kilians Rücken, bereit zum Einsatz. Vielleicht war es gefährlich, aber Kilian sollte die Chance bekommen. Wer wusste schon, wann er das nächste Mal eine echte Gefahr, mit nichts als einem Schwert würde bannen können? Nun, Draco wusste es, aber… davor. Davor würde es vielleicht keine Möglichkeit mehr geben. Das war Kilians Feuerprobe. Ganz einfach.
Und bisher nahm sein Sohn diese Aufgabe sehr ernst. Wahrscheinlich half es, dass Draco das letzte Mal beinahe umgekommen war. Es ging ihm gut. Seine Reflexe waren noch immer schnell, seine Rippe schmerzten nicht mehr, sein Kopf…- seinem Kopf war es schon mal besser gegangen, aber so ein Trauma dauerte seine Zeit. Es war alles noch mal gut gegangen. Gerade so.
Und vielleicht war es nötig gewesen, überlegte Draco. Alles hier hatte seinen Sinn, seine Berechtigung. Manche Gefahren wurden von anderen Gefahren abgelöst, wie die Wasserwandler, die vom Bären abgelöst wurden. Und vielleicht war Kilian die neuere, schnellere Version von ihm selber.
Es war kein guter Gedanke, aber… es war auch kein schlechter.
Und dann hielten sie inne. Er sah sich um. Sie hatten das Nest gefunden. Die breite Kuhle, gegraben in die lose Erde. Es war natürlich mehr als eigenartig, dass ein Schwarzbär in subtropischen Zonen auftauchte, aber hier war alles möglich.
Draco nickte, als Kilian ihn fragend ansah, und sein Sohn schien zum Leben zu erwachen.
„Wir müssen auf die Bäume", flüsterte Kilian. „Er wird hierher zurückkommen, nicht?", wisperte er, und Draco nickte langsam.
„Auf die Bäume?", wiederholte er, und Kilian nickte.
„Kletter vor. Ich lege eine Falle", fuhr er fort, und Draco starrte ihn an.
„Was?" Er konnte nicht verhindern, skeptisch zu klingen.
„Ich weiß, dass es funktioniert. Vertrau mir. Dieses eine Mal", versicherte Kilian ihm, mit einem eigenartigen Ausdruck auf dem Gesicht. Und Draco wollte widersprechen. Alles in ihm, die Erfahrung, die Sicherheit, alles sträubte sich gegen diesen Plan. Denn es war unmöglich von den Bäumen aus zu apparieren. Im schlimmsten Fall drehten sie sich, bekamen nicht genug Schwung und stürzten in die Tiefe. Und dort würden sie vielleicht das Pech haben und nicht direkt sterben, sondern nur gelähmt sein und bei vollem Bewusstsein, wenn der Bär sie fressen würde.
„Kilian", begann Draco kopfschüttelnd, aber sein Sohn blieb hart.
„Draco, bitte", benutzte er seinen Namen, und das alleine kam selten genug vor. Eigentlich nie. Das lästige Wort ‚Vater' hatte Kilians Lippen verlassen, als er gerade mal drei Jahre alt gewesen war. Nur selten nannte er ihn ‚Dad', und niemals nannte er ihn Draco. Wirklich nicht. Und Draco wusste, es war sentimental und wahrscheinlich wirklich dämlich, und Hermine würde ihn umbringen, wenn es der Bär nicht tat, aber… Draco gab nach. Was sollte er tun? Er vertraute seinem Sohn. Er schuldete ihm so viel.
„Ok. Keinen Grubenzauber. Wir werden ihn nicht effektiv verletzen können", warnte Draco ihn, und Kilian nickte.
„Lianenzauber", schlug er vor, während Draco den Aufstieg begann. Er wusste, Kilian ließ ihm den Vorsprung, weil Draco noch nicht topfit war. Und Draco hasste, dass es stimmte. Er brauchte direkt drei Anläufe, um überhaupt Trittsicherheit zu haben. Aber die Bäume waren alt, und die Rinde war knotig und half beim Aufstieg.
„Ja, aber der geht auf Zeit", ächzte Draco, als er sich nach oben zog. „Der wird den Bären nicht ewig halten können", ergänzte er angestrengt und stellte den Fuß in die nächste Kerbe der Rinde.
„Das muss er auch nicht. Nur solange, bis ich unten bin."
Draco wurde schlechte, bei dem Gedanken daran, aber es bestand die Chance, dass es funktionieren würde.
Als er auf halber Höhe war, hatte Kilian die Lianen präpariert. Sie würden zuschnappen und sich um die Gelenke des Bären schlingen, sobald er vor seiner Kuhle angekommen war. Und dann würde er ausrasten und sich befreien wollen. Draco schätzte, dass ihnen kaum eine Minute bleiben würde.
Es war wenig Zeit, eigentlich zu wenig für einen Freiversuch seines Sohnes, aber er kletterte weiter.
Dann folgte sein Sohn, suchte sich den nächsten Baum aus, und tatsächlich war er schneller. Er war auch jünger, sagte sich Draco grimmig und bemühte sich, zumindest eher anzukommen, als Kilian. Er schaffte es gerade eben so.
Zwischen ihren Bäumen lag ungefähr ein Meter freier Fall. Sie befanden sich auf vielleicht fünf Meter Höhe. Ein Sprung wäre… gefährlich, aber nicht tödlich. Nicht zwangsläufig. Ein gebrochenes Bein, unter Umständen.
Aber kein Genickbruch. Je nach dem war das gut und schlecht gleichzeitig. Je nach dem….
Und dann warteten sie. Und sie warteten eine ganze Weile. Zunächst hatten sie geschwiegen, bis es Draco zu langweilig wurde. Es war eine halbe Stunde vergangen, schätzte er. Und sie begannen zu sprechen. Er fragte Kilian, was er mittlerweile alles für Zauber beherrschte und Kilian fragte ihn, wie er die erste Zeit auf der Insel hatte überleben können – und warum in Merlins Namen sie überhaupt zurückgekehrt waren. Lächelnd beantwortete Draco seine Fragen, erzählte von seiner Strafe, von Askaban, von den schlechten Dingen dieser fernen Welt. Und er war sich nicht sicher, was Kilian denken musste.
Und irgendwann sah er ihn an.
„Hast du im Krieg jemanden getötet? Mit dem Avada?" Er sah ihn aufmerksam an, beinahe furchtvoll.
„Ja", erwiderte Draco dann, wenn auch nach gewissem Zögern. Er war nicht stolz darauf. Es gab nichts, worauf man im Krieg stolz sein könnte. Seine Seite hatte zumindest nichts besessen, was Stolz rechtfertigen würde.
„Als ihr… ankamt hier", fuhr Kilian fort, und Draco ahnte, was er fragen wollte. „Wolltest du Mum töten?" Draco atmete lange aus.
„Ich denke schon", sagte er nach einer Weile. Kilian schwieg. „Ich denke, wir… wollten uns beide töten, aber… letztendlich hätten wir es nie gekonnt. Wir hatten genügend Gelegenheiten." Die Erinnerung schien so weit entfernt. Dass es eine Zeit gegeben hatte, dass er Hermine hatte töten wollen, wirkte so falsch in seiner Erinnerung. Und wahrscheinlich war es nicht klug, es seinem Sohn zu erzählen, dachte er dumpf.
„Und dann?"
„Dann?", wiederholte er, und Kilian schien ein wenig Farbe in den Wangen zu bekommen.
„Dann hast du dich in sie verliebt?", fuhr er etwas beschämter fort, und Draco musste übergangslos grinsen.
„Das… kann man so sagen, ja", erwiderte er, obwohl er es so niemals sagen würde. Verliebtsein bedeutete für ihn eher etwas altmodisches, wie, dass er einem Mädchen Blumen schenkte, sie zum Essen ausführte. Wohl kaum, dass sie gegen schwarze Tiger kämpften, sich anschrien und hassten bis aufs Blut, sich Fallen stellten, bis zu dem Zeitpunkt, wo sie sich einfach nur die Klamotten vom Leib reißen wollten. Obwohl – vielleicht war es Verliebtheit gewesen. Sein Grinsen wurde breiter.
„Was?" Kilian reagiert sofort. Gut, dass Draco nicht rot wurde.
„Es war… weniger romantisch als das", räumte er schließlich ein, und er hatte bereits das Gespräch mit seinem Sohn geführt, hatte ihm nüchtern erklärt, wo Babys herkamen, was man tun musste, um Babys zu zeugen, und er glaubte nicht, dass er fabelhafte Arbeit geleistet hatte, aber es war um Längen besser gewesen, als von den verdammten Hauselfen aufgeklärt worden zu sein, die ihm erschreckende Märchen von ewigem Verhängnis und Qual zur Gute Nacht erzählt hatten, wann immer sich zwei Menschen nackt trafen. Herrliche Kindheit, dachte er seufzend.
„Hast… hast du sie geküsst? Wie heute?" Draco musste tatsächlich sehr kurz den Blick senken. Sein Sohn hatte viele Fragen, aber er nahm an, es war das Alter dafür. Und er wusste, sofern seine Kinder nicht gerne Mönche sein würden, war diese Zukunft auf der Insel nicht für die Ewigkeit geplant. Er wusste das. Kilian würde gehen, und er war sich sicher, er und Hermine und… Aurora und Scorpius würden ebenfalls gehen. Denn… seine Kinder wollten bestimmt eine Familie gründen, oder? Kurz war er abgelenkt. „Dad?" Er hob den Blick. Richtig, die unangenehme Frage hing noch zwischen ihnen.
„Ahem… ja", bestätigte er schlicht.
„Und… das hat ihr gefallen?" Kilian wirkte ehrlich interessiert, und Draco hatte keine Ahnung. Ihr erster Kuss war nicht unbedingt… nun… perfekt gewesen. Er hatte gedacht, er würde träumen, sie hatte sich küssen lassen – und dann war er wie ein Feigling abgehauen.
„Wir… wir hatten eigentlich beschlossen, nicht… zusammen zu sein", sagte er schließlich. „Weil… deine Mum damals einen Freund hatte", schloss er, denn richtig. Das vergaß er gerne und häufig.
„Ja?" Kilians Augen wurden groß. „Wen?"
Und ha ha. Tatsächlich wusste Kilian sogar, wer Hermines Loverboy gewesen war, dachte Draco dumpf. Er kannte die Fotos schließlich. Er verdrehte die Augen. Er sollte wirklich den Mund halten. Kilian musste nicht alles wissen. „Wen?", wiederholte Kilian gespannt.
„Onkel Ron", sprach Draco den Namen mit dem Mindestmaß an Abscheu, was er zustande brachte, und Kilians Mund klappte auf.
„Onkel Ron?!", wiederholte er ungläubig, und gerne würde Draco Hermines Gesicht sehen, während sein Sohn nichts abwegiger hielt, als die Tatsache, dass Hermine mal mit Weasley-ist-unser-King zusammen gewesen war. „Mit dem… rothaarigen Mann? Dem Mann von Tante Pansy?" Draco verdrehte die Augen.
„Sofern er und Pansy tatsächlich geheiratet haben." Denn er glaubte es nicht. Es passte doch niemals.
„Wow", entfuhr es Kilian kopfschüttelnd. „Das ist doch verrückt."
„Ja", bestätigte Draco und verschwieg, dass er und Pansy in der Schule ebenfalls ein Paar gewesen waren. Es musste alles nicht noch schlimmer werden.
„Aber… sie hat dich genommen?"
„Offensichtlich", bestätigte er mit hochgezogener Braue.
„Ich meine…" Und Draco war wirklich überrascht über so viel Interesse.
„Es war nicht geplant. Ich wollte… zurück, nach Askaban, meine Strafe absitzen. Das Richtige tun", schloss Draco achselzuckend. „Aber… deine Mum war dagegen", ergänzte er, und seine Mundwinkel zuckten. „Nachdem sie schwanger wurde, hier auf der Insel, hatte sie sich ihren eigenen kleinen Plan zurechtgelegt." Und den Rest der Geschichte kannte Kilian. Die Problematik mit seiner Geburt, weswegen sie nach England zurückgekehrt waren, die entgangene Haftstrafe. Das Leben auf der Insel.
„Und das war alles? Mum war dagegen, und du… du hast dich gefügt?" Kilian sah ihn an, als würde er ihn durchschauen.
„Ich liebe dein Mum", begann Draco. „Und… mein Vater hat mir eine sehr finstere Zukunft aufgezeigt, die passiert wäre, wäre ich geblieben, Kilian." Kilian wirkte höchst interessiert. „Ich wäre im Gefängnis gewesen, und meine Eltern hätten es geschafft, dich ihr wegzunehmen. Denn… so etwas tun meine Eltern für gewöhnlich. Sie nehmen alles, was gut ist und… verwandeln es in etwas Schlechtes", schloss er bitter.
„Haben wir deshalb keine Erinnerungen an sie hier?", wollte er stiller wissen, und Draco atmete aus. Er glaubte nicht, dass er eine Nacht ruhig hätte schlafen können, hätte er das Einhornfell, die Schrumpfköpfe oder den Stammbaum von Zuhause mitgenommen.
„Sie sind… anders als… wir", begann er ein wenig ratlos. „Nicht sonderlich nett. Nicht wie… Potter und die anderen", schloss er kurz angebunden. Kilian schwieg nachdenklich, blickte in die fernen Baumwipfel, und Draco konnte nicht einschätzen, was sein Sohn dachte. Der Bär ließ auf sich warten, jagte ihnen das Essen vor der Nase weg, und ihnen ging der Gesprächsstoff aus.
„Dad?" Kilian riss ihn aus seinen Gedanken, und Draco sah ihn wieder an. „Wusstest du sofort, dass du für immer hier auf der Insel bleiben wolltest?" Und tatsächlich musste Draco lächeln.
„Ich… wollte fort von hier, ab der Sekunde, als ich mitten im Dschungel aufgewacht bin", erwiderte Draco. „Ich habe jede Sekunde darauf verschwendet, einen Weg nach Hause zu finden. Es war… die Hölle, so wie ich sie mir vorgestellt habe", schloss er, und Kilian konnte ihn nur mit großen Augen anstarren. „Und die Insel hat geholfen. Sie hat uns Wege gezeigt, wie wir nach Hause kommen können. Damit wir irgendwann wiederkommen können", ergänzte er und seufzte auf. „Als ich gewusst habe, dass Hermine die eine ist, die richtige, wollte nicht mehr fort von hier. Ich hätte Zuhause niemals mit ihr zusammen sein können. Und nicht… nicht nur wegen Askaban. Wegen… tausend anderen Dingen."
„Deinen Eltern?", sagte Kilian leise.
„Meine Eltern, ihre Freunde – es wäre… hart gewesen. Ich hatte genug von England, von der Stadt, der Politik, dem Krieg und dem Leben nach dem Krieg. Ich konnte die Geschichten nicht mehr hören, die Gesichter nicht mehr sehen", kamen die Gedanken an die Oberfläche, und er wusste nicht, ob Kilian das verstand. Wahrscheinlich nicht. Sein Sohn kannte den Krieg nicht, und es war gut so. „Und ich bin mir sicher, wenn du älter bist, wirst du es verstehen. Wenn du älter bist, wirst du sehen, was für ein unglaubliches Geschenk diese Insel ist."
„Ja", erwiderte Kilian dumpf, und fast hätte Draco gelächelt, denn sein Sohn war natürlich noch nicht so weit, dass er mit Wehmut an die Insel zurückdachte. Jetzt gerade hasste er es hier wahrscheinlich.
Und es gab einen sehr guten Grund. Dieser schlug sich gerade durch das Dickicht in ihre Richtung. Sofort zogen sie die Köpfe ein, auch wenn der Bär nicht nach oben sah. Aber scheinbar nahm er ihre Witterung auf. Seine Schritte wurden langsamer, und Draco fixierte das Untier. Es war wesentlich größer, als ein normaler Bär. Das Fell filzig und schwarz. Auch von hier erkannte er die blutige Nase des Bären. Sie glänzte regelrecht. Er hatte also gefressen. Aber dieses Tier jagte sie nicht, weil es hungrig war.
Dieses Tier jagte sie, um sie zu töten. Zögernd kam der Bär näher, reckte die Nase in die Höhe, wandte den Kopf zurück, konnte sie aber nicht entdecken.
Und es war ein kluges Tier. Der tierische Blick hob sich langsam zu den Wipfeln. Und Draco konnte praktisch sehen, wie blinde Wut das Tier schüttelte, als es markerschütternd schrie. Er hatte sich keine großen Gedanken gemacht, ob der Bär auch auf diese Bäume würde klettern können. Es war aber unerheblich, denn um die Bäume zu erklimmen, würde er zwangsläufig in den Zauber geraten.
Neben ihm ging Kilians Atem sehr schnell. Sie hatten nicht viel Zeit, und Draco wusste, er würde mit Kilian absteigen. Absteigen müssen, denn sonst würde er keine Chance bekommen, Kilian zu helfen.
Der Bär stürmte voran, der Zauber wirkte. Mit einem sausenden Geräusch schnellten die Lianen vor, schlangen sich erbarmungslos um die vier Beine des Bären, und kurz wirkte er mehr als überrascht über diese Falle. Er grunzte verwirrt, versuchte, sich zu bewegen, aber die Lianen hielten ihn stramm an derselben Stelle.
Und das war das Zeichen. Kilian sprang fast in Bewegung, kletterte zügig hinab, und Draco folgte. Unter sich hörte er das Tier, sah, wie es versuchte, zu entkommen, wie es den Kopf verrenkte um die Lianen durchzubeißen, aber noch gaben sie nicht nach.
Es dauerte zu lange. Er brauchte viel zu lange für den Abstieg, aber Kilian war schnell! Draco hörte, wie der Bär tobte, wie die Bäume ächzten, wie die Lianen nachgaben, denn selbst die stärkste Pflanze würde einen solchen Bären nicht halten können. Er hörte, wie Kilian mit einem Sprung unten ankam, wie der Bär brüllte, und als er nach unten sah, erkannte er, dass die erste Liane bereits locker am Boden hing, dem Bären Spielraum gab, und ohne Zögern schlug die haarige Pranke nach seinem Sohn, Draco kletterte schneller, und Kilian zog das Schwert.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie Kilian den Bären bedrohte, ihm nicht den Rücken kehrte, wie er versuchte, zu der Seite zu gelangen, die der Bär noch nicht frei bewegen konnte, und mit einem zornigen Brüllen, befreite der Bär die zweite Vorderpranke. Er stieg auf die Hiterbeine, überragte Kilian um einen halben Meter und warf sich gegen die übrigen Fesseln, versuchte, ihnen zu entspringen.
Kilian blockte den Angriff mit dem Schwert, schlug dem Bären gegen die Nase, und das Tier heulte auf. Draco landete am Boden, und der Bär schenkte auch ihm einen zornigen Blick. Draco zögerte nicht, zog das Messer und warf es mit Präzision in den Rücken des Tiers. Es surrte durch die Luft, und mit einem fleischigen Geräusch, blieb es schmerzhaft im Bärenrücken stecken, und der Bär brüllte auf.
Immerhin unterband er damit einen zufälligen Besuch der Riesenaffen.
Der Schmerz gab ihm Antrieb, und auch das dritte Bein war schnell befreit. Wie ein seltsam gefährliches Zirkustier, lief der Bär praktisch im Kreis, aufgehalten durch die letzte Liane, die ihn hielt. Kilian fand nicht den richtigen Angriffspunkt, und Draco zog sein zweites Messer, um Kilian ein Momentum zu verschaffen. Er bewegte sich hinter dem Bären, während Kilian sich auf die Front konzentrierte, und warf sein zweites Messer.
Der Erfolg war ähnlich, denn zitternd blieb es auf der rechten Seite des Bärenrücken stecken, aber diesmal mit mehr Effekt. Der Bär knickte kurz ein, schrie wieder auf, und dieses Mal griff Kilian an. Er sprang zur linken Seite, holte aus, und bevor, der Bär reagieren konnte, nahm sein Sohn schreiend Anlauf, nur um das Schwert, mit der Spitze voran, durch die Seite des Tiers zu treiben.
Draco hielt den Atem an.
In Zeitlupe wandte der Bär den Blick, starrte seinen Sohn mit glühend roten Augen an, und dieser Bär war keine Strohpuppe, die getroffen zu Boden sank. Er holte aus, und Draco reagierte. Er sprang ab, direkt auf den Rücken des Tiers, klammerte sich an die beiden Messergriffe, und der Bär stieg in die Höhe. Draco zog, entfernte die Messer aus dem Leib und fiel auf den Boden zurück. Der Bär schrie vor Schmerz, und Kilian tat es ihm gleich, schien zu begreifen, dass der Stoß nicht das Herz getroffen hatte, und ging mutig nach vorne, legte die Hände um den Knauf des Schwertes und zog es mit aller Kraft wieder zurück. Der Bär wurde wild, aber schon war Draco auf den Beinen, sprang mit beiden Klingen in den Händen wieder voran, blind auf den Rücken, und stieß wieder zu.
Er traf zwei neue Stellen, durchtrennte Sehnen und Muskeln, und wusste, Kilians nächster Stoß würde den Bären in die Knie zwingen. Außer Atem hob Kilian die Klinge über seinen Kopf, aber der Bär sammelte seine Kräfte, bäumte sich auf, stieg hoch, und wieder fiel Draco von seinem Rücken.
Mit letzter Kraft riss der Bär an seinen Fesseln, und die letzte Liane riss.
Draco hielt den Atem an, denn der Bär fiel auf die Läufe zurück, und jetzt nahm er Anlauf. Kilian hatte gezögert, war erschrocken gewesen, von der schieren Größe, und bevor Draco schreien konnte, schnaubte das Tier, und Kilian wich blind zurück, bis er unsanft gegen den nächsten Baum stieß. Der Bär rannte los, stoppte vor seinem Sohn, ging in die Höhe, und Draco sah die silberne Klinge im Sonnenaufgang blitzen, als Kilian sie mit einem Schrei vorantrieb.
Und er traf! Er traf die Lunge, denn der Schrei des Bären war beinahe tonlos. Und Kilian hatte eine solche Wucht drauf, dass der Bär taumelte und nach hinten stürzte. Sein Sohn folgte, stand praktisch auf der massiven Brust des Tiers, als er mit einem wilden Schrei das Schwert bis zum Anschlag durch den Körper des Bären bohrte.
Draco stützte sich schwer atmend auf den Knien ab, den Kopf gehoben, und er sah zu, wie der Bär sich unter Qualen wand. Kilian kniete über dem Bären, hielt die schwachen Versuche des Tiers aus, nach ihm zu schlagen, und dann sanken die Pranken des Bären, der Kopf fiel zurück, und die letzten Atemzüge ging rasselnd und schwer.
Kilian sprang von seiner Brust, wich mit zitternden Schritten zurück, und dann schloss der Bär die Augen. Sein Kiefer klappte auf, und reglos verharrten sie, warteten, aber… nichts weiter geschah.
Der Bär öffnete die Augen nicht mehr.
Draco atmete erleichtert aus, und Kilian fiel auf die Knie. Draco kam zu ihm, bückte sich neben ihn und zog ihn in seine Arme. Kilian starrte blind nach vorne auf das tote Biest, und sein Atem ging flach, während er in seinen Armen zitterte.
„Gut gemacht", flüsterte Draco anerkennend. „Wirklich gut", wiederholte er, und Kilian nickte starr. Sie saßen eine ganze Weile nebeneinander, und Draco hielt seinen Sohn, bis sich dessen Atem wieder beruhigte.
Die Sonne erhob sich über den alten Bäumen, tauchte den Dschungel in grünes Licht, und die schreckliche Gefahr war besiegt.
Es war das erste Mal, dass er wirklich gerne in der Höhle schlafen wollte. Aurora war beleidigt gewesen, aber Kilian kam es vor, als wäre er über die Hütte hinaus gewachsen. Ihm war nicht nach der Sicherheit der vier Wände zumute. Er wollte die Natur spüren, vor dem Feuer sitzen, sich eins fühlen mit der Welt.
Sein Dad leistete ihm Gesellschaft, stach zufrieden in die Glut, während der alte Affe neben ihnen eingeschlafen war. So hatte sein Vater früher gelebt. In einer Höhle, vor dem Feuer, mit seinem Affen. Es war nett. Es gefiel Kilian letztendlich mehr als er jemals angenommen hätte. Er aß den letzten Bissen der Torte, die seine Mutter zur Feier gebacken hatte, und es war wirklich selten. Scorpius hatte noch keine Geburtstagstorte bekommen, denn sie hatten nur noch wenige Zutaten für solch ein Fest. Deshalb war es eine besondere Ehre, wusste er. Die meisten Stücke hatte natürlich Scorpius gegessen, denn für ihn war der Geschmack gänzlich neu gewesen. Kilian hatte seiner Schwester den Kampf gleich viermal schildern müssen, und sie war sehr aufgeregt zu Bett gegangen, hatte gegen ihr Kissen gekämpft, und morgen würde Dad ihr ihren Zauberstab herstellen.
Er fühlte sich seinem Vater so nahe, wie noch nie zuvor. Und er hatte das eigenartige Gefühl, dass er… erwachsen wurde. Er wusste nicht, ob man es so beschreiben konnte, aber… ihm kam es so vor. Und deshalb sprach er. Deshalb sagte er es, gab sein Geheimnis auf.
„Dad", begann er still, und sein Vater sah ihn an. Die Sterne strahlten über ihnen, und fast kam es ihm so vor, als würde er die Insel verraten. Aber er sagte die Worte trotzdem. „Ich… werde die Insel verlassen." So sicher, wie er gerne hätte, verließen die Worte seinen Mund aber nicht, und fast sorgenvoll sah er seinen Vater an. Dieser erwiderte den Blick, ohne jede Wertung, ohne einen Ausdruck.
Und dann umspielte ein trauriges Lächeln die Mundwinkel seines Vaters, als er sprach.
„Ich weiß."
